Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 75
Mein Herz klopfte, als ich die Klingel an der gegenüberliegenden Tür betätigte. Vorsichtig öffnete sich diese und Herr Luchterhand schaute mich groß über seine Brillengläser hinweg an.
„Du? Daß man dich noch einmal sieht. Ich dachte schon, du wärst bereits ganz ausgezogen.“
bemerkte er schüchtern lächelnd.
„Mehr oder weniger ist es so. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich mit dir sprechen wollte.“
„Worüber denn?“
„Das wird länger dauern. Läßt du mich rein?“
„Ähm.....na gut.“ Seine graumelierten Locken oberhalb der Schläfen wippten leise.
Anscheinend hatte ich ihn beim Experimentieren mit Bratkartoffeln gestört, denn durch die Küchentür erhaschte ich einen Blick auf verschiedene Flaschen und Töpfe, in denen sich Öl, Schmalz und Gewürze befanden und die ziemlich wild auf einem großen Tisch herumstanden, dazwischen einige verstreute ungeschälte Kartoffeln. Ich konnte den Duft von Romarin und Kümmel identifizieren.
Er bot mir wieder einen Platz auf seiner unbequemen Couch an, jedoch ohne mich auf extra Kissen hinzuweisen. Da ich es mir sowieso nicht zu gemütlich machen wollte, beugte ich mich nach vorne und stützte meine Ellenbogen auf die Knie. Die Matroschkas in der Vitrine gegenüber lächelten mich pausbäckig an. Ich wusste nicht, wie beginnen und ein verlegenes Schweigen entstand. Klaus Luchterhand hatte sich auf einen Sessel gesetzt, der direkt mit dem Rücken vor dem Fenster stand, so dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte. Die Kontur seines Kopfes hob sich scherenschnittartig vom hellen Hintergrund ab. Trotzdem spürte ich, dass er sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte, was vielleicht den überraschenden Umständen meines Besuches zu danken war.
„Ich habe da etwas gefunden, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht und wozu ich dich etwas fragen möchte.“
Er nickte, sprang dann aber plötzlich auf, um mir eine Tasse Tee anzubieten. Ich schüttelte dankend den Kopf und er setzte sich wieder.
„Und zwar sah ich eine alte Zeitung, in der ich dein Foto erkannte.“
Er nickte, es schien ihm peinlich zu sein, aber er unterbrach mich trotzdem.
„Ja, ich vermute du meinst die Sache mit dem Einbruch.“ Seine Stimme klang gespannt.
„Genau. Du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als ich das las. Ich hätte dir das niemals zugetraut und deshalb würde ich gerne ein wenig mehr über deine Motive und den Ablauf wissen wollen. Denn es gibt da einen Zusammenhang, einen Zufall, der mich noch um vieles mehr verwundert und ich glaube, du weißt, was ich meine.“
Vorsichtig tastete ich die Wirkung meiner Worte ab. Da sein Gesicht fast im Dunkeln lag, konnte ich nicht viel Regung erkennen.
Er nickte abermals: „Es stimmt, ich habe wegen versuchtem Einbruch gesessen.“ , ließ mich aber im Ungewissen, ob er meine Andeutungen verstanden hatte.
Ich wurde direkter: „In diesen Träumen mit der Frau, Sophie Alexejewna, hörte ich immer etwas von Zarengold. Nun sage ich dir bestimmt nichts neues, wenn ich dir anvertraue, dass genau dort wo du einbrechen wolltest, auf der Taubeninsel, noch die Reste eines Piratenschatzes aufbewahrt werden.“
Ich wartete, aber als keine Antwort kam, fuhr ich zögernd fort:
„Jetzt frage ich mich, ob meine Träume etwas mit diesem Einbruch zu tun haben.“
Und hastig versicherte ich: „ Ich weiß, das klingt blöd, aber ich habe Sachen aus dem Schatz gesehen. Es sind russische Münzen dabei.“
Ich spürte, wie er aufmerkte. „Tatsächlich?“ wollte er wissen und fragte mich nach allen Einzelheiten über meinen Aufenthalt aus. Ich beantwortete die Fragen, bis auf solche, die zu einem neuerlichen Einbruch missbraucht werden konnten. Er hörte interessiert zu, merkte aber sofort, dass ich ihm misstraute und mich deshalb zurückhielt.
