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~~~~~~~~~~~~~
Keiner kommt hier lebend raus ~~~~~~~~~~~~~

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Bibeljahresorakel 2008

Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Die namenlose Geschichte

Mittwoch, 5. November 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 84

Zögernd griff ich nach dem Büchlein, das er zu mir herüberschob, und blickte auf die Seite, die er für mich aufgeblättert hatte. Die Zeilen, mit blauem Kugelschreiber geschrieben, wirkten auf mich etwas ungelenk – mehr Druckschrift als Schreibschrift, aber dafür nicht schwer zu entziffern. Das linierte Papier fühlte sich sandig unter meinen Fingerspitzen an. Wie nicht anders zu erwarten begann hier die Eintragung mit der Entlassung aus der Haft. Ich setzte mich bequemer auf dem Stuhl zurecht und las:

Tagebucheintragung vom 16.08.1993

Als ich heute nach drei Jahren auf den staubigen Vorplatz trat, war niemand dort, obwohl ich Olga geschrieben hatte. Ich wartete eine Stunde, dann machte ich mich auf den Weg zu meiner Wohnung, ohne zu wissen, was mich erwarten würde. Ich fürchtete das Schlimmste und sollte recht behalten. Olga war nicht da und viele ihrer Sachen fehlten, aber zum Glück nicht alle. Das machte mir Hoffnung. Nun warte ich. Das bin ich ja inzwischen gewöhnt. Ich sitze in der Wohnung und warte. Irgendwann wird sie noch einmal auftauchen. Sie kann nicht einfach so gehen und wenn, dann wird sie wiederkommen. Die Wohnung sieht schlimm aus. Zur Zeit habe ich selbst nicht die rechte Kraft, um etwas daran zu ändern, aber es muß irgendwann getan werden. Es ist wunderlich, wieder zu Hause und in Freiheit zu sein. Es ist, als wäre ich weiterhin in Haft, nur in meiner eigenen. Gleich am Nachmittag habe ich mir Kartoffeln, Gewürze und Schmalz besorgt. Ich habe lange keine guten Bratkartoffeln mehr gegessen. Und natürlich habe ich lange kein Tagebuch mehr geschrieben. Wozu auch? Drei verlorene Jahre, wer möchte die schon in seinem Tagebuch zu stehen haben?


Tagebucheintragung vom 25.08.1993

Heute stand Olga plötzlich in der Tür, neben sich so einen aufgeblasenen, breitschultrigen Kerl in lila Sakko. Die sind wohl zur Zeit modern. Ich fragte sie, wo sie gewesen sei, aber sie sah mich gar nicht an, sondern erklärte nur, dass sie jetzt bei „Ulf“ wohnen würde und nur noch ein paar Sachen holen wolle. Der Kerl grinste mich blöd an und ich sagte nichts, sondern machte ein so teilnahmsloses Gesicht wie möglich, obwohl ich innerlich das Gefühl hatte, ich sei ausgehöhlt und durchlöchert, bereit, jeden Moment zu zerbrechen. Ach, Olga, warum tust du mir das an? Du weißt genauso wie ich, dass wir zusammengehören und ich bin mir sicher, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende ist. Du wirst sehen.


Während ich zum nächsten Eintrag weiterblätterte, etwas unangenehm berührt von dem intimen Gefühlschaos, in welches er mich einweihte, schaute ich kurz zu Klaus Luchterhand hinüber. Sein Blick war unverwandt auf mich gerichtet und hatte etwas Lauerndes, so als würde er auf irgendeine Reaktion von mir warten. Sein Starren bereitete mir Unwohlsein und schnell senkte ich den Blick wieder, um weiter im Tagebuch zu lesen. Zwischen stoischen Einträgen, in welchen er von seinen Bratkartoffel-Experimenten berichtete, fanden sich immer wieder jammervolle Ergüsse, die ich nicht zu Ende lesen wollte, da es mir nicht richtig schien. Trotz allem zeugte das Tagebuch aber auch von einer erstaunlichen Zuversicht, dass Olga zu ihm zurückkehren würde. Diese Zuversicht verwunderte und befremdete mich gleichermaßen.

Tagebucheintragung vom 18.09.1993

So langsam bekomme ich mein Leben wieder auf die Reihe. Morgen habe ich das erste
Vorstellungsgespräch. Und die Wohnung ist auch wieder wohnlich. Olga soll es ja schön haben, wenn sie wieder da ist. Gestern traf ich sie auf der Straße. Sie blickte durch mich hindurch und doch kennt sie mich noch, das habe ich an ihrem verächtlichen Zug um den Mund gesehen. Und es freut mich, dass sie mich noch kennt, dass sich solch eine Frau wie sie an mich erinnert. Ich muß ein Glückspilz sein. Anscheinend habe ich doch einigen Eindruck hinterlassen.

Tagebucheintragung vom 23.09.1993

Heute habe ich Olga auf der Straße abgepasst und bin ihr heimlich gefolgt. Jetzt weiß ich, wo sie wohnt. Eine halbe Stunde später stieg ihr Macker im lila Sakko (hat der nur das eine?) aus einem Mercedes. Ich habe gewartet, bis es dunkel wurde und unauffällig mit einem Schlüssel ein paar schöne Kratzer in den Lack des Wagens gemacht. Geschieht ihm recht.


Tagebucheintragung vom 12.12.1993

Jetzt warte ich schon seit Monaten und beobachte, was Olga so treibt. Bald ist Weihnachten, das möchte ich nicht allein verbringen. Ich seh mich schon Heiligabend bei ihr unterm Fenster stehen und durch die Scheibe spähen, wie jämmerlich! Und dennoch wird es genauso kommen. Hätte ich sie doch nur hier! Das erste Weihnachten in Freiheit.


Ich schaute hoch. Noch immer hielt Herr Luchterhand seinen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Gleichzeitig schien er aber auch über irgendetwas nachzudenken, mich betreffend, denn mal kehrte sich das Licht seiner Augen nach innen, um dann sofort wieder fragend auf mich zu fallen.

Dienstag, 21. Oktober 2008

Der kleine Herr Luchternand und das große Vergessen - Teil 83

„Wie waren denn die Umstände von Olgas Verschwinden? Hat sie vorher irgendwas angedeutet? Ist dir etwas aufgefallen?“ fragte ich.

„Ich kann dir nur das sagen, was ich dir bereits erzählte. Mehr weiß ich nicht.....glaube ich.“

„Glaubst du?“

„Na ja, wie gesagt – da ist dieses Gefühl, als sei noch irgendetwas gewesen, aber es will mir einfach nicht einfallen.“

„Erzähl doch mal weiter. Was war nach deiner Haftentlassung?“

„Ich war arbeitslos.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Und Olga? War sie noch da oder hatte sie dich verlassen?“

Ich spürte, dass ihm die Frage unangenehm war. Er wand sich in seinem Sessel, blickte nach links und nach rechts, sprang auf, um sich ein Glas Wasser zu holen, spielte mit einem Löffel herum, blickte aus dem Fenster und wiegte unruhig den Kopf.

„Was hast du?“

„Ich bin mir nicht sicher.“

„Wie ‚du bist dir nicht sicher’?“

„Ich weiß es halt nicht, aber ich glaube, sie war noch da, ich bin mir aber nicht sicher. Ich meine mich zu erinnern, dass wir die Wohnung – deine Wohnung – renovierten und sehe ein Bild vor mir, wie sie mit aufgeworfenen Lippen und gespreizten Beinen auf einer Kiste sitzt, die blonden Haare von einem Lichtkranz der Morgensonne umrahmt, einen Zollstock in der Hand und etwas sagt. Fast scheint mir dies ein Bild wie aus einem Traum.“

Entschuldigend, fast ängstlich, schauten seine grauen Augen mich an.

„Was hat sie denn gesagt und was meinst du mit ‚meine Wohnung’?“ frage ich.

