hat meine Mutter in einem kleinen, dünnen Notizbüchlein gefunden. Ich frage mich, was die roten Kringel zu bedeuten haben.

In der Welt des Chaos sind unsere Mythen vergleichbar mit Lebewesen, die mit derselben 'Kraft' und denselben teleologischen Wünschen auf der Suche nach ihrer perfekten Erscheinungsform sind. Vorausgesetzt Mythen sind unsterblich und ihr Wesen destilliert sich allmählich heraus, dann kann das Chaos-Denken sie aus der abschätzigen Kategorie entheben, in welche die lineare Weltsicht sie zusammen mit Aberglauben, Geschichten einfältiger Hausfrauen und nichtssagenden Märchen steckt, um ihnen einen neuen Ort zu geben. Ihre neue Stellung schließt zugleich ein, dass Mythen verbale Blaupausen der menschlichen Lebensmuster sind. Sie helfen, diese Muster aufrecht zu erhalten, ebenso wie das Leben dazu beiträgt, die Mythen zu bewahren. Wir und unsere Mythen bringen uns gegenseitig hervor.
(aus "Astrologie zwischen Chaos und Kosmos" von Bernadette Brady)
Windgrün
Ein scharfer Wind bläst und mir fällt auf, daß um mich herum die Formen verschwimmen. Es scheint, als stehe ich mitten in einem mit lockerem Pinsel gemalten Gemälde. Das ist seltsam. Wieso sieht alles um mich so aus, als sei es gemalt? Dann entdecke ich: Der Wind ist schuld. Während sonst die Formen der Blätter und Bäume zu erkennen sind, mischt der Wind und die Bewegung alles zu einem einzigen Farbauftrag.
Hochzeitsreise
Mein Spielfreund M. hat mich zu seiner Hochzeitsreise eingeladen. Das ist ja schön, daß er heiratet, aber wieso lädt er mich zu seiner Hochzeitsreise ein? Sollen wir zu dritt reisen? Was sagt seine Braut dazu? Macht man denn sowas? Das ist irgendwie etwas respektlos seiner Frau gegenüber, finde ich. Deshalb werde ich die Einladung auch nicht annehmen.
Spiegel
Mein eigenes Spiegelbild. Es erscheint mir fast ein wenig fremd. Besonders überraschend empfinde ich die Intensität meiner Augen.
Sonntagsstraßen
spiegelglänzend, unbefahren
gereinigt und bekehrt
von der Betriebsamkeit
Sonntagsfenster
verschlafen, unentschlossen
gekreuzigte Münder,
den Atem gehalten
zwischen den Zügen
des pulsierenden Lebens
Selbst Vögel flüchten
in die Einsamkeit,
dornröschenschlafend
im Novembergrau,
und hinter der Hecke
die Sonntagsstille
Es war ein glühendheißer Tag und brachte einen hartnäckigen, quälenden Durst mit sich. Welch ein unbeschreiblicher Genuß war es, diesen Durst mit dem reinen und klaren Eiswasser des Gletschers zu stillen! An den Flanken jeder großen Eiswoge flossen klare Bächlein in Rinnen hinab, die sie sich selbst genagt hatten; und noch besser, überall wo ein Stein gelegen hatte, war jetzt ein schüsselförmiges Loch mit glatten weißen Wänden und einem Boden aus Eis, und diese Schüssel war randvoll mit so absolut klarem Wasser, daß der flüchtige Beobachter es überhaupt nicht sah, sondern dachte, die Schüssel wäre leer. Diese Brunnen sahen so verführerisch aus, daß ich mich oft ausstreckte, wenn ich gar keinen Durst hatte, und das Gesicht eintauchte und trank, bis mir die Zähne schmerzten. Überall in den schweizerischen Bergen hatten wir den Segen in Reichweite - in Europa nur im Gebirge zu finden - nämlich Wasser, das imstande war, den Durst zu löschen.
