Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 71
Die überraschende Entdeckung des Fotos von Klaus Luchterhand ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Den dazugehörigen Artikel las ich zweimal und fand nach einigem Suchen zusätzlich eine dünne Mappe mit Zeitungsausschnitten zu diesem Thema. Gebannt stürzte ich mich in deren Lektüre und konnte mit ihrer Hilfe die damaligen Ereignisse wie folgt nachempfinden:
Am 13. September 1990 versuchte mein Nachbar zwischen 4 und 5 Uhr morgens mit Hilfe eines Bootes, eines Glasschneiders und verschiedener anderer Werkzeuge in das Herrenhaus auf der Taubeninsel einzubrechen. Er öffnete dazu ein Kellerfenster, wobei er die Alarmanlage aktivierte, welche sofort losging. Darauf flüchtete er und wurde ziemlich verstört am Ufer der Insel von Polizeibeamten aufgegriffen, die wegen des Alarmrufes zur Taubeninsel mit einem Motorboot übergesetzt hatten. Er sagte mehrmals, sein Boot sei abgetrieben und bekannte sich ohne Zögern des versuchten Einbruchs schuldig. Trotzdem gibt es einige rätselhafte Faktoren in diesem Fall. So wurde das Ruderboot verlassen am anderen Ufer gefunden, jedoch konnte es unmöglich von allein dorthin getrieben sein, sondern hätte sich flussabwärts im Schilfgewächs der Insel verfangen müssen. Die Polizei ging davon aus, dass er einen Kumpan hatte, der sich bei Ertönen der Alarmsirene aus dem Staub machte und den Komplizen auf der Insel zurückließ. Doch während aller Verhöre bestand Klaus Luchterhand darauf, allein gehandelt zu haben. Da es keine weiteren Hinweise gab, das Durchsuchen der Verbrecherkartei ohne Ergebnis blieb, beließ man es schließlich dabei. Der Prozeß war dementsprechend schnell abgehandelt. Klaus Luchterhand gab sich während der Gerichtsverhandlung zerknirscht und nannte als Motiv, die Verlockungen seien zu groß gewesen und er habe nach der Wende in seinem Werk weniger verdient als vorher. Deshalb habe er dieses Anwesen ausgekundschaftet, von dem er annahm, dass es dort etwas zu holen gab, und den Plan eines Einbruchs gefasst. Seine Lebensgefährtin saß während der Gerichtsverhandlung mit im Saal und wirkte sehr beherrscht, in einigen Momenten konnte man aber auch ihre starke Betroffenheit bemerken. Er schien sehr an ihr zu hängen, denn sobald sie sich länger nicht in der Untersuchungshaft blicken ließ, wurde er unruhig und verfiel in aggressives Selbstmitleid. Während der Verhandlung wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt, was er ohne Regung auf sich nahm.
Klaus Luchterhand war also Strafgefangener gewesen. Ich erinnerte mich an den Glasschneider in seinem Keller und fragte mich, ob er mit diesem den Einbruch verübt hatte und ebenso, ob er vielleicht einmal daran gedacht hatte, bei mir einzubrechen. Oder hatte er seiner kriminellen Karriere vollends abgeschworen? Ich war mir nicht im Klaren darüber und das machte mir doch ein wenig Angst, obwohl ich nicht mehr in meiner Wohnung lebte. Außerdem frage ich mich, welches Verbindungsglied Klaus Luchterhand zwischen meinen Albträumen von Sophie Alexejewna und dem Zarengold war. War das wirklich nur ein mysteriöser Zufall, dass er nach demselben gesucht hatte, dem, wonach ich nun auch suchte? Ich wurde aber das Gefühl nicht los, dass seine vermisste Lebensgefährtin ebenfalls etwas mit der Sache zu tun hatte, schon wegen der merkwürdigen Übereinstimmung, sich für Sophie Alexejewna zu halten oder sich so zu nennen.
