Unbekannte hatten in der Nacht zum Freitag mit Farbe gefüllte Weihnachtskugeln gegen das Bundeskanzleramt geschleudert.
Das ist natürlich schlimmer Terror, aber sieht bestimmt sehr lustig aus. Vielleicht sollte man sowas mal als kollektives Weihnachtshappening veranstalten.
den Titel möchte ich nicht nennen, das ist eine Biographie in Romanform über eine mittelalterliche Persönlichkeit. Der Schreibstil ist nicht direkt mittelalterlich zu nennen, erinnert jedoch in seiner Sprache durchaus an diese Zeit, wenn auch mehr deshalb, weil er etwas antiquiert wirkt, ohne deshalb schlecht zu sein. Nein, schlecht ist er nicht, aber dafür trotzdem einschläfernd, weil er so bemüht ist. Es sind zwar schöne Sätze, aber eben bemüht und unlocker, zurechtgedrechselt. Es gibt Autoren, die schreiben und schöne Sätze entstehen wie von selbst, zumindest scheint es so. Dann gibt es Autoren, die bemühen sich und schreiben ebenfalls schöne Sätze, aber irgendwie animieren diese nur zum Gähnen, obwohl man auch unter ihnen ab und zu eine Perle findet. Ich nenne diesen gestelzten Stil für mich "Hausfrauenstil", was natürlich gemein und völlig falsch ist, da es nicht nur Hausfrauen sind, die so schreiben (der Autor des Buches ist ein Mann - gibt er zumindest vor), und es sicher jede Menge Hausfrauen gibt, die anders schreiben. Doch was mich ständig irritiert, während ich dieses Buch lese, ist das Gefühl, daß dieses genau der Stil sein könnte, den ich selbst schreibe. Ich meine, man ist sich selbst und den eigenen Texten gegenüber manchmal blind. Ein fremder Leser könnte vielleicht durchaus Ähnlichkeiten entdecken, während ich mich über den Stil eines anderen auslasse. Vielleicht ist das wie in der Psychologie, daß einen immer das an anderen am meisten stört, was in einem selbst stark angelegt ist. Irgendeinen Grund muß es ja haben, daß mich dieser Gedanke nicht losläßt, zumindest teilweise meinen eigenen Stil zu lesen.
Zu Zwein im kalten Marmor,
kahle Bäume zeichnen Brüche,
die Wintersonne schattet,
unkrautsauber und laubgereinigt,
die Kehrwochenvertrautheit,
nur Vögel nisten im Turm
des Prunkschloßgrabes.
weiß ich, wo ich meinen Reha-Sport betreiben werde. Ich habe ja bisher einige Einrichtungen abgeklappert und bei manchen habe ich schon vor dem Eingang wieder kehrt gemacht, weil bereits der Aufgang, das Haus oder das Ambiente so uneinladend waren, daß ich einfach nicht hinein wollte. Oder aber Kurse mit massig Teilnehmern und dazu hohe monatliche Gebühren boten. Diese kahlen, neonbeleuchteten und unpersönlichen Reha-Fabriken und Fitness-Käfige finde ich einfach abstoßend. Durch Zufall bin ich dann im Internet auf den Eintrag eines relativ kleinen Physiotherapiestudios gestoßen, das ebenfalls Reha-Sport anbietet. Und es liegt nur 10 Minuten zu Fuß von meinem Umsteigepunkt entfernt, so daß ich von der Arbeit günstig hinkomme, aber es auch von zu Hause nicht weit ist. Also dachte ich mir, ich gucke mir das heute mal auf dem Heimweg an. Zuerst bin ich dran vorbeigelaufen, weil es von der Straße gar nicht zu sehen ist. Es ist ein kleines "Extrahaus" auf einem der Hinterhöfe. Gleich am Eingang wußte