Weil ich in meiner Putpat.tv-App auf dem Fernseher zur Personalisierung als bevorzugtes Genre Jüdisch-Klezmer angegeben habe, zeigt die mir jetzt wirklich JEDES Musikvideo, in welchem irgendwo ein langer Bart im Bild vorbeiläuft. Ich glaube, die haben da etwas falsch verstanden. Ich bin schon ganz fertig von den Bärten, besonders von den hippen wipphoppenden. Und auch von der Tanzstunde, heute mit Twisten und diverse anderen anstrengenden Sachen. Die Kursleiterin hat mir erklärt, daß Holzboden für die Wirbelsäule besser ist als Steinboden, weil er federt. Wieder etwas gelernt. Außerdem meinte sie, da es ihr erster Kurs nach Weihnachten sei, hätte ihre Fitness doch sehr gelitten. Also wenn DAS bei ihr unfit ist, dann möchte ich ganz genauso unfit sein.
Zuerst irrte ich ein wenig umher, um die Tanzhalle zu finden. Der Pfeil zeigte zur Hintertür hinaus auf einen dunklen Innenhof. Dort war nichts zu sehen außer ein paar tote Schuppen. Mit einer anderen potentiellen Kursteilnehmerin suchten wir weiter im Haus, bis wir wieder auf den Innenhof geschickt wurden. Inzwischen hatte jemand Licht in der Tanzhalle entzündet und jetzt war sie nicht mehr zu übersehen. Blöd, wenn man so früh da ist. Wir meldeten uns also als erste bei der Kursleiterin, übrigens sehr sympathisch, und sie schickte uns in die untere Herrenumkleide mit der Begründung, daß ja eh keine Männer da seien. Die Umkleide ist vollkommen hakenfrei, warum auch immer. Für einen Umkleideraum eigentlich 'Thema verfehlt', würde ich sagen, und auch viel zu klein. Kurz vor Beginn des Kurses stürzte dann aber doch noch ein Mann an, der gleich den Namen "Quotenmann" bekam, und sich nun in der Ecke hinter einem Schrank umziehen mußte. Die Kursleiterin meinte, es sei noch nie vorgekommen, daß ein Mann dabei gewesen sei. Als der Kurs begann, erklärte sie, daß es um Kondition ginge, und das war irgendwann auch zu merken. Ich kenne das ja von der Rückengymnastik - immer, wenn es anstrengend wird, zieht sich die Zeit wie Kaugummi und man wundert sich, wie lange eine Stunde ist. Hier wunderte ich mich ebenfalls, warum immer noch ein und noch ein Lied kam, gegen Ende dachte ich, ich falle gleich ins Koma. Nun bin ich vermutlich eine der Ältesten in diesem Kurs, vorwiegend sind es doch jüngere Frauen, vielleicht sollte ich bei Senioren- und Versehrtensport bleiben. Andererseits war die Musik so, daß man trotzdem immer Lust hatte, weiterzumachen. Was wir da gemacht haben, tja, schwer zu beschreiben, eigentlich eine Art lockerer Tanzschritt-Aerobic (allerdings schon mit einigen Schrittfolgen), eine häufige Bewegung erinnerte mich an diese Übung mit den Keulen, die man in der Schule bei der künstlerischen Gymnastik gemacht hat, sowie Stretching, einige Yoga-Übungen, einige Rücken-und Bauchübungen und zum Abschluß eine Tiefenentspannung in der abgedunkelten Halle. Also im Grunde genommen alles in einem, was man so braucht, Spaß hat es jedenfalls gemacht, doch mir fehlt die Kür. Wenigstens so zehn Minuten, die man sich relativ frei austoben darf, auch künstlerische Freiheit genannt. So kommt man zwar sehr ins Schwitzen und wird wahrscheinlich ziemlich fit, aber mehr nicht. Verkehrt ist es erstmal nicht. Die Kursteilnehmerin, mit der ich anfangs zusammen gesucht hatte, erzählte mir, daß sie vorher bei einer Salsa-Aerobic gewesen wäre. Da war die Leiterin aber doof (wahrscheinlich Tänzerin), war total von sich eingenommen und hat die komplizierten Schrittfolgen nicht erklärt. Salsa-Aerobic klingt trotzdem interessant, aber anscheinend muß man schon alle Schritte drauf haben. Nur mit dem Grundschritt kommt man da nicht weiter. Außerdem hörte ich von ihr, daß sie ihre Kursanmeldungen immer bei ihrer Krankenkasse einreicht, und wohl tatsächlich etwas erstattet bekommt. Das sollte ich vielleicht auch versuchen, auf diese Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Blöd nur, daß nach jedem Sport außer Yoga, der Rücken immer noch mehr weh tut. Aber das kenne ich ja schon.