Mir brummte der Schädel. Ich nahm ein Schluck Wasser und hoffte, dass sich das Chaos in meinem Kopf lichten würde, das tat es aber nicht. Wie nun weiter? Fast hätte ich vor lauter Grübeln das Mittagessen verpasst, welches ich ziemlich schweigsam zu mir nahm. Robert stubste mich einige Male an, weil ich so abwesend war. Irgendwie hatte ich auch nicht so rechten Hunger, obwohl es einen wirklich herrlichen Sauerbraten gab, wie ich ihn noch nie gegessen hatte. Doch ich kaute auf dem Fleisch und auf den Möhren so herum, dass mich Albert sogar schon fragte, ob es mir nicht schmecke.
„Oh doch! Das Essen ist prima. Ich habe nur keinen Appetit.“
„Nanu, als ich so jung war wie du, habe ich noch Portionen wie ein Pferd verschlungen.“
„Das glaub ich dir aufs Wort.“ Ich lachte und stand gleichzeitig auf, um mich zu empfehlen.
Bereits auf der Treppe hörte ich schnelle Schritte, die mir folgten. Es war Robert.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts. Oder doch: Ich habe etwas sehr merkwürdiges gefunden.“
„Gefunden? Was denn?“
Ich zögerte kurz. „Meinen Nachbarn.“
„Deinen Nachbarn?“ Robert sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
„Ja, du wirst es nicht glauben, er ist der Einbrecher, der vor Jahren versucht hat, hier in das Haus zu gelangen. Ich habe die entsprechenden Zeitungsausschnitte gefunden. Er ist deshalb zu drei Jahren verurteilt worden.“
„Und? Dann ist er eben ein Einbrecher. Aber du tust fast, als wäre er ein Geist.“
„Kannst du denn wirklich an solch einen Zufall glauben? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.“
„Stimmt schon. Kurios ist es allemal. Was hast du denn jetzt vor?“
„Ich weiß es nicht.“ sagte ich und zuckte mit den Achseln.
Robert sah mich ebenfalls etwas ratlos an und gab mir einen Kuß.
„Hoffentlich fällt dir bald etwas ein, damit du wieder klar im Kopf wirst.“
Ich tat gespielt beleidigt und verzog mich hinauf in das Turmzimmer. Dort hing ich meinen Gedanken nach, konnte aber keine klare Linie hineinbringen. Mir tat der Kopf weh und im Inneren hörte ich ständig die Worte meiner Freundin Christine: „Du tust, was du tun musst. Und erst mal eins nach dem anderen. Der weitere Weg ergibt sich dann von selbst. Du wirst sehen.“
Ich strengte mich zu sehr an. Mir war plötzlich klar, dass ich loslassen musste, damit die Inspiration mich finden konnte. Deshalb machte ich es mir nun bequem, lockerte die Muskeln und begann meinen Geist zu leeren, mich in den Kern meines Seins zu versenken und schon bald überkam mich ein tiefer Frieden. Als ich aus mir selbst auftauchte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber ich fühlte mich erfrischt und wach. Die Sonne stand noch immer hoch hinter einem Dunstschleier und ein Spatz saß am Fenster auf dem Fenstersims und schaute mich an. Doch nur wenige Momente, nachdem ich die Augen geöffnet hatte, flatterte er eilig davon. Meine Aufregung hatte sich gelegt und ich beschloß, einen Spaziergang zu machen.
Und bereits auf der Treppe nach unten überfiel mich ein Einfall wie eine lauernde Katze. Natürlich! Ich würde einfach mit ihm sprechen. Ihn fragen, was es mit diesem Haus auf sich hat, warum er ausgerechnet hier einbrechen wollte. Ich musste ja nicht in meine alte Wohnung gehen. Und da er um die Geschehnisse dort wusste, würde er hoffentlich Verständnis haben und mir offen alle meine Fragen beantworten. Ein wenig beunruhigend fand ich die Vorstellung, mit einem Kriminellen zu reden. Aber er war ja kein Mörder, hatte seine Strafe längst abgebüßt und ich kannte ihn bereits. Er war zwar sonderbar, war mir aber außer mit seiner übergroßen Neugier bisher noch nicht zu nahe getreten. Genau! Das würde ich tun. Aber zuerst der Spaziergang.
