Sieht so aus, als darf ich jetzt alle zwei Tage im Labor herumhängen, da meine Leukozyten stärker heruntergegangen sind und außerdem soll ich mir nun auch noch täglich eine Spritze setzen und das, obwohl ich schon keine Nadeln mehr sehen kann. Die Spritze heute hat mir die Schwester gegeben und mir so in meinen Rettungsring gerammt, daß es noch eine Stunde später weh getan hat. Nix mit einer kleinen Nadel- und Ruhepause. Immerhin ist dieses bösartige Ding über meinem Herzen nach meinem Gefühl bereits um mehr als die Hälfte geschrumpft. Die Ärztin wollte das gar nicht glauben, weil es sonst wohl nicht gleich nach dem ersten Chemozyklus so ist, konnte sich aber davon überzeugen. Und ihre erste Sorge dabei war, daß man das Teil irgendwann nicht mehr wiederfinden könnte. Hallo? Also ich wäre froh, wenn da nichts mehr gefunden wird, aber für Ärzte ist sowas natürlich der Horror. Wenn der Chemococktail bereits beim ersten Mal bei mir so massiv wirkt, ist es erklärlich, daß auch die Leukozyten jetzt schon angegriffen sind. Aber die Haare halten noch die Stellung. Zu allem Überfluß bekommt man jedoch von den Spritzen als Nebenwirkung Knochenschmerzen. Als wenn ich nicht genug Rücken- und Knochenschmerzen hätte. Wegen des ganzen Schlammassels wurde ich heute wieder in der Praxis festgehalten und war erneut eine halbe Stunde zu spät bei der Physiotherapie. Ich hatte zwar die Schwester dort anrufen lassen, doch das Pech, daß diesmal der Physiotherapeut nicht zufällig Zeit hatte. War ja auch damit zu rechnen, aber der Kollege hat mich dann, damit ich nicht völlig umsonst angefahren gekommen bin, auf Wärme gelegt und ich sollte einen neuen Termin bekommen. Ich habe dem Physiotherapeuten gesagt, er solle meinetwegen die Wärme als Behandlung abrechnen, zumal ich sowieso nur noch genervt bin und froh, wenn ich keine Termine mehr habe, aber das wollte er wohl nicht oder hat sich nicht getraut.
Letzte Nacht habe ich von einer meiner Tanten geträumt. Ich weiß zwar nicht mehr, was genau, aber sie war im Traum kugelrund, das sah richtig komisch aus, und ich wunderte mich, daß sie so zugelegt hat. Nach dem Aufwachen wanderten meine Gedanken zu meinen meist viel älteren Cousinen und Cousins und ich überlegte, wer davon das böse K gehabt hat. Weder bei den Cousins und Cousinen, noch bei den Tanten und Onkel fiel mir jemand dazu sein. Nur ich, das Versagerhäschen der Familie, muß sich natürlich sowas an Land ziehen. Es ist mir ein Rätsel, wie ich das immer schaffe. Schon im Kindergarten war ich die einzige von allen Kindern, die es geschafft hat, nach Mumps noch eine Meningitis zu bekommen. Was für ein Talent...
hatte ich gehofft, nach den heutigen Terminen knapp zwei Wochen von weiteren Arztbesuchen und Herumgepieckse befreit zu sein, doch leider waren meine Leukozyten grenzwertig und deshalb muß ich mittwochs vor der Physiotherapie schon wieder zur Blutabnahme. Ich hoffe, die lassen noch etwas Blut in mir drin. Vielleicht würden sich ja die Leukozyten schneller erholen, wenn ich mich nicht dauernd in Krankenhäusern herumtreiben und mit den Öffentlichen durch Schnee und Matsch fahren müßte? Zumal die Blutabnahme auch bedeutet, daß ich nach dem Labor eine halbe bis dreiviertel Stunde Warte- und Spazierzeit habe, bevor ich mich in der Sprechstunde der Chefärztin vorstelle. Und da dauert es ebenfalls noch etwas. Wenn ich Pech habe, bekomme ich am Mittwoch sogar noch eine Spritze verpaßt. Ich will nicht! Ich hab jetzt schon genug. Als kleinen Trost bekam ich von der Sprechstundenhilfe einen Mini-Schokoladennikolaus. Ich glaube, das letzte Mal habe ich Süßigkeiten in einer Arztpraxis bekommen, als ich nach der Meningitis im Frühkindalter dauernd mit meiner Mutter zum EEG mußte. Das EEG selbst ist nicht weiter schlimm. Man kriegte nur so komisch nasses Gummizeugs auf den Kopf. Danach gab es immer einen Bonbon.
