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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 74

Noch im Morgengrauen des nächsten Tages wurde Ferdinand, der berühmte Seebeuter, aus seiner Kajüte geholt, erhielt ein Stück Kautabak und einen Krug Wein, was viele der Mannschaft mit Missfallen sahen, da sie dies für Verschwendung hielten, und wurde am höchsten Mast des Dreimastschoners aufgeknüpft. Seine letzten Worte waren: „Ihr werdet noch bereuen, was ihr getan habt!“, das Übliche halt. Nach drei Tagen begann die rotsträhnige Leiche zu stinken und wurde als Futter für die Fische dem Meer übergeben. Leider fand man unter seinen Sachen keinen Hinweis auf das Versteck seiner Beute, die er sich unrechtmäßig angeeignet hatte, was die Piraten davon abhielt, ihn dem Herrn zu empfehlen. Sollte er doch in der Hölle schmoren!

Peter hatte es eilig, wieder nach Hause zu kommen. Er hatte Sehnsucht nach seinem neuen, heilen Leben in Sankt Peterburg und Wil versprach ihm, dass sie als nächstes Kurs auf seine Heimat nehmen würden. Bis dorthin war es jedoch noch eine weite Reise und so genossen sie es, abends im Schein der Schiffslaterne lange über ihre jeweilige Zukunft zu reden. Die Vergangenheit war abgeschlossen.

Nach vielen Tagen hatten sie die englischen Inseln umschifft. Der gute Wein war ausgegangen und die besseren Vorräte waren ebenfalls aufgebraucht. Man darbte bei Schiffszwieback und Rum, während Ausschau nach anderen Schiffen gehalten wurde, die man plündern konnte. Nach weiteren vielen Tagen kam die weißrussische Küste in Sicht. Verloren stand Peter an der Reling und gedachte des schicksalsschweren Tages, als er zuletzt vor dieser Küste kreuzte und sein nacktes Leben retten musste.

Da es für die Piraten zu gefährlich war, direkt im Hafen vor Anker zu gehen, brachten Wil und Schiffskoch Heiner ihn mit dem Rettungsboot an Land. Heiner hatte gleichzeitig den Auftrag, das Proviant wieder tüchtig aufzufüllen. Wil und Peter – Pjotr Petrowitsch, wie er sich hier nannte, gingen zu seinem Juweliergeschäft und konnten sich davon überzeugen, dass während seiner Abwesenheit alles bestens gelaufen ist. Iwan, sein Geselle, hatte sich wirklich einen goldenen Löffel verdient. Piotr Petrowitsch öffnete alle Türen zu seinen privaten Zimmern und lüftete kräftig durch. Wenn er daran dachte, dass Wil gleich gehen und er sie wahrscheinlich nicht wiedersehen würde, hatte er einen Kloß im Hals, weshalb er wenig sagte. Auch Wil war recht still und sah stumm zu, wie er seinen Seesack in eine Ecke warf und das Wasser für den Samowar auffüllte. Gemeinsam tranken sie Tee, redeten über dies und jenes, als Wil schließlich das Zeichen zum Aufbruch gab. Heiner würde sicher bereits auf sie warten.

Piotr Petrowitsch bestand darauf, sie zum Hafen zu bringen, wo Heiner tatsächlich schon in einem Ruderboot voller Kisten und Fässer nach ihnen Ausschau hielt. Bevor Wil einsteigen konnte, hielt Piotr Petrowitsch sie zurück und reichte ihr ein elfenbeinernes Klappmesser, dasselbe, das er einst vor vielen Jahren von ihr erhielt, als sie noch ein Er war.

„Du kannst es jetzt besser gebrauchen als ich.“ erklärte er und Wil nickte lächelnd, als sie es nahm. Sie wusste, was er meinte. Das Piratenleben war gefährlich und kurz. Wenige wurden sehr alt und die meisten starben eines gewaltsamen Todes. Er hoffte sehr, sie würde auf sich aufpassen und ein langes, abenteuerliches Leben auf See führen, so wie sie es sich gewünscht hatte.

Zwei Jahre nachdem man von Ferdinand dem Seebeuter weder etwas gesehen noch gehört hatte, erhielt sein Sohn Karl einen versiegelten Brief. Dieser enthielt eine Karte, sowie genaue Anweisungen, wie er in eine Höhle gelangen konnte, an der Steilküste von Rügen gelegen, in welcher Ferdinand seine Beute aus vielen Plünderungen gut versteckt hatte. Karl machte sich nach einigen Wochen Vorbereitung auf den Weg, kehrte als reicher Mann zurück und kaufte eine Insel inmitten in der großartigen königlichen Residenzstadt Berlin, wo er sich mitsamt seiner Familie niederließ.

257

Die Taubeninsel hielt mich in ihrem Bann. Jeden Tag, nachdem ich massenweise Papiere gesichtet, geordnet und katalogisiert hatte, durchstreifte ich sie von Süden bis Norden, Osten bis Westen. Nur die Gegend der Wirtschaftshöfe mied ich Robert zuliebe. Doch fürchtete ich nichts auf diesem kleinen Stückchen Land, weder Forstarbeiter noch sonst irgend etwas. Die Stille und weitflächige Unberührtheit sickerten in meine Poren und lösten in mir eine Ruhe aus, welche die Zeit beherrschte und gefügig machte. Ich fühlte mich sicher und aufgehoben inmitten des kleinen Universums, in welchem die Uhren anders tickten. Obwohl die Insel nicht sehr groß war, entdeckte ich trotzdem immer neues in den dichten Wäldern und das Wissen darum, dass die Großstadt nur wenige Minuten entfernt war und gleichzeitig so weit entfernt, als wäre sie gar nicht vorhanden, machte einen zusätzlichen Reiz aus. Viele Tage streifte ich so umher, manchmal begleitete Robert mich, allerdings merkte ich schnell, dass er doch ziemlich froh war, nicht ständig mit mir auf Wanderschaft sein zu müssen. Dies ist, wie ich glaube, auch der Grund, warum er nie wieder etwas sagte, wenn ich allein ausgedehnte Spaziergänge unternahm. Den Besuch bei Klaus Luchterhand hatten wir hinausgeschoben, da Robert wegen seines Monatsabschlusses keine Zeit fand, um mich zu fahren. Und es eilte ja auch nicht.

Zwischendurch telefonierte ich mit Christine, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen, und sie reagierte wenig überrascht. „Es gibt keine Zufälle. Du weißt, was meine Meinung dazu ist.“
Ich erzählte ihr auch von meinen Zweifeln, ob es überhaupt noch Sinn machte, der Sache nachzugehen. Schließlich fühlte ich mich hier sehr wohl, nichts ängstigte oder belastete mich, zumal ich in einen Zustand übergegangen war, in welchem ich völlig im Jetzt lebte und mir keine großen Gedanken um die Zukunft machte – weder positive noch negative – , sondern alles auf mich zukommen ließ. Doch Christine ermahnte mich durchzuhalten. Wenn ich das Rätsel heute nicht lösen würde, würde es sich früher oder später wieder zu Wort melden, eventuell viel heftiger vorher. Mit Karma war nicht zu spaßen.
Ich wusste zwar nicht, ob sie mit dem Karma recht hatte, andererseits spürte ich aber schon, dass zumindest meine Neugier irgendwann erneut erwachen würde, vielleicht erst im hohen Alter, vielleicht schon früher, aber mit jedem Jahr, das vergangen war, würde es wohl schwieriger werden, die Wahrheit herauszufinden.

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