(aus "Bummel durch Europa" von und mit Mark Twain)
In Technologiezeitaltern bemessen stammt mein Drucker irgendwann aus der frühen Steinzeit. Deshalb dachte ich auch, er hätte jetzt seinen Geist aufgegeben, als er seit dem Sommer partout kein Papier mehr einziehen wollte. Bisher fehlte mir die Zeit, mich ausführlich darum zu kümmern und zum Glück brauche ich ihn nicht sehr oft. Ich stellte nur nach einigen halbherzigen Versuchen fest, daß sich die Papierwalze nicht mehr dreht, weshalb ich einen mechanischen Defekt befürchtete. Doch heute nahm ich mir vor, ihn noch einmal auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor ich ihn abschreibe. Zuerst guckte ich etwas planlos da und dort, dann reinigte ich wie im Userguide angegeben die Papierwalze mit Wattestäbchen und Spiritus in drei Durchgängen. Nach dem dritten Durchgang sollte dreimal ein Papier eingelegt und durchgezogen werden. Schon beim ersten Mal kam außer dem Papier eine plattgedrückte und getrocknete Blüte am anderen Ende heraus. Die muß im Sommer durch das Fenster vom Balkonkasten hereingeweht und im Drucker gelandet sein. Und siehe da - mein Steinzeitdrucker funktioniert wieder. Das freut mich, zumal ich ihm gerade erst einen neuen Druckkopf und neue Tintenpatronen spendiert hatte. Wäre ärgerlich gewesen, wenn er ausgerechnet jetzt nicht mehr gesundzupflegen ist.
Eine Löwin belauert mich. Die Raubtieraugen starr auf mich gerichtet, geduckt, die Ohren angelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie in ein paar Sätzen auf mich zuspringt und nach mir schnappt. Warum gerade mich? Ich befinde mich auf einem Hof in einer Art Gatter und um mich herum überall Tiere. Warum sucht sie sich nicht eine andere Beute aus? Ich starre zurück - bloß nicht den Rücken zukehren - und überlege, was zu tun ist. Das Gatter könnte einen Schutz bieten, wenn sie es nicht überwinden kann. Ich befürchte jedoch, daß sie es schafft. Dann ist das Gatter wie eine Falle, aus der ich nicht mehr entkommen kann. Mir ist bewußt, daß ich mich mitten in einem Traum befinde. Trotzdem möchte ich mich nicht darauf verlassen, daß ich in einem Traum nicht wirklich gefressen werden kann. Ich möchte nicht einmal träumen, daß ich gefressen werde. Und vielleicht irre ich mich ja auch und es ist doch kein Traum. Also sollte ich mit der Lösungssuche nicht nachlassen, auch wenn ich kurzzeitig den Impuls verspüre, die Dinge einfach laufen zu lassen, denn Vorsorge ist besser als Nachsorge. Dann eine Idee. Ich greife einen langen, spitzen Pfahl und halte ihn der Spitze nach außen als Abwehr vor mich hin. Wenn sie mich anspringt, muß sie erst einmal durch diesen Speer.
Meine Gruppenleiterin erteilt mir eine streng geheime Aufgabe. Niemand darf davon erfahren. Dazu überreicht sie mir einen Kettenanhänger aus hellgrauem Stein. Er fühlt sich kühl und glatt in meiner Hand an. Diesen Anhänger soll ich im Garten, bzw. Hof eines Tempels vergraben. Ein Mönch wird nach einer Katze schauen und genau dies ist der Moment. Die Aufgabe ist zwar etwas riskant, aber ich bin sehr zuversichtlich. Heimliche Dinge tun, darin bin ich sehr gut. Niemand wird etwas merken. Ich betrete den Garten des Tempels und beginne ganz unauffällig darin zu buddeln. Es sieht so aus, als würde ich etwas pflanzen wollen oder den Boden umgraben. Dabei beobachte ich meine Umgebung genau. Da, eine schwarze Katze streift am Zaun entlang. Und da, ein Mönch in roter Kutte lehnt sich aus einem Zaunfenster und beobachtet sie. Jetzt oder nie! Rasch lasse ich den Anhänger in das kleine Erdloch fallen und drücke die Erde fest. Niemand wird wissen, daß er hier im Garten vergraben liegt.
Der Schrecken des Morgens
ist der Schrecken deines Antlitzes,
strahlende Flammenschwerter
verbrennen den Horizont,
ein Aschelied über der Erde,
tonlos und geisterhaft,
Schönheit und Grauen
im Dämmern der Wandlung
Einer, der uns nüchtern nach unserem Woher und Wohin fragt und uns gegen unseren Willen dahin zurückschickt, wo wir eben davonlaufen wollten, kann ein Bote Gottes, ein Engel sein.
