Mit meiner Schulfreundin auf einer ausgedehnten Schnitzeljagd. Es hat uns in einen Krankenhausflur verschlagen, wo wir nach Hinweisen zur Lösung eines Rätsels suchen müssen. Die Hinweise, so erinnere ich dunkel, haben etwas mit historischen Kostümen zu tun. Ich entdecke drei Zeichnungen an der Wand. Eine ist eine Modezeichnung mit verschiedenen historischen Kleidern, auf der zweiten befindet sich nur noch ein Kleid und auf der dritten ist ein Skizze des Stoffes hingeworfen, aus welchem der Rock besteht - Schwarz- und Grautöne in verschiedenen opulenten Dekoren. Das müssen die Hinweise sein! Wir haben nicht mehr viel Zeit, denn hinter der Ecke nähern sich einige Krankenschwestern. Beide zögern wir kurz, doch meine Freundin greift schließlich zu und nimmt die Zeichnungen von der Wand. Ich eile bereits zum Ausgang, während sie noch etwas länger in der Klinik bleibt, und werde an der Auffahrt von einem Auto erwartet. Es sieht aus wie ein futuristisches Elektroauto und ist in hellem Grau lackiert. Ich werfe mich auf einen der Rücksitze und will eigentlich auf meine Freundin warten, aber das Auto setzt sich ganz von allein und ohne Fahrer in Bewegung. Nach der ersten Überraschung denke ich mir, daß es wohl, so wie es aussieht, auch eine moderne Fahr- und Navigationsautomatik hat, die wahrscheinlich auf den nächsten Ort der Schnitzeljagd eingestellt ist. So weicht der Schrecken neugieriger Erwartung.
sind doch immer wieder ziemlich hellsichtig und als
Orakel viel gesünder:
Sie sind Rotkäppchen!
Völlig klar. Sie sind es. Hier: Einmal Rot für Ihr Käppchen. Übrigens ein Symbol Ihrer kecken Neugier. Ein zweites Mal Rot für die Flasche Rotwein, die Sie eigentlich Ihrer Grossmutter mitbringen sollten, die Sie aber lieber selbst austrinken. Typisch. Einmal Gelb für den Kuchen, von dem Sie ihr nur ein paar Krümel mitbringen, weil Sie was haben mussten, um Ihre Fahne etwas zu dämpfen. Einmal weiss für Ihr unschuldiges weisses Kleidchen, das natürlich auch ein Symbol ist, nämlich für die Unschuldsmiene, die Sie immer aufsetzen. Dann ein grünes Bärchen für den Wald, durch den Sie irren, der undurchdringliche Wald Ihres Liebeslebens. Na, und schliesslich einmal Braun für den grossen bösen Wolf, der Sie verfolgt. Ach, Moment - Sie haben gar kein braunes Bärchen gezogen!? Na, das ist auch wieder typisch! Das bedeutet nämlich: Sie sehen den Wolf nicht einmal. Sie erkennen ihn nicht. Sie hören sein lüsternes Knurren. Aber Sie denken, das ist nur Ihre Grossmutter, die ein bisschen Hunger hat. Und wenn er sein Maul aufreisst, denken Sie: Mensch, Oma hat sich endlich ein neues Gebiss geleistet! So funktioniert Ihr Liebesleben. Sie schnallen nichts. Sie sind neugierig. Probieren gerne hier und dort, naschen von anderer Leute Kuchen, berauschen sich an fremdem Wein - stets mit Unschuldsmiene, immer freiheitsbewusst. Und doch sind Sie längst verstrickt in einem Wald unklarer Beziehungen. Was wirklich abläuft, merken Sie nicht. Und wenn da so ein hungriges animalisches Wesen Ihren Weg kreuzt, dann denken Sie: Das ist es. Das bringt mich raus aus meinen Verstrickungen. Oh je, oh je. Was sollen wir nur mit Ihnen machen? Mit Ihrem schönen Talent zum Lieben, auf das die zwei roten Bärchen immerhin hinweisen? Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung hat bemerkt, der Wolf sei die erste wirkliche Beziehung im Leben des Rotkäppchens. Na ja. Also, ehrlich gesagt, Sie haben was Besseres verdient als jemanden, der sich die Pfoten nicht richtig wäscht und immer so ein bisschen aus dem Mund riecht. Und, Sie glauben es kaum, es kommt auch was Besseres. Ihr Liebesleben bekommt jetzt einen erfrischenden Schub. Das zeigt die Farbsymbolik dieser Bärchen. Zweimal Rot bedeutet natürlich: Sie haben eine schöne Liebesenergie, die nur eine Zeit lang ein wenig gestaut oder gehemmt war und brach lag. Einmal Weiss aber heisst: Sie bekommen jetzt eine liebevolle Eingebung, eine erotische Inspiration, eine Überraschung. Gelb zeigt: Sie sind bereit, bei der Sache zu bleiben, zu polieren und Ihrer Liebe Glanz zu verleihen. Prosaisch heisst das übrigens: Beziehungsarbeit. Vergessen wir das Gruselwort gleich wieder. Denn Grün bedeutet: Sie gewinnen das tiefe Vertrauen in die Liebe, das Ihnen so lange gefehlt hat. Sie brauchen nicht weiter herumzuirren. Sie werden nicht mehr auf Überredungskünstler und Betrüger reinfallen. Lassen Sie den Wolf in Ruhe Ihre Grossmutter fressen. Ziehen Sie dann anschliessend mit Ihrem Lover in das Haus, und haben Sie Spass!
