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Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil II)

Glücklicherweise hatte der leichte Nieselregen wieder aufgehört und sie gingen einen Pfad entlang, der von der hinteren Seite des Hofes aus durch dichtes Unterholz führte. Nach einer Weile nahm Scully den Geruch von Wasser wahr. Hier in der Nähe musste sich der Lake Hermond befinden. Wenig später sahen sie ihn silbrig-grau durch die Bäume schimmern. Der See schien mit den Wolken zu verschmelzen und in der Ferne konnte man einige Reiher über die Wasserfläche gleiten sehen.

Sie mussten ein kleines Stückchen am Ufer entlang und dann am Gewässer vorbei laufen.
Dieses lag wie ausgestorben vor ihnen. Kein Wunder bei diesem Wetter. Scully dachte mit Bedauern an ihre antike Badewanne. Ein heißer Tee wäre jetzt auch sehr nützlich.

Nachdem sie ein brachliegendes Stück Weideland hinter sich gelassen hatten, befand sich wieder dichter Wald um sie herum. In einiger Entfernung sah Scully jemanden auf sie zukommen, der etwas hinter sich her zog. Als die Gestalt ihnen näher entgegenkam, erkannte sie, dass es eine alte Frau war, die ein kleines Wägelchen mit Gerümpel bei sich hatte.

"Das ist Cat-Cath." hörte sie den Sheriff sagen. "Sie wird von allen Leuten so genannt, weil sie allein mit ihren vielen Katzen in einem Häuschen am Waldrand lebt. Und das, solange hier jeder denken kann." Je näher Cat-Cath herankam, um so besser konnte Scully ihre verwachsene Statur und die struppigen Haare erkennen. Ihre Augen waren so hell, dass sie weniger hellblau sondern fast schon weiß erschienen und der Blick hatte etwas seltsam stechendes.

Als sie auf gleicher Höhe waren, schaute die Alte Scully direkt ins Gesicht und murmelte mit
ihrer verbrauchten Stimme: "Nehmt euch vor eurem Schatten in acht! Hörst du? Nehmt euch vor eurem Schatten in acht!"

"Was meinen Sie damit?" fragte Scully, aber die Alte reagierte nicht und lief murmelnd an ihr vorbei. Ehe Scully ihr hinterher konnte, packte der Sheriff die Agentin am Arm und zog sie weiter.
"Sie meint nichts damit." raunte er ihr beschwörend zu. "Sie ist nur etwas wunderlich im Kopf. Wie alte Leute eben manchmal so sind. Und das Phänomen erschreckt sie wahrscheinlich."

"Was für ein Phänomen?" Scully zog die Augenbraue hoch. Auch Mulder musterte interessiert den Sheriff.

"Achso, das konnten sie natürlich noch nicht bemerken bei diesem Wetter." setzte der Sheriff verlegen an. "Ja also, bei uns in der Gegend gibt es da so ein Phänomen, nämlich dass die Schatten, auch bei nur einer einzigen Lichtquelle, in unterschiedliche Richtungen zeigen können und manchmal ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legen. Die meisten Theorien gehen davon aus, dass es sich dabei um eine besondere Art der Lichtbrechung über unserem Gebiet handelt, aber niemand weiß es genau. Aus diesem Grund haben wir auch immer wieder jede Menge Leute im Ort, die irgendwelche Messungen und Beobachtungen anstellen."

Scully schaute skeptisch durch das Blätterdach in den grauen Himmel. So etwas hatte sie noch nie gehört. Sie schnappte auf, wie Mulder den Sheriff fragte, um was für eine Lichtbrechung es gehen soll, aber dieser konnte ihm darauf keine weiteren Antworten geben.
Na gut, dachte sie zweifelnd, wir sind schließlich nicht hier, um Schatten zu jagen und gefährlich hört sich das nicht gerade an.

