Verdammt emotional bin ich zur Zeit, viel mehr als damals beim ersten Tumor. Da war ich viel zu erschöpft und zu betäubt. Heute habe ich so viel Kondition aufgebaut, daß ich hier alles kurz und klein schlagen könnte und auch Lust dazu hätte. Von meiner Grundveranlagung bin ich ja eigentlich Optimist und wenn ich mir genug Mühe geben würde, könnte ich natürlich auch in dieser Situation etwas Positives finden an den Haaren herbeiziehen. Ich will aber nicht! Es fühlt sich alles so falsch an. Dieses ganze besch... Jahr fühlt sich komplett falsch an. Es ist, als würde ich in einem sehr eigentümlichen Alptraum feststecken. Durch die Aufregung und den Stress habe ich auch noch eine Neuralgie bekommen und wollte heute tanzen, weil ich festgestellt habe, daß tanzen besser dagegen hilft als Schmerzmittel, durch die es eher schlimmer wird. Meistens tanze ich in der Küche, weil ich dort Industrieboden habe, der hoffentlich die Erschütterungen etwas abhält. Diesmal bin ich mit meinen Gymnastikschuhen dauernd am Boden kleben geblieben. Sehr anstrengend. Scheint so, als müßte ich mal den Küchenboden wischen. Als hätte ich keine anderen Sorgen! Überhaupt muß ich vor der OP noch etwas aufräumen, man will ja kein Chaos hinterlassen, wenn man vielleicht nicht mehr aufwacht. Ich weiß gar nicht, warum ich so viel Angst vor der OP habe, manche Frauen machen Brust-OPs, als würden sie zum Shoppen gehen. Allerdings sind das keine Amputationen. Und daß ich schon einmal eine hatte, macht die Sache auch nicht besser, eher das Gegenteil ist der Fall. Ich hätte mich im Leben niemals freiwillig mit meinen Brüsten unter das Messer gelegt, aber ich werde ja nicht gefragt.
Wie Eiswürfel
im Cocktailglas
(deine Stimme läßt
mich frieren),
klirrt in den Lichtern
und in der Tiefe
summt der Triumph.
Der Wille singt
seine Befehle
in die Satzenden,
die Abwehr baut
Grenzen in den Pausen.
Im Niemandsland
der Dehnungen
bricht der Spiegel,
schrammt knapp
am Hass vorbei,
um den Trotz zu treffen
und mir ist kalt.
denke ich oft an die kleinen und größeren Katastrophen der Kindheit. Es gab Tränen, Angst und/oder Aua, dann wurde man von den Eltern genötigt, sich schlafen zu legen und wenn man aufwachte, war alles wieder gut. Da war die Welt noch in Ordnung. Jetzt kann ich schlafen so viel wie ich will, wenn ich aufwache ist nichts besser und schon gar nicht gut.
ist scheinbar gut drauf, eine Festivität und Hochzeit jagt die nächste. Das Lebenstempo steigt, alle sind mächtig betriebsam. Auch meine Schwägerin meint, daß sie noch nie so viele Hochzeiten in ihrem Umkreis hatte, wie in diesem Jahr. Und ich habe Hass, so richtig, richtig Hass. Ich würde mich lieber auf den Sommer freuen und auf die Urlaubsreise in diesem Luxusferienhaus, von dem mir jetzt schon immer vorgeschwärmt wird. Mir wurde gesagt, ich müsse bis zum nächsten Jahr gesund bleiben, weil ich in diesem Jahr ein ganz tolles Geburtstagsgeschenk bekomme, welches aber erst im nächsten Jahr relevant wird. Ich habe Hass! Das Leben könnte leicht sein und ich könnte einfach nur tanzen. Ich habe Hass! Natürlich merkt man mir meine Stimmung an und wenn ich sage, es geht um gesundheitliche Probleme, spüre ich, wie man neugierig wird und dabei dreimal um den heißen Brei herumschleicht. "Ich bin nicht kurz vor dem Abnippeln, falls ihr das wissen wollt." Achso, na dann. Ich habe Hass! Mein Bruder bot mir an, Montag früh um 8 Uhr, wenn ich einen Chefarzttermin habe, Händchen zu halten. "Mußt du nicht arbeiten?" frage ich. Na ja, er möchte mir halt irgendwie beistehen. Auch andere stehen mir bei oder würden es gerne. Aber es nützt nichts. Vor allem brauche ich jetzt mich selbst und meine Wut.
Mit der Familie soll es nachher zu einem Ausflug gehen, noch bin aber nur ich aufgestanden und bereite mir in der Küche Brote vor, wobei ich die Scheiben von beiden Seiten des Brotes abschneide. Irgendwie vertrödele ich meine Zeit und als es losgehen soll, fällt mir ein, daß ich gar nicht geschaut habe, ob meine Kamera noch genug Saft hat. Natürlich nicht, das Akku ist fast leer und das Ersatzakku, welches ich zwar vorsichtshalber einstecke, wird wahrscheinlich ebenfalls leer sein. Während ich neben meinem Vater herlaufe, gestehe ich, daß meine Kamera kaum noch Energie hat und wohl nur für wenige Bilder reicht. Er findet das nicht so schlimm und meint, ich könne die Kamera ja im Bus aufladen. Hm, im Bus? Gibt es da neuerdings Steckdosen? Oder ist er etwas verwirrt, da er selbst ja sowieso nur analog fotografiert? Als hätte er meinen Gedanken aufgegriffen, sagt er zu mir, daß ich mal eine vernünftige (analoge) Fotoausrüstung mit Polarlicht bräuchte. Ich antworte dazu nichts, frage mich aber, ob er auf seine alten Tage vielleicht noch spendabel wird. Zu Weihnachten oder so.
