~~~~~~~~~~~~~
Keiner kommt hier lebend raus ~~~~~~~~~~~~~
Wer glaubt, mich zu kennen, weiß mehr als ich.....
Meine Stimmung
Zuletzt gehörte Songs
Bibeljahresorakel 2008
Ich will wieder an meinen Ort gehen, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen; wenn es ihnen übel ergeht, werden sie mich suchen.... (Hosea 4.5.6)
Jugendherberge auf verschneitem Berg. Verschneite einsame Höfe zwischen stillweißen Bäumen. Meine Freundin, ich und vier Doppelstockbetten für uns alleine. Jede Nacht ein anderes Bett, tagsüber, neben rasanten Schlittenabfahrten im menschenleeren Wald, Orgien mit Jojos, auswendig gelernten Aha-Liedern und Sahnetorte aus der heimischen Bäckerei. Dazu drei Kilometer durch den Schnee hinunter ins Dorf stapfen. Bei mindestens sechs Kilometer Fußmarsch oder mehr und klirrender Kälte braucht man schließlich Energie, viel Energie. Kichern und Lachen über unsere geheimen Sahneentgleisungen. Die Eltern wissen ja nicht, wovon wir uns während der Ferien ernähren. Die sind weit, weit weg im fernen Berlin. Und kein Wort wird jemals über unsere Lippen kommen.
Ich glaube, ich habe das schon einmal geschrieben, aber ich finde, mein Ahn sieht aus wie Nosferatu. Er war übrigens Arbeiter in einer optischen Anstalt (ja, ja, das sagen sie alle), neben dem Bäckerhandwerk (von dergleichen Fähigkeiten aber nichts auf mich übergesprungen ist) das traditionelle Gewerbe unserer Familie. Inwieweit dies damit zusammen hängt, daß die meisten auch dicke Brillen tragen, wage ich nicht zu beurteilen.
Ich mag Jim Morrison nicht besonders. Ehrlich jetzt. Jeder denkt, wenn man gerne The Doors hört, müsse man Jim Morrison mögen. Das stimmt nicht. Zum Beispiel finde ich ihn nicht besonders gutaussehend und attraktiv (ok, bis auf die Hüften, als er noch schlank war - aber das Gesicht ist doch wirklich gruselig). Vielleicht habe ich aber auch nur so ein gespaltenes Verhältnis zu ihm, weil ich in meinen ersten vier Schuljahren einen Mitschüler hatte, der genauso wie ein kleiner Jim Morrison aussah. Er hatte dieselben Schlupfaugen, dasselbe flache Gesicht und denselben Trotzmund. Außerdem auch noch genau die gleiche Frisur, was die Eltern wohl absichtlich so wollten. Er war ein Rabauke wie Jim Morrison, nur an Intelligenz mangelte es ihm völlig (ganz im Gegensatz zum Vorbild). Ich mag zum zweiten die Stimme und den Gesang von Jim Morrison nicht besonders, sondern war schon immer der Meinung, daß viele der Doors-Songs instrumental sehr gut kommen, weshalb ich mich meistens mehr auf die Begleitung konzentriere. Das ist ungefähr so wie bei den Wagner-Opern, nur mit dem Unterschied, daß bei den Doors der Gesang die Songs nicht sehr viel schlechter macht und man das halt wegen der Lyrics akzeptiert. Allerdings gibt es auch hier eine einzige Ausnahme, nämlich diese paar Zeilen "When the music's over, when the music's over, yeeeeaaaaahhh....turn out the lights, turn out the lights", von ihm gesungen mit diesem Timbre wie tropfender zähflüssiger Sirup in der Stimme, die ich immer wieder hören könnte.
meinen Vater in "Verkleidung" habe ich ja noch erkannt, aber seit ich die gescannten Familiendias das erste Mal gesehen habe, ständig überlegt, wer wohl dieser junge Mann ist, der zwischen ihm und meiner Mutter steht. Heute fiel mir gänzlich unerwartet ein, daß es wohl am wahrscheinlichsten wäre, meinen Bruder dort zu finden. Also schaute ich es nochmals genauer an - tatsächlich mein Bruder mit Bürstenschnitt! Hilfe! Aber ok, zu meiner Konfirmation trug ich einen französischen Zopf. Auch nicht viel besser.
