Zuckerwelt

Walzeichnung

Jahreslosung 2017

Manche Yogis brauchen in ihrer Hütte eine Blume, und manche brauchen keine Blume.

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Die namenlose Geschichte - Teil 26

Ich hatte rasch die Abdeckplanen von den Möbeln und die letzten Farbspritzer entfernt, die Pinsel gereinigt hatte, auf deren Stielen der Aufdruck „Reine Chinaborsten“ zu lesen war, was mich aber nicht viel schlauer in Hinblick auf die Herkunft der Haare machte, und überlegte nun, was ich mit dem restlichen Tag und dem Urlaub tun sollte. Natürlich war es nur eine infame Illusion Zeit zu haben, denn kaum dachte ich darüber nach, fielen mir tausend Sachen ein, die noch zu erledigen waren. Und die naheliegenste war, einen neuen Teppich zu besorgen. Sorgfältig maß ich mit dem Zollstock den Fußboden aus und notierte mir die Zahlen in meinem Gedächtnis. Dann machte ich mich frisch, zog mir gesellschaftsfähige Klamotten an, eine leichte beigefarbene Sommerhose und gehäkeltes, bauchfreies Top zu offenen Schuhen und schlenderte die Straße zur U-Bahn entlang. Als ich das Haus verließ hatte ich auf der Treppe hinter mir vorsichtig eine Tür schließen hören. Hatte er noch immer nicht genug vom Spionieren? Egal. Ich kümmerte mich jetzt zuerst um das, was vor mir lag, und das war in diesem Moment ein Teppich aus dünnen, knisternden und zusammengerollten Rindenstreifen. Mir fiel auf, wie heiß es geworden war und die Platanen, welche die Straße säumten, warfen ihr Kleid ab, als würde ihnen in der Hitze ebenfalls viel zu warm sein, um noch den kleinsten Fetzen Rinde am Leib zu tragen. Ich war froh, dass ich den Großteil meiner Arbeit geschafft hatte, denn nun, wo sich der Sommer in so massiver Weise ankündigte, würde es schwer werden, anstrengendere Tätigkeiten zu verrichten. Die Hängemattensaison war eröffnet.

In der Hitze lief alles gemächlicher ab, selbst auf der U-Bahn-Station herrschte bis auf die hindurchrauschenden Züge ein gemäßigtes Tempo. Gemütlich rumpelte der Waggon die alte Hochbahn entlang und ich ging meiner heimlichen Leidenschaft, dem Balkon-Gucken, nach. Dies konnte man in der Bahn besonders gut, da man auf gleicher Höhe mit den eskortierenden Fassaden war, und grinsend bemerkte ich einen alten, schon strohbraun vertrockneten Weihnachtsbaum, der noch immer auf einem der Balkone sein kärgliches Dasein fristete, in Gesellschaft eines Pappmache-Schneemanns, welcher nur wenige Meter weiter auf die Straße hinunter winkte. An meinem Ziel, einem großen Möbeleinrichtungshaus, angekommen, wanderte ich durch die Teppichbodenabteilung, die im übrigen angenehm klimatisiert war, und hatte schon bald einen hell-gemuschelten Schurwollteppichboden entdeckt, welcher sofort mein Herz eroberte. Der Kaufvertrag wurde unterschrieben und der Liefertermin ausgemacht. Einen schönen Tag wünschte mir der junge Verkäufer und den würde ich haben.

Zeitlos bummelte ich die Schaufenster entlang, ohne Absicht noch irgendetwas zu kaufen. Mit solchen Entscheidungen wollte ich mich heute nicht mehr belasten. Stattdessen holte ich mir ein Softeis und ließ mich auf einem der Stühle dicht neben den Wasserkaskaden nieder, welche in der Sonne glitzerten und ab und zu erfrischende Almosen zu mir herüber schickten.
Faul knabberte ich an der Eiswaffel und schaute in die wirbelnden kleinen Strudel, welche das fallende Wasser hinterließ, als ich hinter mir eine Stimme hörte.

„Guten Tag!“

Neugierig schaute ich mich um und da stand der Herr Luchterhand, blass und grau. Eine melierte Strähne fiel ihm vorwitzig in die Stirn, was ihm ein etwas aufgelöstes Aussehen gab und irgendwie überhaupt nicht zu ihm passte. War er mir etwa gefolgt? Er lächelte mich an.

„Na, machst du auch einen kleinen Stadtbummel?“

Ich konnte es nicht glauben, dass er mir gefolgt war, das ging über mein Vorstellungsvermögen. Es musste Zufall sein.

„Ja“ antwortete ich, „ich war neuen Teppichboden kaufen. Setz dich doch!“
Ich zeigte auf den Platz neben mir.
„Das Eis von da drüben schmeckt übrigens sehr lecker. Hol dir doch auch eins.“

Er winkte ab. Dann wollte er wissen, ob ich mit der Renovierung fertig sei.

