Die versunkenen Stunden
warum ein Verlag sein Ausschreibungsformular nicht gleich auf der Website zum Download anbietet und einen statt dessen alles zweimal schreiben und schicken läßt, bzw. noch öfter, weil man für jeden Text ein Extra-Formular braucht. Wahrscheinlich ist das ein Ausdauertest. Zum Glück habe ich zwanzig Jahre Erfahrung im Formulareausfüllen.
"Katzen gab es eine Unzahl im Hause, lauter alte, langsam schleichende Geschöpfe.
Oft sah der Student ihrer wohl ein Dutzend auf dem Gang auf und nieder wandeln, grau und leise, als warteten sie wie zu Gericht geladene Zeugen, bis man sie einvernähme - aber nie betraten sie das Zimmer, und wenn eine einmal den Kopf irrtümlich zur Tür hereinsteckte, zog sie ihn sofort wieder zurück, gewissermaßen mit einer Entschuldigung, daß sie einsehe, es sei noch nicht an der Zeit, ihre Aussage vorzubringen."
(aus "Walpurgisnacht" von Gustav Meyrink)
"Gegen den Tag" lese ich auch noch - wollte ich nur mal anmerken, denn man könnte es bezweifeln. Immerhin hätte ich bei 645 Seiten andere Bücher schon lange ausgelesen, aber bei insgesamt 1600 Seiten dauert das wahrscheinlich ein paar Jährchen länger. Wobei ich durchaus weiterhin angetan bin, aber mehr als ein Kapitel geht einfach nicht, ohne daß man wieder etwas Einfacheres braucht. Eigentlich wäre der Titel "Gegen die Seiten" passender.
An den Mülltonnen ein ausrangiertes tischgroßes Gemälde von ausgesuchter kitschiger Gräuslichkeit Schönheit gefunden. Es zeigt zwei barbusige, meerjungfrauenhafte Maiden an einem mondbeschienenen Strand in zärtlicher Umarmung. Mit penibler Sorgfalt wurde darauf geachtet, daß trotz der Umarmung bei beiden Frauen die vollen, perlmuttern schimmernden Brüste zu sehen sind. Dies wird erreicht, indem eine etwas höher hinter der anderen, in den Sand gesunkenen, steht und beide in dieselbe Richtung - irgendwo in die Ferne schauen. Interessanterweise sehen sowohl die Brüste, als auch die Gesichter der beiden absolut identisch aus. Entweder sind dies also eineiige Zwillinge oder aber, bei den Perfektesten aller gemalten Schönheiten ist keine Abweichung mehr erlaubt. Man wird schon etwas neugierig, bei wem solch ein Bild wohl einmal im Schlafzimmer gehangen hat.
haben mir vorhin meinen neuen eisigen Freund gebracht. Er sieht nicht so aus, als ob er gleich explodieren will, muß nie mehr abgetaut werden und ist nun auch im Stehen zu öffnen, zumindest wenn man nur an den Kühlschrank will. Wenn man sich zum Gemüsefach bis zum Fußboden bücken muß, überlegt man es sich dreimal, ob man Gemüse essen will. Purer Luxus und eine wahre Freude für die rückengeplagte Hausfrau. Weniger freudig war es noch, als mir die Männer das Teil in die Küche getragen haben. Ich kann sowas nicht sehen, mir schmerzt der Rücken alleine schon vom Zuschauen und die Leute tun mir in der Seele leid. Die Männer meinten zu mir, wenn er nicht richtig steht und kippelt, soll ich meinem Mann bescheid sagen, damit der die Stellschrauben justiert. Ja, sage ich, ich werde es ihm ausrichten.
