Irgendjemand schien mir heute den geradezu perfekten Sommertag mit dem perfekten Sommerwetter vermiesen zu wollen. Es begann damit, daß ich mir früh den Rest der Plombe aus dem Backenzahn putzte. Jetzt brauche ich beim Essen wieder doppelt so lange, weil ich peinlich darauf achten muß, daß keine Essen an den Zahn kommt und nur rechts kauen kann. Bei der Knochendichtemessung hat die Ärztin gar nichts gesagt, sondern mir den Befund in die Hand gedrückt. Als ich den Befund las, war das erst einmal ein Schock: "Die BMD-Bewertung (T-Score) weist auf eine Osteopenie hin. Die alterskorrigierte BMD-Bewertung (Z-Score) ergibt ein verdoppeltes Frakturrisiko in Bezug auf das Risiko der Altersgruppe." Ich hatte noch nie im Leben eine Fraktur, aber die Chancen scheinen gut zu stehen. Und ich bin froh, daß ich mich nicht habe abwimmeln lassen und auf die Untersuchung bestanden habe, denn so weiß ich wenigstens schon vorher Bescheid und kann versuchen, noch etwas dagegen zu unternehmen, bevor es schlimmer wird. Vitamin-D-Tabletten wegen des Mangels habe ich mir bereits in der letzten Woche gekauft. Interessanterweise scheint die Osteopenie am Schenkel stärker zu sein als an der Lendenwirbelsäule. Und interessant wäre auch zu wissen, ob die vor der Chemo schon erkennbar war oder erst danach entstanden ist. Ich beschloß aber, mir den Tag trotzdem nicht verderben zu lassen. Nachdem ich Vormittags alles erledigt hatte, wollte ich mir mittags einen netten Platz an der Spree suchen und etwas essen, da ich ja früh nichts essen kann. Auf dem Weg zur Spree bemerkte ich, daß in meiner Kamera die Speicherkarte fehlte. Undenkbar! Also bin ich zurück zum Kaufhaus und hab mir eine Speicherkarte geholt und dazu gleich noch mehrere schöne bunte Notizbücher, die eingepackt waren und von außen, also am Schnittrand, aussahen, als seien sie unliniert. Später mußte ich feststellen, daß sie doch liniert sind. Aber gut, eines davon wollte ich sowieso verschenken. Dann kaufte ich mir für 2,20 EUR ein Brötchen mit Ei - Pflaumen und ein Päckchen Kakao hatte ich von zu Hause mitgenommen - und picknickte gemütlich auf einem Liegestuhl an der Spree. Da nach 12 Uhr die Sprechstunde bei der Zahnärztin beginnt, hatte ich vor, per Handy anzurufen, um einen Termin zu besorgen. Leider teilte mir das Handy mit, daß die Pin gesperrt ist und ich die Puk eingeben solle. Die Puk habe ich natürlich nie dabei und auch zu Hause weiß ich nicht wirklich, wo ich die finde. Nachmittags bin ich ins Kino, um mir "Ausgerechnet Sibirien!" anzuschauen, war aber leicht enttäuscht. So wirklich schön wird der Film erst nach 40-50 Minuten, aber ich finde auch, daß man aus dem tollen Stoff mehr hätte machen können. Witzigerweise fiel mir erst nach dem Film auf, daß ich, rein zufällig natürlich, zum Lesen zwischendurch ein Buch über schamanische Rituale der Lakotaindianer spontan am Morgen eingesteckt hatte und ebenso spontan eine bestickte Folklorebluse angezogen hatte. Als ich aus dem Kino ging, dachte ich bei mir, man könnte annehmen, ich hätte das absichtlich so arrangiert, damit es zum Film paßt. So, und jetzt gehe ich diese dämliche Puk suchen...

nachdem ich normalen Tapetenkleister unter Zusatz des Bordürenklebers angerührt habe, hält das Wachstuch endlich zufriedenstellend an der Wand. Anscheinend ist Bordürenkleber auch nur ein Mythos der Baumarktindustrie und Geldmacherei. Das ist das Schöne am Heimwerken - wann findet sofort Lösungen, während man bei anderen Problemen lange dafür knabbern muß. Die Küchenordnung ist vorerst wiederhergestellt, die Wäsche gewaschen, "Walpurgisnacht" von Meyrink ausgelesen. Morgen muß ich um 7 Uhr aufstehen und Termine abarbeiten, sowie Zahnarzttermin besorgen, so daß ich abends wohl den Tanzkurs erneut vergessen kann. Da habe ich mir anscheinend zu viel vorgenommen.
