Gut, der Prügelmonat scheint vorüber zu sein. Und so wenig angenehm solche Zeitphasen auch sind, so hat mir diese doch ein relativ neues Bild von mir vermittelt, eines, das mich etwas erstaunt. Zäh war ich schon immer, allerdings gepaart mit einer besonderen Sensibilität, die nochmals vielmals verstärkte Zähigkeit im Aushalten verlangt. Doch das Studieren, Beobachten und Verstehen von menschlichen Verhaltensmustern trägt zumindest soweit Früchte, daß ich mir kaum noch irgendwelche fremden Schuhe anziehe, egal wie dämlich man mir kommt. Das ist ein ganz neues Verhalten meinerseits, welches mir erst jetzt, in dieser Zeit der Konflikte bewußt wird, und mir unterschwellig, unter allem Verdruß, ein Gefühl von Stärke und Stolz gibt. Es ist für mich, als hätte ich einen Sieg errungen, egal was von außen auf mich einstürzt und versucht mich zu brechen. Erst jetzt verstehe ich die Bedeutung des Wortes "Selbstbewußtsein" wirklich, jedoch in einem ganz anderen Sinne, als ich es ursprünglich benutzt habe. Die Änderung bezieht sich dabei weniger auf mein äußeres Auftreten, als viel mehr auf meine innere Einstellung zu mir selbst und zu anderen. Und ich rieche Angst. Überall, wohin ich komme, wen ich auch treffe, ich rieche Angst auch bei völlig unängstlich wirkenden Menschen. Es sind die Taten, welche die Angst verraten, die wirklich tiefe Angst, viel weniger die Körpersprache. Und ich glaube, oder sagen wir fühle, daß gerade die Ängstlichen die wahren Furchtlosen sind, die, die sich standhaft weigern, irgendetwas in sich ohne ihr Wissen häßlich handeln zu lassen, sondern sich getrauen, ihre Angst bewußt zu erleben und sie zur Kenntnis zu nehmen. Dies ist eine dieser Paradoxien, wie sie mir bei allem, was mich angeht, stets begegnen, in jedem Winkel meines innerlichen, vollkommen uneinsehbaren Wahrnehmens. Deshalb fällt es mir auch so schwer, wirklich über mich zu schreiben und nicht nur über einen winzigen Aspekt in einem winzigen, unwiderruflichen Moment. Würde ich es versuchen, würde es auf andere wohl wie der komplette Wirrsinn wirken, das reine Chaos. Und dennoch wäre eine Ordnung enthalten, die sich wahrscheinlich nur in meiner Wahrnehmung offenbaren würde, da sie sich Teil für Teil in meine Erfahrungen fügen würde, in mein großes Lebenspuzzle. Doch ich merke auch, daß alles Wissen über menschliche Verhaltensmuster zwar sehr gut hilft, sich im Gleichgewicht zu behaupten, aber nur relativ wenig gegen den partiellen Ärger ausrichten kann, der bei den absurden und verzweifelt anmutenden Aktivitäten mancher Mitmenschen immer wieder durchbricht.
Eigentlich könnte ich eine neue Männerrubrik aufmachen. Die würde bestimmt bald voll werden.
Heute: Kollegin K. kommt, um einige Überweisungen zu prüfen, hat ihren Stempel aber nicht mitgebracht. Sie fragt nach meinem. Den habe ich noch nie benutzt, deshalb sage ich zu ihr, als ich ihr den gebe, ohne mir irgendetwas bei den Worten zu denken: "Der ist sogar noch ganz jungfräulich."
Da wird Herr N. sogleich sehr freudig erregt und ruft aus:
"Jaaaaaa, jetzt kommt er dran! Jetzt ist er fällig!".
Kollegin K. und ich schauen uns an, mit diesem Blick.....
Mir ist, als träumte ich im Traum selbst den Traum einer Fremden. Der Traum im Traum, doch das Traum-Ich des "inneren Traumes" scheint eine völlig andere Person zu sein, was sowohl durch die Umgebung als auch durch die handelnden Personen bewußt wird. Meine Mutter hat zum Beispiel keine Ähnlichkeit mit meiner wirklichen Mutter und im Traum lebe ich in einem winzigen Ort mit Einfamilienhäusern, der nicht einmal befestigte Wege hat. Ich bin in einem Alter, in dem man sich entscheiden muß, welchem Beruf man später nachgehen will, allerdings scheine ich auch eine leichte Behinderung zu haben. Meine Mutter betreibt nun zufällig eine Werkstatt für Behinderte und will oder erwartet von mir, daß ich dort einen Job übernehme und eventuell sogar später ihre Position. Ich glaube, sie denkt, daß ich zu etwas anderem nicht in der Lage bin und dies der einfachste Weg für mich ist. Sie meint es nur gut und will mir Kämpfe ersparen. Bei ihr in der Werkstatt wäre ich am besten aufgehoben, doch ich versuche ihr klar zu machen, daß ich mir genau dies überhaupt nicht vorstellen kann. Ich möchte hinaus und einem richtigen Beruf nachgehen, so wie alle anderen auch. Ich möchte Herausforderung, auch auf die Gefahr hin, es schwerer zu haben als "Normale" oder sogar zu scheitern. Irgendwann habe ich sie überzeugt. Sie ist besorgt, sieht aber ein, daß sie mich nicht in eine von ihr vorgesehene Laufbahn zwingen kann, auch wenn es nur zu meinem Schutz wäre. Später holpere ich mit einem Wagen über die unbefestigten Wege des Dorfes. Einen Wagen braucht man dort, denn anders kann man sich nicht von Ort zu Ort bewegen, da alles so weitläufig ist. Der Weg gabelt sich, wobei eine Gabel schräg aufsteigt, die andere flach weiterläuft. Ich holpere den aufsteigenden Weg hinauf, das Auto springt gefährlich hin und her. Ein relativ steiler Abhang zwischen beiden Wegen, mit Bäumen bewachsen. Plötzlich springt der Wagen so unglücklich in die Höhe, daß er zu Seite kippt und sich den Abhang hinunter überschlägt. Dies bekomme ich jedoch nicht mehr im Auto sitzend mit, sondern das Überschlagen sehe ich von außen, als würde ich auf dem unteren Weg stehen und hinaufblicken.