ich, daß es mir hier gefällt. Wunderschönes warmes und lichtvolles Ambiente mit Kerzen, Duft- und Salzkristallampen, sehr gemütlich und kuschelig. Vom Entree führt eine Wendeltreppe mit rotem Läufer in einen anscheinend ausgebauten Keller. Da sich die Physiotherapeutin gerade mit einem Patienten beschäftigte und ich einen Moment warten mußte, versuchte ich neugierig hinunterzuspähen. Dann hatte sie Zeit für mich und sie fand ich auch gleich richtig nett. Weder war sie eine dickliche KWV-Beamten-Tussi, noch eine jugendliche Zicken-Tusse. Zufällig, sagte sie, würde genau am 14.12. ein neuer Kurs beginnen, und "zufällig" würde ich richtig gut in diesen Kurs passen. Ich hoffe, sie meinte damit nicht nur meinen Mantel, der zumindest gut in das Ambiente passen würde. Statt achtzehn Teilnehmer, wie in anderen Kursen sind wir wohl sehr privat zu sechst, und alles sehr nette Leute, wie sie versicherte. Natürlich kostet es auch dort etwas, nämlich 12,50 EUR im Monat als Vereinsbeitrag und dafür, daß es ein fester Kurs mit fester Zeit ist, finde ich das immer noch ziemlich viel, aber zufällig las ich hinter ihr auf einem Schild, daß ab Januar 2010 auch Gerätetraining angeboten wird. Wenn das im Beitrag enthalten wäre, wäre es perfekt. Jedenfalls fand ich es so einladend und nett, daß ich mir von ihr widerspruchslos die ärztliche Verordnung abnehmen ließ. Sie erklärte mir, daß es mir viel Spaß machen wird, denn dann wird unten - mit dem Finger zeigte sie die mysteriöse Wendeltreppe hinunter - die Musik voll aufgedreht und es gehe die Post ab. Ich müsse mir außerdem keine Sorgen machen, nicht mithalten zu können, denn jeder trainiere nur so, wie er könne - es seien ja alles Versehrte. Sie freue sich, daß ich dazugestoßen bin und auf unseren Kurs. Die Freude schien mir echt zu sein und wirkt geradezu ansteckend. Hinterher dachte ich so, der erste Eindruck kann manchmal täuschen, aber ich lasse mich jetzt einfach überraschen, wie es wird.
Der Himmel wird blühen,
wenn du erwachst,
Zeit nur ein Wort und
das Jahr ein Lied
mit vier Strophen.
Du singst es mit Wehmut,
selbst Teil der Melodie
und doch ist es
nichts weiter als das.
Es ist ja schon lästig genug, wenn man, wo man geht und steht, von vor sich hin plappernden Handytelefonierern eingekreist wird, deren Gespräche weder wichtig noch mithörenswert sind. Noch lästiger ist es, wenn diese Handytelefonierer so auf ihr Gespräch konzentriert sind, daß sie arglose Passanten anrempeln, da es zum erfolgreichen Navigieren anscheinend nicht mehr reicht (von wegen Multitasking - das war wohl nur ein moderner Wunschtraum-Mythos) oder an einer interessanten Stelle im Gespräch abrupt mitten auf der Straße oder in der Eingangstür von Öffentlichen Verkehrsmitteln stehenbleiben. Heute hatte ich ein etwas anderes Erlebnis. Ich stand an der Straße und wartete auf Grün, als direkt hinter mir ein Mann sehr laut und deutlich rief: "Hallo Susanne!" Wer will was, wer ist hier, wer kennt mich - dachte ich etwas erschrocken, drehte mich reflexartig um und starrte den Mann entgeistert an, bis ich kurz darauf bemerkte, daß er gar nicht mich meinte, sondern sein Handy.
