Heutiger Suchbegriff:
womit verdiente franz kafka seinen lebensunterhalt?
Wer es weiß, darf sich melden. *meld*
Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen, solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.
Rainer Maria Rilke
(Aus dem Beides-wissen [Herrlichkeit und Ohnmacht] wird des Menschen Instinktlosigkeit, die ihn in die Möglichkeit entarten läßt, das im Rhythmus des Lebendigen und Wachstümlichen Gegebene zu versäumen, um dann - überholt und spät - dem Ungegebenen und Nichtverwirklichbaren sich aufzudrängen.)
aus "Der späte Rilke" von Dieter Bassermann
Auch Holger war sofort Feuer und Flamme für einen Zweikampf. Er rechnete sich die besten Chancen aus und glaubte sich seines Sieges gewiß. Großzügig überließ er Wil die Wahl der Waffen, obwohl er selbst am liebsten mit bloßen Händen gekämpft hätte. Diese wusste, je mehr sie den Hünen auf Abstand halten und ihre Geschicklichkeit ausspielen konnte, desto besser. Deshalb wählte sie den Degen. Eine besondere Erschwernis kam durch die nun herrschende Dunkelheit hinzu. Es war nicht einfach, im Schein der einzigen Schiffslaterne die heransausende Klinge zu erkennen. Wil achtete deshalb besonders auf Holgers Augen und Hände, um den voraussichtlichen Weg, den das scharfe Metall gehen würde, rechtzeitig zu erraten. Holgers Bewegungen wirkten anfangs tapsig und unsicher, aber auch er passte sich langsam der Dunkelheit an und den Rest machte er durch zusätzliche Kraft wett, mit welcher er versuchte, Wil in die Enge zu treiben. Diese wich geschickt aus, man merkte jedoch, dass es sie auf Dauer immer mehr Anstrengung kostete, die harten Hiebe abzuwehren. Mit jedem Schlag ermüdete sie stärker und ihre Arme begannen zu zittern, wenn sie mit ihrer Klinge Holgers Angriff auffing und gegenhielt. Sie sprang jedesmal schnell zur Seite und lief defensiv ein Stück zurück, was Holger zufrieden bemerkte und ihn in der Hoffnung wiegte, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis er sie besiegt hätte. Natürlich gönnte er ihr keine Pause und setzte sofort nach, um sie weiter mit Aktionen zu traktieren. Inzwischen war sie der Reling gefährlich nahe und Ketten-Hannes krauste besorgt seine buschigen Augenbrauen. Noch ein Vorstoß Holgers und sie konnte nicht mehr ausweichen. Nun sah er sie plötzlich in Richtung Reling springen, mit vollen Röcken, und kniff entsetzt die Augen zusammen. Das konnte einfach nicht gut gehen. War sie über Bord? Die begeisterten Rufe der umstehenden Piraten ließ ihn die Augen neugierig blinzelnd wieder öffnen. Da stand sie, die Haare aufgelöst, direkt auf der Reling balancierend. Blitzschnell lief sie drei Schritte darauf entlang und sprang neben Holger auf die Planken, wobei sie ihm gleichzeitig einen Hieb mit der Klinge versetzte, der den rechten Hemdsärmel in Fetzen riß und bis in seinen Oberarm schnitt.
Holger, etwas benommen von der überraschenden Akrobatik und seiner Verwundung, reagierte um den Bruchteil einer Sekunde zu spät und war nun selbst in der Defensive.
Nur mühsam wehrte er die Angriffe ab, die jetzt in unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn niederprasselten. Ebenfalls ermüdet durch die übereifrige Anwendung seiner Kraft, fiel es ihm jetzt nicht mehr leicht, sich zu wehren, zumal auch seine Reaktionsschnelligkeit gelitten hatte.
Die Luft vibrierte vom zischenden Singen des Stahls. Und da – man hörte nur ein Schleifen und Poltern – war es schon geschehen, Holgers Degen hatte seine Hand verlassen und lag auf dem Deck. Hastig und mit schweißüberströmten Gesicht versuchte er danach zu greifen, aber Wil war schneller, schob ihre schlanke Wade dazwischen und setzte ihm die heiße Klinge auf Brust. Holger gab auf und Ketten-Hannes frohlockte: Herr im Himmel – Mädschen, hast du es spannend gemacht!
Auch die meisten Piraten schienen zufrieden mit dem Ausgang des Zweikampfes, bis auf Holger natürlich, und aufgeregt unterhielten sie sich über das Schauspiel, das sie gerade gesehen hatten. Ketten-Hannes bat sich noch einmal Ruhe aus und stellte lauthals fest: „So ist es also entschieden, Wil wird Kapitän. Fragt sich nur, was wir mit dem Alten da unten in seiner Kajüte machen.“ Sofort schrien wieder die ersten, dass er hängen solle.
„Sachte, sachte, Jungens“ bemühte sich Ketten-Hannes einzulenken,“lasst uns erst einmal auf die Wahl trinken. Die Trauerfeier kommt dann morgen.“
Einige der Mannschaft lachten, aber einige murrten auch unzufrieden. Wil wusste, spätestens am nächsten Tag war es um Ferdinand, den Seebeuter, geschehen. Sein Tod war unausweichlich, sie konnte sich dem nicht entgegenstellen, auch wenn sie unnötiges Blutvergießen haßte. Mit seinem Verrat an dem Codex hatte er für jeden einfach strukturierten Piraten sein Leben verwirkt und sie war der Stein des Anstoßes dazu. Einen Rückzieher konnte sie sich nicht erlauben. Aber ganz pragmatisch gedacht, ein Feind weniger war immer noch besser, als ein lebender Feind – und säße er am Ende der Welt im tiefsten Kerker. Das Piratendasein würde ihr Leben sein und ihr Leben das eines Piraten, Rücksichten gab es in diesem Leben nicht und sie hatte es so gewollt.
(Runde Sache: 70. Teil und 150 Seiten)