Zuerst bin ich erneut im Krankenhaus um Fäden aus der Wade ziehen zu lassen. Das geht schnell und ich bekomme nicht viel davon mit. Danach wird eine Knochendichtemessung gemacht, bei welcher ich mich vor ein Fenster stellen muß, hinter dem eine Schwester mit Apparaturen hantiert. Schließlich sitze ich in irgendeinem Wohnzimmer mit einem roten Tuch um den Kopf, so als hätte ich eine neue Chemo, und bekomme einen Hustenanfall, der nicht mehr aufhört. Mir beginnt alles vor Augen zu verschwimmen und die Kräfte verlassen mich. Ich denke bei mir, das ist das Ende, bzw. der Beginn vom Ende. Mein (verstorbener) Vater kommt, als er mich husten hört, besorgt aus einem anderen Zimmer herbeigeeilt. Er zieht mich hoch und läuft mich festhaltend mit mir herum, während ich mich frage, warum er mich nicht ausruhen läßt, wo ich doch so schwach bin. Auf einmal ruft er jubelnd: "Sie hat die Augen geöffnet! Sie lebt wieder!" Ich finde das komisch, denn eigentlich ist mir, als hätte ich die Augen die ganze Zeit geöffnet gehabt. Sonst hätte ich ja nichts sehen können. Aber vielleicht war ich ja vorübergehend bewußtlos ohne es zu merken? Seltsamerweise kann ich jetzt, wo ich die Augen geöffnet habe, meinen Vater nicht mehr sehen, sondern nur noch seine Hände spüren, die mich festhalten. So als sei er mit einem Mal unsichtbar. Und vielleicht ist das auch richtig so, weil dies die Realität ist und das andere vorher ein Traum.
Letzte Nacht hatte ich einen sehr intensiven, emotional aufwühlenden Traum. Da ich hier unter strengster Bewachung und Beobachtung stehe und deshalb über Gefühle meistens schweigen muß, weil ich nicht sicher bin, was davon vielleicht sonst noch gegen mich verwendet werden kann, ist der Traum diesmal nur in meinem Geheimblog zugänglich (ich hab dich trotzdem lieb):
Hier gehts lang...
Ich brauche größere Manteltaschen, denn darin soll Platz sein für die
Erdnüsse zum Eichhörnchenfüttern, Kleingeld zum Verschenken und für die
Samenbomben zum Abwerfen.
Guerilla Gardening nennt man das. Dazwischen werden noch ein paar selbstgezüchtete Schmetterlinge freigelassen. Was für ein Spaß! Dieses
Urban Knitting finde ich ja auch sehr faszinierend, aber ich stricke so ungern...
warum ein Verlag sein Ausschreibungsformular nicht gleich auf der Website zum Download anbietet und einen statt dessen alles zweimal schreiben und schicken läßt, bzw. noch öfter, weil man für jeden Text ein Extra-Formular braucht. Wahrscheinlich ist das ein Ausdauertest. Zum Glück habe ich zwanzig Jahre Erfahrung im Formulareausfüllen.
Ich treffe einen ehemaligen Klassenkameraden von mir, den ich trotz seines neuen Vollbartes sofort erkenne. Der Vollbart ist ungewohnt, aber das muß er ja selbst wissen. Er sagt mir, was für eine tolle Frau ich sei und weitere Komplimente, was durchaus mal angenehm ist, auch wenn es nur im Traum vorkommt. Anscheinend ist er aber so beeindruckt von mir, daß er mich gleich nur noch mit "Sie" anspricht. "Hey", protestiere ich, "wir kennen uns aus der Schule. Da kannst du ruhig weiter "Du" sagen!" Das wäre ja noch schöner, wenn mich jetzt schon die Klassenkameraden ehrfürchtig Siezen.
Edit: Fehlt bloß noch, daß mich mein Unterbewußtsein jetzt auch schon mit "Sie" anquatscht.

