Die Chemo diese Woche wurde aufgeschoben, da ich nun schon seit fast zwei Wochen kaum noch irgendetwas essen oder trinken kann, ohne daß ich Bauchschmerzen bekomme und sogleich ein Date mit dem Klo habe. Erst dachte ich, es sei mal wieder Magen-Darm-Grippe, typische Zeit dafür, aber irgendwie ist es untypisch, daß es so lange dauert und ich einige wenige Sachen durchaus zu mir nehmen kann, die da wären: trockene Brötchen, Joghurt und Pfefferminztee. Wenn ich mich an diese Dinge halte, fühle ich mich relativ normal. Sobald ich nur eine andere Teesorte versuche, ist es vorbei und ich befürchte, daß es vielleicht doch eher Nebenwirkungen der Chemo sind. Die Ärzte haben gesagt, daß dies möglich ist, aber nicht, ob das dann auch wieder weg geht. Die Vorstellung, künftig nur noch von Joghurt, trocken Brot und Pfefferminztee zu leben ist nicht gerade sehr berauschend. Aber vielleicht bin ich auch mal wieder zu ungeduldig und sehe gleich schwarz. Jedenfalls war ich heute extra nochmal im Supermarkt, um mich mit genug Joghurt und Fladenbrot für das Wochenende einzudecken, mußte aber zwei Fladenbrote zurückgeben, weil trotz MHD vom 14.4. Schimmel drin war. Nicht gerade sehr appetitanregend...
Wenn ich in Familie und Bekanntschaft jetzt meine Geschichte vom drei Jahre lang verschleppten und falsch diagnostizierten Bandscheibenvorfall erzähle, ernte ich als Antwort so gut wie immer ein "man-sei-sprachlos". Wenn ich die Story von jemand anderem hören würde, wäre ich wahrscheinlich ebenso sprachlos. Die Geschichte löst allgemeine Sprachlosigkeit aus. Und in mir mit zunehmender Rückkehr der Lebensgeister nach der letzten Chemo nun doch Wut, vor allem, da ich schon ahne, daß ich wohl noch so einiges zu kämpfen haben werde, um mich ausreichend und angemessen behandelt zu fühlen. Ohne Kämpfen funktioniert es anscheinend nicht bei mir, egal wo ich bin und worum es geht, und wenn ich es nicht tue, fällt mir garantiert spätestens nach einigen Jahren auf, daß dies ein Fehler war. Nicht einmal wenn man krank ist geht es ohne Ellenbogen. Warrum hat mich nur nie jemand darauf vorbereitet?
Vielleicht bin ich süchtig. Poesie ist Honig auf einem wunden Herz, ein Heilmittel - vielleicht brauche ich mehr davon. Und ich stelle fest, daß ich auf solche Notfälle nicht eingerichtet bin. Jetzt verstehe ich den Sinn der traditionellen poetischen Hausschätze erst wirklich. Apotheken für die Seele. Ich habe zwar jede Menge ungelesener Bücher und vielleicht ist auch wenigstens eines darunter, das poetisch genug wäre, aber wie finde ich es? Bisher hänge ich nur ratlos vor dem Regal...