Sie erreichten das Maisfeld und machten sich an die Arbeit, es nach Spuren abzusuchen. Dafür teilten sie es in je zwei Hälften auf und Mulder war bald konzentriert dabei, auf den Boden zu spähen. Scully wusste, was er suchte, aber wusste auch, dass er DAS nicht finden würde. Dieses sagte ihr der Instinkt und ihr Instinkt war im allgemeinen gut.

Nach einer Stunde hatten sie die gesamte Fläche durchkämmt, aber bis auf ein weggeworfenes Papiertaschentuch und eine leere Cola-Dose nichts gefunden. Keine Kampfspuren, keine Körperteile, keine Gegenstände und auch keine UFO-Spuren. Nicht mal ein bisschen aufgewühlte Erde oder angesengtes Gras.

Der Fall versprach wirklich schwieriger zu werden als erwartet.

Als Scully und Mulder wieder das Motel erreichten, brach die Dunkelheit schon herein.
Scully packte schnell ihren Laptop aus und mit einigen, geübten Handbewegungen hatte sie den Einsatzbefehl für den nächsten Tag gegeben. Truppen mit Spürhunden würden noch einmal die gesamte Gegend durchstreifen. Das Papiertaschentuch und die Cola-Dose würde sie morgen an das FBI-Labor übersenden. Nur um sicher zu gehen, dass sie nichts übersahen.

"So, das war meine letzte Amtshandlung für heute. Was ist? Gehen wir was essen?" Scully lehnte sich zurück und sah Mulder erwartungsvoll an, der gerade verzweifelt versuchte, in seinem Koffer etwas zu finden. Er gab schließlich resigniert auf und sie machten sich auf den Weg zu "Pamela's Palace". Das war in Wirklichkeit kein Palast, sondern ein kleiner Pub, aber dafür sollte es hier köstliche Omeletts geben. Hatte zumindest der Sheriff behauptet.
Sie traten ein und sahen ein einfaches, aber gemütliches Ambiente in dunklem Nussbaumholz vor sich. Trotz dieser gemütlichen Atmosphäre und den wenigen Leuten bemerkte Scully eine gewisse Unruhe im Raum. Diese ging jedoch nicht von den Menschen aus, sondern von etwas anderem. Es war wie ein kaum wahrnehmbares Flackern auf dem Bildschirm.

Sie setzten sich an einen Tisch, der in der Nähe des Fensters stand und bestellten die Spezialität des Hauses - Omeletts mit frischen Pfifferlingen und saurer Sahne.
Diese waren in der Tat köstlich, aber das merkwürdige Flackern vor Scullys Augen machte keine Anstalten aufzuhören. "Mulder, sehen Sie auch etwas....ähm, das sich bewegt vor ihren Augen?"
"Was meinen Sie, Scully?" fragte Mulder mit verzücktem Gesicht und ohne den Blick von seinem Omelett abzuwenden.
"Nichts. Schon gut." Wahrscheinlich hatte sie sich etwas überanstrengt und ihr Kreislauf spielte jetzt verrückt. Es würde schon vorüber gehen.

Die Wirtin, eine attraktive Blondine, die viel älter sein musste, als sie aussah, servierte ihnen zum Nachtisch einen warmen Apfelkuchen mit Zimt, der auch nicht zu verachten war.
"Sie sind bestimmt vom FBI. Stimmts?" plapperte sie los. "Der Sheriff hat erzählt, dass da jemand kommen soll. Komische Geschichte das. Ich kannte Richards auch, so wie jeder hier im Ort. Er kam manchmal runter, um hier einen über den Durst zu trinken. Man musste aufpassen, dass er es nicht übertrieb. Die Leute erzählen, seine Frau und seine Kinder hätten ihn geholt." Pamela, so hieß die Wirtin, sah nicht nur aus wie eine Plaudertasche, sondern war auch eine.

"Wieso erzählen die Leute sowas?" wollte Mulder wissen.

"Es gibt da so ein Gerücht, dass er mitschuldig daran war, das seine Familie im Feuer umgekommen sei. Aber genaueres weiß niemand."

"Wieso sollte er daran schuld gewesen sein?" hakte Mulder nach. "Soweit ich gehört habe, war es ein Waldbrand."

