Zuckerwelt

Omen Potenta Rucola

~~~~~~~~~~~~~
It's about to pick yourself up, that's the real challenge,
isn't it?
(Confessions-Tour) ~~~~~~~~~~~~~

Wer glaubt, mich zu kennen, weiß mehr als ich.....

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Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)

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Die namenlose Geschichte

Freitag, 27. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 76

Als ich zum Wagen kam, war niemand dort. Robert fand ich in der Kneipe an der Ecke. Sie hieß „Zu den drei Linden“, aber die drei Linden davor waren kahl und kaum als solche zu erkennen. Robert hatte sich ein Bier bestellt und ich tat es ihm gleich. Ich erzählte ihm, wie das Gespräch verlaufen war und dass ich in der nächsten Woche erneut eine Verabredung hätte. Er runzelte die Stirn, sagte aber nichts, während er seinen Terminplaner zückte und sich den Nachmittag des Tages dick einkreiste. Ich berichtete ihm ebenfalls über das ungute Gefühl, das ich in meiner alten Wohnung hatte, und er entschied, dass es Zeit wäre, meine restlichen Sachen daraus zu holen. Er bot mir an, das wichtigste sofort mit dem Wagen mitzunehmen. Die Möbel, die ich behalten wolle, könnten eingelagert werden. Er würde dafür zwei Männer schicken, die sich auch um die Übergabe der Wohnung an den Vermieter kümmern würden. Malermäßig war das nicht zu leisten, da jeder Anstrich nur bis zur nächsten Nacht hielt. Erleichtert darüber, mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen, sagte ich zu.
Irgendwie war mir trotzdem etwas seltsam zumute, denn sobald die Wohnung zurückgegeben war, hatte ich kein eigenes Zuhause mehr. Aber ich wusste, dass ich, so lange es mir beliebte, auf der Insel bleiben konnte. Würde das nicht mehr der Fall sein, müsste ich ganz von vorne beginnen, aber irgendwie fand ich das aufregend. Die positive Spannung und Erleichterung überwog derart, dass ich nicht mehr groß darüber nachdachte. Nachdem wir das Bier ausgetrunken hatten, stiegen wir deshalb noch einmal gemeinsam die Treppen zu meinem Horrorladen hinauf, wie ich die Räumlichkeiten scherzhaft nannte. In der Wohnung angekommen, räumten wir alles, was übrig war und mit uns kommen sollte, in die zahlreichen Plastiktüten, die ich glücklicherweise aufgehoben hatte. Mit einem kleinen Klebezettel markierte ich die Möbel und größeren Dinge, welche ich behalten wollte, die aber heute nicht mitgenommen werden konnten. Darum würden sich dann andere kümmern. Nach einer Stunde war der Wagen voll beladen.

Da wir nun schon einmal in der Stadt waren, sollte die Gelegenheit noch für andere Erledigungen genutzt werden. Zuerst hielten wir bei meinem Büro. Robert wartete wieder im Wagen. Ich wollte nicht, dass die Hühner in meiner Abteilung zu viel Stoff zum Spekulieren bekamen. Durch die vertrauten Flure gehend, redete ich ein paar Worte mit diesen und jenen Kollegen, die ich traf, und ging geradewegs in das Büro des Abteilungsleiters. Dieser hatte gerade seine Hand auf dem Hintern der untergeordneten Teamleiterin zu liegen, was ich dezent übersah, aber als er mich erblickte, wandte er sich mir strahlend zu. Allerdings verdüsterte sich sein Gesicht bald, als ich erklärte, weshalb ich da war. Die Verhandlungen waren unerfreulich, doch er musste einsehen, dass so schnell nicht mit mir zu rechnen war. Mein unbezahlter Sonderurlaub wurde ausreichend verlängert, so dass ich mich voll und ganz der neuen Aufgabe widmen konnte, die mir Onkel Albert übertragen hatte. Und ich hoffte, dass dieser trotz seines betagten Alters noch einige Jahre durchhalten würde, um diese Aufgabe unbehelligt und abgesichert abschließen zu können. Insgeheim formulierte ich außerdem schon an den ersten Sätzen für einen Roman über meine Erlebnisse, obwohl ich die Bemerkung im Turmzimmer nur aus Scherz gemacht hatte. Aus Scherz war schnell Ernst geworden, aber Sorgen bereitete mir, dass ich noch kein vernünftiges Ende für die Geschichte hatte. Eine Heldin, die aus ihrer Wohnung auf eine Insel flieht, ist zum einen keine Heldin und zum anderen nicht sehr formatfüllend.

Der letzte Punkt im Programm war ein Besuch bei meiner Freundin Christine, welche inzwischen von ihrer Tournee nach Hause zurückgekehrt war. Sie öffnete uns gutgelaunt und bat uns statt in das Wohnzimmer in ihre weinrote Küche, wo sie eine Kanne voll Eistee auf den Tisch stellte und ihn in funkelnde hohe Gläser eingoß. Dabei bemerkte ich, wie sie Robert heimlich, aber aufmerksam musterte, denn sie hatte ihn ja noch nicht persönlich kennengelernt. Sie erzählte viel über ihre Erlebnisse auf der Tournee, fragte aber mit keinem Wort, wie es bei mir weitergegangen war. Mir war klar, dass sie das tat, weil sie nicht wusste, inwieweit Robert über die Situation in Kenntnis war und sie keinesfalls indiskret sein wollte. Ich fand es sehr angenehm, einmal nicht darüber zu reden, sondern nur ihren lustigen Erzählungen zu lauschen und mit ihr gemeinsam zu lachen - über komische Situationen, Menschen und manchmal auch über rein gar nichts. Ihre kleinen Lachfältchen an den Augen wurden mir dann noch sympathischer. Ich lud sie mit Roberts Einverständnis ein, uns doch einmal eine Woche lang auf der Taubeninsel zu besuchen und sie war Feuer und Flamme.
„Wenn ich morgen nicht diesen wichtigen Termin hätte, würde ich sofort mitkommen.“ sagte sie bedauernd. Es war bereits dunkel, als wir mit dem Auto das Ufer der Spree erreichten. Rudi, der Fährmann, half uns, das viele Gepäck auf das Boot zu schaffen. Wieder auf der Insel wurde das, was wir nicht tragen konnten, in einem kleinen überdachten Schuppen am Ufer untergebracht, wo es später von jemanden mit einem Wagen ins Haus geschafft werden würde.

Mittwoch, 11. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 75

Mein Herz klopfte, als ich die Klingel an der gegenüberliegenden Tür betätigte. Vorsichtig öffnete sich diese und Herr Luchterhand schaute mich groß über seine Brillengläser hinweg an.

„Du? Daß man dich noch einmal sieht. Ich dachte schon, du wärst bereits ganz ausgezogen.“
bemerkte er schüchtern lächelnd.

„Mehr oder weniger ist es so. Eigentlich bin ich nur hier, weil ich mit dir sprechen wollte.“

„Worüber denn?“

„Das wird länger dauern. Läßt du mich rein?“

„Ähm.....na gut.“ Seine graumelierten Locken oberhalb der Schläfen wippten leise.

Anscheinend hatte ich ihn beim Experimentieren mit Bratkartoffeln gestört, denn durch die Küchentür erhaschte ich einen Blick auf verschiedene Flaschen und Töpfe, in denen sich Öl, Schmalz und Gewürze befanden und die ziemlich wild auf einem großen Tisch herumstanden, dazwischen einige verstreute ungeschälte Kartoffeln. Ich konnte den Duft von Romarin und Kümmel identifizieren.

Er bot mir wieder einen Platz auf seiner unbequemen Couch an, jedoch ohne mich auf extra Kissen hinzuweisen. Da ich es mir sowieso nicht zu gemütlich machen wollte, beugte ich mich nach vorne und stützte meine Ellenbogen auf die Knie. Die Matroschkas in der Vitrine gegenüber lächelten mich pausbäckig an. Ich wusste nicht, wie beginnen und ein verlegenes Schweigen entstand. Klaus Luchterhand hatte sich auf einen Sessel gesetzt, der direkt mit dem Rücken vor dem Fenster stand, so dass ich sein Gesicht nicht genau erkennen konnte. Die Kontur seines Kopfes hob sich scherenschnittartig vom hellen Hintergrund ab. Trotzdem spürte ich, dass er sich nicht sehr wohl in seiner Haut fühlte, was vielleicht den überraschenden Umständen meines Besuches zu danken war.