Ein Abend, den ich irgendwo in der Natur, an einem schimmernden See ausklingen lasse. Ich liege etwas erhöht auf einem Hügel, eine Decke zwischen mir und der Erde. Dies scheint ein beliebter Platz zu sein, in der Nähe von Oranienburg, denn auch andere Leute lassen sich hier nieder. Es kommen mehrere Asiatinnen, eine davon greift nach meiner Decke, als ich kurz aufgestanden bin. Dafür gebe ich ihr eine schallende Ohrfeige. Ich bin selbst über mich erstaunt und sie geht empört zu den anderen. Aufgeregt schnattern sie in ihrer Sprache durcheinander und werfen mir böse Blicke zu. Doch nach der Ohrfeige bin ich besänftigt und reagiere auf Bemerkungen von ihnen nur noch mit nett lächelnden Antworten, was auch sie besänftigt. Fast scheinen sie mich inzwischen zu mögen. Neben mir liegt nun eine Sportkollegin aus dem Gesundheitsverein. Wir reden nicht, ich habe sie noch nicht einmal gegrüßt, und ich hoffe, sie nimmt mir das nicht übel. Doch unser Schweigen ist einträchtig und vertraut. Irgendwann mache ich mich auf den Weg nach Hause und lande in einem fremden Schlafzimmer, wo ich den Weg durch einen der Kleiderschränke suche. Der Weg zurück nach Hause geht nämlich durch eine kleine versteckte Öffnung. Jemand macht mich darauf aufmerksam, daß ich im falschen Schlafzimmer bin und zeigt mir das richtige. Hier muß also irgendwo in den Kleiderschränken der Durchgang sein. Ich erwache in meinem Bett, neben mir ebendieselbe Sportkollegin, die gerade noch auf dem Hügel neben mir lag. Am Nachmittag klingelt das Telefon, ein Mann ist am Apparat. Sofort fällt mir alles wieder ein. Ich hatte gestern Abend einen Mann auf dem Hügel kennengelernt. Er heißt Gris und wir haben uns unterhalten. Er hat mir von seinem Lieblingsbuch erzählt und ich finde es auf meiner Anrichte. Hat er es mir geschenkt? Ich hoffe es, nicht daß ich es einfach eingesteckt habe. Es ist ein Kinderbuch über die Familie Eberlein und sieht aus wie die Ausgabe meines Struwelpeters, die ich als Kind hatte. Danach haben wir Fesselspiele gemacht, indem er mich mit dem Faden einer Garnrolle so sacht und fein einwickelte, daß ich mich jederzeit selbst daraus befreien hätte können. Ein wenig wundert es mich, daß er so schnell bei mir anruft. Am Telefon erzählt er mir, daß er mit mir sogar zur Oscarverleihung fahren würde. Hm, warum erzählt er mir das? Ich schweige und irgendwann schweigt er auch, was mir gar nicht gleich auffällt. Als ich das Gefühl habe, daß die Verbindung abgerissen ist, frage ich schnell: "Was hast du gesagt?" Ich lasse mich auf eine Verabredung bei ihm zu Hause ein. Es sind vier Freunde und Freundinnen von ihm dort, die in einer Couchecke sitzen und lebhaft diskutieren. Inzwischen würden wir gern alleine sein. Ich liege schon nackt und bäuchlings auf seinem Bett in der anderen Ecke des Raumes. Er betrachtet mich und macht begeisterte Bemerkungen über meinen angeblich kleinen, süßen Hintern. Zwischendurch sehe ich in einem Baum vor dem Fenster einen Affen, wie mir scheint, was mich sehr erstaunt. Ein Eichhörnchen ist es jedenfalls nicht, obwohl das Tier ein rotes Fell hat. Als ich Gris darauf aufmerksam mache, ist es ein kleinrassiger Bär, der aus dem Geäst springt. Auch Gris ist jetzt nackt und ölt meinen Rücken ein. Außerdem hat er ein schwarzes Kondom bereit gelegt. Doch seine Freunde scheinen unsere Aktivitäten gar nicht zu bemerken, bzw. sie stören sich nicht daran und machen keine Anstalten zu gehen. Deshalb zieht er sich wieder einen Bademantel über und wirft einen zweiten über mich drüber. Dann legt er sich halb auf mich drauf und beginnt mir aus seinem Kinderbuch über die Familie Eberlein vorzulesen. Dabei hält er eine andere Ausgabe in der Hand, die Ausgabe, die ich zu Hause habe, hat er mir tatsächlich geschenkt, wie ich erleichtert feststelle. Durch den Stoff der Bademäntel hindurch spüre ich seine Erektion, was mich so ablenkt, daß ich nichts von dem mitbekomme, was er mir vorliest. Stattdessen frage ich mich, wie lange er wohl an sich halten kann, ohne in den Bademantel zu ejakulieren.
Bemerkung: Da hat mich doch jemand offensichtlich umgarnt...