"Ich sagte doch, dass ich nichts genaueres weiß." meinte die Wirtin schnippisch und verschwand wieder hinter den Tresen.

Inzwischen konnte man durch das Fenster nur noch undurchdringliche Dunkelheit beobachten.
Einige Lichter mehr wurden im Pub angemacht und Scully meinte eine verstärkte Unruhe wahrzunehmen. Schatten schienen vor ihren Augen zu tanzen und auch hinter sich nahm sie Bewegungen wahr. Ihre Lider waren wie Blei und sie hatte Mühe, sie offen zu halten. Anscheinend war sie so müde, dass sie halluzinierte. Sie drängte deshalb Mulder aufzubrechen und kurz darauf waren sie wieder auf ihrem Zimmer im Motel.

Es war nichts ungewöhnliches für beide, dass sie zusammen ein Zimmer teilten. Während ihrer gemeinsamen Arbeit beim FBI hatten sie das oft getan, so dass sich ein unausgesprochener Codex zwischen ihnen eingeschliffen hatte. Mulder wusste, dass Scully immer das Bett bevorzugte, das näher zum Badezimmer stand und Scully wusste, dass Mulder nie die Schränke benutzte und es hasste, wenn man sich an seinen Sachen verging. Ihm Ordnung beizubringen hatte Scully schon längst aufgegeben. Sie hatten gelernt sich miteinander zu arrangieren, um zu überleben.

Auch jetzt konnte Scully noch ein kaum wahrnehmbares Flackern wahrnehmen. Sie machte, dass sie in ihren Pyjama kam und fiel wie ein Stein ins Bett, während Mulder sich löblicherweise noch unter der Dusche zu schaffen machte. Ihr ging wiederholt der Fall durch den Kopf. Dieses Gedenkzimmer im Haus von Richards passte einfach nicht zu jemanden, der alles stehen und liegen ließ, um woanders ein neues Leben zu beginnen. Daran glaubte sie nicht mehr.
Doch ehe sie ihre anderen Theorien im Geiste durchgehen konnte, war sie schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken.

***

Am nächsten Morgen wurde Scully durch ein Poltern geweckt.

"Tut mir leid, Scully." sagte Mulder sofort, der einen Bügel im Kleiderschrank heruntergerissen hatte.

"Was machen sie denn da am Schrank?" Verschlafen richtete sich Scully auf und rieb sich die Augen. "Sie haben doch sonst nichts mit Kleiderschränken am Hut."

"Mir war so, als hätte ich etwas gehört."

Scully setzte gerade an, eine ironische Bemerkung zu machen, als ihr wieder das merkwürdige Flackern am gestrigen Abend einfiel. Und sie biss sich auf die Zunge.

Heute war nichts mehr davon wahrzunehmen. Die Sonne schien hell und sah so aus, als würde es einer schöner Spätsommertag werden.

"Was schlagen Sie vor, Mulder.....womit fangen wir heute an?"

"Mit einem guten Frühstück, würde ich sagen." antwortete Mulder lächelnd. "Und danach sollten wir uns mal Richards Psychiater vornehmen."

Bald darauf machten sie sich auf den Weg zum einzigen Psychotherapeuten des Ortes, der sein Geld hauptsächlich mit Hypnose von Menschen und Tieren verdiente. Seine Anschrift hatten sie in Richards Agenda gefunden. In der Praxis begrüßte sie eine rundliche, stetig lächelnde Sprechstundenhilfe.

"Dr. Barnes hat gerade noch einen Patienten bei sich." sagte sie. "Wenn sie sich einen Augenblick gedulden würden...."

Der Warteraum war geschmackvoll, mit vielen Pflanzen, Kunstdrucken und einigen bequemen Wartesesseln eingerichtet.

"Wie lange praktiziert Dr. Barnes hier schon? fragte Mulder nach.

"Zwanzig Jahre sind es jetzt bestimmt schon." bekam er zur Antwort. "Ich selbst arbeite aber noch nicht so lange bei ihm."

