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~~~~~~~~~~~~~
Keiner kommt hier lebend raus ~~~~~~~~~~~~~

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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 69

Der Tag verging mit träger Langsamkeit, als hätte er etwas dagegen, jemals zu enden. Wil konnte ihre Ungeduld kaum zügeln. Noch immer saß die Abendsonne im rosa Wolkennest und Käpt’n Ferdinand machte keine Anstalten, sich in seine Kajüte zu begeben. Der endlose Horizont lag noch immer vor ihnen und Ferdinand glaubte noch immer, er könne sich wieder beliebt machen. Er gab sich nämlich jovial und gesellig und verkündete, eine Runde des besten Weines ausgeben zu wollen, von welchem an Bord nur ein einziges Faß existierte. Außerdem wies er Schiffskoch Heiner an, mit den Essensportionen für heute ausnahmsweise einmal großzügig zu sein. Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen und trug bergeweise Vorräte aus dem Laderaum. Auch die Mannschaft begrüßte die plötzliche Freigiebigkeit ihres Kapitäns, doch den meisten war durchaus bewusst, dass dies nur der Versuch war, einer Meuterei zu entgehen und seinen Hals zu retten. Viele Augenpaare beäugten deshalb ebenso misstrauisch wie amüsiert seine Bemühungen. Seine partielle Schreckhaftigkeit passte wenig zu dem leutseligen Auftreten, dessen er sich befleißigte und irgendwie schien er ständig jemanden hinter sich zu vermuten. Die Mannschaft jedoch hatte vorerst anderes im Sinn und gab sich freudig dem Genuß hin.

Während des ausgiebigen Abendmahles und Umtrunkes war es allmählich dunkel geworden und alle warteten, dass Ferdinand endlich seine Kajüte aufsuchte. Der dachte aber gar nicht daran. Holger und Ketten-Hannes schauten sich bedeutsam an, dann ergriff Ketten-Hannes das Wort:
„Zeit um ins Bett zu gehen, nicht wahr, Käpt'n?“

„Ach wieso denn? Jetzt ist es doch gerade richtig gemütlich und ich bin noch nicht müde.“

Ketten-Hannes schwieg. Nach einer längeren Pause wiederholte er etwas nachdrücklicher:
„Sie sollten zu Bett gehen, Käpt'n!“

Dieser schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“

Wieder schauten sich Ketten-Hannes und Holger an. Dann erhob sich ersterer und pflanzte sich gemächlich vor Ferdinand auf.

„Wir befehlen Ihnen, sich in Ihre Kajüte zu begeben.“

Mit geweiteten Augen blickte Ferdinand auf und das sturmgegerbte Gesicht verfärbte sich kräftig rot wie in seinen besten Zeiten. So plötzlich wie er sie aufgerissen hatte, verengten sich seine Augen wieder und er brüllte: „Ihr Verräter! Ihr habt euch gegen mich verschworen! Abschaum! Dreckspack! Ihr seid nichts! Ihr habt mir nichts zu befehlen. Ich bin hier der Kapitän!“ Wütend spuckte er aus, doch noch bevor er seinen Degen halb gezogen hatte, umringte ihn ein ganzes Rudel von Piraten mit drohender Waffe. Die Neuigkeit von der selbstsüchtigen Raffgier des Kapitäns und seinem Verrat an dem Codex war inzwischen bis zum letzten Glied der Mannschaft vorgedrungen. Gegen diese Übermacht hatte er keine Chance. „Nicht mehr lange!“ antwortete demzufolge Ketten-Hannes. Erste Stimmen wurden laut, ihn sofort aufzuknüpfen. Warum erst lange warten, er hatte den Tod verdient. Stattdessen hatte er noch einmal Glück und wurde nur gewaltsam in seine Kajüte hineinkomplimentiert.

Danach versammelte sich die gesamte Mannschaft um Ketten-Hannes, neben ihm Wil und Holger, und wartete gespannt, was da kommen würde. Dieser begann zuerst, für den Fall, dass es doch noch jemand nicht wußte und zur Auffrischung des Gedächtnisses, die Verfehlungen Ferdinands für alle deutlich hörbar aufzuzählen. Dies schloß er mit dem feierlichen Aufruf, dass es Zeit wäre, einen neuen Kapitän zu wählen. Aber natürlich völlig de......äh...demokratisch – hier spuckte er aus – und gesittet, so wie es sich für Piraten gehört.

„Warum wirst du nicht unser Kapitän?“ ertönte ein Zwischenruf.

Ketten-Hannes kratzte sich geschmeichelt am Kopf, aber entgegnete:

„Jungchen, solch einer abgewrackten Meute wie euch will man in meinem Alter nicht mehr freiwillig vorstehen.“

Einige Männer grölten und Ketten-Hannes bat sich mit einem schelmischen Grinsen Ruhe aus.

„Ich stelle euch hier unseren Nachwuchs vor, der bereit wäre das Schiff zu übernehmen.“ Er ergriff Wils Arm. „Wil alias Wilfrid dürfte den meisten von euch noch in guter Erinnerung sein. Sie, äh, er.....sie – verdammt – hat sich immer wie ein Mann geschlagen, ist intelligenter als mancher von euch und kennt sich vor allem auch mit den Dingsbums....Manieren aus. Das kann uns an Land von großem Nutzen sein.“

„Aber sie ist eine Frau!“ Von mehreren Seiten hörte man diesen Einwand.

