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Keiner kommt hier lebend raus ~~~~~~~~~~~~~

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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 72

Ich griff nach einer dünnen Regenjacke in Hinsicht auf einen dickbäuchigen grauen Wolkenhaufen, der auf den Baumkronen thronte, und verschwand auf dem hinteren Gartenpfad in Richtung Wald. Ein graues, dünnbäuchiges Kätzchen schlich durch das Unterholz neben mir her und wurde am Waldrand durch den grauen Schatten eines Eichelhähers abgelöst. Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf, trotzdem versuchte ich, mich auf die würzige Waldluft und die vielen Eichkätzchen zu konzentrieren, welche wie feuerrote Kobolde die Bäume hinauf- und hinunterhuschten. Es lag Regen in der Luft, man konnte ihn förmlich schon riechen, und es war verdächtig drückend, wenn auch nicht heiß. Ich spürte bald ein Pochen hinter dem linken Auge, welches stetig zunahm und meine Stimmung nicht gerade steigerte. Ab und zu vernahm man den Ruf eines Kuckucks wie aus weiter Ferne. Es war ein seltsames Gefühl, so allein im Wald spazieren zu gehen. Einerseits schön - diese dichte Stille, die eigentlich keine Stille ist, da man, wenn man genau lauscht, überall ein leises Wispern, Knacken und Rauschen hören kann, genoss ich immer wieder gerne, aber irgendwie fühlte ich mich auch wie ein Eindringling in eine Welt, die zwar nicht fremd ist, sich aber mehr und mehr dem Menschen entzieht, je stärker er sie zu beherrschen sucht.

Mit dieser Überlegung erreichte ich eine Wegkreuzung. Der Weg geradeaus führte zum Ufer der Insel, welches ich schon kannte, deshalb beschloss ich, den Weg zu nehmen, der nach rechts führte. Mindestens zehn Minuten war ich diesem gefolgt, als ich merkte, dass der Wald zunehmend dunkler und dichter wurde. Umgekippte alte Bäume lagen kreuz und quer, bevorzugt direkt über dem Weg, und reckten ihre toten Wurzeln in die Höhe, welche groteske Formen bildeten. Ich hatte einiges zu klettern und fragte mich einige Male, ob es nicht besser wäre, umzukehren, wusste aber gleichzeitig, dass ich das nicht tun würde, zumindest nicht so lange kein unüberwindliches Hindernis mir den Weg versperrte. Plötzlich, von einem Schritt zum nächsten, ohne dass ich vorher etwas davon bemerkt hätte, befand ich mich auf einer freien Fläche mit einigen Schuppen und Garagen. Ein Mann mit grauem Schnurrbart und speckigem Jeanshemd hantierte an einem übergroßem Rasenmäher herum. Als er mich bemerkte, starrte er mich entgeistert an – wahrscheinlich traf er auf dieser Insel selten Leute und wenn doch, ausschließlich welche, die er bereits kannte.

„Das ist Privatbesitz.“ sagte er, unsicher, ob ich unbefugt war oder nicht.

„Ich weiß.“ antwortete ich und: „Ich bin zu Gast bei Albert....von der Taubeninsel.“

Etwas absurd fand ich es, Onkel Albert in einem Gespräch so zu nennen, aber es rutschte mir einfach heraus, da ich ihn für mich stets mit diesem Namen bedachte. Der Mann wusste aber, was ich meinte und war zufrieden.

Ich fragte ihn, wo ich mich befände und er erklärte, dass dies die Wirtschaftshöfe für die Garten- und Forstarbeiter seien. Er erzählte mir auch, dass es nicht viel Personal gäbe. Zwei Gärtner und vier Forstarbeiter, ziemlich wenig für dieses große Anwesen, wie mir schien.
Der Waldarbeiter berichtete gerade über die Ausdehnung der Waldungen und den Bestand an alten Eichen, da trat Robert hinter einem der Schuppen hervor und starrte mich ebenso entgeistert an, wie der Arbeiter zuvor.

„Was tust du denn hier?“

Im gleichen Moment als er das fragte, platschten die ersten dicken Regentropfen auf den grauen Betonboden vor uns.