Nachdem sie etwas in den alten Zeitschriften geblättert hatten, öffnete sich die Tür und ein junggebliebener Mittfünfziger trat heraus. Er verabschiedete seine Patientin, die hastig die Praxis verließ, und bat Scully und Mulder zu sich herein. Seine Kleidung und seine Brille waren genauso geschmackvoll, wie es schon das Wartezimmer vermuten ließ.

"Worum geht es?" Mit dem Zeigefinger schob er seine Brille auf der Nase zurecht.

"Um J. R. Richards. Er war, bzw. ist ein Patient von Ihnen. Wir hätten da einige Fragen."

Dr. Barnes antwortete nicht, sondern blickte sie nur erwartungsvoll an.

"Was für einen Eindruck machte Richards auf sie, als sie ihn das letzte Mal gesehen haben?"

"Er wirkte so wie immer, nur seine Depressionen waren wieder schlimmer geworden. Deswegen war er bei mir in Behandlung. Die Geschichte mit seiner Familie kennen sie ja sicher schon." überlegte Dr. Barnes. "Gibt es denn Hinweise, dass es ein Selbstmord war? Dann müsste doch seine Leiche gefunden werden. Oder wurde sie schon entdeckt?" zweifelnd blickte er Scully und Mulder an.

"Nein, es gibt keinerlei Spuren und auch keine Leiche. Hielten sie Selbstmord denn für möglich?"

"Ja, durchaus. Er war zwar in Behandlung, aber nahm seine Medikamente nicht regelmäßig und zu viel Alkohol verschlimmerte das ganze noch. Akute Gefahr bestand jedoch meiner Meinung nach nicht."

"Wir haben gehört, dass er Mitschuld am Tod seiner Familie tragen soll. Wissen Sie etwas darüber?" Mulder sah Dr. Barnes aufmerksam in die Augen.

"Tut mir leid, das unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht. Und so lange ich nicht weiß, was mit ihm ist, kann ich Ihnen nichts darüber sagen." antwortete dieser und senkte den Blick.

"Verstehe. Hat er vielleicht irgendetwas gesagt, das von uns noch von Bedeutung sein könnte?"

"Nein, nichts." Nach kurzem Zögern setzte er nochmal an. "Ähm......vielleicht doch. Er fühlte sich von Schatten verfolgt. Ich nehme an, dass es sich dabei um einen paranoiden Schub handelte, verursacht durch die Depressionen und den Alkohol." Er hüstelte und spielte an seiner Armbanduhr.

"Wir wissen, dass es dieses besondere Phänomen des unregelmäßigen Lichtschattens hier in der Gegend gibt. Dann kommen doch solche Fälle bestimmt häufiger vor, oder?" interessierte sich Scully.

"Nein, eigentlich nicht. Die psychisch Gesunden wissen, dass es sich dabei nur um ein naturwissenschaftliches Phänomen handelt. Deshalb sind solche Fälle hier nicht häufiger als woanders."

"Was hat Richards denn genau darüber gesagt?"

"Er machte Bemerkungen darüber, dass die Schatten ihn verfolgen würden, weil sie ihn holen wollen. Und das sie überall sind. Mehr sagte er dazu trotz meines Nachfragens nicht."

Scully und Mulder bedankten sich bei Dr. Barnes und verließen die Praxis, sowie eine freundlich hinter ihnen her winkende Sprechstundenhilfe.

Sie schlenderten gemächlich ein Gässchen entlang, das links und rechts mit niedrigen Holzhäusern gesäumt war. Der weiße Anstrich und die blauen Fensterrahmen und Türen verliehen ihnen zugleich etwas Anheimelndes und Elegantes. Die Vorgärten waren liebevoll gepflegt und die letzten Sommerblüher setzten bunte Farbtupfer in die Szenerie.

"Finden Sie es nicht auch seltsam, Scully, dass alles, worauf wir hier immer wieder stoßen Schatten sind?" sinnierte Mulder. "Wir haben absolut nichts Greifbares in der Hand."

