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Meine erste und einzige Wahl in der DDR

In Zeiten, in denen der Wahlkampf in vollen Gängen ist, denke ich regelmäßig an meine erste und einzige Wahl in der DDR zurück. Die werde ich garantiert nie vergessen und deshalb bin ich jedesmal wieder froh, nun tatsächlich wählen zu dürfen. Auch wenn es einem manchmal vorkommt wie die Wahl zwischen - ähm, Pest oder Cholera möchte ich hier nicht anführen, das erscheint mir doch nicht passend - eher so zwischen Grippe und Hexenschuß, mit einer Option für die Pest, falls einem das nicht reicht.
Ich bin ja trotz meines kirchlichen Hintergrunds relativ behütet und unbehelligt in der DDR aufgewachsen. Zwar hörte ich oft davon, daß man Nachteile hätte und einem Steine in den Weg gelegt würden, käme man aus einer kirchlichen Familie, doch die meiste Zeit in meiner Kindheit konnte ich so etwas nicht bemerken. Vielleicht bekommt man aber als Kind auch nicht wirklich viel davon mit. Und auf Wunsch meiner Eltern, denen das kein politisches Ansinnen war, sondern die wollten, daß ich mir keine Möglichkeiten für meinen späteren Beruf verbaue, machte ich alles brav mit: erst war ich Jungpionier, später Thälmann-Pionier und danach FDJler. Meine Schule war ansonsten ziemlich offen - wir durften Westmusik hören, sogar laut auf Hofpausen, Schul- und Sportfesten, wird durften Westkleidung tragen, nur wenn man mit westlichen Plastiktüten ankam, gab es Ärger. Das einzige Mal, als ich wirklich benachteiligt werden sollte, war, als ich nicht zum Abitur zugelassen werden sollte, obwohl ich mit zu den Klassenbesten gehörte. Nun war mein Zeugnis der zehnten Klasse etwas schlechter als die vorherigen, allerdings im Nachhinein finde ich einige Dinge da schon etwas eigenartig, so daß ich mich nicht einmal wundern würde, wenn vielleicht bei dem Zeugnis ein bißchen nachgeholfen worden ist, damit man mehr Grund hat, mich abzulehnen. Denn besonders meine Musikzensur kann ich mir überhaupt nicht erklären. Ich hatte durchweg, in der gesamten Schulzeit, im Musikunterricht immer eine "eins" und die war fest und Standard, da hab ich mir gar keinen Kopf darüber gemacht. Aber auf dem Zeugnis der zehnten Klasse war es auf einmal eine "zwei". Das habe ich schon damals nicht verstanden, aber es hat mich letzten Endes gar nicht wirklich interessiert. Ich war nie ein Schüler, den die Schule oder Zensuren interessiert hätten. In der Schule bin ich sowas von überhaupt nicht ehrgeizig gewesen, auch wenn man sich bei Leuten, die zu den Klassenbesten gehören, vielleicht etwas anderes vorstellt. Deswegen wunderte ich mich nur ein wenig und kümmerte mich dann wieder um wichtigere Dinge als Schule. Und nachdem mein Vater einen Einspruch gemacht hatte, wurde ich dann doch zum DDR-Abitur zugelassen.