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"Katzen gab es eine Unzahl im Hause, lauter alte, langsam schleichende Geschöpfe.
Oft sah der Student ihrer wohl ein Dutzend auf dem Gang auf und nieder wandeln, grau und leise, als warteten sie wie zu Gericht geladene Zeugen, bis man sie einvernähme - aber nie betraten sie das Zimmer, und wenn eine einmal den Kopf irrtümlich zur Tür hereinsteckte, zog sie ihn sofort wieder zurück, gewissermaßen mit einer Entschuldigung, daß sie einsehe, es sei noch nicht an der Zeit, ihre Aussage vorzubringen."
(aus "Walpurgisnacht" von Gustav Meyrink)
"Gegen den Tag" lese ich auch noch - wollte ich nur mal anmerken, denn man könnte es bezweifeln. Immerhin hätte ich bei 645 Seiten andere Bücher schon lange ausgelesen, aber bei insgesamt 1600 Seiten dauert das wahrscheinlich ein paar Jährchen länger. Wobei ich durchaus weiterhin angetan bin, aber mehr als ein Kapitel geht einfach nicht, ohne daß man wieder etwas Einfacheres braucht. Eigentlich wäre der Titel "Gegen die Seiten" passender.
An den Mülltonnen ein ausrangiertes tischgroßes Gemälde von ausgesuchter kitschiger Gräuslichkeit Schönheit gefunden. Es zeigt zwei barbusige, meerjungfrauenhafte Maiden an einem mondbeschienenen Strand in zärtlicher Umarmung. Mit penibler Sorgfalt wurde darauf geachtet, daß trotz der Umarmung bei beiden Frauen die vollen, perlmuttern schimmernden Brüste zu sehen sind. Dies wird erreicht, indem eine etwas höher hinter der anderen, in den Sand gesunkenen, steht und beide in dieselbe Richtung - irgendwo in die Ferne schauen. Interessanterweise sehen sowohl die Brüste, als auch die Gesichter der beiden absolut identisch aus. Entweder sind dies also eineiige Zwillinge oder aber, bei den Perfektesten aller gemalten Schönheiten ist keine Abweichung mehr erlaubt. Man wird schon etwas neugierig, bei wem solch ein Bild wohl einmal im Schlafzimmer gehangen hat.
Nutella, bzw. genauer gesagt so eine weiß-braun gestreifte Creme, was für mich dasselbe ist, da ich beides nie esse, haben mich durch die Nacht begleitet. Vielleicht weil ich gestern erstmals so ein Probiersachet mit Bio-Haselnußcreme auf Brötchen verspeiste und unanständig schmackhaft fand. Anscheinend hat sie mich sogar stärker beeindruckt, als ich dachte:
Es ist Weihnachten und A. steht spätabends plötzlich vor der Tür. Wissend, daß er jederzeit bei mir willkommen ist, nutzt er das gerne aus und taucht immer wieder mal auf. Er möchte gerne Süßes und fragt danach, aber dummerweise habe ich weder Lebkuchen noch sonstige Süßigkeiten im Haus. Ich schneide ihm deshalb einige Scheiben Brot ab und biete ihm Nutella dazu an. Er ist zufrieden.
Auf einer Klassenfahrt, die eher eine Dienstfahrt ist, da sie mit Kollegen stattfindet, bin ich mit drei anderen Kollegen zusammen in ein Zimmer "gefercht", zumindest empfinde ich das so. Es ist nervtötend. Oben auf einem Doppelstockbett sitzend und die Beine baumeln lassend, überlege ich, wie ich wohl noch den letzten Tag hier überstehen soll. Glücklicherweise sind es nur drei Tage und die letzte Nacht bricht bereits an. Irgendwie werde ich die auch noch schaffen, immerhin habe ich tröstlicherweise ein volles Glas Nutella neben dem Bett zu stehen. Als ich in den Waschraum will, sehe ich im Flur eine schwarze Tafel auf welcher mit weißer Kreide geschrieben steht, daß am 30. bis um 30 Uhr, was wohl Mitternacht bedeutet, eine Nachtwanderung stattfindet. Doch am 30. werden wir schon nicht mehr hier sein.

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Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine große, sich sonnende, Krähe. Wonnig auf dem Rücken liegend, den Kopf mit halb geöffnetem Schnabel genußvoll in die Sonne gereckt, die Füße von sich gestreckt, sieht das schon einigermaßen ulkig aus. Jetzt braten also sogar die Krähen in der Sonne! Wie lustig!
(Ich hoffe, daß sollte kein dezenter Hinweis auf die Bildung von Krähenfüßen sein.)

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haben mir vorhin meinen neuen eisigen Freund gebracht. Er sieht nicht so aus, als ob er gleich explodieren will, muß nie mehr abgetaut werden und ist nun auch im Stehen zu öffnen, zumindest wenn man nur an den Kühlschrank will. Wenn man sich zum Gemüsefach bis zum Fußboden bücken muß, überlegt man es sich dreimal, ob man Gemüse essen will. Purer Luxus und eine wahre Freude für die rückengeplagte Hausfrau. Weniger freudig war es noch, als mir die Männer das Teil in die Küche getragen haben. Ich kann sowas nicht sehen, mir schmerzt der Rücken alleine schon vom Zuschauen und die Leute tun mir in der Seele leid. Die Männer meinten zu mir, wenn er nicht richtig steht und kippelt, soll ich meinem Mann bescheid sagen, damit der die Stellschrauben justiert. Ja, sage ich, ich werde es ihm ausrichten.
Ich schenke dem Geld ja nicht allzuviel Aufmerksamkeit, aber muß immer wieder feststellen, gerade weil ich auch die andere Seite kenne, es beruhigt und tröstet doch ungemein, wenn man es sich angenehm machen kann. Schließlich habe ich jahrelang, als ich noch drei Schichten für einen Hungerlohn in der Fabrik gearbeitet habe, meine Wäsche mit der Hand gewaschen, weil ich beim bezuschussenden Sozialamt keine Waschmaschine beantragen wollte. Dann habe ich die Seiten gewechselt und festgestellt, daß ich schön blöd war so bescheiden zu sein. Immerhin ist es aber wunderbar zu sehen, wie sich das Leben in manchen Punkten wenden kann. Und es ist auch toll, wenn man 20 Jahre später seiner Psychologin, die nach der finanziellen Situation fragt, sagen kann: "Das ist das EINZIGE Problem, das ich nicht habe." Ok, jemand der seine Sozialisation in einer Villa und mit drei Autos durchgemacht hat, würde dies an meiner Stelle sicher anders sehen, aber sowas würde ich gar nicht wollen, selbst wenn man es mir auf den Bauch binden würde. Jeder entscheidet selbst, wo die Probleme beginnen und wo sie aufhören.