„Ich habe da etwas gefunden, was mir nicht mehr aus dem Kopf geht und wozu ich dich etwas fragen möchte.“

Er nickte, sprang dann aber plötzlich auf, um mir eine Tasse Tee anzubieten. Ich schüttelte dankend den Kopf und er setzte sich wieder.

„Und zwar sah ich eine alte Zeitung, in der ich dein Foto erkannte.“

Er nickte, es schien ihm peinlich zu sein, aber er unterbrach mich trotzdem.

„Ja, ich vermute du meinst die Sache mit dem Einbruch.“ Seine Stimme klang gespannt.

„Genau. Du glaubst gar nicht, wie überrascht ich war, als ich das las. Ich hätte dir das niemals zugetraut und deshalb würde ich gerne ein wenig mehr über deine Motive und den Ablauf wissen wollen. Denn es gibt da einen Zusammenhang, einen Zufall, der mich noch um vieles mehr verwundert und ich glaube, du weißt, was ich meine.“

Vorsichtig tastete ich die Wirkung meiner Worte ab. Da sein Gesicht fast im Dunkeln lag, konnte ich nicht viel Regung erkennen.

Er nickte abermals: „Es stimmt, ich habe wegen versuchtem Einbruch gesessen.“ , ließ mich aber im Ungewissen, ob er meine Andeutungen verstanden hatte.

Ich wurde direkter: „In diesen Träumen mit der Frau, Sophie Alexejewna, hörte ich immer etwas von Zarengold. Nun sage ich dir bestimmt nichts neues, wenn ich dir anvertraue, dass genau dort wo du einbrechen wolltest, auf der Taubeninsel, noch die Reste eines Piratenschatzes aufbewahrt werden.“
Ich wartete, aber als keine Antwort kam, fuhr ich zögernd fort:
„Jetzt frage ich mich, ob meine Träume etwas mit diesem Einbruch zu tun haben.“
Und hastig versicherte ich: „ Ich weiß, das klingt blöd, aber ich habe Sachen aus dem Schatz gesehen. Es sind russische Münzen dabei.“

Ich spürte, wie er aufmerkte. „Tatsächlich?“ wollte er wissen und fragte mich nach allen Einzelheiten über meinen Aufenthalt aus. Ich beantwortete die Fragen, bis auf solche, die zu einem neuerlichen Einbruch missbraucht werden konnten. Er hörte interessiert zu, merkte aber sofort, dass ich ihm misstraute und mich deshalb zurückhielt.

„Nur keine Angst“ sagte er deshalb, „heute würde ich so einen Einbruch nicht noch einmal versuchen.“

„Warum hast du es damals getan?“

Statt einer Antwort kam ein tiefer Seufzer.

„Sag es mir – bitte. Ich will verstehen, was hier vor sich geht.“

„Ich weiß doch auch nicht, was hier vor sich geht. Es ist, als lebe ich seit Jahren in einem Traum, dessen Anfang mir irgendwo mittendrin verlorengegangen ist.“

„Wie meinst du das?“

„Na ja, erst verschwindet meine Freundin spurlos und dann passieren dauernd so merkwürdige Dinge, nicht mir, aber anderen, die mich an sie erinnern, als würde sie noch da sein, unsichtbar in den Räumen der anderen Wohnung.“

„Meinst du das in meinen Träumen war deine Freundin? Sie nannte sich eindeutig Sophie Alexejewna.“

„Ich weiß nicht. Aber ich hatte, denke ich, schon einmal erwähnt, dass sie sich für Sophie Alexejewna hielt und sich selbst manchmal so nannte.“

„Aber warum ist sie dann in meinen Träumen und nicht in deinen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Bitte erzähl mir vom Einbruch.“

Er seufzte abermals. „Es ist eine unendlich lange Geschichte und schon ewig her. Ich finde, wir sollten das auf ein anderes Mal verschieben. Ich muß heute noch weg.“

„Wie du möchtest.“ Wir verabredeten uns für den nächsten Montag und ich stand schon in der Tür, als mir etwas einfiel.

„Eine Frage noch – wie hieß der Nachbar, der vor mir in meiner Wohnung wohnte?“

Er überlegte. „Ich glaube, sein Name war Müller. Jedenfalls so ein sehr häufiger Name. Und mit Vornamen hieß er Hermann.“

„Danke dir.“ meinte ich und stieg etwas enttäuscht, ohne es mir anmerken zu lassen, die Treppen hinunter. Nun würde ich noch einmal fast eine Woche warten müssen.
Routinemäßig öffnete ich den Briefkasten, aber er war leer. Neda hatte mir bereits alles an Post mitgebracht.

Dienstag, 10. Juni 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 74

Endlich hatte sich Robert für einen Tag frei machen können, um mich zu meinem ehemaligen Wohnhaus zu begleiten. In den vergangenen Tagen hatte ich mir erneut meine Münzzeichnungen genauer angeschaut und mit Münzdatenbanken verglichen, außerdem ein paar weitere Mappen und Kisten mit Papieren durchgesehen. Mein Kopf war vollgestopft mit Informationen, die mich nicht weiterbrachten. Es war ein frühherbstlicher Tag mit einer altgoldenen Sonne am Himmel und ich fragte mich bei unserer Abfahrt mit dem Fährboot, wie diese Insel wohl völlig mit Schnee und Eis bedeckt aussehen würde. Sicherlich wunderschön und ich freute mich schon auf diese Erfahrung, die mir noch bevorstand. Beim Anlegen an der städtischen Seite der Spree kreisten zwei schneeweiße Schwäne im Wasser und folgten uns neugierig an das Ufer. Rudi, der Fährmann, verabschiedete sich und strebte Richtung Biergarten zum Mittagsimbiß.

Auf Robert und mich wartete bereits ein bestellter Wagen. Bei der Überfahrt fühlte ich mich relativ entspannt, doch als ich in das Auto stieg, bemerkte ich, wie eine leichte Aufregung mir den Magen zusammenschnürte. Schon allein der Blick auf die mit Touristen und Berlinern überfüllten Straßen war mir innerhalb von wenigen Wochen fremd geworden, dafür aber auch besonders spannend. Robert fuhr einige absichtliche Umwege durch die Stadt und hielt schließlich vor einem Restaurant, wo wir uns vor der Weiterfahrt mit Omeletts stärkten, auch wenn sich mein Appetit in Grenzen hielt.

Endlich bogen wir in die kleine Straße, die einmal meine Heimat gewesen war. Es schien mir doppelt verwunderlich, dass mir in wenigen Wochen ein Ort so fremd werden konnte und sich trotzdem so unendlich vertraut anfühlen konnte. Die Geschäfte in der Straße waren noch dieselben und die Bäume ebenfalls. Sie trugen wie eh und je schwer an ihren Früchten und die dünne, abgeschälte Rinde zerplatzte knackend unter unseren Schuhen. Es erschien mir eine Ewigkeit, die ich nicht mehr hier gewesen war, aber ich hatte nichts vermisst.
Robert parkte den Wagen ein Stückchen von meiner Haustür entfernt auf einer neu angelegten Verkehrsinsel, dann versprach er, dass er notfalls den ganzen Nachmittag auf mich warten und zwischendurch in der Kneipe um die Ecke ein Bier trinken würde. Er reichte mir ein Handy, mit dem ich ihn bei Bedarf schnell erreichen konnte und gab mir einen Kuß auf die Stirn.

Mit erwartungsvoller Spannung betrat ich den Hausflur. Der Geruch nach Bohnerwachs und Zeitungen hatte sich nicht verändert. Es war, als würde ich das Deja-Vu eines Traumes erleben. Auf meinem Treppenabsatz angekommen, konnte ich es doch nicht lassen, in meine alte Wohnung hineinzuschauen und schloß die Tür auf. Stickiger Mief kam mir entgegen, es war lange nicht mehr gelüftet worden. Obwohl taghelles Licht durch die Fenster fiel, lösten die verlassenen Zimmer in mir ein beklommenes Gefühl aus. Man merkte, dass die Räume einige Zeit nicht bewohnt gewesen waren, es fehlte das Leben, und ich hatte wenig Lust, es ihnen wiederzugeben. Ich betrachtete die Dinge, die sich noch von mir in der Wohnung befanden. Eingestaubt harrten sie eines neuen Glanzes. Viel hatte ich nie besessen, aber auch von dem wenigen vermisste ich nicht viel. Im großen Zimmer stellten sich mir unvermittelt alle Härchen an den Armen auf. Ich konnte nicht sagen weshalb, aber hier einmal gewohnt zu haben erschien mir unvorstellbar. Vielleicht waren es die unguten Erinnerungen, vielleicht aber auch etwas anderes. Sobald ich nicht mehr auf der Taubeninsel bleiben konnte, was in absehbarer Zeit wohl nicht der Fall sein würde, müsste ich mir eine neue Wohnung suchen.
