Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 74
Endlich hatte sich Robert für einen Tag frei machen können, um mich zu meinem ehemaligen Wohnhaus zu begleiten. In den vergangenen Tagen hatte ich mir erneut meine Münzzeichnungen genauer angeschaut und mit Münzdatenbanken verglichen, außerdem ein paar weitere Mappen und Kisten mit Papieren durchgesehen. Mein Kopf war vollgestopft mit Informationen, die mich nicht weiterbrachten. Es war ein frühherbstlicher Tag mit einer altgoldenen Sonne am Himmel und ich fragte mich bei unserer Abfahrt mit dem Fährboot, wie diese Insel wohl völlig mit Schnee und Eis bedeckt aussehen würde. Sicherlich wunderschön und ich freute mich schon auf diese Erfahrung, die mir noch bevorstand. Beim Anlegen an der städtischen Seite der Spree kreisten zwei schneeweiße Schwäne im Wasser und folgten uns neugierig an das Ufer. Rudi, der Fährmann, verabschiedete sich und strebte Richtung Biergarten zum Mittagsimbiß.
Auf Robert und mich wartete bereits ein bestellter Wagen. Bei der Überfahrt fühlte ich mich relativ entspannt, doch als ich in das Auto stieg, bemerkte ich, wie eine leichte Aufregung mir den Magen zusammenschnürte. Schon allein der Blick auf die mit Touristen und Berlinern überfüllten Straßen war mir innerhalb von wenigen Wochen fremd geworden, dafür aber auch besonders spannend. Robert fuhr einige absichtliche Umwege durch die Stadt und hielt schließlich vor einem Restaurant, wo wir uns vor der Weiterfahrt mit Omeletts stärkten, auch wenn sich mein Appetit in Grenzen hielt.
Endlich bogen wir in die kleine Straße, die einmal meine Heimat gewesen war. Es schien mir doppelt verwunderlich, dass mir in wenigen Wochen ein Ort so fremd werden konnte und sich trotzdem so unendlich vertraut anfühlen konnte. Die Geschäfte in der Straße waren noch dieselben und die Bäume ebenfalls. Sie trugen wie eh und je schwer an ihren Früchten und die dünne, abgeschälte Rinde zerplatzte knackend unter unseren Schuhen. Es erschien mir eine Ewigkeit, die ich nicht mehr hier gewesen war, aber ich hatte nichts vermisst.
Robert parkte den Wagen ein Stückchen von meiner Haustür entfernt auf einer neu angelegten Verkehrsinsel, dann versprach er, dass er notfalls den ganzen Nachmittag auf mich warten und zwischendurch in der Kneipe um die Ecke ein Bier trinken würde. Er reichte mir ein Handy, mit dem ich ihn bei Bedarf schnell erreichen konnte und gab mir einen Kuß auf die Stirn.
Mit erwartungsvoller Spannung betrat ich den Hausflur. Der Geruch nach Bohnerwachs und Zeitungen hatte sich nicht verändert. Es war, als würde ich das Deja-Vu eines Traumes erleben. Auf meinem Treppenabsatz angekommen, konnte ich es doch nicht lassen, in meine alte Wohnung hineinzuschauen und schloß die Tür auf. Stickiger Mief kam mir entgegen, es war lange nicht mehr gelüftet worden. Obwohl taghelles Licht durch die Fenster fiel, lösten die verlassenen Zimmer in mir ein beklommenes Gefühl aus. Man merkte, dass die Räume einige Zeit nicht bewohnt gewesen waren, es fehlte das Leben, und ich hatte wenig Lust, es ihnen wiederzugeben. Ich betrachtete die Dinge, die sich noch von mir in der Wohnung befanden. Eingestaubt harrten sie eines neuen Glanzes. Viel hatte ich nie besessen, aber auch von dem wenigen vermisste ich nicht viel. Im großen Zimmer stellten sich mir unvermittelt alle Härchen an den Armen auf. Ich konnte nicht sagen weshalb, aber hier einmal gewohnt zu haben erschien mir unvorstellbar. Vielleicht waren es die unguten Erinnerungen, vielleicht aber auch etwas anderes. Sobald ich nicht mehr auf der Taubeninsel bleiben konnte, was in absehbarer Zeit wohl nicht der Fall sein würde, müsste ich mir eine neue Wohnung suchen.
Bäche von schwarzem Öl hatten sich von der ursprünglichen Wand über die Decke und zwei weitere Wände ausgebreitet. Sie wirkten wie breite Risse in der Mauer und mir wurde kalt, wenn ich sie ansah. Auch auf dem Teppich prangte ein großer schwarzer Fleck.
