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Eine inoffizielle X-Akte des FBI

Donnerstag, 15. Dezember 2005

Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil I)

Scully rekelte sich in ihrer antiken Badewanne.
Sie hatte einen langen Arbeitstag hinter sich und genoss es zu spüren, wie das warme Wasser die Verspannungen löste, welche sich bei der Tätigkeit am Schreibtisch in ihrem Körper festgesetzt hatten. Vor einer Woche hatte sie sich an die Aufgabe gemacht, die Ermittlungsergebnisse der alten X-Akten-Fälle auf den neuesten Stand zu bringen. Routinearbeit also. Eine wohlige Müdigkeit überkam sie. Ich sollte Mutter anrufen, dachte sie. Aber das hat auch Zeit bis morgen.

Mittags war sie von Direktor Skinner in sein Büro gerufen worden. Seit sein Büro mit einer neuen Ledercouchgarnitur ausgestattet worden war, roch es dort penetrant nach Leder und Zigarrenqualm. Scully rümpfte die Nase.
Es gab einen neuen Fall. Er hatte die Zeitung auf den Tisch gelegt und sie gebeten einen Artikel zu lesen. Ein 52jähriger Farmer wurde vermisst. Er war mit ca. 20 Leuten zur Maisernte auf einem seiner Felder gewesen. Als der Mais abgeerntet war, stellten die anderen fest, dass er fehlte. Sie dachten, er wäre nach Hause gegangen. Dort war er aber nicht aufgetaucht und er blieb spurlos verschwunden bis zum heutigen Tag.

"Schaffen Sie das allein, Scully? Oder soll ich ihnen eine Vertretung für ihren Kollegen zur Seite stellen?" erkundigte sich Skinner.

Ihr Kollege, mit dem sie zusammenarbeitete, weilte zur Zeit auf den Bahamas. Er hatte Urlaub, der Glückliche. Ja, auch FBI-Agenten brauchen ab und an mal Ferien.

"Ich komme schon klar." antwortete sie schnell. Der Fall erschien ihr nicht schwierig. Sie hatte noch nie gehört, dass jemand absolut spurlos verschwindet. Es musste dafür eine plausible Erklärung geben. Ein Verbrechen vielleicht - Entführung oder Mord. Eventuell hat er auch sein bisheriges Leben satt gehabt und sich auf und davon gemacht. Und wenn bisher keine Spuren gefunden worden waren, lag es wohl daran, dass die Einsatzkräfte des Sheriffs schlechte Arbeit geleistet hatten. Das kannte sie ja nun schon von diesen kleinen Orten, in denen die Polizeiwache ein Familienbetrieb war.

Die Müdigkeit übermannte sie immer stärker. Es war Zeit ins Bett zu gehen. Trotzdem blieb sie noch etwas im warmen Wasser liegen und beobachtete ihren Schatten an der Wand, der im Kerzenlicht unnatürlich groß erschien.

Morgen würde sie nach Lake Hermond fahren und eine ausgedehnte Suchaktion mit geschulten Leuten einleiten. Diese würden neuerlich nach noch vorhandenen Spuren und nach J.R. Richards, tot oder lebendig, Ausschau halten. So hieß der Farmer.

Mit einem energischen Ruck stieg sie aus der Wanne und wickelte sich in ihr vorgewärmtes Badetuch.


Als Scully ins Schlafzimmer kam, hörte sie ein leise schepperndes Geräusch. Da, noch einmal...
Jemand warf kleine Steine gegen die Glasscheiben. Vorsichtig lugte sie hinaus. Mulder! Er stand völlig zerzaust vor ihrer Wohnung. Seit er nicht mehr fürs FBI tätig war, verwahrloste er immer mehr.

Schnell riss sie das Fenster auf. "Mulder, was machen Sie denn da draußen? Ich habe eine Tür und auch eine Klingel dazu."

"Also darauf wäre ich von alleine gar nicht gekommen." Sein spitzbübiges Lachen war dasselbe geblieben.

"Warum benutzen Sie sie dann nicht?"

"Weil Sie ihre Türklingel so gerne zu ignorieren pflegen." antwortete er schnippisch.

Stimmt. Er hatte recht. Wie gut er sie doch schon kannte! Hätte er an der Tür geklingelt, hätte sie sich keinen Zentimeter dort hinbewegt. Nicht um diese Uhrzeit...

"Kommen Sie hoch." sagte sie schmunzelnd.

Als er vor ihr stand, konnte sie ihn genauer begutachten. Sie hatte schon einige Wochen nichts mehr von ihm gehört. Wusste nur, dass er weiter auf der Suche nach seiner Schwester war. Seine Klamotten sahen aus, als seien sie ewig nicht gewaschen worden und auch er selbst wirkte so, als ob er schon eine Weile kein Wasser mehr gesehen hätte. Sie mochte gar nicht an seine Wohnung denken. Wie es dort wohl aussah?

"Mulder! Was machen Sie denn? Wie sehen Sie aus?"

"Nur keine Panik. Mir geht’s gut."

"Am liebsten würde ich Sie mitsamt ihrer Kleidung in meine Waschmaschine stecken!"

"Hm, das würde mir wohl nicht so gut bekommen." sagte er schelmisch und seine Augen blitzten. "Aber wenn ich hinterher Ihr Badetuch bekommen könnte...."

Sie bemerkte, wie er sie von Kopf bis Fuß musterte und strich sich schnell ein paar nasse Strähnen aus dem Gesicht.

"Was gibt es denn?" fragte sie betont sachlich.

"Haben Sie die Zeitung gelesen? Es ist jemand verschwunden."

"Mulder, nicht jeder, der verschwindet, wurde von einem Ufo entführt." antwortete sie amüsiert.

"Also immer noch die Zweiflerin?"

"Unsinn. Ich habe während meiner Arbeit mit Ihnen viel gesehen und weiß, dass es Dinge gibt, die sich mit den Naturwissenschaften nicht erklären lassen. Aber bevor man solche Theorien aufstellt, sollte man doch erst einmal die Fakten prüfen." sagte sie verärgert und nestelte an ihrem Badetuch.

"Wie recht Sie haben! Also lassen Sie sie uns prüfen."

"Mulder, das ist mein neuer Fall und Sie haben dabei nichts zu suchen. Skinner bekommt einen Tobsuchtsanfall, wenn er das erfährt."

"Wie wäre es, wenn ich Sie privat begleite? Dagegen werden Sie doch nichts einzuwenden haben?"

Nein, eigentlich hatte sie nichts dagegen. Und verbieten konnte es ihm schließlich keiner, dass er dorthin fuhr, ob mit oder ohne sie.