Am 13. September 1990 versuchte mein Nachbar zwischen 4 und 5 Uhr morgens mit Hilfe eines Bootes, eines Glasschneiders und verschiedener anderer Werkzeuge in das Herrenhaus auf der Taubeninsel einzubrechen. Er öffnete dazu ein Kellerfenster, wobei er die Alarmanlage aktivierte, welche sofort losging. Darauf flüchtete er und wurde ziemlich verstört am Ufer der Insel von Polizeibeamten aufgegriffen, die wegen des Alarmrufes zur Taubeninsel mit einem Motorboot übergesetzt hatten. Er sagte mehrmals, sein Boot sei abgetrieben und bekannte sich ohne Zögern des versuchten Einbruchs schuldig. Trotzdem gibt es einige rätselhafte Faktoren in diesem Fall. So wurde das Ruderboot verlassen am anderen Ufer gefunden, jedoch konnte es unmöglich von allein dorthin getrieben sein, sondern hätte sich flussabwärts im Schilfgewächs der Insel verfangen müssen. Die Polizei ging davon aus, dass er einen Kumpan hatte, der sich bei Ertönen der Alarmsirene aus dem Staub machte und den Komplizen auf der Insel zurückließ. Doch während aller Verhöre bestand Klaus Luchterhand darauf, allein gehandelt zu haben. Da es keine weiteren Hinweise gab, das Durchsuchen der Verbrecherkartei ohne Ergebnis blieb, beließ man es schließlich dabei. Der Prozeß war dementsprechend schnell abgehandelt. Klaus Luchterhand gab sich während der Gerichtsverhandlung zerknirscht und nannte als Motiv, die Verlockungen seien zu groß gewesen und er habe nach der Wende in seinem Werk weniger verdient als vorher. Deshalb habe er dieses Anwesen ausgekundschaftet, von dem er annahm, dass es dort etwas zu holen gab, und den Plan eines Einbruchs gefasst. Seine Lebensgefährtin saß während der Gerichtsverhandlung mit im Saal und wirkte sehr beherrscht, in einigen Momenten konnte man aber auch ihre starke Betroffenheit bemerken. Er schien sehr an ihr zu hängen, denn sobald sie sich länger nicht in der Untersuchungshaft blicken ließ, wurde er unruhig und verfiel in aggressives Selbstmitleid. Während der Verhandlung wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt, was er ohne Regung auf sich nahm.
Klaus Luchterhand war also Strafgefangener gewesen. Ich erinnerte mich an den Glasschneider in seinem Keller und fragte mich, ob er mit diesem den Einbruch verübt hatte und ebenso, ob er vielleicht einmal daran gedacht hatte, bei mir einzubrechen. Oder hatte er seiner kriminellen Karriere vollends abgeschworen? Ich war mir nicht im Klaren darüber und das machte mir doch ein wenig Angst, obwohl ich nicht mehr in meiner Wohnung lebte. Außerdem frage ich mich, welches Verbindungsglied Klaus Luchterhand zwischen meinen Albträumen von Sophie Alexejewna und dem Zarengold war. War das wirklich nur ein mysteriöser Zufall, dass er nach demselben gesucht hatte, dem, wonach ich nun auch suchte? Ich wurde aber das Gefühl nicht los, dass seine vermisste Lebensgefährtin ebenfalls etwas mit der Sache zu tun hatte, schon wegen der merkwürdigen Übereinstimmung, sich für Sophie Alexejewna zu halten oder sich so zu nennen.
Mir brummte der Schädel. Ich nahm ein Schluck Wasser und hoffte, dass sich das Chaos in meinem Kopf lichten würde, das tat es aber nicht. Wie nun weiter? Fast hätte ich vor lauter Grübeln das Mittagessen verpasst, welches ich ziemlich schweigsam zu mir nahm. Robert stubste mich einige Male an, weil ich so abwesend war. Irgendwie hatte ich auch nicht so rechten Hunger, obwohl es einen wirklich herrlichen Sauerbraten gab, wie ich ihn noch nie gegessen hatte. Doch ich kaute auf dem Fleisch und auf den Möhren so herum, dass mich Albert sogar schon fragte, ob es mir nicht schmecke.
