Eingepfercht in der Straßenbahn, Gedränge und Geschubse, jeder ist mit irgendwas beschäftigt, am häufisten mit Handys. Neben mir wird telefoniert, da vorne tippt ein junges Mädchen selbst im Gehen noch SMS und ein Drittel des Waggons trägt Knöpfe im Ohr und MP3-Player um den Hals. Stoisch nimmt jeder seinen Platz für sich ein, im eigenen kleinen Universum eingelullt, an technischen Spielzeugen hängend, doch dort, in der Ecke steht ein Mann mit einem Buch in der Hand. Bücher in der Straßenbahn zu sehen ist kurioserweiser noch nicht unbedingt selten, trotz all der Handys, aber in der Straßenbahn jemanden die Tora auf Hebräisch lesen zu sehen, schon.
Mit meiner früheren Chefin C. gerate ich in einen Streit, weil ich es wage, irgendetwas an der Arbeit oder den Zuständen im Büro zu kritisieren. C. findet das unmöglich von mir, was mich erst recht wütend macht, da ich nicht verstehe, wieso man nichts sagen darf und immer so tun muß, alles wäre alles in bester Ordnung und man selbst mit allem einverstanden. C. findet, daß ich mich nicht hinnehmbar aufführe und bestimmt, daß ich zur Strafe zu einer festgesetzten Zeit bei ihr im Büro erscheinen soll, um mich bei ihr zu entschuldigen. Ich reagiere darauf zunächst mit Bemerkungen wie "Kindergarten" und bin so in Rage, daß ich daran denke, den Arbeitsplatz auf der Stelle zu verlassen. Ich springe auch tatsächlich auf und tue so, als würde ich alles hinschmeißen und gehen wollen, doch mir wird klar, daß ich dann wohl nicht mehr wiederzukommen brauche. Will ich das? Diese Vorstellung jagt mir Angst ein, ebenso wie die Vermutung, bei meiner Chefin wegen dieser Sache jetzt ganz unten durch zu sein. Ich beschließe deshalb, meinen Ärger hinunterzuschlucken und mich gehorsam zu entschuldigen. Leider bin ich so in Arbeit eingespannt, daß ich kaum eine Minute Zeit habe, um mich loszueisen. Erst suche ich zwei Klienten, die ich abfange bevor sie einen Sitzungssaal betreten, um ihnen zu sagen, daß beim Jugendamt Vormundschaftsakten existieren. Diese Mitteilung scheint wichtig zu sein, wenn mir auch nicht ganz klar ist, weshalb. Dann muß ich einem älteren Herrn versprechen, daß er mich in einer Stunde noch einmal anrufen kann, was ebenfalls wichtig zu sein scheint. Im Hinterkopf habe ich zwar den Termin bei der Chefin, aber ich komme hier irgendwie nicht weg und ich kann ja die Leute auch nicht einfach sitzen und warten lassen.
Bevor ich mich versehe, ist der Zeitpunkt auch schon verstrichen und ich voller Gewissensbisse und Befürchtungen. C. muß doch eigentlich gewußt haben, daß ich hier nicht weg kann, oder bekommt sie von der Basis schon gar nichts mehr mit? Doch ich bekomme eine zweite Chance. Meine Chefin bestimmt einen anderen Termin, an dem ich bei ihr erscheinen und mich entschuldigen soll. Ich nehme mir ganz fest vor, diesen einzuhalten, aber es ist genauso wie beim ersten Mal - ich finde vor lauter Arbeit und Hektik keine Möglichkeit, diesen Termin einzuhalten. Das wird sie mir sicher nicht mehr verzeihen, sondern es als Rebellion auffassen. Auch weiß ich nicht, wie ich ihr glaubhaft erklären könnte, daß es nicht an mir lag. Wahrscheinlich wird sie mir nicht glauben, sondern denken, ich will mich herausreden und meutern.
Meine Anspannung ist jetzt so groß, daß ich meinen Kummer unbedingt loswerden muß und auf eine Kollegin einrede. Diese geht mit mir ein Stückchen auf dem Heimweg zusammen und ich werde immer panischer und lauter, habe mich vor Aufregung kaum noch unter Kontrolle. Sie hört sich die Situation an und scheint auf meiner Seite zu stehen. Über die Chefin und ihre Forderung schüttelt sie nur den Kopf, allerdings meint sie auch, daß ich, wenn ich diese Termine nun eh versäumt habe, nicht versuchen sollte, das irgendwie zu erklären. Stattdessen sollte ich, wenn es sowieso passiert ist, das als beabsichtigte Meuterei ausgeben. Das hätte mehr Würde und auch einen gewissen Sinn. Kann ich das machen? Einfach so tun, als würde ich rebellieren? Meine Chefin würde mich in der Luft zerreißen und sich sonst etwas ausdenken. Ich würde keine Sonne mehr in meinem Job sehen. Vollkommen panisch und schwer atmend wache ich auf.