die Haare sich nun endlich im Laufe der letzten Woche herabgelassen haben, nahm ich den heutigen Termin bei der Onkologin zum Anlaß, das erste Mal die neue Kurzhaarfrisur auszuführen. Wobei man es eigentlich nicht wirklich Frisur nennen kann. Ich habe nur Haarwachs hineingeknetet und alles durchgewuschelt. Die Ärztin meinte, das steht mir gut, aber ich bin da skeptisch, weil ich glaube, daß mir Kurzhaarfrisuren generell nicht stehen. Und wenn ich sogar mit langen Haaren als "Junger Mann" angesprochen werde, nun ja. Auch ist es nicht nur Einbildung, daß mir die Brust an den Ansätzen weh tut, denn unter Ultraschall waren Lymphknoten- oder Lymphwasserstauungen an den "Rändern" zu sehen. Eine Lymphdrainage wollte ich aber erstmal nicht, sollte ich aber zumindest vor der nächsten Mammografie in Betracht ziehen. Als ich ihr von dem Tanzkurs erzählte, fand sie das gut und fragte mich, ob ich ein Instrument spiele. Die Patientin davor würde Akkordeon spielen und das sei so toll. Mag ja sein, ich finde Akkordeon auch toll, aber noch ein Instrument spielen lernen wäre vielleicht ein bißchen viel auf einmal, zusätzlich zum Tanzkurs, dem Zeichnen, das ich neu begonnen habe, das Kochen und Backen, das ich so vorher nicht gemacht habe und erst lerne. Und natürlich nicht zu vergessen das Schreiben. Die Psychoonkologin will, daß ich das Romanmanuskript an Verlage schicke. Ich glaube nicht, daß mich das in meinen momentanen Problemen weiterbringt, aber andererseits hat sie damit recht, wenn sie meint, Versuch macht klug. Allerdings scheitere ich schon am Exposee, da mir zu viele andere Dinge und Grübeleien durch den Kopf gehen, und irgendwie habe ich auch nicht wirklich Lust, das alte Manuskript zu überarbeiten, was zu mindest zu Beginn nötig wäre, sondern wenn schon, dann lieber an neuen Sachen schreibe. Desweiteren sind hier immernoch genug Dinge zu erledigen, die in den ganzen letzten Jahren liegen geblieben sind. Außerdem würden sich die Nachbarn sicher "freuen", wenn ich ebenfalls noch anfange zu musizieren, denn bei uns im Haus hört man bereits jeden Mittag die Flötentöne des peruanischen Mafiosi. Aber immerhin kann er wenigstens spielen. Bei dem, was ich eigentlich alles vor habe, ärgert es mich, daß ich oft so antriebslos bin und manche Tage gar nichts auf die Reihe kriege. Dieser Lebensknoten, in den ich mich verstrickt habe, und bei dem, egal an welchem Faden man zieht, sich nichts mehr vor und zurück bewegt, belastet mich, denn auch wenn der sichtbare Knoten herausgeschnitten ist, fühle ich mich erst sicher, wenn der andere Knoten ebenfalls gelöst ist und ich nicht ständig das Gefühl habe, eine zentnerschwere Eisenkugel mit mir herumzuschleppen. Manchmal möchte ich mitten in diesem Knoten wie eine Bombe explodieren und alles von diesen Stricken in Stücke reißen. Ein Selbstmordattentat sozusagen. Aber wenn man es genau betrachtet, ist das wirkliche Selbstmordattentat ja bereits die Erkrankung. Denn was sollen die Stricke anfangen, wenn ihr Ursprung und ihr Ziel nicht mehr da ist?
