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Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil III)

Blind folgte Scully dem Blätterrascheln, das von einer Stelle etwa zehn Meter von ihr entfernt ausging. Doch je mehr sie sich dem Geräusch näherte, um so mehr schien es sich wieder von ihr zu entfernen. Sie gelangte immer tiefer in den Wald, wo die Bäume bald so dicht zusammenstanden, dass kaum noch ein Lichtstrahl hindurchbrach. Der Waldboden war uneben und unter einer Schicht gefallenen Laubes verbargen sich mächtige Wurzelstränge, die zu gefährlichen Stolperfallen wurden. Sie kam deshalb nur langsam voran, aber das Geräusch einer anderen Person war immer in der gleichen Entfernung von ihr zu hören - mal deutlich und mal leise. Wieder durchbrach ein lautes Knacken die unheimliche Stille des Waldes.

"Hey....Sie! Bleiben Sie stehen!" rief Scully. Undeutlich nahm sie in einiger Entfernung Umrisse war, die nur wenig schwärzer waren als die Dunkelheit des Waldes. Das Ding schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen, trat aber immer wieder wahrnehmbar aus ihr hervor.
Scully spürte, wie die Waffe in ihrer Hand schwer wurde. Das was vor ihr lief machte aber keine Anstalten stehen zu bleiben.

"Hallo! FBI! Ich bin bewaffnet. Bleiben Sie stehen!" brüllte Scully nochmals, ohne dass eine Reaktion erfolgte. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gelaufen war, aber egal, ob sie ihre Schritte beschleunigte oder verlangsamte - ES blieb immer gleichen Abstand vor ihr. Sie stolperte und stützte sich hastig an einem Baumstamm ab. Ihr Atem ging schwer und sie zog ein Taschentuch hervor, um sich damit den Schweiß von der Stirn und von der Oberlippe zu wischen. Dabei bemerkte sie nicht, wie ihr FBI-Ausweis aus der Hosentasche rutschte und zu Boden fiel.

Kurz darauf stürmte sie weiter, in einer Hand ihre Waffe und mit der anderen die Zweige vor ihrem Gesicht beiseite schiebend. Sie war in einem Zustand äußerster Anspannung und das Adrenalin schoss durch ihre Adern. Der Wald erschien ihr als immer bedrohlicher, aber ohne dass es ihren Schritt gebremst hätte. So rannte sie weiter und weiter, bis ihr auf einmal bewusst wurde, dass irgendetwas anders war als vorher. Schlagartig blieb sie stehen und lauschte. Es war weg. Nichts war mehr zu hören. Und sie wusste nicht genau, wie lange schon. Irritiert schaute sie sich um. Dunkelheit und Stille schienen sie zu überwältigen. Wie lange war sie gelaufen? Sie schaute auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass diese stehen geblieben war. Sie überlegte, aus welcher Richtung sie gekommen war und konnte sich nicht mehr erinnern. Hatte sie sich verlaufen?

Sie spürte wie ihr kalt wurde und ein stilles Entsetzen sich in ihr ausbreitete. Und sie spürte, dass dieses bald zur Panik werden würde, wenn sie nicht ruhig blieb. Natürlich hatte sie beim FBI auch ein Überlebenstraining absolviert und wusste, wie man sich in solch einer Situation verhält. Aber dieser finstere Wald und die lebenden Schatten, von denen sie sich überall umgeben fühlte, verbreiteten ihren ganz eigenen Schrecken, auf den sie niemand vorbereitet hatte.

Sie überlegte. Vielleicht war Mulder ja in der Nähe und hörte es, wenn sie rief. Also tat sie es - einmal, zweimal, dreimal - keine Antwort. In welche Richtung sollte sie nun gehen? Schließlich entschied sie sich für eine Richtung, die sie für die nördliche hielt. Während sie zögernd und vorsichtig um sich blickend weiterlief, versuchte sie sich auf die nächsten notwendigen Schritte zu konzentrieren um der beginnenden Panik Einhalt zu gebieten. Wenn sie den Kopf verlor, dann war sie selbst verloren, das wusste sie.