Stimmt auffallend. Ich schnalle nichts und erkenne weder einen Wolf noch eine Ratte, wenn sie vor mir steht. Und ich trage wirklich ein rotes Käppchen, zur Zeit zumindest.
Kurz vor dem Aufwachen von einem Frühstück mit gekochten Eiern, Küse (warum der Käse im Traum Küse hieß, weiß ich auch nicht) und frischen Laugenbrötchen und Semmeln geträumt, aber die RICHTIGEN, die wirklich geschmeckt haben und die es früher bei unserem DDR-Bäcker gab. Heute findet man sie nur noch an versteckten, verzauberten Orten, dort, wo die scheuen Backelfen wohnen, und man braucht viel Glück und Zufall, um einen dieser Orte, der noch nicht vom Backkombinat verseucht ist, zu finden. Das ist fies, das ist sowas von fies. Aber gut, zumindest die Eier schmecken ja weiterhin wie früher.
(auch als Twitterfloskel bekannt, die kollektive Hach-Laolas auf Twitter auslöst) -, ich bin ja so glücklich, daß ich "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon auf meine Wunschliste gesetzt habe und tatsächlich geschenkt bekam. Und mit jeder gelesenen Seite bin ich glücklicher darüber, daß dieses Buch ganze 1600 davon besitzt. Das verlängert den Genuß und es könnte zu einem der seltenen Bücher werden, von welchem ich mir trotzdem noch mehr wünsche. Was für eine angenehme Überraschung nach diesem ganzen uninspirierenden Geschreibe, das zuletzt durch meine Hände ging! Und diesen Herrn Merle, Photograph, Alchemist und alleinerziehender Vater einer Tochter, mit seinen Platten, Boxkameras und Chemielaboren, der Kugelblitze adoptiert, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Nun hoffe ich nur, daß der Autor auch die restlichen 1400 Seiten so durchhält und einen Lichtstrahl der Freude an meinen Erwartungshorizont zaubert. Denn wie Photographie und Alchemie nur zwei Methoden sind, um dasselbe zu erreichen, nämlich Licht von der Trägheit edler Metalle zu erlösen (sagt Herr Merle), so sind Poesie und Witz zwei Methoden, um das Licht aus der Trägheit des Gemütes zu befreien.
ich muß mir irgendeinen extremen Beduftungsapparat für die Wohnung zulegen, der mein Duft-Erinnerungszentrum massiv betäubt. Von diesem Geruch nach Infusionen, der überall in der Luft liegt, zumindest für meine konditionierte Nase, fühle ich mich regelrecht gestalkt.
An einem ihrer letzten Tage in offener Landschaft, während der Wind durch die hohe Indianerhirse wehte, sagte ihr Vater: "Da hast du dein Gold, Dahlia, und zwar das einzig wahre." Wie üblich warf sie ihm einen forschenden Blick zu, denn inzwischen wusste sie in etwa, was ein Alchemist war und dass keiner aus dieser windigen Bande sich jemals klar äußerte - ihre Worte bedeuteten immer etwas anderes, manchmal sogar, weil sich dieses "Andere" im Grunde vielleicht so der Sprache entzog, wie sich abgeschiedene Seelen der Welt entziehen. Sie sah zu, wie die unsichtbare Kraft unter den Millionen von Halmen wirkte, die so hoch waren wie ein Pferd samt Reiter, sah sie unter der Herbstsonne meilenweit fließen, größer als Atem, größer als die Wiegenlieder der Gezeiten, die notwendigen Rhythmen eines Meeres, das sich weit weg von jedem verbarg, der es suchen mochte.
(aus "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon)
J. ist zwar etwas mürrisch und störrisch, aber bestimmt kein schlechter Kerl. Bei einer Fortbildungsveranstaltung in einem großen Saal, bei der jeder in einem Bett unter seiner eigenen Steppdecke liegt, sind wir uns näher gekommen. Ich liege nun sogar schon unter seiner Decke und er verwöhnt mich hingebungsvoll mit Oralsex. Er kann das gut, weshalb ich ihn gewähren lasse, es bleibt allerdings nicht aus, daß andere etwas mitbekommen. Noch immer seine Decke umgelegt schleiche ich mich in mein Bett zurück. Mein Spielpatzfreund, der ebenfalls etwas gemerkt hat und anscheinend eifersüchtig ist, macht hämische Bemerkungen über die Indizien, wie zum Beispiel das Mitbringsel. Zufrieden wie ein schnurrendes Kätzchen prallen die Sticheleien an mir ab und ich antworte frei heraus etwas provozierend: "Ja, ich habe J.s Kuscheldecke bekommen."
In einem gewöhnlichen Traum verändert sich auf einmal blitzschnell die Szenerie, so als würde sich ein neues Computerbild aufbauen. Die neue Szenerie ist irgendwie unheimlich mit seltsamen Gestalten, die abgetrennte, blutige Köpfe bei sich herumzuliegen haben. Mir wird klar, daß ich hier zufällig mitten in einem Computerspiel gelandet bin, aber in einem, das mir nicht gefällt. Eigentlich hat jedes Spiel einen Ausgang, die Escape-Taste oder ähnliches, aber so mitten drin, weiß ich nicht, wo ich suchen soll. Wo finde ich den Ausgang, bzw. die Escape-Taste? Hier gibt es nirgendwo eine Tastatur, also muß die Escape-Taste irgendwo anders versteckt und eingebaut sein. Vielleicht eine Tür oder ähnliches. Ratlos bleibt mir nichts weiter übrig, als weiterhin in der Szenerie suchend herumzuschlendern, wobei ich an einigen der seltsamen Leute und abgetrennten Köpfe vorbei muß. Ich versuche mich dabei so unsichtbar wie möglich zu machen, aber sie rufen mir etwas zu. Gespielt unbefangen antworte ich und tue so, als würden mir die blutigen Köpfe nicht auffallen.