Es war die schönste Zeit des Jahres, die Zeit, in welcher ich von früh bis abends draußen herumlungerte, weil ich zwei Monate Ferien hatte und es Sommer war. In dieser schönsten Zeit des Sommers geschah es, daß Kinder, mit denen ich sonst spielte, verreisten, und andere Kinder, mit denen ich sonst nicht spielte, ihre Oma in der großen Stadt besuchten. So auch T., der regelmäßig ein bis zwei Wochen im Sommer auftauchte und in der Wohnung über uns bei seiner Großmutter logierte. Wir freundeten uns an und so überbrückte ich einige der eher einsamen Ferientage. Ich erinnere mich, wie wir zusammen manchen Nachmittag auf den Stufen vor dem Küsteramt saßen, ein Tablett auf unseren Knien, mit Bergen von kleinen Kartoffelpuffern, die die Oma frisch zubereitet hatte und einer Schale weißen Zuckers. Der Duft von frischen Kartoffelpuffern mischte sich mit dem Duft von Sonne, kühlem Stein und Gras. Gerecht teilten wir sie uns, aßen sie genüßlich mit den Fingern, nachdem wir sie vorher in den Streuzucker getunkt hatten, und die Großmutter winkte uns freundlich aus dem Küchenfenster zu.
In meiner Kindheit spielte ich bei ausreichendem Wetter am liebsten draußen oder in den Hausfluren, wozu ich nicht viel Spielsachen brauchte, doch an langen grauen Winternachmittagen gab es da etwas anderes, worauf ich mächtig stolz war - eine gigantische Puppenstube. Obwohl ich eigentlich wenig mit Puppen spielte, war die Puppenstube etwas, an dem ich sehr hing, im Gegensatz zu der Sammlung von geschenkten Puppen, die ich besaß. Seltsamerweise kann ich mich nicht mehr an den Moment erinnern, als ich sie, es muß wohl zu Weihnachten gewesen sein, geschenkt bekam. Sie war für meine Begriffe riesig groß, hatte vier Zimmer und auf der anderen Seite eine echte Hausfassade mit geklinkerten Säulen, kleinem Vorgarten mit grünem Rasen, auf welchem man auch ein Spielzeugauto abstellen konnte. An der zweiten Etage verlief ein langer Balkon über zwei Seiten des Hauses. Praktischerweise besaß sie ein Flachdach, praktisch deshalb, weil man sie so ohne Probleme erweitern konnte. Dies tat ich mit zwei einzelnen Puppenzimmern, einem Puppenbad, welches man - Schande über den Architekten - im Haus vergessen hatte, sowie einem alten Schulzimmer inklusive Schulbank, Tafel mit Kreide und Lehrerpult. Selbstverständlich erhielten die Kinder des vornehmen Hauses ausschließlich Privatunterricht. Zur Freude aller Kinder, die an dem Puppenhaus mitspielen durften, besaß das Bad an der Außenwand zwei große Wassertanks. Diese konnte man mit Leitungswasser füllen und dann die kleine Wasserhähne über Wanne und Waschbecken aufdrehen, aus denen jetzt das Wasser wieder herauslief. Außerdem gab es ein echtes kleines Klo, bei dem man den Deckel hochklappen und an der Spülung ziehen konnte. Auch wenn ich alleine wenig mit den Puppen spielte, beschäftigte ich mich doch Stunden damit, das Haus umzuräumen, zu dekorieren und mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten auszustatten. Ich fertigte aus alten Fellen Teppiche, aus Stoffen Gardinen und Vorhänge für die Rundbogentüren an der Balkonseite, malte Bilder zum Aufhängen und bastelte kleine Faltbücher für die Puppenbildung. Mein Cousin bastelte ein Batteriereservoir für verschiedene Lampen mit echten kleinen Glühbirnen, die man an und wieder ausschalten konnte. Das Wohnzimmer in der zweiten Etage, mit einer riesigen Fensterwand und einer davor befindlichen Blumenbank ausgestattet, aus der bunte Plastikblumen sprossen, besaß sogar einen Fernseher, und zwar einen, in dem man tatsächlich etwas sehen konnte, allerdings nur, wenn man ihn an das Auge hielt. Es war nämlich ein Touristenmitbringsel, das mir einmal geschenkt wurde, mit einem kleinen Guckloch. Wenn man auf einen kleinen Knopf an der Unterseite drückte, konnte man im Fernseher selbst diverse Bilder von feschen Schwarzwaldmädels sehen. Ok, vielleicht war das Fernsehprogramm etwas einseitig, aber doch weit fortschrittlicher als in manch anderer Puppenstube. Unter dem Wohnzimmer lag das Schlafzimmer, in ihm befand sich auch die Eingangstür des Hauses. Es ist zwar sicher etwas ungewöhnlich, sich nach dem Eintritt sofort im Schlafzimmer zu befinden, aber die breiten Puppenbetten brauchten einfach viel Platz und es schien auch keinen der Bewohner wirklich zu stören. Über das gesamte Haus verteilt waren witzige kleine Dinge, wie winzige Haarbürsten, bunte Schalen, klitzekleine Weinflaschen, Wanduhren, in der Küche waren die Schränke voll mit winzigen Tellern, Tassen und Kännchen, sogar Eßbares gab es, wie kleinste Käseecken und Brote. Dies alles wurde von einem Porzellan-Bernhardiner beschützt, dem Hund des Hauses, der einstmals aus einer Glasvitrine dorthin umgezogen war und schon leicht angeschlagene Pfoten hatte. Und auch ein Eichhörnchen durfte nicht fehlen. Das Plastiktierchen fand seinen Platz auf dem Balkon. Dies war das erste eigene Haus in meinem Leben und wird wohl das einzige bleiben.