(Sören Kierkegaard)
Seheiah steuert die kosmische Energie. Er bzw. ermöglicht es, eine magische Zeit zu erleben. Es ist an der Zeit, Ihrer Intuition, die Sie zu den richtigen Lösungen führen wird, mehr Raum zu lassen. Schützen Sie sich nur vor Worten und Taten, die sich gut anhören, jedoch zu schlechten Zwecken eingesetzt werden.
Wenn Sie mit Seheiah in Verbindung stehen, lindern Sie menschliches Leid oftmals durch Ihre bloße Anwesenheit, auch wenn Sie sich dessen selbst nicht bewußt sind.
Eigentlich hatte ich nie vor, mir ein Engelorakel zu kaufen. Die meisten gefallen mir außerdem gar nicht. Bei Netto gab es heute jedoch eines, welches mir sofort spontan zusagte.
Zum einen, weil es die echten Engelnamen verwendet und zum anderen, weil es im Ikonenstil gestaltet ist und ich ein großer Ikonen-Fan bin. Und für 3,99 EUR inklusive Buch ist es dazu noch ein echtes Schnäppchen. Aus diesem Grund habe ich außer für mich auch einige zum Verschenken mitgenommen. Inzwischen habe ich zusätzlich zu den eigentlichen, bereits längst vorhandenen teuren Weihnachtsgeschenken, jede Menge kleinere Geschenke gekauft. Es macht einfach so viel Spaß. Oh je...

Aber ehe noch Herz und Füße sich ausgeruht hatten, mußte er wieder Ort und Tätigkeit wechseln. Das Leben hatte den erkannt, der nach ihm suchte: es liebte ihn wieder und bot ihm die Stufen, seine Höhe zu ersteigen, von selber an, zugleich damit das Wagnis und die Schwere...
(aus "Albertus Magnus - Pilger des Herzens" von Wilhelm Schmidtbonn)
Das Buch gibt es übrigens
hier gratis als Ebook.
Jazz war noch nie meine bevorzugte Musikrichtung und G.arb.arek kannte ich bisher gar nicht, aber es hat sich gelohnt. Unter Musikern gilt er als Geheimtip und dies war das einzige Konzert in Berlin. Ich gebe zu, Saxophon wird auch nach diesem Abend nicht mein Lieblingsinstrument werden, ganz besonders nicht Sopransaxophon, das mich immer wieder mal an schreiende Katzen erinnert, aber ich war überrascht, wie viele sanfte Töne G. ihm entlocken kann. Da klingt es mal nach Pan- und dann wieder nach tibetanischer Hirtenflöte, passend zu den jazzigen Ethnothemen. Besondere Einblicke hatte ich durch meinen Logenplatz auf das Schlagzeug. Schlagzeug konnte man es gar nicht nennen, es war mehr eine Geräuschfabrik. Der Schlagzeuger war ein Ehrengast und wohl sehr bekannt, den Reaktionen nach zu urteilen, als er angekündigt wurde. Er sah aus wie ein Sufi und bewegte sich auch so an seinen Arbeitsinstrumenten. Derwischartig fegte er in seinem dreiwandigen Kämmerlein voller Utensilien umher. Sogar einen Wassereimer mit Wasser gab es, nicht nur für echtes Wasserplätschern, sondern er schepperte mit einer Hand den Tragegriff hin und her, während er mit der anderen und einem Paukenschlegel gegen den Eimer schlug. Zwischendurch versenkte er dabei einen Gong im Wasser, der je nachdem, wie tief er im Wasser hing, völlig unterschiedliche Töne hervorbrachte. Würde ich so etwas tun, wäre es nur Lärm. Bei ihm war es echte Musik. Witzig war auch, daß unsere Loge sich so nah am Schlagzeug befand, daß ich bis zu mir hoch die Vibrationen spüren konnte. Und ich saß sehr weit oben. Den Abend war deshalb gleichzeitig eine Art Konfrontationstherapie gegen meine Höhenangst, denn die Logen sind nicht nur weit oben, sondern auch sehr steil. Beim Sitzen hat man quasi den Eindruck, mitten in der Luft zu hängen, was bei mir das eine oder andere Schwindelgefühl erzeugte. Zum Glück gab es an meinem Sitz vorne einen Haltegriff zum Festhalten.