Ich weiß ja, warum ich eigentlich über dieses Thema nicht wirklich Literatur lesen möchte. Lieber tauche ich in ferne poetische Welten ab. Als ich dieses Buch "Überleben Glückssache. Was Sie als Krebspatient in unserem Gesundheitswesen erwartet" las, mußte ich dauernd weinen, weil ich vieles wiedererkannte. Aber wenn ich mich damit erst beschäftige, wenn alles vorbei ist, nützt mir das nichts mehr. Wobei in diesem Buch nicht viel Neues steht, interessant ist aber, daß das kritische Erleben der Patientin (Autorin) und die Meinung der Ärzte dazu gegenübergestellt werden. Vorbildlich auch das umfangreiche Glossar zum Nachschlagen verschiedener Fachbegriffe, vor allem jene, die Brustkrebs betreffen. Viele beschriebene Situationen sind wie von mir erlebt. Ebenso die Gefühle und Erfahrungen der Autorin, manches ist jedoch auch etwas anders gelaufen. Die Autorin hatte in einigen Dingen Glück, d.h. Dinge, die ich als Glück empfunden hätte oder empfinden würde: eine Ärztin als Freundin, die sie überallhin begleitet und ihr geholfen hat, eine Maskenbildnerin als Freundin, einen sehr guten Chirurgen und anscheinend bis auf Haarausfall null Nebenwirkungen bei den Chemos. Beneidenswert, doch dafür schlug die Chemo bei ihr nicht deutlich an. Vielleicht muß man sich ja richtig krank fühlen, damit es dem Tumor ebenfalls schlecht geht, so wie bei mir. Das Glück scheint mir in anderen Dingen hold zu sein, so zum Beispiel auch was die Klinik betrifft in der ich gelandet bin. Alles mußte ganz schnell gehen, bzw. sollte schnell gehen und ich hatte fast keine Möglichkeit und nicht den Kopf, um mich noch großartig umzuhören, zu vergleichen und zu entscheiden. Es war also Zufall oder Schicksal, daß es diese Klinik und diese Ambulanz geworden ist, aber ich habe das Gefühl, daß ich es, trotz der Ärgernisse, die es natürlich dort ebenfalls gibt, ganz gut getroffen habe. Ich höre jedenfalls täglich Schlimmeres und lese auch in diesem Buch davon. Ok, Klinik bleibt Klinik, Chemoambulanz Chemoambulanz, und ein Schulmediziner Schulmediziner. Man kann über bestimmte Dinge einfach nicht mit ihnen sprechen, da sie zu fach- und symptomfixiert sind, doch meine ich, daß sie sich in ihrem "Reich", ihrem Wirkungsrahmen, durchaus große Mühe geben, ebenso wie das Personal, wobei es selbstverständlich immer und überall solche und solche gibt. Auch fühle ich mich dort durchaus noch größtenteils als Mensch. Aber etwas, das in der Autorin in ihrer ganzen Geschichte durchweg Wut auslöst, ist auch hier ein genauso großes Problem, welches ich als ebenso kritisch erlebe, nämlich die fehlende Information. Immer und überall muß man fragen, nachbohren und muß immer wieder Grenzen setzen, was die Abnahme der eigenen Entscheidungen betrifft. Nur weiß man ohne Information nicht immer, wonach man eigentlich fragen, oder was man wissen muß. Es ist nötig, sich mühsam jedes Wissen Stück für Stück über andere Patienten, Bücher oder das Internet zusammenzusuchen. Und zwar echtes Hintergrundwissen und nicht nur den oberflächlichen Kram aus den Patientenratgebern, die auch noch meistens von Pharmafirmen herausgegeben werden. Einige Dinge würde ich bis heute nicht wissen, wenn ich nicht nachgefragt oder mich anderweitig informiert hätte. Und einige Dinge, besonders in der Klinik, lösen im Nachhinein bei mir ebenfalls Wut aus. Als ich anfangs gebeten hatte, die Befunde in Kopie zu bekommen, wurden mir diese nach Absegnung durch die Ärztin abkopiert, allerdings nicht alle, doch das merkte ich erst, als ich neues Wissen dazugewonnen hatte. Und wieder mußte ich fragen, als ich merkte, da fehlen noch Ergebnisse, und irgendwann kommt man sich schon blöd vor und wie ein Störenfried. Im Buch schreibt eine Ärztin, daß einfach die Zeit fehlt, um sich um solche "Sekretariatsarbeiten" zu kümmern, aber ich hätte eine ganz einfache Lösung dafür . Wenn jeder Arzt, der einen Befund schreibt, gleich einen Durchschlag für den Patienten ausdrucken würde, eine Sache von wenigen Sekunden, und er muß diesen ja nicht gleich dem Patienten in die Hand drücken, gäbe es dieses Problem nicht. Ich finde, die Ärzte verhalten sich völlig paradox. Denn wenn man ihren Meinungen, wie man sie im Buch lesen kann, glauben möchte, wünschen sie sich selbstverantwortliche und aufgeklärte Patienten, aber sie verhalten sich nicht so. Um selbstverantwortlich entscheiden und handeln zu können braucht man Informationen und genau die werden wie selbstverständlich zurückgehalten. Ich war schon immer der Meinung, jeder Patient sollte automatisch alle Befunde ausgehändigt bekommen, ob er sie nun haben möchte oder nicht. Mancher wirft sie vielleicht in die Ecke oder hat kein weiteres Interesse, sich damit auseinanderzusetzen, aber für andere ist dies vielleicht erst der Anstoß, sich auch selbst genauer zu informieren. Und siehe da - man höre und staune - es geht! Auf Grund dieses Buches wurde in der Klinik des behandelnden Arztes der Autorin das Verfahren eingeführt, daß jeder Patient eine Aktenmappe mit allen kopierten Befunden und Arztbriefen in die Hand gedrückt bekommt. Halleluja! Aber muß man als Patient eigentlich immer erst ein Buch schreiben, damit so etwas überall zum Standard wird?