Eine Familienfeier im großen Kreis. Viele Verwandte kenne, bzw. erkenne ich gar nicht, und frage, mich wer das wohl ist. Erst sitzen sie im Wohnzimmer des Pfarrhauses auf den Sesseln und der Couch versammelt, danach stehen sie in der geräumigen Diele herum, vielleicht um sich zu verabschieden. Ein hochgewachsener junger Mann steht neben mir (ist das ein Cousin?) und beugt sich in einer geradezu zärtlichen Bewegung zu meinem Ohr hinunter. Im ersten Moment denke ich, er will mich auf das Ohr küssen, doch stattdessen haucht er mir sehr leise einige Worte hinein. Für diese Geste finde ich die Worte sonderbar belanglos, er sagt in etwa: "Ein schönes Weihnachtsfest wünsche ich dir." und verabschiedet sich. Doch so wie er das flüstert klingt es verschwörerisch bis erotisch, verursacht ein angenehmes Kribbeln in mir.
Die Verwandten bleiben und einer von ihnen öffnet ein tellergroßes Loch in einer Wand. Das Kuriose: Wenn man durch dieses Loch in den anderen Raum schaut, kann man in die Vergangenheit sehen. Ich bin völlig überrascht und beeindruckt, vor allem, da ich mich selbst als Halbwüchsige im anderen Zimmer sehe. Mein Alter ist vielleicht 12 oder 13 Jahre, ich trage meinen blauen Trainingsanzug, und neben mir sitzt ein Junge im gleichen Alter. Wir sind beide sehr vertieft und konzentriert. Jeder liest für sich irgendetwas. Doch während auf den ersten Blick keine Verknüpfung zwischen uns besteht, wir uns nur nebeneinander her befinden, zeigt ein Traumschwenk, wie seine Hand die meine hält, welche in anlehnungsbedürftiger Weise auf meinem Knie zu ihm herüberzeigt. Wer ist der Junge? Ist es vielleicht derselbe, der gerade in mein Ohr geflüstert hat und den ich anscheinend vergessen habe?
In der nächsten Traumsequenz trage ich ebenfalls einen Trainingsanzug und möchte unbedingt zwei Runden joggen. Dies tue ich schon seit einiger Zeit regelmäßig, wobei die Strecke immer die gleiche bleibt - es ist die relativ schmale Steinbalustrade eines großen rechteckigen Beckens, vielleicht eines früheren Swimmingpools. Doch heute stelle ich fest, daß die Steine der Balustrade zu bröckeln beginnen und Abschnitte davon aussehen, als würde dort gebaut werden. Ich versuche es trotzdem und steige hinauf, aber es ist einfach zu wackelig und zu riskant auf diesem bröckeligen Grat zu rennen. Also gehe ich wieder herunter und bin etwas enttäuscht. Woanders möchte ich nicht joggen.
In einem mir fremden Teil Berlin-Neuköllns. Zuerst will ich einen Fußgängertunnel durchqueren, doch irgendetwas ist mir unheimlich. Wahrscheinlich die Gestalten, die ich hinter einem Vorsprung des sonst menschenleeren Tunnels warten sehe. Ich kehre deshalb um und will dieselbe Strecke oben über eine Straße zurücklegen. Doch vor mir sehe ich Menschen, die von seltsamen "Metallköpfen" zusammengetrieben werden. Vielleicht eine Razzia? Ich sollte lieber unauffällig verduften, bevor mich jemand bemerkt. Etwas ratlos stehe ich jetzt herum und überlege, wie ich zu meinem Ziel gelange ohne eine Strecke zu benutzen, auf welcher ich von unangenehmen Gestalten oder Razzien behelligt werde. Da tut sich vor mir ein breiter, völlig frei liegender Weg auf. Den hatte ich vorher gar nicht bemerkt, aber seltsam ist, daß er bis zum Horizont zart rötlich schimmert. Ich frage mich, ob das wohl roter Staub oder aber verwaschenes Blut ist.
Himbeersonnen - deinen Weg
in das Paradies beleuchten sie,
unvergänglicher scheinend als
das scheidende Licht des Herbstabends.
Doch sag, du in deiner dunklen Gruft,
wer wacht so sorgsam über sie,
daß die tröstenden Farben nicht blättern?