Scully war sich sicher, geradewegs nach Norden zu gehen. Dennoch hatte sie das unangenehme Gefühl, sich stetig im Kreise zu bewegen. Hatte sie diesen Baum mit dem abgestorbenen Ast nicht schon einmal gesehen? Warum funktionierte dieses verdammte Handy nicht? Hatte das den gleichen Grund, warum ihre Uhr stehen geblieben war? Die Panik lauerte in ihr wie eine Raubkatze, um sie in einem Moment der Schwäche zu zerfleischen. Scully blieb stehen und holte tief Luft. Nichts außer ihr stoßweiser, unregelmäßiger Atem war zu hören in der wabernden Dämmerung des Waldes, die sich, ebenso wie die Furcht, immer mehr auf sie herabsenkte.

Während sie so da stand und ängstlich um sich schaute, war Mulder inzwischen auf einer kleinen Lichtung angelangt. Auch er hatte lange etwas verfolgt, das wie ein Mensch ausgesehen hatte. Nur die durchsichtige Schwärze, mit der es immer wieder vor seinen Augen verschwand, hatte ihn irritiert. So verließ er sich die meiste Zeit auf seine Ohren. Leider ließen die ihn jetzt im Stich, denn er hörte nichts mehr. Der Wald lag gespenstig ruhig um ihn herum da. Durch die Lichtung fiel etwas Sonne und an seinem langen Schatten erkannte er, dass es schon auf den Abend zu ging. Es würde wohl keinen Sinn machen, hier weiterzusuchen. Er blieb noch einige lange Minuten ruhig stehen und lauschte, dann machte er sich auf den Rückweg. Als er wieder an den Punkt zurückgekehrt war, wo sie sich getrennt hatten, war von Scully weit und breit noch keine Spur. Er versuchte sie anzurufen, aber sein Handy versagte den Dienst. Also beschloss er einfach zu warten, denn er war sich sicher, dass Scully jeden Moment wieder auftauchen würde. In der Nähe lag ein umgestürzter, kahler Baum. Er ließ sich darauf nieder und blickte suchend zwischen den Baumstämmen umher. Je länger er wartete, um so endloser erschien im die Zeit.
Nach einer Ewigkeit von zwanzig Minuten wuchs die Unruhe in ihm. Nervös klopfte er mit den Fingern auf das morsche Holz. Erst, als ihn wie ein Blitz der Gedanke an Richards und sein Verschwinden durchzuckte, hielt er inne. Was war, wenn Scully etwas geschehen war? Kalter Angstschweiß bahnte sich den Weg auf seinen Rücken. Mit einem Satz sprang er auf, denn nun hielt ihn nichts mehr auf dem Baumstamm. Unruhig tigerte er im Kreis, während er überlegte, was er weiter tun solle. Es wurde bald Abend und er hatte nicht mehr viel Zeit, um sie zu finden. Aber es konnte sein, dass sie sich dadurch verpassten. Nur hier tatenlos rumstehen konnte er auch nicht. Und so schlug er schließlich dieselbe Richtung ein, in die er Scully vorhin hatte fortgehen sehen.