„Ich weiß nicht mehr. Damals wohnte ich noch in der Wohnung drüben, die du bewohnst, bzw. bewohnt hast, und zog erst später in diese größere. Wahrscheinlich wegen Olga. Dann muß sie wohl noch bei mir gewesen sein.“

Ratlos flackerte sein Blick hinter den Brillengläsern.

Ich seufzte tief. „Du liebe Güte! Meinst du, dass wir Chancen haben, dein Tagebuch irgendwo zu finden?“

„Es muß einfach irgendwo sein. Ich will schwören, dass ich es nicht vernichtet habe. Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Wo hast du denn schon gesucht?“

„Ich hatte die Schränke und Regale durchgesehen.“

„Hast du etwas dagegen, wenn ich einmal durch die Zimmer laufe und schaue, ob mir etwas einfällt?“

Herr Luchterhand zögerte, schüttelte dann jedoch den Kopf. „Nein, ist in Ordnung.“

Ich begann mit dem Bad, weil mir dieses als Versteck am unwahrscheinlichsten und einfachsten zu durchsuchen dünkte. Das Badezimmer war nicht sehr groß und ich glaubte kaum, das Tagebuch unter der Badewanne zu finden, trotzdem widerstrebte es mir, etwas zu vernachlässigen und schrie nach einer Taschenlampe. Herr Luchterhand schien diese Idee ebenfalls etwas abwegig zu finden, aber er kam sofort herbeigetrippelt und reichte mir Licht. Unter der Badewanne fand ich nichts anderes, als ich erwartet hatte – Staubflocken. Ächzend erhob ich mich und Herr Luchterhand schlich beflissen um mich herum. Ich schaute hinter jeden Schrank und Spiegel, in jede Ritze, doch fand, was mich nicht überraschte, nichts.

Als nächstes betrat ich das Schlafzimmer. Das Bett war ordentlich gemacht und auch durch die Suchaktion in seiner einfachen Akkuratesse nicht berührt worden. Deshalb nahm ich es mir zuerst vor und bat Herrn Luchterhand, mir zu helfen, die Matratze anzuheben. Etwas widerwillig fügte er sich. Er hatte wohl nicht absehen können, dass die Suche diese Ausmaße annehmen würde. Auf dem Nachtschränkchen standen gerahmt und ungerahmt einige Fotos von Olga. Ich hatte sie noch nie gesehen, so viel war sicher. Auch das Bett barg keine Geheimnisse und unter demselben fanden sich noch nicht einmal Staubflocken. Wir gingen gemeinsam das Bücherregal durch. Die Büchersammlung war nicht umfangreich, enthielt aber viel russische Literatur, auch in Originalsprache. Schließlich durchleuchtete ich sämtliche Winkel des Kleiderschrankes und aller Kommoden, aber auch hier ohne Erfolg.

Die gleiche Prozedur erfolgte im Wohnzimmer, das Sofa und die Sessel wurden zur Seite gerückt, die Fächer der Anbauwand ausgeräumt, bzw. durchleuchtet. Ich versuchte mir vorzustellen, wo ich so ein Tagebuch verstecken würde, fand aber trotzdem nichts. Flur und Balkon waren ebenfalls schnell durchstöbert, blieb nur noch die Küche. Wir durchsuchten sämtliche Küchenschränke und auch die Ritzen dazwischen und dahinter, dann resignierten wir.

Herr Luchterhand griff zum Wasserkessel, um doch noch eine Kanne Tee aufzubrühen und ich betrachtete eingehend sein Bratkartoffellabor aus frischen Kräutertöpfen am Fenster, Unmengen an Gläsern und Dosen mit getrockneten Ingredienzen und einigen gefüllten Schmalztöpfen, aus denen ein aromatischer Duft stieg.

„Wie weit bist du denn auf der Suche nach der perfekten Bratkartoffel?“ fragte ich eher scherzhaft, wobei ich lässig an der Wand lehnte. Doch er erwiderte mir völlig ernsthaft, dass er kurz vor dem Durchbruch stehe.
Er habe einen Plan für diverse Mischungen, die er noch ausprobieren müsse und darunter werde garantiert die eine sein, die er immer gesucht habe. Ich nickte interessiert und versuchte mir die Belustigung nicht anmerken zu lassen, die mich überkam, wenn er von seiner Leidenschaft für Bratkartoffeln sprach. Dennoch barg diese Belustigung durchaus auch Bewunderung für diesen Feuereifer, mit dem er sich dieser einzigen Sache widmete. Während des Gesprächs klappte er die Herdabdeckung ein Stück nach vorne, um nach einem Topflappen zu greifen, als ich eine kleine Ecke Metall direkt aus der Tapete hinter der Herdabdeckung hervorlugen sah.

„Was ist das denn?“ fragte ich neugierig und zeigte darauf.

„Ach, das ist so ein alter Lüftungsschacht. Den haben sie bei den Dacharbeiten zugemauert, aber das Loch ist noch da und die Metallabdeckung schließt nicht richtig. Läßt sich elendig schlecht übertapezieren.“

„Mach doch mal auf!“

„Wie? Ach nein, dann hab ich ja ein Loch in der Wand.“ Er schüttelte energisch den Kopf.

„Also wenn ich ein Tagebuch hätte, dann würde ich es genau da verstecken. Und kaputt ist die Tapete sowieso schon.“

Mein Vorschlag ging im gewaltig gegen den Strich, das merkte man. Trotzdem gab es etwas, das ihn drängte, es doch zu tun. Vielleicht der Wunsch, seine Vergangenheit wiederzufinden.
Er gab so etwas wie ein Stöhnen von sich und flüsterte fast wie zu sich selbst: „Na gut...“, griff auch gleich zu einem Messer und zerschnitt die Tapete an der Kante der Metallplatte, bis diese leicht in Form einer Tür zu öffnen war. Auf den ersten Blick sah man nur Geröll, Schutt und viel Dunkelheit.

„Sag ich doch, da ist nichts. Nur der Dreck, der den Lüftungsschacht heruntergepurzelt und liegen geblieben ist.“ Ich war zur gleichen Zeit schon im Flur, um die Taschenlampe zu holen, die wieder ordentlich an ihrem Platz hing. Als ich in den Schacht hineinleuchtete, fiel mir zuerst auch nichts anderes auf, doch dann schien mir, als könne ein rotbraunes Ding, das unter dem Schutt hervorschaute, nicht zu einem Stein gehören. Ich bat Klaus Luchterhand, einen neuen Müllsack, Handfeger und Schaufel zu bringen und begann vorsichtig, den Schutt hinauszufegen, bis unter dem weißen Staub und den Mörtelklumpen tatsächlich so etwas wie ein Ledereinband zum Vorschein kam. Hinter mir hörte ich einen leisen Aufschrei. „Mein Gott!“ Irgendwie konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Herrn Luchterhand der Fund des Tagebuches mehr erschreckte als freute. Er sah sehr bleich um die Nase aus, beteuerte jedoch glaubhaft seine Freude über meinen guten Einfall.
Ich reichte ihm das staubige Büchlein, aber er weigerte sich erst, es an sich zu nehmen, versteckte seine Hände in den Hosentaschen und ging mehrere Schritte zurück. Ich meinerseits weigerte mich umgekehrt, es zu lesen, bevor er einen Blick hineingetan hätte. Schließlich war es sein Tagebuch und ich wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Fast mürrisch nahm er es nun doch, machte jedoch keine Anstalten, hineinzuschauen.