Bäche von schwarzem Öl hatten sich von der ursprünglichen Wand über die Decke und zwei weitere Wände ausgebreitet. Sie wirkten wie breite Risse in der Mauer und mir wurde kalt, wenn ich sie ansah. Auch auf dem Teppich prangte ein großer schwarzer Fleck.
Das kleine Püppchen, welches einst in der Mauer versteckt gewesen war, saß noch immer neben den Blumentöpfen mit den vertrockneten Orchideen. Mit einem Mal kam mir ein Gedanke. Ich nahm das Püppchen und steckte es in meine Handtasche, dann trat ich wieder in den Hausflur.

Samstag, 31. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 74

Noch im Morgengrauen des nächsten Tages wurde Ferdinand, der berühmte Seebeuter, aus seiner Kajüte geholt, erhielt ein Stück Kautabak und einen Krug Wein, was viele der Mannschaft mit Missfallen sahen, da sie dies für Verschwendung hielten, und wurde am höchsten Mast des Dreimastschoners aufgeknüpft. Seine letzten Worte waren: „Ihr werdet noch bereuen, was ihr getan habt!“, das Übliche halt. Nach drei Tagen begann die rotsträhnige Leiche zu stinken und wurde als Futter für die Fische dem Meer übergeben. Leider fand man unter seinen Sachen keinen Hinweis auf das Versteck seiner Beute, die er sich unrechtmäßig angeeignet hatte, was die Piraten davon abhielt, ihn dem Herrn zu empfehlen. Sollte er doch in der Hölle schmoren!

Peter hatte es eilig, wieder nach Hause zu kommen. Er hatte Sehnsucht nach seinem neuen, heilen Leben in Sankt Peterburg und Wil versprach ihm, dass sie als nächstes Kurs auf seine Heimat nehmen würden. Bis dorthin war es jedoch noch eine weite Reise und so genossen sie es, abends im Schein der Schiffslaterne lange über ihre jeweilige Zukunft zu reden. Die Vergangenheit war abgeschlossen.

Nach vielen Tagen hatten sie die englischen Inseln umschifft. Der gute Wein war ausgegangen und die besseren Vorräte waren ebenfalls aufgebraucht. Man darbte bei Schiffszwieback und Rum, während Ausschau nach anderen Schiffen gehalten wurde, die man plündern konnte. Nach weiteren vielen Tagen kam die weißrussische Küste in Sicht. Verloren stand Peter an der Reling und gedachte des schicksalsschweren Tages, als er zuletzt vor dieser Küste kreuzte und sein nacktes Leben retten musste.

Da es für die Piraten zu gefährlich war, direkt im Hafen vor Anker zu gehen, brachten Wil und Schiffskoch Heiner ihn mit dem Rettungsboot an Land. Heiner hatte gleichzeitig den Auftrag, das Proviant wieder tüchtig aufzufüllen. Wil und Peter – Pjotr Petrowitsch, wie er sich hier nannte, gingen zu seinem Juweliergeschäft und konnten sich davon überzeugen, dass während seiner Abwesenheit alles bestens gelaufen ist. Iwan, sein Geselle, hatte sich wirklich einen goldenen Löffel verdient. Piotr Petrowitsch öffnete alle Türen zu seinen privaten Zimmern und lüftete kräftig durch. Wenn er daran dachte, dass Wil gleich gehen und er sie wahrscheinlich nicht wiedersehen würde, hatte er einen Kloß im Hals, weshalb er wenig sagte. Auch Wil war recht still und sah stumm zu, wie er seinen Seesack in eine Ecke warf und das Wasser für den Samowar auffüllte. Gemeinsam tranken sie Tee, redeten über dies und jenes, als Wil schließlich das Zeichen zum Aufbruch gab. Heiner würde sicher bereits auf sie warten.

Piotr Petrowitsch bestand darauf, sie zum Hafen zu bringen, wo Heiner tatsächlich schon in einem Ruderboot voller Kisten und Fässer nach ihnen Ausschau hielt. Bevor Wil einsteigen konnte, hielt Piotr Petrowitsch sie zurück und reichte ihr ein elfenbeinernes Klappmesser, dasselbe, das er einst vor vielen Jahren von ihr erhielt, als sie noch ein Er war.

„Du kannst es jetzt besser gebrauchen als ich.“ erklärte er und Wil nickte lächelnd, als sie es nahm. Sie wusste, was er meinte. Das Piratenleben war gefährlich und kurz. Wenige wurden sehr alt und die meisten starben eines gewaltsamen Todes. Er hoffte sehr, sie würde auf sich aufpassen und ein langes, abenteuerliches Leben auf See führen, so wie sie es sich gewünscht hatte.

Zwei Jahre nachdem man von Ferdinand dem Seebeuter weder etwas gesehen noch gehört hatte, erhielt sein Sohn Karl einen versiegelten Brief. Dieser enthielt eine Karte, sowie genaue Anweisungen, wie er in eine Höhle gelangen konnte, an der Steilküste von Rügen gelegen, in welcher Ferdinand seine Beute aus vielen Plünderungen gut versteckt hatte. Karl machte sich nach einigen Wochen Vorbereitung auf den Weg, kehrte als reicher Mann zurück und kaufte eine Insel inmitten in der großartigen königlichen Residenzstadt Berlin, wo er sich mitsamt seiner Familie niederließ.

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Die Taubeninsel hielt mich in ihrem Bann. Jeden Tag, nachdem ich massenweise Papiere gesichtet, geordnet und katalogisiert hatte, durchstreifte ich sie von Süden bis Norden, Osten bis Westen. Nur die Gegend der Wirtschaftshöfe mied ich Robert zuliebe. Doch fürchtete ich nichts auf diesem kleinen Stückchen Land, weder Forstarbeiter noch sonst irgend etwas. Die Stille und weitflächige Unberührtheit sickerten in meine Poren und lösten in mir eine Ruhe aus, welche die Zeit beherrschte und gefügig machte. Ich fühlte mich sicher und aufgehoben inmitten des kleinen Universums, in welchem die Uhren anders tickten. Obwohl die Insel nicht sehr groß war, entdeckte ich trotzdem immer neues in den dichten Wäldern und das Wissen darum, dass die Großstadt nur wenige Minuten entfernt war und gleichzeitig so weit entfernt, als wäre sie gar nicht vorhanden, machte einen zusätzlichen Reiz aus. Viele Tage streifte ich so umher, manchmal begleitete Robert mich, allerdings merkte ich schnell, dass er doch ziemlich froh war, nicht ständig mit mir auf Wanderschaft sein zu müssen. Dies ist, wie ich glaube, auch der Grund, warum er nie wieder etwas sagte, wenn ich allein ausgedehnte Spaziergänge unternahm. Den Besuch bei Klaus Luchterhand hatten wir hinausgeschoben, da Robert wegen seines Monatsabschlusses keine Zeit fand, um mich zu fahren. Und es eilte ja auch nicht.

Zwischendurch telefonierte ich mit Christine, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen, und sie reagierte wenig überrascht. „Es gibt keine Zufälle. Du weißt, was meine Meinung dazu ist.“
Ich erzählte ihr auch von meinen Zweifeln, ob es überhaupt noch Sinn machte, der Sache nachzugehen. Schließlich fühlte ich mich hier sehr wohl, nichts ängstigte oder belastete mich, zumal ich in einen Zustand übergegangen war, in welchem ich völlig im Jetzt lebte und mir keine großen Gedanken um die Zukunft machte – weder positive noch negative – , sondern alles auf mich zukommen ließ. Doch Christine ermahnte mich durchzuhalten. Wenn ich das Rätsel heute nicht lösen würde, würde es sich früher oder später wieder zu Wort melden, eventuell viel heftiger vorher. Mit Karma war nicht zu spaßen.
Ich wusste zwar nicht, ob sie mit dem Karma recht hatte, andererseits spürte ich aber schon, dass zumindest meine Neugier irgendwann erneut erwachen würde, vielleicht erst im hohen Alter, vielleicht schon früher, aber mit jedem Jahr, das vergangen war, würde es wohl schwieriger werden, die Wahrheit herauszufinden.

