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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil I)

Scully rekelte sich in ihrer antiken Badewanne.
Sie hatte einen langen Arbeitstag hinter sich und genoss es zu spüren, wie das warme Wasser die Verspannungen löste, welche sich bei der Tätigkeit am Schreibtisch in ihrem Körper festgesetzt hatten. Vor einer Woche hatte sie sich an die Aufgabe gemacht, die Ermittlungsergebnisse der alten X-Akten-Fälle auf den neuesten Stand zu bringen. Routinearbeit also. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Ich sollte Mutter anrufen, dachte sie. Aber das hat auch Zeit bis morgen.

Mittags war sie von Direktor Skinner in sein Büro gerufen worden. Seit sein Büro mit einer neuen Ledercouchgarnitur ausgestattet worden war, roch es dort penetrant nach Leder und Zigarrenqualm. Scully rümpfte die Nase.
Es gab einen neuen Fall. Er hatte die Zeitung auf den Tisch gelegt und sie gebeten einen Artikel zu lesen. Ein 52jähriger Farmer wurde vermisst. Er war mit ca. 20 Leuten zur Maisernte auf einem seiner Felder gewesen. Als der Mais abgeerntet war, stellten die anderen fest, dass er fehlte. Sie dachten, er wäre nach Hause gegangen. Dort war er aber nicht aufgetaucht und er blieb spurlos verschwunden bis zum heutigen Tag.

"Schaffen Sie das allein, Scully? Oder soll ich ihnen eine Vertretung für ihren Kollegen zur Seite stellen?" erkundigte sich Skinner.

Ihr Kollege, mit dem sie zusammenarbeitete, weilte zur Zeit auf den Bahamas. Er hatte Urlaub, der Glückliche. Ja, auch FBI-Agenten brauchen ab und an mal Ferien.

"Ich komme schon klar." antwortete sie schnell. Der Fall erschien ihr nicht schwierig. Sie hatte noch nie gehört, dass jemand absolut spurlos verschwindet. Es musste dafür eine plausible Erklärung geben. Ein Verbrechen vielleicht - Entführung oder Mord. Eventuell hat er auch sein bisheriges Leben satt gehabt und sich auf und davon gemacht. Und wenn bisher keine Spuren gefunden worden waren, lag es wohl daran, dass die Einsatzkräfte des Sheriffs schlechte Arbeit geleistet hatten. Das kannte sie ja nun schon von diesen kleinen Orten, in denen die Polizeiwache ein Familienbetrieb war.

Die Müdigkeit übermannte sie immer stärker. Es war Zeit ins Bett zu gehen. Trotzdem blieb sie noch etwas im warmen Wasser liegen und beobachtete ihren Schatten an der Wand, der im Kerzenlicht unnatürlich groß erschien.

Morgen würde sie nach Lake Hermond fahren und eine ausgedehnte Suchaktion mit geschulten Leuten einleiten. Diese würden neuerlich nach noch vorhandenen Spuren und nach J.R. Richards, tot oder lebendig, Ausschau halten. So hieß der Farmer.

Mit einem energischen Ruck stieg sie aus der Wanne und wickelte sich in ihr vorgewärmtes Badetuch.


Als Scully ins Schlafzimmer kam, hörte sie ein leise schepperndes Geräusch. Da, noch einmal...
Jemand warf kleine Steine gegen die Glasscheiben. Vorsichtig lugte sie hinaus. Mulder! Er stand völlig zerzaust vor ihrer Wohnung. Seit er nicht mehr fürs FBI tätig war, verwahrloste er immer mehr.

Schnell riss sie das Fenster auf. "Mulder, was machen Sie denn da draußen? Ich habe eine Tür und auch eine Klingel dazu."

"Also darauf wäre ich von alleine gar nicht gekommen." Sein spitzbübiges Lachen war dasselbe geblieben.

"Warum benutzen Sie sie dann nicht?"

"Weil Sie ihre Türklingel so gerne zu ignorieren pflegen." antwortete er schnippisch.

Stimmt. Er hatte recht. Wie gut er sie doch schon kannte! Hätte er an der Tür geklingelt, hätte sie sich keinen Zentimeter dort hinbewegt. Nicht um diese Uhrzeit...

"Kommen Sie hoch." sagte sie schmunzelnd.