„Na los! Was überlegst du denn noch lange. Jetzt hast du es.“

Er sah mich an mit einem Blick, der mir aus weiter Ferne zu kommen schien, kaute auf seinen Mundwinkeln und sagte leise: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich es lesen will.“

„Wieso denn nicht? Du wolltest es doch selbst finden.“

„Ja, aber jetzt, wo ich es sehe, ist mir so komisch zumute, als dürfe ich es nicht aufschlagen. Es macht mir Angst.“

Herrjeh, ich war am Ende mit meinem Latein. Trotzdem weigerte ich mich weiterhin, es zuerst zu lesen, auch wenn er es mir erlaubte. Wer weiß, was er da alles rein geschrieben hatte, was ich im Leben nicht wissen würde wollen. Ich versuchte es mit Zureden, nur bedingt an meinen Erfolg glaubend. Endlich ließ er sich mit dem Buch auf einen Küchenstuhl fallen, staubte es umständlich mit einem Papiertaschentuch ab und schlug es auf.

Lange Zeit saß er so, las oder blätterte und ich verhielt mich mucksmäuschenstill, beobachtete nur hin- und wieder seine Reaktionen, gespannt darauf, was diese zurückgerufenen Erinnerungen in ihm auslösen würden. Es waren wohl keine guten Erinnerungen, denn seine Bleichheit stieg in erschreckendem Maße, bis ich das Gefühl hatte, ein Geist hocke vor mir am Tisch. Dies löste in mir ebenfalls eine unbestimmte Unruhe aus, die ich angestrengt versuchte, unter Kontrolle zu halten. Ab und zu stöhnte er kurz auf, doch mit dem, was dann kam, hätte ich niemals gerechnet. Wie ein Besessener sprang er auf, raufte sich die Haare während er seine Stirn mehrere Male gegen die Wand schleuderte und rief mit grausigem Entsetzen in der Stimme: „Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!“
Er schien keine anderen Worte mehr zu haben und diese Tatsache ließ mich ebenso entsetzt verstummen. Schlaff wie ein Schluck Wasser fiel er schließlich auf den Stuhl zurück, den Oberkörper über den Tisch gebreitet und begann zu schluchzen. Noch immer saß ich wie erstarrt und konnte nichts sagen. Endlich rang ich mir ein heiseres: „Was ist los?“ ab, auf welches er gar nicht reagierte. Dann, nach unendlichen Minuten, schaute er auf, durch mich hindurch, die Stirn rot und schrammig und sagte mit toter Stimme: „Lies selbst!“


So langsam nähere ich mich dem Ende und das gibt Auftrieb.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 82

„Also, kurz gesagt, sie eröffnete mir, daß es im Westteil der Stadt einen stattlichen Rest des einstmals geraubten Zarengoldes gäbe und daß sie erst wieder glücklich werden könne, wenn sie es an sich gebracht habe, zumal es ihr, der Großfürstin Sophie Alexejewna eigentlich gehöre und nicht den jetzigen Besitzern, dreckigen Seeräubern, bzw. deren Nachfahren. Sie hatte sogar schon einen Plan und kannte fast sämtliche Details der Insel. Etliche Monate versuchte ich ihr beizubringen, daß dies eine Straftat an fremden Eigentum sei, aber gegenüber ihrem wahnhaften Argument, daß sie selbst die rechtmäßige Besitzerin sei, hatte ich keine Chance und irgendwann leuchtete mir diese Art von Logik ein. Nach einem Streit, als sie drohte, mich zu verlassen, willigte ich ein. Zur Vorbereitung besuchte ich zweimal unauffällig die Insel und suchte nach weiteren Details und Einstiegsmöglichkeiten. Die Sache schien ziemlich sicher, zumal es nicht viele Menschen auf der Insel gibt und die Alarmanlage des Hauses relativ rudimentär funktionierte, wie ich feststellte. Aber na ja, es kam dann doch alles anders.“

Ich schwieg und er fuhr fort, die grauen Augen angestrengt auf die Tischplatte gerichtet, in welcher sich eine blasse Herbstsonne fing: „Wir verabredeten, daß Olga auf das Boot aufpassen und es bereit halten würde, bis ich zurück bin. Es lief auch anfangs alles gut. Wir legten nachts unbehelligt an, ich fand den Weg durch den Eichenwald anhand vorher angebrachter Kreidemarkierungen in der Dunkelheit und gelangte unbemerkt durch ein Kellerfenster, nicht weit entfernt vom Tresorraum des Anwesens, in welchem der Schatz angeblich liegen sollte. Auch die Tür zum Tresorraum überwandt ich ohne Schwierigkeiten. Ich war bereits drinnen, da machte ich einen Fehler, welchen weiß ich bis heute nicht, und löste die Alarmanlage aus. Natürlich türmte ich sofort, aber der große Nachteil dieser Insel ist, daß man lange durch den Wald laufen muß, bevor man das Ufer erreicht und ohne Boot nicht mehr wegkommt. Leider war Olga mit diesem verschwunden, wahrscheinlich bekam sie es mit der Angst, als die Polizei auftauchte, und ich stand da. Eine ganze Einheit Beamter durchkämmte die Insel. Ich versuchte, ein Versteck im Wald zu finden, doch winterlich entlaubt hatte ich keinen Erfolg und barg mich nun am Ufer unter einer gekippten Baumwurzel. Aber den Polizeihunden entging ich nicht. Sie schlugen an und völlig gedemütigt ergab ich mich. Das ist die ganze Geschichte.“

„Hm“ machte ich, „und danach?“

„Das Übliche. Verhöre, Gerichtsverhandlungen, Haft - die schlimmste Zeit meines Lebens und Olga ließ sich nicht blicken, bzw. nur um mich in der Verhandlung zu beschimpfen. Ich war total geschockt und ging davon aus, daß sie mich nun wirklich verlassen hätte. Viele Male dachte ich in der Zelle daran, mich umzubringen, aber die Wärter waren zu wachsam und ich zu unkreativ. Doch der Gedanke an ihre Verachtung ließ mich wahnsinnig werden, zumal ich keine Möglichkeit hatte, sie zur Rede zu stellen und eine Erklärung zu erhalten. Die drei Jahre erschienen mir wie eine Zwischenzeit von Leben und Tod, mehr tot als lebendig wartete ich auf irgendwas und wußte doch nicht, worauf.“

Er stand auf, deutlich emotional angespannt, und schenkte Tee nach. Das sollte nun alles gewesen sein?

„Sag mal, noch einmal ganz direkt gefragt - hattest du denn nun bei dem Einbruch etwas mitgenommen aus dem Anwesen?“

„Nein, nichts. Wie gesagt kam ich überhaupt nicht dazu.“

Die Geschichte ordnete sich zwar vor meinem inneren Auge, trotzdem konnte ich bis auf einen Namen und einen Begriff keine Verbindungsglieder zu meinen eigenen Erlebnissen erkennen. Doch es blieb noch immer ein Rätsel übrig - wo war Olga? Klaus Luchterhand würde mir da wohl nicht helfen können, denn er hatte sie ja vermißt gemeldet. Sein verschwundenes Tagebuch und die mysteriöse, von ihm geschilderte Amnesie (die ich als Nichtmediziner diagnostizierte, jedoch ohne Wissen über das Ausmaß der solchen), ließen Raum für Spekulationen. Würden sich in den verschollenen Erinnerungen mehr Anhaltspunkte finden lassen?

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 81

Unsicher überlegte ich, wie ich Klaus dazu bringen könnte, die damalige Situation tiefer zu reflektieren, ohne ihn damit vor den Kopf zu stoßen.