Beim Entzünden des Streichholzes explodiert der Streichholzkopf zu einer relativ großen und runden, gleißend hellen Feuerkugel. Ich trage es vorsichtig zu einer Tischgesellschaft, einige Schritte entfernt, um ihnen Feuer zu geben. Wahrscheinlich sind noch ein paar Kerzen anzuzünden und zum Grillen wird es vielleicht auch gebraucht. Doch ehe ich den Tisch erreiche, hat das Feuer bereits meine Finger berührt und ich lasse es zu Boden fallen. Als ich es aufheben will, bemerke ich, daß gleich daneben ein anderes abgebranntes Streichholz liegt. Kurz abgelenkt und einen Blick auf die Tischgesellschaft werfend, stelle ich fest, daß diese bereits ein großes Feuer an ihrem Tisch haben. Sogar ein gefährlich großes und freies Feuer, das in hellen Flammen züngelt. Mir bleibt da nur noch, die beiden abgebrannten Streichhölzer in den Müll zu werfen.
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Meine Träume der letzten Zeit finde ich irgendwie fast widerlich klischeehaft. Ich frage mich, ob Klischees in Träumen auch Klischees im Denken anzeigen, oder ob meine Träume gerade diese Symbole und Metaphern verwenden, damit die Botschaft auch wirklich bei mir ankommt. Anders verstehe ich sie sonst vielleicht nicht.
Mein Vater im Talar ist gerade nach dem Gottesdienst aus der Kirche getreten und steht, der Gemeinde zugewandt, auf einem Weg. Als ich an ihm vorübergehe, hat er mir den Rücken zugekehrt und bemerkt mich nicht. Ich möchte auch nicht, daß er mich bemerkt, sinniere aber darüber, daß er, obwohl so schwer krank und pflegebedürftig gewesen, immernoch lebt und sogar wieder arbeitet, während meine Mutter, die nie so schwer erkrankt war, inzwischen tot ist. Wie seltsam.
Irgendwann beschließe ich, daß ich mit dem Sterben beginnen sollte. Die Idee dazu ist mir bei dem Anblick eines prächtigen Doppelgrabes gekommen, welches aus zwei übereinandergezimmerten Särgen besteht, die in Pastellfarben bunt bemalt sind. Im oberen Sarg liegt bereits eine einbalsamierte, mir unbekannte Frauenleiche, die aber bisher über einige Jahre hinweg noch nicht beerdigt wurde, weil ein "Bewohner" für den unteren Sarg fehlte. Dieser möchte ich nun werden. Dazu beginne ich mit diversen Vorbereitungen. Wie bei ägyptischen Mumien gehören auch Schmuckbeigaben dazu. Diese bestehen unter anderem aus einer wuchtigen eisernen Halskette mit strahlenförmig angeordneten Gliedern, die solch ein Gewicht hat, daß sie meinen gesamten Oberkörper in eine gebeugte Haltung nach vorne zieht. Nachdem ich diese Kette mit einigen Schwierigkeiten umgehängt habe, lege ich mich auf eine Bahre. Am Fußende steht eine ältere Frau (die Onkologin?) und beginnt mir die Füße zu massieren. Dies soll der Entspannung dienen, da ich aber kitzlig bin, zappel ich erst etwas herum, bevor ich endlich wirklich entspannen und die Massage zulassen kann. Doch kaum ist das geschehen, bricht der Frau beim Massieren ein Fingernagel ab und sie hört auf. Jetzt liege ich seitlich auf der Bahre und wünsche mir A. herbei, damit er mich beim Sterben begleitet. Kaum habe ich das gedacht, spüre ich seine Berührung an meinem Rücken, wo er sich neben mich auf die Laken gesetzt hat. Ich wage nicht, mich umzudrehen, aus Furcht, ich könnte ihn damit wie einen Traum vertreiben.