Als er vor ihr stand, konnte sie ihn genauer begutachten. Sie hatte schon einige Wochen nichts mehr von ihm gehört. Wusste nur, dass er weiter auf der Suche nach seiner Schwester war. Seine Klamotten sahen aus, als seien sie ewig nicht gewaschen worden und auch er selbst wirkte so, als ob er schon eine Weile kein Wasser mehr gesehen hätte. Sie mochte gar nicht an seine Wohnung denken. Wie es dort wohl aussah?

"Mulder! Was machen Sie denn? Wie sehen Sie aus?"

"Nur keine Panik. Mir geht’s gut."

"Am liebsten würde ich Sie mitsamt ihrer Kleidung in meine Waschmaschine stecken!"

"Hm, das würde mir wohl nicht so gut bekommen." sagte er schelmisch und seine Augen blitzten. "Aber wenn ich hinterher Ihr Badetuch bekommen könnte...."

Sie bemerkte, wie er sie von Kopf bis Fuß musterte und strich sich schnell ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht.

"Was gibt es denn?" fragte sie betont sachlich.

"Haben Sie die Zeitung gelesen? Es ist jemand verschwunden."

"Mulder, nicht jeder, der verschwindet, wurde von einem Ufo entführt." antwortete sie amüsiert.

"Also immer noch die Zweiflerin?"

"Unsinn. Ich habe während meiner Arbeit mit Ihnen viel gesehen und weiß, dass es Dinge gibt, die sich mit den Naturwissenschaften nicht erklären lassen. Aber bevor man solche Theorien aufstellt, sollte man doch erst einmal die Fakten prüfen." sagte sie verärgert und nestelte an ihrem Badetuch.

"Wie recht Sie haben! Also lassen Sie sie uns prüfen."

"Mulder, das ist mein neuer Fall und Sie haben dabei nichts zu suchen. Skinner bekommt einen Tobsuchtsanfall, wenn er das erfährt."

"Wie wäre es, wenn ich Sie privat begleite? Dagegen werden Sie doch nichts einzuwenden haben?"

Nein, eigentlich hatte sie nichts dagegen. Und verbieten konnte es ihm schließlich keiner, dass er dorthin fuhr, ob mit oder ohne sie.

"Also gut...", antwortete sie ungewollt barsch. "Seien Sie morgen pünktlich um 8 Uhr an unserem alten Treffpunkt. Ich hole Sie ab. Und jetzt verschwinden Sie...........ähm, achso.....eh ich es vergesse: Ich ziehe es vor in sauberer Gesellschaft zu reisen. Also besorgen Sie sich mal ein Stück Seife! Gute Nacht!"

"Zu Befehl" raunte er grinsend, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Scully machte sich ernsthaft Sorgen. Mulder schien an nichts anderes mehr zu denken, als an die Suche nach seiner Schwester. Die Arbeit beim FBI hatte ihm immer noch etwas Halt gegeben. Aber nun schien er abzurutschen und den Halt gänzlich zu verlieren.

Mit diesen kummervollen Gedanken sank sie in ihr Bett und schlief bald darauf ein.

***

Am nächsten Morgen erschien Scully pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt. Mulder war auch schon dort und nicht wiederzuerkennen. Gewaschen, geschniegelt und gebürstet erstrahlte er in neuem Glanz. Ihr zuliebe hatte er es wohl übertrieben, denn als er im Auto neben ihr saß, stieg ihr der Geruch seines Aftershaves etwas zu intensiv in die Nase. Aber gut, damit konnte sie sich abfinden.

Auf der Fahrt nach Lake Hermond war Mulder sehr schweigsam und studierte aufmerksam die Landkarte. Und immer wieder blickte er suchend durch die Autoscheiben auf den bewölkten Himmel.

Nach einer in etwa dreistündigen Fahrt, ließen sie das Orteingangsschild hinter sich und erreichten bald darauf das Motel, wo sie vorerst bleiben würden.

Nachdem sie ihre paar Habseligkeiten in den Zimmern verstaut hatten, machten sie sich auf den Weg zum Büro des Sheriffs. Es lag nur ein paar Schritte vom Motel entfernt. Überhaupt sah es so aus, als ob sie hier keine weiten Wege machen würden müssen, denn Lake Hermond schien ein sehr kleines und verschlafenes Nest zu sein. Es hatte den Namen nach dem See, der in der Nähe des Ortes lag. Die meisten ernährten sich hier wohl von der Landwirtschaft, von ein paar Dienstleistungsunternehmen und Läden abgesehen.

Der Sheriff war ein großer, wohlbeleibter Mann, der sie mit einem dümmlichen Grinsen begrüßte.