Letzte Woche riß Herrn N. eine der Lamellen von unserem Lamellenvorhang ab. Man brauchte sie eigentlich nur oben wieder einzuhängen, allerdings haben wir sehr hohe Büroräume, geschätzt fünf Meter, und die Fenster sind fast genau so hoch. Selbst von der Oberkante des höchsten Schrankes neben dem Fenster (aber nicht ganz direkt daneben), sind es noch zwei Meter bis zur Vorhanghalterung. Ich sage also zu ihm, er soll die Lamelle zwischen die anderen stecken, damit sie nicht auf dem Boden schleift und den Hausmeister anrufen. Der hat eine Leiter und kommt in der Regel auch schnell, wenn etwas zu machen ist. Heute fiel mir im Laufe des Tages auf, daß die Lamelle wieder hängt, ich hatte aber keinen Hausmeister gesehen. Also frage ich Herrn N., wann dieser da gewesen sei. Jetzt sagt mir Herr N., er hätte die Lamelle selbst eingehängt. Etwas ungläubig und erstaunt will ich natürlich wissen, wie er da oben ran gekommen ist. Er erzählt mir, er wäre mit einem Stuhl auf den Schrank geklettert. Nun ist es mir trotz Stuhl, und trotz einer Kante in der Mitte des Schrankes ein Rätsel, wie er auf diesen hohen Schrank gekommen ist, und weiterhin, wie er von da noch zwei Meter und einiges an horizontaler Entfernung bis zur Vorhangkante gereicht hat. Ich will es mir ehrlich gesagt auch gar nicht so genau vorstellen, denn dann wird mir schon nur beim Denken daran schwindlig. Statt schnell und schmerzlos den Hausmeister anzurufen, schwingt man(n) sich lieber wie Tarzan oder Chita auf die Schränke, auch auf die Gefahr hin, sich dabei alle Knochen zu brechen. Unglaublich!
wieder ist es weihnacht
ein fest in rutesichrer eintracht
ein fest in wonnevoller aura
ihrer weihe wirre freuden
unermeßlich ihre süße
unermeßlich ihre speisen
schräge klänge in der nacht
ich liebe dich du chaosfest
unser selig mimendes diktiertes freudenfest
ich liebe dich du unser ohnegleichen schönes traumfest
von liebe und leutseligkeit
ich liebe den duft der tanne
die lichter
und kindliches kinderlachen
ich liebe meine kindische familie
die alles tut ein illusionsfest zu inszenieren
unendliche liebe
und irrsinniger aufwand für einen weihnachtstraum
ohne irrsinn wird die tradition sterben
in mir wird der irrsinn ärgersamen tragen
und weiterleben
zur weihnacht sind mir die menschen so nah
reiner irrsinn ohnegleichen in vernünftigen köpfen
Weihnachten liebe ich euch besonders
dann werdet ihr mindestens so irre wie ich
22.12.92
(aus "ich will kein inmich mehr sein: botschaften aus einem autistischen kerker" von Birger Sellin)
Als Kind bin ich, schon aufgrund meiner Herkunft, regelmäßig in die Christenlehre gegangen. Dies war zu den damaligen DDR-Zeiten relativ ungewöhnlich. Meist gab es an einer Schule nur sehr wenige Kinder, welche dies taten und meist waren sie allgemein bekannt, obwohl man von seinen Eltern immer dringenst ermahnt wurde, nicht zu viel über solche Aktivitäten an der Schule zu erzählen. Schließlich wollte man sich möglichst nicht ins Kreuzfeuer für gesellschaftliche Repressalien begeben. Von diesen eventuellen Repressalien hörte ich zwar von meinen Eltern, glücklicherweise erlebte ich sie selbst aber nie, zumindest nicht bewußt. Sogar zum Abitur wurde ich zugelassen, was in der Regel nur für 2-3 Schüler einer Klasse möglich war, allerdings erst auf Widerspruch meines Vaters hin. Natürlich redete man trotzdem, die anderen Kinder waren ja immer neugierig und wollten wissen, was wir in der Christenlehre so tun. Wir saßen dort in einem kleinen Grüppchen um den Tisch herum, bekamen Geschichten aus der Bibel vorgelesen, spielten lustige Spiele (auch welche aus dem Westen, was besonders spannend für uns war) oder sangen Lieder wie "Geh aus mein Herz und suche Freud". Es gab weder Hausaufgaben, zumindest nur ganz selten mal was auswendigzulernen, wie