Nach den Arztterminen nahm ich dann das Haarstudio in Angriff, obwohl ich keinerlei Lust dazu verspürte. Allerdings machte ich mir etwas Sorgen, plötzlich "im Freien" zu stehen. Gerade als die nette Beraterin mit mir loslegen wollte, kam eine Omi, die ihre Perücke nachgeschnitten haben wollte. Also meinte die Beraterin, ich solle so lange warten und drückte mir ein paar Kataloge in die Hand. Unglaublich war jedoch der Redebedarf der alten Dame. Selbst als sie gehen wollte, fiel ihr ständig irgendetwas neues zu erzählen ein. Ich fragte mich, ob sie es wohl heute noch schafft, "Auf Wiedersehen" zu sagen und tatsächlich zu gehen. Als sie sich schließlich wirklich schweren Herzens von uns getrennt hatte, erklärte die Beraterin: "Hach, die Fr. XY redet so gerne. Das letzte Mal war sie auch zwei Stunden hier." Da hab ich ja sogar noch Glück gehabt, daß es diesmal keine zwei Stunden waren. Die Beraterin fand auf Anhieb eine schöne Perücke für mich, die Haare sind sogar zehn Zentimeter länger als meine eigenen und fransig gestuft. Von der Seite sieht es optimal aus, von vorne finde ich es noch etwas ungewohnt, was daran liegt, daß die Haare so voll aussehen, während meine eigenen eher am Kopf kleben. Ich nahm sie gleich mit - 350 EUR zahlt die Krankenkasse, knapp 220 EUR mußte ich selbst dazuzahlen. Außerdem braucht man natürlich ebenfalls gleich Pflegemittel, Halter usw. War also teures Shopping und wenn die Haare jetzt doch nicht ausfallen, ist es dumm gelaufen. Aber na ja, wer weiß, wozu so eine Langhaarperücke noch gut ist. Außerdem hat mir endlich mal jemand bestätigt, daß ich einen großen Kopf habe. Die Beraterin maß meinen Kopfumfang und meinte sofort, daß der ziemlich groß sei. Sie mußte sogar extra Perücken von hinten holen, da vorne nur die kleineren ausgestellt waren. Wenn ich das sage, glaubt man mir das nie. Nach diesem anstrengenden Arzt- und Shoppingvormittag, gönnte ich mir schließlich wieder einen Sitcom-Fernsehnachmittag auf der Couch. Irgendwie fühle ich mich immer noch komisch dabei, wenn ich faul auf der Couch herumliege und wirklich nur fernsehe. Sowas habe ich sonst nicht einmal im stets viel zu kurzen Urlaub gemacht.
sollte sich morgen ziemlich beeilen, denn um 6 Uhr muß ich schon aufstehen. Doch ich vermute, er macht um Kliniken sowieso einen großen Bogen - würde ich auch machen - genauso wie ihm vier Treppen zu hoch sind.
Es wäre ja schon nett, wenn ich endlich meine gewohnte Schlafstellung wieder einnehmen könnte. Durch die Narbe in der linken Achselhöhle ist das bisher nicht möglich, denn normalerweise schlafe ich immer mit dem linken Arm über dem Kopf. Bereits als ich aus der Narkose erwachte wollte ich automatisch den Arm über den Kopf legen, worauf eine Stimme "Nee, nee, nee!" sagte und mir der Arm wieder heruntergedrückt wurde. Immerhin hat es zu dem Zeitpunkt noch nicht weh getan. Inzwischen schmerzt es stärker bei jeder größeren Bewegung, so daß ich den Arm gar nicht zu heben getraue oder aber davon aufwache. Außerdem wollte ich nächste Woche wieder zum Sport gehen, weiß aber nicht, wie ich Sport machen soll, wenn ich den Arm nicht richtig bewegen kann. Es nervt.