Irgendwo steht meine Mutter mit einer jungen Frau zusammen, die ich gar nicht kenne, die aber mit auf den Ausflug kommen soll, warum auch immer. Interessanterweise ist sie fast nackt, trägt nur ein leichtes und kurzes Oberteil, was aber kaum auffällt, da sich um ihre Hüften ein Muster aus hellbraunen Sprenkeln zieht und diese Hautmaserung aussieht wie ein Slip. Meine Mutter beginnt über den tuberkulösen Menschentypus zu dozieren, welcher eine solche Hautmaserung am Becken besitzt, während Oberteil und Po weiß sind, wobei sie auf den abgesplitterten und fleckigen Lack des Türrahmens zeigt. Natürlich erkenne ich sofort, daß sie damit die junge Frau meint, dieses aber nur andeutet. Da sie auch noch etwas über das Rauchen im Zusammenhang zu den Flecken sagt, frage ich die Frau nun direkt und spontan, ob sie raucht. An ihrer seufzenden Reaktion merke ich, daß sie sich etwas getroffen fühlt und erst da wird mir klar, daß ihr die Sprenkel vielleicht unangenehm sind. Auf diese Idee bin ich zuerst gar nicht gekommen, weil ich sie selbst nicht schlimm, sondern sogar sehr apart finde. Irgendwie shabby chic eben, wie auch der splitternde und fleckige Lack an Möbeln und alten Häusern.
Gerade bin ich aufgewacht und noch ganz verschlafen, als jede Menge Leute an mein Bett treten und zu mir sagen, daß ich tanzen soll. Darunter sind Arbeitskollegen, Bekannte, aber auch Unbekannte. Ich bin etwas genervt, weil ich in diesem Moment gar keine Lust dazu habe und ich denke oder sage: "Ey, ich bin jetzt erst aufgewacht und völlig verschlafen. Ihr habt wohl nicht mehr alle...". Doch die Leute drängeln weiter und keck fordere ich sie auf, für mich zu tanzen. Wenn sie das tun, werde ich ebenfalls tanzen. Tatsächlich gehen sie nun alle auf eine etwas entfernt befindliche Bühne und bewegen sich darauf für mich - so unsynchron und unkoordiniert, daß ich kichern muß. Tja, nun werde ich wohl doch tanzen müssen...
Eigentlich hatte ich heute wirklich gar keine Lust auf Zumba, zumal ich mich auch kaum auf irgendetwas richtig konzentrieren kann, aber wenn man nachts so bekniet wird, bekommt man direkt ein schlechtes Gewissen, wenn man im Bett liegen bleibt.
war ich heute wieder, diesmal bei Sonnenschein. Auf dem Spielplatz nur ältere Erwachsene, die alle um die Schaukeln herumschlichen, sich aber doch zurückhielten. Wenn ich hier gerade verstummt bin, so liegt das daran, wie der geneigte Leser sich sicher denken kann, daß der Befund am Donnerstag nicht gerade zum Jubeln war. Es besteht aber (noch) keine akute Gefahr. Man weiß nicht, wie es sich entwickelt, und ich werde wohl früher oder später um eine OP nicht herumkommen. Jetzt beschäftigt mich das alles sehr stark - grübeln, abwägen, Informationen sammeln, eigentlich würde ich auch noch gerne eine zweite Meinung einholen. Für anderes habe ich kaum noch den Kopf frei. Heute erhielt ich die Hochzeitsanzeige meines Kumpels, der seine neue Freundin geheiratet hat. Alle Welt heiratet in diesem Jahr, nur ich lege mich lieber unter das Messer. Da bin ich ja konsequent.
irgendetwas zu sagen hätte, aber ich muß gerade schreiben, um mich abzulenken. So wirklich weiß ich nicht, wie ich den morgigen Tag überstehen soll. Ich wäre jetzt dazu bereit, von einem außerirdischen Raumschiff abgeholt zu werden und die Erde zu verlassen. Optional auch zu besinnungslosem Sex. Meine Mutter rief ausgerechnet heute mal wieder an und wollte wissen, wie es mir geht. "Gut" log ich, aber ich habe genug mit mir selbst zu tun, da kann ich nicht noch meine Mutter in ihrer kopflosen Panik gebrauchen. Aus meiner näheren Umgebung kennt bisher nur meine ehemalige Mitpatientin den neuen Befund. Die meinte zu mir, ich soll mir darauf einen Schnaps genehmigen. Im Kühlschrank hab ich noch Marzipanlikör, der reicht aber leider nicht, um mir die Birne damit zuzuknallen.
Im ZDF läuft gerade wieder ein Spreewaldkrimi und ich schaue ihn, weil ich mich irgendwie von allem, was das Etikett "Spreewald" trägt, angezogen fühle, da es ja die Heimat meiner Ahnen ist und ich in meiner Kindheit das Leben dort kennenlernte. Die Spreewaldkrimis versuchen mit allen Mitteln, insbesondere mit allen Sagen und Aberglauben, die den Machern unter die Finger kommen, eine mystische Atmosphäre aufkommen zu lassen, aber es gelingt einfach nicht. Es wirkt immer wie gewollt und nicht gekonnt. Ich wünschte, David Lynch würde mal einen Spreewaldkrimi machen. Der könnte das ganz sicher.