Donnerstag, 29. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 73

Als ich erwachte, war ich ein neuer Mensch. Genau so wie ich eingeschlafen bin, schlug ich die Augen auf, aber irgendetwas war anders. Es war die ungeheure Kraft und Wachheit, welche ich fühlte, und die mich überraschte. Die Kopfschmerzen waren verflogen, es war, als wäre ich gerade geboren worden und hätte noch nie Müdigkeit gespürt. Gut gelaunt sprang ich aus dem Bett und machte mich für das Frühstück bereit.

Im Speisezimmer erhielt ich einen kleinen Dämpfer, als ich Robert sah, der nur ein mürrisches „Guten Morgen!“ murmelte und mich nicht ein einziges Mal ansah. Ich vermied es jetzt ebenfalls, ihn anzuschauen, aber Albert merkte dummerweise sofort, dass etwas nicht stimmte. „Wie lange habt ihr denn noch vor, euch anzuschweigen?“

Ich zuckte ratlos mit den Schultern und Robert biss ungnädig in sein Toastbrot.

„Wenn ihr in meinem Alter wärt, dann wüsstet ihr, dass das Leben zu kurz ist, um es sich auch nur eine Stunde durch Kleinlichkeiten zu vermiesen.“

Ich schwieg und löffelte mein Ei.

„Mach dir da mal keine Sorgen, Albert.“ antwortete Robert, dabei noch immer jeden Blick in meine Richtung vermeidend.

Schließlich schwiegen alle bis auf Neda, welche die Pläne für das Mittagessen erläuterte und sich über einen defekten Wasserhahn in der Küche beschwerte.

Ich nippte, mein Frühstück beendend, an einem Glas Milch, da spürte ich unter dem Tisch Roberts Hand auf der meinen. Er drückte sie fest und seine Finger schlossen sich warm um meine. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Noch immer schaute er mich nicht an und ich tat es ihm nach, doch dies wurde nun zu einer geheimen Verschwörung gegen Albert, ohne Worte beschlossen. Wir würden ihn kräftig an der Nase herumführen.

Mit angespannten Gesichtern und mit einigem Abstand verließen wir den Tisch, nur um uns auf meinem Zimmer lachend in die Arme zu fallen. „Wie geht es deinem Kopf?“ wollte Robert wissen.

„Großartig.“

„Das ist gut. Dann brauche ich ihn dir nicht mehr abzureißen.“

Wir neckten uns einige Minuten ausgelassen, da fiel mir schlagartig das gestrige Ereignis ein und daß ich als nächstes zurück auf das Festland mußte.

„Du wirst es nicht glauben, was ich gestern in den Ordnern gefunden habe.“

„Was denn?“ fragte Robert mäßig interessiert.

„Meinen Nachbarn!“

„Wie jetzt?“ Er schien jetzt wach geworden zu sein.

Ich klärte ihn kurz über die Zeitungsartikel und den Einbruch auf, was er ziemlich fassungslos zur Kenntnis. „Findest du es nicht auch ein wenig merkwürdig, dass ausgerechnet dein Nachbar es war, der versucht hat hier auf der Insel einzubrechen? Solche Zufälle gibt es doch gar nicht.“

„Sag ich ja. Was meinst du, wie ich geguckt habe.“ Ich zögerte kurz.

„Ich habe beschlossen, dass ich mit ihm reden muß.“

„Mit deinem Nachbarn?“
„Ja. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich den Schlüssel zu allem, was mir geschehen ist, bei Herrn Luchterhand finde. Als ich die Zeitungsartikel las, ist mir das klar geworden.“

„Willst du, dass ich dich begleite? Ich mein, ich lasse dich ungern allein dort hin – du weißt schon.“ Er grinste entschuldigend.

„Ich glaube, sprechen muß ich mit ihm allein, sonst könnte er verunsichert sein. Aber ich würde mich freuen, wenn du mich hinbringen könntest und auf mich wartest. Notfalls kannst du mich dann retten.“ Ich zwinkerte verschwörerisch.

„Ob ich dich rette muß ich mir erst noch überlegen.“ entgegnete er frech.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 72

Ich griff nach einer dünnen Regenjacke in Hinsicht auf einen dickbäuchigen grauen Wolkenhaufen, der auf den Baumkronen thronte, und verschwand auf dem hinteren Gartenpfad in Richtung Wald. Ein graues, dünnbäuchiges Kätzchen schlich durch das Unterholz neben mir her und wurde am Waldrand durch den grauen Schatten eines Eichelhähers abgelöst. Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf, trotzdem versuchte ich, mich auf die würzige Waldluft und die vielen Eichkätzchen zu konzentrieren, welche wie feuerrote Kobolde die Bäume hinauf- und hinunterhuschten. Es lag Regen in der Luft, man konnte ihn förmlich schon riechen, und es war verdächtig drückend, wenn auch nicht heiß. Ich spürte bald ein Pochen hinter dem linken Auge, welches stetig zunahm und meine Stimmung nicht gerade steigerte. Ab und zu vernahm man den Ruf eines Kuckucks wie aus weiter Ferne. Es war ein seltsames Gefühl, so allein im Wald spazieren zu gehen. Einerseits schön - diese dichte Stille, die eigentlich keine Stille ist, da man, wenn man genau lauscht, überall ein leises Wispern, Knacken und Rauschen hören kann, genoss ich immer wieder gerne, aber irgendwie fühlte ich mich auch wie ein Eindringling in eine Welt, die zwar nicht fremd ist, sich aber mehr und mehr dem Menschen entzieht, je stärker er sie zu beherrschen sucht.

Mit dieser Überlegung erreichte ich eine Wegkreuzung. Der Weg geradeaus führte zum Ufer der Insel, welches ich schon kannte, deshalb beschloss ich, den Weg zu nehmen, der nach rechts führte. Mindestens zehn Minuten war ich diesem gefolgt, als ich merkte, dass der Wald zunehmend dunkler und dichter wurde. Umgekippte alte Bäume lagen kreuz und quer, bevorzugt direkt über dem Weg, und reckten ihre toten Wurzeln in die Höhe, welche groteske Formen bildeten. Ich hatte einiges zu klettern und fragte mich einige Male, ob es nicht besser wäre, umzukehren, wusste aber gleichzeitig, dass ich das nicht tun würde, zumindest nicht so lange kein unüberwindliches Hindernis mir den Weg versperrte. Plötzlich, von einem Schritt zum nächsten, ohne dass ich vorher etwas davon bemerkt hätte, befand ich mich auf einer freien Fläche mit einigen Schuppen und Garagen. Ein Mann mit grauem Schnurrbart und speckigem Jeanshemd hantierte an einem übergroßem Rasenmäher herum. Als er mich bemerkte, starrte er mich entgeistert an – wahrscheinlich traf er auf dieser Insel selten Leute und wenn doch, ausschließlich welche, die er bereits kannte.

„Das ist Privatbesitz.“ sagte er, unsicher, ob ich unbefugt war oder nicht.

„Ich weiß.“ antwortete ich und: „Ich bin zu Gast bei Albert....von der Taubeninsel.“

Etwas absurd fand ich es, Onkel Albert in einem Gespräch so zu nennen, aber es rutschte mir einfach heraus, da ich ihn für mich stets mit diesem Namen bedachte. Der Mann wusste aber, was ich meinte und war zufrieden.

Ich fragte ihn, wo ich mich befände und er erklärte, dass dies die Wirtschaftshöfe für die Garten- und Forstarbeiter seien. Er erzählte mir auch, dass es nicht viel Personal gäbe. Zwei Gärtner und vier Forstarbeiter, ziemlich wenig für dieses große Anwesen, wie mir schien.
Der Waldarbeiter berichtete gerade über die Ausdehnung der Waldungen und den Bestand an alten Eichen, da trat Robert hinter einem der Schuppen hervor und starrte mich ebenso entgeistert an, wie der Arbeiter zuvor.

„Was tust du denn hier?“

Im gleichen Moment als er das fragte, platschten die ersten dicken Regentropfen auf den grauen Betonboden vor uns.

„Ich war spazieren.“

„Allein und mitten im Regen?“

Ich hatte das unbestimmte Gefühl, es war ihm gar nicht recht, mich hier zu sehen, allerdings wusste ich nicht, ob das etwas mit diesem Ort zu tun hatte oder mit der Tatsache, dass ich allein im Wald gewesen war. Ich fragte nicht weiter, als er uns beim Forstarbeiter verabschiedete und mich unauffällig mit sich hinter den Schuppen zog, von wo er gekommen war. Dann zeigte er mir einen schmalen Pfad, der zurück zum Herrenhaus führte. Vom Herrenhaus zu den Wirtschaftshöfen war es gar nicht sehr weit, zumindest im Vergleich zum Umweg, den ich durch den Wald genommen hatte.