"Also gut...", antwortete sie ungewollt barsch. "Seien Sie morgen pünktlich um 8 Uhr an unserem alten Treffpunkt. Ich hole Sie ab. Und jetzt verschwinden Sie...........ähm, achso.....eh ich es vergesse: Ich ziehe es vor in sauberer Gesellschaft zu reisen. Also besorgen Sie sich mal ein Stück Seife! Gute Nacht!"

"Zu Befehl" raunte er grinsend, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

Scully machte sich ernsthaft Sorgen. Mulder schien an nichts anderes mehr zu denken, als an die Suche nach seiner Schwester. Die Arbeit beim FBI hatte ihm immer noch etwas Halt gegeben. Aber nun schien er abzurutschen und den Halt gänzlich zu verlieren.

Mit diesen kummervollen Gedanken sank sie in ihr Bett und schlief bald darauf ein.

***

Am nächsten Morgen erschien Scully pünktlich zum vereinbarten Treffpunkt. Mulder war auch schon dort und nicht wiederzuerkennen. Gewaschen, geschniegelt und gebürstet erstrahlte er in neuem Glanz. Ihr zuliebe hatte er es wohl übertrieben, denn als er im Auto neben ihr saß, stieg ihr der Geruch seines Aftershaves etwas zu intensiv in die Nase. Aber gut, damit konnte sie sich abfinden.

Auf der Fahrt nach Lake Hermond war Mulder sehr schweigsam und studierte aufmerksam die Landkarte. Und immer wieder blickte er suchend durch die Autoscheiben auf den bewölkten Himmel.

Nach einer in etwa dreistündigen Fahrt, ließen sie das Orteingangsschild hinter sich und erreichten bald darauf das Motel, wo sie vorerst bleiben würden.

Nachdem sie ihre paar Habseligkeiten in den Zimmern verstaut hatten, machten sie sich auf den Weg zum Büro des Sheriffs. Es lag nur ein paar Schritte vom Motel entfernt. Überhaupt sah es so aus, als ob sie hier keine weiten Wege machen würden müssen, denn Lake Hermond schien ein sehr kleines und verschlafenes Nest zu sein. Es hatte den Namen nach dem See, der in der Nähe des Ortes lag. Die meisten ernährten sich hier wohl von der Landwirtschaft, von ein paar Dienstleistungsunternehmen und Läden abgesehen.

Der Sheriff war ein großer, wohlbeleibter Mann, der sie mit einem dümmlichen Grinsen begrüßte.

"Wieso sind Sie zwei? Mir wurde nur etwas von einem FBI-Agenten gesagt."

"Mr. Mulder begleitet mich. Sie können zu ihm vollstes Vertrauen haben." antwortete Scully.

Glücklicherweise akzeptierte der Sheriff die Antwort und fragte nicht weiter.

Das Büro war spartanisch eingerichtet. Nicht zu vergleichen mit der Ledercouchgarnitur von Direktor Skinner. In der Ecke tropfte ein Kaffeeautomat vor sich hin. Es roch muffig und nach altem Papier. Über dem Schreibtisch des Sheriffs hing ein in süßlichen Farben gemaltes Bild des Lake Hermond mit röhrenden Hirschen.

Sie baten Sheriff Johnson ihnen die Akte des Falles zu übergeben, um sich über die Umstände des Verschwindens ein genaues Bild machen zu können. Als sie in dem schmutzig-braunen Hefter blätterten, erfuhren sie folgendes:

J.R. Richards war ein 52jähriger Farmer, dessen gesamte Familie vor 3 Jahren bei einem Waldbrand, der auf sein damaliges Anwesen übergegriffen hatte, ums Leben gekommen war.
Er lebte seitdem allein auf seinem Hof, hatte 6 Hilfsarbeiter angestellt und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Maisanbau. Er litt seit dem furchtbaren Brand unter schweren Depressionen und ging regelmäßig zu einer Therapie. Während seiner Krankheit, magerte er sehr stark ab. Das Foto zeigte einen mindestens wie 60 aussehenden Mann mit grauen Haaren und einem eingefallenen Gesicht.

"Gab es irgendwelche Selbstmordtendenzen zu verzeichnen?" fragte Scully.

Bei Depressionen müsse man mit so etwas immer rechnen, antwortete der Sheriff. Es gäbe aber keine konkreten Vorkommnisse oder Anzeichen, die darauf hingewiesen hätten.

Am Morgen des 02.09. diesen Jahres war J.R. Richards mit seinen Arbeitern und einigen angeheuerten Hilfskräften zur Maisernte auf ein Feld gefahren, das in der Nähe des Lake Hermond lag. Es war ein sehr heißer und sonniger Tag. Richards hatte um die Mittagszeit über eine leichte Schwäche geklagt. Als sich schließlich alle gegen Abend wieder zur Rückfahrt sammelten, fiel auf, dass er nicht anwesend war. Die Arbeiter suchten und riefen nach ihm, als sie aber keinen Erfolg hatten, nahmen sie an, dass er nach Hause gegangen sei. Die Strecke bis zu seinem Hof war nicht weit und auch zu Fuß in ca. 20 Minuten zu schaffen.
Bobby Lindsey, einer seiner Hilfsarbeiter, hatte ihn das letzte mal um ca. 14.30 Uhr gesehen. Die Arbeiter fuhren zurück, erreichten sein Anwesen und suchten dort nach ihm.
Sie machten sich Sorgen und benachrichtigten schließlich den Sheriff, als er auch in seinem Haus, das er niemals abschloss, nicht aufzufinden war. Zusammen suchten sie erst den Ort ab, inklusive aller Pubs und gingen dann die Strecke von seinem Hof bis zum abgeernteten Maisfeld entlang. Es war keine Spur und kein Hinweis zu finden. Die Suchaktion wurde schließlich mit Verstärkung im übrigen Gelände fortgesetzt. Ohne Erfolg.
J.R. Richards war und blieb seit diesem Tag verschwunden und es gab keinerlei Anhaltspunkte, was mit ihm geschehen war.

"Wir würden uns gerne einmal den Ort seines Verschwindens und seinen Hof anschauen, wenn das möglich wäre." Scully schloss die Akte und schaute Johnson fragend an.
"Kein Problem." antwortete dieser mit einem schnellen Blick auf seine Armbanduhr. "Aber mehr als wir werden Sie dort auch nicht finden."

Scully und Mulder erwiderten nichts. Diesen Satz kannten sie schon zu Genüge.

Als sie in den Wagen des Sheriffs stiegen, war der Himmel um einiges dunkler als bei ihrer Ankunft und es begann leicht zu nieseln. Scully fröstelte und schlug den Kragen ihres leichten Sommermantels hoch.