Ein großer gebastelter Adventskalender mit mehr als 30 Türchen. Hinter jeder Tür steckt im Kalender zuerst der Zettel mit dem Namen der Person, die am jeweiligen Tag ein Geschenk bekommen soll. Die Geschenke sind in einer Truhe eingelagert. Auch für mich sind Geschenke vorgesehen, nämlich hinter dem 25. und 36.+37. Türchen. Beim Geschenk hinter dem 36. Türchen wurde das "F" vergessen, weshalb es im 37. Türchen als handliches gebackenes Plätzchen nachgeliefert wird.
hat mir heute einen Topf selbstgestampften Kartoffelbrei vorbeigebracht. Den gab es früher bei Mumps, Windpocken und Grippe. Hat damals auch schon Wunder gewirkt.

Eine dicke dunkle Raupe robbt sich in und um mein Bett entlang. Mir ist unangenehm, nie zu wissen, wo sie sich gerade befindet, weshalb ich sie bei nächst bester Gelegenheit mit einem Löffel zerteile. Doch statt tot zu sein, entstehen gleich vier quicklebendige kleinere Raupen. Hilfe, hoffentlich habe ich nichts falsches getan und eine unkontrollierte Vermehrung der Raupe angeregt. Doch es bleibt bei den vier kleinen Raupen und irgendwann sind sie verschwunden. Glück gehabt.
Bei einem Bahnhof gehen ich einen langen leeren Fußgängertunnel entlang. Mir wird klar, daß der Tunnel geradewegs zu einem Flugplatz führt.
mich in Berufsverkehr und Schneechaos bis zur Charite durchgekämpft, um die Knochenszintigrafie machen zu lassen. Dabei wird erst Strahlezeug in die Vene gespritzt (Ich glaube, ich entwickle bald eine Phobie gegen picksen. Langsam reichts.) und dann hat man erst einmal zweieinhalb Stunden Zeit bis man in den "Scanner" kommt. Pünktlich als es hell wurde, stöberte ich also gemütlich rund um die Friedrichstraße im Schnee herum, während alle anderen panisch dabei waren, zur Arbeit zu kommen, und mich anguckten als dächten sie, ich sei ein Hardcore-Tourist mit viel zu viel Zeit, der dauernd im Weg herumsteht. Ein paar Fotos geknipst, allerdings versagte sogar die Kamera bei dieser Kälte irgendwann, und dann später zurück in das "Ekelhochhaus" der Charite. Zum Lesen haben sie dort nur Tratsch- und Promizeitschriften, und das anscheinend im Abo. Da nichts anderes zur Verkürzung der Wartezeit zur Verfügung stand, blätterte ich also in einem dieser Heftchen und fand alte Bilder von Sylvie van der Vaart. Meine Kollegin hatte mir erzählt, daß die auch an BK erkrankt gewesen ist, und die Bilder müssen vor dieser Zeit gewesen sein. In ihrem Fall war die Chemo anscheinend die reinste Schönheitskur, aber gut, man weiß ja nie, was hinter der Fassade steckt. Doch diese Art Nebenwirkungen würde ich durchaus gerne mit in Kauf nehmen. Wobei ich außerdem feststellte, daß sie in der Charite fantastisch beleuchtete Toilettenspiegel haben, in denen man aussieht wie das blühende Leben. Vielleicht war aber auch der Schneespaziergang davor schuld daran. Während ich im "Knochenscanner" lag, war plötzlich ein Stromausfall im ganzen Hochhaus, der aber glücklicherweise nicht dieses Gerät betraf. Sonst hätte ich da drinnen vielleicht eine ganze Stunde gelegen. Mittags zurück nach Hause, einen Bückling vom Fischmarkt geholt und wie ein Schneemann ausgesehen. Wenn ich an die frischen Bücklinge aus meiner DDR-Kindheit denke, waren die relativ klein, hatten knackiges festes Fleisch und fast immer waren welche mit Rogen dabei. Die Bücklinge heute sind groß, wabbelig, völlig überfettet, und einen mit Rogen zu erwischen gleicht anscheinend einem Sechser im Lotto. Ich glaube, das letzte Mal habe ich Bücklingsrogen 1989 gegessen. Und es ist nicht dasselbe wie Kaviar. Besser, aber heutzutage wohl aussichtslos. Und nachdem ich ja das ganze Jahr hindurch so gut wie gar nicht ferngesehen habe, bis auf einige Horrorfilme, habe ich diesmal den Rest des Tages damit verbracht, Sitcoms auf der Couch liegend anzuschauen und dabei einzuschlafen. Sowas ist ewig nicht mehr vorgekommen, und auch Horrorfilme mag ich plötzlich nicht mehr. Schon erstaunlich, wie sich das Leben selbst in Kleinigkeiten von einem zum anderen Moment ändern kann.
