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Samstag, 24. Mai 2008

High Society

High Society

Wie lange braucht man zum Lesen der Bild-Zeitung?

Gerade habe ich "Der Gefangene" von John Grisham ausgelesen, und da mich manchmal auch noch nach dem Lesen interessiert, was andere zu bestimmten Büchern sagen, stöberte ich ein wenig in den Amazon-Rezensionen und im Netz. Dabei fällt mir immer wieder auf, und ich muß sagen, ich finde das irgendwie faszinierend, wie unterschiedlich die Meinungen und Wahrnehmungen gegenüber meinen eigenen Eindrücken sein können. "Der Gefangene" ist kein Roman, sondern ein Sachbuch und Bericht über einen tatsächlich stattgefundenen Justizskandal, der sich allerdings wie ein Roman liest. Der Stil ist schnörkellos, die Fakten werden ohne Umschweife präsentiert, man spürt aber auch stark die emotionale Beteiligung des Autors durch über das ganze Buch hinweg eingestreute bissige und ironische Bemerkungen. Doch die gesamte Spannung des Buches kommt ganz klar allein durch die unglaubliche Geschichte zustande, welche vollkommen ausreicht, um einen nicht loszulassen. Das Buch liest sich leicht und flüssig, ohne überflüssiges Juristendeutsch werden die Vorgänge bei den Vernehmungen, Verhandlungen und sonstigen Ereignissen für jeden verständlich dargestellt. Ich habe das Buch mit ca. 460 Seiten in einer Woche gelesen, davon allein 200 Seiten am letzten Wochenende. Um so erstaunter war ich, folgende Rezension zu lesen:

"Ich habe Monate gebraucht um mich dadurch zu kämpfen, es immer wieder weggelegt und wieder begonnen. Ich lese Bücher von Grisham wirklich sehr gerne, aber hätte ich gewußt was mich hier erwartet hätte ich es nie begonnen. Wenn man ganz böse sein möchte, so hat es den Charme einer großen deutschen Boulevardzeitung mit 4 Buchstaben nur in xxxl Format."

Mal ganz abgesehen davon, daß ich diese Meinung für mich nicht nachvollziehen kann, was aber nicht weiter schlimm ist, finde ich diese Aussage etwas verwirrend. Mein vorschnelles Gehirn beginnt nämlich sofort zu rechnen und sich zu fragen, wie lange der Herr wohl zum Lesen der Bild-Zeitung braucht. Und selbst wenn ich annehme, daß das Buch keiner xxxl-Bild-Zeitung, sondern vielleicht ca. vierzig Stück davon entspricht, die vielen Bilder mal großzügig weggerechnet, finde ich Monate dafür doch ziemlich viel. Allerdings habe ich noch nie eine Bild-Zeitung gelesen, vielleicht habe ich ja ganz falsche Vorstellungen davon.
Auffällig ist, daß viele Rezensenten das Buch als langweilig und ausschweifend empfinden, und sich lieber einen Roman gewünscht hätten, wie auch eine Rezension des Hamburger Abendblattes:

"Und doch: Der neue Grisham kann literarisch nicht mit seinen Vorgängern mithalten. Es mag an der Form liegen, dieser seltsamen Mischung aus Sachbuch und Belletristik. Zu ausschweifend, zu genau, weil jedes kleinste Detail, jede auch nur am Rande beteiligte Person aufgeführt wird. Das verwirrt. Eine etwas klarere Konstruktion, ein gestraffter Inhalt hätten dem Buch gut getan."

Das entspricht absolut nicht meinem Eindruck, im Gegenteil. Ich habe bisher zwei Romane von Grisham gelesen, welche ich so furchtbar langweilig fand, daß ich mich nicht einmal erinnern kann, worum es ging. Jedenfalls besaßen diese aber die von der Rezensentin geforderten Aspekte von klarer Konstruktion und straffem Inhalt. Der Inhalt war sozusagen so straff, daß man wie auf einer blankpolierten Rutschbahn durch sie hindurchbrettern konnte, ohne die geringste Reibung zu spüren. War da was?
Grisham ist nicht der Autor, von dem ich mir freiwillig noch einmal einen Roman zulegen würde. Um so dankbarer bin ich, daß er aus dieser Geschichte KEINEN Roman gemacht hat. Ich finde das Buch weder langweilig noch ausschweifend, die vielen Details machen die Story erst lebendig und bringen dem Leser die Menschen näher, denen das alles wirklich wiederfahren ist. Vielleicht empfinde ich das aber auch nur so, weil ich sowieso lieber Sachbücher als Romane lese.