Heute kam ich an einem interessanten kleinen Lädchen vorbei, welches so einladend und gemütlich aussah, daß ich am liebsten sofort eingetreten werde. Zuerst blieb ich allerdings stehen und blickte neugierig durch das Schaufenster. Schicke Holzregale mit aufgereihten Flechtkörben, niedliche Weihnachtsdeko, wohnliches Ambiente, schönes Licht, nicht zu grell, nicht zu weiß und auch nicht zu dunkel, der Raum nicht überladen und vollgestellt, sondern sehr übersichtlich, doch ohne kahl zu wirken. Diese warme, geschmackvolle Ausstattung zog mich magisch an, nur konnte ich leider nicht entdecken, was in diesem Geschäft eigentlich verkauft wird. Deshalb trat ich ein paar Schritte zurück, um die Leuchtschrift über dem Schaufenster zu studieren: "...natürliche Hundenahrung und mehr". Öhm...was das "mehr" bedeutet, wollte ich nun lieber doch nicht mehr erkunden, stattdessen schlich ich leise und ein wenig enttäuscht an der Tür vorbei. Aber schön, daß es so exquisit kuschelige Einkaufsläden für Hunde gibt.
Ein Tempel für das Jenseits,
keineswegs für die Ewigkeit,
verfallen dürfte er wie ich,
der Putz abblättern und
der Regen auswaschen
den Stein, Efeu darf wurzeln
und das ungeliebte Kraut.
Richtung der untergehenden
Sonne sollte er stehn,
mit Löwen vor dem Eingang,
Stuck an der offenen Decke.
Und wenn nur noch Fotografen,
die Morbiden und Idyllenjäger,
das vergessene Grab besuchen,
ihr Equipment ausgepackt,
hochmodern, der letzte Schrei,
im Objektiv Vergänglichkeit,
dann hören sie vielleicht,
hinter den dorischen Säulen
dort, mich leise lachen.
...und es gibt weltweit zunehmend Berichte, dass sich ab und zu Intelligenzen unbestimmter Art über Computer "melden" und spontan Texte auf dem Bildschirm bei eingeschaltetem PC hinterlassen oder sogar gespeicherte Dateien...
(aus "Der Geist im Computer" von Frank Sunn)
Jetzt weiß ich es: Die Texte, die angeblich ich schreibe, sind gar nicht von mir! Sie sind von einer fremden Intelligenz - ich habe es schon immer geahnt!
In den letzten Jahren hatte ich ja keinen richtigen Adventskalender (ok, bis auf den mit Teebeuteln), aber in diesem Jahr ändert sich das endlich. Und passend zu meinem Roman nennt er sich auch noch "Schatz der Zaren". Deshalb mußte es natürlich dieser sein. Außerdem sind jetzt alle Geschenke schon eingepackt (falls nicht noch welche dazu kommen), so daß ich mich ruhig zurücklehnen und auf Weihnachten warten kann. Und wehe, irgendein Weihnachts- oder Jahresendhektiker nervt mich!