wenn mehr als zwei Stunden Zeit zwischen Blutbildkontrolle und Physiotherapie sind, würde das vollkommen reichen. Ich konnte ja nicht ahnen, daß Labor und Nachgespräch so "gemütlich" ablaufen würden. Die Schwestern haben sich auch extra viel Zeit gelassen - noch ein Klebchen, und noch ein Kärtchen, dreimal Termine diktiert, geändert und wieder diktiert. In der Praxis scheint so nicht viel los zu sein, vielleicht ist das der Grund. Und wahrscheinlich haben die Patienten normalerweise alle viel Zeit. Wenn ich in meinem Job so arbeiten würde, hätte mich der Mob vor der Tür schon massakriert. Aber sehr nett, doch trampeln mußte ich zum Schluß trotzdem, ungern, und letztendlich war ich eine halbe Stunde zu spät bei der Physiotherapie. Deshalb durfte ich mir erst einmal eine Standpauke meines Physiotherapeuten anhören und die zweite folgte sogleich, als er bemängelte, daß ich nur einen Pullover über der Haut trage. Ich solle doch unbedingt meine "Nierchen" schön einpacken, das sei wichtig, besonders bei Frauen. Und weder Massage, noch Wärmepackung, noch Decke haben gereicht, mich vollständig nach dem Laufen im eisigen Wind wieder aufzutauen - das Problem waren dabei aber nicht der Oberkörper, sondern vor allem die Hände, die es beim Einkauf danach noch einmal besonders übel traf. Man vergißt so schnell, wie kalt -8 Celsius sein können, wenn man keine Handschuhe dabei hat.
Seigneur ist wieder da. Allerdings nur um zu schreiben, daß er dabei ist, sein gesamtes Leben und seine Wohnung aufzulösen. Was ist passiert?
ein Basenbad, dreistündig, und es hat wahre Wunder gewirkt. Sogar mein Blutdruck scheint wieder normal zu sein und ich fühle mich fast wiederhergestellt. Ich habe zwar Basenbäder auch vorher schon gemacht, allerdings so direkte positive Wirkungen bisher nicht erlebt. Bei der Gelegenheit die Verbände gelöst, der Port sieht aus wie ein Buckel am Schlüsselbein, toll. Und zwei Narben mehr. Nun ja, man kann nie genug Narben haben, waren sicher nicht die letzten.
Außerdem habe ich von einer Kollegin erfahren, daß unsere Leiterin wohl ein Verhältnis mit jemanden hat, der gerade erst von der Schule zu uns gekommen ist. Ich hatte mich schon gewundert, warum der sofort Teamleiter werden und zwei Gehaltsgruppen nach oben befördert werden soll. Das erklärt natürlich einiges. Ich hätte mal damals auch mit meinem verheirateten Leiter schlafen sollen. Abgeneigt war der nicht, jedenfalls hatte ich immmer das Gezicke seiner anderen Aufrisse am Hals. Doch wenn ich heute sehe, wie die aussieht, die das getan hat, als Geliebte aufgestiegen und dann in der Klapse gelandet ist - ach nö, es ist doch immer derselbe Schnee mit Männern. Finger weg.
Da ist ein vertrauter Mann. Wir befinden uns in einiger Distanz zueinander und auch gefühlsmäßig herrscht zwischen uns Distanz. Es scheint, daß er die Lust an mir verloren hat. Es läuft wohl auf eine Trennung hinaus. Während wir uns unterhalten, schmilzt die Distanz zusehends und schließlich kehrt mit behutsamen Zärtlichkeiten und Umarmungen auch das Gefühl zurück. Er sagt, daß er mich nicht verlässt. Gemeinsam gehen wir eine Straße entlang, die voller wandernder, dunkelroter Tomaten ist. Diese rollen selbständig wie ein lebendes Tomatenmeer voran, jede Größe ist vertreten. Einige sind klein wie Beeren, andere groß wie Pezzibälle. Wir versuchen immer in der Nähe der schönsten Tomaten zu bleiben, um uns diese zu sichern, und auf denen, die groß wie Pezzibälle sind, ruhen wir uns zwischendurch aus.
