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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Hörgeschichten

Mit den unerforschlichen Weiten der Radiofrequenzen kam ich zum ersten Mal während einer Krankheit in Berührung. Radio kannte ich bisher nur aus den Nachmittagsstunden im Wohnzimmer oder dem Arbeitszimmer meines Vaters. Dieser hörte regelmäßig SFB und Deutschlandfunk, meistens Jazz- oder Swingsendungen. Nachmittags, wenn meine Mutter nach Hause kam und wir oft am Tisch saßen, um gemeinsam Tee zu trinken, lief stets Swing. Eines Tages, ich musste das Bett hüten, war jedoch nicht krank genug, um mich nicht zu langweilen, stellte mir meine Mutter, nebst dem Pfefferminztee, ihr wenig benutztes Kofferradio aus der Küche neben das Bett. Dieses lief auf Batterien, war ein echter Plärrer und besaß eine Antenne, sowie zwei große Knöpfe, einen für die Lautstärke und einen für die Sender. Nun beschäftigte ich mich durch Drehen an letzterem den ganzen Tag damit, interessante Neuigkeiten, kurzweilige Geschichten und schöne Musik zu finden.

Meine Mutter überredete meinen Vater, daß ich ein eigenes Radio bekommen sollte, was in der Praxis dann so aussah, daß ich einen uralten 50iger Jahre Weltempfänger, den er noch irgendwo in einer Rumpelkammer aufgehoben hatte, in das Zimmer gestellt bekam. Mit diesem empfing ich weniger Sender, als mit dem Kofferradio, aber er hatte den unschätzbaren funktionalen Vorteil, so riesig zu sein, daß man darauf Vasen und anderen Nippes abstellen konnte. Trotzdem war er für mich damals ungefähr so eine Attraktion wie für heutige Kinder ein eigener Fernseher (den ich nie besaß) oder ein eigener Computer (die es damals noch nicht gab). Ich frönte mit Eifer dem Frequenzenerforschen und dem Heben von Rundfunkschätzen, von denen ich vorher nicht wußte, daß es sie gibt. Natürlich war dieses Radiogerät im Vergleich zu denen, die andere Kinder in der Klasse besaßen, ein Witz, aber immerhin, in einer Zeit als die privilegiertesten Mitschüler schon einen Walkman besaßen, hatte sich meine Mutter so weit durchgesetzt, daß mich aus dem Westen ein Paket in Form eines Radioweckers ereilte. Dies war nicht das erste, denn einige zuvor hatte mein Vater schon in Gebrauch oder in Aufbewahrung genommen, so daß ich bei einem Besuch des entsprechenden Spenders wahrheitsgemäß auf die Frage, wie mir mein neuer Radiowecker gefalle, antworten mußte, daß ich gar keinen besäße, da mein Vater die alle habe. Der nächste, der geschickt wurde, kam dann an und landete neben dem Weltempfänger. Im Grunde war der Radiowecker nicht viel anders, nur sehr viel kleiner, und er konnte, was der Name schon sagt, mit Radio wecken, was mich wenig begeisterte, so wie alles, was mit Wecken zu tun hat. Auch heute noch ertrage ich eher selten am frühen Morgen Musik oder Radio. Aber er besaß außerdem so eine geniale Sleeptaste, was bedeutete, man konnte abends Radio hören, ohne daß dieses die ganze Nacht plärrte, wenn man dabei einschlief. Es wurde nun zu einem regelmäßigen Ritual vor dem Einschlafen noch Musik oder bestimmte Rundfunksendungen zu hören. Unvergessen bleibt der Donnerstag, denn Donnerstagabend lief im Ostfunk eine humoristische Spaßsendung, die bewirkte, daß ich, vollkommen untypisch, schon um 21 Uhr freiwillig im Bett lag. In dieser Sendung wurde besonders gerne der Hit „Ich bin der letzte Kunde und immer noch nicht blau“ gespielt, aber ansonsten war sie wohl weniger komisch, als ich erhoffte, denn in der Regel war ich in weniger als einer halben Stunde eingeschlafen, obwohl die Sendung über zwei Stunden lief.

Mit dem Donnerstag verknüpfe ich überhaupt sehr spezielle Erinnerungen an das Hören und die Körperpflege. Das liegt daran, dass der Donnerstag väterlich verordneter Badetag war. Mein Vater pflegte sich an diesem Tag hingebungsvoll und auf sehr spezielle Weise der Körperpflege zu widmen. Und weil es deshalb der einzige Tag war, an welchem der Gasheizer im Bad angeschmissen wurde, in welchem sonst im Winter so um die 10 Grad herrschten, wurde dieser Tag möglichst von allen Familienmitgliedern ebenfalls dazu genutzt, zumal es auch ungern gesehen wurde, wenn man an anderen Tagen das Bad blockierte. Als ich mich noch nicht wehren konnte, wurde ich dabei in das benutzte Badewasser meines Vaters gesteckt (Hatte ich schon erwähnt, dass mein Vater sehr sparsam war?), aber irgendwann weigerte ich mich und erklärte meiner Mutter, dass ich neues Badewasser wolle. Mein Vater nahm dies mit einem Donnerwetter, tausend Beteuerungen, dass sein Badewasser nicht dreckig sei, ich aber viel zu verwöhnt, zur Kenntnis und fügte sich schließlich kopfschüttelnd meinem unverschämten Eigensinn. Ab da badete er immer sehr viel später, was dazu führte, dass in diesen Abenden kein Fernseher lief, der ebenfalls der alleinigen Verwaltung meines Vaters unterstand. Da er nicht nur badete, sondern hinterher auch noch lange „abdünstete“, was bedeutete, dass er sich bis über beide Ohren zugedeckt ins Bett packte – wozu das diente, ist mir verschlossen geblieben, aber wenn er eingepackt im Bett lag, hieß es immer „Papa, dünstet ab.“ – und sich später sorgfältig dem Pudern und Cremen widmete, blieb mehr als genug Zeit für meine Mutter und mich, endlich einmal im Wohnzimmer alte Schlagerplatten zu hören. Auch meine ersten Märchenplatten hörte ich immer Donnerstags, wenn mein Vater dadurch nicht gestört wurde. Als ich schon älter war, nutzte ich diese Zeit gerne, um die neuesten Charts im Wohnzimmerradio zu hören. Das war ungefähr zu der Zeit, als „Maria Magdalena“ von Sandra auf Platz 1 gelangte. Natürlich hatte meine Freundin schon längst einen Kassettenrekorder, wie es ihn damals aus DDR-Produktion gab und damit ich nicht die letzte ohne bliebe, sorgte meine Mutter dafür, dass ich zur Jugendweihe von den Großeltern und von ihr so viel Geld erhielt, um mir ebenfalls einen zu besorgen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine eigenen Kassetten aufnehmen und abspielen, was ich auch fleißig tat. Das war zwar alles Mono, aber das RFT-Teil leistete mir trotzdem gute und treue Dienste bis weit nach der Wende und war von der Qualität sogar den ersten billigen Stereo-Recordern aus dem Westen überlegen, bis ich mir irgendwann die erste Sony-Minianlage aus selbst erarbeitetem Geld leisten konnte.

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