Ich schenke dem Geld ja nicht allzuviel Aufmerksamkeit, aber muß immer wieder feststellen, gerade weil ich auch die andere Seite kenne, es beruhigt und tröstet doch ungemein, wenn man es sich angenehm machen kann. Schließlich habe ich jahrelang, als ich noch drei Schichten für einen Hungerlohn in der Fabrik gearbeitet habe, meine Wäsche mit der Hand gewaschen, weil ich beim bezuschussenden Sozialamt keine Waschmaschine beantragen wollte. Dann habe ich die Seiten gewechselt und festgestellt, daß ich schön blöd war so bescheiden zu sein. Immerhin ist es aber wunderbar zu sehen, wie sich das Leben in manchen Punkten wenden kann. Und es ist auch toll, wenn man 20 Jahre später seiner Psychologin, die nach der finanziellen Situation fragt, sagen kann: "Das ist das EINZIGE Problem, das ich nicht habe." Ok, jemand der seine Sozialisation in einer Villa und mit drei Autos durchgemacht hat, würde dies an meiner Stelle sicher anders sehen, aber sowas würde ich gar nicht wollen, selbst wenn man es mir auf den Bauch binden würde. Jeder entscheidet selbst, wo die Probleme beginnen und wo sie aufhören.
Lachyoga kann man nicht wirklich beschreiben. Irgendwie lacht man sich die ganze Zeit bei den Übungen scheckig und hinterher fragt man sich, worüber man eigentlich gelacht hat. Ich mußte schon bei den anfänglichen Lockerungsübungen an mich halten, um nicht laut loszulachen. Aber ich muß ehrlich sagen, nach den anderthalb Stunden hat man dann auch wirklich genug von den Albernheiten, fast finde ich es schon ein bißchen zu lang. Das ist wie wenn man sich am Lieblingsessen überfrißt, dann schmeckt es nicht mehr so richtig. Man wird jedoch ordentlich durchgeschüttelt und es ist auch irgendwo anstrengend. Ich bin aber ein bißchen im Zweifel, ob die Übungen, falls es in der nächsten Woche die gleichen sein sollten, noch so ziehen wie beim ersten Mal. Und es ist schon ein wenig eigenartig, wenn man mit fremden Menschen zusammen in der Käferstellung herumzappelt und sich krüpplig lacht, Grimassen zieht oder sich auf italienische Art begrüßt.
Beim letzten Termin wurde mir bei der Onkologin Blut für ein Blutbild abgenommen und auch der Eisen-, Vitamin B12- und Vitamin D-Status wegen meiner Müdigkeit überprüft. Es hieß, wenn irgendetwas wäre, würde ich das schriftlich erfahren. Als ich vom Lachyogakurs nach Hause kam, fand ich tatsächlich einen Brief der Ärztin im Briefkasten und dachte nur - ach du Sch...! Es ist glücklicherweise "nur" ein Vitamin-D-Mangel. 11,4 ng/ml statt mindestens 30 ng/ml. Und das überrascht mich nun doch ziemlich, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich esse viel Fisch (vielleicht habe ich auch wegen des Mangels immer Appetit darauf), gehe nicht unbedingt selten raus und hatte über den Winter extra Lebertran-Kapseln genommen. Aber anscheinend reicht das alles nicht. Die Ärztin hat auf den Befund geschrieben, ich soll mir Tabletten mit 1000 IE kaufen und täglich nehmen und natürlich Sonne (wenn die mal vorkommen und nicht dauernd hinter einer Smogglocke hängen würde).
Also doch noch ein Sommer mit Flugzeugen. Letztens telefonierte ich mit meiner Mutter, als sie auf dem Balkon saß, und wir mußten alle zwei Minuten unterbrechen, weil gerade ein Flugzeug vorbeiflog und sie am Telefon nichts mehr verstand. Sie war ebenfalls total glücklich, daß dies bald ein Ende hat und sie dann besser schlafen kann. Aber gut, nach 22 Jahren in der Einflugschneise macht ein Jahr den Kohl auch nicht mehr fett.