„Ich möchte nicht, dass du allein zu den Höfen gehst.“ begann er, neben mir herlaufend.

„Wieso nicht?“

„Hier ist weit und breit niemand, der dir helfen kann, falls dir was passiert.“

„Was soll mir denn passieren?“

„Na was weiß ich. Das sind alles kräftige Kerle. Wer weiß, auf was für Ideen die kommen.“

„Ich hoffe, doch auch anständige Kerle...“

„Darauf würde ich mich an deiner Stelle nicht verlassen.“

„Meinst du nicht, dass ich allein die Verantwortung für mich übernehmen kann.?“ antwortete ich leicht verärgert, während der Regen auf meine Stirn trommelte.

„Deine Verantwortung nützt mir nichts mehr, wenn ich dich scheibchenweise aufsammeln darf.“ Sein Blick drückte tatsächlich ängstliche Besorgnis aus, was mir zum einen an das Herz ging, zum anderen wusste ich aber, dass ich darauf niemals würde Rücksicht nehmen können.

„Ach komm! Jetzt übertreibst du aber! Du siehst zu viele Horrorfilme. Und überhaupt - was willst du tun? Mich in mein Turmzimmer sperren? Du weißt doch, in Märchen geht so was niemals gut.“

„Jetzt bist du es, die übertreibt. Du hättest mich ja auch einfach fragen können, ob ich mit dir in den Wald gehe.“

„Willst du jedes Mal springen, wenn ich raus möchte? Dann hätte Onkel Albert dich besser als Bodyguard anstellen sollen und nicht als Finanzverwalter. Im übrigen – woher weiß ich, dass ich DIR vertrauen kann?“
Die letzte Frage war natürlich nicht ernst gemeint. Ich war mir hundertprozentig sicher, ihm vertrauen zu können und hatte ihn mit der Frage auf das Problem aufmerksam machen wollen, dass ich selbst in meinem Leben das Risiko zu entscheiden hatte, welches ich auf mich nehmen würde und dies auch bei ihm getan hatte. Doch ich spürte, dass ihn die Bemerkung getroffen hatte. Ich spürte es an der Art, wie er traurig die Lippen zusammenpresste und nichts zu erwidern wusste.

Langsam nervte mich dieses Gespräch. Wir redeten uns immer weiter auseinander und meine Kopfschmerzen nahmen stetig zu. Ich haßte die Situation und ich haßte meinen Kopf.

„Weißt du was? Laß uns morgen weiterreden. Ich habe höllische Kopfschmerzen und brauche jetzt Ruhe.“

„Ja, klar.“ Der Antwort entnahm ich, dass er mir nicht glaubte. „Ich laß dich schon in Ruhe.“

Damit wandte er sich ab und marschierte geradewegs in den Haupteingang des Hauses, welches wir inzwischen erreicht hatten, ohne sich noch einmal umzuschauen. Ich folgte ihm, doch drinnen war er bereits verschwunden.

Ich hängte die nasse Regenjacke an einen Gardrobenständer, zog die triefenden Schuhe aus und schlich mich auf mein Zimmer, welches ich selbst zum Abendessen nicht mehr verlassen sollte. Stattdessen warf ich mich völlig elend ins Bett, machte mir graue Gedanken und fiel in einen fünfzehnstündigen traumlosen Schlaf.

*Bemerkung: Schreiben über Kopfschmerzen scheint ein gutes Mittel gegen Kopfschmerzen zu sein. Nachdem ich diesen Abschnitt abgeschlossen hatte, waren meine verschwunden. Vielleicht gibt es ja so eine Art magische Übertragung auf die Romanfigur.*

Montag, 19. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 71

Die überraschende Entdeckung des Fotos von Klaus Luchterhand ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Den dazugehörigen Artikel las ich zweimal und fand nach einigem Suchen zusätzlich eine dünne Mappe mit Zeitungsausschnitten zu diesem Thema. Gebannt stürzte ich mich in deren Lektüre und konnte mit ihrer Hilfe die damaligen Ereignisse wie folgt nachempfinden:
Am 13. September 1990 versuchte mein Nachbar zwischen 4 und 5 Uhr morgens mit Hilfe eines Bootes, eines Glasschneiders und verschiedener anderer Werkzeuge in das Herrenhaus auf der Taubeninsel einzubrechen. Er öffnete dazu ein Kellerfenster, wobei er die Alarmanlage aktivierte, welche sofort losging. Darauf flüchtete er und wurde ziemlich verstört am Ufer der Insel von Polizeibeamten aufgegriffen, die wegen des Alarmrufes zur Taubeninsel mit einem Motorboot übergesetzt hatten. Er sagte mehrmals, sein Boot sei abgetrieben und bekannte sich ohne Zögern des versuchten Einbruchs schuldig. Trotzdem gibt es einige rätselhafte Faktoren in diesem Fall. So wurde das Ruderboot verlassen am anderen Ufer gefunden, jedoch konnte es unmöglich von allein dorthin getrieben sein, sondern hätte sich flussabwärts im Schilfgewächs der Insel verfangen müssen. Die Polizei ging davon aus, dass er einen Kumpan hatte, der sich bei Ertönen der Alarmsirene aus dem Staub machte und den Komplizen auf der Insel zurückließ. Doch während aller Verhöre bestand Klaus Luchterhand darauf, allein gehandelt zu haben. Da es keine weiteren Hinweise gab, das Durchsuchen der Verbrecherkartei ohne Ergebnis blieb, beließ man es schließlich dabei. Der Prozeß war dementsprechend schnell abgehandelt. Klaus Luchterhand gab sich während der Gerichtsverhandlung zerknirscht und nannte als Motiv, die Verlockungen seien zu groß gewesen und er habe nach der Wende in seinem Werk weniger verdient als vorher. Deshalb habe er dieses Anwesen ausgekundschaftet, von dem er annahm, dass es dort etwas zu holen gab, und den Plan eines Einbruchs gefasst. Seine Lebensgefährtin saß während der Gerichtsverhandlung mit im Saal und wirkte sehr beherrscht, in einigen Momenten konnte man aber auch ihre starke Betroffenheit bemerken. Er schien sehr an ihr zu hängen, denn sobald sie sich länger nicht in der Untersuchungshaft blicken ließ, wurde er unruhig und verfiel in aggressives Selbstmitleid. Während der Verhandlung wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt, was er ohne Regung auf sich nahm.

Klaus Luchterhand war also Strafgefangener gewesen. Ich erinnerte mich an den Glasschneider in seinem Keller und fragte mich, ob er mit diesem den Einbruch verübt hatte und ebenso, ob er vielleicht einmal daran gedacht hatte, bei mir einzubrechen. Oder hatte er seiner kriminellen Karriere vollends abgeschworen? Ich war mir nicht im Klaren darüber und das machte mir doch ein wenig Angst, obwohl ich nicht mehr in meiner Wohnung lebte. Außerdem frage ich mich, welches Verbindungsglied Klaus Luchterhand zwischen meinen Albträumen von Sophie Alexejewna und dem Zarengold war. War das wirklich nur ein mysteriöser Zufall, dass er nach demselben gesucht hatte, dem, wonach ich nun auch suchte? Ich wurde aber das Gefühl nicht los, dass seine vermisste Lebensgefährtin ebenfalls etwas mit der Sache zu tun hatte, schon wegen der merkwürdigen Übereinstimmung, sich für Sophie Alexejewna zu halten oder sich so zu nennen.

Mir brummte der Schädel. Ich nahm ein Schluck Wasser und hoffte, dass sich das Chaos in meinem Kopf lichten würde, das tat es aber nicht. Wie nun weiter? Fast hätte ich vor lauter Grübeln das Mittagessen verpasst, welches ich ziemlich schweigsam zu mir nahm. Robert stubste mich einige Male an, weil ich so abwesend war. Irgendwie hatte ich auch nicht so rechten Hunger, obwohl es einen wirklich herrlichen Sauerbraten gab, wie ich ihn noch nie gegessen hatte. Doch ich kaute auf dem Fleisch und auf den Möhren so herum, dass mich Albert sogar schon fragte, ob es mir nicht schmecke.

„Oh doch! Das Essen ist prima. Ich habe nur keinen Appetit.“

„Nanu, als ich so jung war wie du, habe ich noch Portionen wie ein Pferd verschlungen.“

„Das glaub ich dir aufs Wort.“ Ich lachte und stand gleichzeitig auf, um mich zu empfehlen.