Alle paar Schritte rief er laut ihren Namen. So würde sie ihn hören, wenn sie in der Nähe war und sie würden nicht aneinander vorbeilaufen. Je weiter er lief, um so enger standen die Bäume beieinander und um so dunkler wurde es. An den Stellen, wo etwas mehr Abendlicht durch das dichte Blätterdach fiel, nahm Mulder wieder dieses Flackern wahr, als würde dort alles ständig in Bewegung sein. Er fühlte sich immer unwohler und verstand plötzlich, dass die Ursache dafür das Gefühl war, beobachtet zu werden. Mulder konnte die bohrenden Blicke in seinem Rücken spüren, aber wenn er sich umschaute, sah er nichts als dunkle Flecken, die vor seinen Augen tanzten. Seine Schritte beschleunigten sich. Der Abend und mit ihm die Dämmerung senkte sich tiefer herab und die dunklen Flecken seiner Wahrnehmung schienen mehr und mehr Gestalt anzunehmen. Außer der Sorge um Scully überkam ihn nun eine nie gekannte Furcht. Die Furcht vor etwas Unfassbarem, etwas Unheilvollem, was von ihm Besitz nahm. Verzweifelt rief er weiter nach Scully ohne eine Antwort zu erhalten. Statt dessen vermeinte er andere Stimmen zu hören. Leise Stimmen, die in einem monotonem Singsang etwas wisperten, was seine Ohren zwar nicht verstanden, aber was sich geradewegs in seinen Gehirn hineinfraß und sich dort festsetzte. Er hatte kein Gespür mehr dafür, wie weit oder wie lange er gegangen war. Aber er wusste, dass er Scully finden musste. Nichts konnte ihn davon abhalten. Nicht einmal dieser eisige Luftzug, der gerade sein Gesicht streifte und seinen Atem gefrieren ließ. Nicht einmal die schwarzen Schatten, die sich ihm näherten, ihn umgaben und von denen er plötzlich mit Gewissheit wusste, dass sie ihn verfolgten.
Nicht einmal diese Stimmen in seinem Kopf, die immer lauter wurden und Gedanken in ihm wachriefen, die er lange verdrängt hatte. Gedanken an seine Schwester, die von den Grauen entführt worden war, ohne dass er ihr geholfen hatte. Er erinnerte sich an das gleißende Licht, das er gesehen hatte und daran, dass er wie paralysiert gewesen war, als er auf die Tür gestarrt hatte, durch welche das Licht ihn blendete. Er hatte wie betäubt dagestanden, sich nicht gerührt und dann war seine Schwester fort und kam niemals wieder. Er hatte sich immer die Schuld dafür gegeben, obwohl er nur ein Kind gewesen war, das im Angesicht des Unbegreiflichen nicht anders hatte handeln können. Und mit seiner unablässigen Suche nach Samantha versuchte er sich reinzuwaschen von dieser Schuld, in dem er sie eines Tages wiederfinden würde. Jetzt quälten ihn diese Gedanken wie niemals zuvor. Er glaubte sein Herz würde jeden Moment zerspringen von dem Schmerz, den er fühlte. Verstärkt versuchte er sich auf den Weg zu konzentrieren und sich zu orientieren. Aber die schmerzvollen Gedanken ließen sich nicht abschütteln und die Stimmen schienen immer dröhnender in seinem Kopf zu werden.

Die letzten Strahlen der Abendsonne drängten sich durch die in den Himmel ragenden Bäume, erreichten aber nur vereinzelt den Erdboden. Bald würde sie untergehen. Unablässig rief er nach Scully, doch seine Kraft ließ nach und mühsam kämpfte er sich über abgebrochene Äste und riesige Wurzeln, die den unebenen Waldboden durchzogen. Plötzlich strauchelte er und landete unsanft auf den Knien. Als er sich wieder hoch rappelte und sich dabei mit der Hand abstützte, spürte er etwas kühles, glattes unter seinen Fingern. Er stand auf und blickte verwundert zu Boden. Mulder blickte in Scullys Gesicht. Es lag zwischen Laub, Erde und Zweigen zu seinen Füßen. Langsam hob er den Ausweis auf. Einige Zeit stand er unbewegt da und starrte das Plastikkärtchen in seiner Hand an, als würde er es nicht erkennen. Mulder spürte, dass da etwas war, das sich versuchte in ihm breit zu machen und das er nicht zulassen wollte. Es war etwas, das ihm die Luft und jede Hoffnung nehmen würde. Er fühlte sich betäubt, betäubt wie damals, als das Unfassbare geschehen war. Ruckartig wandte er sich um und lief so schnell es seine Füße und die vor ihm liegenden Hindernisse erlaubten. Irgendwann versagte ihm die Stimme und die schwarzen Schatten um ihn herum schienen das Nachlassen seiner Kräfte zu registrieren, denn sie rückten immer näher.