"Oh nein.." flüsterte sie Mulder zu, "wenn es jetzt anfängt zu regnen, dann sind entgültig alle Spuren hinüber." Dieser sagte nichts, aber sein angespanntes Gesicht verriet, dass ihn dieselben Gedanken beschäftigten.

***

Die Fahrt ging aus dem Ort hinaus in eine entlegene Gegend, in der Wald, Koppeln und Maisfelder sich abwechselten.

Sie bogen in einen unbefestigten Sandweg ein und sahen ein Anwesen vor sich liegen, das aus mehreren kleinen Gebäuden bestand.

"Hielt Richards Tiere auf seinem Hof?" fragte Scully. "Er züchtete keine, wenn Sie das meinen. Er hielt nur zwei Pferde und einige Hühner für den Hausgebrauch." versicherte der Sheriff. "Die Tiere wurden inzwischen bei seinem Nachbarn untergebracht, solange bis geklärt ist, ob es sich um Nachlass handelt und wer diesen erhält."

Nachdem sie auf dem Hof geparkt hatten, gingen sie an dem Stall und zwei Scheunen vorbei zum Hauptgebäude. Dieses war zweistöckig, mit einem weißen, inzwischen grau gewordenem Anstrich. Ein schäbiger Holzschemel stand auf der Terrasse, die sich vor dem Eingang befand. Am Geländer der Terrasse waren Blumenkästen befestigt, aus denen verdorrte Stengel herausragten.
Sie betraten einen dunklen Flur und erreichten zuerst die Tür zur Küche. Unabgewaschenes Geschirr stapelte sich in der Spüle. Das Fenster gab den Blick frei auf einen kleinen, aber sehr verwilderten Garten. "Seine Frau hatte hier früher einen kleinen Küchengarten, den er aber seit ihrem Tod hat verkommen lassen." sagte der Sheriff und räusperte sich. "Wirklich tragische Geschichte."
Sie besichtigten nach und nach alle Räume, vom sehr großzügig geschnittenen Wohnzimmer bis zum Dachboden, auf dem sich außer ein Regal und etwas Handwerkszeug nichts befand.
Als sie die Tür zu einem der Zimmer im zweiten Stockwerk betraten, stockte ihnen das Herz. Dieser Raum war wie ein Kinderzimmer eingerichtet und sämtliche Wände waren dicht an dicht mit Kinder- und Familienfotos zugepflastert. Auf dem Boden lagen eine Luftmatratze und eine Decke.
"Er hat diese Zimmer zum Gedenken an seine Familie eingerichtet. Seine beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, waren erst 6 und 9, als sie starben. Seine Frau war 11 Jahre jünger als er." erklärte der Sheriff schnell.
Scully fühlte sich beklommen beim Anblick all dieser lachenden Kindergesichter und Mulder blickte finster auf einen der Teddybären, dem ein Auge fehlte.

Im Schreibtisch des Farmers fanden sie schließlich, außer einigen Rechnungen, eine in Leder gebundene Agenda, die einige Adressen und Termine enthielt. Den letzten Termin hatte er zwei Tage vor dem Verschwinden bei seinem Therapeuten gehabt. Scully nahm das Büchlein an sich.

Nachdem sie noch die Scheunen und den Stall besichtigt hatten, wendeten sie sich wieder in Richtung Auto. Plötzlich fiel Mulder aus dem Augenwinkel eine Gestalt auf, die gegen die Scheunenwand gelehnt stand und sie beobachtete.

"Hey, was machen sie da?" rief er und Scully schreckte zusammen, da sie ihn so lange nichts mehr hatte sagen hören.

Die Gestalt kam auf sie zu und stellte sich als Bobby Lindsey vor, der Arbeiter, der Richards zuletzt gesehen hatte. Lindsey war klein und untersetzt, und seine Augen wirkten merkwürdig dunkel im Kontrast zu seinem schon angegrauten Haar. Er käme ab und zu nach dem Rechten sehen, erklärte er, denn er glaube daran, dass Jack, sein Chef, früher oder später wieder auftauche.
Als sie erwähnten, dass sie aufs Feld hinaus wollten, bot er an, sie zu begleiten. Aber Scully winkte ab. "Halten Sie sich zur Verfügung, falls wir später noch Fragen haben sollten." Er nickte unsicher und verabschiedete sich.

"Ich würde es vorziehen, zu Fuß zu diesem Maisfeld zu laufen." erklärte Mulder.

"Ah, Mulder, sind Sie endlich aufgewacht?" stichelte Scully zwinkernd.

"Ich war noch nie so wach wie jetzt, Scully." antwortete er ernst.

© Zuckerwattewolkenmond

Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil II)

Glücklicherweise hatte der leichte Nieselregen wieder aufgehört und sie gingen einen Pfad entlang, der von der hinteren Seite des Hofes aus durch dichtes Unterholz führte. Nach einer Weile nahm Scully den Geruch von Wasser wahr. Hier in der Nähe musste sich der Lake Hermond befinden. Wenig später sahen sie ihn silbrig-grau durch die Bäume schimmern. Der See schien mit den Wolken zu verschmelzen und in der Ferne konnte man einige Reiher über die Wasserfläche gleiten sehen.

Sie mussten ein kleines Stückchen am Ufer entlang und dann am Gewässer vorbei laufen.
Dieses lag wie ausgestorben vor ihnen. Kein Wunder bei diesem Wetter. Scully dachte mit Bedauern an ihre antike Badewanne. Ein heißer Tee wäre jetzt auch sehr nützlich.

Nachdem sie ein brachliegendes Stück Weideland hinter sich gelassen hatten, befand sich wieder dichter Wald um sie herum. In einiger Entfernung sah Scully jemanden auf sie zukommen, der etwas hinter sich her zog. Als die Gestalt ihnen näher entgegenkam, erkannte sie, dass es eine alte Frau war, die ein kleines Wägelchen mit Gerümpel bei sich hatte.

"Das ist Cat-Cath." hörte sie den Sheriff sagen. "Sie wird von allen Leuten so genannt, weil sie allein mit ihren vielen Katzen in einem Häuschen am Waldrand lebt. Und das, solange hier jeder denken kann." Je näher Cat-Cath herankam, um so besser konnte Scully ihre verwachsene Statur und die struppigen Haare erkennen. Ihre Augen waren so hell, dass sie weniger hellblau sondern fast schon weiß erschienen und der Blick hatte etwas seltsam stechendes.

Als sie auf gleicher Höhe waren, schaute die Alte Scully direkt ins Gesicht und murmelte mit
ihrer verbrauchten Stimme: "Nehmt euch vor eurem Schatten in acht! Hörst du? Nehmt euch vor eurem Schatten in acht!"