Nachher habe ich meinen ersten Lachyoga-Kurs und fühle mich total humorlos und unlustig. Grübelyoga wäre gerade passender. Das kann ja heiter werden.
fand ich gerade einen Werbeflyer für ein neueröffnetes Fitnessstudio ganz in der Nähe. Es wirbt unter anderem mit "T-Shirt-Pflicht für Männer". Na hallo? Wozu gehe ich denn in so ein schnurzlangweiliges Fitnessstudio, wenn da nur Männer mit T-Shirts herumlaufen? Die sehe ich überall.
auf den ersten Sommer ohne Flugzeuge. Noch genau ein Monat und dann ist es soweit. Das wird eine himmlische Ruhe! So ruhig, daß man vielleicht sogar tagsüber die ICEs in der Ferne hören kann, wie man sie jetzt nur des nachts leise vorbeidonnern hört. Die ersten Rennameisen rasen auch schon wieder geschäftig auf meinem Balkon herum. Ich frage mich, was sie dort so Tolles finden, daß sie sich die Mühe machen, vier Stockwerke zu mir hinaufzuklettern. Das erinnert mich immer an eine Geschichte aus der Kindheit, als unser Familien-Akazienhonigtopf, der mehrere Kilos umfaßte und den wir regelmäßig von einer Westverwandten geschenkt bekamen, in unserer netten, geräumigen Altbau-Speisekammer stand und die Ameisen unbemerkt eine ganze Straße bis zu diesem Schlaraffenquell bauten. Doch ich habe weder einen Honigtopf auf dem Balkon, noch wohne ich nur im ersten Stock.
Ist der Ruf erst einmal ruiniert, darf man nicht nur ungeniert Selbstgespräche führen, sondern auch ungeniert mit Ameisen, Sonnenblumen oder seiner Vagina reden. Letzteres ist dann ein Intimgespräch. Ich wollte wieder einmal horchen, was meine Organe so zu meckern haben. Dazu hatte ich ja preiswert das Kartenset von
Alexa Kriele zum Buch "Engel weisen Wege zur Heilung" ergattert. Die Antworten sind stets interessant bis witzig, wobei ich das Ganze spontan ohne jede Anleitung oder Legeform mache. Einfach fragen und Karte ziehen. Auf meine Frage, wo besondere Aufmerksamkeit nötig ist, meldeten sich das sensorische und motorische System, die Leber und das endokrine System. Das sensorische und motorische System fordert, daß ich mich kräftige, z.B. durch Schweigen. So viel rede ich nun allerdings gar nicht. Die Leber ist traurig und wünscht sich Förderung der Kreativität, sowie, daß ich mich nicht beirren lasse. Und das endokrine System fühlt sich vergessen. Huch, wie konnte das passieren? Es möchte den Humor gefördert wissen und daß ich nicht aufgebe, sondern dran bleibe (woran?). Als nächstes hatte ich mit den Eierstöcken ein Hühnchen zu rupfen. Die Onkologin ist äußerst besorgt darüber, daß die sich verkrochen und versteckt haben, wie sie das nennt. Das ist wohl eher ungewöhnlich, wobei mich das überhaupt nicht besorgt. Im Gegenteil, ich finde, das ist eine recht gesunde Reaktion von meinen Eierstöcken und sie tun mir damit nur einen Gefallen. Meinetwegen dürfen sie sich auch noch die nächsten vier Jahre ausruhen. Als ich sie darauf ansprach, sagten sie mir, daß sie sich schwach fühlen. Das erklärt natürlich diesen Rückzug. Sie möchten, daß ich mich an etwas Schönem freue. Mache ich doch glatt. Die Lunge fühlt sich wohl, dem Magen geht es hervorragend, dagegen ist das Blutsystem überfordert und das Lymphsystem müde, die Knochen sind leicht besorgt. Meine Zähne fühlen sich mächtig. Vielleicht wollen sie die Weltherrschaft an sich reißen und machen sich irgendwann selbständig. Die Lendenwirbel und Bandscheiben fühlen sich umsorgt. Ich kann wohl nicht so viel falsch gemacht haben. Sie möchten die Zuversicht gefördert wissen, daß ich Sorgen loslasse. Und mein gebrochenes Herz fühlt sich geliebt. Da weiß es anscheinend schon mehr als ich.