Nun war es also geschehen. Er hatte wieder einen Menschen, den er mochte, durch eigene Schuld verloren. Je bewusster ihm das Geschehene wurde und je länger er die scharfen Kanten des Plastikkärtchens in seiner Hand fühlte, um so sicherer wurde er, dass Scully etwas passiert war und er sie nie wiedersehen würde. Das war ganz klar, denn wenn es bei seiner Schwester so gewesen war, würde es auch bei jedem anderen in seinem Leben so sein. Wahrscheinlich trug er einen Fluch mit sich, dem er und jeder, der ihm nahe stand nicht entrinnen konnte. Er fühlte wie diese Gedanken an seiner verbliebenen Kraft zehrten, sie auffraßen und die Schwäche ihn zu überwältigen drohte. Er versuchte sich gegen diese Gedanken und die Hoffnungslosigkeit, die sie mit sich brachten zu wehren, in dem er sie verdrängte und immer wieder Scullys Namen rief. Doch es gelang ihm nicht. Sie kamen zurück und mit jeder Rückkehr wurden sie stärker.
Er hätte Scully niemals alleine hier in den Wald lassen dürfen. Nicht wenn hier Menschen verschwinden und sich merkwürdige Dinge ereignen. Sie hätten zusammenbleiben müssen. Nun war es zu spät. Der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker. Er hörte sein eigenes lautes Keuchen, das ihm seltsam fremd in den Ohren klang. Es war jedoch nicht laut genug, um Stimmen zu übertönen, die sich in sein Gehirn fraßen und bald ganz von ihm Besitz nahmen.
"Du bist schuld. Du bist schuld." riefen sie. "Du bist ein Versager, ein Feigling. Du bringst jedem Unglück, der sich mit dir abgibt."

"Nein! Nein! Neiiiiiin!" schrie Mulder und hielt sich die Ohren zu. Doch sie waren noch da. Hier in seinem Kopf. Verzweifelt versuchte er mit Hilfe seines Verstandes den Stimmen Herr zu werden, doch er hatte keine Chance. Sie aktivierten alles was er an Schuldgefühlen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in sich trug und waren, ebenso wie die Schatten, die mit jeder Sekunde mehr Gestalt annahmen, nicht mehr aufzuhalten.

"Du hast nicht aufgepasst. Du hast nicht auf die, die dir am liebsten waren aufgepasst." dröhnte es in seinem Kopf. "Du hast ihnen nicht geholfen. Du hast es einfach geschehen lassen."

Die Verzweiflung und der vergebliche Versuch, das Schreckliche abzuschütteln, das ihn doch längst schon in der Hand hatte, trieben Mulder schneller voran, als es seine Kräfte zuließen. Er sah sich von schwarzen Gestalten umzingelt, die nach ihm griffen und rannte durch sie hindurch. Doch es wurden ständig mehr von ihnen, so dass er nur noch eine wabernde schwarze Masse vor sich sah, und er spürte, dass es nicht nur die Stimmen waren, die in ihn hineinkrochen. Mulder glaubte wahnsinnig zu werden. Das konnte nicht alles wirklich geschehen. Aber diese Stimmen waren nicht seine. Es war etwas anderes, das ihn zerstören und vernichten wollte. Grauenvolles Entsetzen packte ihn.

"Du bist es nicht wert zu leben. Du bist es nicht würdig ein Mensch zu sein. Deine Schuld ist niemals wieder gut zu machen und durch sie hast du dein Dasein verwirkt." klang es wie ein furchtbares Echo in ihm. "Du bist ein Nichts! Du bist ein Niemand! Du bist nichts....nichts nichts nichts ....."

Mulder rannte und rannte, fiel, stand wieder auf. Rannte gegen Bäume, deren raue Rinde blutige Schrammen in seinem Gesicht und an seinen Armen hinterließen. Sein Hemd hing nur noch in Fetzen von ihm herab. Mit staubigen Händen versuchte er den Bäumen in der wabernden dunklen Masse, durch die er sich bewegte, auszuweichen. Er fühlte, dass er den Kampf verlieren würde. Fühlte, wie diese unheimlichen Schatten in ihn hineinkrochen und seine letzten Energien aus ihm heraussaugten. Fühlte, wie die Schwäche ihn übermannte und seine Schuldgefühle ins Unermessliche wuchsen, auch wenn er sich verzweifelt dagegen sträubte.

Er strauchelte und landete mit einem harten Aufprall auf dem Boden. Dann verlor er das Bewusstsein.

***

Langsam kam Mulder wieder zu sich. Er fühlte sich merkwürdig leicht und spürte keine Schmerzen mehr. Als er die Augen aufschlug, sah er schwarze Gestalten, die sich über ihn beugten. Er glaubte erst, es seien Menschen, die er nicht richtig erkennen könne, doch dann begriff er, dass es immer noch die Schatten waren, die ihn verfolgt hatten.