"Was meinen Sie damit?" fragte Scully, aber die Alte reagierte nicht und lief murmelnd an ihr vorbei. Ehe Scully ihr hinterher konnte, packte der Sheriff die Agentin am Arm und zog sie weiter.
"Sie meint nichts damit." raunte er ihr beschwörend zu. "Sie ist nur etwas wunderlich im Kopf. Wie alte Leute eben manchmal so sind. Und das Phänomen erschreckt sie wahrscheinlich."

"Was für ein Phänomen?" Scully zog die Augenbraue hoch. Auch Mulder musterte interessiert den Sheriff.

"Achso, das konnten sie natürlich noch nicht bemerken bei diesem Wetter." setzte der Sheriff verlegen an. "Ja also, bei uns in der Gegend gibt es da so ein Phänomen, nämlich dass die Schatten, auch bei nur einer einzigen Lichtquelle, in unterschiedliche Richtungen zeigen können und manchmal ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legen. Die meisten Theorien gehen davon aus, dass es sich dabei um eine besondere Art der Lichtbrechung über unserem Gebiet handelt, aber niemand weiß es genau. Aus diesem Grund haben wir auch immer wieder jede Menge Leute im Ort, die irgendwelche Messungen und Beobachtungen anstellen."

Scully schaute skeptisch durch das Blätterdach in den grauen Himmel. So etwas hatte sie noch nie gehört. Sie schnappte auf, wie Mulder den Sheriff fragte, um was für eine Lichtbrechung es gehen soll, aber dieser konnte ihm darauf keine weiteren Antworten geben.
Na gut, dachte sie zweifelnd, wir sind schließlich nicht hier, um Schatten zu jagen und gefährlich hört sich das nicht gerade an.

Sie erreichten das Maisfeld und machten sich an die Arbeit, es nach Spuren abzusuchen. Dafür teilten sie es in je zwei Hälften auf und Mulder war bald konzentriert dabei, auf den Boden zu spähen. Scully wusste, was er suchte, aber wusste auch, dass er DAS nicht finden würde. Dieses sagte ihr der Instinkt und ihr Instinkt war im allgemeinen gut.

Nach einer Stunde hatten sie die gesamte Fläche durchkämmt, aber bis auf ein weggeworfenes Papiertaschentuch und eine leere Cola-Dose nichts gefunden. Keine Kampfspuren, keine Körperteile, keine Gegenstände und auch keine UFO-Spuren. Nicht mal ein bisschen aufgewühlte Erde oder angesengtes Gras.

Der Fall versprach wirklich schwieriger zu werden als erwartet.

Als Scully und Mulder wieder das Motel erreichten, brach die Dunkelheit schon herein.
Scully packte schnell ihren Laptop aus und mit einigen, geübten Handbewegungen hatte sie den Einsatzbefehl für den nächsten Tag gegeben. Truppen mit Spürhunden würden noch einmal die gesamte Gegend durchstreifen. Das Papiertaschentuch und die Cola-Dose würde sie morgen an das FBI-Labor übersenden. Nur um sicher zu gehen, dass sie nichts übersahen.

"So, das war meine letzte Amtshandlung für heute. Was ist? Gehen wir was essen?" Scully lehnte sich zurück und sah Mulder erwartungsvoll an, der gerade verzweifelt versuchte, in seinem Koffer etwas zu finden. Er gab schließlich resigniert auf und sie machten sich auf den Weg zu "Pamela's Palace". Das war in Wirklichkeit kein Palast, sondern ein kleiner Pub, aber dafür sollte es hier köstliche Omeletts geben. Hatte zumindest der Sheriff behauptet.
Sie traten ein und sahen ein einfaches, aber gemütliches Ambiente in dunklem Nussbaumholz vor sich. Trotz dieser gemütlichen Atmosphäre und den wenigen Leuten bemerkte Scully eine gewisse Unruhe im Raum. Diese ging jedoch nicht von den Menschen aus, sondern von etwas anderem. Es war wie ein kaum wahrnehmbares Flackern auf dem Bildschirm.

Sie setzten sich an einen Tisch, der in der Nähe des Fensters stand und bestellten die Spezialität des Hauses - Omeletts mit frischen Pfifferlingen und saurer Sahne.
Diese waren in der Tat köstlich, aber das merkwürdige Flackern vor Scullys Augen machte keine Anstalten aufzuhören. "Mulder, sehen Sie auch etwas....ähm, das sich bewegt vor ihren Augen?"
"Was meinen Sie, Scully?" fragte Mulder mit verzücktem Gesicht und ohne den Blick von seinem Omelett abzuwenden.
"Nichts. Schon gut." Wahrscheinlich hatte sie sich etwas überanstrengt und ihr Kreislauf spielte jetzt verrückt. Es würde schon vorüber gehen.

Die Wirtin, eine attraktive Blondine, die viel älter sein musste, als sie aussah, servierte ihnen zum Nachtisch einen warmen Apfelkuchen mit Zimt, der auch nicht zu verachten war.
"Sie sind bestimmt vom FBI. Stimmts?" plapperte sie los. "Der Sheriff hat erzählt, dass da jemand kommen soll. Komische Geschichte das. Ich kannte Richards auch, so wie jeder hier im Ort. Er kam manchmal runter, um hier einen über den Durst zu trinken. Man musste aufpassen, dass er es nicht übertrieb. Die Leute erzählen, seine Frau und seine Kinder hätten ihn geholt." Pamela, so hieß die Wirtin, sah nicht nur aus wie eine Plaudertasche, sondern war auch eine.

"Wieso erzählen die Leute sowas?" wollte Mulder wissen.

"Es gibt da so ein Gerücht, dass er mitschuldig daran war, das seine Familie im Feuer umgekommen sei. Aber genaueres weiß niemand."

"Wieso sollte er daran schuld gewesen sein?" hakte Mulder nach. "Soweit ich gehört habe, war es ein Waldbrand."

"Ich sagte doch, dass ich nichts genaueres weiß." meinte die Wirtin schnippisch und verschwand wieder hinter den Tresen.

Inzwischen konnte man durch das Fenster nur noch undurchdringliche Dunkelheit beobachten.
Einige Lichter mehr wurden im Pub angemacht und Scully meinte eine verstärkte Unruhe wahrzunehmen. Schatten schienen vor ihren Augen zu tanzen und auch hinter sich nahm sie Bewegungen wahr. Ihre Lider waren wie Blei und sie hatte Mühe, sie offen zu halten. Anscheinend war sie so müde, dass sie halluzinierte. Sie drängte deshalb Mulder aufzubrechen und kurz darauf waren sie wieder auf ihrem Zimmer im Motel.