Mit den unerforschlichen Weiten der Radiofrequenzen kam ich zum ersten Mal während einer Krankheit in Berührung. Radio kannte ich bisher nur aus den Nachmittagsstunden im Wohnzimmer oder dem Arbeitszimmer meines Vaters. Dieser hörte regelmäßig SFB und Deutschlandfunk, meistens Jazz- oder Swingsendungen. Nachmittags, wenn meine Mutter nach Hause kam und wir oft am Tisch saßen, um gemeinsam Tee zu trinken, lief stets Swing. Eines Tages, ich musste das Bett hüten, war jedoch nicht krank genug, um mich nicht zu langweilen, stellte mir meine Mutter, nebst dem Pfefferminztee, ihr wenig benutztes Kofferradio aus der Küche neben das Bett. Dieses lief auf Batterien, war ein echter Plärrer und besaß eine Antenne, sowie zwei große Knöpfe, einen für die Lautstärke und einen für die Sender. Nun beschäftigte ich mich durch Drehen an letzterem den ganzen Tag damit, interessante Neuigkeiten, kurzweilige Geschichten und schöne Musik zu finden.
Meine Mutter überredete meinen Vater, daß ich ein eigenes Radio bekommen sollte, was in der Praxis dann so aussah, daß ich einen uralten 50iger Jahre Weltempfänger, den er noch irgendwo in einer Rumpelkammer aufgehoben hatte, in das Zimmer gestellt bekam. Mit diesem empfing ich weniger Sender, als mit dem Kofferradio, aber er hatte den unschätzbaren funktionalen Vorteil, so riesig zu sein, daß man darauf Vasen und anderen Nippes abstellen konnte. Trotzdem war er für mich damals ungefähr so eine Attraktion wie für heutige Kinder ein eigener Fernseher (den ich nie besaß) oder ein eigener Computer (die es damals noch nicht gab). Ich frönte mit Eifer dem Frequenzenerforschen und dem Heben von Rundfunkschätzen, von denen ich vorher nicht wußte, daß es sie gibt. Natürlich war dieses Radiogerät im Vergleich zu denen, die andere Kinder in der Klasse besaßen, ein Witz, aber immerhin, in einer Zeit als die privilegiertesten Mitschüler schon einen Walkman besaßen, hatte sich meine Mutter so weit durchgesetzt, daß mich aus dem Westen ein Paket in Form eines Radioweckers ereilte. Dies war nicht das erste, denn einige zuvor hatte mein Vater schon in Gebrauch oder in Aufbewahrung genommen, so daß ich bei einem Besuch des entsprechenden Spenders wahrheitsgemäß auf die Frage, wie mir mein neuer Radiowecker gefalle, antworten mußte, daß ich gar keinen besäße, da mein Vater die alle habe. Der nächste, der geschickt wurde, kam dann an und landete neben dem Weltempfänger. Im Grunde war der Radiowecker nicht viel anders, nur sehr viel kleiner, und er konnte, was der Name schon sagt, mit Radio wecken, was mich wenig begeisterte, so wie alles, was mit Wecken zu tun hat. Auch heute noch ertrage ich eher selten am frühen Morgen Musik oder Radio. Aber er besaß außerdem so eine geniale Sleeptaste, was bedeutete, man konnte abends Radio hören, ohne daß dieses die ganze Nacht plärrte, wenn man dabei einschlief. Es wurde nun zu einem regelmäßigen Ritual vor dem Einschlafen noch Musik oder bestimmte Rundfunksendungen zu hören. Unvergessen bleibt der Donnerstag, denn Donnerstagabend lief im Ostfunk eine humoristische Spaßsendung, die bewirkte, daß ich, vollkommen untypisch, schon um 21 Uhr freiwillig im Bett lag. In dieser Sendung wurde besonders gerne der Hit „Ich bin der letzte Kunde und immer noch nicht blau“ gespielt, aber ansonsten war sie wohl weniger komisch, als ich erhoffte, denn in der Regel war ich in weniger als einer halben Stunde eingeschlafen, obwohl die Sendung über zwei Stunden lief.