Elsa gibt mir ein längeres Schriftstück, welches ich lesen soll, denn sie möchte mich um einen Gefallen bitten, bzw. etwas fragen. Vielleicht ist es ein Brief. Ich lese den Text sehr gründlich und aufmerksam, Wort für Wort, es geht wohl um einen Mann aus Berlin, bzw. das Schriftstück ist von einem Mann aus Berlin. Sie möchte wissen, ob Berlin 3 und Berlin 4 oder Berlin 5 und Berlin 6 richtig ist. Ganz spontan tippe ich auf Berlin 5 und Berlin 6, weiß es aber leider nicht hundertprozentig. Sie scheint etwas enttäuscht und ich sage zu ihr, daß man das ja ganz einfach im Postleitzahlenverzeichnis nachschauen könne. Ich hätte sogar eines da. Aber das muntert sie nicht auf. Sie wollte es wohl unbedingt von mir wissen. Plötzlich bemerke ich, daß ich mitten in einer riesigen Pfütze Blut stehe, und denke bei mir: "Hey, ich sollte heute nicht zur Arbeit gehen!"
Nach dem Aufwachen dachte ich sofort: "Hey, nach so einem Traum solltest du heute nicht zur Arbeit gehen. Lust habe ich sowieso keine.". Ich war dann aber doch und es gab keine besonderen Vorkommnisse.
Von
Bibi gemopst:
1. Sechs Namen, auf die du hörst:
Sanne - mein primärer Rufname, auch in diversen Abwandlungen,
Schnecke - nur meine Mutter nennt mich so,
Zicke - nur mein Vater nannte mich so, und eine
gewisse Dame,
Susi, Suse,
und wenn es ernst wird - Susanne.
2. Drei Dinge, die du gerade trägst:
-rotes Korallenarmband
-Silbercreolen
-Tunika
3. Drei Dinge, die du dir wünscht:
-eine neue Küche, möglichst ohne Arbeit
-den Rücken einer Zwanzigjährigen
-lange und sorglose Sommer
4. Drei Dinge, die du gestern, gestern Nacht und heute getan hast:
-die Router-Firmware geupdatet, aber T-Online läßt mich immer noch nicht rein
-Geburtstag gefeiert
-zwei plötzliche Eingebungen für die neue Küche notiert
5. Zwei Dinge, die du heute gegessen hast:
-Joghurt
-Fenchel-Auflauf
6. Zwei Leute, mit denen zu zuletzt telefoniert hast:
-Kumpel und Mutter
7. Zwei Dinge, die du morgen tun wirst:
-Wäsche waschen
-ein neues Buch anfangen
8. Drei Lieblingsgetränke:
-Cola
-Grapefruitsaft
-Weiße, am liebsten pur
Den gesamten Traum hindurch halte ich mich für wach, was die Sache noch sonderbarer erscheinen läßt. Während ich im Bett auf dem Rücken liege, fällt mein Blick auf eine sich neben mir erhebende Ecke eines Hauses. Eigentlich ist es keine Ecke, sondern mehr ein angebauter runder Turm, der oben flach abgeschlossen ist. So ensteht eine kleine Plattform, während dahinter spitze Ziegeldächer zu sehen sind. Auf dieser Plattform entdecke ich drei schillernde Enten. Wahrscheinlich machen die eine kurze Flugpause, und im gleichen Moment, als ich das denke, fliegen sie auch schon weiter. Doch die Plattform ist jetzt nicht leer. Je länger ich hinschaue, um so mehr Tiere entdecke ich darauf. Erst ist eine bunte Taube, dann andere Vögel, sogar zwei sehr große graue Geier. Ein Koalabär ist zu erkennen, ein Äffchen und inzwischen ist es so voll, daß sich die Tiere drängen und die einzelnen nicht mehr so exakt auszumachen sind. Was wollen die alle da oben? Während ich mich das noch frage, bemerke ich, daß sie inzwischen sehr gebannt zu mir hinunterstarren. Ich starre zurück und beginne mich zu fragen, ob ich träume. Aber nein, ich bin mir hundertprozentig sicher, daß ich völlig wach bin. Um so schockierter bin ich deshalb, als ich plötzlich die Tiere Kameras zücken sehe, mit denen sie mich fotografieren. Wie eine Schar Touristen stehen sie da oben. Ich glaube, ich spinne! Das gibt es doch gar nicht! Was soll