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Mittwoch, 27. Dezember 2006

Brötchensuche

Eine Schulpause, in welcher ich losziehe, um einen Bäcker zu finden, bei welchem ich mir etwas zu essen holen will. Ich suche die mit Salz bestreuten Weizenbrötchen, die eine Kollegin letztens zu einer Mittagsrunde geholt hatte und die ich sehr lecker fand. Ich gehe an einem Tor oder Parkeingang vorbei, an dessen Seiten als Torwächter Pärchen von steinernen Eichhörnchen stehen, und dann zu unserem alten Bäcker. Dieser hat jedoch geschlossen, so dass ich zur Hauptverkehrsstraße durchlaufe und schließlich die alte U-Bahnstrecke entlang, stelle aber irgendwo fest, dass die Straße abrupt durch eine weiße Wand abgeschnitten wird und ich nicht auf die andere Seite gelangen kann. Die Wand muss neu sein, denn von früher kenne ich sie nicht. Schließlich komme ich auf die Idee, durch ein Türkengeschäft zu gehen, das sich dort befindet, und zum Hinterausgang raus. Das klappt tatsächlich, hinter dem Geschäft auf dem Hof ist gerade der Türke beim Warenpacken und ich sage "Vorsicht!", damit er mich bemerkt und mich vorbei lassen kann. Nun gehe ich einen Gang mit ebenfalls schneeweißen Wänden entlang und treffe hier auf einen anderen Bäcker, der dort neu sein muss. In der Auslage sehe ich auch eben diese Brötchen, da ich nicht weiß, wie die heißen, zeige ich mit dem Finger darauf und verlange sieben. Doch die Verkäuferin sagt, dass sie mir keine geben kann, da sie keine mehr haben, weil es wohl dem Geschäft nicht so gut geht. Ich führe einen kurzen Wortwechsel über schwere Zeiten usw., bevor ich mich auf die Suche nach dem nächsten Bäcker mache und weiter durch die Straßen laufe. Dann wache ich auf.

Ein traumhaftes Weihnachtsgeschenk


Ein traumhaftes Weihnachtsgeschenk 1
Originally uploaded by Weltentanz - Fluchtpunkte im Blickwinkel.

Die Erlebnisse meiner Mutter bei der Befreiung von Berlin 1945 und danach (nach ihren Erzählungen schnell aufgezeichnet, um nichts zu vergessen)

Im Sommer 1945 ist meine Mutter 11 Jahre alt geworden und war das älteste von drei Kindern. Während der Zeit des zweiten Weltkrieges und nach seinem Ende musste meine Oma, ihre Mutter, die drei Kinder alleine über die Runden bringen, denn der Vater war in den Krieg gezogen und bei den Schlachten und der Einkesselung in Dünkirchen in Frankreich dabei. Dort geriet er 1944 in alliierte Kriegsgefangenschaft.