Ich werde aufgefordert zu einer Besprechung mit einem der Ärzte in die Klinik zu kommen. Der Nachname beginnt mit St, weshalb ich denke, daß es Frau Dr. St. ist. In dem Raum mit großem, rechteckigen Konferenztisch sehe ich sie auch sitzen, allerdings ignoriert sie mich komplett und scheint mich gar nicht zu bemerken. Ich setze mich zu ihr an den Konferenztisch und warte. Wahrscheinlich ist sie zu beschäftigt und hat noch andere Patienten. Während des Wartens werde ich immer müder und schlafe ein. Als ich nach einer Stunde wieder erwache, verläßt sie gerade den Raum, was mich erst irritiert. Doch gleich darauf kommt ein männlicher Arzt, dessen Nachname ebenfalls mit St beginnt und begrüßt mich. Also habe ich wohl mit ihm die Besprechung. Es macht eine Bemerkung, daß ich aber sehr pünktlich sei und legt los, mir etwas zu erzählen. Leider ist seine Stimme so leise und undeutlich, daß ich ständig mit Achselzucken, und "Ich hab Sie nicht verstanden." reagieren muß, was mir selbst peinlich ist. Deshalb entschuldige ich mich damit, daß ich so müde sei, bin mir aber nicht sicher, ob dies wirklich der Grund ist. Ich bekomme mit, daß er mit mir einen Jahresvertrag abschließen möchte, verstehe aber nicht, was dies bedeutet. Scherzhaft sage ich deshalb, daß ich eigentlich nicht hier arbeiten wollte. Es macht mir Sorgen, daß ich irgendetwas unterschreiben und erfüllen soll, was ich zwischen Arzt und Patient eher ungewöhnlich finde. Er teilt mir nun mit, daß ich künftig woanders behandelt werde. Ich verstehe etwas von U-Bahnhof Brückenstraße. Das gefällt mir gar nicht, zumal ich wahrscheinlich mehrmals umsteigen muß, aber hierher nur 10 Minuten mit dem Bus fahre. Deshalb erhebe ich Einspruch und mache mein Argument geltend. Währenddessen ist eine Frau in grüner Operationskleidung in den Saal gekommen und hat den letzten Teil der Besprechung gehört. Sie mischt sich ein, indem sie mir sagt, ich solle bloß nicht dorthin gehen, das wäre nicht passend für mich. Dies bestärkt mich in meiner Meinung, weshalb ich nun definitiv ablehne. Der Arzt nimmt es gelassen, zerbricht sich jedoch um die Organisation den Kopf. Anscheinend ist der andere Behandlungsort für ihn günstiger, wenn er gleich danach Feierabend hat, und anscheinend ist er künftig bei den Behandlungen zugegen.
Bemerkung: Als ich heute wegen des Blutbilds in die Praxis kam, war dort Fr. Dr. St. anwesend, da sowohl die Chefärztin, als auch ihre Vertreterin erkrankt sind. Sie ignorierte mich jedoch keineswegs, sondern erkannte mich gleich wieder, obwohl ich sie seit dem Klinikaufenthalt nicht mehr gesehen habe.
Jedes Gebiet des menschlichen Wissens umfaßt auch unendlich viel Poesie. Viele Dichter hätten das längst begreifen müssen.
Um wieviel wirksamer und erhabener könnte das beliebte Thema des Sternenhimmels werden, wenn die Dichter, die darüber schreiben, mehr von der Astronomie wüßten!
