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Dienstag, 1. Dezember 2009

Handy-Verwirrungen

Es ist ja schon lästig genug, wenn man, wo man geht und steht, von vor sich hin plappernden Handytelefonierern eingekreist wird, deren Gespräche weder wichtig noch mithörenswert sind. Noch lästiger ist es, wenn diese Handytelefonierer so auf ihr Gespräch konzentriert sind, daß sie arglose Passanten anrempeln, da es zum erfolgreichen Navigieren anscheinend nicht mehr reicht (von wegen Multitasking - das war wohl nur ein moderner Wunschtraum-Mythos) oder an einer interessanten Stelle im Gespräch abrupt mitten auf der Straße oder in der Eingangstür von Öffentlichen Verkehrsmitteln stehenbleiben. Heute hatte ich ein etwas anderes Erlebnis. Ich stand an der Straße und wartete auf Grün, als direkt hinter mir ein Mann sehr laut und deutlich rief: "Hallo Susanne!" Wer will was, wer ist hier, wer kennt mich - dachte ich etwas erschrocken, drehte mich reflexartig um und starrte den Mann entgeistert an, bis ich kurz darauf bemerkte, daß er gar nicht mich meinte, sondern sein Handy.

Guckloch in die Vergangenheit

Eine Familienfeier im großen Kreis. Viele Verwandte kenne, bzw. erkenne ich gar nicht, und frage, mich wer das wohl ist. Erst sitzen sie im Wohnzimmer des Pfarrhauses auf den Sesseln und der Couch versammelt, danach stehen sie in der geräumigen Diele herum, vielleicht um sich zu verabschieden. Ein hochgewachsener junger Mann steht neben mir (ist das ein Cousin?) und beugt sich in einer geradezu zärtlichen Bewegung zu meinem Ohr hinunter. Im ersten Moment denke ich, er will mich auf das Ohr küssen, doch stattdessen haucht er mir sehr leise einige Worte hinein. Für diese Geste finde ich die Worte sonderbar belanglos, er sagt in etwa: "Ein schönes Weihnachtsfest wünsche ich dir." und verabschiedet sich. Doch so wie er das flüstert klingt es verschwörerisch bis erotisch, verursacht ein angenehmes Kribbeln in mir.
Die Verwandten bleiben und einer von ihnen öffnet ein tellergroßes Loch in einer Wand. Das Kuriose: Wenn man durch dieses Loch in den anderen Raum schaut, kann man in die Vergangenheit sehen. Ich bin völlig überrascht und beeindruckt, vor allem, da ich mich selbst als Halbwüchsige im anderen Zimmer sehe. Mein Alter ist vielleicht 12 oder 13 Jahre, ich trage meinen blauen Trainingsanzug, und neben mir sitzt ein Junge im gleichen Alter. Wir sind beide sehr vertieft und konzentriert. Jeder liest für sich irgendetwas. Doch während auf den ersten Blick keine Verknüpfung zwischen uns besteht, wir uns nur nebeneinander her befinden, zeigt ein Traumschwenk, wie seine Hand die meine hält, welche in anlehnungsbedürftiger Weise auf meinem Knie zu ihm herüberzeigt. Wer ist der Junge? Ist es vielleicht derselbe, der gerade in mein Ohr geflüstert hat und den ich anscheinend vergessen habe?

In der nächsten Traumsequenz trage ich ebenfalls einen Trainingsanzug und möchte unbedingt zwei Runden joggen. Dies tue ich schon seit einiger Zeit regelmäßig, wobei die Strecke immer die gleiche bleibt - es ist die relativ schmale Steinbalustrade eines großen rechteckigen Beckens, vielleicht eines früheren Swimmingpools. Doch heute stelle ich fest, daß die Steine der Balustrade zu bröckeln beginnen und Abschnitte davon aussehen, als würde dort gebaut werden. Ich versuche es trotzdem und steige hinauf, aber es ist einfach zu wackelig und zu riskant auf diesem bröckeligen Grat zu rennen. Also gehe ich wieder herunter und bin etwas enttäuscht. Woanders möchte ich nicht joggen.