Bemerkung: Für mein Leben hätte ich manchmal auch gerne eine Escape-Taste.
Die Chemo macht mich fertig. Nach der ersten denkt man noch, ok, mußt du halt durch, und überhaupt ist das Kotzen ja nichts Neues. Vom Tramadol kenn ich das schon. Nach dem zweiten Mal denkt man, man wird dieses Übelkeitsgefühl überhaupt nie mehr los und vergessen, aber auch nicht den Geruch nach Infusionen, der erneut Übelkeit verursacht. Ich rieche die Infusionen sogar in meiner Haut, das Schnuppern an meiner Haut verursacht Übelkeit. Ich rieche ständig Infusionen. Vielleicht ist das Einbildung, denn mein Mund ist taub und meine Fingerspitzen sind taub, also müßten theoretisch auch meine Geruchsnerven taub sein, aber ich rieche trotzdem und wenn es ein Phantomgeruch ist. Auch der Gedanke daran Wasser zu trinken, verursacht Übelkeit, ebenso der Geruch von Wasser. Immerhin sind ebenfalls die Rückennerven einigermaßen taub, so daß ich kurz nach der Chemo nicht so starke Rückenschmerzen habe, die aber trotzdem stetig zunehmen. Wahrscheinlich weil ich die ersten zwei Tage nach der Chemo nur wie ein Stein seitlich zusammengerollt auf der Couch liegen kann und es nicht einmal schaffe, mich zuzudecken wenn mir kalt ist. Neben dem Rücken schmerzen aber auch die Leber und die Nieren, im Brustbein zwickt es und überhaupt fühlt man sich mehr tot als lebendig. Mein Blutdruck, sonst nach einer schweren Virusgrippe eher grenzwertig, sinkt mit jeder Chemo stetig, dümpelt zur Zeit bei 105/68 herum, und ist wahrscheinlich, wenn er so regelmäßig weiter sinkt, nach der vierten Chemo bei 80/28, also fast bei scheintot. Das führt nicht nur zu Antriebslosigkeit, sondern auch zu massiver Gehirnleere, so daß es bereits zu einer Anstrengung wird, irgendeinen intelligenten Satz zu schreiben. Das ist vielleicht dasselbe Prinzip wie bei Männern, denen das Blut in den Schw... sackt, nur daß es bei mir irgendwo anders versickert, zum Teil in Laborröhrchen. Jetzt verstehe ich auch, warum als Spätschaden von Chemos Gehirnleistungsstörungen angegeben werden. Liegt wohl an der Unterversorgung. Jedenfalls hoffe ich, daß der niedrige Blutdruck nicht schon das erste Anzeichen einer Herzschwäche ist, einer häufigen Nebenwirkung der Chemo. Vielleicht bin ich etwas hypochondrisch, aber ich finde, in meiner Situation und bei meinem "Glück" habe ich das zutiefst verdiente Recht hypochondrisch zu sein. Nach der dritten Chemo denkt man nur noch - ich will nicht mehr! Ich fühle mich wie eine Sarah in einer endlos langen Alptraum-Dschungelprüfung, möchte ständig sagen - nein, das mach ich nicht, und gegen das fiese Schicksal-Publikum anbocken. Nee, ich bin kein Kämpfer, war ich noch nie, ich bin ein heulendes Häufchen Sarah-Elend, aber leider kein Star und niemand holt mich hier raus. Und ich habe es satt, mir dauernd von irgendwelchen Leuten sagen zu lassen, was ich tun, wie ich denken, was ich essen und wie ich mich verhalten sollte...