klappt aber gar nichts heute. Stundenlang in der sengenden Hitze Wachstuch zugeschnitten und versucht das Zeug an die Wand zu bekommen. Also nicht an die ganze, sondern nur ein Streifen über der Spüle. Ein heißer Tip aus dem Internet. Hält nur mit dem Bordürenkleber leider nicht, zumindest nicht das große Stück. Inzwischen ist es mit Reißzwecken angetackert, sieht aber natürlich nicht so besonders aus, wenn es an der Wand schlackert. Wenn es halten würde, würde es schon ziemlich gut aussehen, da es einen Mosaikdruck in passenden Farben hat. Kann nur hoffen, daß ich es morgen noch vernünftig verklebt kriege. Aber damit habe ich wieder nicht geschafft, was ich eigentlich schaffen wollte. Irgendwie verschätze ich mich immer. Und jetzt klebe ich und stinke und stinke und klebe, aber das will ich nicht so genau ausführen....
Edit: Mist, gerade ist mir doch die halbe Plombe aus dem rachitischen Backenzahn gefallen. Noch eine ewige Baustelle und ein Termin mehr.
aktuell vom 18.05.2012 bis Ende Januar 2014:
Gefühlsschwankungen
Während vieler Monate gültig: Dieser Einfluß signalisiert eine Zeit starker psychischer Veränderungen und emotionalen Aufruhrs. Zu den möglichen Manifestationen dieser Phase gehören: Plötzliche Ereignisse, an denen Frauen beteiligt sind, emotionale Störungen, emotionale Impulsivität und überstürztes Handeln, plötzliche Stimmungswechsel und Veränderungen im intimen häuslichen und persönlichen Leben...
...Jetzt ist es ebenso wichtig wie schwierig, innerlich ausgeglichen zu bleiben. Vielleicht sind Sie in Ihrem gewohnheitsmäßigen emotionalen Ausdruck in starre Formen verfallen, so daß Sie sehr viel Lebendigkeit eingebüßt haben. Ein positiver und konstruktiver Umgang mit diesem Einfluß kann Sie wieder in Beziehung zu Ihrem Leben bringen - wenn vielleicht auch durch ein Ereignis, das Sie im ersten Moment als ein Unglück betrachten. Doch was auch geschehen mag, wenn Sie mutig vorwärts blicken, werden Sie feststellen, daß Sie jetzt wieder lebendige Gefühle empfinden. Diese können zwar auch Kummer und Leid sein, weil Sie vielleicht einen Menschen oder einen anderen Wert verloren haben, doch die Fülle des Lebens, die Ihnen dadurch zuteil wird, daß Sie sich ganz eins fühlen mit Ihren ureigensten Empfindungen, wiegt alles auf, was Ihnen während dieser Zeit genommen werden könnte. (von www.astro.com)
Sag ich doch!
Im Moment kommt es mir vor als würde ich auf 150 Baustellen gleichzeitig arbeiten, jedenfalls zu viele Baustellen, welche die letzten zwanzig Jahre hervorgebracht haben und die liegengeblieben sind. Am Mittwoch war eigentlich ein Family-Ausflug geplant, musste aber abgeblasen werden. Im Grunde bin ich darüber ganz froh, ein Termin weniger. Jeden Tag hört man jetzt von neuen Krebstoten und das sind dann nur die prominenten. Würde ich wie andere Blogs Nachrufe schreiben, wäre das hier der reinste Friedhof. Also entweder werden es tatsächlich immer mehr, oder meine Aufmerksamkeit für solche Dinge hat sich geändert. Meine Güte, das macht es einem nicht gerade einfacher, führt aber auch dazu, dass man jeden Tag einen Denkzettel verpasst bekommt, sein Leben jetzt sofort zu leben und nicht zu warten. Überhaupt habe ich dem Warten gegenüber eine ganz neue Einstellung. Früher war ich ungeheuer geduldig, und konnte wochen-, monate-, ja sogar jahrelang warten. Inzwischen ist Geduld nicht mehr meine bevorzugte Charaktereigenschaft, zumindest nicht, wenn nicht wenigstens kleinste Fortschritte erkennbar sind, und Warten keine bevorzugte Verhaltensweise mehr. Ich finde, ich habe in meinem Leben genug gewartet. Zu vieles gibt es noch zu er-leben, zu versuchen, zu erkunden und zu erfühlen. Mit meinem Lebenshunger wäre ich gerade wahrscheinlich sogar bereit, mich in die verderblichsten Situationen zu bringen und mir die ärgsten Probleme an den Hals zu schaffen, einfach weil ich nicht mehr darüber nachdenke, was morgen sein könnte. Und weil das so ist, entwickle ich eine ziemliche Affinität zu Menschen, denen es genauso geht, denn das Angenehme an ihnen ist, dass sie nicht lange überlegen oder zögern. Da heißt es kühlen Kopf zu bewahren, sonst könnte der Katzenjammer doch ausgeprägter sein, als man sich wünscht. Seltsamerweise dachte ich früher immer, egal was andere sagten, es sei egal wie man sein Leben lebt, da es eh nur ein unwichtiges Leben unter vielen ist, aber jetzt merke ich, dass es doch nicht so gleichgültig ist, womit man es füllt. Warten soll es jedenfalls nicht sein.