„Ich war spazieren.“

„Allein und mitten im Regen?“

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, es war ihm gar nicht recht, mich hier zu sehen, allerdings wusste ich nicht, ob das etwas mit diesem Ort zu tun hatte oder mit der Tatsache, dass ich allein im Wald gewesen war. Ich fragte nicht weiter, als er uns beim Forstarbeiter verabschiedete und mich unauffällig mit sich hinter den Schuppen zog, von wo er gekommen war. Dann zeigte er mir einen schmalen Pfad, der zurück zum Herrenhaus führte. Vom Herrenhaus zu den Wirtschaftshöfen war es gar nicht sehr weit, zumindest im Vergleich zum Umweg, den ich durch den Wald genommen hatte.

„Ich möchte nicht, dass du allein zu den Höfen gehst.“ begann er, neben mir herlaufend.

„Wieso nicht?“

„Hier ist weit und breit niemand, der dir helfen kann, falls dir was passiert.“

„Was soll mir denn passieren?“

„Na was weiß ich. Das sind alles kräftige Kerle. Wer weiß, auf was für Ideen die kommen.“

„Ich hoffe, doch auch anständige Kerle...“

„Darauf würde ich mich an deiner Stelle nicht verlassen.“

„Meinst du nicht, dass ich allein die Verantwortung für mich übernehmen kann.?“ antwortete ich leicht verärgert, während der Regen auf meine Stirn trommelte.

„Deine Verantwortung nützt mir nichts mehr, wenn ich dich scheibchenweise aufsammeln darf.“ Sein Blick drückte tatsächlich ängstliche Besorgnis aus, was mir zum einen an das Herz ging, zum anderen wusste ich aber, dass ich darauf niemals würde Rücksicht nehmen können.

„Ach komm! Jetzt übertreibst du aber! Du siehst zu viele Horrorfilme. Und überhaupt - was willst du tun? Mich in mein Turmzimmer sperren? Du weißt doch, in Märchen geht so was niemals gut.“

„Jetzt bist du es, die übertreibt. Du hättest mich ja auch einfach fragen können, ob ich mit dir in den Wald gehe.“

„Willst du jedes Mal springen, wenn ich raus möchte? Dann hätte Onkel Albert dich besser als Bodyguard anstellen sollen und nicht als Finanzverwalter. Im übrigen – woher weiß ich, dass ich DIR vertrauen kann?“
Die letzte Frage war natürlich nicht ernst gemeint. Ich war mir hundertprozentig sicher, ihm vertrauen zu können und hatte ihn mit der Frage auf das Problem aufmerksam machen wollen, dass ich selbst in meinem Leben das Risiko zu entscheiden hatte, welches ich auf mich nehmen würde und dies auch bei ihm getan hatte. Doch ich spürte, dass ihn die Bemerkung getroffen hatte. Ich spürte es an der Art, wie er traurig die Lippen zusammenpresste und nichts zu erwidern wusste.

Langsam nervte mich dieses Gespräch. Wir redeten uns immer weiter auseinander und meine Kopfschmerzen nahmen stetig zu. Ich haßte die Situation und ich haßte meinen Kopf.

„Weißt du was? Laß uns morgen weiterreden. Ich habe höllische Kopfschmerzen und brauche jetzt Ruhe.“

„Ja, klar.“ Der Antwort entnahm ich, dass er mir nicht glaubte. „Ich laß dich schon in Ruhe.“

Damit wandte er sich ab und marschierte geradewegs in den Haupteingang des Hauses, welches wir inzwischen erreicht hatten, ohne sich noch einmal umzuschauen. Ich folgte ihm, doch drinnen war er bereits verschwunden.

Ich hängte die nasse Regenjacke an einen Gardrobenständer, zog die triefenden Schuhe aus und schlich mich auf mein Zimmer, welches ich selbst zum Abendessen nicht mehr verlassen sollte. Stattdessen warf ich mich völlig elend ins Bett, machte mir graue Gedanken und fiel in einen fünfzehnstündigen traumlosen Schlaf.

*Bemerkung: Schreiben über Kopfschmerzen scheint ein gutes Mittel gegen Kopfschmerzen zu sein. Nachdem ich diesen Abschnitt abgeschlossen hatte, waren meine verschwunden. Vielleicht gibt es ja so eine Art magische Übertragung auf die Romanfigur.*

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