Dieser Satz bewegte Scully dazu, ihre Wahrnehmung auf die heute sichtbaren Schlagschatten der Häuser, Gegenstände und Personen zu lenken. Sie bemerkte, dass Mulders Schatten in eine andere Richtung wies, als die übrigen. Aber mit viel größerem Erstaunen und ungespieltem Entsetzen stellte sie fest, dass sie selbst keinen Schatten besaß.

"Mulder, sehen Sie das?" schrie sie fast auf. "Das gibt es doch gar nicht...."

Auch Mulder blickte erschrocken auf den Boden rund um Scully und danach in die Sonne. "Seltsam." murmelte er und schüttelte den Kopf. Dann verstummte er.

Schweigend liefen sie nebeneinander her. Scully fühlte sich eigenartig beunruhigt.
Da läuft man jahrelang mit seinem Schatten herum, ohne ihm jemals Aufmerksamkeit zu schenken oder ihn wirklich zu benötigen. Aber wenn er dann auf einmal fehlt, ist es, als würde ein Stück von einem selbst fehlen. Als sei man nicht mehr vollständig, nicht mehr ganz, nicht mehr da.

Scully spürte, wie sich die feinen Härchen an ihren Armen aufrichteten, etwas Enges sich um ihr Herz schloss und Kälte in ihre Gliedmaßen kroch. Sie spürte, wie eine undefinierbare und nicht greifbare Angst von ihr Besitz ergriff.

Dieses beunruhigende Gefühl verfolgte Scully den ganzen Tag. Sie waren mittags wieder ins Motel zurückgekehrt und hatten nach einem eher dürftigen Mittagessen nochmals gründlich die Richards Akte und Agenda durchgesehen. Scully hatte nachmittags an ihrem Bericht gesessen und wartete noch auf die Ergebnisse vom Labor und von den Suchtrupps. Die Zeit erschien sich endlos lang hinzuziehen. Auch Mulder arbeitete an seinem Laptop, aber Scully sparte sich die Mühe ihn zu fragen, was es war, denn sie war mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Zwischendurch verschwand er immer mal aus dem Zimmer um etwas zu besorgen. Scully fühlte sich merkwürdig stumpf und energielos. Sie hatte mit Mulder nicht mehr über die Sache gesprochen und er hatte das Thema ebenso mit keinem Wort angeschnitten. Vielleicht hatte er Angst wie sie. Sie konnte sich ihre Furcht nicht erklären, aber zunehmend spürte sie, dass doch mehr hinter diesem Fall steckte, als sie bereit war zu glauben.
Als es auf den Abend zuging, meldete sich plötzlich ihr Handy. Es war der Leiter der Einsatztruppe, der mitteilte, dass die Suche mit den Spürhunden erfolglos verlaufen war. Diese hatten zwar seine Witterung auf dem Feld aufnehmen können, aber waren nicht in der Lage gewesen, seine Spuren in irgendeine Richtung zu verfolgen. Scully spürte einen Kloß im Hals und das dringende Bedürfnis, von hier zu verschwinden.

"Mulder, was glauben Sie? Was hat das alles zu bedeuten?" fragte sie, nachdem sie ihm die Neuigkeit mitgeteilt hatte.

"Ich weiß es nicht, Scully." Die Antwort kam zögernd. "Vielleicht sollten wir beginnen, andere Wege zu beschreiten."

"Was meinen Sie, Mulder?"

"Cat-Cath scheint unter dem gleichen Verfolgungswahn zu leiden, wie Richards. Wenn wir mit ihr sprechen, können wir vielleicht herausfinden, was Richards dachte und fühlte. Und eventuell weiß sie mehr als wir denken. Wir sollten es uns für morgen vornehmen. Vorher können wir ja noch bei seinem Nachbarn vorbei. Ich glaube zwar kaum, dass der uns irgendwelche Anhaltspunkte geben kann, aber wir sollten niemanden vergessen."