"Wieso sind Sie zwei? Mir wurde nur etwas von einem FBI-Agenten gesagt."

"Mr. Mulder begleitet mich. Sie können zu ihm vollstes Vertrauen haben." antwortete Scully.

Glücklicherweise akzeptierte der Sheriff die Antwort und fragte nicht weiter.

Das Büro war spartanisch eingerichtet. Nicht zu vergleichen mit der Ledercouchgarnitur von Direktor Skinner. In der Ecke tropfte ein Kaffeeautomat vor sich hin. Es roch muffig und nach altem Papier. Über dem Schreibtisch des Sheriffs hing ein in süßlichen Farben gemaltes Bild des Lake Hermond mit röhrenden Hirschen.

Sie baten Sheriff Johnson ihnen die Akte des Falles zu übergeben, um sich über die Umstände des Verschwindens ein genaues Bild machen zu können. Als sie in dem schmutzig-braunen Hefter blätterten, erfuhren sie folgendes:

J.R. Richards war ein 52jähriger Farmer, dessen gesamte Familie vor 3 Jahren bei einem Waldbrand, der auf sein damaliges Anwesen übergegriffen hatte, ums Leben gekommen war.
Er lebte seitdem allein auf seinem Hof, hatte 6 Hilfsarbeiter angestellt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Maisanbau. Er litt seit dem furchtbaren Brand unter schweren Depressionen und ging regelmäßig zu einer Therapie. Während seiner Krankheit, magerte er sehr stark ab. Das Foto zeigte einen mindestens wie 60 aussehenden Mann mit grauen Haaren und einem eingefallenen Gesicht.

"Gab es irgendwelche Selbstmordtendenzen zu verzeichnen?" fragte Scully.

Bei Depressionen müsse man mit so etwas immer rechnen, antwortete der Sheriff. Es gäbe aber keine konkreten Vorkommnisse oder Anzeichen, die darauf hingewiesen hätten.

Am Morgen des 02.09. diesen Jahres war J.R. Richards mit seinen Arbeitern und einigen angeheuerten Hilfskräften zur Maisernte auf ein Feld gefahren, das in der Nähe des Lake Hermond lag. Es war ein sehr heißer und sonniger Tag. Richards hatte um die Mittagszeit über eine leichte Schwäche geklagt. Als sich schließlich alle gegen Abend wieder zur Rückfahrt sammelten, fiel auf, dass er nicht anwesend war. Die Arbeiter suchten und riefen nach ihm, als sie aber keinen Erfolg hatten, nahmen sie an, dass er nach Hause gegangen sei. Die Strecke bis zu seinem Hof war nicht weit und auch zu Fuß in ca. 20 Minuten zu schaffen.
Bobby Lindsey, einer seiner Hilfsarbeiter, hatte ihn das letzte mal um ca. 14.30 Uhr gesehen. Die Arbeiter fuhren zurück, erreichten sein Anwesen und suchten dort nach ihm.
Sie machten sich Sorgen und benachrichtigten schließlich den Sheriff, als er auch in seinem Haus, das er niemals abschloss, nicht aufzufinden war. Zusammen suchten sie erst den Ort ab, inklusive aller Pubs und gingen dann die Strecke von seinem Hof bis zum abgeernteten Maisfeld entlang. Es war keine Spur und kein Hinweis zu finden. Die Suchaktion wurde schließlich mit Verstärkung im übrigen Gelände fortgesetzt. Ohne Erfolg.
J.R. Richards war und blieb seit diesem Tag verschwunden und es gab keinerlei Anhaltspunkte, was mit ihm geschehen war.

"Wir würden uns gerne einmal den Ort seines Verschwindens und seinen Hof anschauen, wenn das möglich wäre." Scully schloss die Akte und schaute Johnson fragend an.
"Kein Problem." antwortete dieser mit einem schnellen Blick auf seine Armbanduhr. "Aber mehr als wir werden Sie dort auch nicht finden."

Scully und Mulder erwiderten nichts. Diesen Satz kannten sie schon zu Genüge.

Als sie in den Wagen des Sheriffs stiegen, war der Himmel um einiges dunkler als bei ihrer Ankunft und es begann leicht zu nieseln. Scully fröstelte und schlug den Kragen ihres leichten Sommermantels hoch.

"Oh nein.." flüsterte sie Mulder zu, "wenn es jetzt anfängt zu regnen, dann sind entgültig alle Spuren hinüber." Dieser sagte nichts, aber sein angespanntes Gesicht verriet, dass ihn dieselben Gedanken beschäftigten.