„Nur keine Angst“ sagte er deshalb, „heute würde ich so einen Einbruch nicht noch einmal versuchen.“
„Warum hast du es damals getan?“
Statt einer Antwort kam ein tiefer Seufzer.
„Sag es mir – bitte. Ich will verstehen, was hier vor sich geht.“
„Ich weiß doch auch nicht, was hier vor sich geht. Es ist, als lebe ich seit Jahren in einem Traum, dessen Anfang mir irgendwo mittendrin verlorengegangen ist.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, erst verschwindet meine Freundin spurlos und dann passieren dauernd so merkwürdige Dinge, nicht mir, aber anderen, die mich an sie erinnern, als würde sie noch da sein, unsichtbar in den Räumen der anderen Wohnung.“
„Meinst du das in meinen Träumen war deine Freundin? Sie nannte sich eindeutig Sophie Alexejewna.“
„Ich weiß nicht. Aber ich hatte, denke ich, schon einmal erwähnt, dass sie sich für Sophie Alexejewna hielt und sich selbst manchmal so nannte.“
„Aber warum ist sie dann in meinen Träumen und nicht in deinen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Bitte erzähl mir vom Einbruch.“
Er seufzte abermals. „Es ist eine unendlich lange Geschichte und schon ewig her. Ich finde, wir sollten das auf ein anderes Mal verschieben. Ich muß heute noch weg.“
„Wie du möchtest.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Montag und ich stand schon in der Tür, als mir etwas einfiel.
„Eine Frage noch – wie hieß der Nachbar, der vor mir in meiner Wohnung wohnte?“
Er überlegte. „Ich glaube, sein Name war Müller. Jedenfalls so ein sehr häufiger Name. Und mit Vornamen hieß er Hermann.“
„Danke dir.“ meinte ich und stieg etwas enttäuscht, ohne es mir anmerken zu lassen, die Treppen hinunter. Nun würde ich noch einmal fast eine Woche warten müssen.
Routinemäßig öffnete ich den Briefkasten, aber er war leer. Neda hatte mir bereits alles an Post mitgebracht.
„Du? Daß man dich noch einmal sieht. Ich dachte schon, du wärst bereits ganz ausgezogen.“
bemerkte er schüchtern lächelnd.
„Mehr oder weniger ist es so. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich mit dir sprechen wollte.“
„Worüber denn?“
„Das wird länger dauern. Läßt du mich rein?“
„Ähm.....na gut.“ Seine graumelierten Locken oberhalb der Schläfen wippten leise.
Anscheinend hatte ich ihn beim Experimentieren mit Bratkartoffeln gestört, denn durch die Küchentür erhaschte ich einen Blick auf verschiedene Flaschen und Töpfe, in denen sich Öl, Schmalz und Gewürze befanden und die ziemlich wild auf einem großen Tisch herumstanden, dazwischen einige verstreute ungeschälte Kartoffeln. Ich konnte den Duft von Romarin und Kümmel identifizieren.
Er bot mir wieder einen Platz auf seiner unbequemen Couch an, jedoch ohne mich auf extra Kissen hinzuweisen. Da ich es mir sowieso nicht zu gemütlich machen wollte, beugte ich mich nach vorne und stützte meine Ellenbogen auf die Knie. Die Matroschkas in der Vitrine gegenüber lächelten mich pausbäckig an. Ich wusste nicht, wie beginnen und ein verlegenes Schweigen entstand. Klaus Luchterhand hatte sich auf einen Sessel gesetzt, der direkt mit dem Rücken vor dem Fenster stand, so dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte. Die Kontur seines Kopfes hob sich scherenschnittartig vom hellen Hintergrund ab. Trotzdem spürte ich, dass er sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte, was vielleicht den überraschenden Umständen meines Besuches zu danken war.
„Ich habe da etwas gefunden, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht und wozu ich dich etwas fragen möchte.“
Er nickte, sprang dann aber plötzlich auf, um mir eine Tasse Tee anzubieten. Ich schüttelte dankend den Kopf und er setzte sich wieder.
„Und zwar sah ich eine alte Zeitung, in der ich dein Foto erkannte.“
Er nickte, es schien ihm peinlich zu sein, aber er unterbrach mich trotzdem.