"Ok" nickte Scully müde. "Was ist mit dem Sheriff? Sollten wir ihm nicht etwas davon sagen?"

Bevor Mulder antworten konnte, klopfte es an die Tür. Es war der Sheriff Johnson. Er übereichte Mulder, der die Tür geöffnet hatte, ein Telegramm, das in seinem Büro abgegeben worden war. Dabei warf er mit seinem dümmlichen Grinsen einen Blick ins Zimmer und schielte danach neugierig auf den noch ungeöffneten Umschlag. Mulder öffnete ihn und überflog das Telegramm.

"Etwas wichtiges?" fragte der Sheriff.

"Nur ein paar Untersuchungsergebnisse. Die erhalten Sie dann zusammen mit den Berichten. Aber was wirklich neues können wir Ihnen noch nicht mitteilen."

"So....oki.....ähm, dann werd ich mich mal wieder auf den Weg machen. Schönen Abend noch."

"Was steht im Telegramm, Mulder?" fragte Scully als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Mulder reichte ihr den Zettel und Scully überflog ihn hastig. Das Labor teilte mit, dass auf dem Papiertaschentuch DNS-Spuren von Richards und winzige Partikel einer bisher unbekannten Substanz gefunden wurden.

"Mulder, wir haben etwas!" Scully fühlte sich auf einmal hellwach und jubelte innerlich. Aber Mulder schien da anderer Meinung zu sein.

"Ja, aber es wird uns nicht viel nützen. Wir wissen jetzt nur, dass es in diesem Fall um etwas geht, was wir noch nicht kennen." Er blickte nachdenklich in die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die in das Zimmer fielen.

Scullys Freude verebbte wieder. Er hatte recht.

***

Nach einem eher kurz ausgefallenem Abendessen in Pamela's Palace machten sie sich auf
den Heimweg. Heute hatte Scully kein Flackern wahrgenommen und in der Dunkelheit konnte sie auch einigermaßen die Sache mit dem verschwundenen Schatten verdrängen. Vielleicht war es ja doch alles nur Einbildung gewesen. Aber dann hätte Mulder bestimmt etwas gesagt. Scully war sich nicht sicher. Noch weniger wußte sie, ob sie froh sein musste, den zweiten Tag in Lake Hermond überlebt zu haben. Obwohl....Leichen gab es hier ja nicht.

Kurze Zeit später hatten sie sich beide in ihren Betten verkrochen. Mulder wendete Scully den Rücken zu und las in einem Buch über Leben auf dem Mars, in dem behauptet wurde, russische und amerikanische Astronauten wären schon Ende der 60iger Jahre gemeinsam auf dem Mars gelandet und hätten dort niedere Lebensformen entdeckt.

Scully versuchte einzuschlafen, was ihr aber nicht so recht gelang. Sie schlug die Augen wieder auf und sah Mulders Halsansatz aus seiner Pyjamajacke herausblitzen, deren Kragen etwas nach hinten gerutscht war. Sie widerstand dem Drang, zärtlich mit ihren Fingerspitzen über seinen Nacken zu streicheln. Nur keine verfänglichen Situationen schaffen. Er war ein Kollege und guter Freund. Mehr nicht. Und dabei sollte es auch bleiben. Hatte sie nicht erst neulich etwas darüber gelesen, dass Angst erotisierend wirkt? Sie fluchte leise. Das hatte ihr gerade noch gefehlt...

Plötzlich vernahm sie wieder ein kaum merkliches Flackern, das nicht von der kleinen Lampe stammte, die auf Mulders Nachttisch stand.

Sofort blickte sie auf. Die Schatten im Zimmer schienen sich zu bewegen, und das in wahnwitziger Geschwindigkeit. Aus der Ecke hinter sich hörte sie ein scharrendes Geräusch. Erschrocken schaute sie sich um und sah - nichts. Das Flimmern vor ihren Augen nahm zu. Nein, es war unmöglich. Heute konnte sie sich nicht überarbeitet haben.