Bereits auf der Treppe hörte ich schnelle Schritte, die mir folgten. Es war Robert.

„Was ist los mit dir?“

„Nichts. Oder doch: Ich habe etwas sehr merkwürdiges gefunden.“

„Gefunden? Was denn?“

Ich zögerte kurz. „Meinen Nachbarn.“

„Deinen Nachbarn?“ Robert sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

„Ja, du wirst es nicht glauben, er ist der Einbrecher, der vor Jahren versucht hat, hier in das Haus zu gelangen. Ich habe die entsprechenden Zeitungsausschnitte gefunden. Er ist deshalb zu drei Jahren verurteilt worden.“

„Und? Dann ist er eben ein Einbrecher. Aber du tust fast, als wäre er ein Geist.“

„Kannst du denn wirklich an solch einen Zufall glauben? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.“

„Stimmt schon. Kurios ist es allemal. Was hast du denn jetzt vor?“

„Ich weiß es nicht.“ sagte ich und zuckte mit den Achseln.

Robert sah mich ebenfalls etwas ratlos an und gab mir einen Kuß.

„Hoffentlich fällt dir bald etwas ein, damit du wieder klar im Kopf wirst.“

Ich tat gespielt beleidigt und verzog mich hinauf in das Turmzimmer. Dort hing ich meinen Gedanken nach, konnte aber keine klare Linie hineinbringen. Mir tat der Kopf weh und im Inneren hörte ich ständig die Worte meiner Freundin Christine: „Du tust, was du tun musst. Und erst mal eins nach dem anderen. Der weitere Weg ergibt sich dann von selbst. Du wirst sehen.“

Ich strengte mich zu sehr an. Mir war plötzlich klar, dass ich loslassen musste, damit die Inspiration mich finden konnte. Deshalb machte ich es mir nun bequem, lockerte die Muskeln und begann meinen Geist zu leeren, mich in den Kern meines Seins zu versenken und schon bald überkam mich ein tiefer Frieden. Als ich aus mir selbst auftauchte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber ich fühlte mich erfrischt und wach. Die Sonne stand noch immer hoch hinter einem Dunstschleier und ein Spatz saß am Fenster auf dem Fenstersims und schaute mich an. Doch nur wenige Momente, nachdem ich die Augen geöffnet hatte, flatterte er eilig davon. Meine Aufregung hatte sich gelegt und ich beschloß, einen Spaziergang zu machen.

Und bereits auf der Treppe nach unten überfiel mich ein Einfall wie eine lauernde Katze. Natürlich! Ich würde einfach mit ihm sprechen. Ihn fragen, was es mit diesem Haus auf sich hat, warum er ausgerechnet hier einbrechen wollte. Ich musste ja nicht in meine alte Wohnung gehen. Und da er um die Geschehnisse dort wusste, würde er hoffentlich Verständnis haben und mir offen alle meine Fragen beantworten. Ein wenig beunruhigend fand ich die Vorstellung, mit einem Kriminellen zu reden. Aber er war ja kein Mörder, hatte seine Strafe längst abgebüßt und ich kannte ihn bereits. Er war zwar sonderbar, war mir aber außer mit seiner übergroßen Neugier bisher noch nicht zu nahe getreten. Genau! Das würde ich tun. Aber zuerst der Spaziergang.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 70

Auch Holger war sofort Feuer und Flamme für einen Zweikampf. Er rechnete sich die besten Chancen aus und glaubte sich seines Sieges gewiß. Großzügig überließ er Wil die Wahl der Waffen, obwohl er selbst am liebsten mit bloßen Händen gekämpft hätte. Diese wusste, je mehr sie den Hünen auf Abstand halten und ihre Geschicklichkeit ausspielen konnte, desto besser. Deshalb wählte sie den Degen. Eine besondere Erschwernis kam durch die nun herrschende Dunkelheit hinzu. Es war nicht einfach, im Schein der einzigen Schiffslaterne die heransausende Klinge zu erkennen. Wil achtete deshalb besonders auf Holgers Augen und Hände, um den voraussichtlichen Weg, den das scharfe Metall gehen würde, rechtzeitig zu erraten. Holgers Bewegungen wirkten anfangs tapsig und unsicher, aber auch er passte sich langsam der Dunkelheit an und den Rest machte er durch zusätzliche Kraft wett, mit welcher er versuchte, Wil in die Enge zu treiben. Diese wich geschickt aus, man merkte jedoch, dass es sie auf Dauer immer mehr Anstrengung kostete, die harten Hiebe abzuwehren. Mit jedem Schlag ermüdete sie stärker und ihre Arme begannen zu zittern, wenn sie mit ihrer Klinge Holgers Angriff auffing und gegenhielt. Sie sprang jedesmal schnell zur Seite und lief defensiv ein Stück zurück, was Holger zufrieden bemerkte und ihn in der Hoffnung wiegte, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis er sie besiegt hätte. Natürlich gönnte er ihr keine Pause und setzte sofort nach, um sie weiter mit Aktionen zu traktieren. Inzwischen war sie der Reling gefährlich nahe und Ketten-Hannes krauste besorgt seine buschigen Augenbrauen. Noch ein Vorstoß Holgers und sie konnte nicht mehr ausweichen. Nun sah er sie plötzlich in Richtung Reling springen, mit vollen Röcken, und kniff entsetzt die Augen zusammen. Das konnte einfach nicht gut gehen. War sie über Bord? Die begeisterten Rufe der umstehenden Piraten ließ ihn die Augen neugierig blinzelnd wieder öffnen. Da stand sie, die Haare aufgelöst, direkt auf der Reling balancierend. Blitzschnell lief sie drei Schritte darauf entlang und sprang neben Holger auf die Planken, wobei sie ihm gleichzeitig einen Hieb mit der Klinge versetzte, der den rechten Hemdsärmel in Fetzen riß und bis in seinen Oberarm schnitt.
Holger, etwas benommen von der überraschenden Akrobatik und seiner Verwundung, reagierte um den Bruchteil einer Sekunde zu spät und war nun selbst in der Defensive.
Nur mühsam wehrte er die Angriffe ab, die jetzt in unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn niederprasselten. Ebenfalls ermüdet durch die übereifrige Anwendung seiner Kraft, fiel es ihm jetzt nicht mehr leicht, sich zu wehren, zumal auch seine Reaktionsschnelligkeit gelitten hatte.
Die Luft vibrierte vom zischenden Singen des Stahls. Und da – man hörte nur ein Schleifen und Poltern – war es schon geschehen, Holgers Degen hatte seine Hand verlassen und lag auf dem Deck. Hastig und mit schweißüberströmten Gesicht versuchte er danach zu greifen, aber Wil war schneller, schob ihre schlanke Wade dazwischen und setzte ihm die heiße Klinge auf Brust. Holger gab auf und Ketten-Hannes frohlockte: Herr im Himmel – Mädschen, hast du es spannend gemacht!

Auch die meisten Piraten schienen zufrieden mit dem Ausgang des Zweikampfes, bis auf Holger natürlich, und aufgeregt unterhielten sie sich über das Schauspiel, das sie gerade gesehen hatten. Ketten-Hannes bat sich noch einmal Ruhe aus und stellte lauthals fest: „So ist es also entschieden, Wil wird Kapitän. Fragt sich nur, was wir mit dem Alten da unten in seiner Kajüte machen.“ Sofort schrien wieder die ersten, dass er hängen solle.
„Sachte, sachte, Jungens“ bemühte sich Ketten-Hannes einzulenken,“lasst uns erst einmal auf die Wahl trinken. Die Trauerfeier kommt dann morgen.“
Einige der Mannschaft lachten, aber einige murrten auch unzufrieden. Wil wusste, spätestens am nächsten Tag war es um Ferdinand, den Seebeuter, geschehen. Sein Tod war unausweichlich, sie konnte sich dem nicht entgegenstellen, auch wenn sie unnötiges Blutvergießen haßte. Mit seinem Verrat an dem Codex hatte er für jeden einfach strukturierten Piraten sein Leben verwirkt und sie war der Stein des Anstoßes dazu. Einen Rückzieher konnte sie sich nicht erlauben. Aber ganz pragmatisch gedacht, ein Feind weniger war immer noch besser, als ein lebender Feind – und säße er am Ende der Welt im tiefsten Kerker. Das Piratendasein würde ihr Leben sein und ihr Leben das eines Piraten, Rücksichten gab es in diesem Leben nicht und sie hatte es so gewollt.