„Ich glaube dir, dass du sie sehr geliebt hast, aber warst du nicht auch manchmal wütend auf sie, oder ärgerlich? Hat sie dich nicht manchmal genervt? Wolltest du dich nie wehren, wenn sie dich niedergemacht hat? Ich mein, jeder andere hätte da wohl irgendwann die Geduld verloren.“

„Ich nicht, jeder andere hat sie nicht geliebt, aber ich.“

An diesem Punkt würde ich wohl nicht weiter kommen, das spürte ich. So oft Klaus Luchterhand diese Worte wiederholte, so oft hatte er etwas roboterhaftes an sich, und diese Empfindung ließ mich innerlich erschaudern, ohne dass ich recht wusste, wieso. Es war vielleicht die unbestimmte Kälte, welche in dieser kompromisslosen Behauptung schwang, welche gleich härtestem Stahl die Anzeichen möglicher Weichheit vermissen ließ, welche gerade dadurch der Behauptung in sich widersprach. Ich wollte das Thema jedenfalls nicht vertiefen, dazu waren mir seine Reaktionen zu unheimlich, also schwenkte ich um auf die damaligen Geschehnisse.

„Wieso wollte Olga den Einbruch verüben und weshalb hast du mitgemacht?“

„Ich hatte dir ja schon einmal erzählt, dass sie manchmal ein wenig seltsam war. Sie nannte sich selbst Sophie Alexejewna, sprach von Zarengold und so weiter. Nach der Wende war sie oft verschwunden oder schloß sich im Schlafzimmer ein, tat dort unerklärliche Dinge. Ich fürchtete um ihren Verstand. Es wurde immer schlimmer. Eines Tages trat sie aus der Tür und wirkte verblüffend vernünftig auf mich. ‚Laß uns miteinander reden’ sagte sie und noch vieles mehr. Ich war ungeheuer glücklich, denn ich glaubte, sie sei plötzlich gesundet. Sie sprach von unserer Zukunft, von einem schönen Heim und von dem Schicksal, das zwei Liebende für immer zusammengeführt hatte. Dann jedoch sagte sie, dass ich noch eine Sache für sie tun müsse, damit wir auf ewig zusammen glücklich sein könnten... „

„Laß mich raten....es - “ Er nickte, bevor ich ausgesprochen hatte.

„Das verstehe ich nicht.“ murmelte ich gedankenlos.

„Ich habe es auch nicht verstanden, aber ich war bereit, alles für sie zu tun. Na ja nicht gleich. Anfangs hab ich schon gezögert und hoffte, dass ich ihr die Sache wieder ausreden kann.“

„Wie? Du sagst, du hast sie geliebt, und warst trotzdem nicht bereit, sofort alles für sie zu tun?“

Diese ironische Spitze, die mir schneller von der Zunge rutschte als dass ich bis Zwei hätte zählen können, sollte ein harmloser Scherz sein, doch ich war überrascht, was für eine offensichtliche Wirkung sie auf Herrn Luchterhand hatte. Er wurde puterrot, als hätte ich ihn gerade bei einer Lüge ertappt und begann sich stotternd zu rechtfertigen.

„Schon gut.“ unterbrach ich ihn. „Ich fände es erschreckender, wenn du es wirklich ohne Nachdenken getan hättest.“

Herr Luchterhand sah mich an, als wüsste er nicht, was er von diesem Satz halten sollte und ich schätze, manch einem meiner Leser wird es genauso gehen. Sein Blick wurde unsicher und ängstlich, erinnerte mich an den eines Schülers, der vom Lehrer angesprochen wird und die Frage nicht verstanden hat. Endlich fing er sich wieder, wiegte konzentriert den Kopf und versuchte sich zu erinnern, wo er in seiner Erzählung geendet hatte. Ich schwor mir, dass ich nie wieder solch eine Bemerkung machen würde, denn ohne dies würde sich dieses Gespräch sicherlich erheblich verkürzen lassen.

Samstag, 23. August 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 80

Christine war weg, hatte mir jedoch viele gute Ratschläge zurückgelassen, und hinter mir lag eine schlaflose Nacht. Immer wieder klang das Stöhnen aus dem Turmzimmer in meinen Ohren und im Nachhinein versuchte ich mir einzureden, dass es tatsächlich nur durch das Holz der Dielen oder Fenster verursacht worden war. Aber wo ist die Puppe geblieben? Und woher kam das Blut, bzw. die rote Flüssigkeit? – verbesserte ich mich. Ich hoffte, der Besuch bei Klaus Luchterhand würde mich der Lösung nicht nur diesen Rätsels näher bringen.

Gegen Morgen war ich etwas eingedöst, aber sofort wieder hellwach, als eine Amsel auf der Regenrinne über meinem Fenster lautstark den Tag begrüßte. Resignierend sprang ich aus dem Bett und fragte mich jetzt schon genervt, wie ich wohl die vielen Stunden bis zum Nachmittag überstehen sollte. Einen klaren Gedanken zu fassen war nicht möglich, deshalb fiel Arbeiten aus, auch wenn ich es versuchte. Doch nachdem ich mich regelmäßig dabei ertappte, völlig abwesend fantasievolle Krikeleien auf meinem Notizblock zu produzieren, gab ich es auf und widmete mich anspruchsloseren Sortierbeschäftigungen, bei denen ich ohne größere Probleme meinen Gedanken nachhängen konnte.
Das Mittagessen wollte mir ebenfalls nicht schmecken und je näher die vereinbarte Zeit rückte, um so aufgeregter wurde ich. Auf Roberts Aufforderung hin, doch ein paar Happen zu mir zu nehmen, antwortete ich, dass ich erst wieder etwas hinunterbekommen würde, wenn Klaus Luchterhand mir alles, aber auch wirklich alles, erzählt hätte.

Rudi protzte mit munteren Sprüchen als wir übersetzten, aber ich bekam kein Wort mit und lachte nur aus Höflichkeit. Über der Spree hingen dunkle Regenwolken wie flauschige Ungetüme. Auf dem Weg in meine alte Heimat schwieg ich und auch Robert sagte nicht viel. Als wir den Parkplatz erreichten, begann es zu schütten und Robert stellte fest, dass er sich wohl auf einen längeren Kneipenbesuch einrichten könne. Vielleicht würde er ja Stammgast in der Eckkneipe gegenüber werden. Ich hörte kaum zu und nickte nur, während er mich mit einem seltsamen Seitenblick bedachte. Dann küsste er mich warm auf dem Mund und lief mir noch einige Schritte hinterher, um mir das Handy zu geben, dass ich voller Gedankenverlorenheit im Auto liegen gelassen hatte.

Trotz dreimaligen Klingelns öffnete niemand und ich glaubte schon, mein ehemaliger Nachbar hätte mich versetzt, aber da hörte ich Geräusche hinter der Tür und sie öffnete sich. Herr Luchterhand lächelte schüchtern und wirkte entsetzlich verschwitzt und abgekämpft. Die Wohnung war ungewohnt unordentlich. Schubladen und Schranktüren standen offen, Sachen lagen auf dem Boden - ganz anders, als ich sie bisher kannte. Doch den Grund erfuhr ich sogleich.

„Du musst entschuldigen, ich war gerade dabei, etwas zu suchen.“ Er machte eine Pause, aber die Erklärung schien ihm noch nicht ausreichend. „Du wolltest ja alles genau wissen und mir fiel ein, dass ich einmal Tagebuch geschrieben habe. Na ja, und da ich so viel vergessen habe, dachte ich mir, es würde helfen. Leider kann ich es einfach nicht finden.“
Er wirkte bekümmert.

„Hm, vielleicht können wir ja nachher noch einmal zusammen schauen? Und eventuell brauchen wir es auch gar nicht. Manchmal fällt einem nur beim Erzählen unheimlich viel wieder ein.“

Sein Gesicht hellte sich auf. „Stimmt. Aber seltsam ist es doch, dass ich es nicht finden kann. Ich habe hier sozusagen schon die ganze Bude auf den Kopf gestellt und bin mir absolut sicher, dass ich es niemals wegwerfen würde.“

„Aber gut“, beflissen räumte er verstreut herumliegende Gegenstände vom grünen Sofa, „setz dich doch erst einmal.“ Etwas unkoordiniert schaute er sich danach im Zimmer um, als wüsste er nicht, was als nächstes zu tun sei. Er wirkte mindestens ebenso abwesend, wie ich es in den vergangenen Tagen gewesen war und leicht verwirrt. Dann fiel ihm wieder ein, was er wollte: “Möchtest du etwas trinken?“ Ich lehnte dankend ab und fragte, was mit ihm los sei.