Es war nichts ungewöhnliches für beide, dass sie zusammen ein Zimmer teilten. Während ihrer gemeinsamen Arbeit beim FBI hatten sie das oft getan, so dass sich ein unausgesprochener Codex zwischen ihnen eingeschliffen hatte. Mulder wusste, dass Scully immer das Bett bevorzugte, das näher zum Badezimmer stand und Scully wusste, dass Mulder nie die Schränke benutzte und es hasste, wenn man sich an seinen Sachen verging. Ihm Ordnung beizubringen hatte Scully schon längst aufgegeben. Sie hatten gelernt sich miteinander zu arrangieren, um zu überleben.

Auch jetzt konnte Scully noch ein kaum wahrnehmbares Flackern wahrnehmen. Sie machte, dass sie in ihren Pyjama kam und fiel wie ein Stein ins Bett, während Mulder sich löblicherweise noch unter der Dusche zu schaffen machte. Ihr ging wiederholt der Fall durch den Kopf. Dieses Gedenkzimmer im Haus von Richards passte einfach nicht zu jemanden, der alles stehen und liegen ließ, um woanders ein neues Leben zu beginnen. Daran glaubte sie nicht mehr.
Doch ehe sie ihre anderen Theorien im Geiste durchgehen konnte, war sie schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf gesunken.

***

Am nächsten Morgen wurde Scully durch ein Poltern geweckt.

"Tut mir leid, Scully." sagte Mulder sofort, der einen Bügel im Kleiderschrank heruntergerissen hatte.

"Was machen sie denn da am Schrank?" Verschlafen richtete sich Scully auf und rieb sich die Augen. "Sie haben doch sonst nichts mit Kleiderschränken am Hut."

"Mir war so, als hätte ich etwas gehört."

Scully setzte gerade an, eine ironische Bemerkung zu machen, als ihr wieder das merkwürdige Flackern am gestrigen Abend einfiel. Und sie biss sich auf die Zunge.

Heute war nichts mehr davon wahrzunehmen. Die Sonne schien hell und sah so aus, als würde es einer schöner Spätsommertag werden.

"Was schlagen Sie vor, Mulder.....womit fangen wir heute an?"

"Mit einem guten Frühstück, würde ich sagen." antwortete Mulder lächelnd. "Und danach sollten wir uns mal Richards Psychiater vornehmen."

Bald darauf machten sie sich auf den Weg zum einzigen Psychotherapeuten des Ortes, der sein Geld hauptsächlich mit Hypnose von Menschen und Tieren verdiente. Seine Anschrift hatten sie in Richards Agenda gefunden. In der Praxis begrüßte sie eine rundliche, stetig lächelnde Sprechstundenhilfe.

"Dr. Barnes hat gerade noch einen Patienten bei sich." sagte sie. "Wenn sie sich einen Augenblick gedulden würden...."

Der Warteraum war geschmackvoll, mit vielen Pflanzen, Kunstdrucken und einigen bequemen Wartesesseln eingerichtet.

"Wie lange praktiziert Dr. Barnes hier schon? fragte Mulder nach.

"Zwanzig Jahre sind es jetzt bestimmt schon." bekam er zur Antwort. "Ich selbst arbeite aber noch nicht so lange bei ihm."

Nachdem sie etwas in den alten Zeitschriften geblättert hatten, öffnete sich die Tür und ein junggebliebener Mittfünfziger trat heraus. Er verabschiedete seine Patientin, die hastig die Praxis verließ, und bat Scully und Mulder zu sich herein. Seine Kleidung und seine Brille waren genauso geschmackvoll, wie es schon das Wartezimmer vermuten ließ.

"Worum geht es?" Mit dem Zeigefinger schob er seine Brille auf der Nase zurecht.

"Um J. R. Richards. Er war, bzw. ist ein Patient von Ihnen. Wir hätten da einige Fragen."

Dr. Barnes antwortete nicht, sondern blickte sie nur erwartungsvoll an.

"Was für einen Eindruck machte Richards auf sie, als sie ihn das letzte Mal gesehen haben?"

"Er wirkte so wie immer, nur seine Depressionen waren wieder schlimmer geworden. Deswegen war er bei mir in Behandlung. Die Geschichte mit seiner Familie kennen sie ja sicher schon." überlegte Dr. Barnes. "Gibt es denn Hinweise, dass es ein Selbstmord war? Dann müsste doch seine Leiche gefunden werden. Oder wurde sie schon entdeckt?" zweifelnd blickte er Scully und Mulder an.

"Nein, es gibt keinerlei Spuren und auch keine Leiche. Hielten sie Selbstmord denn für möglich?"

"Ja, durchaus. Er war zwar in Behandlung, aber nahm seine Medikamente nicht regelmäßig und zu viel Alkohol verschlimmerte das ganze noch. Akute Gefahr bestand jedoch meiner Meinung nach nicht."

"Wir haben gehört, dass er Mitschuld am Tod seiner Familie tragen soll. Wissen Sie etwas darüber?" Mulder sah Dr. Barnes aufmerksam in die Augen.

"Tut mir leid, das unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht. Und so lange ich nicht weiß, was mit ihm ist, kann ich Ihnen nichts darüber sagen." antwortete dieser und senkte den Blick.

"Verstehe. Hat er vielleicht irgendetwas gesagt, das von uns noch von Bedeutung sein könnte?"

"Nein, nichts." Nach kurzem Zögern setzte er nochmal an. "Ähm......vielleicht doch. Er fühlte sich von Schatten verfolgt. Ich nehme an, dass es sich dabei um einen paranoiden Schub handelte, verursacht durch die Depressionen und den Alkohol." Er hüstelte und spielte an seiner Armbanduhr.

"Wir wissen, dass es dieses besondere Phänomen des unregelmäßigen Lichtschattens hier in der Gegend gibt. Dann kommen doch solche Fälle bestimmt häufiger vor, oder?" interessierte sich Scully.

"Nein, eigentlich nicht. Die psychisch Gesunden wissen, dass es sich dabei nur um ein naturwissenschaftliches Phänomen handelt. Deshalb sind solche Fälle hier nicht häufiger als woanders."

"Was hat Richards denn genau darüber gesagt?"

"Er machte Bemerkungen darüber, dass die Schatten ihn verfolgen würden, weil sie ihn holen wollen. Und das sie überall sind. Mehr sagte er dazu trotz meines Nachfragens nicht."

Scully und Mulder bedankten sich bei Dr. Barnes und verließen die Praxis, sowie eine freundlich hinter ihnen her winkende Sprechstundenhilfe.

Sie schlenderten gemächlich ein Gässchen entlang, das links und rechts mit niedrigen Holzhäusern gesäumt war. Der weiße Anstrich und die blauen Fensterrahmen und Türen verliehen ihnen zugleich etwas Anheimelndes und Elegantes. Die Vorgärten waren liebevoll gepflegt und die letzten Sommerblüher setzten bunte Farbtupfer in die Szenerie.

