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Freitag, 27. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 76

Als ich zum Wagen kam, war niemand dort. Robert fand ich in der Kneipe an der Ecke. Sie hieß „Zu den drei Linden“, aber die drei Linden davor waren kahl und kaum als solche zu erkennen. Robert hatte sich ein Bier bestellt und ich tat es ihm gleich. Ich erzählte ihm, wie das Gespräch verlaufen war und dass ich in der nächsten Woche erneut eine Verabredung hätte. Er runzelte die Stirn, sagte aber nichts, während er seinen Terminplaner zückte und sich den Nachmittag des Tages dick einkreiste. Ich berichtete ihm ebenfalls über das ungute Gefühl, das ich in meiner alten Wohnung hatte, und er entschied, dass es Zeit wäre, meine restlichen Sachen daraus zu holen. Er bot mir an, das wichtigste sofort mit dem Wagen mitzunehmen. Die Möbel, die ich behalten wolle, könnten eingelagert werden. Er würde dafür zwei Männer schicken, die sich auch um die Übergabe der Wohnung an den Vermieter kümmern würden. Malermäßig war das nicht zu leisten, da jeder Anstrich nur bis zur nächsten Nacht hielt. Erleichtert darüber, mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, sagte ich zu.
Irgendwie war mir trotzdem etwas seltsam zumute, denn sobald die Wohnung zurückgegeben war, hatte ich kein eigenes Zuhause mehr. Aber ich wusste, dass ich, so lange es mir beliebte, auf der Insel bleiben konnte. Würde das nicht mehr der Fall sein, müsste ich ganz von vorne beginnen, aber irgendwie fand ich das aufregend. Die positive Spannung und Erleichterung überwog derart, dass ich nicht mehr groß darüber nachdachte. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, stiegen wir deshalb noch einmal gemeinsam die Treppen zu meinem Horrorladen hinauf, wie ich die Räumlichkeiten scherzhaft nannte. In der Wohnung angekommen, räumten wir alles, was übrig war und mit uns kommen sollte, in die zahlreichen Plastiktüten, die ich glücklicherweise aufgehoben hatte. Mit einem kleinen Klebezettel markierte ich die Möbel und größeren Dinge, welche ich behalten wollte, die aber heute nicht mitgenommen werden konnten. Darum würden sich dann andere kümmern. Nach einer Stunde war der Wagen voll beladen.

Da wir nun schon einmal in der Stadt waren, sollte die Gelegenheit noch für andere Erledigungen genutzt werden. Zuerst hielten wir bei meinem Büro. Robert wartete wieder im Wagen. Ich wollte nicht, dass die Hühner in meiner Abteilung zu viel Stoff zum Spekulieren bekamen. Durch die vertrauten Flure gehend, redete ich ein paar Worte mit diesen und jenen Kollegen, die ich traf, und ging geradewegs in das Büro des Abteilungsleiters. Dieser hatte gerade seine Hand auf dem Hintern der untergeordneten Teamleiterin zu liegen, was ich dezent übersah, aber als er mich erblickte, wandte er sich mir strahlend zu. Allerdings verdüsterte sich sein Gesicht bald, als ich erklärte, weshalb ich da war. Die Verhandlungen waren unerfreulich, doch er musste einsehen, dass so schnell nicht mit mir zu rechnen war. Mein unbezahlter Sonderurlaub wurde ausreichend verlängert, so dass ich mich voll und ganz der neuen Aufgabe widmen konnte, die mir Onkel Albert übertragen hatte. Und ich hoffte, dass dieser trotz seines betagten Alters noch einige Jahre durchhalten würde, um diese Aufgabe unbehelligt und abgesichert abschließen zu können. Insgeheim formulierte ich außerdem schon an den ersten Sätzen für einen Roman über meine Erlebnisse, obwohl ich die Bemerkung im Turmzimmer nur aus Scherz gemacht hatte. Aus Scherz war schnell Ernst geworden, aber Sorgen bereitete mir, dass ich noch kein vernünftiges Ende für die Geschichte hatte. Eine Heldin, die aus ihrer Wohnung auf eine Insel flieht, ist zum einen keine Heldin und zum anderen nicht sehr formatfüllend.

Der letzte Punkt im Programm war ein Besuch bei meiner Freundin Christine, welche inzwischen von ihrer Tournee nach Hause zurückgekehrt war. Sie öffnete uns gutgelaunt und bat uns statt in das Wohnzimmer in ihre weinrote Küche, wo sie eine Kanne voll Eistee auf den Tisch stellte und ihn in funkelnde hohe Gläser eingoß. Dabei bemerkte ich, wie sie Robert heimlich, aber aufmerksam musterte, denn sie hatte ihn ja noch nicht persönlich kennengelernt. Sie erzählte viel über ihre Erlebnisse auf der Tournee, fragte aber mit keinem Wort, wie es bei mir weitergegangen war. Mir war klar, dass sie das tat, weil sie nicht wusste, inwieweit Robert über die Situation in Kenntnis war und sie keinesfalls indiskret sein wollte. Ich fand es sehr angenehm, einmal nicht darüber zu reden, sondern nur ihren lustigen Erzählungen zu lauschen und mit ihr gemeinsam zu lachen - über komische Situationen, Menschen und manchmal auch über rein gar nichts. Ihre kleinen Lachfältchen an den Augen wurden mir dann noch sympathischer. Ich lud sie mit Roberts Einverständnis ein, uns doch einmal eine Woche lang auf der Taubeninsel zu besuchen und sie war Feuer und Flamme.
„Wenn ich morgen nicht diesen wichtigen Termin hätte, würde ich sofort mitkommen.“ sagte sie bedauernd. Es war bereits dunkel, als wir mit dem Auto das Ufer der Spree erreichten. Rudi, der Fährmann, half uns, das viele Gepäck auf das Boot zu schaffen. Wieder auf der Insel wurde das, was wir nicht tragen konnten, in einem kleinen überdachten Schuppen am Ufer untergebracht, wo es später von jemanden mit einem Wagen ins Haus geschafft werden würde.

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weltentanz - 2008/12/04 00:04
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