Er ließ sich seufzend in einen Sessel fallen und machte zuerst keine Anstalten zu antworten, aber ich merkte, dass er still nach Worten suchte.

„Weißt du, nachdem du mich nach meiner Vergangenheit gefragt hast, zerbrach ich mir ständig den Kopf über einige Phasen in meinem Leben. Ich weiß, dass irgendetwas in meinen Erinnerungen fehlt, dass jenes Leben, welches ich erinnere, nicht alles sein kann. Dass da noch mehr gewesen sein muss. Es ist wie ein Traum, von dem nur eine schwache Ahnung zurückgeblieben ist und manchmal bin ich mir nicht sicher, ob dieses Gefühl allein dieser Traum ist und mich in die Irre führt. Vielleicht ist es wie bei einem Deja Vu, bei dem man glaubt, dass da etwas anderes gewesen ist, ohne es benennen zu können. Dieses Gefühl habe ich schon seit vielen Jahren, ohne jedoch genauer darüber nachgedacht zu haben, aber in den letzten Tagen hat sich das geändert und ich meine manchmal, ich verliere darüber meinen Verstand. Es ist, als würde in irgendeinem Teil meines Gehirnes eine Mauer stehen und so viel ich auch um sie herum schleiche und am Mörtel kratze, ich gelange einfach nicht dahinter. Diese Verwirrung ist mir wahrscheinlich ziemlich stark anzumerken.“

„Hmmmm...“ machte ich und nickte.

„Ich frage mich manchmal sogar, ob ich vielleicht einen Unfall hatte, den ich gnädiger- oder ungnädigerweise durch eine Gehirnschädigung oder Amnesie vergessen habe. Aber wie soll ich das herausfinden?“

„Hast du das schon einmal einem Arzt erzählt?“

Er schüttelte den Kopf. Ich schwieg.

„Na komm“, ermunterte ich ihn schließlich, „leg ganz von vorne los und wir werden sehen.“

Wieder machte er eine Pause und sammelte Worte im Korb seiner Erinnerungen.

„Es stimmt. Ich habe drei Jahre wegen Einbruchs gesessen, aber denke nicht, dass dies meine Idee gewesen ist.“

„Wessen dann?“

Seine grauen Augen verschleierten sich.

„Olga.“

„Olga? Warum hast du das bei den Verhandlungen und Verhören nicht gesagt?“

Verständnislos sah er mich an. „Wozu? Außerdem hätte ich sie sowieso niemals verraten können. Dazu habe ich sie zu sehr geliebt.“

„Ach komm, ich habe gehört davon, wie sich beschimpft hat. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass dir das überhaupt nichts ausgemacht und du ihr alles verziehen hast.“

„Ich habe sie geliebt und wollte nur das Beste für sie. Liebe ist so.“

Freitag, 15. August 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 79

Zwei Tage später kam Christine – meinen Anruf hatte sie zum Anlass genommen, die ausgesprochene Einladung anzunehmen – und mit ihr kam das Gold des Herbstes. Von mir und Rudi abgeholt, war sie augenscheinlich beeindruckt von der Größe und Abgeschiedenheit des Anwesens. Sie konnte nur über das Wochenende bleiben, was sie bedauerte und ich ebenso. Am Telefon hatte ich ihr von dem Vorfall im Turmzimmer und von der verschwundenen Puppe erzählt. Sie sagte, dass sie genau das befürchtet hätte. Jetzt sahen wir uns zusammen die von mir gefundenen Zeitungsartikel an und sinnierten darüber.

Mit Onkel Albert verstand sie sich sofort, eigentlich gab es keine Frau, mit der er sich nicht verstand. Er war glücklich über so viel Damenbesuch und bot ihr ebenfalls gleich ein Zimmer für längere Zeit an. Christine winkte jedoch ab, erwiderte, dass sie mit ihrer Wohnung recht zufrieden sei und ansonsten sowieso ständig unterwegs. Samstagabend gab Albert, extra für unseren Gast, eine kleine Cocktailparty mit Seemannsgetränken und führte sie überall herum.
Besonders faszinierte sie das kalte Abbild mit dem kühnen Blick des Urahns in der Bibliothek. „Toll, wie viel Geschichte in diesem Haus steckt und vor allem: was für eine Geschichte!“ „ Ist hier noch nie jemand eingebrochen?“ fragte sie scheinbar beiläufig.
„Oh, doch.“ antwortete Albert, „Versucht wurde es schon. Aber ohne Erfolg. Die Alarmanlage arbeitet hochpräzise und kaum jemand hat die Chance, hier von der Insel schnell zu verschwinden, weshalb sich normale Einbrecher eher einfachere Ziele suchen.
Wieso es dieser arme Tropf trotzdem versucht hat, ist mir bis heute schleierhaft, zumal er sich vorher nie etwas hatte zu Schulden kommen lassen und auch nicht wie ein Krimineller wirkte.
Es tat mir fast leid, dass er gleich zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.“

„Kannten Sie ihn?“ löcherte Christine weiter.

„Nein, ich kannte ihn bis dahin nicht. Ich habe ihn erst bei der Verhandlung gesehen.“

„Und haben Sie bei der Verhandlung auch seine Frau, bzw. Freundin gesehen?“ Christine konnte Fragen stellen, stellte ich bewundernd fest, an ihr ist fast ein Detektiv verlorengegangen. Wahrscheinlich waren das die positiven Wirkungen des Schachspiels auf das Gehirn.

„Ich glaube, sie saß einmal mit im Saal, als sie aussagen mußte. Oft hat man sie aber nicht gesehen. Eine verdammt hübsche blonde Russin.“

„Ist Ihnen irgendwas an ihr aufgefallen? Ich meine, außer dass sie verdammt hübsch war?“

Albert schaute meiner Freundin eindringlich in die Augen. „Warum fragst du das denn alles, Kindchen?“

„Nur so“ log Christine und überzeugte damit niemanden. Albert seufzte und fügte sich:
„Sie schien mir etwas verwirrt. Sie beschimpfte ihn derb vor versammelter Öffentlichkeit. Es gab auch eine Untersuchung darüber, ob sie an dem Einbruch vielleicht beteiligt war, es konnte aber nichts nachgewiesen. Und so, wie sie ihn verächtlich als Kriminellen, Dieb und Versager betitelte, wirkte das sehr plausibel.“

„Hm“, machte Christine, „und was hat der Einbrecher dazu gesagt?“

„Er hat alles zugegeben und sonst nichts dazu geäußert.“

„Und es fehlte garantiert nichts?“

„Nein, er ist ja nicht einmal bis hinein gekommen.“

„Woher könnte er denn die Informationen über das Haus gehabt haben?“

„Die Geschichte des Anwesens und der Familie ist eigentlich kein Geheimnis. Jeder, den es interessiert, kann es ausbuddeln. Und dass es hier auch etwas zu holen gibt, kann sich wohl ebenfalls jeder denken.“

Ich dachte an meine Privatführung im Tresorraum und fragte mich, ob Robert dieser verdammt hübschen Olga wohl jemals begegnet ist.

Schnell war das kurze Wochenende vorbei und Christine verabschiedete sich. Nicht ohne Hinweis von Onkel Albert, dass sie jederzeit willkommen sei.