"Finden Sie es nicht auch seltsam, Scully, dass alles, worauf wir hier immer wieder stoßen Schatten sind?" sinnierte Mulder. "Wir haben absolut nichts Greifbares in der Hand."

Dieser Satz bewegte Scully dazu, ihre Wahrnehmung auf die heute sichtbaren Schlagschatten der Häuser, Gegenstände und Personen zu lenken. Sie bemerkte, dass Mulders Schatten in eine andere Richtung wies, als die übrigen. Aber mit viel größerem Erstaunen und ungespieltem Entsetzen stellte sie fest, dass sie selbst keinen Schatten besaß.

"Mulder, sehen Sie das?" schrie sie fast auf. "Das gibt es doch gar nicht...."

Auch Mulder blickte erschrocken auf den Boden rund um Scully und danach in die Sonne. "Seltsam." murmelte er und schüttelte den Kopf. Dann verstummte er.

Schweigend liefen sie nebeneinander her. Scully fühlte sich eigenartig beunruhigt.
Da läuft man jahrelang mit seinem Schatten herum, ohne ihm jemals Aufmerksamkeit zu schenken oder ihn wirklich zu benötigen. Aber wenn er dann auf einmal fehlt, ist es, als würde ein Stück von einem selbst fehlen. Als sei man nicht mehr vollständig, nicht mehr ganz, nicht mehr da.

Scully spürte, wie sich die feinen Härchen an ihren Armen aufrichteten, etwas Enges sich um ihr Herz schloss und Kälte in ihre Gliedmaßen kroch. Sie spürte, wie eine undefinierbare und nicht greifbare Angst von ihr Besitz ergriff.

Dieses beunruhigende Gefühl verfolgte Scully den ganzen Tag. Sie waren mittags wieder ins Motel zurückgekehrt und hatten nach einem eher dürftigen Mittagessen nochmals gründlich die Richards Akte und Agenda durchgesehen. Scully hatte nachmittags an ihrem Bericht gesessen und wartete noch auf die Ergebnisse vom Labor und von den Suchtrupps. Die Zeit erschien sich endlos lang hinzuziehen. Auch Mulder arbeitete an seinem Laptop, aber Scully sparte sich die Mühe ihn zu fragen, was es war, denn sie war mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Zwischendurch verschwand er immer mal aus dem Zimmer um etwas zu besorgen. Scully fühlte sich merkwürdig stumpf und energielos. Sie hatte mit Mulder nicht mehr über die Sache gesprochen und er hatte das Thema ebenso mit keinem Wort angeschnitten. Vielleicht hatte er Angst wie sie. Sie konnte sich ihre Furcht nicht erklären, aber zunehmend spürte sie, dass doch mehr hinter diesem Fall steckte, als sie bereit war zu glauben.
Als es auf den Abend zuging, meldete sich plötzlich ihr Handy. Es war der Leiter der Einsatztruppe, der mitteilte, dass die Suche mit den Spürhunden erfolglos verlaufen war. Diese hatten zwar seine Witterung auf dem Feld aufnehmen können, aber waren nicht in der Lage gewesen, seine Spuren in irgendeine Richtung zu verfolgen. Scully spürte einen Kloß im Hals und das dringende Bedürfnis, von hier zu verschwinden.

"Mulder, was glauben Sie? Was hat das alles zu bedeuten?" fragte sie, nachdem sie ihm die Neuigkeit mitgeteilt hatte.

"Ich weiß es nicht, Scully." Die Antwort kam zögernd. "Vielleicht sollten wir beginnen, andere Wege zu beschreiten."

"Was meinen Sie, Mulder?"

"Cat-Cath scheint unter dem gleichen Verfolgungswahn zu leiden, wie Richards. Wenn wir mit ihr sprechen, können wir vielleicht herausfinden, was Richards dachte und fühlte. Und eventuell weiß sie mehr als wir denken. Wir sollten es uns für morgen vornehmen. Vorher können wir ja noch bei seinem Nachbarn vorbei. Ich glaube zwar kaum, dass der uns irgendwelche Anhaltspunkte geben kann, aber wir sollten niemanden vergessen."

"Ok" nickte Scully müde. "Was ist mit dem Sheriff? Sollten wir ihm nicht etwas davon sagen?"

Bevor Mulder antworten konnte, klopfte es an die Tür. Es war der Sheriff Johnson. Er übereichte Mulder, der die Tür geöffnet hatte, ein Telegramm, das in seinem Büro abgegeben worden war. Dabei warf er mit seinem dümmlichen Grinsen einen Blick ins Zimmer und schielte danach neugierig auf den noch ungeöffneten Umschlag. Mulder öffnete ihn und überflog das Telegramm.

"Etwas wichtiges?" fragte der Sheriff.

"Nur ein paar Untersuchungsergebnisse. Die erhalten Sie dann zusammen mit den Berichten. Aber was wirklich neues können wir Ihnen noch nicht mitteilen."

"So....oki.....ähm, dann werd ich mich mal wieder auf den Weg machen. Schönen Abend noch."

"Was steht im Telegramm, Mulder?" fragte Scully als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Mulder reichte ihr den Zettel und Scully überflog ihn hastig. Das Labor teilte mit, dass auf dem Papiertaschentuch DNS-Spuren von Richards und winzige Partikel einer bisher unbekannten Substanz gefunden wurden.

"Mulder, wir haben etwas!" Scully fühlte sich auf einmal hellwach und jubelte innerlich. Aber Mulder schien da anderer Meinung zu sein.

"Ja, aber es wird uns nicht viel nützen. Wir wissen jetzt nur, dass es in diesem Fall um etwas geht, was wir noch nicht kennen." Er blickte nachdenklich in die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, die in das Zimmer fielen.

Scullys Freude verebbte wieder. Er hatte recht.

***

Nach einem eher kurz ausgefallenem Abendessen in Pamela's Palace machten sie sich auf
den Heimweg. Heute hatte Scully kein Flackern wahrgenommen und in der Dunkelheit konnte sie auch einigermaßen die Sache mit dem verschwundenen Schatten verdrängen. Vielleicht war es ja doch alles nur Einbildung gewesen. Aber dann hätte Mulder bestimmt etwas gesagt. Scully war sich nicht sicher. Noch weniger wußte sie, ob sie froh sein musste, den zweiten Tag in Lake Hermond überlebt zu haben. Obwohl....Leichen gab es hier ja nicht.

Kurze Zeit später hatten sie sich beide in ihren Betten verkrochen. Mulder wendete Scully den Rücken zu und las in einem Buch über Leben auf dem Mars, in dem behauptet wurde, russische und amerikanische Astronauten wären schon Ende der 60iger Jahre gemeinsam auf dem Mars gelandet und hätten dort niedere Lebensformen entdeckt.