"Herzlich Willkommen in unserem Reich." Er sah nicht, dass sie sprachen und hörte auch keine Laute. Trotzdem vernahm er in seinem Kopf, was sie zu ihm sagten. Es musste eine Art telepathische Verständigung sein.

"Du bist jetzt einer von uns." Mulder erstarrte. Er musste etwas falsch verstanden haben, doch sein Versuch zu sprechen scheiterte. Er brachte kein einziges Wort heraus. Dann besann er sich auf die andere Art des Sprechens, welche die Schatten ausübten und tat es ihnen gleich.

"Was meint ihr damit?" fragte er in seinen Gedanken.

"Du bist jetzt einer von uns. Du bist auch ein Schatten."

"Ich verstehe nicht...." verwirrt schaute er in ihre nicht vorhandenen, nebligen Gesichter.
"Wer seid ihr?"

"Wir sind die Schatten der Menschen, die in unserem Reich leben. Wir ernähren uns von ihren Gefühlen der Schuld. Daraus bestehen wir."

Mulder begriff nicht. Das Schweigen in seinem Schädel, ließ ihn betäubt vor sich hin starren.

"Wir leben. Wir sind keine bloßen Anhängsel vom Einfall der Sonne abhängig. Uns gibt es wirklich. Genauso wie es Schuld unter den Menschen gibt. Wir sind eure Geschöpfe und das hier ist unser Reich. Ihr könnt uns nur als Projektion bei Licht sehen, weil wir uns schneller bewegen, als eure Augen es aufnehmen können. Aber wir sind immer da."

"Und was hat das mit mir zu tun?" Mulder begriff immer noch nicht.

"Deine Schuld war zu groß. Du bist jetzt einer von uns."

Fassungslosigkeit breitete sich in Mulder aus. Und eine Frage wurde immer lauter in ihm.

"Das....das kann.....ist es das, was Richards auch widerfahren ist?"

"Ja, ich bin hier." hörte er eine andere Gestalt sagen. "Ich bin Richards. Sie haben mich geholt. Ich bin jetzt einer von ihnen."

Plötzlich wurde Mulder aus seinem entsetzten Staunen gerissen. Er hörte wieder eine Stimme. Diesmal eine menschliche. Sie rief seinen Namen. Scully! Ja, es war Scully! Oh, welch ein Glück...es stimmte alles nicht. Ihr war nichts geschehen. Sie war noch da. Und ihn traf keine Schuld. Mulder glaubte zu zerspringen vor Freude und vergaß, wo und wer er jetzt war. Er wollte nach Scully rufen, doch es gelang ihm nicht. Daher verdoppelte er seine Anstrengungen und spürte kurz darauf, wie die Wahrnehmung seines Körpers langsam zurückkehrte und eine kaum zu ertragende Schwere sich in ihm breit machte. Und wiederum verlor er das Bewusstsein.

***

Scully erschien die Zeit endlos, die sie nun schon so durch den Wald irrte. Und dieses Gefühl in ihr, immer im Kreis zu laufen, machte sie verrückt. Inzwischen war es dunkel geworden und es ergab wohl keinen Sinn mehr, weiter herumzulaufen. Vielleicht sollte sie sich lieber ein Fleckchen suchen, auf dem sie den Anbruch des Morgens abwarten konnte.
Eventuell war Mulder schon zurück im Motel und hatte andere Leute verständigt, die helfen würden, sie zu suchen.

Zögernd blickte sie sich um. In einiger Entfernung sah sie schemenhaft einen Baum in einer kleinen Senke. Dorthin würde sie gehen. Sie würde sich etwas Laub zusammensuchen und sich an den Baumstamm anlehnen. Als sie dann dort so saß und vor Erschöpfung auf der Stelle einzuschlafen drohte, beschloss sie ein letztes Mal nach Mulder zu rufen. Einen Versuch noch, auch wenn sie nicht mehr glaubte, dass es etwas bringt. Aber man kann ja nie wissen.