hat mich wieder ausgespuckt. Ich habe zwar auch von anderen Seiten gehört, daß dies eine der besseren Kliniken ist, es gibt viele bemühte Schwestern und Ärzte, es wird sogar selbst gekocht, so daß das Essen genießbar ist, aber Maschinerie bleibt Maschinerie. Die Chirurgen operieren in zwei Schichten und wenn es spät abends ist und sie keine Lust oder keine ruhige Hand mehr haben, wird halt schnell mal ein Bauchschnitt gemacht, statt, wie vorgesehen durch den Bauchnabel zu operieren, so geschehen bei einer "Mitinsassin", welche vorher noch stundenlang ohne Essen und Trinken auf die Operation warten mußte. Bei mir haben sie bei der ersten Operation den Port vergessen, so daß ich am Tag darauf gleich noch einmal unter das Messer mußte und am selben Tag auch die Chemotherapie bekam. Man denkt, sowas überstehen nur Pferde, vielleicht habe ich ja eine Pferdenatur, jedenfalls wurde bei einer Patientin, die am gleichen Tag mit der gleichen Diagnose ins Krankenhaus kam, beide Operationen mit einem Mal vorgenommen und trotzdem mußte sie noch länger im Krankenhaus bleiben, um auf ihre Chemo zu warten. Dieselbe Patientin hatte sogar ein Einzelzimmer, was sie erst sehr verwunderte, allerdings wurde der Haken daran bald klar: in der Nähe lag eine demente Patientin, welche dauernd lauthals herumrandalierte. In meinem 4-Bett-Zimmer direkt gegenüber der Küche und an der Eingangstür zur Station, war es natürlich nicht besser. Immerhin war das Zimmer nur am ersten Tag voll belegt, danach waren wir zu zweit, mit einigen "Zwischengelagerten", die am selben Tag wieder verschwanden. Am ersten Tag war jedoch sowieso noch nicht viel mit ausruhen, denn da wurde ich überall in der Klinik herumgeschickt und mit der obigen Leidensgenossin bis in die Charite und wieder zurückgefahren. Ein wenig fühlte ich mich an Kafkas "Das Schloß" erinnert, wenn ich erst dahin, dann dorthin geschickt wurde - überall saßen neue Menschlein in ihren medizinischen Kämmerchen und schauten mich über ihre Brille hinweg an. Beim Lungenröntgen wurde mir mitgeteilt, daß ich eine sehr lange Lunge hätte und dies bei künftigen Röntgenterminen sagen soll, damit die Platte hochkant genommen wird. Dann zum EKG und zur Anästhesieärztin. Ins Taxi verfrachtet und zur Nuklearmedizin, wo zwei Ärzte mir irgendein strahlendes Zeug in die Brustwarze spritzten, während ich auf einer so schmalen Pritsche lag, daß mir gar nicht klar ist, wie sie wohl korpulentere Typen als mich dort verarzten. Der Arzt hörte gar nicht mehr auf in meine Brustwarze zu pieken, so daß mir auf der Zunge lag, er soll mir doch gleich ein Brustwarzenpiercing verpassen, wenn er schon dabei ist. Ja, am ersten Tag war mir noch nach Scherzen zumute, das sollte sich aber schnell legen. Und die beiden Ärzte sahen nicht so aus, als ob sie den Scherz verstanden hätten. Dafür scheinen aber die meisten Schwestern in der Charite mit original Berliner Mutterwitz gesegnet zu sein. Überhaupt hätte ich nie gedacht, daß ich bei meiner Körbchengröße einmal den Spitznamen "die Brust" tragen würde. Doch genauso wurde ich genannt. Schon die Stationsärztin kam noch einmal auf den letzten Termin zu sprechen, als sie mich für eine gynäkologische Untersuchung auf die Toilette schicken wollte, aber dann an meinem Gesicht gesehen hat, wie sie meinte: "Upps, das muß wohl eine Brust sein." Später in der Zentral-Sterilisation/Zentral-OP, während man noch in den grün gekachelten Vorhöllen der Anästhesisten liegt, hört man im Hintergrund aus dem Flur Rufe wie: "Drei Gebärmütter, zwei Eierstöcke, ein Abdomen, eine Brust..." usw. usf. Dort in dieser Vorhölle am zweiten Tag, war eine sehr nette Anästhesieschwester, welche