Scully versuchte einzuschlafen, was ihr aber nicht so recht gelang. Sie schlug die Augen wieder auf und sah Mulders Halsansatz aus seiner Pyjamajacke herausblitzen, deren Kragen etwas nach hinten gerutscht war. Sie widerstand dem Drang, zärtlich mit ihren Fingerspitzen über seinen Nacken zu streicheln. Nur keine verfänglichen Situationen schaffen. Er war ein Kollege und guter Freund. Mehr nicht. Und dabei sollte es auch bleiben. Hatte sie nicht erst neulich etwas darüber gelesen, dass Angst erotisierend wirkt? Sie fluchte leise. Das hatte ihr gerade noch gefehlt...

Plötzlich vernahm sie wieder ein kaum merkliches Flackern, das nicht von der kleinen Lampe stammte, die auf Mulders Nachttisch stand.

Sofort blickte sie auf. Die Schatten im Zimmer schienen sich zu bewegen, und das in wahnwitziger Geschwindigkeit. Aus der Ecke hinter sich hörte sie ein scharrendes Geräusch. Erschrocken schaute sie sich um und sah - nichts. Das Flimmern vor ihren Augen nahm zu. Nein, es war unmöglich. Heute konnte sie sich nicht überarbeitet haben.

"Mulder!" rief sie, aber es kam kaum ein Ton ihrer Kehle, die wie zugeschnürt war. "Mulder!" rief sie noch einmal und diesmal hörte er es und wandte sich ihr zu.

"Sehen Sie das auch?" Mulder folgte aufmerksam ihrem Blick in die dunklen Tiefen des Raumes und nickte.

"Es sieht aus, als würde das Zimmer leben und alles in Bewegung sein. Ja, ich sehe es jetzt auch." flüsterte er erstaunt. Merkwürdigerweise wagten sie es mit einem Mal nicht mehr, laut miteinander zu reden.

Die Formen der Möbel und Wände schienen zu verschwimmen und sie nahmen seltsame andere dunkle Umrisse wahr, die sich blitzschnell wieder aufzulösen schienen. Im Schein der Nachttischlampe lösten sie das Flackern dadurch aus, dass es im winzigsten Bruchteil von Sekunden heller und wieder dunkler wurde.

Mulder und Scully starrten in das Zimmer, wagten sich kaum zu rühren oder zu sprechen.

"Was ist das?" flüsterte Scully. Mulder schüttelte nur den Kopf.

Scully überlegte, ob sie aufstehen sollte, aber dort in den Raum hinauszugehen, erschien ihr keine wirkliche Alternative. Und auch Mulder machte keine Anstalten, sich zu bewegen.

"Ob wir es fürchten müssen?" fragte Scully leise und Mulder antwortete ebenso leise: "Wenn es dem Schattenphänomen zuzuschreiben ist, dann wohl kaum. Aber auch wenn es etwas anderes ist, hätte es uns schon längst erwischt. Also versuchen Sie zu schlafen."


Scully wusste nicht mehr, wie lange sie noch so nebeneinander lagen und in die lebende Dunkelheit hinausstarrten. Sie verlor jedes Zeitgefühl. Aber irgendwann war sie unmerklich eingeschlafen.

Scully schlief unruhig und hatte wirre Träume. Ihr war, als hätte ihr jemand im Schlaf etwas gesagt, das sie vergessen hatte. Krampfhaft versuchte sie sich zu erinnern, unzusammenhängende Gedanken und Sätze schossen ihr durch den Kopf. Sie wollte aufstehen, doch es gelang ihr nicht, denn ihre Beine waren wie Blei. Panik überkam sie. als sie merkte, dass sie sich nicht rühren konnte. Sie wollte etwas sagen, doch hörte nur gurgelnde Geräusche wie aus weiter Ferne. Verzweifelt verdoppelte sie ihre Anstrengungen - und erwachte. Verwirrt blickte sie sich um. Es war heller Tag und durch das Fenster erhaschte sie ein Stück blauen Himmels. Mulder lag neben ihr und schnarchte seelenruhig vor sich hin.
Das Motelzimmer erstreckte sich still und ohne ein Anzeichen der Vorkommnisse des gestrigen Abends vor ihren Augen. Im nachhinein erschien ihr alles wie ein langer Traum. Sie konnte nicht mehr sagen, wann sie geschlafen hatte und wann sie wach gewesen war.

Mühsam quälte sie sich aus dem Bett. Ihr Schädel brummte und sie fühlte sich, als hätte sie einen ganzen Pub leergetrunken und einen Gewaltmarsch von 40 km hinter sich. Als sie mit ihrem Pyjama ins Badezimmer schlich, hörte sie, wie auch Mulder wach wurde.
Nach einem schnellen Frühstück machten sie sich auf den Weg zu Richards Nachbarn, dessen Farm ca. 2 km von seiner eigenen entfernt lag. Von da aus wollten sie dann zu Fuß weiter durch den Wald, zu dem abseits gelegenen Haus von Cat-Cath, dessen Lage ihnen freundlicherweise Pamela, die Wirtin von "Pamela's Palace", auf einem Stück Papier skizziert hatte.

Als sie bei Richards Nachbarn ankamen, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Er hatte ein kleines, aber sehr gepflegtes Anwesen. An einem seiner Ställe wurde gebaut.
"Wir bauen an." begrüßte er sie, als er ihre Blicke dorthin bemerkte. "Der Platz wird sonst etwas knapp für die Tiere." Walker war eine sympathische und ruhige Erscheinung und bald wussten sie, dass er mit seiner Frau, seinen drei Kindern und einer Hausangestellten hier auf dem Hof lebte. Nur über Richards konnte er ihnen wie erwartet nichts neues sagen. Sie erfuhren, dass sie ein gutes Verhältnis gehabt hatten und Walker sich mit seiner Familie um Richards gekümmert hatte, als er in die Depressionen abrutschte. Richards hatte wie jedes Jahr die Weihnachtsfeiertage bei ihnen verbracht. Scully und Mulder baten ihn, den Wagen auf seinem Hof stehen lassen zu dürfen und schlugen dann einen kleinen Sandweg ein, der in nördlicher Richtung vom Anwesen wegführte.

Es war ein sehr heißer Septembertag. Scully und Mulder konnten sich nicht erinnern, dass es jemals im September so heiß gewesen war. Sie liefen an einem noch nicht abgeernteten Getreidefeld vorbei und die Luft flirrte vor Hitze. Mulder standen bald die Schweißperlen auf der Stirn, obwohl er sein Jackett im Auto gelassen hatte. Die Grillen zirpten laut und Scully dachte, dass sie lieber zum Urlaub machen hier wäre, vorausgesetzt es gäbe da nicht diese beunruhigenden Dinge. In der Ferne sahen sie eine mit Lumpen bekleidete Vogelscheuche einsam auf dem Feld stehen.