Fortsetzung folgt
Ich erfahre, daß sich ganz in der Nähe meines Bezirkes der Funkturm befindet. Nanu, da habe ich mit meinem Orientierungssinn mal wieder völlig daneben gelegen. Hätte nicht gedacht, daß der Funkturm so nah ist. Ich beschließe, dem Gelände einen Besuch abzustatten. Es ist das Gelände des B.Berges und rund um den Turm sind überall Buden wie auf einem Weihnachtsmarkt aufgestellt. An einer sehe ich Kisten mit rosa und dunkelvioletten Kristallfamilien. Hm, als ich kurz nach der Wende hier war, gab es nur einen provisorischen Pavillon mit einem Biergarten. Ich schlendere hier hin, schlendere dort hin, aber wo ist dieser Turm? Ich sehe nirgends einen. Doch da, hinter dem Giebel eines Hauses, entdecke ich ein Turmgebäude. Im Äußeren ähnelt er dem Aussichtsturm auf dem Müggelberg, jedoch ist in ihm eine kostenlose Ausstellung zu besichtigen. Ich stehe nun direkt vor der dunkelgrün gestrichenen Eingangstür. Soll ich? Mit einem kurzen Zögern öffne ich sie und betrete ein dämmriges Inneres, das einem Treppenhaus ähnelt. Einen Fahrstuhl gibt es hier nicht, will man nach oben, muß man wie im Müggelturm laufen. Ab dem zweiten Treppenabsatz windet sich eine Schlange von Menschen die Treppen entlang, die wohl für die Ausstellung anstehen. Transportarbeiter drücken sich mit einem schweren Klavier an ihnen vorbei nach unten. Für mich bleibt kein Platz mehr, um mich dazwischen nach oben zu quetschen, deshalb gehe ich wieder. Irgendwie ist das Gelände ziemlich klein, kaum ein paar Grünflächen, doch dann fällt mir auf, daß der Park in einer versteckten Richtung weitergeht. Ich spaziere dort den Hauptweg entlang und stoße ziemlich schnell auf einen S-Bahnhof (Grunewald?). Schade, schon Schluß mit dem Spaziergang, es geht nirgends weiter, weshalb ich die Treppen in den S-Bahntunnel hinuntergehe. Unten gibt es einen Souvenirshop und die Verkäuferin streckt mir gleich, als hätte sie auf mich gewartet, einige Fotos und Bilder entgegen. Ich betrachte sie, laufe dann aber wieder nach oben, da ich ja nirgends hinfahren will. Vielleicht findet man doch noch einen neuen Weg und tatsächlich, neben dem Bahnhof geht es wirklich noch weiter, das hatte ich erst gar nicht gesehen. Hier sieht es nun aus wie in einem Schloßgarten, es gibt auch ein altes Schloß und grüne Rabatten. Vorher geht es aber noch durch ein Stück Stadt mit bunten Straßenmosaiken, die vielleicht zum Vorhof des Schlosses gehören. Etwas versteckt entdecke ich ein gelbes Blütenmeer aus riesigen trichterförmigen Blüten einer Kletterpflanze an einer Mauer. Davor ein Meer von anderen Blumen mit riesigen gelben Blüten. Wow, so viel Gelb und so viele große Blüten! Wunderschön! Ein Tier, daß ich erst für ein Raubtier halte, entpuppt sich als kleines Eselchen oder Pony und läuft mir über den Weg. Je weiter ich durch das Blütenmeer laufe, um so größer werden die Blüten, bis sie schließlich tatsächlich groß wie Regenschirme sind und auch so aussehen. Hey, wenn es jetzt anfinge zu regnen, könnte man sich direkt darunterstellen. Cool! Der Park geht nun in eine Straße über, die an Feldern und Wiesen vorbeiführt. Irgendwie sieht es hier aus, wie am Ende der Stadt, hier scheint eine Grenze zu sein, die nicht überschritten werden kann, jedenfalls führen außer der Straße keine Wege mehr irgendwo hin, weshalb ich auf ihr bleibe. An einem Eckhaus mit Türmchen wird gebaut und ein riesiges Teil mit dem Kran transportiert. Ich muß darunter hindurch und hoffe, daß sie das Teil nicht gerade abladen, wenn ich darunter entlanghusche. Geschafft. Die Straße führt nun auf den Vorhof eines Mehrfamilienhauses, wo irgendwelche Typen Autos einfach längs oder quer umkippen. Was soll das werden? Die Straße scheint hier zu Ende zu sein und ich habe auch keine große Lust, an diesen Typen vorbei zu gehen, weshalb ich kehrt mache, wieder unter dem riesigen Kranbrocken durchhusche und den Rückweg antrete. Neben der Straße führt jetzt ein breites Gleisbett der S-Bahn entlang und große Büsche von himmelblauen Kornblumen wachsen an den Hängen. Vor mir höre ich eine stadtfremde Besucherin zu ihrer Führerin sagen: "Ah, das ist also das Wunder eurer S-Bahn?" Stimmt, denke ich, es gibt nicht überall S-Bahnen. Für Ortsfremde muß das eine tolle Einrichtung sein. Irgendwo sitzend zeichne ich schließlich auf eine Serviette die Umrisse eines Schmetterlings. Mein Kumpel kommt, schaut mir zu und meint, daß der Schmetterling viel zu groß sei. So große gäbe es gar nicht. "Doch!" behaupte ich vollkommen sicher. "Hast du nicht die vielen großen Schmetterlinge gesehen, die hier überall herumfliegen?"
Das macht mir jetzt wirklich Mut, genauso wie diese ganzen Bandscheiben-Kandidaten, die nach einer OP gelähmt im Fernsehen vorgeführt werden. Ich würde alles dafür geben, um nicht unter das Messer zu müssen, und andere gehen zu Brust-OPs als gingen sie shoppen. Ich wollte noch nie im Leben eine Brust-OP. Bei der Vorstellung, wieder ins Krankenhaus zu müssen, wird mir jetzt noch übler als vor dem ersten Mal. Zwar ist alles relativ normal abgelaufen, aber trotzdem scheint der Aufenthalt meine Krankenhaus-Angst weiter verstärkt zu haben. Kein Wunder, ist doch alles tot dort. Die Räume sind tot, das Essen ist tot, man selbst fühlt sich wie tot und nur die Bakterien leben so richtig. Ist ja auch logisch, schließlich sind sie dazu da, Totes abzubauen. Eine Mitpatientin hat mir letztens wieder so eine Geschichte aus einem anderen Krankenhaus erzählt. Da bittet ein Patient die Schwester, das Fenster aufzumachen und die Schwester antwortet: Nö! Der Patient fragt: Warum nicht? Und die Schwester erklärt: Dann muß ich ja irgendwann kommen und das Fenster wieder zumachen. Da ist man froh, wenn man sich selber noch irgendwie bis zum Fenster schleppen kann und ich habe mit diesen Kompressionsstrümpfen im Bett geschwitzt wie sonstwas. Ich würde auf weitere Erfahrungen gerne verzichten. Aber auch nach dieser Fenistil-Infusion vor drei Jahren, die mir wegen eines harmlosen Ausschlags verabreicht wurde und mein ganzes Immunsystem erst völlig durcheinander gebracht hat, wie ich hinterher feststellen durfte, habe ich gesagt, Infusionen lasse ich mir nur noch über meine Leiche geben. Ich bin so herrlich inkonsequent.