Das kleine Püppchen, welches einst in der Mauer versteckt gewesen war, saß noch immer neben den Blumentöpfen mit den vertrockneten Orchideen. Mit einem Mal kam mir ein Gedanke. Ich nahm das Püppchen und steckte es in meine Handtasche, dann trat ich wieder in den Hausflur.
Auf Robert und mich wartete bereits ein bestellter Wagen. Bei der Überfahrt fühlte ich mich relativ entspannt, doch als ich in das Auto stieg, bemerkte ich, wie eine leichte Aufregung mir den Magen zusammenschnürte. Schon allein der Blick auf die mit Touristen und Berlinern überfüllten Straßen war mir innerhalb von wenigen Wochen fremd geworden, dafür aber auch besonders spannend. Robert fuhr einige absichtliche Umwege durch die Stadt und hielt schließlich vor einem Restaurant, wo wir uns vor der Weiterfahrt mit Omeletts stärkten, auch wenn sich mein Appetit in Grenzen hielt.
Endlich bogen wir in die kleine Straße, die einmal meine Heimat gewesen war. Es schien mir doppelt verwunderlich, dass mir in wenigen Wochen ein Ort so fremd werden konnte und sich trotzdem so unendlich vertraut anfühlen konnte. Die Geschäfte in der Straße waren noch dieselben und die Bäume ebenfalls. Sie trugen wie eh und je schwer an ihren Früchten und die dünne, abgeschälte Rinde zerplatzte knackend unter unseren Schuhen. Es erschien mir eine Ewigkeit, die ich nicht mehr hier gewesen war, aber ich hatte nichts vermisst.
Robert parkte den Wagen ein Stückchen von meiner Haustür entfernt auf einer neu angelegten Verkehrsinsel, dann versprach er, dass er notfalls den ganzen Nachmittag auf mich warten und zwischendurch in der Kneipe um die Ecke ein Bier trinken würde. Er reichte mir ein Handy, mit dem ich ihn bei Bedarf schnell erreichen konnte und gab mir einen Kuß auf die Stirn.
Mit erwartungsvoller Spannung betrat ich den Hausflur. Der Geruch nach Bohnerwachs und Zeitungen hatte sich nicht verändert. Es war, als würde ich das Deja-Vu eines Traumes erleben. Auf meinem Treppenabsatz angekommen, konnte ich es doch nicht lassen, in meine alte Wohnung hineinzuschauen und schloß die Tür auf. Stickiger Mief kam mir entgegen, es war lange nicht mehr gelüftet worden. Obwohl taghelles Licht durch die Fenster fiel, lösten die verlassenen Zimmer in mir ein beklommenes Gefühl aus. Man merkte, dass die Räume einige Zeit nicht bewohnt gewesen waren, es fehlte das Leben, und ich hatte wenig Lust, es ihnen wiederzugeben. Ich betrachtete die Dinge, die sich noch von mir in der Wohnung befanden. Eingestaubt harrten sie eines neuen Glanzes. Viel hatte ich nie besessen, aber auch von dem wenigen vermisste ich nicht viel. Im großen Zimmer stellten sich mir unvermittelt alle Härchen an den Armen auf. Ich konnte nicht sagen weshalb, aber hier einmal gewohnt zu haben erschien mir unvorstellbar. Vielleicht waren es die unguten Erinnerungen, vielleicht aber auch etwas anderes. Sobald ich nicht mehr auf der Taubeninsel bleiben konnte, was in absehbarer Zeit wohl nicht der Fall sein würde, müsste ich mir eine neue Wohnung suchen.
Bäche von schwarzem Öl hatten sich von der ursprünglichen Wand über die Decke und zwei weitere Wände ausgebreitet. Sie wirkten wie breite Risse in der Mauer und mir wurde kalt, wenn ich sie ansah. Auch auf dem Teppich prangte ein großer schwarzer Fleck.
Das kleine Püppchen, welches einst in der Mauer versteckt gewesen war, saß noch immer neben den Blumentöpfen mit den vertrockneten Orchideen. Mit einem Mal kam mir ein Gedanke. Ich nahm das Püppchen und steckte es in meine Handtasche, dann trat ich wieder in den Hausflur.
zuckerwattewolkenmond - Die namenlose Geschichte - 2008/06/10 18:06
Omen Potenta Rucola



