das werden? Ist das vielleicht die Rache dafür, daß ich meinerseits Tiere fotografiert habe? Noch immer etwas geschockt, stehe ich auf und verlasse das Bett, gehe in meine Zimmer hinein. Und noch immer überlege ich, ob ich das alles nur träume, aber komme zu der festen Überzeugung, daß dies ausgeschlossen ist. Ich bin schließlich hellwach! Mir fällt auf, daß das Fenster offen steht und die Zweige eines Baumes bis in mein Zimmer hineingewachsen sind. Sehr merkwürdig! Wie konnte der Baum so schnell wachsen? Das Fenster stand doch nur ein paar Stunden offen? Aber statt mir weiter darüber Gedanken zu machen, bewundere ich die Schönheit der glutroten Blätter. Sie sind oval mit lanzettenförmiger Spitze und haben um das atemberaubende Rot herum einen weißen Rand, der wie Raureif wirkt. Außerdem sind sie sehr vereinzelt angeordnet, so daß die Zartheit und Feingliedrigkeit der Zweige und die Blätter selbst sehr dekorativ zur Geltung kommen. Zu meiner Überraschung muß ich feststellen, daß sie nicht nur durch das Fenster hereinwachsen, sondern auch aus dem Spiegel an der Wand daneben hinaus, so als wäre dieser Spiegel ebenfalls ein Fenster. Dabei ist dahinter nur Wand. Unglaublich!
scheint mich zu verspotten. Von allen Seiten dieselbe Nummer und anscheinend ohne jede Probleme. So langsam frage ich mich, warum ich mir eigentlich so viele Gedanken um etwas gemacht habe, das gar nicht so unüblich und scheiterungsschwanger ist.
Die Deutschen scheinen keine Angst davor zu haben, ein Wort zu wiederholen, wenn es das richtige ist. Sie wiederholen es sogar mehrmals, wenn sie wollen. Das ist klug. Aber wenn wir im Englischen ein Wort in einem Absatz mehrmals verwendet haben, bilden wir uns ein, tautologisch zu werden, und dann sind wir so schwach, daß wir es gegen irgendein anderes Wort auswechseln, das der genauen Bedeutung nur nahekommt, um dem zu entgehen, was wir fälschlich für den größeren Makel halten. Wiederholung mag schlecht sein, aber bestimmt ist Ungenauigkeit schlimmer.
Es gibt in der Welt Leute, die sich ziemlich viel Mühe geben, die Mängel an einer Religion oder Sprache aufzuzeigen, und dann gelassen ihrer Wege gehen, ohne Abhilfe vorzuschlagen. Ich bin kein Mensch dieser Art. Ich habe bewiesen, daß die deutsche Sprache reformbedürftig ist. Nun gut, ich bin bereit, sie zu reformieren. Zumindest bin ich bereit, die geeigneten Vorschläge zu machen. Ein solches Vorgehen wäre bei jemand anderem unbescheiden; aber ich habe alles in allem mehr als neun Wochen einem gewissenhaften und kritischen Studium dieser Sprache gewidmet und daraus ein Zutrauen zu meiner Fähigkeit gewonnen, sie zu reformieren, das mir eine bloß oberflächliche Bildung nicht hätte verleihen können.
An erster Stelle würde ich den Dativ fortlassen. Er bringt die Plurale durcheinander; und außerdem weiß man nie, wann man sich im Dativ befindet, wenn man es nicht zufällig entdeckt - und dann weiß man nicht, wann oder wo man hineingekommen ist, wie lange man schon drin ist oder wie man jemals wieder herauskommen soll. Der Dativ ist nur eine närrische Verzierung - es ist besser, ihn aufzugeben.
Als nächstes würde ich das Verb weiter nach vorn schieben. Man kann mit einem noch so guten Verb laden, ich stelle doch fest, daß man bei der gegenwärtigen deutschen Entfernung nie wirklich ein Subjekt zur Strecke bringt - man verletzt es nur. Deswegen bestehe ich darauf, daß diese wichtige Wortart an einen Punkt vorgeschoben wird, wo sie mit bloßem Auge leicht zu erkennen ist.