Nachdem ich erneut eingeschlafen war, wurden die Träume nicht besser. Ich war schwer krank und lag in einem Krankenhausbett, anscheinend pflegebedürftig, vielleicht durch einen Schlaganfall. Schmerzen hatte ich keine, war aber bewegungsunfähig. Die ehemalige Mitschülerin C. S. besucht mich an meinem Bett und beginnt mich auch noch zu füttern. Irgendwie erstaunt es mich ja, daß sie sich so um mich kümmert, zumal wir kaum miteinander geredet haben. Allerdings befürchte ich, daß sie den anderen Mitschülern erzählt, was mit mir los ist, und dann alle herkommen. Oh Gott, und ich kann noch nicht einmal flüchten!!! Uranus schwebt als Gedanke im Raum.
Bemerkung: Da erträgt man Geiselnahmen, Schießereien, Weltuntergänge, Vampire, Maschinenmonster und Mutationen ohne mit der Wimper zu zucken, aber bei so einem Traum ist man völlig von der Rolle. Der Traum hat ein schlechtes Gefühl den ganzen Tag lang zurückgelassen.
Mein Herz klopfte, als ich die Klingel an der gegenüberliegenden Tür betätigte. Vorsichtig öffnete sich diese und Herr Luchterhand schaute mich groß über seine Brillengläser hinweg an.
„Du? Daß man dich noch einmal sieht. Ich dachte schon, du wärst bereits ganz ausgezogen.“
bemerkte er schüchtern lächelnd.
„Mehr oder weniger ist es so. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich mit dir sprechen wollte.“
„Worüber denn?“
„Das wird länger dauern. Läßt du mich rein?“
„Ähm.....na gut.“ Seine graumelierten Locken oberhalb der Schläfen wippten leise.
Anscheinend hatte ich ihn beim Experimentieren mit Bratkartoffeln gestört, denn durch die Küchentür erhaschte ich einen Blick auf verschiedene Flaschen und Töpfe, in denen sich Öl, Schmalz und Gewürze befanden und die ziemlich wild auf einem großen Tisch herumstanden, dazwischen einige verstreute ungeschälte Kartoffeln. Ich konnte den Duft von Romarin und Kümmel identifizieren.
Er bot mir wieder einen Platz auf seiner unbequemen Couch an, jedoch ohne mich auf extra Kissen hinzuweisen. Da ich es mir sowieso nicht zu gemütlich machen wollte, beugte ich mich nach vorne und stützte meine Ellenbogen auf die Knie. Die Matroschkas in der Vitrine gegenüber lächelten mich pausbäckig an. Ich wusste nicht, wie beginnen und ein verlegenes Schweigen entstand. Klaus Luchterhand hatte sich auf einen Sessel gesetzt, der direkt mit dem Rücken vor dem Fenster stand, so dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte. Die Kontur seines Kopfes hob sich scherenschnittartig vom hellen Hintergrund ab. Trotzdem spürte ich, dass er sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte, was vielleicht den überraschenden Umständen meines Besuches zu danken war.
„Ich habe da etwas gefunden, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht und wozu ich dich etwas fragen möchte.“
Er nickte, sprang dann aber plötzlich auf, um mir eine Tasse Tee anzubieten. Ich schüttelte dankend den Kopf und er setzte sich wieder.
„Und zwar sah ich eine alte Zeitung, in der ich dein Foto erkannte.“
Er nickte, es schien ihm peinlich zu sein, aber er unterbrach mich trotzdem.
„Ja, ich vermute du meinst die Sache mit dem Einbruch.“ Seine Stimme klang gespannt.
„Genau. Du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als ich das las. Ich hätte dir das niemals zugetraut und deshalb würde ich gerne ein wenig mehr über deine Motive und den Ablauf wissen wollen. Denn es gibt da einen Zusammenhang, einen Zufall, der mich noch um vieles mehr verwundert und ich glaube, du weißt, was ich meine.“
Vorsichtig tastete ich die Wirkung meiner Worte ab. Da sein Gesicht fast im Dunkeln lag, konnte ich nicht viel Regung erkennen.