In einem mir fremden Teil Berlin-Neuköllns. Zuerst will ich einen Fußgängertunnel durchqueren, doch irgendetwas ist mir unheimlich. Wahrscheinlich die Gestalten, die ich hinter einem Vorsprung des sonst menschenleeren Tunnels warten sehe. Ich kehre deshalb um und will dieselbe Strecke oben über eine Straße zurücklegen. Doch vor mir sehe ich Menschen, die von seltsamen "Metallköpfen" zusammengetrieben werden. Vielleicht eine Razzia? Ich sollte lieber unauffällig verduften, bevor mich jemand bemerkt. Etwas ratlos stehe ich jetzt herum und überlege, wie ich zu meinem Ziel gelange ohne eine Strecke zu benutzen, auf welcher ich von unangenehmen Gestalten oder Razzien behelligt werde. Da tut sich vor mir ein breiter, völlig frei liegender Weg auf. Den hatte ich vorher gar nicht bemerkt, aber seltsam ist, daß er bis zum Horizont zart rötlich schimmert. Ich frage mich, ob das wohl roter Staub oder aber verwaschenes Blut ist.

Montag, 30. November 2009

...

Himbeersonnen

Himbeersonnen - deinen Weg
in das Paradies beleuchten sie,
unvergänglicher scheinend als
das scheidende Licht des Herbstabends.
Doch sag, du in deiner dunklen Gruft,
wer wacht so sorgsam über sie,
daß die tröstenden Farben nicht blättern?

Nur für Hunde

Heute kam ich an einem interessanten kleinen Lädchen vorbei, welches so einladend und gemütlich aussah, daß ich am liebsten sofort eingetreten werde. Zuerst blieb ich allerdings stehen und blickte neugierig durch das Schaufenster. Schicke Holzregale mit aufgereihten Flechtkörben, niedliche Weihnachtsdeko, wohnliches Ambiente, schönes Licht, nicht zu grell, nicht zu weiß und auch nicht zu dunkel, der Raum nicht überladen und vollgestellt, sondern sehr übersichtlich, doch ohne kahl zu wirken. Diese warme, geschmackvolle Ausstattung zog mich magisch an, nur konnte ich leider nicht entdecken, was in diesem Geschäft eigentlich verkauft wird. Deshalb trat ich ein paar Schritte zurück, um die Leuchtschrift über dem Schaufenster zu studieren: "...natürliche Hundenahrung und mehr". Öhm...was das "mehr" bedeutet, wollte ich nun lieber doch nicht mehr erkunden, stattdessen schlich ich leise und ein wenig enttäuscht an der Tür vorbei. Aber schön, daß es so exquisit kuschelige Einkaufsläden für Hunde gibt.

Sonntag, 29. November 2009

...

Ein Tempel für das Jenseits

Ein Tempel für das Jenseits,
keineswegs für die Ewigkeit,
verfallen dürfte er wie ich,
der Putz abblättern und
der Regen auswaschen
den Stein, Efeu darf wurzeln
und das ungeliebte Kraut.
Richtung der untergehenden
Sonne sollte er stehn,
mit Löwen vor dem Eingang,
Stuck an der offenen Decke.
Und wenn nur noch Fotografen,
die Morbiden und Idyllenjäger,
das vergessene Grab besuchen,
ihr Equipment ausgepackt,
hochmodern, der letzte Schrei,
im Objektiv Vergänglichkeit,
dann hören sie vielleicht,
hinter den dorischen Säulen
dort, mich leise lachen.

Freitag, 27. November 2009

Fremde Intelligenz

...und es gibt weltweit zunehmend Berichte, dass sich ab und zu Intelligenzen unbestimmter Art über Computer "melden" und spontan Texte auf dem Bildschirm bei eingeschaltetem PC hinterlassen oder sogar gespeicherte Dateien...
(aus "Der Geist im Computer" von Frank Sunn)

Jetzt weiß ich es: Die Texte, die angeblich ich schreibe, sind gar nicht von mir! Sie sind von einer fremden Intelligenz - ich habe es schon immer geahnt!

Dezemberfertig

In den letzten Jahren hatte ich ja keinen richtigen Adventskalender (ok, bis auf den mit Teebeuteln), aber in diesem Jahr ändert sich das endlich. Und passend zu meinem Roman nennt er sich auch noch "Schatz der Zaren". Deshalb mußte es natürlich dieser sein. Außerdem sind jetzt alle Geschenke schon eingepackt (falls nicht noch welche dazu kommen), so daß ich mich ruhig zurücklehnen und auf Weihnachten warten kann. Und wehe, irgendein Weihnachts- oder Jahresendhektiker nervt mich!