„Und? Wenn sie hier als Wilfrid stehen würde, hättet ihr dann etwas zu entgegnen?“

Ein erregtes Stimmengemenge erhob sich. Jeder gab seinen Senf zu der altbekannten Geschlechterproblematik dazu. Ketten-Hannes wartete einen Moment, dann brüllte er mit donnerndem Crescendo: „Ruhe!!!! Verdammt noch mal!“
Mit einem Schlag verstummte alles. Und wieder liebenswürdiger sagte er: „Laßt uns doch hören, was Wil zu sagen hat.“

Diese straffte sich innerlich und begann: „Die meisten von euch kennen mich. Ihr wisst, dass ich nie jemanden übervorteilt oder benachteiligt habe. Ich habe mich durchgebissen, mit euch Seite an Seite gekämpft, doch habe auch nie meinen Mund gehalten, wenn es um Ungerechtigkeiten auf dem Schiff ging. Das kann sicher jeder bestätigen. Sogar für Peter bin ich damals eingetreten, der den Übergriffen und Intrigen des Kapitäns ausgesetzt war, während euch das nicht interessiert hat, falls ihr es denn in eurer Dumpfheit überhaupt bemerkt habt. Mir liegt nicht an Gold und anderen Schätzen. Das einzige, woran mir etwas liegt, ist dieses Schiff. Es ist mein Zuhause. Ich habe nie ein anderes gehabt und ich habe auch nichts anderes gelernt, als Pirat zu sein. Das habe ich euch zu verdanken. Aber ich trage euch nichts nach. Es ist mein Schicksal und ich werde es leben und das beste daraus machen, so gut ich es vermag. Genaugenommen möchte ich gar nichts anderes mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem schönen Haus mit einem Ehemann herumzusitzen und mich tödlich zu langweilen. Da ihr mich zu diesem Piratenleben verdammt habt, seid ihr mir in gewisser Weise etwas schuldig. Aber seid gewiß, dass ich nur das beste für euch und das Schiff möchte. Wir wollen neue Schätze heben und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, nicht nur auf diesem Schiff, sondern überall, wo wir die Möglichkeit haben, reiche Fettwämste und Länder darin zu unterstützen, etwas für die weniger Priviligierten zu tun, sei es mit oder gegen ihren Willen.“

„Bravo!!!“ Jubelrufe erschollen. Sie hatte den richtigen Nerv getroffen.

Doch Ketten-Hannes erbat sich sofort wieder Ruhe, ergriff Holgers Arm und hob ihn hoch.,
„Und hier haben wir Holger, ein verdientes Mitglied unserer Crew, allseits beliebt und mit großen Ambitionen.Vielleicht möchte er uns auch etwas sagen.“

„Männer!“ begann Holger, seine schwarzen Augen funkelten begierig und die leicht abstehenden Ohren glänzten im Abendlicht. „Wie ihr wisst, bin ich seit zwanzig Jahren auf diesem Schiff. Und habe ich es jemals verlassen? Nein! Ich war immer mit euch, während sich die da....“ dabei zeigte er auf Wil „irgendwo herumgetrieben hat. Wahrscheinlich hat sie schon Jahre nicht mehr ein Schiff navigiert. So jemanden...so eine Frau...“ das Wort „Frau“ sprach er mit exklusiver Betonung aus „...zum Kapitän zu wählen, wäre einfach dumm und lächerlich.“ Damit schloß er und wartete lauernd auf die Reaktionen.

Einige nickten – Unrecht hatte er nicht -, aber auch ein fast unhörbares Murren war vernehmbar.

„Nun gut“ ergriff Ketten-Hannes wieder das Wort, „so lasst uns denn abstimmen.“
Er nahm einen bereits vorbereiteten Korb mit kleinen Hölzchen – langen und kurzen. Die langen standen für Wil, die kurzen für Holger. Jeder erhielt eines von jeder Sorte. Ein kleines leeres Faß wurde aufgestellt und jedes Mitglied der Mannschaft durfte der Reihe nach ein Hölzchen hineinwerfen. Als alle abgestimmt hatten, nahm Ketten-Hannes das Faß und schüttete es auf einem Stück Segeltuch aus. Im spärlichen Licht einer Schiffslaterne begann er zu zählen und dabei jedes Hölzchen fein säuberlich auf eine Seite zu packen, ordentlich nebeneinander – lang an lang, kurz an kurz. Als er fertig war, konnte jeder erkennen, dass die Seite mit den langen Hölzchen ausgedehnter geworden war. Auch die Zählung ergab eine höhere Anzahl.
Grinsend erhob sich Ketten-Hannes, nahm Wils Handgelenk in seine Pranke und verkündete allen, dass sie die Siegerin sei. Holger stand düster daneben, konnte jedoch nicht lange an sich halten. „Das ist der größte Blödsinn, den ich je gesehen habe. Was für Schafsköpfe seid ihr eigentlich? Die Wahl war doch eindeutig manipuliert, schon deshalb, weil Ketten-Hannes nicht neutral gehandelt, sondern das Weib verteidigt hat!“
Erneut wurde es laut und jeder diskutierte mit jedem. Da erhob Wil ihre Stimme:
„Ok, Männer. Ich glaube, Holger hat teilweise recht. Ich konnte euch mit Worten überzeugen, dabei sollte ein künftiger Kapitän es eigentlich mit Taten tun. Manch einer kann besser mit dem Dolch umgehen als mit Worten. Ich schlage deshalb vor, damit die Chancen gleich verteilt sind, einen Zweikampf zu veranstalten. Hier wird sich zeigen, wer mit der Waffe besser ist und dieser soll, eure Zustimmung vorausgesetzt, Kapitän werden.“
Anerkennendes Gemurmel erhob sich. Das war nicht nur fair gesprochen, sondern auch sehr klug. Dafür, dass sie es wagte, sich Holger im Zweikampf zu stellen, gebührte ihr Bewunderung. Zwar konnte sie kämpfen, das wusste man ja, aber ob sie es auch mit solch einem kräftigen und vom Ziel angespornten Hünen aufnehmen konnte? Man würde sehen.

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