Irgendwo tief versteckt in den Küchenschränken fand ich einige Brühwürfel, die ich mir vor längerer Zeit einmal kaufte, weil ich meinte, ich bräuchte sowas, um Geschmack in das Essen zu kriegen, wenn ich denn in die Verlegenheit komme, etwas zu kochen. Meine Kochkünste beschränkten sich bisher eher auf Spaghetti, Spiegeleier und Pellkartoffeln, sowie diverse Fertiggerichte, da die Zeit ja doch nie reichte. Deshalb habe ich sie auch nie benutzt. Seit ich nun in den letzten Monaten Zeit zum Kochen hatte und auch "richtige" Gerichte zubereitete, steige ich so langsam hinter die Grundgeheimnisse des Kochens und stelle fest, daß Brühwürfel so überflüssig sind wie ein Kropf. Und die "leckeren" Inhaltsstoffe wie Geschmacksverstärker, Jodsalz, Aroma und Citronensäure machen mir alles andere als Appetit. Also ab in den Müll damit.
In mehreren Räumen haben sich Kollegen, Bekannte und Verwandte zusammengefunden, um zu feiern und zu tanzen. Ich tanze mit mehreren Männern. In einen von ihnen bin ich verliebt, die anderen sind seine Brüder und/oder Kumpel. Danach sitze ich in einer Runde von Kolleginnen, unter ihnen M., die ebenfalls Brustkrebs hatte. Ihre Brust wurde amputiert und sie sagt, daß sie auf der Suche nach einem Arzt für den Brustaufbau sei. Wir unterhalten uns über dieses Thema und irgendwann erzähle ich ihr auch von meiner Studienkollegin, die gleich nach der Brustkrebsdiagnose gestorben ist. Dabei ist sie kurz vorher noch im Urlaub gewesen, sehr mysteriös das Ganze. Tage später, in den selben Räumlichkeiten, sind wieder alle versammelt. In einem der Zimmer wurden Verkaufsstände aufgebaut. Diese will ich aufsuchen und setze mich zwischendurch im Menschengemenge, weil vor dem Verkaufstand eine ganze Schlange von Leuten steht. Jemand umfaßt mich von hinten und beugt sich zu mir hinunter. Es ist mein Herzensmann. Mit Tränen in den Augen fragt er mich, ob ich seine Nachricht nicht bekommen hätte. Ich verneine, bei mir ist keine Nachricht angekommen. Traurig murmelt er, daß er dann seinem Bruder/Kumpel wohl nicht trauen kann, denn dieser sollte eine Nachricht übermitteln. Zum Glück hat er mich selbst noch einmal angesprochen und mich gefragt, denke ich. Er geht wieder, doch bald darauf schlingen sich die nächsten Arme um meinen Hals. Es sind die vom Bruder oder Freund und es scheint mir, daß er ebenfalls Interesse an mir hat. Er beginnt zu erzählen, daß mich der andere täuschen will und es nicht ernst mit mir meint, deshalb habe er mich schützen wollen und mir die Nachricht nicht überbracht. Ich kann das einfach nicht glauben - sollten die Tränen gespielt gewesen sein? Mir fallen all meine vergangenen Liebesbeziehungen ein, die dadurch entzweit wurden, daß sich Kumpel als Rivalen eingemischt und Mißtrauen gesät haben. Soweit will ich es diesmal nicht kommen lassen. Ich werde es einfach nicht glauben und kann es auch gar nicht glauben, dazu fühle ich zuviel von seiner Liebe. Die Leute im Verkaufsraum haben alles mitbekommen und unsere Liebesbeziehung bereits seit dem Tanzfest aufmerksam und gönnerhaft gerührt beobachtet. Als ich mich anstelle, sagen mir viele aus der Schlange: "Der linkt dich nur!" Die Frage ist wer - mein Herzensmann oder der Bruder/Kumpel? Ich beschließe ganz einfach, es auf den letzteren zu beziehen und antworte nichts darauf. Als ich an der Reihe bin, ist die Verkäuferin äußerst liebeswürdig, redet wohlwollend über unsere Verliebtheit und macht mir nur deshalb, weil sie davon so warm ergriffen ist, einige Zugaben und Geschenke, wie eine Schüssel voller Kekse mit Zuckerstreuseln. Außerdem schlägt sie mir vor, ein neues Nachthemdchen zu kaufen und zeigt mir gleich ein weißes, welches durchgehend durchsichtig ist, nur an den Kanten dicker abgesteppt und mit kleinen weißen Streublümchen in großzügiger Verteilung dekoriert. Da kann ich auch gleich nichts anziehen. Mich interessiert deshalb mehr ein ähnliches Nachthemdchen mit gleichem Schnitt, aber mit großen aufgesetzen, orientalisch anmutenden Applikationen in Dunkelrot und Türkis, die nur einige schmale durchsichtige Streifen lassen. Ich beschließe es zu kaufen und stelle fest, daß es 32 Euro kostet. 32 Euro für ein Teil, das ich wahrscheinlich kaum tragen werde, aber egal, die großzügige Stimmung der Leute hat mich angesteckt und einen Rückzieher will ich jetzt nicht mehr machen.