Als die Bombenangriffe auf Berlin begannen, harrten meine Großmutter und ihre drei Kinder wie alle anderen im Luftschutzbunker, bzw. Keller unter ihrem Wohnhaus aus. Sobald die "Weihnachtsbäume" am Himmel erschienen, wussten sie, dass Bomben folgen würden. Die Männer, die im Luftschutzkeller waren, gingen in regelmäßigen Abständen nach draußen, um nachzuschauen, was los ist. Eines Tages kam einer wieder und erklärte, dass vor dem Haus ein abgeschossener Panzer steht und alle aus dem Keller heraus müssten.
Sie wohnten in einem alten Mehrfamilienhaus am Ostbahnhof mit einem für diese Häuser typischen riesigen Hausflur. Um Hinauszukommen mussten sie durch den Hausflur, der voller gefallener russischer Soldaten lag. Sie stiegen über unzählige Leichen und als sie vor dem Haus waren und meine Mutter sich umschaute, sah sie, dass die gesamte Vorderfront des Hauses fehlte. Wie ein riesiges Puppenhaus stand es da, mit brennendem Dachstuhl. Sie hatten jedoch keine Zeit sich darum zu kümmern, sondern mussten einen anderen Unterschlupf finden. Das einzige, was sie noch besaßen, war eine Tasche mit ihren Papieren, sowie ein Pfund Schmalz. Dieses Schmalz hatte meine Großmutter bei den Plünderungen des Osthafens ergattert, der gleich in der Nähe des Ostbahnhofs liegt. Mütter hatten dort unter Beschuß die riesigen Speicher geplündert, um etwas Eßbares zu finden. Während ihrer Flucht durch die zerbombte Straße sahen sie überall gefallene russische Soldaten auf Treppen und in Hausfluren liegen. Sie wurden sogar selbst von Deutschen beschossen, die sich irgendwo auf den Dächern verschanzt hatten. Diese schossen auf ihre eigenen (!), aus den zerbombten Häusern flüchtenden Landsleute, Frauen und Kinder. Da meine Tante, das jüngste Kind, erst vier Jahre alt war, kümmerte sich meine Großmutter um sie, während meine Mutter, als Älteste mit dem mittleren Bruder zusammenblieb. Sie wollten in eines der Eckhäuser flüchten, welches noch stand, aber wurden getrennt und meine Mutter und ihr jüngerer Bruder suchten Zuflucht im Hausflur eines anderen Hauses. Dort wurden sie von jemandem in den dortigen Luftschutzkeller geholt, der sie beide auf die oberste Etage eines Hochbettes verfrachtete. Sie blieben eine Weile da, wollten aber irgendwann wieder weg, um ihre Mutter zu suchen. Die Leute aus dem Keller gaben ihnen zwei Äpfel mit und sie zogen los. Auf der Straße fragten sie jeden, den sie trafen nach den Leuten aus dem Eckhaus und jemand sagte ihnen, dass die alle nach Friedrichfelde hinaus geflüchtet wären. Also machten sie sich auf Richtung Lichtenberg, das zu damaliger Zeit, noch kaum oder gar nicht bebaut war, Stadtrand. Irgendwo auf der Straße lag ein totes Pferd und die Leute strömten in Scharen hin, um sich Stücken von Fleisch herauszuschneiden. Sie waren mehrere Tage unterwegs, klopften zwischendurch an Türen und erbettelten Essen oder einen Schlafplatz. Auch meine Oma machte sich auf die Suche nach den Kindern, doch statt der Kinder fand sie meine Urgroßeltern, welche von Küstrin nach Berlin geflüchtet, von dort zurück nach Küstrin und weil dort alles dem Erdboden gleichgemacht war, erneut nach Berlin gekommen waren. Alles zu Fuß und in betagtem Alter. Hier standen sie ratlos an irgendeiner Ecke und die Großmutter nahm sie mit. Meine Mutter und ihr Bruder hatten inzwischen die große Chaussee erreicht, die damals noch zwischen Feldern und Laubengärten entlangführte. Aus der Ferne erkannten sie einen Mann mit einem Koffer auf der Schulter, der ihnen entgegen kam. Der fragte sie, wo sie hin wollen und es stellte sich heraus, dass es ein Nachbar aus ihrem Haus war. Als sie sagten, dass sie ihre Mutter suchten, sagte er, er könne sie zu ihr hinführen, was er auch tat.

Meine Oma und ihr jüngstes Kind hatten sich mit anderen zusammen in die Schrebergärten am Rande der Stadt geflüchtet, wo viele Sommerlauben leer standen. Dort hatten sie sich in eine winzige Laube einquartiert und hierher hatte meine Großmutter auch meine Urgroßeltern gebracht. Der Raum war nicht größer als sechs Quadratmeter und hierher führte der Nachbar ebenfalls die Kinder. Beide waren natürlich unglaublich glücklich, ihre Mutter wiedergefunden zu haben und meine Mutter bezeichnet es heute als eine Fügung des Schicksals.
Alle zusammen lebten nun einige Zeit in der Sechs-Quadratmeter-Laube, wo sie aber wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten. Ganz in der Nähe hatten die Russen einen Stützpunkt und meine Mutter erzählt, dass die Russen gerade zu den Kindern sehr nett waren. Es gab an dem Stützpunkt eine Gulaschkanone zur Verpflegung der Soldaten und wenn eines der Kinder mit einer Kanne dort hin ging, bekam es immer die Kanne bis oben hin voll mit gesalzenem Grießbrei oder was es sonst gerade zu essen gab. Natürlich gibt es auch andere Begebenheiten mit den Russen. Vor allem die Frauen hatten große Angst vor ihnen, insbesondere vor den "Mongolen", die als besonders grausam galten. Der allererste Russe, den meine Mutter sah, war nun ein Mongole und kam in den Luftschutzkeller, in welchem sie sich aufhielten. Er hielt eine winzige blitzende Pistole genau auf meine Großmutter gerichtet und im Keller wagte in diesem Augenblick niemand mehr zu atmen. Dann verschwand er aber und andere Russen kamen. Meine Mutter meint, dass den russischen Soldaten die Angst ins Gesicht geschrieben stand. Ab und zu holten sie Frauen nach oben, indem sie sagten: "Frau komm." Manche der Frauen waren so clever, dass sie sich sofort an einen der Offiziere heranmachten. Dann waren sie "immun", weil andere sie nicht mehr anfassen durften.