Natürlich kann man von einer Nacht über den Wäldern schreiben und von einem Himmel ohne Gesicht; doch das bleibt ohne rechte Ausdruckskraft. Ganz anders hingegen erscheint uns die gleiche Nacht, wenn der Dichter die Bewegungsgesetze der Sternensphäre beherrscht und wenn sich im schwarzen Wasser der herbstlichen Seen nicht irgendein Sternbild im allgemeinen spiegelt, sondern der prachtvolle und traurige Orion.
(aus "Begegnungen mit Dichtern" von Konstantin Paustowski)
Die letzten drei Jahre sind ein einziger Irrtum. Wo ich hingegangen bin war ein Irrtum, wem ich vertraute war ein Irrtum, wo ich Hilfe gesucht habe war ein Irrtum, was ich glaubte war ein Irrtum, wem ich glaubte war ein Irrtum, wie ich mich durch die drei Jahre wurschtelte war ein Irrtum, auf wen ich mich verließ war ein Irrtum, was ich mir wünschte war ein Irrtum, vielleicht ist auch immer noch einiges von dem, was ich denke ein Irrtum, ohne daß ich es weiß. Nur das K, das ist kein Irrtum und weiterhin da. Das Abbild meiner Verwirrung und real gewordenes Urchaos. Das, was blieb. Doch selbst wenn man vorher weiß, daß es so oder ähnlich laufen wird, hat man keine Möglichkeit, es zu verhindern. Und was mache ich nun mit all diesen Irrtümern, die im Licht zappeln? Braten? An die Wand nageln? Mir hinter die Ohren schreiben? Etwas daraus lernen? Vielleicht noch mehr: Traue niemanden, wünsch dir nichts, glaube niemals etwas, verlasse dich auf niemanden und kaufe nix? Das wäre schrecklich. Kann man so leben? Dann doch lieber, daß das Leben eben so ist - immer für eine Überraschung gut, auch für die ganz perversen.
Neptunische Wendezeiten:
Jegliches Bemühen, einen Überblick und die Dinge in den Griff zu bekommen, ist mehr oder weniger zum Scheitern verurteilt...Neptun hat ganz anderes im Sinn als gutes Funktionieren...Tatsächlich fühlen wir viel tiefer mit anderen mit, weil unsere üblichen Schutz- und Abwehrmechanismen uns nicht mehr von ihnen abschotten. (Sich aus Mitgefühl zu verlieben ist allerdings ziemlich dumm.)
Chironische Wendezeiten:
Grundsätzlich nimmt uns Chiron die Illusion, unsere Lebensqualität durch spirituelle Techniken steigern zu können. Tatsächlich sind sie dazu auch gar nicht da - was manche Menschen gerne vergessen. Spiritualität ist keine Lebensverbesserungsmethode....denn jetzt gibt es nur einen Weg: Schmerz, Halbdunkel, und Hilflosigkeit aushalten. (aus "Ach, daher weht der Wind! Die astrologischen Wendezeiten im Leben" von Sitara Mittag)
Die Ratten raten nicht
mit Versen und mit Verben.
Es beginnt mit Trauen
und endet mit dem Rat.
Im Ver-lies des Urteils
der Selbstgerechtigkeit
ist Verlassen, doch kein Verlaß.
Moralische Grausamkeit
als Weg der Weltverbesserer
oder doch nur der Rache?
- Mein Achselhaarfoto ist immer noch sehr beliebt, nur habe ich keine Achselhaare mehr. Welch ein Glück, daß ich kein Gewerbe mit Achselhaarfotos angemeldet habe.
- Kein Tag ohne Rescue Pastillen Schwarze Johannisbeere mit Bach-Blüten. Aber die schmecken nun mal so gut.
- Manchmal wünschte ich mir mehr Blogs mit diesem praktischen facebook-Button oder etwas anderem in der Art. Denn Kommentare zu schreiben ist zur Zeit nicht meine Stärke und trotzdem würde ich ab und zu gerne bei bestimmten Einträgen etwas auf dem Blog zurücklassen.
- Die weiße Fahne vom letzten Jahr
http://weltentanz.twoday.net/stories/die-weisse-flagge-hissen/
hängt immer noch im Baum und trotzt standhaft allen Herbst- und Winterstürmen. Nur ist sie inzwischen völlig zerfetzt und zerfleddert, vom roten Teil ist auch nichts mehr zu sehen.