„Ja“ sagte ich etwas zögernd, denn ich dachte an den gestrigen Abend, „ich hoffe doch.“
und fragte, ob ihm schon mal bei seinen Meißelarbeiten irgendwas an der Bausubstanz des Hauses aufgefallen sei.

„Wieso?“ war seine Gegenfrage und sein Blick erschien mir unangenehm lauernd.

Ich erzählte ihm von dem schmierigen schwarzen Staub, der sich in den Teppich eingenistet hatte und sogar durch die Tapete gekommen war. Er wirkte mit einem Mal sehr unruhig, geradezu besorgt, was mich etwas wunderte, da ich zwar verstehen konnte, dass es mich selbst erschreckt hatte, aber ansonsten glaubte, für jemand anderen würde sich das wohl kaum besonders besorgniserregend anhören. Doch er hing regelrecht an meinen Lippen und wollte wissen, ob noch andere merkwürdige Dinge vorgefallen seien.

„Nein.“ antwortete ich vorschnell, denn gleich danach fiel mir das Püppchen ein. Deshalb verbesserte ich mich und erzählte, halb lachend, wie ich die kleine Puppe in der Mauer gefunden hatte. Da bemerkte ich, dass seine Hände zitterten. Unauffällig starrte ich weiter gebannt auf seine Finger, welche miteinander rangen, sich verkrampften und bebend auf seinen Knien zu erliegen kamen. Plötzlich sprang er auf und erklärte, dass er weiter müsse. Mit hypnotisch aufgerissenen Augen schaute er mich an und sagte stockend, aber deutlich, dass ich auf mich aufpassen solle.

„Aber ich renoviere ja nun gar nicht mehr. Da kann auch nichts mehr passieren.“ beruhigte ich lächelnd.

„Trotzdem!“ insistierte er fast drohend.

„Was meinst du denn damit.....ich verstehe nicht?“ fragte ich von seiner Besorgnis angesteckt ängstlich nach. Doch er antwortete nicht, drehte sich wortlos um und ging.

Sogleich spürte ich unmerklich wieder etwas nagen, tief in mir drin, an meinem Herzen, eine kleine Furcht, bereit sich aufzuplustern und sich breit zu machen, wenn ich ihr nicht Einhalt gebot. Ich nahm mir vor, mit Klaus Luchterhand noch einmal ein ernstes Wort zu reden, denn es erschien mir so, als ob er mehr wusste als ich, über was auch immer. Und ich wollte es wissen. Ich wollte, dass dieser ganze mysteriöse Scheiß ein Ende nahm und sich in Wohlgefallen auflöste.

Nachdenklich fuhr ich nach Hause und erinnerte mich gerade noch rechtzeitig daran im Supermarkt vorbeizuschauen, um Getränkenachschub zu besorgen. In einem der Kramtische entdeckte ich gelbe Quietscheigel, genau dieselben, die ich aus meiner Kindheit kannte und die mir deshalb auf der Stelle sehr vertraut vorkamen. Dabei bemerkte ich, dass es sich um Hundespielzeug handelte und unwillkürlich fragte ich mich, ob man mir wohl Hundetoys zum Spielen gegeben hatte. Gedankenverloren drückte ich während dieser Überlegungen auf einem der Igel herum, bis dieser plötzlich ein lautes „Quiiiiiiek“ von sich gab. Erschrocken zuckte ich zusammen, aber es nützte nichts mehr. Alle Leute im Supermarkt schauten zu mir hinüber, ein paar grinsten auch amüsiert. Nun ja, das hatten sie umsonst. Aber nicht lange, denn ich begab mich zur Kasse und danach schnurstracks auf den Heimweg.

Diesen Abend verbrachte ich völlig allein mit mir und der wunderbaren warmen und windigen Sommernacht auf dem Balkon. Träumend schaute ich in das rote Leuchten des Himmels bis dieses einem klaren schwarzen Sternenteppich gewichen war und genoss dabei das saftige Fleisch einer reifen Wassermelone, welches mit prallem Schmelz auf meiner Zunge zerplatzte und eine herrlich süße Erfrischung in meine Kehle rinnen ließ. Einer der Sterne, dicht neben der Dachrinne, strahlte besonders hell, so hell, dass er alle anderen Sterne überstrahlte. Dann erlosch er von einer Sekunde zur anderen. Wahrscheinlich war er schon vor langer Zeit verglüht, doch viele Lichtjahre von mir, der Erde und unvorstellbar weit von seinem eigenen Ort entfernt, würde sein Licht noch immer weiterleben, weiterfliegen, vielleicht bis in alle Ewigkeit, wenn das All so unendlich ist, wie die Weisen unserer Tage sagen.
http://weltentanz.twoday.net/stories/2410937/

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2017-06-26 02:15

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