In meinem ehemaligen Kinderzimmer sind die Fenster schräg nach hinten gelegt, als wären sie Dachfenster, und unvermutet landet ein blaubunt schillernder Pfau darauf. Na sowas, wo kommt der denn her? Ist er irgendwo ausgebüxt? Auch später, als ich mich auf dem Hof befinde, ist er noch da und springt in den Bäumen umher. Ich wundere mich über die Leichtigkeit, mit der er das tut, obwohl er doch vom Körperbau ziemlich plump wirkt.
Zufällig treffe ich eine Bekannte, mit der ich zusammen in einen Kunst- und Fotografiezirkel gegangen bin. Sie besucht den Zirkel immer noch und erzählt, daß demnächst eine gemeinsame Reise nach Brüssel geplant ist, um dort zu zeichnen und zu fotografieren. Ohhhh, da möchte ich auch mit - denke ich bei mir und frage mich, ob es wohl auffällt, wenn ich mich unaufällig in den Zirkel schleiche. Jetzt hätte ich schließlich Zeit und es ist keine zusätzliche Belastung wie sonst, der Grund, warum ich irgendwann nicht mehr mitgemacht habe. Kurz entschlossen setze ich mich einfach in den Raum, fast dem Zirkelleiter gegenüber. Es ist mein ehemaliger Kunsterziehungslehrer und er bemerkt durchaus, daß ich wieder da bin und so tue, als sei nichts gewesen. Er sagt ebenfalls nichts dazu und akzeptiert es stillschweigend, weil er mich mag und es gut findet, daß ich erneut dazugestoßen bin. Wenig später sitzen wir schon alle im Zug nach Brüssel und ich unterhalte mich mit einigen Leuten, die ich noch nicht kenne.
Allein gehe ich durch eine Art Schrebergartensiedlung. Was ich dort tue ist unklar, vielleicht habe ich mich verlaufen und weiß es selbst nicht. Ich treffe einen Asiaten in alten und schmuddeligen Stonewashjeans-Klamotten. Er wohnt hier sehr genügsam in einem Gartenschuppen, wovon er lebt, ist nicht klar. Wahrscheinlich teils von Selbstversorgung und teils von einigen krummen Geschäften. Er läd mich zu sich ein und da er mir mit irgendetwas einen Gefallen getan hat, frage ich, ob ich etwas für ihn tun kann. Er wünscht sich, daß ich ebenfalls Stonewashjeans anziehe und über Nacht bleibe, nicht bei ihm, aber zumindest in der Siedlung. Also das mit den Jeans muß ich mir noch überlegen, dazu habe ich überhaupt keine Lust, aber in der Siedlung übernachten - warum nicht? Ich weiß eigentlich sowieso nicht so genau, wohin ich will. Man zeigt mir eine Matratze, die mitten auf einer Kreuzung von zwei Gartenwegen liegt. Auf dem kleinen Platz steht auch eine Bank, an der sich anscheinend Jugendliche aus der Siedlung versammelt haben. Sie haben einen kleines schwarzes Lämmchen bei sich. Als ich es mir auf der Matratze bequem gemacht habe, von den Jugendlichen gar nicht weiter beachtet, sie sind es gewohnt, daß hier Leute unter freiem Himmel übernachten, reißt sich das schwarze Lämmchen los, rennt auf mich zu und springt übermütig über die Matratze drüberweg, dreht um und springt noch einmal, bevor es auf die Jugendlichen hört, die es rufen. Putzig!