Heute Besuch bei meiner Hausärztin, die von meinem "Glück" noch gar nichts wußte. Aber ich wollte endlich den Befund des Rücken-MRT im Dezember wissen. Ich hatte zwar ganz früh einen Termin, doch es saßen bereits fünf Leute im Wartezimmer herum, einige davon schniefend. Mir wurde gesagt, ich solle wegen der niedrigen Leukozyten und der Infektionsgefahr Menschenansammlungen meiden, aber das ist beim Arzt etwas schwierig. Bald setzte sich rechts von mir ein älterer Herr mit einem wahren Terrorhusten, der tief aus den Lungen hinaufgurgelte. Ich wandte mein Gesicht also mehr nach links, doch ziemlich schnell fing der etwas jüngere Mann dort auch an zu husten. Zwischendurch hatte ich ein paar Male die Anwandlung, mir die Perücke vom Kopf zu reißen, damit sie vor mir zurückweichen. Schließlich holte ich ein Papiertaschentuch hervor und hielt es so unauffällig wie möglich vor Mund und Nase. Die Schwester bemerkte dies und schickte mich irgendwann zum Warten in eines der Sprechzimmer, kam hinterher und meinte, ihr sei aufgefallen, wie ich im Wartezimmer gesessen habe. Ich erklärte ihr erst einmal, daß ich Chemotherapie bekomme, was sie ganz schön umhaute und wir unterhielten uns eine Weile. Auch die Ärztin war sichtlich betroffen. Ehrlich gesagt irritiert mich das, weil ich lese, daß jeder Dritte in Europa an Krebs erkrankt, aber wenn man in so eine "normale" Praxis kommt, fühlt man sich trotzdem wie ein Exot, obwohl das eigentlich häufiger vorkommen müßte. Vielleicht ist es aber auch nur so, wenn man bereits 15 Jahre irgendwo in Behandlung ist. Der Befund des MRT haute dafür dann mich um - Bandscheibenvorfall. Das ist zwar nichts besonderes, aber wenn man den Bandscheibenvorfall erst nach fast drei Jahren an Arztbesuchen, Röntgen und mehreren MRT feststellt, und mir vorher immer erklärt, das sei Abnutzung, finde ich das schon etwas eigenartig. Ich fragte die Ärztin, wie das sein kann, und sie meinte nur, ich solle mir vielleicht besser einen anderen Orthopäden suchen. Leichter gesagt als getan, denn die sind anscheinend so rar wie eine Nadel im Heuhaufen und ein Völkchen für sich, wenn man andere so von ihren Orthopäden erzählen hört. Und das alles während der Chemo, wo man keine richtige Behandlung anfangen kann. Aber wenn ich drei Jahre lang damit herumgelaufen bin, macht ein dreiviertel Jahr mehr oder weniger den Kohl auch nicht mehr fett. Ich habe irgendwo gelesen, die Heilung von Bandscheibenvorfällen verläuft um so positiver, je eher man eine ausreichende Behandlung bekommt. Der Zug ist ja wohl abgefahren und mein Vertrauen noch ein wenig ramponierter, diesmal in die Ärzte. Eigentlich hätte ich Grund unglaublich wütend zu sein, aber ich kann das gar nicht, ich bin viel zu fertig dazu. Und in meinem Zustand wird man irgendwie bescheiden und ist über jeden Bandscheibenvorfall froh, der keine Knochenmetastase ist. Immerhin ist diese Wahrheit nun auch endlich an das Licht gekommen und ich weiß, daß mich mein Gefühl, es stecke mehr hinter den Beschwerden, nicht getäuscht hat. Nun habe ich schwarz auf weiß, daß es keine "normalen" Rückenschmerzen sind und ich weder Hypochonder, Jammerlappen oder Simulant bin. Das hat mir zwar niemand direkt gesagt, aber ich hatte trotzdem den Eindruck, daß es einige denken, zumal ich doch immer wie das blühende Leben aussehe, Verzeihung, aussah, und wenn ich Schmerzen habe meistens versuche, mir nichts anmerken zu lassen, bzw. wenigstens nur dann beim Händewaschen zu knien, wenn niemand zusieht (Ist das Eitelkeit?). Gibt es späte Gerechtigkeit? Mir geht immer ein Aussage Norman Mailers aus dem Roman "Das Schloß im Wald" durch den Kopf. Darin heißt es, daß Ungerechtigkeiten, die Menschen zugefügt werden, der beste Weg sind, diese zu Mandanten (des Teufels) zu machen. Doch es würde nicht funktionieren, wenn jeder sich bewußt machte, wieviel Unrecht anderen geschieht. Das stimmt. Und ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob ich selbst nicht ebenfalls anderen Menschen Unrecht zufüge.
