Das vergessene Poesiealbum
...denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht uns zu zerstören.
Rainer Maria Rilke
Du bist wie deine tiefen, drängenden Wünsche.
Wie deine Wünsche, so ist dein Wille.
Wie dein Wille, so ist deine Tat,
und wie deine Tat, so ist dein Schicksal.
Upanishaden
In diesen Jahren, da ich meine Erinnerungen wachrufe, habe ich den wundersamen Zustand erreicht, dass mich keine Musik mehr beim Schreiben stört, während ich mir anderer Tugenden der Musik vielleicht nicht bewusst bin, denn zu meiner großen Überraschung haben zwei katalanische Musiker, beide sehr jung und scharfsinnig, gemeint, erstaunliche Verwandtschaften zwischen meinem sechsten Roman, Der Herbst des Patriarchen, und dem Dritten Klavierkonzert von Bela Bartok entdeckt zu haben. Tatsächlich habe ich es beim Schreiben erbarmungslos gehört, weil es mich in eine besondere und etwas seltsame Stimmung versetzte, aber ich hätte nie gedacht, dass es so sehr auf mich wirken könnte, dass es dem Text anzumerken wäre.
(aus "Leben, um davon zu erzählen" Gabriel Garcia Marquez)
Da ich für Filmaufnahmen zunächst noch nicht gebraucht wurde, genoß ich meine Freiheit und auch die mich umgebende arktische Landschaft in vollen Zügen. Die Luft war seidenweich und so warm, daß man im Badeanzug herumlaufen konnte, aber es brach eine schreckliche Mückenplage aus. Um den Moskitos zu entgehen, machte ich mein Faltboot fertig, paddelte im Badeanzug hinaus aufs Meer und ließ mich treiben, Stunde um Stunde, halbe Tage lang. Ich glitt durch Eistore hindurch, an glitzernden, haushohen Eisbergen vorbei, durch schimmernde Grotten, deren Wände sich bis ins Meer hinab grün, rosa, blau und violett spiegelten. Einige Male traf ich Eskimos in ihren wendigen Kajaks, sie kamen von der Jagd - ihr Gruß war ein Lächeln. Eines Tages nahm ich mir, von niemandem bemerkt, eine Gummimatratze aus meinem Zelt ins Paddelboot und suchte mir einen Eisberg mit flachem Fuß, auf den ich leicht hinaufsteigen konnte. Es war der erste Eisberg, den ich betrat. Aus dem Schmelzwasser hatte sich ein kleiner See gebildet, der wie ein Smaragd im Eis lag. Auf dem Eisberg herrschte Gletscherhitze, so daß ich in dem kleinen See ein erfrischendes Bad nahm. Dann legte ich mich auf meine Matratze und ließ mich von der Sonne bestrahlen. So befreit und sorgenlos hatte ich mich selten gefühlt, während der Eisberg langsam durch den Fjord zog. Mit einem Male riß mich ohrenbetäubendes Krachen aus meinen Träumereien - mein Berg geriet ins Wanken, der See spülte über mich hinweg, ich rutschte auf dem Bauch den Hang hinunter und klammerte mich an mein Paddelboot, das ich nicht verlieren durfte. Zum Glück drehte sich mein Berg nicht ganz rundrum, er fing nur an zu pendeln, hin- und herzuschwanken. Allmählich beruhigte er sich, jetzt erst konnte ich sehen, was geschehen war. Nicht mein Berg hatte gekalbt, sondern ein Nachbarberg war auseinandergebrochen. Er wälzte sich wie ein riesiges Untier im Wasser, ständig brachen von ihm neue Eisstücke ab, die große Wellen verursachten und meinen kleinen Eisberg nicht zur Ruhe kommen ließen. Ich verließ meinen gefährlichen Platz. Es war das erste und das letzte Mal, daß ich zu meinem Privatvergnügen einen Eisberg betreten habe. Meinem Regisseur erzählte ich von diesem Abenteuer natürlich nichts.
(aus den Memoiren von Leni Riefenstahl - hier: Dreharbeiten zu "SOS Eisberg")
Ich kann gar nicht beschreiben, was das Lesen dieser Passage bei mir ausgelöst hat. Gerade heute wäre ich auch bereit, auf einen Eisberg zu klettern.
Wenn man schläft, betrügt man das System. Schlaf gehört einem selbst, nicht dem Staat.
(aus "Der Gefangene" von John Grisham)
Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen, solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.
Rainer Maria Rilke
(Aus dem Beides-wissen [Herrlichkeit und Ohnmacht] wird des Menschen Instinktlosigkeit, die ihn in die Möglichkeit entarten läßt, das im Rhythmus des Lebendigen und Wachstümlichen Gegebene zu versäumen, um dann - überholt und spät - dem Ungegebenen und Nichtverwirklichbaren sich aufzudrängen.)
aus "Der späte Rilke" von Dieter Bassermann
Wie der Abendwind durch geschulterte Sensen der Schnitter, geht der Engel lind durch die schuldlose Schneide der Leiden.