mich aus klugen, wachen und gütigen Augen durch eine Brille hinweg aufmerksam ansah, an den Ohren zwei blitzende Straßblüten, und mir erzählte, wie erschreckend es doch sei, wieviele Leute bereits Drogenerfahrungen gemacht hätten und so kurz vor der Operation Angst um ihr Leben bekämen und beichten. Vermutlich wollte sie mich animieren, ebenfalls zu beichten, vielleicht, weil ich wie ein Junkie aussehe, den Gefallen konnte ich ihr allerdings nicht tun. Der Narkosearzt, der dann kam, hatte Augenränder groß wie Wagenräder und sah aus, als sei er gerade selbst aus dem Koma erwacht. Danach folgte der schönste Teil meines Krankenhausaufenthaltes, nämlich die Narkose. Als ich durch den Satz "Fr. XY, wenn Sie jetzt atmen, lassen wir Sie in Ruhe!" aus der warmen weichen Dunkelheit geholt wurde und mir im selben Moment klar wurde, wo ich bin und weshalb, fühlte es sich an, wie die Vertreibung aus dem Paradies. Sofort kullerten mir die Tränen aus den Augenwinkeln und ich versuchte, durch das Schließen der Augen und das Abwenden des Kopfes etwas von der Dunkelheit zurückzuholen. Die Anästhesieleute standen um mich herum und fragten dauernd: "Ist Ihnen schlecht? Haben Sie Schmerzen? Sie sehen so blaß aus.", während ich nur mit dem Kopf schüttelte. Was soll man auch sagen? Bitte schläfert mich ein, ich möchte nicht wieder aufwachen? Ich wurde zurück ins Zimmer gebracht, wo ich mit Operationsdecken und auf leeren Kanülen im Bett die Nacht verbrachte, was mir aber ziemlich egal war, da ich bereits ahnte, daß ich am nächsten Tag noch einmal an der Reihe sein würde, denn ein Port war nirgends zu spüren. So war es dann auch, nur daß ich vorher noch von einem sehr jungen netten Zivi im Rollstuhl mit dem Operationskittel vom letzten Tag, Bademantel und Kompressionsstrümpfen zum Herz- und Bauchecho gefahren wurde. Da habe ich mich mindestens wie 80 gefühlt und warum die Ärzte mich alle so komisch angeguckt haben, war mir erst klar, als ich meine Brust selbst gesehen habe. Sie sah aus, als hätte ich eine Indianerbemalung. Auf den grünen Fleck der Biopsie, folgte das Blau auf der Brustwarze von der Operation, das Rot des Desinfektionsmittels und später noch die schwarze Markierung, die mir die Ärztin raufgemalt hat. Danach wieder in die Vorhölle nur bekam ich diesmal keine Vollnarkose, sondern nur örtliche Betäubung und ein Schlafmittel, welches leider nicht lange genug reichte, so daß ich während des Eingriffs erwachte und alles merkte. Es hieß zwar, es wird Betäubung nachgespritzt, gespürt habe ich davon nichts. Nach nicht viel Zeit zum Erholen, in der mir eine der netteren Schwestern einen Obstteller organisierte, folgte abends die stundenlange Chemoinfusion mit einer nicht sehr angenehmen Nacht. Kopfschmerzen kamen sofort, Übelkeit, Heißhunger in der Nacht mit morgendlichem Erbrechen. Ich erhielt diverse Medikamente, die das schnell besserten, aber während ich noch am Tropf zum Aufpäppeln hing, bekam ich schon meine Entlassungspapiere. Immerhin erlaubten die Schwestern mir, noch bis nachmittags liegen zu bleiben und auch meine Zimmergenossin meinte, ich solle einfach da bleiben, denn sie wollte nicht alleine sein und am Wochenende würden sie ihre Betten anscheinend eh nicht brauchen. Zum Glück ging es mir nachmittags soweit, daß ich endlich nach Hause konnte. Mittwoch muß ich schon wieder in die Ambulanz zur Blutbildkontrolle und habe später Physiotherapie-Termin. Ich weiß allerdings nicht, wie ich mir mit dem noch immer schmerzenden Port an der rechten Schulter bis dahin die Haare waschen soll. Da wünscht man sich fast, die würden gleich ausgehen, damit man wenigstens dieses Problem los ist.