***

Die Fahrt ging aus dem Ort hinaus in eine entlegene Gegend, in der Wald, Koppeln und Maisfelder sich abwechselten.

Sie bogen in einen unbefestigten Sandweg ein und sahen ein Anwesen vor sich liegen, das aus mehreren kleinen Gebäuden bestand.

"Hielt Richards Tiere auf seinem Hof?" fragte Scully. "Er züchtete keine, wenn Sie das meinen. Er hielt nur zwei Pferde und einige Hühner für den Hausgebrauch." versicherte der Sheriff. "Die Tiere wurden inzwischen bei seinem Nachbarn untergebracht, solange bis geklärt ist, ob es sich um Nachlass handelt und wer diesen erhält."

Nachdem sie auf dem Hof geparkt hatten, gingen sie an dem Stall und zwei Scheunen vorbei zum Hauptgebäude. Dieses war zweistöckig, mit einem weißen, inzwischen grau gewordenem Anstrich. Ein schäbiger Holzschemel stand auf der Terrasse, die sich vor dem Eingang befand. Am Geländer der Terrasse waren Blumenkästen befestigt, aus denen verdorrte Stengel herausragten.
Sie betraten einen dunklen Flur und erreichten zuerst die Tür zur Küche. Unabgewaschenes Geschirr stapelte sich in der Spüle. Das Fenster gab den Blick frei auf einen kleinen, aber sehr verwilderten Garten. "Seine Frau hatte hier früher einen kleinen Küchengarten, den er aber seit ihrem Tod hat verkommen lassen." sagte der Sheriff und räusperte sich. "Wirklich tragische Geschichte."
Sie besichtigten nach und nach alle Räume, vom sehr großzügig geschnittenen Wohnzimmer bis zum Dachboden, auf dem sich außer ein Regal und etwas Handwerkszeug nichts befand.
Als sie die Tür zu einem der Zimmer im zweiten Stockwerk betraten, stockte ihnen das Herz. Dieser Raum war wie ein Kinderzimmer eingerichtet und sämtliche Wände waren dicht an dicht mit Kinder- und Familienfotos zugepflastert. Auf dem Boden lagen eine Luftmatratze und eine Decke.
"Er hat diese Zimmer zum Gedenken an seine Familie eingerichtet. Seine beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, waren erst 6 und 9, als sie starben. Seine Frau war 11 Jahre jünger als er." erklärte der Sheriff schnell.
Scully fühlte sich beklommen beim Anblick all dieser lachenden Kindergesichter und Mulder blickte finster auf einen der Teddybären, dem ein Auge fehlte.

Im Schreibtisch des Farmers fanden sie schließlich, außer einigen Rechnungen, eine in Leder gebundene Agenda, die einige Adressen und Termine enthielt. Den letzten Termin hatte er zwei Tage vor dem Verschwinden bei seinem Therapeuten gehabt. Scully nahm das Büchlein an sich.

Nachdem sie noch die Scheunen und den Stall besichtigt hatten, wendeten sie sich wieder in Richtung Auto. Plötzlich fiel Mulder aus dem Augenwinkel eine Gestalt auf, die gegen die Scheunenwand gelehnt stand und sie beobachtete.

"Hey, was machen sie da?" rief er und Scully schreckte zusammen, da sie ihn so lange nichts mehr hatte sagen hören.

Die Gestalt kam auf sie zu und stellte sich als Bobby Lindsey vor, der Arbeiter, der Richards zuletzt gesehen hatte. Lindsey war klein und untersetzt, und seine Augen wirkten merkwürdig dunkel im Kontrast zu seinem schon angegrauten Haar. Er käme ab und zu nach dem Rechten sehen, erklärte er, denn er glaube daran, dass Jack, sein Chef, früher oder später wieder auftauche.
Als sie erwähnten, dass sie aufs Feld hinaus wollten, bot er an, sie zu begleiten. Aber Scully winkte ab. "Halten Sie sich zur Verfügung, falls wir später noch Fragen haben sollten." Er nickte unsicher und verabschiedete sich.

"Ich würde es vorziehen, zu Fuß zu diesem Maisfeld zu laufen." erklärte Mulder.

"Ah, Mulder, sind Sie endlich aufgewacht?" stichelte Scully zwinkernd.

"Ich war noch nie so wach wie jetzt, Scully." antwortete er ernst.

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