Dieter Bohlen macht eine neue Fernsehsendung, in welcher er in die Wohnungen von Leuten geht und diese umgestaltet. Auffällig ist, daß danach in den Lichtschaltern der Wohnung überall minikleine Handys eingebaut sind. Ich bin als Helfer in der Fernsehsendung tätig und finde mich im höchsten Fenster eines vierstöckigen Mehrfamilienhauses wieder. Zuerst bin ich etwas verwirrt, denn was mache ich hier mit meiner Höhenangst? Als Dieter Bohlen und ein Moderator an einem Seilzug an mir vorbeischwingen, fällt es mir wieder ein. Ich bin dafür zuständig, die Seilzüge zu betätigen und sowohl Dieter Bohlen als auch den Moderator hinaufzuziehen oder herunterzulassen. Der Clou der Sendung ist nämlich, daß die Sendungscrew nicht durch die Tür kommt, sondern über das Fenster in die Wohnung einsteigt. Sogar eine Handwerkertruppe fliegt in einem Bus an einem anderen Seilzug an mir vorbei. Sobald mir die Verantwortung meiner Aufgabe bewußt wird, werde ich sehr angespannt, und versuche, obwohl ich lieber vom Fensterbrett flüchten würde, da mir die Höhe Angst macht, der Tätigkeit mit höchster Konzentration nachzukommen. Vorsichtig probiere ich, ein Gefühl für beide Seile zu bekommen und ziehe sie erst etwas nach oben und lasse dann sachte nach, um beide herunterzulassen. Um mich selbst festzuhalten, muß ich ein Seil jedoch einen Augenblick loslassen. In diesem Augenblick löst sich der Knoten der Seilschlinge um Dieter Bohlen und er stürzt vier Stockwerke in die Tiefe. Entsetzt blicke ich ihm hinterher. "Ich bin schuld am Tod von Dieter Bohlen!" höre ich mich laut ausrufen. Ich habe versagt, man hätte mir diesen Job nicht geben dürfen. Niemand kann sich auf mich verlassen, selbst wenn ich mir Mühe gebe, stelle ich völlig niedergeschlagen fest. Doch jemand von der Crew neben mir am Fenster erhebt sofort mit Bestimmtheit Einspruch: "Nein, du bist nicht schuld. Es war ein Unfall!" Meine Gefühle sind gemischt. Auch wenn sich der Knoten gelöst hat, war der Grund dafür vielleicht trotzdem, daß ich das Seil losgelassen habe. Warum hätte es sonst im selben Moment geschehen sollen?
Er hatte gelernt, neben den Tag zu treten. Wohin auch immer er damit gelangte, der Ort besaß seine eigene gewaltige, unverständliche Geschichte, seine Gefahren und Ekstasen, sein Potenzial für unverhoffte Romanzen und frühe Beerdigungen, doch wenn Lew dort war, konnte offenbar niemand in Chicago sich ganz sicher sein, wo er sich aufhielt. Es war nicht direkt Unsichtbarkeit. Sondern Woanderssein.
(aus "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon)
Wir stellen uns gewöhnlich vor, dass der Körper durch Gähnen auf einen Überschuss an Kohlendioxid im Blut reagiert. Wenn wir gähnen, verabreichen wir dem Gehirn einen kräftigen Sauerstoffstoß. Aber manche Neurologen sind anderer Meinung. Versuchspersonen, die reichlich Sauerstoff einatmen, gähnen nämlich auch. Der mysteriöse Gähnreflex hat offenbar etwas mit Gesundheit zu tun: Menschen, die akut erkrankt oder schwer psychotisch sind, spüren so gut wie nie das Bedürfnis, nilpferdartig den Mund aufzureißen.