„Ihre Insel ist so zauberhaft“, flötete sie „dass ich sicher wieder hierher zurückkehren werde.“ und Onkel Albert strahlte. „Denk aber bitte an mein hohes Alter, Kindchen. Komm möglichst, bevor ich den Löffel abgegeben habe.“

„Bei dieser Luft und dieser Ruhe, die Sie hier haben, können Sie sich sicher auf weitere zehn schöne Jahre freuen.“

„Man weiß nie.“ erwiderter Albert, aber die Vorstellung schien ihm zu gefallen.
„Jedenfalls bist du herzlich zu meinem Hundertsten Geburtstag eingeladen. Vielleicht könnte man diesen ja mit einer Hochzeit verbinden?“ Er zwinkerte verschwörerisch.

„Jetzt reicht es aber, Albert. Du kannst doch hier nicht einfach junge Damen belästigen.“ schritt Robert ein.

„Was heißt denn hier belästigen, junger Mann.“ antwortete der alte Herr bedächtig und etwas verschmitzt. „Eine Frau, die mich heiratet, hat für das Leben ausgesorgt, was ungefähr einem Sechser im Lotto entspricht. Wenn du das Belästigung nennst.... – du hast ja nur Angst, dass ich dir Kira wegschnappe!“ setzte er hinzu.

„Ganz genau.“ entgegnete Robert und alle lachten.

Samstag, 9. August 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 78

Auf mein rigoroses Trommeln mit den Fäusten hin öffnete mir Robert – unerklärlicherweise in Pyjamahosen und Socken, wie ich im Bruchteil einer Sekunde wahrnahm, doch dies interessierte mich im Moment nicht. Stattdessen warf ich mich an seine starke Brust und schniefte immer wieder: „Jetzt geht es auch hier los. Es hat begonnen.“
Beruhigend redete er auf mich ein und fragte schließlich, was begonnen hätte.
„Sieh doch selbst. Christine hat recht gehabt. Es holt mich überall ein.“ Ich griff seine Hand und zog ihn hinter mir her, während ich in meinem Schrecken überhaupt nicht mehr aufhören konnte zu plappern und alles eben Gesagte ständig zu wiederholen. Nur mit Mühe gelang es Robert ein fragendes „Wovon redest du eigentlich?“ einzuwerfen, das ich aber vollständig überhörte, während ich aufschluchzend das Gesicht in meinen Händen barg.
Roberts Blicken entnahm ich, dass er an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte und mein wirres Gerede bedachte er mit verärgertem Schweigen.
Im Turmzimmer angekommen zerrte ich ihn zu der Stelle, wohin ich die Puppe geworfen hatte. Diese war nirgends zu sehen, aber ein Fleck schwarzer Flüssigkeit versickerte langsam in den Ritzen des Dielenbodens.
„Da schau, das Blut!“
„Du spinnst ja!“ entgegnete Robert, „Kippst hier irgendwas aus und spielst deshalb verrückt.“
Ich hörte ihm gar nicht zu, sondern sagte aufgeregt, dass die Puppe verschwunden sei. Dabei schlich ich gebückt umher und schaute unter alles Schränke und Tische. Vielleicht war sie irgendwo hinuntergerollt? Aber sie blieb spurlos verschwunden, ebenso wie damals ihr lebender Doppelgänger.
„Was für eine Puppe denn?“ meinte Robert ungehalten. Mit einem Mal gewann ich meine Fassung wieder und wurde sehr ruhig.
„Erinnerst du dich an die Puppe, die ich dir einmal in der Wohnung zeigte?“
„DIE Puppe?“ Robert hatte es. „Und deshalb rennst du hier wie ein aufgeschrecktes Huhn umher?“
Ungeduldig schüttelte ich den Kopf und begann von vorne. Ich berichtete alles, was ich gesehen und gehört hatte. Es war unschwer zu erkennen, dass Robert hin- und hergerissen war, ob er mir glauben oder mich für geisteskrank halten sollte. Aber das war mir fürs Erste egal. Er griff ein Papiertaschentuch und tunkte es in den Fleck auf den Dielen. Ein blutiges Rot breitete sich in seinen Falten aus.
Verunsichert blickte sich Robert um und auch ich betrachtete das Zimmer noch einmal mit neu gewonnener Ruhe. Das Feuer im Kamin war verloschen. Eine unangenehme Kälte machte sich bemerkbar, und ich fröstelte, fühlte mich gleichzeitig aber erhitzt.
Und dann nahm ich den Lampenschirm wahr. Es bestand aus grünem Glas in bauchiger Form und ein breiter Riss durchzog ihn bis fast zur Spitze, welcher vorhin noch nicht da gewesen war. Ängstlich näherte ich mich ihm und fuhr vorsichtig mit der Fingerspitze über die kühle Oberfläche. Im gleichen Moment stürzte er in sich zusammen, grüne Scherben zu meinen Füßen.
Auch an meinen Beteuerungen, dass ich mit der Lampe nichts angestellt hatte, zweifelte Robert. Ich konnte mir die Sache nur so erklären, dass die Lampe bei dem Aufprall der Puppe gelitten hatte, fand das aber insgeheim ebenso unwahrscheinlich wie mein Begleiter.

„Ich muss Christine anrufen.“ sagte ich unvermittelt.
„Lass das lieber“, widersprach Robert, „weißt du, wie spät es ist?“
„Außerdem hast du ja mich.“ setzte er etwas bissig hinzu. Daran, dass ein Mann nicht die beste Freundin ersetzt, würde er sich erst noch gewöhnen müssen, so viel war klar.

Freitag, 8. August 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 77

Die Woche verging wie zäher Honig. Meine Spannung war groß, gleichzeitig fürchtete ich mich ein wenig vor dem darauffolgenden Montag. Ich lenkte mich mit Arbeit ab, die mir gut von der Hand ging und so interessant war, daß ich alles andere einigermaßen vergessen konnte. Mittwoch, mit Onkel Albert und Robert beim Abendessen sitzend, stieg jedoch der Name meines Vormieters in mein Bewußtsein. Hermann Müller, den hatte ich ja ganz vergessen. Was wollte ich eigentlich mit diesem Namen? Ich erinnerte mich an eine plötzliche Eingebung in der Wohnung von Klaus Luchterhand, nur der Inhalt dieser Eingebung wollte sich mir nicht mehr enthüllen. Mehr aus Mangel an sonstigen Ideen beschloß ich, den Namen in die Suchmaschine einzugeben. Dazu zog ich mich sofort nach dem späten Essen in das Turmzimmer zurück, wo mein Laptop seinen festen Platz gefunden hatte. Es wurde nun um diese Zeit des Jahres wieder eher dunkel und Schwärze starrte zu den Fenstern herein, der Eichenwald wirkte darin wie das unzählige Male vervielfältigte Schwarz eines Schlundes, welcher jeden Tropfen des letzten Lichtes vom Himmel saugt. Eine beeindruckende Stille fiel mir auf. Hier war es zwar stets recht still, nicht zu vergleichen mit dem Lärm einer Stadt, aber diese Stille war noch stiller als still, es war die schwermütige Stille eines Spätsommerabends, der bereits die Schwelle zum Herbst überschritten hatte. Fast ein wenig bedrückt entzündete ich zwei Holzscheite im Kamin, doch das übermütige Knistern der Funken schien die gefühlte Lautlosigkeit noch zu verstärken. Das Zimmer wirkte mit einem Mal unnatürlich groß und unüberschaubar. Ich schlich in einer merkwürdigen Stimmung zum Schreibtisch und klappte das Notebook auf. Das schwarze Fenster in meinem Rücken verursachte mir Unbehagen, weshalb ich nochmals aufstand und die Vorhänge schloß.
Dann setzte ich mich erneut und betrachtete die Liste der Suchergebnisse. Es waren unzählige, wie ich es vermutet hatte, und es wäre unmöglich, allen 8 Millionen Ergebnissen zu folgen und wahrscheinlich auch, den richtigen Hermann Müller zu finden, deshalb stöberte ich etwas lustlos in den ersten Seiten herum. Fußballer, Bauingenieure, Studenten, Workshopleiter – ich beschränkte mich schließlich auf Links, die zu Zeitungsarchiven führten, aber ohne Erfolg. Spontan gab ich den Namen erneut ein mit dem Zusatz „vermisst“ und gleich beim Betrachten der ersten Seite wusste ich, dass ich meinem Ziel nähergekommen war, als ich die Wortgruppe auf der Seite einer Berliner Zeitung fand.
Ich folgte dem Link und las interessiert den kleinen Artikel, gleichzeitig rechnete ich im Kopf nach, ob die Zeitangaben in etwa übereinstimmten. Auch ein Foto des Vermissten gab es, welches mir zuerst überhaupt nichts sagte. Doch als ich es im Augenwinkel hatte, während ich einige Sätze nochmals überflog, glaubte ich plötzlich etwas zu sehen, was ich kannte.
Ich schaute sofort streng auf das Foto, doch der Eindruck verflog wieder, nur um gleich zurückzukehren, sobald ich das Bild ausschließlich im Augenwinkel sah. An irgendetwas erinnerte mich diese Sichtweise, aber die Person an sich konnte es nicht sein, denn ich hatte diesen Herrn nie im Leben gesehen, da war ich mir sicher.