Mit dem Donnerstag verknüpfe ich überhaupt sehr spezielle Erinnerungen an das Hören und die Körperpflege. Das liegt daran, dass der Donnerstag väterlich verordneter Badetag war. Mein Vater pflegte sich an diesem Tag hingebungsvoll und auf sehr spezielle Weise der Körperpflege zu widmen. Und weil es deshalb der einzige Tag war, an welchem der Gasheizer im Bad angeschmissen wurde, in welchem sonst im Winter so um die 10 Grad herrschten, wurde dieser Tag möglichst von allen Familienmitgliedern ebenfalls dazu genutzt, zumal es auch ungern gesehen wurde, wenn man an anderen Tagen das Bad blockierte. Als ich mich noch nicht wehren konnte, wurde ich dabei in das benutzte Badewasser meines Vaters gesteckt (Hatte ich schon erwähnt, dass mein Vater sehr sparsam war?), aber irgendwann weigerte ich mich und erklärte meiner Mutter, dass ich neues Badewasser wolle. Mein Vater nahm dies mit einem Donnerwetter, tausend Beteuerungen, dass sein Badewasser nicht dreckig sei, ich aber viel zu verwöhnt, zur Kenntnis und fügte sich schließlich kopfschüttelnd meinem unverschämten Eigensinn. Ab da badete er immer sehr viel später, was dazu führte, dass in diesen Abenden kein Fernseher lief, der ebenfalls der alleinigen Verwaltung meines Vaters unterstand. Da er nicht nur badete, sondern hinterher auch noch lange „abdünstete“, was bedeutete, dass er sich bis über beide Ohren zugedeckt ins Bett packte – wozu das diente, ist mir verschlossen geblieben, aber wenn er eingepackt im Bett lag, hieß es immer „Papa, dünstet ab.“ – und sich später sorgfältig dem Pudern und Cremen widmete, blieb mehr als genug Zeit für meine Mutter und mich, endlich einmal im Wohnzimmer alte Schlagerplatten zu hören. Auch meine ersten Märchenplatten hörte ich immer Donnerstags, wenn mein Vater dadurch nicht gestört wurde. Als ich schon älter war, nutzte ich diese Zeit gerne, um die neuesten Charts im Wohnzimmerradio zu hören. Das war ungefähr zu der Zeit, als „Maria Magdalena“ von Sandra auf Platz 1 gelangte. Natürlich hatte meine Freundin schon längst einen Kassettenrekorder, wie es ihn damals aus DDR-Produktion gab und damit ich nicht die letzte ohne bliebe, sorgte meine Mutter dafür, dass ich zur Jugendweihe von den Großeltern und von ihr so viel Geld erhielt, um mir ebenfalls einen zu besorgen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine eigenen Kassetten aufnehmen und abspielen, was ich auch fleißig tat. Das war zwar alles Mono, aber das RFT-Teil leistete mir trotzdem gute und treue Dienste bis weit nach der Wende und war von der Qualität sogar den ersten billigen Stereo-Recordern aus dem Westen überlegen, bis ich mir irgendwann die erste Sony-Minianlage aus selbst erarbeitetem Geld leisten konnte.
aber ich habe als Kind tatsächlich geglaubt, eine Kartause sei eine adlige Dame, die diesen Titel trägt. Und die Kartause von Parma eine adlige Dame aus Parma. Das fand ich so langweilig (ich konnte adligen Damen und Romanen über sie noch nie viel abgewinnen), dass ich das Buch aus der Bibliothek meines Vaters nie angefasst habe. Bemerkenswert ist aber trotzdem, dass Stendhal diesen tausendseitigen Roman, wie sie auch Dickens schon bekehrten, in nur 53 Tagen verfasst hat.