(aus "Die Kunst, nichts zu tun" von Veronique Vienne und Erica Lennard)
In meinem Einzel-Bürozimmer liege ich auf einer mit Zimmerpflanzen vollgestellten Fensterbank, die wie ein kleiner Dschungel wirkt, und döse vor mich hin. Ich muß draußen etwas erledigen, verlasse kurz den Raum, räume im Flur eine Zettelablage auf und kehre in mein Büro zurück. Gleich hinter mir geht die Tür nochmals auf und eine mir unbekannte Kollegin sagt, sie müsse etwas nachprüfen. In einer der Akten sei ein Diebstahl festgestellt worden. Diebstahl? Hab ich zuviel Geld gezahlt? Fr. G. kommt nun ebenfalls, ohne überhaupt zu grüßen, setzt sich an den Tisch und blättert in Akten. Suchen sie vielleicht absichtlich irgendwelche Fehler, die sie mir nachweisen können? Wie ich erfahre, geht es um eine Kette mit Lederband und Elfenbeinringen. Ich sage zu der mir fremden Kollegin, daß diese Ketten an jeder Straßenecke verkauft werden. Sie nickt, gibt mir recht und meint, sie verstehe ja auch nicht, was das alles soll. Also doch ein Komplott. Aber irgendetwas erscheint mir seltsam. Was hat eine Kette mit den Akten zu tun? Inzwischen sind immer mehr Leute in das Zimmer geströmt, viele, die ich gar nicht kenne, und auf einmal weiß ich es: Das hier ist alles nur ein Traum und sie die Traumfiguren. Um mich zu vergewissern, wende ich mich an die versammelte Mannschaft und frage: "Ihr seid alle nur ein Traum, stimmts?" Doch die Leute beachten mich gar nicht oder gucken mich nur verständnislos an. Hey, so geht das aber nicht! - denke ich mir - mich einfach zu ignorieren... Ich möchte eine Antwort haben! Etwas lauter und nicht mehr fragend, sondern eher provozierend rufe ich, auch in das Nebenzimmer hinein, wo sich ebenfalls viele versammelt haben: "Ihr seid nur ein Traum! Ihr seid nur ein Traum!" Es werden immer mehr Personen und vor meinen Füßen stolpert nun ein kleines, allerhöchstens dreijähriges Mädchen herum. Auch sie frage ich: "Stimmts, du bist nur ein Traum." Das Mädchen nickt schüchtern. Ha, denke ich triumphierend, kleine Kinder sagen eben die Wahrheit. Doch gleich darauf geht das Kopfnicken in ein Kopfschütteln des Mädchens über. Hm, wahrscheinlich ist sie noch zu klein und weiß gar nicht, ob sie ein Traum ist oder nicht. Doch die Reaktion des Mädchens hat meine Gefühle in Bezug auf die anderen Traumfiguren geändert. Ich bin jetzt nicht mehr ungeduldig und gereizt, weil sie nicht antworten. Eine Woge von Verständnis und Wärme durchflutet mich, denn vielleicht ist ihnen allen ja gar nicht bewußt, daß sie nur Figuren in einem Traum sind, die Armen! Während sie so überaus geschäftig in allen Richtungen an mir vorbeieilen, obwohl sie nicht wirklich sind, betrachte ich sie mitfühlend und lege mal einen Arm um diese und mal einen Arm um jene Person. Doch wenn ich nur träume, könnte ich jetzt eigentlich auch weiterschlafen. Ich gehe also zur Dschungel-Fensterbank, bette mich darauf und schließe die Augen. Doch etwas ist eigenartig. Obwohl es inmitten der Pflanzen dunkel ist und kein Licht meine Augen trifft, ist es, als hätte jemand direkt unter meinem Scheitel innen ein helles Licht angeknipst. So als wäre die oberste Schädeldecke eine Deckenwand, an der eine Leuchte befestigt ist. Das Licht verschwindet leider nicht und da es von innen kommt, weiß ich auch nicht, wie ich es loswerde. Mir ist ein wenig unheimlich zumute, aber vor allem weiß ich nicht, wie ich mit dem Licht schlafen soll, deshalb springe ich wieder auf. In meinem Zimmer sitzt nun nur noch eine einzige Person vor meinem Schreibtisch. Erst erkenne ich sie nicht, doch als ich ihr Gesicht genauer betrachte, ist es eine ehemalige Mitschülerin. "C.?" nenne ich ihren Namen und sie nickt lächelnd. Es scheint beinahe, als sei sie meine neue Chefin. Na sowas...
Januar:
Gibt es eigentlich irgendwelche Studien darüber, ob rosa Pillen besser helfen als weiße Pillen? 7.Jan
Wenn das große Chaos über uns kommt, möchte ich mich in deinen warmen Schwanennacken verbeißen, bis er die Male meiner Reißzähne trägt. 8.Jan
Sparsames Twittern hebt den Genuß. 14.Jan
Februar:
Die Variablen variieren zuviel, die Konstanten sind nicht so konstant wie sie scheinen und mein Kopf rotiert wie ein Kettenkarussell. 1.Feb
Lieber Gott, schenke mir Ahnungslosigkeit und eine dicke Haut! 9.Feb
Sie senkte ihre Energie wie funkelnden Schnee auf die Apostel herab, wenn sie mit übereinandergeschlagenen Beinen zu ihnen sprach. 12.Feb
Zwei große Schöpfungen werden erwähnt - die Klügeren und die Dummen. 12.Feb
Wenn das Schicksal Zucker auf dunkle Wege streut, dann nur, damit wir ihm nicht verloren gehen können. 18.Feb
März:
Aus der Nacht stehle ich mich, in jeder Pore dich, im Haar eine entwendete Feder deines Schwanenkleides. 2.März
So hangelt man sich mit vergifteten Zuckerstückchen in den Sarg. 20.März
Gib mir mehr Zucker, damit ich noch da bin, wenn du aus deinen Wunschträumen erwachst! 20.März
Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Leute, die einen mit Absicht verletzen, oder jene, die es einfach nur aus reiner Blödheit tun. 24.März
April:
Es geht nicht darum zu sagen: "Das bin ich nicht.", sondern zu sehen, daß alles irgendwo auch ein Teil von mir ist. 1.Apr