Für jemanden, der das Buch lesen will, empfehle ich, sich vorher oder nachher die Original-Interviews mit Ronald Williamson, der jahrelang unschuldig in der Todeszelle saß, anzuschauen. Das rundet die erhaltenen Informationen ab und man erhält den Beweis, daß die ganze Geschichte nicht nur ausgedacht ist, etwas, das man beim Lesen immer wieder gerne glauben möchte.

Ron Williamson selbst faßt dabei die Ereignisse in einem Satz zusammen:

It takes one lawyer to get you thrown in jail und twenty to get you out.

Fazit: Der Sachbuchstil steht Grisham gut. Wenn es nach mir ginge, dürfte sich Grisham künftig darauf beschränken.

Die verhinderte Bootsfahrt und Paketschnur an den Füßen (Die Achtziger sind abgefahren)

Mit einer Gruppe von Gleichaltrigen an einem See. Der See ist relativ klein und wird wie ein Zimmer durch Wände begrenzt. Hinter mir am Ufer ist eine Wand, in der sich auch die Tür befindet, und an beiden Seiten ebenso. Nur nach hinten zu scheint der See offen zu sein. Direkt am Ufer liegen mehrere Boote auf dem Wasser. In einigen von ihnen sitzen schon junge Frauen. Eines ist leer und fast mit Wasser überflutet. Ich sage, daß wir uns am besten alle in die Boote setzen, wobei ich das selbst ebenfalls vorhabe. Ich beschließe, das überflutete zu nehmen. Es dürfte trotzdem noch tragfähig sein. Doch sobald ich meinen Plan umsetzen will, muß ich feststellen, daß das Boot so weit nach hinten abgetrieben ist, daß ich keinesfalls mehr heranreiche. Nun ja, dann muß ich wohl doch am Ufer bleiben. Ist vielleicht auch besser, wer weiß, ob das gut geht auf dem Wasser. Während dieser Überlegungen stelle ich fest, daß ich um jedes Fußgelenk eine doppelt geschlungene Paketschnur trage, allerdings nicht als Fessel, sondern locker wie ein Schmuckkettchen. Ich finde das ganz normal. An die hintere Wand des Ufers gelehnt, beobachte ich die Leute auf den Booten, rechts neben mir eine andere junge Frau und links neben mir ein junger Mann, den ich für R. Sch. halte, einen ehemaligen Mitschüler, der aber völlig anders aussieht. Er hat feuerrote Haare, die vorne in einer großen Tolle aus einem Hut hervorquellen, wie ihn Boy George in den Achtzigern getragen hat. Auch seine Augen sind etwas geschminkt, aber nicht ganz so stark wie bei Boy George. Er scheint direkt den Achtzigern entstiegen zu sein, aber vielleicht befinden wir uns ja sogar mittendrin und Paketschnur an den Füßen ist der neueste Punk. Ich unterhalte mich mit der Frau neben mir, welche die Bemerkung macht, daß hier wohl viele Kinder spielen und auf das flache Wasser am Rand des Sees zeigt, in welchem jede Menge vergessenes Spielzeug und bunte Kinderbilder liegen. Ich nicke und sage, daß von mir ganz bestimmt auch noch was im See liegt, man findet gewiß kleine bemalte Zettel aus dem Kindergarten von mir im Wasser, denn wir haben hier ebenfalls gespielt. Dabei schaue ich zu R. Sch., mit dem ich meine, zusammen in den Kindergarten gegangen zu sein. R. Sch. sucht auffällig meine körperliche Nähe, steht ganz eng bei mir und hört mir interessiert zu. Dabei lächelt er mich immer wieder an und scheint mit mir flirten zu wollen. Dann sagt er zu mir: "Weißt du, daß du wirklich eine geile Sau bist?" Ich bin leicht irritiert, zumal der Ausdruck "geile Sau" vielseitig interpretierbar ist. Was meint er damit? Sexy, anziehend, versaut, oder will er mich einfach ärgern? Er schaut mich dabei allerdings so verliebt und bewundernd an, daß er es wohl vollkommen ernst meint, was mich aber, wie jede übermäßige Bewunderung für mich, ebenfalls irritiert. Deshalb frage ich neugierig nach: "Hm, warum findest du das?" Zu einer richtigen Antwort kommt es jedoch nicht mehr, statt dessen geht das Gespräch in eine Kabbelei über, in welcher ich ihm scherzhaft versuche, den Arm umzudrehen. Schließlich verlassen wir in der Gruppe und einträchtig nebeneinander trottend den Raum mit dem See.

Bemerkung: Das Boot ist abgefahren? Das Boot der Achtziger ist abgefahren? Die Achtziger sind abgefahren?
Ich habe in den Achtzigern niemals Paketschnur getragen, wohl aber Lederbänder und Sicherheitsnadeln.


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