(Runde Sache: 70. Teil und 150 Seiten)

Dienstag, 6. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 69

Der Tag verging mit träger Langsamkeit, als hätte er etwas dagegen, jemals zu enden. Wil konnte ihre Ungeduld kaum zügeln. Noch immer saß die Abendsonne im rosa Wolkennest und Käpt’n Ferdinand machte keine Anstalten, sich in seine Kajüte zu begeben. Der endlose Horizont lag noch immer vor ihnen und Ferdinand glaubte noch immer, er könne sich wieder beliebt machen. Er gab sich nämlich jovial und gesellig und verkündete, eine Runde des besten Weines ausgeben zu wollen, von welchem an Bord nur ein einziges Faß existierte. Außerdem wies er Schiffskoch Heiner an, mit den Essensportionen für heute ausnahmsweise einmal großzügig zu sein. Dieser ließ sich das nicht zweimal sagen und trug bergeweise Vorräte aus dem Laderaum. Auch die Mannschaft begrüßte die plötzliche Freigiebigkeit ihres Kapitäns, doch den meisten war durchaus bewusst, dass dies nur der Versuch war, einer Meuterei zu entgehen und seinen Hals zu retten. Viele Augenpaare beäugten deshalb ebenso misstrauisch wie amüsiert seine Bemühungen. Seine partielle Schreckhaftigkeit passte wenig zu dem leutseligen Auftreten, dessen er sich befleißigte und irgendwie schien er ständig jemanden hinter sich zu vermuten. Die Mannschaft jedoch hatte vorerst anderes im Sinn und gab sich freudig dem Genuß hin.

Während des ausgiebigen Abendmahles und Umtrunkes war es allmählich dunkel geworden und alle warteten, dass Ferdinand endlich seine Kajüte aufsuchte. Der dachte aber gar nicht daran. Holger und Ketten-Hannes schauten sich bedeutsam an, dann ergriff Ketten-Hannes das Wort:
„Zeit um ins Bett zu gehen, nicht wahr, Käpt'n?“

„Ach wieso denn? Jetzt ist es doch gerade richtig gemütlich und ich bin noch nicht müde.“

Ketten-Hannes schwieg. Nach einer längeren Pause wiederholte er etwas nachdrücklicher:
„Sie sollten zu Bett gehen, Käpt'n!“

Dieser schüttelte den Kopf. „Nein, noch nicht.“

Wieder schauten sich Ketten-Hannes und Holger an. Dann erhob sich ersterer und pflanzte sich gemächlich vor Ferdinand auf.

„Wir befehlen Ihnen, sich in Ihre Kajüte zu begeben.“

Mit geweiteten Augen blickte Ferdinand auf und das sturmgegerbte Gesicht verfärbte sich kräftig rot wie in seinen besten Zeiten. So plötzlich wie er sie aufgerissen hatte, verengten sich seine Augen wieder und er brüllte: „Ihr Verräter! Ihr habt euch gegen mich verschworen! Abschaum! Dreckspack! Ihr seid nichts! Ihr habt mir nichts zu befehlen. Ich bin hier der Kapitän!“ Wütend spuckte er aus, doch noch bevor er seinen Degen halb gezogen hatte, umringte ihn ein ganzes Rudel von Piraten mit drohender Waffe. Die Neuigkeit von der selbstsüchtigen Raffgier des Kapitäns und seinem Verrat an dem Codex war inzwischen bis zum letzten Glied der Mannschaft vorgedrungen. Gegen diese Übermacht hatte er keine Chance. „Nicht mehr lange!“ antwortete demzufolge Ketten-Hannes. Erste Stimmen wurden laut, ihn sofort aufzuknüpfen. Warum erst lange warten, er hatte den Tod verdient. Stattdessen hatte er noch einmal Glück und wurde nur gewaltsam in seine Kajüte hineinkomplimentiert.

Danach versammelte sich die gesamte Mannschaft um Ketten-Hannes, neben ihm Wil und Holger, und wartete gespannt, was da kommen würde. Dieser begann zuerst, für den Fall, dass es doch noch jemand nicht wußte und zur Auffrischung des Gedächtnisses, die Verfehlungen Ferdinands für alle deutlich hörbar aufzuzählen. Dies schloß er mit dem feierlichen Aufruf, dass es Zeit wäre, einen neuen Kapitän zu wählen. Aber natürlich völlig de......äh...demokratisch – hier spuckte er aus – und gesittet, so wie es sich für Piraten gehört.

„Warum wirst du nicht unser Kapitän?“ ertönte ein Zwischenruf.

Ketten-Hannes kratzte sich geschmeichelt am Kopf, aber entgegnete:

„Jungchen, solch einer abgewrackten Meute wie euch will man in meinem Alter nicht mehr freiwillig vorstehen.“

Einige Männer grölten und Ketten-Hannes bat sich mit einem schelmischen Grinsen Ruhe aus.

„Ich stelle euch hier unseren Nachwuchs vor, der bereit wäre das Schiff zu übernehmen.“ Er ergriff Wils Arm. „Wil alias Wilfrid dürfte den meisten von euch noch in guter Erinnerung sein. Sie, äh, er.....sie – verdammt – hat sich immer wie ein Mann geschlagen, ist intelligenter als mancher von euch und kennt sich vor allem auch mit den Dingsbums....Manieren aus. Das kann uns an Land von großem Nutzen sein.“

„Aber sie ist eine Frau!“ Von mehreren Seiten hörte man diesen Einwand.

„Und? Wenn sie hier als Wilfrid stehen würde, hättet ihr dann etwas zu entgegnen?“

Ein erregtes Stimmengemenge erhob sich. Jeder gab seinen Senf zu der altbekannten Geschlechterproblematik dazu. Ketten-Hannes wartete einen Moment, dann brüllte er mit donnerndem Crescendo: „Ruhe!!!! Verdammt noch mal!“
Mit einem Schlag verstummte alles. Und wieder liebenswürdiger sagte er: „Laßt uns doch hören, was Wil zu sagen hat.“

Diese straffte sich innerlich und begann: „Die meisten von euch kennen mich. Ihr wisst, dass ich nie jemanden übervorteilt oder benachteiligt habe. Ich habe mich durchgebissen, mit euch Seite an Seite gekämpft, doch habe auch nie meinen Mund gehalten, wenn es um Ungerechtigkeiten auf dem Schiff ging. Das kann sicher jeder bestätigen. Sogar für Peter bin ich damals eingetreten, der den Übergriffen und Intrigen des Kapitäns ausgesetzt war, während euch das nicht interessiert hat, falls ihr es denn in eurer Dumpfheit überhaupt bemerkt habt. Mir liegt nicht an Gold und anderen Schätzen. Das einzige, woran mir etwas liegt, ist dieses Schiff. Es ist mein Zuhause. Ich habe nie ein anderes gehabt und ich habe auch nichts anderes gelernt, als Pirat zu sein. Das habe ich euch zu verdanken. Aber ich trage euch nichts nach. Es ist mein Schicksal und ich werde es leben und das beste daraus machen, so gut ich es vermag. Genaugenommen möchte ich gar nichts anderes mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, in einem schönen Haus mit einem Ehemann herumzusitzen und mich tödlich zu langweilen. Da ihr mich zu diesem Piratenleben verdammt habt, seid ihr mir in gewisser Weise etwas schuldig. Aber seid gewiß, dass ich nur das beste für euch und das Schiff möchte. Wir wollen neue Schätze heben und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, nicht nur auf diesem Schiff, sondern überall, wo wir die Möglichkeit haben, reiche Fettwämste und Länder darin zu unterstützen, etwas für die weniger Priviligierten zu tun, sei es mit oder gegen ihren Willen.“

„Bravo!!!“ Jubelrufe erschollen. Sie hatte den richtigen Nerv getroffen.

Doch Ketten-Hannes erbat sich sofort wieder Ruhe, ergriff Holgers Arm und hob ihn hoch.,
„Und hier haben wir Holger, ein verdientes Mitglied unserer Crew, allseits beliebt und mit großen Ambitionen.Vielleicht möchte er uns auch etwas sagen.“

„Männer!“ begann Holger, seine schwarzen Augen funkelten begierig und die leicht abstehenden Ohren glänzten im Abendlicht. „Wie ihr wisst, bin ich seit zwanzig Jahren auf diesem Schiff. Und habe ich es jemals verlassen? Nein! Ich war immer mit euch, während sich die da....“ dabei zeigte er auf Wil „irgendwo herumgetrieben hat. Wahrscheinlich hat sie schon Jahre nicht mehr ein Schiff navigiert. So jemanden...so eine Frau...“ das Wort „Frau“ sprach er mit exklusiver Betonung aus „...zum Kapitän zu wählen, wäre einfach dumm und lächerlich.“ Damit schloß er und wartete lauernd auf die Reaktionen.

