Unversöhnliche Lyrik
Die mir vorliegenden Gedichte meines Vaters habe ich nun ebenfalls im Bookrixformat zusammengefaßt und auf meine Profilseite gestellt. Über Kommentare und/oder Sternchen würde ich mich freuen.

Tagebuchauszug:
Es gibt aber wirklich erhebenere Dinge, und der Mensch verbraucht schon so viel zu viel Nerven für den Alltag; und man sollte den Verbrauch der Geisteskräfte nicht noch unnötig steigern.
Ich fand das ein gutes Schlußwort für die Serie, zumal mein Vater sein gesamtes Leben hindurch versucht hat, seine Geistes- und auch seine Körperkräfte nicht unnötig zu verbrauchen. Man könnte dies also sozusagen als sein Lebensmotto ansehen.
Tagebuchauszug:
Neulich erlebte ich zwei seltsame Zufälle, die ich unbedingt festhalten möchte. Mir fielen plötzlich folgende Gedanken ein: "Nicht mir allein leb' ich" - "Ich werd' ein Teil von dem, was mich umgibt" - "Mir sind hohe Berge ein Gefühl". Ich hatte diese Bruchstücke von irgendwoher behalten, doch wußte ich weder den Dichter noch sonst einen Anhaltspunkt. Da trat ich spielerisch an meine Bücher. Ich nahm hier und dort eines heraus, schlug es wahllos auf und freute mich kindisch daran. (Nebenbei bemerkt: Ich bin ein großer Büchernarr.) Da fiel mir auch Schopenhauers "Welt als Wille und Vorstellung" in die Hände. Wie im Traume öffnete ich es. Mein erster Blick fiel auf die Übersetzung des englischen Textes von Byron: "Nicht in mir selbst leb' ich allein; ich werde ein Teil von dem, was mich umgibt, und mir sind hohe Berge ein Gefühl." [I live not in myself, but I become Portion of that arround me; and to me High Mountains are feeling.]
Ein andermal fielen mir plötzlich folgende Worte ein: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide."
Ich wußte: Goethe hatte diese Worte geschrieben. Aber WO standen sie? Aus einem Gedicht? Aus einem Drama? Wieder schlug ich wahllos Goethes Gedichte auf: Seltsam! Ich fand die Worte als Motto eines Gedichtes "Elegie". Ich sah näher hin, tatsächlich, es war die Elegie aus der Trilogie der Leidenschaft! War beides nur Zufall? Oder gibt es so etwas wie einen "literarischen Spürsinn"? Nun, ich werde die Sache ruhen lassen und auf weitere Beweise warten.
Wenn einer nur von Schummelei (?) leben soll
und schwimmendes(?) Gefühl im Herzen tragen
und quälende Gedanken stets ihn plagen
ist immer ihm die Brust von Trauer voll.
Sein Leben fließt dahin nur noch in Moll
schon manchen Abend wollte er verzagen
und wollt' das Spiel am Morgen nicht mehr wagen
weil er befürchtete, er würde toll.
und doch hat immer wieder er begonnen
das Leben, sah er wohl auch keinen Sinn
hat er bei diesem Spiel auch nichts gewonnen
war doch Schicksal in der Sache drin.
Und langsam ist das Leben ihm zerronnen
und ehe er's gewacht (?) war es dahin.
Ich küßte dich, ich küßte jene
und manchmal küßte ich auch keine
Ich machte mir schon viele Pläne
und war zum Schluß wie stets alleine.
*******
Sie stand und kämmte sich ganz eins
zurückgeneigt ihr Haar. Sie weiß
sie sieht ganz hübsch aus. Im Profil
des zarten Busens leichtes Spiel.
Nun füllest du mit freudigen Gedanken
mein Herz, und gibst mir wieder meine Ruh';
Die Zeit ist hin, da alle Sterne sanken,
voll Glück denk ich an dich nun immerzu.
Oft seh die Welt vor meinem Blick ich schwanken,
wenn ich von jemand träum', so bist es du:
Ich will mit einem Rosenkranz dich schönen
und Lieder sollen dir zu Ehren tönen!
Des Abends Schatten auf die Erde fielen,
allmählich es zu dunkeln jetzt begann;
im Traume sah ich dich mit Blumen spielen,
ich ging zu dir und sprach dich leise an.
Und alle Wünsche meinem Sinn entfielen,
so daß ich nur auf einen mich besann:
sanft liebend möchte ich zu dir mich neigen
und herzlich küssen dich, der Rest ist Schweigen.
1/48
Wie wenn nach langem Winter
der Frühling wieder blüht,
und neue Lebensfreude
in aller Herzen zieht -
so bin auch ich genesen
aus dunkler, trüber Nacht,
dein reines, offnes Wesen
hat dies an mir vollbracht.
So wie der Kelch der Blume
der Sonne Strahlen trinkt
mit seinen dann dem Menschen (?)
göttlichen Gruß zuwinkt -
so zeigtes du Vertrauen
und Liebe mir - welch Glück,
ins Auge dir zu schauen,
in deinen offnen Blick!
Ja, nur durch dich zieht Frieden,
ins Herze mir hinein
vom Winter nun geschieden,
laß uns dem Glück uns weihn,
dem Glück, das nicht wie Wolken
das Menschenauge trügt,
dem Glück, das unentrinnbar
vom Schicksal wird gefügt!
20/3/51
Winde rauschen, Blätter fallen,
Sommer stirbt den Herbstestod;
Menschen harte Fäuste ballen,
Schaffen für des Winters Brot.
Diesmal soll uns keiner hungern,
Allen Arbeit, Obdach, Brot,
Niemand in den Straßen lungern -
Ende sei nun jeder Not.
Eibenhof, Bad Saarow, 18/9/50
Noch immer denk ich dein
in bangen und in trüben Stunden;
Du warst mein:
Die Zeit, sie ist entschwunden.
Du warst mein...
Auch wenn nur in Gedanken.
O, wie allein
muß ich durch's Leben wanken.
Allein und nicht allein
und doch stets verlassen,
im Stillen glücklich sein;
leicht könnte ich dich hassen!
Laß mich allein!
Versuch mich nicht zu lieben!
Und doch bin ich dein...
von Sehnsucht getrieben.
Noch einmal?...nein!
Ich kann nicht mehr lieben!
Die Zeit ist nicht mein...
Und...nichts ist geblieben!
10/48
Das Wasser glänzt, der Himmel blinkt,
ein Segel auf den Wellen winkt.
Der Wald steht düster in der Fern,
wie kommt's, dass ich dich hab' so gern?
Ein Paddelboot zieht leis dahin,
warum ich nur so traurig bin?
Bist neben mir und doch so weit,
im himmelblauen Sommerkleid.
Ein Windeshauch mich leis berührt,
hat Liebe je mein Herz verspürt?
War ich nicht einsam, stets allein,
und wird es ewig nicht so sein?
Das Wasser glänzt, der Himmel blinkt -
ein Mädchenmund mir niemals winkt.