Ich sann eine ganze Weile über dieses Phänomen nach und wollte es schon als Spinnerei abtun, als mir vor dem inneren Auge wie eine Vision das Bild des kleinen Püppchens erschien, zwischen den blühenden Orchideentöpfen sitzend. Wie paralysiert stieg ich die Stufen zu meinem Schlafzimmer hinunter, um die Tasche zu holen, von der ich mich erinnerte, es dort hineingetan zu haben. Auf Neda, die ich unterwegs auf dem Gang traf und die mir etwas zurief – ich glaube, es war ein „Gute Nacht!“ – achtete ich kaum. Mit der Tasche unter dem Arm trat ich den Rückweg an und erst im Turmzimmer öffnete ich sie. Das Püppchen lag verrenkt zwischen Einkaufstüten, Brieftasche und Pfefferminzdrops. Vorsichtig nahm ich es heraus und betrachtete es eingehend. Ich entdeckte eine gewisse Übereinstimmung von Haaransatz, Gesichtsform, Proportionen und Bekleidung zwischen Puppe und Zeitungsfoto. Vielleicht war dies eine Voodoopuppe? Ich hatte davon gehört, fragte mich aber, wer sich wohl die Mühe machte, eine Person so genau nachzubilden. Wenn der Vormieter auch verschollen war, zumindest hatte ich jetzt seine wie es schien vollkommen identische Puppe gefunden. Eigenartige Dinge sind das wieder, dachte ich kopfschüttelnd. Noch währenddessen hatte ich für einen kurzen Moment den Eindruck, als würde die Puppe mir zuzwinkern, was ich aber einer optischen Täuschung infolge der Kopfbewegung zuschrieb. Doch um so aufmerksamer betrachtete ich das Gesicht und ich konnte nicht glauben, was ich sah – kleine Bluttropfen quollen aus Mund und Augen der Figur hervor. Erschrocken schleuderte ich sie auf den robusten Dielenboden, als könnte es mir bei Berührung etwas Schreckliches antun, und mir war, als würde ich ein kummervolles Ächzen hören, welches keinesfalls das alterschwache Holz verursacht hatte. „Oh mein Gott!“ stöhnte ich und stürzte zur Tür hinaus.

Freitag, 27. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 76

Als ich zum Wagen kam, war niemand dort. Robert fand ich in der Kneipe an der Ecke. Sie hieß „Zu den drei Linden“, aber die drei Linden davor waren kahl und kaum als solche zu erkennen. Robert hatte sich ein Bier bestellt und ich tat es ihm gleich. Ich erzählte ihm, wie das Gespräch verlaufen war und dass ich in der nächsten Woche erneut eine Verabredung hätte. Er runzelte die Stirn, sagte aber nichts, während er seinen Terminplaner zückte und sich den Nachmittag des Tages dick einkreiste. Ich berichtete ihm ebenfalls über das ungute Gefühl, das ich in meiner alten Wohnung hatte, und er entschied, dass es Zeit wäre, meine restlichen Sachen daraus zu holen. Er bot mir an, das wichtigste sofort mit dem Wagen mitzunehmen. Die Möbel, die ich behalten wolle, könnten eingelagert werden. Er würde dafür zwei Männer schicken, die sich auch um die Übergabe der Wohnung an den Vermieter kümmern würden. Malermäßig war das nicht zu leisten, da jeder Anstrich nur bis zur nächsten Nacht hielt. Erleichtert darüber, mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, sagte ich zu.
Irgendwie war mir trotzdem etwas seltsam zumute, denn sobald die Wohnung zurückgegeben war, hatte ich kein eigenes Zuhause mehr. Aber ich wusste, dass ich, so lange es mir beliebte, auf der Insel bleiben konnte. Würde das nicht mehr der Fall sein, müsste ich ganz von vorne beginnen, aber irgendwie fand ich das aufregend. Die positive Spannung und Erleichterung überwog derart, dass ich nicht mehr groß darüber nachdachte. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, stiegen wir deshalb noch einmal gemeinsam die Treppen zu meinem Horrorladen hinauf, wie ich die Räumlichkeiten scherzhaft nannte. In der Wohnung angekommen, räumten wir alles, was übrig war und mit uns kommen sollte, in die zahlreichen Plastiktüten, die ich glücklicherweise aufgehoben hatte. Mit einem kleinen Klebezettel markierte ich die Möbel und größeren Dinge, welche ich behalten wollte, die aber heute nicht mitgenommen werden konnten. Darum würden sich dann andere kümmern. Nach einer Stunde war der Wagen voll beladen.

Da wir nun schon einmal in der Stadt waren, sollte die Gelegenheit noch für andere Erledigungen genutzt werden. Zuerst hielten wir bei meinem Büro. Robert wartete wieder im Wagen. Ich wollte nicht, dass die Hühner in meiner Abteilung zu viel Stoff zum Spekulieren bekamen. Durch die vertrauten Flure gehend, redete ich ein paar Worte mit diesen und jenen Kollegen, die ich traf, und ging geradewegs in das Büro des Abteilungsleiters. Dieser hatte gerade seine Hand auf dem Hintern der untergeordneten Teamleiterin zu liegen, was ich dezent übersah, aber als er mich erblickte, wandte er sich mir strahlend zu. Allerdings verdüsterte sich sein Gesicht bald, als ich erklärte, weshalb ich da war. Die Verhandlungen waren unerfreulich, doch er musste einsehen, dass so schnell nicht mit mir zu rechnen war. Mein unbezahlter Sonderurlaub wurde ausreichend verlängert, so dass ich mich voll und ganz der neuen Aufgabe widmen konnte, die mir Onkel Albert übertragen hatte. Und ich hoffte, dass dieser trotz seines betagten Alters noch einige Jahre durchhalten würde, um diese Aufgabe unbehelligt und abgesichert abschließen zu können. Insgeheim formulierte ich außerdem schon an den ersten Sätzen für einen Roman über meine Erlebnisse, obwohl ich die Bemerkung im Turmzimmer nur aus Scherz gemacht hatte. Aus Scherz war schnell Ernst geworden, aber Sorgen bereitete mir, dass ich noch kein vernünftiges Ende für die Geschichte hatte. Eine Heldin, die aus ihrer Wohnung auf eine Insel flieht, ist zum einen keine Heldin und zum anderen nicht sehr formatfüllend.