Einige nickten – Unrecht hatte er nicht -, aber auch ein fast unhörbares Murren war vernehmbar.

„Nun gut“ ergriff Ketten-Hannes wieder das Wort, „so lasst uns denn abstimmen.“
Er nahm einen bereits vorbereiteten Korb mit kleinen Hölzchen – langen und kurzen. Die langen standen für Wil, die kurzen für Holger. Jeder erhielt eines von jeder Sorte. Ein kleines leeres Faß wurde aufgestellt und jedes Mitglied der Mannschaft durfte der Reihe nach ein Hölzchen hineinwerfen. Als alle abgestimmt hatten, nahm Ketten-Hannes das Faß und schüttete es auf einem Stück Segeltuch aus. Im spärlichen Licht einer Schiffslaterne begann er zu zählen und dabei jedes Hölzchen fein säuberlich auf eine Seite zu packen, ordentlich nebeneinander – lang an lang, kurz an kurz. Als er fertig war, konnte jeder erkennen, dass die Seite mit den langen Hölzchen ausgedehnter geworden war. Auch die Zählung ergab eine höhere Anzahl.
Grinsend erhob sich Ketten-Hannes, nahm Wils Handgelenk in seine Pranke und verkündete allen, dass sie die Siegerin sei. Holger stand düster daneben, konnte jedoch nicht lange an sich halten. „Das ist der größte Blödsinn, den ich je gesehen habe. Was für Schafsköpfe seid ihr eigentlich? Die Wahl war doch eindeutig manipuliert, schon deshalb, weil Ketten-Hannes nicht neutral gehandelt, sondern das Weib verteidigt hat!“
Erneut wurde es laut und jeder diskutierte mit jedem. Da erhob Wil ihre Stimme:
„Ok, Männer. Ich glaube, Holger hat teilweise recht. Ich konnte euch mit Worten überzeugen, dabei sollte ein künftiger Kapitän es eigentlich mit Taten tun. Manch einer kann besser mit dem Dolch umgehen als mit Worten. Ich schlage deshalb vor, damit die Chancen gleich verteilt sind, einen Zweikampf zu veranstalten. Hier wird sich zeigen, wer mit der Waffe besser ist und dieser soll, eure Zustimmung vorausgesetzt, Kapitän werden.“
Anerkennendes Gemurmel erhob sich. Das war nicht nur fair gesprochen, sondern auch sehr klug. Dafür, dass sie es wagte, sich Holger im Zweikampf zu stellen, gebührte ihr Bewunderung. Zwar konnte sie kämpfen, das wusste man ja, aber ob sie es auch mit solch einem kräftigen und vom Ziel angespornten Hünen aufnehmen konnte? Man würde sehen.

Montag, 5. Mai 2008

Der kleine Herr Luchterhand und das große Vergessen - Teil 68

Noch lange hatte die Mannschaft in der Nacht gezecht und erwachten nur wenige Stunden bei der ersten Morgensonne mit brummenden Schädeln. Doch ein Pirat kennt keinen Schmerz und sie waren außerdem die Sauferei viel zu gewöhnt, als dass sie dies von ihren Aufgaben abgehalten hätte. Eine starke Brise blies seewärts, so wurden die Segel gehisst und der Dreimastschoner nahm in eiliger Fahrt seinen Kurs auf. Doch etwas war geschehen, eine sehr denkwürdige Stimmung herrschte mit einem Mal an Bord. Überall wo der Kapitän auftrat, sah man grimmige Gesichter, ausspuckende Münder und aussagekräftige Zeigefinger quer über dem Hals. Niemand sagte etwas, doch die Atmosphäre war zum Bersten gespannt. Zwar wurden die Befehle ausgeführt, aber die Blicke schienen vor Verachtung und Widerwillen zu brennen. Das musste auch Ferdinand bemerken, vielleicht ahnte er sogar schon etwas. Wil befürchtete, dass die Situation zu schnell außer Kontrolle geraten könnte, bevor ihre Position unter den Piraten sicher war. Die geheime Wahl des Nachfolgers musste schnellstens vonstatten gehen. Holger war ihr ein Dorn im Auge. Sie hoffte, dass er nicht allzu viele Sympathien unter der Mannschaft hatte. Andererseits war er ein Mann. Man konnte nie wissen, wie viele der Männer etwas dagegen hatten, unter der Führung einer Frau zu stehen.

Gedankenverloren stand sie an der Reling, starrte auf den milchigen Horizont und überlegte, wie sie mit Holger fertig werden konnte. Gerüchte zu streuen wäre wahrscheinlich zu auffällig, besonders wenn es falsche waren, da die Gefahr bestand, dass man ihr die Sache mit Kapitän Ferdinand ebenfalls nicht mehr glauben würde, wenn das herauskam. Sie könnte natürlich ihre weiblichen Reize einsetzen, um ihn zu verwirren – sie zweifelte nicht daran, dass er sich verführen lassen würde -, aber zum einen spürte sie wegen des ungepflegten Äußeren wenig Lust dazu, zum anderen war Holger viel zu stur, als dass ihn das von seinem Ziel abbringen würde. Heimliche Beseitigung – sie schüttelte selbst über sich den Kopf, als sie merkte, was sich für Gedanken in ihren Kopf gestohlen hatten. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich noch zur Despotin. Es muß andere Wege geben. Der Bessere muss siegen, ich muss also die anderen davon überzeugen, dass ich besser bin als Holger, nur wie? Eine Rede halten, ja, da könnte ich ihn glatt schlagen, allerdings wird es wohl kaum die Männer sehr beeindrucken, zumindest nicht, wenn sie vorher wissen, dass es um das Reden geht. Die lassen sich nur durch markige Parolen beeinflussen, wenn sie nicht merken, für welche mehr oder weniger leeren Worten sie sich da begeistern. Plötzlich schlug sie sich mit einer heftigen Bewegung an die Stirn, so dass einer der Piraten ganz verdutzt zu ihr hinüber sah. Natürlich, das war es! Fast hätte sie laut aufgelacht. Ein Zweikampf musste her. Sie fühlte, dass sie sich ausschütten könnte vor Lachen darüber, dass ihr diese Idee erst jetzt kam, denn ein Mann hätte wohl zuallererst an diese Möglichkeit gedacht. Krampfhaft klammerte sie sich an die Reling und versuchte ihr zuckendes Zwerchfell unter Kontrolle zu halten. Wenn sie jetzt vor Lachen zusammenbrach, würde kein Pirat mehr für sie stimmen, sondern sie alle würden sie für eine alberne Gans halten.

Langsam beruhigte sie sich, indem sie versuchte an etwas anderes zu denken und dann vervollständigte sie ihren Plan: es würde erst eine Abstimmung stattfinden, sie würde vorher jedoch darauf bestehen, dass bei Unstimmigkeiten ein Zweikampf zu folgen habe. So sollte es sein. Sofort teilte sie Ketten-Hannes, der gerade mit einigen schweren Tauen beschäftigt war, ihren Entschluss flüsternd mit und dieser nickte. Das war nur fair. Auch war er wie sie dafür, dass die Abstimmung so schnell als möglich über die Bühne gehen sollte. Man musste eh ständig befürchten, dass irgendeiner der Männer seinen Mund nicht mehr halten konnte oder dem Kapitän an den Hals ging. Also gab man sich untereinander tuschelnd weiter, dass heute am späten Abend, unter dem Deckmäntelchen einer fröhlichen Runde Rum, bereits der Nachfolger Ferdinands gewählt werden sollte. Es war nicht auszumachen, ob der Kapitän selbst von all diesen Heimlichkeiten etwas mitbekam. Mit versteinertem Gesicht stand er am Bug des Schiffes und erteilte seine Befehle. Allerdings fiel auf, dass er sich äußerst schnell stets wieder in seine Kajüte zurückzog und sich regelrecht verbarrikadierte. Auch ihm konnte die feindliche Stimmung nicht entgangen sein. Ob er etwas ahnte?

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Ich weiß gar nicht,
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zuckerwattewolkenmond - 12. Jul, 19:28
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Und es war jetzt dieser (in der Tat schreckliche) Tassen-Männerakt,...
books and more - 12. Jul, 19:12
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