Ja, der Chirurg, der hat es fein,
der macht dich auf und schaut hinein.
Er macht dich nachher wieder zu
- auf jeden Fall hast du jetzt Ruh,
wenn mit Erfolg für längere Zeit,
wenn ohne für die Ewigkeit.
(Eugen Roth)
Ein hoher, sich nach oben verjüngender Turm, vielleicht auch mehr ein Schornstein mit vier Wänden, denn oben gibt es kein Dach, sondern nur eine Öffnung. Ich befinde mich mit einer Masse anderer Menschen eingeschlossen in diesen Mauern. Von oben fallen Gegenstände in die Öffnung auf uns herab, als würde jemand sie hereinwerfen. Ich greife mir zwei davon, es sind ein Schwert und ein Schild (?), nicht sehr schwer, was gut ist, denn als Erste beginne ich nun beherzt den Aufstieg bis zur Öffnung. Dazu benutze ich ein Seil, nehme aber auch das Schwert und das Schild mit, und glücklicherweise gibt es an der Mauer größere Vorsprünge und sogar ganze Plattformen, die das Klettern erleichtern. Die anderen Menschen am Boden zollen mir für meine Idee und meine mutige Vorhut hörbar Anerkennung und folgen mit einigem Abstand. Nach einer größeren Strecke, die Öffnung aber immer noch weit entfernt, treffe ich auf eine ausgedehntere Plattform und beschließe, hier erst einmal still liegen zu bleiben, da ich nicht schwindelfrei bin, und zu warten, bis die anderen mich eingeholt haben. Doch ich entdecke in der Mauer einen Zugang zu einem Raum mit gemauertem Swimmingpool und etwas versteckt noch einen zweiten identischen Raum mit identischem Swimmingpool. Ich begebe mich in das zweite, etwas versteckte Wasserbecken, weil ich denke, daß dieses nicht so schnell gefunden und überlaufen wird. Hier lasse ich mich nackt im Wasser treiben, außer mir ist nur noch ein seltsames Tier im Wasser, das auf den ersten Blick aussieht wie ein Hund. Jedoch stimmt etwas nicht, das Hundeaussehen ist künstlich und ich bemerke, daß darunter ein ganz anderes Tier steckt. Der Hund ist nur Verkleidung oder Maske und als ich sie wie einen Kaffeewärmer abreiße, kommt ein Murmeltier (oder doch Wasserratte?) zum Vorschein. Es springt auf den steinernen Beckenrand und schaut mir von dort vergnügt zu. Nun strömen einige der Nachzügler in den Raum, auch sie bleiben auf dem Beckenrand stehen und schauen mich an, als wäre ich ihr Held. Doch sie betreten nicht das Wasser, entweder aus Respekt oder um meine Privatsphäre zu wahren. Schließlich bin ich nackt.
Mit einer Person, die ich im Traum ganz selbstverständlich für Jesus halte, in einer kargen und fast vollständig leeren Lehmhütte. Ich biete ihm an, sich auf den Boden schlafen zu legen, es ist mir allerdings etwas peinlich, daß ich nichts anderes als den Boden anzubieten habe. Nicht gerade sehr gemütlich. Doch ihn scheint das nicht zu stören. Er schaut den Lehmboden an und macht eine Bemerkung in der Art, als wäre der Lehmboden zum Schlafen hervorragend geeignet. Jetzt gilt es noch eine Suppe für ihn zu organisieren. Dazu brauche ich ein Gefäß, welches ich außerhalb der Hütte suche. Ich finde ein blaues Schüsselchen, gerade einmal so groß wie ein Aschenbecher. Satt wird man daraus nicht, aber besser als gar nichts. Eine richtige Eßschüssel ist wohl nicht aufzutreiben. Doch Sorgen mache ich mir deshalb keine mehr, denn mein Gast, der er anscheinend ist, wirkt nicht so, als stelle er hohe Ansprüche.
Traumfragmente mit einer Blaumeise, die ziemlich anhänglich ist und ein Stück Weg mit mir fliegt, sowie drei langsam in der Luft schwebenden tellergroßen Schmetterlingen.