Nachdem ich heute endlich dem Kopfgefängnis entwichen bin und dieser wieder frei ist, nutzte ich das für einen kleinen Ausflug zum Jüdischen Friedhof. Vor dem Tor um 14 Uhr dachte ich bei mir, länger als zwei Stunden habe ich sowieso nicht vor, auf dem Friedhof zu bleiben, zumal er im Winter um 16 Uhr schließt. Ich schlenderte hierhin, schlenderte dorthin, anfangs schaute ich noch ständig auf die Uhr, aber jedesmal zeigte sie mehr als anderthalb Stunden an, so daß ich irgendwann aufhörte auf die Uhr zu schauen und immer tiefer in das Gelände vordrang - der Friedhof ist wirklich groß - , mit dem Gedanken, ich hätte ja sooo viel Zeit. Ich fotografierte und fotografierte und fotografierte. Dabei stellte ich fest, daß meine Kamera anscheinend einen kleinen Schaden genommen hat, als ich sie letztens fallen ließ. Sie stellt nur noch scharf, wenn sie gerade lustig ist. Irgendwie habe ich aber keine Lust, mir eine neue zu kaufen, selbst wenn sie, in Technologiezeitaltern gerechnet, mindestens der Bronzezeit zugehört, denn sie hat mir im Rahmen ihrer Möglichkeiten wirklich gute Dienste geleistet. Schließlich, ganz genau am anderen Ende des Friedhofs, dort wo schon der Mont Klamott zu sehen ist, hatte ich zwar immer noch das Gefühl, als sei es erst eine halbe Stunde später, blickte aber zufällig in einer spontanen Eingebung trotzdem auf die Uhr und erstarrte fast zu Stein, als sie 8 Minuten vor 16 Uhr anzeigte! Ach herrjeh! Die Zeit, um mich zu fragen, wo die anderthalb Stunden geblieben waren, hatte ich nicht mehr, obwohl ich gerade in diesem Moment gerne darüber räsoniert hätte. Stattdessen legte ich mein schnellstes Tempo vor, aus Pietätsgründen natürlich ohne zu rennen (seltsam, daß ich sogar lieber auf dem Friedhof übernachtet hätte als zu rennen), um wieder genau an die andere Seite des Geländes zum Ausgang zu gelangen. Das war nicht zu schaffen, klar, aber als ich einige Minuten nach 16 Uhr am Ausgangstor ankam, befand sich dort außer mir auch ein Mann, der sich gerade die Hände wusch und mich mit den Worten begrüßte: "Ah, ich bin also nicht der einzige Verspätete!" Ich klinkte am Tor - abgeschlossen. Na gut, dachte ich, ich bin zwar eingeschlossen, aber nicht allein. Doch im gleichen Moment eilte schon der Friedhofswärter mit seiner jüdischen Kippa auf dem Kopf von der Straße herbei, um uns aufzuschließen. Wahrscheinlich ist er bereits gewöhnt, daß fünf Minuten nach 16 oder 17 Uhr, je nachdem ob Sommer oder Winter, verspätete Touristen an den Gitterstäben rütteln. Ich war ziemlich froh, muß ich sagen, denn für das Abenteuer, eine Friedhofsmauer zu überwinden, fühle ich mich dann doch etwas zu alt. Von der Friedhofsseite wäre es wegen der Grabmäler vielleicht sogar relativ einfach, aber die andere Seite ist hoch und gelandet wäre ich wohl in irgendeinem Schrebergarten der Kleingartenkolonie.
Zucker und Sultan:

Das ist sehr rührig von dem Herrn Nußbaum, allerdings, als ich das las, dachte ich im ersten Moment - ich lebe in einem Witz. In einer gemeinen Satire. Und merke es nur ab und zu mal, wenn das wahre Ausmaß des menschlichen Versagens sich als Unglaublichkeit der vierten Dimension an unserem begrenzten Horizont zeigt. Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als die Privatisierung der S-Bahn begann. Gewarnt wurde allerorten. Die Berliner Landesregierung - 1995 mit SPD -Beteiligung! - hat den Verkauf der S-Bahn an die Bahn AG zu verantworten - vor allem aber die geplante Privatisierung der S-Bahn. Staatliches Eigentum wurde verscherbelt und anscheinen völlig sinnlos, denn dem Haushaltsloch hat es kaum geholfen. Inzwischen haben die S-Bahn-Manager wahrscheinlich nicht nur die Züge heruntergewirtschaftet. Um an den Bahnvorstand satte Gewinne abliefern zu können, wurde massiv bei der Wartung gespart und entsprechende Reparaturwerkstätten abgebaut. Man fand sogar heraus, dass S-Bahn-Mitarbeiter regelrecht zur Fälschung von Wartungsprotokollen erpresst worden sind. Und jetzt stelle man sich das Szenario vor, dass die Landesregierung die S-Bahn für viel Geld wieder aufkauft. Es erinnert mich an die Geschichten aus dem fiktiven Ort Schilda und seinen Schildbürgern (wie übrigens vieles in Politik und Wirtschaft). Als S-Bahn-Kunde wäre das vielleicht sogar eine gute Nachricht, aber als Steuerzahler würde ich mich fragen, was für eine Sch....politik unterstütze und finanziere ich da eigentlich? Mal Hüh und mal Hott und egal wie, stets dieselbe Leier, dass kein Geld in den Kassen sei und man Sparen müsse (wobei es aber für eine Kanzler-U-Bahn und weiteren Schnickschnack immer noch lässig reicht). Leider kann man sich als Steuerzahler nicht aussuchen, wenn oder was man mit seinem Geld unterstützt, aber ehrlich, wäre der Staat eine Firma und ich Aktionär, ich würde für ein Unternehmen, das so handelt, nicht einen Cent zahlen.