„Ja, ich vermute du meinst die Sache mit dem Einbruch.“ Seine Stimme klang gespannt.
„Genau. Du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als ich das las. Ich hätte dir das niemals zugetraut und deshalb würde ich gerne ein wenig mehr über deine Motive und den Ablauf wissen wollen. Denn es gibt da einen Zusammenhang, einen Zufall, der mich noch um vieles mehr verwundert und ich glaube, du weißt, was ich meine.“
Vorsichtig tastete ich die Wirkung meiner Worte ab. Da sein Gesicht fast im Dunkeln lag, konnte ich nicht viel Regung erkennen.
Er nickte abermals: „Es stimmt, ich habe wegen versuchtem Einbruch gesessen.“ , ließ mich aber im Ungewissen, ob er meine Andeutungen verstanden hatte.
Ich wurde direkter: „In diesen Träumen mit der Frau, Sophie Alexejewna, hörte ich immer etwas von Zarengold. Nun sage ich dir bestimmt nichts neues, wenn ich dir anvertraue, dass genau dort wo du einbrechen wolltest, auf der Taubeninsel, noch die Reste eines Piratenschatzes aufbewahrt werden.“
Ich wartete, aber als keine Antwort kam, fuhr ich zögernd fort:
„Jetzt frage ich mich, ob meine Träume etwas mit diesem Einbruch zu tun haben.“
Und hastig versicherte ich: „ Ich weiß, das klingt blöd, aber ich habe Sachen aus dem Schatz gesehen. Es sind russische Münzen dabei.“
Ich spürte, wie er aufmerkte. „Tatsächlich?“ wollte er wissen und fragte mich nach allen Einzelheiten über meinen Aufenthalt aus. Ich beantwortete die Fragen, bis auf solche, die zu einem neuerlichen Einbruch missbraucht werden konnten. Er hörte interessiert zu, merkte aber sofort, dass ich ihm misstraute und mich deshalb zurückhielt.
„Nur keine Angst“ sagte er deshalb, „heute würde ich so einen Einbruch nicht noch einmal versuchen.“
„Warum hast du es damals getan?“
Statt einer Antwort kam ein tiefer Seufzer.
„Sag es mir – bitte. Ich will verstehen, was hier vor sich geht.“
„Ich weiß doch auch nicht, was hier vor sich geht. Es ist, als lebe ich seit Jahren in einem Traum, dessen Anfang mir irgendwo mittendrin verlorengegangen ist.“
„Wie meinst du das?“
„Na ja, erst verschwindet meine Freundin spurlos und dann passieren dauernd so merkwürdige Dinge, nicht mir, aber anderen, die mich an sie erinnern, als würde sie noch da sein, unsichtbar in den Räumen der anderen Wohnung.“
„Meinst du das in meinen Träumen war deine Freundin? Sie nannte sich eindeutig Sophie Alexejewna.“
„Ich weiß nicht. Aber ich hatte, denke ich, schon einmal erwähnt, dass sie sich für Sophie Alexejewna hielt und sich selbst manchmal so nannte.“
„Aber warum ist sie dann in meinen Träumen und nicht in deinen?“
„Ich weiß es nicht.“
„Bitte erzähl mir vom Einbruch.“
Er seufzte abermals. „Es ist eine unendlich lange Geschichte und schon ewig her. Ich finde, wir sollten das auf ein anderes Mal verschieben. Ich muß heute noch weg.“
„Wie du möchtest.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Montag und ich stand schon in der Tür, als mir etwas einfiel.
„Eine Frage noch – wie hieß der Nachbar, der vor mir in meiner Wohnung wohnte?“
Er überlegte. „Ich glaube, sein Name war Müller. Jedenfalls so ein sehr häufiger Name. Und mit Vornamen hieß er Hermann.“
„Danke dir.“ meinte ich und stieg etwas enttäuscht, ohne es mir anmerken zu lassen, die Treppen hinunter. Nun würde ich noch einmal fast eine Woche warten müssen.
Routinemäßig öffnete ich den Briefkasten, aber er war leer. Neda hatte mir bereits alles an Post mitgebracht.
zuckerwattewolkenmond - Die namenlose Geschichte - 2008/06/11 20:29
Omen Potenta Rucola




















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