Drittens würde ich einige kräftige Wörter aus der englischen Sprache importieren - zum Fluchen und auch, um alle Arten kräftiger Dinge kräftig auszudrücken. (Anmerkung: „Verdammt" und seine Abwandlungen und Erweiterungen sind Wörter, denen viel Bedeutung innewohnt, aber der Klang ist so mild und wirkungslos, daß deutsche Damen sie gebrauchen können, ohne sich zu versündigen. Deutsche Damen, die man durch keinerlei Überredung oder Zwang dazu bringen könnte, eine Sünde zu begehen, stoßen sofort eines dieser harmlosen kleinen Wörter aus, wenn sie ihr Kleid zerreißen oder die Suppe ihnen nicht schmeckt. Es klingt ungefähr so verrucht wie unser „My gracious!" Deutsche Damen sagen immerzu "Ach Gott!", „Mein Gott!", "Gott im Himmel!", "Herrgott!'" "Herr Jesus!“ und so weiter. Vielleicht glauben sie, unsere Damen hätten denselben Brauch, denn ich habe einmal eine freundliche und liebe alte deutsche Dame zu einem reizenden, jungen amerikanischen Mädchen sagen hören: "Die beiden Sprachen sind sich so ähnlich - wie nett; wir sagen „Ach Gott!" und Sie sagen ,Goddam!").
Viertens würde ich die Geschlechter reorganisieren und sie entsprechend dem Willen des Schöpfers verteilen. Dies als Ehrfurchtsbeweis, wenn schon nichts anderes.
Fünftens würde ich diese großmächtigen, langen, zusammengesetzten Wörter beseitigen; oder den Sprecher auffordern, sie in Abschnitten vorzubringen, mit Pausen zum Einnehmen von Erfrischungen. Das beste wäre, sie gänzlich zu beseitigen, denn Ideen werden leichter aufgenommen und verdaut, wenn sie einzeln kommen, als wenn sie in einem Haufen anrücken. Geistige Speise ist wie jede andere; es ist angenehmer und bekömmlicher, sie mit einem Löffel einzunehmen, statt mit einer Schaufel.
Sechstens würde ich einen Sprecher auffordern, aufzuhören, wenn er fertig ist, und seiner Rede nicht eine Girlande dieser unnützen „haben sind gewesen gehabt haben geworden seins“ an den Schwanz zu hängen. Kinkerlitzchen dieser Art entehren eine Rede, statt ihr einen zusätzlichen Reiz zu verleihen. Sie sind daher ein Ärgernis und sollten verworfen werden.
Siebentens würde ich die Parenthese abschaffen. Ebenso die Unterparenthese, die Unterunterparenthese und die Unterunterunterunterunterunterparenthesen sowie die abschließende, weitreichende, allumfassende Hauptparenthese. Ich würde von jedem einzelnen, hoch oder niedrig, verlangen, daß er eine einfache, gradlinige Erzählung entwickle oder aber sie zusammenwickle, sich darauf setze und still sei. Übertretungen dieses Gesetzes sollten mit dem Tode bestraft werden.
Und achtens und letztens würde ich „Zug“ und „Schlag“ mit Ihren Anhängseln beibehalten und den Rest des Vokabulars verwerfen. Das würde die Sache vereinfachen.
Nun habe ich angeführt, was ich als die notwendigsten und wichtigsten Änderungen betrachte. Man kann wohl kaum erwarten, daß ich umsonst noch mehr nennen würde; aber es gibt weitere Vorschläge, die ich machen kann und werde, falls meine beabsichtigte Bewerbung zur Folge hat, daß ich von der Regierung in aller Form dazu angestellt werde, die Sprache zu reformieren.
Meine philologischen Studien haben mich davon überzeugt, daß ein begabter Mann Englisch (ausgenommen Rechtschreibung und Aussprache) in dreißig Stunden lernen kann, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren. Es hegt also auf der Hand, daß die letztgenannte Sprache gestutzt und ausgebessert werden muß. Wenn sie so bleiben sollte, wie sie ist, müßte man sie sanft und ehrerbietig bei den toten Sprachen absetzen, denn nur die Toten haben Zeit, sie zu lernen.
(aus "Bummel durch Europa" von und mit Mark Twain)