Doch auf ihr Rufen tat sich nichts. Also richtete sie sich auf eine Nacht im Freien ein. Sie lehnte am Baumstamm und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit des Waldes, wobei sie versuchte ihre Angst nicht wieder aufflackern zu lassen. Der Ort war zwar unheimlich, aber bisher war ihr nichts geschehen. Feuchtigkeit stieg aus dem Boden auf und ließ um sie herum die Konturen zerfließen. Nach einigen Momenten bemerkte sie an einer Stelle, auf welche sie die ganze Zeit unbewusst gestarrt hatte, etwas das ihre Aufmerksamkeit fesselte. Erst war es wieder eine unmerkliche Bewegung in der Finsternis, ein Schattenspiel, doch je länger sie hinschaute, um so mehr nahm es Formen an. Sie sah Umrisse - etwas Nebelhaftes, dass in seiner Schwärze immer kompakter wurde. Und nach einer Weile glaubte sie einen menschlichen Körper zu erkennen, dort wo gerade eben nur der Waldboden gewesen war. Leise stand sie auf und näherte sich der Stelle.
Je weiter sie herankam, um so schneller fühlte sie ihr Herz schlagen. Doch es schlug nicht aus Angst, sondern aus Freude. Denn sie trug eine Ahnung in sich, was sie erblicken würde und sollte Recht behalten.

Es war Mulder. Er schien bewusstlos zu sein. Sie fragte sich nicht, wie er so plötzlich dorthin gekommen war - dorthin, wo vorher nichts als Laub und Erde zu sehen war. Es war egal. Wichtig war nur, dass er da war. Ein schwerer Stein fiel ihr vom Herzen.

Sie bemerkte, wie zugerichtet er aussah und fragte sich, was wohl geschehen war. Vorsichtig schob sie ihn in die stabile Seitenlage und schlug mit einigen feuchten Laubblättern sanft in sein Gesicht. Nach einigen Minuten schlug er die Augen auf.

"Mulder......ich bin ja so froh! Was ist mit Ihnen passiert?"

Mulder setzte sich langsam auf, erkannte Scully und begann zu strahlen.
Er lächelte und lächelte, und seine Augen wollten Scully nicht mehr loslassen.

"Scully.....Ich bin ja so froh, dass ich Sie gefunden habe!" sagte er leise.

"Ja, ich auch..." erwiderte Scully, "aber was ist passiert?"

"Hm, scheint so, als hätten wir eine lange Nacht im Wald vor uns." antwortete Mulder lächelnd. "Also genug Zeit, um Ihnen alles zu erzählen."

***

Als sie es sich einigermaßen auf dem harten Waldboden bequem gemacht hatten, begann Mulder von seinen Erlebnissen zu berichten. Allerdings kam er damit nicht sehr weit, denn innerhalb von wenigen Minuten waren beide vor Erschöpfung eingeschlafen. Also setzte er seinen Bericht am nächsten Tag fort, nachdem sie vom Morgennebel geweckt worden waren.

Jetzt war beiden klar, daß Richards nicht mehr wiederkehren würde. "Wir sollten heute noch Dr. Barnes besuchen, um mehr Hintergründe über Richards seelische Verfassung zu erfahren. Dann wird sich sicherlich alles zusammenfügen." sagte Scully. "Ich werde ihn offiziell für tot erklären. Aber lassen Sie uns endlich aus diesem verdammten Wald verschwinden!"

Sie waren nur kurze Zeit gelaufen, als sie auch schon den Waldrand erreichten. Sie mussten also tatsächlich im Kreis gelaufen sein. Ob unbeabsichtigt oder irregeführt - wer weiß das schon so genau.
Nach einem schnellen zwanzigminütigen Marsch hatten sie ihren Wagen wieder erreicht. Glücklicherweise befand sich niemand auf dem Hof, der neugierige Fragen bezüglich ihres Aussehens gestellt hätte.

Nach einem Zwischenstopp im Motel, wo sie duschten und sich neu ankleideten, kehrten sie zu einem gehaltvollen Frühstück mit zweimal zwei Portionen Eier und Schinken in "Pamelas Palace" ein. Und gut zwei Stunden später betraten die Praxis von Dr. Barnes.

Barnes begrüßte sie freundlich und erkundigte sich nach dem Fortschreiten der Ermittlungen.
Die ganze Geschichte konnten sie ihm nicht erzählen, denn sie war zu unglaublich und würde nur in der geheimen X-Akte des FBI erscheinen. Also erklärten sie, dass Richards tot sei, sie aber über die Umstände seines Todes keine genaueren Angaben machen dürften.