Der letzte Punkt im Programm war ein Besuch bei meiner Freundin Christine, welche inzwischen von ihrer Tournee nach Hause zurückgekehrt war. Sie öffnete uns gutgelaunt und bat uns statt in das Wohnzimmer in ihre weinrote Küche, wo sie eine Kanne voll Eistee auf den Tisch stellte und ihn in funkelnde hohe Gläser eingoß. Dabei bemerkte ich, wie sie Robert heimlich, aber aufmerksam musterte, denn sie hatte ihn ja noch nicht persönlich kennengelernt. Sie erzählte viel über ihre Erlebnisse auf der Tournee, fragte aber mit keinem Wort, wie es bei mir weitergegangen war. Mir war klar, dass sie das tat, weil sie nicht wusste, inwieweit Robert über die Situation in Kenntnis war und sie keinesfalls indiskret sein wollte. Ich fand es sehr angenehm, einmal nicht darüber zu reden, sondern nur ihren lustigen Erzählungen zu lauschen und mit ihr gemeinsam zu lachen - über komische Situationen, Menschen und manchmal auch über rein gar nichts. Ihre kleinen Lachfältchen an den Augen wurden mir dann noch sympathischer. Ich lud sie mit Roberts Einverständnis ein, uns doch einmal eine Woche lang auf der Taubeninsel zu besuchen und sie war Feuer und Flamme.
„Wenn ich morgen nicht diesen wichtigen Termin hätte, würde ich sofort mitkommen.“ sagte sie bedauernd. Es war bereits dunkel, als wir mit dem Auto das Ufer der Spree erreichten. Rudi, der Fährmann, half uns, das viele Gepäck auf das Boot zu schaffen. Wieder auf der Insel wurde das, was wir nicht tragen konnten, in einem kleinen überdachten Schuppen am Ufer untergebracht, wo es später von jemanden mit einem Wagen ins Haus geschafft werden würde.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 75

Mein Herz klopfte, als ich die Klingel an der gegenüberliegenden Tür betätigte. Vorsichtig öffnete sich diese und Herr Luchterhand schaute mich groß über seine Brillengläser hinweg an.

„Du? Daß man dich noch einmal sieht. Ich dachte schon, du wärst bereits ganz ausgezogen.“
bemerkte er schüchtern lächelnd.

„Mehr oder weniger ist es so. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich mit dir sprechen wollte.“

„Worüber denn?“

„Das wird länger dauern. Läßt du mich rein?“

„Ähm.....na gut.“ Seine graumelierten Locken oberhalb der Schläfen wippten leise.

Anscheinend hatte ich ihn beim Experimentieren mit Bratkartoffeln gestört, denn durch die Küchentür erhaschte ich einen Blick auf verschiedene Flaschen und Töpfe, in denen sich Öl, Schmalz und Gewürze befanden und die ziemlich wild auf einem großen Tisch herumstanden, dazwischen einige verstreute ungeschälte Kartoffeln. Ich konnte den Duft von Romarin und Kümmel identifizieren.

Er bot mir wieder einen Platz auf seiner unbequemen Couch an, jedoch ohne mich auf extra Kissen hinzuweisen. Da ich es mir sowieso nicht zu gemütlich machen wollte, beugte ich mich nach vorne und stützte meine Ellenbogen auf die Knie. Die Matroschkas in der Vitrine gegenüber lächelten mich pausbäckig an. Ich wusste nicht, wie beginnen und ein verlegenes Schweigen entstand. Klaus Luchterhand hatte sich auf einen Sessel gesetzt, der direkt mit dem Rücken vor dem Fenster stand, so dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte. Die Kontur seines Kopfes hob sich scherenschnittartig vom hellen Hintergrund ab. Trotzdem spürte ich, dass er sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte, was vielleicht den überraschenden Umständen meines Besuches zu danken war.

„Ich habe da etwas gefunden, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht und wozu ich dich etwas fragen möchte.“

Er nickte, sprang dann aber plötzlich auf, um mir eine Tasse Tee anzubieten. Ich schüttelte dankend den Kopf und er setzte sich wieder.

„Und zwar sah ich eine alte Zeitung, in der ich dein Foto erkannte.“

Er nickte, es schien ihm peinlich zu sein, aber er unterbrach mich trotzdem.

„Ja, ich vermute du meinst die Sache mit dem Einbruch.“ Seine Stimme klang gespannt.

„Genau. Du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als ich das las. Ich hätte dir das niemals zugetraut und deshalb würde ich gerne ein wenig mehr über deine Motive und den Ablauf wissen wollen. Denn es gibt da einen Zusammenhang, einen Zufall, der mich noch um vieles mehr verwundert und ich glaube, du weißt, was ich meine.“

Vorsichtig tastete ich die Wirkung meiner Worte ab. Da sein Gesicht fast im Dunkeln lag, konnte ich nicht viel Regung erkennen.

Er nickte abermals: „Es stimmt, ich habe wegen versuchtem Einbruch gesessen.“ , ließ mich aber im Ungewissen, ob er meine Andeutungen verstanden hatte.

Ich wurde direkter: „In diesen Träumen mit der Frau, Sophie Alexejewna, hörte ich immer etwas von Zarengold. Nun sage ich dir bestimmt nichts neues, wenn ich dir anvertraue, dass genau dort wo du einbrechen wolltest, auf der Taubeninsel, noch die Reste eines Piratenschatzes aufbewahrt werden.“
Ich wartete, aber als keine Antwort kam, fuhr ich zögernd fort:
„Jetzt frage ich mich, ob meine Träume etwas mit diesem Einbruch zu tun haben.“
Und hastig versicherte ich: „ Ich weiß, das klingt blöd, aber ich habe Sachen aus dem Schatz gesehen. Es sind russische Münzen dabei.“

Ich spürte, wie er aufmerkte. „Tatsächlich?“ wollte er wissen und fragte mich nach allen Einzelheiten über meinen Aufenthalt aus. Ich beantwortete die Fragen, bis auf solche, die zu einem neuerlichen Einbruch missbraucht werden konnten. Er hörte interessiert zu, merkte aber sofort, dass ich ihm misstraute und mich deshalb zurückhielt.

„Nur keine Angst“ sagte er deshalb, „heute würde ich so einen Einbruch nicht noch einmal versuchen.“

„Warum hast du es damals getan?“

Statt einer Antwort kam ein tiefer Seufzer.

„Sag es mir – bitte. Ich will verstehen, was hier vor sich geht.“

„Ich weiß doch auch nicht, was hier vor sich geht. Es ist, als lebe ich seit Jahren in einem Traum, dessen Anfang mir irgendwo mittendrin verlorengegangen ist.“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, erst verschwindet meine Freundin spurlos und dann passieren dauernd so merkwürdige Dinge, nicht mir, aber anderen, die mich an sie erinnern, als würde sie noch da sein, unsichtbar in den Räumen der anderen Wohnung.“

„Meinst du das in meinen Träumen war deine Freundin? Sie nannte sich eindeutig Sophie Alexejewna.“

„Ich weiß nicht. Aber ich hatte, denke ich, schon einmal erwähnt, dass sie sich für Sophie Alexejewna hielt und sich selbst manchmal so nannte.“

„Aber warum ist sie dann in meinen Träumen und nicht in deinen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Bitte erzähl mir vom Einbruch.“

Er seufzte abermals. „Es ist eine unendlich lange Geschichte und schon ewig her. Ich finde, wir sollten das auf ein anderes Mal verschieben. Ich muß heute noch weg.“

„Wie du möchtest.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Montag und ich stand schon in der Tür, als mir etwas einfiel.

„Eine Frage noch – wie hieß der Nachbar, der vor mir in meiner Wohnung wohnte?“

Er überlegte. „Ich glaube, sein Name war Müller. Jedenfalls so ein sehr häufiger Name. Und mit Vornamen hieß er Hermann.“

„Danke dir.“ meinte ich und stieg etwas enttäuscht, ohne es mir anmerken zu lassen, die Treppen hinunter. Nun würde ich noch einmal fast eine Woche warten müssen.
Routinemäßig öffnete ich den Briefkasten, aber er war leer. Neda hatte mir bereits alles an Post mitgebracht.

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