"Mulder!" rief sie, aber es kam kaum ein Ton ihrer Kehle, die wie zugeschnürt war. "Mulder!" rief sie noch einmal und diesmal hörte er es und wandte sich ihr zu.

"Sehen Sie das auch?" Mulder folgte aufmerksam ihrem Blick in die dunklen Tiefen des Raumes und nickte.

"Es sieht aus, als würde das Zimmer leben und alles in Bewegung sein. Ja, ich sehe es jetzt auch." flüsterte er erstaunt. Merkwürdigerweise wagten sie es mit einem Mal nicht mehr, laut miteinander zu reden.

Die Formen der Möbel und Wände schienen zu verschwimmen und sie nahmen seltsame andere dunkle Umrisse wahr, die sich blitzschnell wieder aufzulösen schienen. Im Schein der Nachttischlampe lösten sie das Flackern dadurch aus, dass es im winzigsten Bruchteil von Sekunden heller und wieder dunkler wurde.

Mulder und Scully starrten in das Zimmer, wagten sich kaum zu rühren oder zu sprechen.

"Was ist das?" flüsterte Scully. Mulder schüttelte nur den Kopf.

Scully überlegte, ob sie aufstehen sollte, aber dort in den Raum hinauszugehen, erschien ihr keine wirkliche Alternative. Und auch Mulder machte keine Anstalten, sich zu bewegen.

"Ob wir es fürchten müssen?" fragte Scully leise und Mulder antwortete ebenso leise: "Wenn es dem Schattenphänomen zuzuschreiben ist, dann wohl kaum. Aber auch wenn es etwas anderes ist, hätte es uns schon längst erwischt. Also versuchen Sie zu schlafen."


Scully wusste nicht mehr, wie lange sie noch so nebeneinander lagen und in die lebende Dunkelheit hinausstarrten. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Aber irgendwann war sie unmerklich eingeschlafen.

Scully schlief unruhig und hatte wirre Träume. Ihr war, als hätte ihr jemand im Schlaf etwas gesagt, das sie vergessen hatte. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, unzusammenhängende Gedanken und Sätze schossen ihr durch den Kopf. Sie wollte aufstehen, doch es gelang ihr nicht, denn ihre Beine waren wie Blei. Panik überkam sie. als sie merkte, dass sie sich nicht rühren konnte. Sie wollte etwas sagen, doch hörte nur gurgelnde Geräusche wie aus weiter Ferne. Verzweifelt verdoppelte sie ihre Anstrengungen - und erwachte. Verwirrt blickte sie sich um. Es war heller Tag und durch das Fenster erhaschte sie ein Stück blauen Himmels. Mulder lag neben ihr und schnarchte seelenruhig vor sich hin.
Das Motelzimmer erstreckte sich still und ohne ein Anzeichen der Vorkommnisse des gestrigen Abends vor ihren Augen. Im nachhinein erschien ihr alles wie ein langer Traum. Sie konnte nicht mehr sagen, wann sie geschlafen hatte und wann sie wach gewesen war.

Mühsam quälte sie sich aus dem Bett. Ihr Schädel brummte und sie fühlte sich, als hätte sie einen ganzen Pub leergetrunken und einen Gewaltmarsch von 40 km hinter sich. Als sie mit ihrem Pyjama ins Badezimmer schlich, hörte sie, wie auch Mulder wach wurde.
Nach einem schnellen Frühstück machten sie sich auf den Weg zu Richards Nachbarn, dessen Farm ca. 2 km von seiner eigenen entfernt lag. Von da aus wollten sie dann zu Fuß weiter durch den Wald, zu dem abseits gelegenen Haus von Cat-Cath, dessen Lage ihnen freundlicherweise Pamela, die Wirtin von "Pamela's Palace", auf einem Stück Papier skizziert hatte.