Es gibt immer noch Leute, die glauben an ausgleichende Gerechtigkeit. Meist sind es die, die sich selbst als Zünglein an der Waage sehen. 26.Apr
Ich will Blumen nur noch zum Geburtstag und zu meiner Beerdigung. 30.Apr
Mai:
Ich mag keine Dates, wenn sie sich Date nennen. 22.Mai
In Knoblauch und Butter gebratene Taranteln sollen gemäß Überlieferung gegen Rückenschmerzen helfen. Aber nicht mit mir.#National Geographic 24.Mai
Juni:
Sommer weht zur Tür herein. 5.Jun
Mysterium tremens 12.Jun
Nicht meine Rechtschreibfehler sondern meine Füllwörter bringen mich um den Verstand. 12.Jun
Diese verwaisten Geisterblogs machen mir Angst. Haben etwas von im Nebel treibenden Untoten, denen man manchmal unerwartet wieder begegnet. 24.Jun
Hallo, Herr Amsel-Rockstar! Setzen Sie Ihr Konzert heute noch fort oder war das schon alles? Ihr Publikum von den unteren Rängen 30.Jun
Juli:
Hab ich den Boden unter dem Teppich verloren? 7.Jul
Habe gerade nach "Grillen ruhigstellen" gegoogelt und hatte nicht einen Treffer. 16.Jul
....Sie ist wie das Herz, das schlägt oder nicht mehr schlägt. #Robert Schneider #Liebe 30.Jul
August:
Ab heute glaube ich wieder an das Gute im Menschen. 2.Aug
Ich glaube, ich bin sauerstoffsüchtig. Mag dieses angenehm kribbelnde Gefühl im Kopf, in den Lungen. Blubberbläschen unter der Schädeldecke 7.Aug
Ich fühle mich so unsichtbar, seit deine Augensterne nicht mehr für mich leuchten. 18.Aug
Liebe ist, ihm nicht zu sagen, was er zerstört hat. 26.Aug
Wenn du meinst, meine Narben wären von dir, dann irrst du dich. Die Narben sind ein Tribut an die Menschheit. 28.Aug
September:
Mein schlimmster Alptraum wäre es zu träumen, daß mich Johannes Heesters überlebt hat. #worstcase 3.Sep
Die dt. Sprache ist aberwitzig. In hellklaren Bewußtseinseinbrüchen sehe ich mich als Jongleur zwischen grammatikalischen Tarnidentitäten. 17.Sep
Überleben ist unpoetisch. 25.Sep
Überleben ist kein Twitterspiel. 25.Sep
Oktober:
Es gibt Menschen, die müssen nichts tun, um einen zu beschenken. Es reicht schon, wenn sie einfach nur da sind. 1.Okt
Ok, ich bin ein Rümpel. Ohne Stilzchen kann ich damit leben. Und ohne Pumpel auch. 1.Okt
Ein Blick von dir und ich wüßte, was ich wissen möchte. Möchte ich? 4.Okt
Schwarz. Angstschwarz. Nachtgewächs. Jäger der verlorenen Herzen. 7.Okt
November:
Die Spammails sagen mir jeden Tag, daß ich zu fett bin und endlich meine Gemahlin befriedigen soll. Langsam reichts! 15.Nov
Dezember:
Komm schon her, wenn du dich traust... 14.Dez
Manche Menschen würde man gerne in guter Erinnerung behalten, sie hätten es verdient, und doch stehen dauernd die schlechten Zeiten im Weg. 25.Dez
Das Nicht-Bild in meinem Herzamulett ist realer als das Bild von dir in meinem Herzen. 25.Dez
Wir treffen uns im Mond der fliegenden Enten... 26.Dez
Ein abgetrennter menschlicher Kopf befindet sich in meinem Müllsack. Ich habe ihn dort hinein getan, bin mir aber nicht sicher, ob ich das wirklich machen kann. Ob man ihn im Müllkombinat findet und die Spur bis zu mir zurückverfolgen kann? Ich mein, ich bin mir zwar keiner Schuld bewußt, da ich mich nicht erinnern kann, irgendjemanden ermordet zu haben, ich weiß auch gar nicht, wie der Kopf in meine Wohnung gekommen ist, aber das glaubt mir schließlich niemand, wenn man ihn in meinem Müll findet. Verzwickt.
Eine Unterrichtsgruppe, die Dieter Bohlen leitet. Wir sitzen dabei alle im Kreis und unsere Abschlußarbeit besteht aus einem gebackenen Stollenhaus mit weißbestäubten Dach, welches wir zu zweit anfertigen. Überraschenderweise hat Dieter Bohlen an mir und meiner Leistung nichts auszusetzen.
Bemerkung: Früher hat Reich-Ranicki in meinen Träumen den Unterricht geleitet. So kann es gehen. Aber der hatte immer was an mir auszusetzen.
Eigentlich würde ich das vergangene Jahr gerne vergessen und das schnell. Deshalb fasse ich mich auch kurz: Ratten, Geld und Krankheiten. Nachdem ich bereits im ersten Halbjahr von Ärzten genug hatte, nahm ich mir fest vor, mindestens ein halbes Jahr keinen Arzt mehr zu sehen. Das zog ich trotz diverser Versuchungen in Form nerviger Gebrechen durch. Und dann, als ich mich kurz vor Ende des Jahres fast schon in Sicherheit wiegte, war ich plötzlich von ihnen rudelweise umzingelt. Man entkommt ihnen eben nicht. Zumindest, wenn man sich statt neuer Wohnungen, Partner, Jobs oder was was man sich sonst so suchen kann, wie es andere tun, lieber neue Krankheiten zulegt. Und da muß man erst lebensbedrohlich erkranken, damit die Ratten ihre Schwänzchen einziehen, das sinkende Schiff verlassen und sich wieder in ihren Löchern verkriechen. Stattdessen kommen nun langsam die Wahrheiten in allen Bereichen an das Licht. Das ist zwar teilweise schmerzhaft, aber ab hier kann es eigentlich nur besser werden. Schließlich habe ich mehr als genug den Göttern geopfert, einschließlich meiner Haare. Und ganz nebenbei habe ich in diesem Jahr mehr Scherben produziert, als wahrscheinlich in meinem ganzen bisherigen Leben, sogar bis hin zu einem zerbrochenen Edelstahlmesser. Womit ich grandios bewiesen hätte, daß an diesem viel zitierten Aberglauben, daß Scherben Glück bringen, absolut nichts dran ist.