Er nickte abermals: „Es stimmt, ich habe wegen versuchtem Einbruch gesessen.“ , ließ mich aber im Ungewissen, ob er meine Andeutungen verstanden hatte.
Ich wurde direkter: „In diesen Träumen mit der Frau, Sophie Alexejewna, hörte ich immer etwas von Zarengold. Nun sage ich dir bestimmt nichts neues, wenn ich dir anvertraue, dass genau dort wo du einbrechen wolltest, auf der Taubeninsel, noch die Reste eines Piratenschatzes aufbewahrt werden.“
Ich wartete, aber als keine Antwort kam, fuhr ich zögernd fort:
„Jetzt frage ich mich, ob meine Träume etwas mit diesem Einbruch zu tun haben.“
Und hastig versicherte ich: „ Ich weiß, das klingt blöd, aber ich habe Sachen aus dem Schatz gesehen. Es sind russische Münzen dabei.“
Ich spürte, wie er aufmerkte. „Tatsächlich?“ wollte er wissen und fragte mich nach allen Einzelheiten über meinen Aufenthalt aus. Ich beantwortete die Fragen, bis auf solche, die zu einem neuerlichen Einbruch missbraucht werden konnten. Er hörte interessiert zu, merkte aber sofort, dass ich ihm misstraute und mich deshalb zurückhielt.
„Nur keine Angst“ sagte er deshalb, „heute würde ich so einen Einbruch nicht noch einmal versuchen.“
„Warum hast du es damals getan?“
Statt einer Antwort kam ein tiefer Seufzer.
„Sag es mir – bitte. Ich will verstehen, was hier vor sich geht.“
„Ich weiß doch auch nicht, was hier vor sich geht. Es ist, als lebe ich seit Jahren in einem Traum, dessen Anfang mir irgendwo mittendrin verlorengegangen ist.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, erst verschwindet meine Freundin spurlos und dann passieren dauernd so merkwürdige Dinge, nicht mir, aber anderen, die mich an sie erinnern, als würde sie noch da sein, unsichtbar in den Räumen der anderen Wohnung.“
„Meinst du das in meinen Träumen war deine Freundin? Sie nannte sich eindeutig Sophie Alexejewna.“
„Ich weiß nicht. Aber ich hatte, denke ich, schon einmal erwähnt, dass sie sich für Sophie Alexejewna hielt und sich selbst manchmal so nannte.“
„Aber warum ist sie dann in meinen Träumen und nicht in deinen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Bitte erzähl mir vom Einbruch.“
Er seufzte abermals. „Es ist eine unendlich lange Geschichte und schon ewig her. Ich finde, wir sollten das auf ein anderes Mal verschieben. Ich muß heute noch weg.“
„Wie du möchtest.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Montag und ich stand schon in der Tür, als mir etwas einfiel.
„Eine Frage noch – wie hieß der Nachbar, der vor mir in meiner Wohnung wohnte?“
Er überlegte. „Ich glaube, sein Name war Müller. Jedenfalls so ein sehr häufiger Name. Und mit Vornamen hieß er Hermann.“
„Danke dir.“ meinte ich und stieg etwas enttäuscht, ohne es mir anmerken zu lassen, die Treppen hinunter. Nun würde ich noch einmal fast eine Woche warten müssen.
Routinemäßig öffnete ich den Briefkasten, aber er war leer. Neda hatte mir bereits alles an Post mitgebracht.
Heute kam mir die spontane Idee für ein besonderes Geburtstagsgeschenk für meine Mutter, nämlich ein persönlicher Druck meiner lustigsten und merkwürdigsten Träume zu unserer Familie und meiner Kindheit. Auch wenn die Träume sonst niemanden interessieren, meine Mutter interessieren sie garantiert, da sie ja auch oft darin vorkommt. Ich setzte mich also mit dem Notebook auf den Balkon und beschloß, schon einmal anzufangen und vorzusortieren. Dabei vertiefte ich mich so in meine nächtlichen Abenteuer, daß ich eben auf die Uhr schaute und schwupps - sind zwei Stunden vorbei und ich habe nur gestaunt. Jetzt weiß ich mal wieder, wozu ich das eigentlich alles aufschreibe. Mit dem Geburtstagsgeschenk bin ich allerdings immer noch nicht weiter.