Das vergessene Poesiealbum
So achtlos ging der Sommer fort.
Die Gartentüre schlägt im Wind.
Ich dachte, Zeit ist noch,
blühn doch
noch Rosen dort. -
Da war er fort.
Nacktsohlig leichten Schritt
und lichtdurchflirrte Luft,
die Wärme aus dem Mittagstein,
den Rosenduft -
das alles nahm er mit.
Nun steht der andere da,
sagt lächelnd "laß!"
und schüttet einen Sack voll Farben aus.
Es leuchtet brennendbunt ums Haus,
und Pflaumenblau und Birnengelb
liegen betaut im Gras.
(Hildegard Jahn-Reinke, 1906-1995)
Der Sündenfall, so Adam Eins, war mehrdimensional. Die Primatenvorfahren fielen aus den Bäumen: dann kam der Abfall vom Vegetarismus zur Fleischfresserei. Es folgte der Abfall vom Instinkt zum Verstand und damit zur TechnoIogie; von den einfachen Signalen zur komplexen Grammatik und damit zur Humanität; vom Leben ohne Feuer zum Leben mit Feuer und fortan mit Waffen; und von der saisonalen Paarung zur unstillbaren Triebhaftigkeit.
Dann kam der Abfall vom glücklichen Leben in der Gegenwart zum qualvollen Grübeln über verlorene Vergangenheit und ferne Zukunft.
Der Fall ging immer weiter, doch sein Verlauf führte stetig abwärts. Nach dem Sturz in den Brunnen der Erkenntnis konnte man nur tiefer fallen, mehr und mehr Erfahrungen sammeln, ohne jedoch davon glücklicher zu werden. Und genau so ging es Toby nach ihrer Ernennung zur Eva.(aus "Das Jahr der Flut" von Margaret Atwood)
Anderen gelang es eher, auszudrücken, was sie empfanden; sie sagten, nirgendwo anders könnten sie vollkommene Ruhe und Frieden finden, wenn sie bekümmert wären; alle Verdrießlichkeiten und Sorgen und aller Zorn versiegten in Gegenwart der wohlwollenden Gelassenheit der Alpen; der große Geist der Berge hauche seinen eigenen Frieden in ihre verletzten Seelen und wunden Herzen und heile sie; hier, vor dem sichtbaren Thron Gottes, könnten sie keine niedrigen Gedanken denken oder schlecht und gemein handeln.
(aus "Bummel durch Europa" von und mit Mark Twain)
Es ist ein fades Städtchen, überall trifft mann auf leeren Schein, kleinlichen Betrug und Aufgeblasenheit, aber die Bäder sind gut. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, und sie waren sich alle darin einig. Drei Jahre lang hatte ich dauernd rheumatische Schmerzanfälle, aber der letzte verschwand, nachdem ich vierzehn Tage dort gebadet hatte, und ich habe seither nie wieder welche durchgemacht. Ich glaube fest daran, daß ich meinen Rheumatismus in Baden-Baden gelassen habe. Er steht Baden-Baden gern zur Verfügung. Es war wenig, aber mehr hatte ich nicht zu geben. Ich hätte gern etwas Ansteckendes zurückgelassen, aber das lag nicht in meiner Macht.
(aus "Bummel durch Europa" von Mark Twain)
Die Deutschen mögen Rheinwein außerordentlich gern; man füllt ihn in hohe, schlanke Flaschen und hält ihn für ein angenehmes Getränk. Vom Essig unterscheidet man ihn durch das Etikett.
(aus "Bummel durch Europa" von Mark Twain)
Wie sind wir nur auf die Idee gekommen, die Deutschen seien ein stures, phlegmatisches Volk? Tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Sie sind warmherzig, gefühlvoll, impulsiv, begeisterungsfähig, beim zartesten Anstoß kommen ihnen die Tränen, und es ist nicht schwer, sie zum Lachen zu bringen. Es sind wirklich Kinder des Impulses. Im Vergleich zu den Deutschen sind wir kühl und verschlossen. Sie umarmen und küssen sich, weinen, jubeln, tanzen und singen; und wo wir einen liebenden, kosenden Ausdruck anwenden, verströmen sie gleich zwanzig. Ihre Sprache ist voller zärtlicher Diminutive; nichts von dem, was sie lieben, entgeht der Anwendung einer kosenden Verkleinerungsform - weder das Haus noch der Hund, noch das Pferd, noch die Großmutter, noch irgendein anderes Geschöpf, ob beseelt oder unbeseelt.
(aus "Bummel durch Europa" von Mark Twain)
Man glaubt, Heidelberg - mit seiner Umgebung - bei Tage sei das Höchstmögliche an Schönheit; aber wenn man Heidelberg bei Nacht sieht, eine herabgestürzte Milchstraße, an deren Rand jenes glitzernde Sternbild der Eisenbahn geheftet ist, dann braucht man Zeit, um sich das Urteil noch einmal zu überlegen.
(aus "Bummel durch Europa" von Mark Twain)
Wer die Welt beherrscht, weiß aus täglicher Erfahrung, daß es in ihr nicht mit rechten Dingen zugeht, daß die Verquickungen der Geschehnisse nicht von ihm abhängen, daß er ein Spielball geheimer Kräfte und Gegenkräfte ist, die nach Anbetung und Opfer verlangen und immer wieder verlockt oder ausgesöhnt werden müssen. Ob die Kugel eines Attentäters trifft oder nicht, das hängt weniger von der Ballistik ab als von jenen Mächten, mögen sie ein dreieiniger Gott sein oder der Wille der Gestirne. Nur ein Herrscher erlebt es, wie sehr er außerhalb des erkannten Naturgesetzes steht, das heißt, inmitten des Wunders. Darum ist der Glaube der Könige und der Gewaltigen seit eh und je der Aberglaube...
(aus "Das Lied von Bernadette" von Franz Werfel)
Das Zimmerchen, das Bernadette bewohnt, ist kahl, winzig, weiß getüncht, geht aber auf den Garten hinaus. Sie kann, wie sie es liebt, halbe Stunden lang am Fenster sitzen und völlig sinnverloren auf die Baumkronen starren. Dann und wann wird sie bei diesem gedankenvoll gedankenlosen Müßiggang überrascht, der für einfältige Beobachter unverständlich und daher aufreizend ist. Ein leerer Kopf hält's nämlich nicht aus, wenn er nicht jederzeit alle Hände voll zu tun hat.
(aus "Das Lied von Bernadette" von Franz Werfel)
Das Göttliche ergreift das ganze Wesen dessen, den es begnadet. Das Dämonische will es sich leicht machen und wählt daher unsre Talente, um sich einen Eingang zu bahnen. Die krankhafte Eitelkeit aller Talentierten hat darin ihren Ursprung.
(aus "Das Lied von Bernadette" von Franz Werfel)