dezemberfertig 2

dezemberfertig

Donnerstag, 26. November 2009

Ausflug zum Jüdischen Friedhof

Nachdem ich heute endlich dem Kopfgefängnis entwichen bin und dieser wieder frei ist, nutzte ich das für einen kleinen Ausflug zum Jüdischen Friedhof. Vor dem Tor um 14 Uhr dachte ich bei mir, länger als zwei Stunden habe ich sowieso nicht vor, auf dem Friedhof zu bleiben, zumal er im Winter um 16 Uhr schließt. Ich schlenderte hierhin, schlenderte dorthin, anfangs schaute ich noch ständig auf die Uhr, aber jedesmal zeigte sie mehr als anderthalb Stunden an, so daß ich irgendwann aufhörte auf die Uhr zu schauen und immer tiefer in das Gelände vordrang - der Friedhof ist wirklich groß - , mit dem Gedanken, ich hätte ja sooo viel Zeit. Ich fotografierte und fotografierte und fotografierte. Dabei stellte ich fest, daß meine Kamera anscheinend einen kleinen Schaden genommen hat, als ich sie letztens fallen ließ. Sie stellt nur noch scharf, wenn sie gerade lustig ist. Irgendwie habe ich aber keine Lust, mir eine neue zu kaufen, selbst wenn sie, in Technologiezeitaltern gerechnet, mindestens der Bronzezeit zugehört, denn sie hat mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich gute Dienste geleistet. Schließlich, ganz genau am anderen Ende des Friedhofs, dort wo schon der Mont Klamott zu sehen ist, hatte ich zwar immer noch das Gefühl, als sei es erst eine halbe Stunde später, blickte aber zufällig in einer spontanen Eingebung trotzdem auf die Uhr und erstarrte fast zu Stein, als sie 8 Minuten vor 16 Uhr anzeigte! Ach herrjeh! Die Zeit, um mich zu fragen, wo die anderthalb Stunden geblieben waren, hatte ich nicht mehr, obwohl ich gerade in diesem Moment gerne darüber räsoniert hätte. Stattdessen legte ich mein schnellstes Tempo vor, aus Pietätsgründen natürlich ohne zu rennen (seltsam, daß ich sogar lieber auf dem Friedhof übernachtet hätte als zu rennen), um wieder genau an die andere Seite des Geländes zum Ausgang zu gelangen. Das war nicht zu schaffen, klar, aber als ich einige Minuten nach 16 Uhr am Ausgangstor ankam, befand sich dort außer mir auch ein Mann, der sich gerade die Hände wusch und mich mit den Worten begrüßte: "Ah, ich bin also nicht der einzige Verspätete!" Ich klinkte am Tor - abgeschlossen. Na gut, dachte ich, ich bin zwar eingeschlossen, aber nicht allein. Doch im gleichen Moment eilte schon der Friedhofswärter mit seiner jüdischen Kippa auf dem Kopf von der Straße herbei, um uns aufzuschließen. Wahrscheinlich ist er bereits gewöhnt, daß fünf Minuten nach 16 oder 17 Uhr, je nachdem ob Sommer oder Winter, verspätete Touristen an den Gitterstäben rütteln. Ich war ziemlich froh, muß ich sagen, denn für das Abenteuer, eine Friedhofsmauer zu überwinden, fühle ich mich dann doch etwas zu alt. Von der Friedhofsseite wäre es wegen der Grabmäler vielleicht sogar relativ einfach, aber die andere Seite ist hoch und gelandet wäre ich wohl in irgendeinem Schrebergarten der Kleingartenkolonie.

Zucker und Sultan:

Jüdischer Friedhof | Zucker

Jüdischer Friedhof | Sultan

Finanzsenator Nußbaum unterstützt die Kommunalisierung der S-Bahn

Das ist sehr rührig von dem Herrn Nußbaum, allerdings, als ich das las, dachte ich im ersten Moment - ich lebe in einem Witz. In einer gemeinen Satire. Und merke es nur ab und zu mal, wenn das wahre Ausmaß des menschlichen Versagens sich als Unglaublichkeit der vierten Dimension an unserem begrenzten Horizont zeigt. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als die Privatisierung der S-Bahn begann. Gewarnt wurde allerorten. Die Berliner Landesregierung - 1995 mit SPD -Beteiligung! - hat den Verkauf der S-Bahn an die Bahn AG zu verantworten - vor allem aber die geplante Privatisierung der S-Bahn. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt und anscheinen völlig sinnlos, denn dem Haushaltsloch hat es kaum geholfen. Inzwischen haben die S-Bahn-Manager wahrscheinlich nicht nur die Züge heruntergewirtschaftet. Um an den Bahnvorstand satte Gewinne abliefern zu können, wurde massiv bei der Wartung gespart und entsprechende Reparaturwerkstätten abgebaut. Man fand sogar heraus, dass S-Bahn-Mitarbeiter regelrecht zur Fälschung von Wartungsprotokollen erpresst worden sind. Und jetzt stelle man sich das Szenario vor, dass die Landesregierung die S-Bahn für viel Geld wieder aufkauft. Es erinnert mich an die Geschichten aus dem fiktiven Ort Schilda und seinen Schildbürgern (wie übrigens vieles in Politik und Wirtschaft). Als S-Bahn-Kunde wäre das vielleicht sogar eine gute Nachricht, aber als Steuerzahler würde ich mich fragen, was für eine Sch....politik unterstütze und finanziere ich da eigentlich? Mal Hüh und mal Hott und egal wie, stets dieselbe Leier, dass kein Geld in den Kassen sei und man Sparen müsse (wobei es aber für eine Kanzler-U-Bahn und weiteren Schnickschnack immer noch lässig reicht). Leider kann man sich als Steuerzahler nicht aussuchen, wenn oder was man mit seinem Geld unterstützt, aber ehrlich, wäre der Staat eine Firma und ich Aktionär, ich würde für ein Unternehmen, das so handelt, nicht einen Cent zahlen.

Mittwoch, 25. November 2009

...

"Die Berliner Sprachverderber sind doch auch zugleich die einzigen, in denen noch eine nationelle Sprachentwicklung bemerkbar ist; zum Beispiel Butterkellertreppengefalle, das ist ein Wort, wie es Aristophanes nicht gewagter hätte bilden können; man fällt ja selbst mit hinunter, ohne auch nur eine Stufe zu verfehlen." (F. Foerster, Gespräche mit Goethe, 1831)...
Diese Ironie ist unbestreitbar ein Spezifikum des Berliners. Vielleicht ist sie es, die das derart Unverwechselbare in der Psyche des Berliners ausmacht. Ironie als Rettung angesichts der Abgründe, der Zerstörung, der in Trümmer sinkenden Umwelt. Die Ironie gab sich als Schnoddrigkeit. Die bombardierten Stadtbezirke bekamen entsprechend neue Namen: "Klamottenburg" (Charlottenburg), "Stehtnix" (Steglitz) oder "Trichterfelde-Rest" (Lichterfelde-West). Und die böseste Aussage: "Wer jetzt noch lebt, is selba schuld - Bomben sind jenuch jefallen!"

(aus "Da sind noch ein paar Menschen in Berlin" von Konrad Hoffmeister und Günter Kunert)

Besuch vom Lande

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts.
Ein Fräulein sagt heiser: "Komm mit, mein Schatz!"
Und zeigt entsetzlich viel Haut.

Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.

Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.

Sie machen vor Angst die Beine krumm.
Sie machen alles verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.
Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man sie überfährt.

(Erich Kästner, 1929)

Das Auslandspraktikum

An meiner Fachhochschule warte ich in einem Turnsaal auf ein Gespräch. Es geht um die Bewerbung um ein Auslandspraktikum. Vorher ist ein Einstellungstest zu absolvieren. Meine Mutter ist dabei und sehr interessiert daran, daß ich dieses Praktikum mache. Ich selbst habe leise Zweifel daran, ob ich es packen werde, sowohl den Test, als auch das Praktikum. Eine ganze Weile müssen wir warten und beobachten dabei einige Sportler, die über aufgebaute Böcke und Pferde springen. Anscheinend kann man sich hier nach dem Unterricht auch privat sportlich betätigen. In einer Sportlerin erkenne ich Kollegin A.M., die fast federleicht, so scheint es, einen hohen Bock überwindet. Ich frage mich, ob ich das auch noch so könnte. Das letzte Mal im Sportunterricht ist schon eine ganze Weile her. Endlich kommt die Dame, die das Einstellungsgespräch und den Test macht, nimmt hinter einem breiten Schreibtisch Platz. Sie beginnt Fragen zu stellen und während sie die Antworten notiert, sehe ich kleine Karteikärtchen auf deren Reiter sich jeweils ein Planetensymbol befindet. Aha, anscheinend spielt das Horoskop bei der Zusage ebenfalls eine Rolle und die einzelnen Horoskopfaktoren werden auf den Karteikarten gesammelt. Ist sowas eigentlich datenschutzrechtlich erlaubt?