Zuerst bin ich erneut im Krankenhaus um Fäden aus der Wade ziehen zu lassen. Das geht schnell und ich bekomme nicht viel davon mit. Danach wird eine Knochendichtemessung gemacht, bei welcher ich mich vor ein Fenster stellen muß, hinter dem eine Schwester mit Apparaturen hantiert. Schließlich sitze ich in irgendeinem Wohnzimmer mit einem roten Tuch um den Kopf, so als hätte ich eine neue Chemo, und bekomme einen Hustenanfall, der nicht mehr aufhört. Mir beginnt alles vor Augen zu verschwimmen und die Kräfte verlassen mich. Ich denke bei mir, das ist das Ende, bzw. der Beginn vom Ende. Mein (verstorbener) Vater kommt, als er mich husten hört, besorgt aus einem anderen Zimmer herbeigeeilt. Er zieht mich hoch und läuft mich festhaltend mit mir herum, während ich mich frage, warum er mich nicht ausruhen läßt, wo ich doch so schwach bin. Auf einmal ruft er jubelnd: "Sie hat die Augen geöffnet! Sie lebt wieder!" Ich finde das komisch, denn eigentlich ist mir, als hätte ich die Augen die ganze Zeit geöffnet gehabt. Sonst hätte ich ja nichts sehen können. Aber vielleicht war ich ja vorübergehend bewußtlos ohne es zu merken? Seltsamerweise kann ich jetzt, wo ich die Augen geöffnet habe, meinen Vater nicht mehr sehen, sondern nur noch seine Hände spüren, die mich festhalten. So als sei er mit einem Mal unsichtbar. Und vielleicht ist das auch richtig so, weil dies die Realität ist und das andere vorher ein Traum.
Letzte Nacht hatte ich einen sehr intensiven, emotional aufwühlenden Traum. Da ich hier unter strengster Bewachung und Beobachtung stehe und deshalb über Gefühle meistens schweigen muß, weil ich nicht sicher bin, was davon vielleicht sonst noch gegen mich verwendet werden kann, ist der Traum diesmal nur in meinem Geheimblog zugänglich (ich hab dich trotzdem lieb):
Hier gehts lang...
Ich brauche größere Manteltaschen, denn darin soll Platz sein für die
Erdnüsse zum Eichhörnchenfüttern, Kleingeld zum Verschenken und für die
Samenbomben zum Abwerfen.
Guerilla Gardening nennt man das. Dazwischen werden noch ein paar selbstgezüchtete Schmetterlinge freigelassen. Was für ein Spaß! Dieses
Urban Knitting finde ich ja auch sehr faszinierend, aber ich stricke so ungern...
warum ein Verlag sein Ausschreibungsformular nicht gleich auf der Website zum Download anbietet und einen statt dessen alles zweimal schreiben und schicken läßt, bzw. noch öfter, weil man für jeden Text ein Extra-Formular braucht. Wahrscheinlich ist das ein Ausdauertest. Zum Glück habe ich zwanzig Jahre Erfahrung im Formulareausfüllen.
Ich treffe einen ehemaligen Klassenkameraden von mir, den ich trotz seines neuen Vollbartes sofort erkenne. Der Vollbart ist ungewohnt, aber das muß er ja selbst wissen. Er sagt mir, was für eine tolle Frau ich sei und weitere Komplimente, was durchaus mal angenehm ist, auch wenn es nur im Traum vorkommt. Anscheinend ist er aber so beeindruckt von mir, daß er mich gleich nur noch mit "Sie" anspricht. "Hey", protestiere ich, "wir kennen uns aus der Schule. Da kannst du ruhig weiter "Du" sagen!" Das wäre ja noch schöner, wenn mich jetzt schon die Klassenkameraden ehrfürchtig Siezen.