das Glaubensbekenntnis, noch war es sehr anstrengend. Es war eigentlich der einzige Unterricht, bis auf den Kunst- und Englischunterricht, in den ich gerne gegangen bin. Auch lernte es sich in dieser kleinen Gruppe viel gemütlicher, als in den 25-30köpfigen Schulklassen. Außerdem hatte ich noch den großen Vorteil, um den man mich beneidete, nur von unserer Wohnung aus eine Treppe höher bis in den Gemeinderaum zu müssen. Nach der Christenlehrestunde schloß sich oft ein gemeinsames Spielen auf dem Hof an. Unsere Katechetin war nett, rundlich und selten aus der Ruhe zu bringen. Wie ich gehört habe, ist sie bereits verstorben. Ich erinnere mich daran, daß wir einmal gemeinsam am Saalfenster standen, auf die anderen warteten und ich ihr von oben meine damals angelachte Katze zeigte (während meiner Kindheit lockte ich ständig Katzen an und meine Eltern hielten nicht lange stand, die Wohnung katzenfrei zu halten), die gerade unten herum streunte. Sie fragte mich, ob sie einen Namen hätte und als ich verneinte, erzählte sie etwas von einem Kater Kasimir. Dieser Moment ist fest in meinem Gedächtnis verankert. Die Hofkatze, die wir von oben betrachtet hatten, wurde bald zusammen mit ihren Jungen abgeholt. Meine Mutter erzählt heute noch, ich hätte am Fenster gestanden und Rotz und Wasser geheult. Ich selbst kann mich daran nicht erinnern, manchmal frage ich mich, ob das nicht eine zu späterem Leben erwachte Dichtung meiner Mutter ist, aber irgendwie muß ich es ja geschafft haben, sie zu erweichen. Kurz bevor die bösen Männer kommen sollten, gab sie mir einen Schubs und sagte im rüden Tonfall "Hol dir eine!" Ich verstand erst nicht. "Los! Hol dir eine Katze! Schnell!" Ich preschte die Treppen hinunter wie ein Wirbelwind, kroch atemlos hinter die Bretter, wo das Katzennest war und griff das erste beste murkelige kleine Fellbündel, was mir vor die Füße taumelte. Es tat mir weh, es von den anderen wegzureißen, aber zumindest würde es gerettet sein. Fest hielt ich es an die Brust gedrückt, als ich die Treppen wieder herauf stürmte, um es in Sicherheit zu bringen. Am nächsten Tag besorgte meine Mutter ein Katzenklo und einen Termin beim Tierarzt. Sie sagt heute, sie dachte an diesem Tag, ich würde es ihr nie verzeihen, wenn man mir alle Katzen wegnehmen würde. Ich will nicht sagen, daß die kleine Katze einen Glücksstern hatte, als genau sie in meine Fänge geriet. Sie paßte in einen Handteller, war noch so winzig und klein und völlig ohne Mutter. Die ersten Wochen fütterte ich sie mit einem mit Milch gefülltem Fläschchen und sie schien völlig verloren, wenn sie sich auf der Matratze aus meinem Puppenwagen, die ich für sie geopfert hatte, in eine Ecke zusammenrollte. Als ich gefragt wurde, wie sie heißen soll, dachte ich sofort an den Moment im Gemeinderaum und nannte sie Kasimira. Mein Vater fand den Namen total blöd. "Was soll das denn für ein Name sein? Das ist doch gar kein richtiger Name. Sowas Doofes!" Er nannte sie deshalb auch nur "Mulle", bei meiner Mutter hieß sie "Mieze" oder "Miezchen". Ich war die einzige, die sie wirklich Kasimira nannte, allerdings kürzte ich oft auf "Kasi" ab, nicht zu verwechseln mit "Hasi". So ist das, wenn man ignorante Eltern hat. Für mich ist das noch heute ein völlig normaler Name. Warum ich das alles schreibe? Weil ich heute einen Klienten bekam, der Kasimir heißt.
Beim Lesen eines Buches hatte ich heute eine seltsame Empfindung. Es war, als würde sich die Fläche der Buchseite zu einer turmartigen vierten Dimension aufbauen, durch welche hindurch ich die Buchstaben nicht von links nach rechts, sondern von oben nach unten las, so als ständen sie senkrecht an der Seite eines durchsichtigen Würfels. Dieses Phänomen hat mich so verblüfft, daß es gleich darauf schlagartig wieder verschwand.