(Rainer Maria Rilke)
Ach, da wir Hilfe von Menschen erharrten, stiegen Engel lautlos, mit einem Schritt hinüber, über das liegende Herz.
Rainer Maria Rilke
Es regnete. Es regnete so lange, bis Gras und Wege blankgewaschen waren und die Pfützen sich in richtige Seen verwandelt hatten. Auf den Pfützen bildeten sich glänzende Regenbläschen und erloschen wieder. Nicht jeder weiß, dass in diesen Bläschen Regenmännlein auf dem Wasser schwimmen. Peter wußte es.
"Sie verlöschen so schnell, daß man das Regenmännlein nicht immer erblicken kann. aber manchmal sieht man es." Peter schaute sich nach dem Tigerchen um, das neben ihm herlief, denn es fürchtete sich nicht vor dem Regen.....
....Peter war sicher, dass die Regenmännlein sie sahen.
"Sie kennen auch unseren Tiger, und er kennt sie. Komm, Tigerchen, ich will dir etwas sagen." Peter flüsterte ihm etwas ins Ohr und das Tigerchen begriff sofort.
Eines der Bläschen, es glich den übrigen, war aber wohl etwas größer, blieb plötzlich stehen, schwamm näher an den Rand der Pfütze heran und wuchs und wuchs wie eine Seifenblase. Und dann war es wie ein durchsichtiger, gläserner Kahn. Im Kahn stand das Regenmännlein mit einem riesigen Hut und mit einer Pelerine. Es verneigte sich, und Peter und Kati warteten, was es ihnen sagen würde, aber es sang nur leise vor sich hin, so wie der Regen manchmal singt:
"Regenmännlein heiße ich.
Es fährt mein Wunderkahn
euch brave Kinder alle
ins Traumland wundersam."
Sie stiegen ein, und der Kahn schwankte nicht einmal, obwohl er ausah, als wäre er aus dünnem Glas gemacht. Tymonek (der Tiger, bzw. Kater) war als erster hineingesprungen.
Sie fuhren, fuhren lange im rauschenden Regen, und das Regenmännlein pfiff leise vor sich hin, flüsterte und sang ein Lied, und das klang und tönte wie der Regen in der Dachrinne an einem frühen Sommermorgen, wenn man noch schläft...
....Peter fragte das Regenmännlein nicht mehr, wohin sie fuhren, denn sie erblickten gerade das Regenschloß. Sie erkannten es sofort: Es war grün wie Wasser, durchsichtig wie der Regen. In der Nähe rauschte ein Bach, und an seinem Ufer troff von den Zweigen der Trauerweiden und Hängebirken der Regen. Doch es war gar nicht traurig und langweilig in diesem Regenland, denn in allen Dachrinnen klang und tönte es wie ein großes Orchester, Springbrunnen plätscherten, und in den Springbrunnen hüpften Regenmännlein, die wiegten sich auf den Wasserfäden und kreischten vergnügt....
....Wie hurtig die Regenmännlein am Werke waren - selber ganz blau, grün, lila von dem Regenbogen, den sie gerade webten, wirkten und glätteten! Die bunten Fäden, Bänder und Streifen flogen nur so durch die Luft, und auch der Boden war damit bedeckt....
....Die Regenmännlein sangen bei ihrem fröhlichen Schaffen...
...."Der Sonnenschein wartet", wiederholte das Regenmännlein im Kahn die letzten Worte des Liedes. " Kommt, ich öffne euch das Tor."
Hinterm Tor rauschte der Regen nicht mehr, die Springbrunnen waren verstummt, nur ein letzter feiner Regen wisperte noch zum Abschied und klopfte gegen den Regenschirm. Die bunten Vögel auf dem Schirm hatten nasse, blankgewaschene Federn.
Kati schloß den Regenschirm. Am Griff hing ein buntes Bändchen.
"Das war vorhin nicht da, wie kommt es hierher?"
"Ein Regenmännlein wird es zum Andenken um den Griff geschlungen haben, das ist doch klar", sagte Peter.
Am Himmel leuchtete ein herrlicher, breiter Regenbogen...
...Auf der großen Pfütze waren schon alle Bläschen erloschen. Nein, nicht alle: Eines entfernte sich eilig, kleiner und kleiner werdend. Darin stand das Regenmännlein und winkte mit seinem großen Hut.
(gekürzt - aus "Das Haus unter den Kastanien" von Helena Bechlerowa)
"Leben ist nicht genug", sagte der Schmetterling.
"Sonnenschein, Freiheit und eine kleine Blume muß man haben!"
(H. Chr. Andersen)