Dienstag, 24. November 2009

Eine väterliche Zitatesammlung

hat meine Mutter in einem kleinen, dünnen Notizbüchlein gefunden. Ich frage mich, was die roten Kringel zu bedeuten haben.

Zitate

Zitate 2

Montag, 23. November 2009

...

In der Welt des Chaos sind unsere Mythen vergleichbar mit Lebewesen, die mit derselben 'Kraft' und denselben teleologischen Wünschen auf der Suche nach ihrer perfekten Erscheinungsform sind. Vorausgesetzt Mythen sind unsterblich und ihr Wesen destilliert sich allmählich heraus, dann kann das Chaos-Denken sie aus der abschätzigen Kategorie entheben, in welche die lineare Weltsicht sie zusammen mit Aberglauben, Geschichten einfältiger Hausfrauen und nichtssagenden Märchen steckt, um ihnen einen neuen Ort zu geben. Ihre neue Stellung schließt zugleich ein, dass Mythen verbale Blaupausen der menschlichen Lebensmuster sind. Sie helfen, diese Muster aufrecht zu erhalten, ebenso wie das Leben dazu beiträgt, die Mythen zu bewahren. Wir und unsere Mythen bringen uns gegenseitig hervor.
(aus "Astrologie zwischen Chaos und Kosmos" von Bernadette Brady)

Traumsplitter

Windgrün

Ein scharfer Wind bläst und mir fällt auf, daß um mich herum die Formen verschwimmen. Es scheint, als stehe ich mitten in einem mit lockerem Pinsel gemalten Gemälde. Das ist seltsam. Wieso sieht alles um mich so aus, als sei es gemalt? Dann entdecke ich: Der Wind ist schuld. Während sonst die Formen der Blätter und Bäume zu erkennen sind, mischt der Wind und die Bewegung alles zu einem einzigen Farbauftrag.

Hochzeitsreise

Mein Spielfreund M. hat mich zu seiner Hochzeitsreise eingeladen. Das ist ja schön, daß er heiratet, aber wieso lädt er mich zu seiner Hochzeitsreise ein? Sollen wir zu dritt reisen? Was sagt seine Braut dazu? Macht man denn sowas? Das ist irgendwie etwas respektlos seiner Frau gegenüber, finde ich. Deshalb werde ich die Einladung auch nicht annehmen.

Spiegel

Mein eigenes Spiegelbild. Es erscheint mir fast ein wenig fremd. Besonders überraschend empfinde ich die Intensität meiner Augen.

Sonntag, 22. November 2009

I could say bella, bella, even say wunderbar

Novembersonntag

Novembersonntag

Sonntagsstraßen
spiegelglänzend, unbefahren
gereinigt und bekehrt
von der Betriebsamkeit

Sonntagsfenster
verschlafen, unentschlossen
gekreuzigte Münder,
den Atem gehalten

zwischen den Zügen
des pulsierenden Lebens
Selbst Vögel flüchten
in die Einsamkeit,

dornröschenschlafend
im Novembergrau,
und hinter der Hecke
die Sonntagsstille

Samstag, 21. November 2009

Durst

Es war ein glühendheißer Tag und brachte einen hartnäckigen, quälenden Durst mit sich. Welch ein unbeschreiblicher Genuß war es, diesen Durst mit dem reinen und klaren Eiswasser des Gletschers zu stillen! An den Flanken jeder großen Eiswoge flossen klare Bächlein in Rinnen hinab, die sie sich selbst genagt hatten; und noch besser, überall wo ein Stein gelegen hatte, war jetzt ein schüsselförmiges Loch mit glatten weißen Wänden und einem Boden aus Eis, und diese Schüssel war randvoll mit so absolut klarem Wasser, daß der flüchtige Beobachter es überhaupt nicht sah, sondern dachte, die Schüssel wäre leer. Diese Brunnen sahen so verführerisch aus, daß ich mich oft ausstreckte, wenn ich gar keinen Durst hatte, und das Gesicht eintauchte und trank, bis mir die Zähne schmerzten. Überall in den schweizerischen Bergen hatten wir den Segen in Reichweite - in Europa nur im Gebirge zu finden - nämlich Wasser, das imstande war, den Durst zu löschen.
(aus "Bummel durch Europa" von und mit Mark Twain)