"Die Berliner Sprachverderber sind doch auch zugleich die einzigen, in denen noch eine nationelle Sprachentwicklung bemerkbar ist; zum Beispiel Butterkellertreppengefalle, das ist ein Wort, wie es Aristophanes nicht gewagter hätte bilden können; man fällt ja selbst mit hinunter, ohne auch nur eine Stufe zu verfehlen." (F. Foerster, Gespräche mit Goethe, 1831)...
Diese Ironie ist unbestreitbar ein Spezifikum des Berliners. Vielleicht ist sie es, die das derart Unverwechselbare in der Psyche des Berliners ausmacht. Ironie als Rettung angesichts der Abgründe, der Zerstörung, der in Trümmer sinkenden Umwelt. Die Ironie gab sich als Schnoddrigkeit. Die bombardierten Stadtbezirke bekamen entsprechend neue Namen: "Klamottenburg" (Charlottenburg), "Stehtnix" (Steglitz) oder "Trichterfelde-Rest" (Lichterfelde-West). Und die böseste Aussage: "Wer jetzt noch lebt, is selba schuld - Bomben sind jenuch jefallen!"
(aus "Da sind noch ein paar Menschen in Berlin" von Konrad Hoffmeister und Günter Kunert)
Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.
Und finden Berlin zu laut.
Die Nacht glüht auf in Kilowatts.
Ein Fräulein sagt heiser: "Komm mit, mein Schatz!"
Und zeigt entsetzlich viel Haut.
Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.
Sie stehen und wundern sich bloß.
Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.
Sie möchten am liebsten zu Hause sein.
Und finden Berlin zu groß.
Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,
weil irgendwer sie schilt.
Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.
Sie sind alles so gar nicht gewöhnt.
Und finden Berlin zu wild.
Sie machen vor Angst die Beine krumm.
Sie machen alles verkehrt.
Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.
Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,
bis man sie überfährt.
(Erich Kästner, 1929)
An meiner Fachhochschule warte ich in einem Turnsaal auf ein Gespräch. Es geht um die Bewerbung um ein Auslandspraktikum. Vorher ist ein Einstellungstest zu absolvieren. Meine Mutter ist dabei und sehr interessiert daran, daß ich dieses Praktikum mache. Ich selbst habe leise Zweifel daran, ob ich es packen werde, sowohl den Test, als auch das Praktikum. Eine ganze Weile müssen wir warten und beobachten dabei einige Sportler, die über aufgebaute Böcke und Pferde springen. Anscheinend kann man sich hier nach dem Unterricht auch privat sportlich betätigen. In einer Sportlerin erkenne ich Kollegin A.M., die fast federleicht, so scheint es, einen hohen Bock überwindet. Ich frage mich, ob ich das auch noch so könnte. Das letzte Mal im Sportunterricht ist schon eine ganze Weile her. Endlich kommt die Dame, die das Einstellungsgespräch und den Test macht, nimmt hinter einem breiten Schreibtisch Platz. Sie beginnt Fragen zu stellen und während sie die Antworten notiert, sehe ich kleine Karteikärtchen auf deren Reiter sich jeweils ein Planetensymbol befindet. Aha, anscheinend spielt das Horoskop bei der Zusage ebenfalls eine Rolle und die einzelnen Horoskopfaktoren werden auf den Karteikarten gesammelt. Ist sowas eigentlich datenschutzrechtlich erlaubt?