Als sie bei Richards Nachbarn ankamen, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Er hatte ein kleines, aber sehr gepflegtes Anwesen. An einem seiner Ställe wurde gebaut.
"Wir bauen an." begrüßte er sie, als er ihre Blicke dorthin bemerkte. "Der Platz wird sonst etwas knapp für die Tiere." Walker war eine sympathische und ruhige Erscheinung und bald wussten sie, dass er mit seiner Frau, seinen drei Kindern und einer Hausangestellten hier auf dem Hof lebte. Nur über Richards konnte er ihnen wie erwartet nichts neues sagen. Sie erfuhren, dass sie ein gutes Verhältnis gehabt hatten und Walker sich mit seiner Familie um Richards gekümmert hatte, als er in die Depressionen abrutschte. Richards hatte wie jedes Jahr die Weihnachtsfeiertage bei ihnen verbracht. Scully und Mulder baten ihn, den Wagen auf seinem Hof stehen lassen zu dürfen und schlugen dann einen kleinen Sandweg ein, der in nördlicher Richtung vom Anwesen wegführte.

Es war ein sehr heißer Septembertag. Scully und Mulder konnten sich nicht erinnern, dass es jemals im September so heiß gewesen war. Sie liefen an einem noch nicht abgeernteten Getreidefeld vorbei und die Luft flirrte vor Hitze. Mulder standen bald die Schweißperlen auf der Stirn, obwohl er sein Jackett im Auto gelassen hatte. Die Grillen zirpten laut und Scully dachte, dass sie lieber zum Urlaub machen hier wäre, vorausgesetzt es gäbe da nicht diese beunruhigenden Dinge. In der Ferne sahen sie eine mit Lumpen bekleidete Vogelscheuche einsam auf dem Feld stehen.

Sie liefen schweigend nebeneinander her. Nach zehn Minuten bemerkte Scully, dass es still geworden war, die Grillen hörte man nicht mehr und auch kein Vogellaut. Diese Ruhe zu der von der Sonne tanzenden Luft war geradezu unheimlich. Scully dachte an die Erzählungen von der weißen Jungfrau, die den Feldarbeitern den Kopf abschnitt. Auf der linken Seite des Weges begann der Wald. Die Luft schien stärker zu flirren und bald nahm Scully wieder ein Flackern wahr. Es herrschte Windstille, so dass es nicht von sich bewegenden Zweigen stammen konnte. Manchmal vermeinte Scully dunkle Umrisse von Personen zu erkennen. "Sehen Sie das auch, Mulder?" Er nickte stumm.
Bald waren sie ganz von Wald umgeben und die Stille wurde immer gespenstischer. Plötzlich hörten sie ein Rascheln und Knacken in der Nähe, das sie zusammenzucken ließ. Sie blieben stehen und lauschten. Bald darauf hörten sie es wieder. Aber da war auch noch etwas anderes. Es war, als riefe jemand kaum hörbar um Hilfe.

"Das ist kein Tier, Scully. Da ist irgendwer." presste Mulder zwischen den Zähnen hervor.
"Lassen Sie uns nachschauen." Er zückte seine Waffe. Es war nicht mehr die solide und handliche Dienstwaffe des FBI, die Scully bei sich trug und nun ebenfalls hervorzog. Aber er hatte sich an sie gewöhnt.

Sie gingen so lautlos wie möglich in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Scullys Herz klopfte bis zum Hals. Sie war zwar schon oft in solchen Situationen gewesen, aber die unheimlichen Ereignisse an diesem Ort taten ein übriges, dass sie mit allem rechnete.

Je tiefer sie in den Wald vordrangen, um so dunkler wurde es. Zwischendurch blieben sie wiederholt stehen und horchten. Da war es wieder, dieses Knacken. Eben wollte Scully sich dorthin wenden, von wo sie es gehört hatte, da erklang es auch von der anderen Seite. Ein leises Rascheln und ein Laut, als würden Zweige abgeknickt werden. Scully und Mulder sahen sich an. Scully stieg der intensive Geruch von Laub und Erde in die Nase.

"Sie gehen dort lang, ich hier." sagte Mulder bestimmt. "Seien Sie vorsichtig, Scully."

Dann trennten sie sich.

© Zuckerwattewolkenmond
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2017-07-25 06:47

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