Erfolgreiche Druckerreparatur

In Technologiezeitaltern bemessen stammt mein Drucker irgendwann aus der frühen Steinzeit. Deshalb dachte ich auch, er hätte jetzt seinen Geist aufgegeben, als er seit dem Sommer partout kein Papier mehr einziehen wollte. Bisher fehlte mir die Zeit, mich ausführlich darum zu kümmern und zum Glück brauche ich ihn nicht sehr oft. Ich stellte nur nach einigen halbherzigen Versuchen fest, daß sich die Papierwalze nicht mehr dreht, weshalb ich einen mechanischen Defekt befürchtete. Doch heute nahm ich mir vor, ihn noch einmal auf Herz und Nieren zu prüfen, bevor ich ihn abschreibe. Zuerst guckte ich etwas planlos da und dort, dann reinigte ich wie im Userguide angegeben die Papierwalze mit Wattestäbchen und Spiritus in drei Durchgängen. Nach dem dritten Durchgang sollte dreimal ein Papier eingelegt und durchgezogen werden. Schon beim ersten Mal kam außer dem Papier eine plattgedrückte und getrocknete Blüte am anderen Ende heraus. Die muß im Sommer durch das Fenster vom Balkonkasten hereingeweht und im Drucker gelandet sein. Und siehe da - mein Steinzeitdrucker funktioniert wieder. Das freut mich, zumal ich ihm gerade erst einen neuen Druckkopf und neue Tintenpatronen spendiert hatte. Wäre ärgerlich gewesen, wenn er ausgerechnet jetzt nicht mehr gesundzupflegen ist.

Löwin und Tempel

Eine Löwin belauert mich. Die Raubtieraugen starr auf mich gerichtet, geduckt, die Ohren angelegt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie in ein paar Sätzen auf mich zuspringt und nach mir schnappt. Warum gerade mich? Ich befinde mich auf einem Hof in einer Art Gatter und um mich herum überall Tiere. Warum sucht sie sich nicht eine andere Beute aus? Ich starre zurück - bloß nicht den Rücken zukehren - und überlege, was zu tun ist. Das Gatter könnte einen Schutz bieten, wenn sie es nicht überwinden kann. Ich befürchte jedoch, daß sie es schafft. Dann ist das Gatter wie eine Falle, aus der ich nicht mehr entkommen kann. Mir ist bewußt, daß ich mich mitten in einem Traum befinde. Trotzdem möchte ich mich nicht darauf verlassen, daß ich in einem Traum nicht wirklich gefressen werden kann. Ich möchte nicht einmal träumen, daß ich gefressen werde. Und vielleicht irre ich mich ja auch und es ist doch kein Traum. Also sollte ich mit der Lösungssuche nicht nachlassen, auch wenn ich kurzzeitig den Impuls verspüre, die Dinge einfach laufen zu lassen, denn Vorsorge ist besser als Nachsorge. Dann eine Idee. Ich greife einen langen, spitzen Pfahl und halte ihn der Spitze nach außen als Abwehr vor mich hin. Wenn sie mich anspringt, muß sie erst einmal durch diesen Speer.

Meine Gruppenleiterin erteilt mir eine streng geheime Aufgabe. Niemand darf davon erfahren. Dazu überreicht sie mir einen Kettenanhänger aus hellgrauem Stein. Er fühlt sich kühl und glatt in meiner Hand an. Diesen Anhänger soll ich im Garten, bzw. Hof eines Tempels vergraben. Ein Mönch wird nach einer Katze schauen und genau dies ist der Moment. Die Aufgabe ist zwar etwas riskant, aber ich bin sehr zuversichtlich. Heimliche Dinge tun, darin bin ich sehr gut. Niemand wird etwas merken. Ich betrete den Garten des Tempels und beginne ganz unauffällig darin zu buddeln. Es sieht so aus, als würde ich etwas pflanzen wollen oder den Boden umgraben. Dabei beobachte ich meine Umgebung genau. Da, eine schwarze Katze streift am Zaun entlang. Und da, ein Mönch in roter Kutte lehnt sich aus einem Zaunfenster und beobachtet sie. Jetzt oder nie! Rasch lasse ich den Anhänger in das kleine Erdloch fallen und drücke die Erde fest. Niemand wird wissen, daß er hier im Garten vergraben liegt.