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Schwarzes Schaf, ja, so fühle ich mal wieder. Jetzt wo Neptun für mich in den letzten Zuckungen liegt und durch Pluto/Uranus abgelöst wird, scheint er noch einmal alles aufs Tapet, bzw. vor meine Augen zu bringen, was in den letzten 10 Jahren Sache war, falsche Versprechen, Heimlichkeiten, Intrigen, Fakes und Testmails oder ähnliche Spielchen, falsche Fassaden, üble Nachreden, Vertrauensbrüche. Nicht daß ich sowas vorher nicht mitbekommen hätte. Ich bekomme sehr viel mit, aber erst jetzt beginnt mir gefährlich akut der Geduldsfaden zu reißen und ich möchte eigentlich nur noch aussortieren und abschließen, was tot ist und was ich nicht mehr mitmachen will, und ich hoffe, das gelingt mir bald. Ich verstehe sowieso nicht, warum es nicht möglich ist, mir unmißverständlich und klar ins Gesicht sagen kann, was man von mir hält, wenn es denn für das Wohlbefinden sein muß, und mich danach einfach in Ruhe läßt, sondern immer dieses ständige versteckte Pieksen, Zurückweisen und Verumglimpfen, als würde man testen wollen,wie lange ich wohl brauche, bis meine Gutmütigkeit an ihre Grenzen kommt und ich mich dann gleichzeitig zum Deppen mache, weil man ja alles ganz leicht abstreiten kann. Eine einzelne Verletzung mag vielleicht heilen, doch wenn immer neue dazukommen und die Wunde noch vergrößern, hilft irgendwann auch kein Trostpflaster mehr.
Sämtliche Gespräche sind anscheinend inzwischen ohne Vorwarnung beendet, davon kann man ebenfalls ausgehen, wenn man seit drei Monaten mit Nicht-Antworten hingehalten wird. Aber das kenne ich schon - immer, wenn mir Informationen wirklich wichtig sind, verweigert man mir die Antworten. Natürlich bekommt man im Leben nicht auf alles eine Antwort, aber ich frage ja nicht nach den letzten Geheimnissen des Universums, sondern nach relativ einfachen Dingen, wie Gründe und Absichten. Die Antworten suche ich auch, weil ich ungern jemandem Unrecht tue. Mein Fehler, ich hätte wissen müssen, daß es gar nichts zu klären oder zu erklären gibt, wenn es einfach nur um Abneigung oder die Lust geht, den Frust an jemandem abzureagieren, daß meine Schuld wohl nicht in einzelnen nachvollziehbaren Fehltritten liegt, sondern wahrscheinlich allumfassend ist. Vermutlich bin ich schuld an der Finanzkrise, am Welthunger, an Tsunamis, Kinderarbeit, an unglücklichen Beziehungen, Blog- und sonstigen Krisen. Oder wie es einer meiner Klienten aus der Psycho-Abteilung gerne ausdrückte: Ich solle mir eine Kugel in den Kopf schießen. Vermutlich wäre die Welt ohne mich eine bessere, aber sorry, ich habe vor kurzem erst entschieden, daß ich noch eine Weile mitmischen will, so lästig das auch für einige sein mag. Und in dieser Zeit werde ich ganz sicher mehr oder weniger weiterhin das Internest beschmutzen. Während der Chemo hat es mir geholfen, mich auf all die Menschen zu konzentrieren und an sie zu denken, die mich mögen und es ehrlich mit mir meinen. Das sollte ich in Hinblick auf mein seelisches Gleichgewicht zu einer guten Angewohnheit werden lassen, ebenso wie von einem neuen glücklichen Leben zu träumen, das es doch in irgendeiner Parallelwelt geben muß, statt mich an undefinierbaren Fronten aufzureiben.