Was wird nun das neue Jahr bringen? Das Bibelorakel für 2011 sagt:
"Da entsetzte sich Daniel, der auch Beltschazar heißt, eine Zeitlang, und seine Gedanken beunruhigten ihn. Aber der König sprach: Beltschazar, laß dich durch den Traum und seine Deutung nicht beunruhigen." (Daniel 4.16)
Hm, merkwürdig, daß ich ausgerechnet einen "Traum-Spruch" erwische. Wenn man weiterliest, erfährt man, daß Daniel mit seiner Beunruhigung und Traumdeutung den König betreffend richtig lag, aber die Geschichte geht trotzdem gut aus.
Und die Karten sagen folgendes:
Gesundheit
In 2010 sah es schlechter aus:
Vermutlich viele Arztbesuche, wozu man kein Wahrsager sein muß, um das zu prophezeien, und der Feind bleibt noch greifbar.
Liebe
Nun ja, in die Verlegenheit einen Ehevertrag zu unterzeichnen werde ich 2011 sicher nicht kommen.
Beruf
Alles beim Alten und vielleicht eine positive Nachricht.
Heute ist der letzte Tag einer Praktikumswoche, die ich in einem großen Zentrum voller Arztpraxen, Geschäfte und Cafes absolviere. Bisher war ich als Assisstentin in einer speziellen MRT-Praxis eingesetzt. Was das Spezielle ist, will mir nicht mehr einfallen, vielleicht für ein bestimmtes Körperteil. Als ich früh um 8 Uhr die Tür zur Praxis öffne, finde ich dort eine völlig andere Besatzung vor. Das liegt daran, daß die Räumlichkeiten immer mal wieder getauscht und gewechselt werden. Hier ist nun eine normale MRT-Praxis zugange und auf meine Frage, unter welcher Zimmernummer ich meine zuständige Praxisanleiterin finde, kann man mir keine Antwort geben. Nun ja, ich werde die neue Örtlichkeit auch so finden. Aber zuerst könnte ich gleich meine mir zustehende halbe Stunde Frühstückspause machen und mir somit Zeit lassen. Während ich aus einem Fenster schaue, entdecke ich joggend auf der Straße meinen Sportskollegen vom Sportverein. Hm, wenn er heute joggt, werde ich ihn sicher auch abends beim Turnen treffen. Dabei wird klar, daß Montag ist. Als ich erneut das Zentrum betrete, ist es 9 Uhr. Mist, jetzt habe ich eine volle Stunde verbummelt. Hoffentlich bekomme ich keinen Ärger. Ich werde zwar etwas komisch angeguckt, aber man sagt mir nur, ich solle zum Empfang gehen. Empfang, hm. Wo ist der Empfang? Suchend sehe ich mich um und entdecke hinter einer Theke eine Frau, auf deren dunkelbraunem T-Shirt in großen gelben Buchstaben "Empfang" steht. Ahhh....ich melde mich bei ihr und sie führt mich in meine Aufgabe für heute ein. Ich soll im gleich vor der Theke befindlichen Single-Cafe aushelfen. Mir wird erklärt, wie das Prinzip funktioniert. Eine Vielzahl an unterschiedlich dekorierten Würfelzuckern befindet sich auf jedem Tisch. Manche sind halb in Schokolade getaucht, andere mit buntem Marzipan beklebt usw. Jedes Dekor gleicht einer Art Geheimsprache. Der Schlüssel zu dieser Geheimsprache befindet sich in der Speisekarte. Ein Dekor z.B. bedeutet: "Sprich mich an, ich rede mit dir." Ein anderes wiederum: "Ich wünsch mir deine Telefonnummer." Und ein drittes vielleicht: "Ich würde dich gerne kennenlernen." Nun kann man das passende Würfelzuckerstück an den entsprechenden Tisch bringen und dort ablegen. Auf diese Art ist es möglich, ganze Unterhaltungen zu bestreiten, bis man es wagt, persönlicher zu werden. Während ich gut zuhöre, schnappe ich mir zwei mit grünem Marzipan ummantelte Zuckerstückchen, um davon zu naschen. Eigentlich keine schlechte Idee, so ein Single-Cafe. Wußte gar nicht, daß es so etwas gibt. Die Anleiterin bietet mir nun an, mir eines der Zuckerstückchen zum Naschen zu nehmen. Anscheinend hat sie nicht bemerkt, daß ich bereits zwei in der Hand halte. Auf einmal ist mir mein voreiliges Verhalten peinlich und etwas betreten schaue ich auf die grünen Stückchen in meiner Hand. Auch die Anleiterin entdeckt sie jetzt, sagt zwar nichts, aber schaut pikiert. Schon wieder in ein Fettnäpfchen getreten! Ständig mache ich etwas falsch. Was müssen die nur von mir denken....