Gerade denke ich an eine Reise in die Beskiden vor ca. 16 Jahren zurück. Das Besondere an dieser Reise war, dass wir dort bei Bekannten wohnten, bei denen meine Eltern schon einmal mit mir und meinem Bruder zu Besuch gewesen sind, als ich ungefähr drei Jahre alt war. Sie hatten die Leute über die Kirche kennengelernt, weil zwei Töchter von ihnen in dem Kirchenchor sangen, der in unserer Gemeinde gastierte.
Ich selbst kann mich von der ersten Reise nur an ein buntes Schaukelpferd erinnern, welches dort im Garten stand, und an die langen Haare meines Bruders, die ihm während der Zugfahrt, als er schlief, über das Gesicht fielen. Die vielen anderen höchst dramatischen Geschichten, die meine Eltern so gerne erzählen, sind mir nur vom Hörensagen bekannt (manchmal habe ich ja den leisen Verdacht, dass sie gerne ein wenig übertreiben), z. B. die, wie ich meinen Kopf in das schmiedeeiserne Gitter eines alten Brunnens steckte und ihn nicht mehr herausbekam, oder stundenlang an der Hand meiner Mutter mit meinen kleinen Beinchen über Geröll, Steine und durch ausgetrocknete Flußbetten stolperte, ohne zu murren und zu klagen (wenn da nicht schon meine Passion für das Wandern deutlich wird), wie meine Mutter mit mir auf einer offenen, klapprigen Seilbahn fuhr und immer Angst hatte, ich würde mich nicht richtig festhalten, durch den Bügel rutschen oder den Absprung nicht schaffen und noch einige mehr.
Meine Eltern hatten stets den Kontakt zu den Bekannten gehalten, ebenso der Cousin meiner Mutter, der ebenfalls evangelischer Pfarrer war und seine Cousine geheiratet hat (also nicht meine Mutter, sondern eine andere Cousine). Er war Pfarrer geworden, nachdem er durch Gott von seiner Schuppenflechte geheilt worden ist, wie er sagte, und da er im Westen lebte, organisierte er desöfteren Hilfslieferungen für die polnische Gemeinde.
Er fuhr leidenschaftlich gerne Auto und nach dem Fall der Mauer machte er gerne längere Ausflüge nach Polen.
Einmal kam er auf die Idee, meine Mutter und mich dorthin mitzunehmen. Meine Mutter war sofort begeistert, ich weniger, da ich mir schöneres vorstellen konnte, als mit meiner Mutter und meinem 70jährigem "Onkel" bei einer 83jährigen alten Frau zu wohnen. Ich befand mich gerade in meiner Diskophase, wo meine Lieblingsbeschäftigung tanzen und feiern war. Trotzdem redeten die beiden so lange auf mich ein, bis ich schließlich nachgab und den Koffer packte.
Die Fahrt in den kleinen Bergkurort war lang. Mein "Onkel", wie ich ihn immer nannte, obwohl er es nicht war, hatte eine Vorliebe zu Marsch- und Volkmusik, die er während der Fahrt ausgiebig genoß.
Bei dem kleinen Haus angekommen, das uns für eine Woche beherbergen würde, hatten wir nur kurz Zeit, um uns frisch zu machen, dann gondelte er uns gleich von Empfang zu Empfang. Ich weiß nicht, wen wir dort alles besucht haben, aber es waren jede Menge Häuser, die wir abklapperten, u.a. auch die Pfarrerin der Gemeinde. Diese öffnete extra den Gemeindesaal und überreichte uns zum Abschied noch jedem ein Gastgeschenk, mir einen riesigen folkloristischen Holzlöffel. Diesen benutze ich heute noch dafür, Farbe umzurühren, weil er so schön stabil ist.
Auch bei der alten, über 90jährigen Tante waren wir, welche allein in einem sehr dunklen Haus wohnte, - zumindest kam es mir sehr dunkel vor -, seit Jahren nur schwarz trug, aber einen äußerst lebhaften und neugierigen Eindruck machte. Bei einer anderen alten Tante, die uns in ihrem mit Häkeldecken ausgestattetem Zimmer empfing, und noch vielen anderen, an die ich mich nicht erinnere.
Glücklicherweise verstand ich mich mit der Tochter unserer Gastgeberin auf Anhieb sehr gut. Es war eine von den beiden, die bei uns in Berlin gewesen sind, und ihr Neffe, ein Jahr jünger als ich, hatte mit mir schon auf unserer ersten Reise zusammen gespielt. Beide, I. und ihr Neffe P., nahmen mich nun unter ihre Fittiche und versuchten mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten und mir auch etwas jüngere Gesellschaft zu bieten. Da P. Englisch konnte, ging die Kommunikation relativ reibungslos vonstatten.