Bemerkung: Das erinnert mich an das Tischgebet aus meiner Kindheit "Komm Herr Jesus sei du unser Gast, und segne was du uns bescheret hast. Amen."
bespaßte mich heute mit einer Menge Geschichten über Männer, die während der Chemotherapie ihrer Partnerinnen zu tragischen Säufern geworden sind, und beglückwünschte mich zu meinem Singledasein. Wo immer sie die her hat, unwahrscheinlich ist das nicht, allerdings scheint das bei Prominenten, wenn man sich so umschaut, eher nicht der Fall zu sein. Vielleicht gibt es auch in dieser Hinsicht einen Promibonus. Wenn ich mir jedoch überlege, wie geruchsempfindlich ich geworden bin, ist das schon bedenklich. Seit der letzten Chemo kann ich Puschel nicht mehr riechen, und Desinfektionsmittel, Infusionsbeutel u.ä. sowieso nicht. Ganz besonders von Wasser bekomme ich beim puren Anblick oder nur bei dem Gedanken, es zu trinken, einen Brechreiz. Ebenso verursachen Sitcoms und das Mark-Twain-Buch inzwischen Übelkeit, die Sitcoms, weil ich sie während der dritten und vierten Chemo in der Ambulanz gesehen habe. Weiterhin ist Zähneputzen ohne Brechreiz kaum noch möglich und an diverse Dinge wie kandierter Ingwer o.a., die ich direkt nach den Chemos gegessen habe, mag ich nicht einmal denken. Auch der Anblick oder der Geruch der Toilette ist kritisch, oder der Geruch der Tagesdecke. Man stelle sich vor, man hätte einen Mann zu Hause und könnte DIESEN plötzlich nicht mehr riechen ohne einen Brechreiz zu bekommen...wie schrecklich! Da wäre es verständlich, wenn er zum Säufer wird. Puschel purzelt gerade in der Waschmaschine und riecht hinterher wieder anders, aber einen Mann kann man nicht einfach in den Schonwaschgang stecken, und selbst wenn, würde es nichts helfen.
Bei genauerem Hinsehen scheint es im Zwinger Dresden von Dämonen nur so zu wimmeln.
zum Thema Brust-OP von einem Oberarzt:
"Das andere Extrem sind die Patientinnen, die sagen: "Machen Sie mal." Das gefällt mir auch nicht. Ich finde, die Frauen sollten kritisch sein und sie sollten auch mitschneiden..."
statt
"Das andere Extrem sind die Patientinnen, die sagen: "Machen Sie mal." Das gefällt mir auch nicht. Ich finde, die Frauen sollten kritisch sein und sie sollten auch mitentscheiden..."
hindurch war die Sprechstunde geöffnet und ich habe Nachtschicht im Job gemacht, hintereinander weg Klienten empfangen, die zahlreich erschienen und dachte dauernd: "Boah, warum müssen die alle heute kommen?" Der einzige Unterschied zur Wirklichkeit war der, daß es im ehemaligen Schlafzimmer meiner Eltern stattfand und ich die Akten in der Wäschekommode suchte. Einen Klienten habe ich kaum verstanden, weil er aus einem anderen Bundesland nach Berlin gezogen ist und einen seltsamen Dialekt sprach. Im Nachhinein würde ich fast meinen, daß es Schweizerisch war, also nicht nur ein anderes Bundesland. Und dann wacht man früh auf, wirklich früh, weil man sich noch eine neue Krankschreibung holen muß, und fühlt sich, als hätte man einen ganzen Arbeitstag hinter sich. Toll, wahrscheinlich fehlt mir dieser Genuß zur Zeit. Und von der Ärztin muß ich mir anhören, daß ich blaß aussehe. Ich bin es ja gewohnt, daß mir das ständig gesagt wird, auch von Ärzten und vor der Chemotherapie, aber wenn mir jetzt eine Ärztin sowas sagt, denke ich mir a) sie untertreibt und meint, ich sehe aus wie eine Heroinleiche und b) sie hat wohl noch nicht viele Chemotherapiepatienten gesehen. Ohne Perücke und in weißem Sackleinen könnte ich fantastisch kleine Kinder erschrecken, und nicht nur die. Bisher hat gegen die Blässe nur monatelange Erholung und viel Schlaf gewirkt, aber gegen Chemoblässe richten auch dieses Geheimwaffen nichts aus. Schon gar nicht, wenn man die ganze Nacht hindurch schuftet.