Der Psychotherapeut zuckte mit den Achseln. "Hätte gerne gewusst, ob es Selbstmord war. Aber nun gut."

"Das wissen wir selbst auch noch nicht so genau." flunkerte Scully. "Deshalb würden Sie uns helfen, wen Sie uns Einblick in seine Krankenakte nehmen ließen."

Dr. Barnes ging zum Aktenschrank und zog aus einer Schublade ein dickes Bündel Papier.
"Bitte schön." sagte er und legte es vor ihnen auf den Tisch.

Mulder und Scully blätterten darin, bis sie auf das alte und vergilbte Protokoll einer Therapiesitzung stießen, die ungefähr ein Jahr nach dem Brand stattgefunden hatte. Richards sprach darin nicht nur von seinen Depressionen, sondern auch von seinen Schuldgefühlen und hatte Dr. Barnes sein dunkles Geheimnis offenbart.

An jenem unseligen Tag, an dem das Unglück geschehen sollte, hatte Richards nach einem heftigen Familienstreit seine Kinder im Dachboden eingesperrt. Danach war er in den Pub gegangen und trug den Schlüssel zum Dachboden in seiner Jackentasche bei sich. Als seine Frau bemerkte, dass das Haus Feuer gefangen hatte und dieses sich rasend schnell ausbreitete, versuchte sie das Mädchen und den Jungen aus dem Dachboden zu befreien. Dabei ist sie zusammen mit ihren Kindern ums Leben gekommen.

"Richards konnte sich nie von seinen Schuldgefühlen befreien und hat sehr darunter gelitten." erklärte Dr. Barnes. "Er wollte nicht akzeptieren, dass ein unglückliche Verkettung von Ereignissen stattgefunden hatte und gab sich allein die Schuld am Tod seiner Familie."

Mulder und Scully sahen sich an. Nun wussten sie, was geschehen war. Richards Schuldgefühle waren so groß geworden, dass er zu seinem eigenen Schatten wurde. Er hatte seinen Schatten übergroß werden lassen, sich von ihm einfangen lassen, bis er schließlich ganz vom Erdboden verschwand. Scully blickte nachdenklich aus dem Fenster. Es war schwer zu begreifen. Die Schatten, die sie tagtäglich begleiteten, oder manchmal auch nicht, lebten in ihrer eigenen Welt, hatten ihr eigenes Leben und waren entstanden aus den Gedanken und Gefühlen der Menschen, die sie begleiteten.

"Danke." sagte Scully, "Sie haben uns sehr geholfen."

Nachdem sie kurz darauf noch im Büro von Sheriff Johnson vorbeigeschaut und sich verabschiedet hatten, fuhren sie ins Motel zurück, um ihre Sachen zu packen und sich auf den Heimweg zu machen.

Scully saß schon im Auto und wartete auf Mulder, der noch alle Hände voll damit zu tun hatte, den Reißverschluss seines überquellenden Koffers zu schließen. Schließlich kam er aus der Tür, blieb mit dem Gepäck aber neben ihrer Wagentür stehen.

"Was ist los, Mulder? Wollen Sie nicht einsteigen?"

"Nein, ich werde nicht mitkommen."

Scully blieb vor Schreck der Mund offen stehen. "Warum? Was soll das werden, Mulder?"

"Ich werde mir hier einen Wagen mieten und weiter nach Mexiko fahren."

"Was wollen Sie denn in Mexiko?"

"Ich spüre, dass ich sie da finden kann. Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen. Ich muss einfach da hin. Machen Sie es gut, Scully und vergessen Sie mich nicht." Mulder drehte sich ohne Zögern um und verschwand auf der anderen Seite der Straße.

Scully seufzte und blickte ihm traurig hinterher. Wie sollte sie ihn vergessen, wo sie sich doch so viele Sorgen um ihn machte? Hoffentlich würde er auf seiner Suche nicht irgendwo auf der Strecke bleiben. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm wünschen sollte, die Wahrheit zu finden.

© Zuckerwattewolkenmond
http://weltentanz.twoday.net/stories/1297359/

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