Zuallererst wollten sie mir die Seilbahn zeigen, mit der ich schon als kleines Kind gefahren war, woran ich mich aber nicht erinnern konnte. Onkel H. und meine Mutter kamen mit, allerdings weigerte sich mein Onkel strikt, mit der Seilbahn zu fahren und malte sämtliche Horrorszenarien aus, die dabei geschehen könnten. Auch meine Mutter ist extrem ängstlicher Natur, irgendwie ähnelten sie sich darin sehr stark - das scheint wohl eine erbliche Familienanlage zu sein -, und lehnte es ebenfalls ab, damit zu fahren.
Ich jedoch hatte durchaus Lust Seilbahn zu fahren als sie mich fragten, auch wenn das Teil ziemlich klapprig aussah, und wir einigten uns schließlich, dass die älteren Herrschaften unten auf uns warten würden.
Da dies eine Seilbahn ist, die nie richtig anhält, sprangen wir also auf und gondelten nach oben. Zum Glück hatte ich I. neben mir zu sitzen, die mir die Schutzvorrichtungen erklärte, denn aus irgendeinem Grund bin ich mit absoluter Blindheit geschlagen, wenn es um irgendwelche Einrichtungen wie Schutzbügel geht. Ich sehe sie einfach nicht, auch wenn sie mir direkt vor der Nase hängen, ja, schlimmer noch, ich komme nicht einmal auf die Idee, dass ich so etwas wie einen Schutz brauche. Deshalb kann ich nicht alleine Karussell fahren, denn wenn ich Pech habe, falle ich plötzlich aus der Gondel, weil ich diesen völlig witzlosen Stahlbügel, der da irgendwo sinnlos in der Gegend herumhing, nicht wahrgenommen habe.
Oben angekommen genossen wir die Aussicht, doch als wir wieder nach unten fahren wollten, krächzte die Seilbahn noch einmal laut und stand still. Die beste Gelegenheit um sich die ausgefeilten Horrorszenarios meines Onkels zurück ins Gedächtnis zu rufen. I. und P. gingen in die Station und fragten dort nach, wobei sie erfuhren, dass gerade Mittagspause sei und die Seilbahn erst wieder in einer halben Stunde fahren würde.
Na wunderbar! Da standen wir also auf dem Ausguck und überlegten, wie wir irgendwie Rauchzeichen nach unten geben könnten. Für uns war zwar alles klar, aber wenn ich an die Phantasie meines Onkels dachte, fürchtete ich doch, dass sie unten in Panik ausbrechen könnten. Und das alles wegen mir.
Endlich war die Mittagspause beendet und wir fuhren besorgt in das Tal hinunter. Die beiden standen mit steinernen Gesichtern noch immer an der Stelle, wo wir sie verlassen hatten, aber als ich sie schuldbewußt anlachte und ihnen erklärte, dass die Seilbahn Mittagspause gemacht hatte, überwog wohl ihre Erleichterung und sie lachten ebenfalls wieder, jedoch nicht ohne auszurufen, dass sie schon dachten es sei sonstetwas passiert.
weit entfernt von albernen Wallace- oder Vampirfilmen, bescherte mir in meiner Kindheit der Roman "Das Durchdrehen der Schraube" von Henry James. Es war ein Buch aus der Bibliothek meines Vaters und natürlich las ich es heimlich, ohne zu wissen, was mich erwartet. Das Grauen kam dann auch langsam, aber gewaltig. Ich kann mich nicht an viel erinnern, allerdings werde ich nie die Atmosphäre vergessen, die es um mich herum aufgebaut hat und mir das Gefühl gab, mitten in der Handlung und an den Schauplätzen zu sein. Es muss also gut geschrieben sein, trotzdem werde ich es nicht noch einmal lesen, weil ich fürchte, dass es mich heute nicht mehr so beeindrucken würde wie damals und ich enttäuscht wäre. Es diente im übrigen als Vorlage für diverse Horror-Klassiker, die ich wohl alle mehr oder weniger gesehen habe und die durchaus ebenfalls sehr gruselig sind, dieses subtile Grauen jedoch, wie ich es beim Lesen des Buches erfahren habe und welches ohne jede Schockeffekte auskommt, konnte keiner der Filme auch nur im entferntesten erreichen.