So ein DDR-Abitur war noch eine ganz andere Nummer als das jetzige Abitur. Wenn ich heute Leute sehe, die Abitur haben und gleichzeitig nahezu null Allgemeinwissen, frage ich mich schon manchmal, was man da eigentlich heute lernt, aber gut, das ist wieder ein anderes Thema. Ich glaube, es war kurz vor Ende des Abiturs, als ich meine erste Wahleinladung erhielt. Nun interessierte mich auch Politik damals überhaupt nicht. Schließlich gab es ganz viel andere aufregende Veränderungen in meinem Leben, die meine ganze Kraft kosteten. Kurz vorher mit 17 Jahren war ich bei meinen Eltern ausgezogen und stand nun nahezu auf eigenen Füßen. Ich mußte ab jetzt für mich selbst sorgen, hatte aber auch sehr viel mehr Freiheit, die ich entsprechend nutzte, um möglichst viel die Schule zu schwänzen und nachts in Diskotheken abzutanzen. Ich war die erste in meiner Abiturklasse, die alleine wohnte und ich glaube, die anderen beneideten mich ziemlich darum. Von zwei Schulfreundinnen erhielt ich zum Auszug einen Wasserkessel und noch irgendetwas für den Haushalt. Der einen Schufreundin kaufte ich einen Camping-Elektrokocher ab, da ich nur zur Untermiete wohnte und keine eigene Küche hatte. Außerdem hatte ich einen Freund, mit dem ich das erste Mal länger zusammen war, als mit den anderen davor, und der häufiger auch mal zwei oder drei Tage bei mir blieb. Weiterhin mußte ich mir Gedanken darüber machen, wie es nach dem Abitur mit mir weitergeht. Das alles war genug, daß ich eigentlich überhaupt keine Ambitionen hatte, zu irgendeiner Wahl zu gehen, zumal mir sowieso keinerlei Wahlmöglichkeiten bekannt waren, aber da wurde ich zu einem "Wahlbriefing" bei meinen Eltern bestellt.

Hatte ich noch mit dem Gedanken gespielt, nicht zu der Wahl zu gehen, wurde mir dieser Zahn schnell gezogen. "Du gehst auf jeden Fall am Sonntag dort hin, egal was du sonst vorhast! Sonst wirst du nämlich abgeholt! Die stehen vor deiner Tür und nehmen dich mit!" Ich schaute meine Eltern entsetzt an und dachte "Hä? Meinen die das ernst?" Jedenfalls waren meine Eltern ernst und aufgeregt genug, daß sie mich schnell überzeugt hatten. Dann erklärten sie mir den Wahlablauf: ich solle meinen Ausweis vorzeigen, den Wahlzettel nehmen, überhaupt gar nicht erst drauf gucken, sondern ihn falten und dann in die Urne stecken. Ich schaute meine Eltern verständnislos an, denn schließlich bin ich bisher noch völlig naiv gewesen. "Hä? Falten? Aber muß ich da nicht irgendwo ein Kreuz machen?" "Nein! Gar nichts! Du guckst da gar nicht drauf! Und du überlegst auch nicht lange! - Und du gehst um Gottes Willen niemals, absolut niemals, niemals nie und nimmer in die Wahlkabine!!!" Und ich so: "Aber warum denn nicht? Wozu stellen die denn überhaupt die Wahlkabinen hin???" Meine Eltern gucken sich an, lachen gequält und wiederholen nur: "Du gehst auf keinen Fall in die Wahlkabine! Du kannst richtig Ärger bekommen, wenn die den Eindruck bekommen, du bist nicht sicher bei deiner Wahl." Nun ja, so vorbereitet, beschloß ich doch, mich an die Anweisungen meiner Eltern zu halten und nicht auszuprobieren, was passiert, wenn ich es nicht tue. Ich ging also sonntags in das Wahllokal und wurde von einigen Gestalten mit völlig steinernen Gesichtern begrüßt. Ich sehe diese Gesichter jetzt noch vor mir. Ich nahm den Wahlzettel, faltete ihn und steckte ihn in die Urne, konnte mir dabei aber ein kleines Grinsen nicht verkneifen, weil mir die ganze Situation total lächerlich vorkam. Mir schien es, als würden diese Leute hinter ihren steinernen Masken ebenfalls wissen, was für eine Farce das Ganze war. Ich habe mich so blöd dabei gefühlt, daß ich wirklich froh bin, dies nur einmal und dann nie wieder mitmachen zu müssen.
Wenn ich jetzt wähle, dann genieße ich es ein, bzw. zwei oder gar drei Kreuzchen machen zu dürfen, ganz egal, ob es im Endeffekt überhaupt etwas bringt oder verändert, aber zumindest habe ich das Gefühl, daß ich gefragt und nicht gezwungen werde und tatsächlich eine Wahl treffen darf.

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