„Oh doch! Das Essen ist prima. Ich habe nur keinen Appetit.“
„Nanu, als ich so jung war wie du, habe ich noch Portionen wie ein Pferd verschlungen.“
„Das glaub ich dir aufs Wort.“ Ich lachte und stand gleichzeitig auf, um mich zu empfehlen.
Bereits auf der Treppe hörte ich schnelle Schritte, die mir folgten. Es war Robert.
„Was ist los mit dir?“
„Nichts. Oder doch: Ich habe etwas sehr merkwürdiges gefunden.“
„Gefunden? Was denn?“
Ich zögerte kurz. „Meinen Nachbarn.“
„Deinen Nachbarn?“ Robert sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.
„Ja, du wirst es nicht glauben, er ist der Einbrecher, der vor Jahren versucht hat, hier in das Haus zu gelangen. Ich habe die entsprechenden Zeitungsausschnitte gefunden. Er ist deshalb zu drei Jahren verurteilt worden.“
„Und? Dann ist er eben ein Einbrecher. Aber du tust fast, als wäre er ein Geist.“
„Kannst du denn wirklich an solch einen Zufall glauben? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.“
„Stimmt schon. Kurios ist es allemal. Was hast du denn jetzt vor?“
„Ich weiß es nicht.“ sagte ich und zuckte mit den Achseln.
Robert sah mich ebenfalls etwas ratlos an und gab mir einen Kuß.
„Hoffentlich fällt dir bald etwas ein, damit du wieder klar im Kopf wirst.“
Ich tat gespielt beleidigt und verzog mich hinauf in das Turmzimmer. Dort hing ich meinen Gedanken nach, konnte aber keine klare Linie hineinbringen. Mir tat der Kopf weh und im Inneren hörte ich ständig die Worte meiner Freundin Christine: „Du tust, was du tun musst. Und erst mal eins nach dem anderen. Der weitere Weg ergibt sich dann von selbst. Du wirst sehen.“
Ich strengte mich zu sehr an. Mir war plötzlich klar, dass ich loslassen musste, damit die Inspiration mich finden konnte. Deshalb machte ich es mir nun bequem, lockerte die Muskeln und begann meinen Geist zu leeren, mich in den Kern meines Seins zu versenken und schon bald überkam mich ein tiefer Frieden. Als ich aus mir selbst auftauchte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber ich fühlte mich erfrischt und wach. Die Sonne stand noch immer hoch hinter einem Dunstschleier und ein Spatz saß am Fenster auf dem Fenstersims und schaute mich an. Doch nur wenige Momente, nachdem ich die Augen geöffnet hatte, flatterte er eilig davon. Meine Aufregung hatte sich gelegt und ich beschloß, einen Spaziergang zu machen.
Und bereits auf der Treppe nach unten überfiel mich ein Einfall wie eine lauernde Katze. Natürlich! Ich würde einfach mit ihm sprechen. Ihn fragen, was es mit diesem Haus auf sich hat, warum er ausgerechnet hier einbrechen wollte. Ich musste ja nicht in meine alte Wohnung gehen. Und da er um die Geschehnisse dort wusste, würde er hoffentlich Verständnis haben und mir offen alle meine Fragen beantworten. Ein wenig beunruhigend fand ich die Vorstellung, mit einem Kriminellen zu reden. Aber er war ja kein Mörder, hatte seine Strafe längst abgebüßt und ich kannte ihn bereits. Er war zwar sonderbar, war mir aber außer mit seiner übergroßen Neugier bisher noch nicht zu nahe getreten. Genau! Das würde ich tun. Aber zuerst der Spaziergang.
zuckerwattewolkenmond - Die namenlose Geschichte - 2008/05/19 20:11
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