Nach einiger Zeit in der Laube konnten sie in ein größeres Haus mit einem oberen Stockwerk umziehen. Dort hatten vorher die Russen gehaust, und zwar wie die Vandalen. Alle Federbetten waren aufgeschlitzt, die Federn lagen überall im ganzen Haus verteilt und in herumstehende Kannen war hineingeschissen worden. Teilweise fanden sie noch Silberlöffel und alles was sie irgendwie gebrauchen konnten, wurde eingesammelt. Vor dem Haus stand ein alter grüner Gartentisch und um diesen Tisch versammelten sich manchmal Russen, aßen salzigen Hering und tranken Wodka. Sie fragten erst gar nicht, sondern spazierten einfach in den Garten, schmissen den Hering auf den Tisch, hauten ihn in kleine Bissen und legten mit ihrem Gelage los. Die Kinder bekamen oftmals auch einige Bissen zugesteckt.

Später fand meine Großmutter eine Unterkunft in der Stadt, eine Kochstube in einem Haus, also eine größere Küche. Ab jetzt hauste die ganze Familie hier. Meine Oma verdiente ihr Geld als Trümmerfrau und klopfte den ganzen Tag von früh bis abends Steine. Auch meine Mutter musste im Rahmen der Schule Steine klopfen. Dafür bekam sie Stempel in ein kleines Heftchen. Sie tranken Petersilienwasser, aßen Brennesselspinat und geröstete Brotscheiben mit Zucker.
Meine Oma war vor lauter Arbeit, Kummer und Sorgen nur noch ein Strich in der Landschaft und inzwischen war die Ruhr im Nachkriegs-Berlin ausgebrochen. Mein Urgroßvater erkrankte daran und meine Mutter erinnert sich noch, wie meine Großmutter ihn, der ebenfalls nur noch dünn wie ein Hering war, in einen kleinen Leiterwagen setzte und ihn so selbst mit der Hand in das Krankenhaus nach Lichtenberg zog. Dort verstarb er. Das Telegramm kam einige Tage später.

Auch mein Großvater kam aus der Kriegsgefangenschaft. Er konnte sehr gut Sachen und Essen organisieren, so dass es eine große Erleichterung für die Familie war. Er ging oft früh los, hängte sich außen an einen der Züge, die auf das Land fuhren, wobei er nicht der einzige war - es hingen Trauben von Menschen an den Zügen, die sich irgendwo festhielten -, und stahl dort z.B. Kartoffeln von den Feldern, was alle machten, oder klopfte bei den Bauern und bat um Essen. Die Bauern waren jedoch sehr knauserig und gaben kaum etwas. Manchmal kam er tagelang nicht mehr wieder. Außerdem war er sehr geschickt im Angeln und fing nicht nur kleine Fische, sondern riesige Hechte. Diese waren äußerst gefragt und wurden gegen alles mögliche eingetauscht. Auf diese Art kam meine Großmutter auch zu einer alten Singer-Nähmaschine, mit der sie Kleidung für die Kinder nähte. Sie fand irgendwo blau-karierte Bettwäsche und eine bestickte Trachtenweste, wie sie damals Mode war. Aus der Bettwäsche nähte sie ihrer Tochter einen Rock, welchen sie zu der bestickten Weste trug und für meine Mutter war es das Schönste, was sie bis dahin je besessen hatte. Meine Urgroßmutter war inzwischen bei Verwandten in Wittenau in ihrer kleinen Wohnung aufgenommen worden und hat meinen Urgroßvater noch viele Jahre überlebt. Meine Großeltern konnten mit den Kindern bald in eine der Wohnungen über der Kochstube ziehen.
Hier verfolgten sie die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes, denn sie hatten nichts mehr von Onkel Walter gehört, dem Bruder meiner Großmutter, der zwar nur Stubenmaler war, aber sehr künstlerisch begabt und vor dem Krieg viele eigene Ölgemälde in seiner Wohnung zu hängen hatte. Dieser kehrte nie aus Stalingrad zurück, es kam jedoch auch nie eine Nachricht, dass er gefallen ist. Niemand weiß, wo er abgeblieb oder was mit ihm passierte. Das letzte, was sie von ihm hörten, war ein Brief, dem er die Bleistiftzeichnung eines Schlachtfeldes beigelegt hatte. Das Bild sagte mehr aus als tausend Worte, doch auch von dem Bild weiß niemand mehr, wo es geblieben ist.

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weltentanz - 2008/12/03 20:24
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