Umherwandernd in der alten elterlichen Wohnung, erlebe ich auf einmal einen Moment völliger Klarheit und Erkenntnis. Es ist nicht mehr auszumachen, was dazu geführt hat, aber sofort bin ich mir des Traumes bewußt und weiß, daß ich nun den Traum lenken und alles tun kann, was ich möchte. Spontan fällt mir das Fliegen ein. Ich bin lange nicht mehr geflogen. Kaum habe ich das gedacht, schwebe ich auch schon an die Decke. Die unterstützenden Ruderbewegungen mit den Armen brauche ich fast gar nicht. Hui, das fühlt sich gut an. Unter der Decke entlang fliege ich etwas umher, bis mich plötzlich eine Sturmböe erfaßt und an die Wand schleudert. Dagegen anzufliegen ist fast unmöglich. Wo kommt der Wind eigentlich her? Irgendjemand muß die Türen aufgelassen haben. Es gelingt mir, gegen den Windstrom in das Wohnzimmer zu fliegen, ein Durchgangszimmer mit zwei Türen. Beide stehen offen. Wenn ich die hintere schließe, dürften die heftigen Zugwinde ausgesperrt sein. Als das erledigt ist, bin ich wieder auf dem Boden angelangt und gehe zurück in die Diele. Die Schlafzimmertür steht offen und ein rotes Kleid hängt seitlich auf einem Bügel daran. Ich schaue hinein und rufe nach meiner Mutter, aber es antwortet niemand. Also ist sie wohl doch nicht anwesend. Inzwischen überlege ich, was ich weiter mit diesem luziden Traum anfange. Ich könnte telefonieren und A. anrufen. Zwar weiß ich nicht, wo ich hier in der Wohnung ein Telefon finde, aber es müßte ja bei voller Kontrolle auch einfach herbeizuzaubern sein. Auf dem Fußboden der Diele sitzend, konzentriere ich mich auf ein Telefon. Trotzdem will keines erscheinen. Dann erinnere ich mich an die Technik des Imaginierens. Ich stelle mir vor, ich hätte ein Telefon, wähle auf ihm eine Nummer und spreche irgendetwas in den unsichtbaren Hörer. Jetzt steht tatsächlich ein schwarzes Telefon vor mir. Doch ich habe vergessen, was ich eigentlich damit wollte und rede weiter laut mit mir selbst. Da kommt aus der Schlafzimmertür eine Gestalt mit einer schwarzen Till-Eulenspiegel-Haube heraus, welche nur einen kleinen runden Ausschnitt für das Gesicht freiläßt. Ich brauche etwas länger, um sie zu erkennen. Es ist eine Kollegin, in Bürokreisen liebevoll "Hexe" genannt, die munter auf mich zuspringt und mich umarmt. Sofort schnattern wir beide durcheinander, wie es uns geht und wo wir herkommen. Für einen kurzen Moment ist es, als sei ich sie und könnte spüren, wie unangenehm der obere Rand der Kappe beim Reden immer über die Augen rutscht. Das aufgeregte Geschnatter geht ohne sinnvolle Information weiter und ich erwache.
Von Feenhaar bedeckt
wandere ich umher
prüfe die Farbbogen
der westlichen Sonne
und die Wolkenhöfe
des östlichen Mondes
Grauumweht
von den Sturmtiefen
im Innen und Außen
Das Kornblumenblau
ist verschwunden
und der Glitter fällt
lautlos wie Schnee
aus meinen Wünschen
Wenn ich mich aus dem Küchenfenster beuge und auf den Vorgarten hinunterschaue, sieht dieser aus wie ein durch klares Wasser schimmernder Wald aus fremdartigen Meerespflanzen. Seltsam! So viel geregnet hat es doch gar nicht. Die Straße wirkt ganz trocken. Mich wieder der Küche zuwendend, fällt mein Blick auf den Mülleimer. Eine einzelne Kornblume steckt darin, mit untertassengroßer Blüte. Leider mußte ich sie wegwerfen, was mich sehr traurig macht. Wenn man sich die Blüte genau betrachtet, fällt auf, daß die festen Bestandteile der Pflanze, ihre Grundblätter, der Stiel, die Nervenfasern und Äderchen noch unversehrt sind und ihr auch im Verblühen eine fragile Schönheit geben. Doch das Blau ist aus den Blütenblättern gewichen. Die Blume ist tot und nicht mehr zu retten.
Die neue Sturmfrisur
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