Edit: Fehlt bloß noch, daß mich mein Unterbewußtsein jetzt auch schon mit "Sie" anquatscht.

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"Katzen gab es eine Unzahl im Hause, lauter alte, langsam schleichende Geschöpfe.
Oft sah der Student ihrer wohl ein Dutzend auf dem Gang auf und nieder wandeln, grau und leise, als warteten sie wie zu Gericht geladene Zeugen, bis man sie einvernähme - aber nie betraten sie das Zimmer, und wenn eine einmal den Kopf irrtümlich zur Tür hereinsteckte, zog sie ihn sofort wieder zurück, gewissermaßen mit einer Entschuldigung, daß sie einsehe, es sei noch nicht an der Zeit, ihre Aussage vorzubringen."
(aus "Walpurgisnacht" von Gustav Meyrink)
"Gegen den Tag" lese ich auch noch - wollte ich nur mal anmerken, denn man könnte es bezweifeln. Immerhin hätte ich bei 645 Seiten andere Bücher schon lange ausgelesen, aber bei insgesamt 1600 Seiten dauert das wahrscheinlich ein paar Jährchen länger. Wobei ich durchaus weiterhin angetan bin, aber mehr als ein Kapitel geht einfach nicht, ohne daß man wieder etwas Einfacheres braucht. Eigentlich wäre der Titel "Gegen die Seiten" passender.
An den Mülltonnen ein ausrangiertes tischgroßes Gemälde von ausgesuchter kitschiger Gräuslichkeit Schönheit gefunden. Es zeigt zwei barbusige, meerjungfrauenhafte Maiden an einem mondbeschienenen Strand in zärtlicher Umarmung. Mit penibler Sorgfalt wurde darauf geachtet, daß trotz der Umarmung bei beiden Frauen die vollen, perlmuttern schimmernden Brüste zu sehen sind. Dies wird erreicht, indem eine etwas höher hinter der anderen, in den Sand gesunkenen, steht und beide in dieselbe Richtung - irgendwo in die Ferne schauen. Interessanterweise sehen sowohl die Brüste, als auch die Gesichter der beiden absolut identisch aus. Entweder sind dies also eineiige Zwillinge oder aber, bei den Perfektesten aller gemalten Schönheiten ist keine Abweichung mehr erlaubt. Man wird schon etwas neugierig, bei wem solch ein Bild wohl einmal im Schlafzimmer gehangen hat.
Nutella, bzw. genauer gesagt so eine weiß-braun gestreifte Creme, was für mich dasselbe ist, da ich beides nie esse, haben mich durch die Nacht begleitet. Vielleicht weil ich gestern erstmals so ein Probiersachet mit Bio-Haselnußcreme auf Brötchen verspeiste und unanständig schmackhaft fand. Anscheinend hat sie mich sogar stärker beeindruckt, als ich dachte:
Es ist Weihnachten und A. steht spätabends plötzlich vor der Tür. Wissend, daß er jederzeit bei mir willkommen ist, nutzt er das gerne aus und taucht immer wieder mal auf. Er möchte gerne Süßes und fragt danach, aber dummerweise habe ich weder Lebkuchen noch sonstige Süßigkeiten im Haus. Ich schneide ihm deshalb einige Scheiben Brot ab und biete ihm Nutella dazu an. Er ist zufrieden.
Auf einer Klassenfahrt, die eher eine Dienstfahrt ist, da sie mit Kollegen stattfindet, bin ich mit drei anderen Kollegen zusammen in ein Zimmer "gefercht", zumindest empfinde ich das so. Es ist nervtötend. Oben auf einem Doppelstockbett sitzend und die Beine baumeln lassend, überlege ich, wie ich wohl noch den letzten Tag hier überstehen soll. Glücklicherweise sind es nur drei Tage und die letzte Nacht bricht bereits an. Irgendwie werde ich die auch noch schaffen, immerhin habe ich tröstlicherweise ein volles Glas Nutella neben dem Bett zu stehen. Als ich in den Waschraum will, sehe ich im Flur eine schwarze Tafel auf welcher mit weißer Kreide geschrieben steht, daß am 30. bis um 30 Uhr, was wohl Mitternacht bedeutet, eine Nachtwanderung stattfindet. Doch am 30. werden wir schon nicht mehr hier sein.