Sie liefen schweigend nebeneinander her. Nach zehn Minuten bemerkte Scully, dass es still geworden war, die Grillen hörte man nicht mehr und auch kein Vogellaut. Diese Ruhe zu der von der Sonne tanzenden Luft war geradezu unheimlich. Scully dachte an die Erzählungen von der weißen Jungfrau, die den Feldarbeitern den Kopf abschnitt. Auf der linken Seite des Weges begann der Wald. Die Luft schien stärker zu flirren und bald nahm Scully wieder ein Flackern wahr. Es herrschte Windstille, so dass es nicht von sich bewegenden Zweigen stammen konnte. Manchmal vermeinte Scully dunkle Umrisse von Personen zu erkennen. "Sehen Sie das auch, Mulder?" Er nickte stumm.
Bald waren sie ganz von Wald umgeben und die Stille wurde immer gespenstischer. Plötzlich hörten sie ein Rascheln und Knacken in der Nähe, das sie zusammenzucken ließ. Sie blieben stehen und lauschten. Bald darauf hörten sie es wieder. Aber da war auch noch etwas anderes. Es war, als riefe jemand kaum hörbar um Hilfe.

"Das ist kein Tier, Scully. Da ist irgendwer." presste Mulder zwischen den Zähnen hervor.
"Lassen Sie uns nachschauen." Er zückte seine Waffe. Es war nicht mehr die solide und handliche Dienstwaffe des FBI, die Scully bei sich trug und nun ebenfalls hervorzog. Aber er hatte sich an sie gewöhnt.

Sie gingen so lautlos wie möglich in die Richtung, aus der die Geräusche gekommen waren. Scullys Herz klopfte bis zum Hals. Sie war zwar schon oft in solchen Situationen gewesen, aber die unheimlichen Ereignisse an diesem Ort taten ein übriges, dass sie mit allem rechnete.

Je tiefer sie in den Wald vordrangen, um so dunkler wurde es. Zwischendurch blieben sie wiederholt stehen und horchten. Da war es wieder, dieses Knacken. Eben wollte Scully sich dorthin wenden, von wo sie es gehört hatte, da erklang es auch von der anderen Seite. Ein leises Rascheln und ein Laut, als würden Zweige abgeknickt werden. Scully und Mulder sahen sich an. Scully stieg der intensive Geruch von Laub und Erde in die Nase.

"Sie gehen dort lang, ich hier." sagte Mulder bestimmt. "Seien Sie vorsichtig, Scully."

Dann trennten sie sich.

© Zuckerwattewolkenmond

Im Reich der Schatten - Eine inoffizielle X-Akte des FBI (Teil III)

Blind folgte Scully dem Blätterrascheln, das von einer Stelle etwa zehn Meter von ihr entfernt ausging. Doch je mehr sie sich dem Geräusch näherte, um so mehr schien es sich wieder von ihr zu entfernen. Sie gelangte immer tiefer in den Wald, wo die Bäume bald so dicht zusammenstanden, dass kaum noch ein Lichtstrahl hindurchbrach. Der Waldboden war uneben und unter einer Schicht gefallenen Laubes verbargen sich mächtige Wurzelstränge, die zu gefährlichen Stolperfallen wurden. Sie kam deshalb nur langsam voran, aber das Geräusch einer anderen Person war immer in der gleichen Entfernung von ihr zu hören - mal deutlich und mal leise. Wieder durchbrach ein lautes Knacken die unheimliche Stille des Waldes.

"Hey....Sie! Bleiben Sie stehen!" rief Scully. Undeutlich nahm sie in einiger Entfernung Umrisse war, die nur wenig schwärzer waren als die Dunkelheit des Waldes. Das Ding schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen, trat aber immer wieder wahrnehmbar aus ihr hervor.
Scully spürte, wie die Waffe in ihrer Hand schwer wurde. Das was vor ihr lief machte aber keine Anstalten stehen zu bleiben.

"Hallo! FBI! Ich bin bewaffnet. Bleiben Sie stehen!" brüllte Scully nochmals, ohne dass eine Reaktion erfolgte. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gelaufen war, aber egal, ob sie ihre Schritte beschleunigte oder verlangsamte - ES blieb immer gleichen Abstand vor ihr. Sie stolperte und stützte sich hastig an einem Baumstamm ab. Ihr Atem ging schwer und sie zog ein Taschentuch hervor, um sich damit den Schweiß von der Stirn und von der Oberlippe zu wischen. Dabei bemerkte sie nicht, wie ihr FBI-Ausweis aus der Hosentasche rutschte und zu Boden fiel.

Kurz darauf stürmte sie weiter, in einer Hand ihre Waffe und mit der anderen die Zweige vor ihrem Gesicht beiseite schiebend. Sie war in einem Zustand äußerster Anspannung und das Adrenalin schoss durch ihre Adern. Der Wald erschien ihr als immer bedrohlicher, aber ohne dass es ihren Schritt gebremst hätte. So rannte sie weiter und weiter, bis ihr auf einmal bewusst wurde, dass irgendetwas anders war als vorher. Schlagartig blieb sie stehen und lauschte. Es war weg. Nichts war mehr zu hören. Und sie wusste nicht genau, wie lange schon. Irritiert schaute sie sich um. Dunkelheit und Stille schienen sie zu überwältigen. Wie lange war sie gelaufen? Sie schaute auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass diese stehen geblieben war. Sie überlegte, aus welcher Richtung sie gekommen war und konnte sich nicht mehr erinnern. Hatte sie sich verlaufen?

Sie spürte wie ihr kalt wurde und ein stilles Entsetzen sich in ihr ausbreitete. Und sie spürte, dass dieses bald zur Panik werden würde, wenn sie nicht ruhig blieb. Natürlich hatte sie beim FBI auch ein Überlebenstraining absolviert und wusste, wie man sich in solch einer Situation verhält. Aber dieser finstere Wald und die lebenden Schatten, von denen sie sich überall umgeben fühlte, verbreiteten ihren ganz eigenen Schrecken, auf den sie niemand vorbereitet hatte.

Sie überlegte. Vielleicht war Mulder ja in der Nähe und hörte es, wenn sie rief. Also tat sie es - einmal, zweimal, dreimal - keine Antwort. In welche Richtung sollte sie nun gehen? Schließlich entschied sie sich für eine Richtung, die sie für die nördliche hielt. Während sie zögernd und vorsichtig um sich blickend weiterlief, versuchte sie sich auf die nächsten notwendigen Schritte zu konzentrieren um der beginnenden Panik Einhalt zu gebieten. Wenn sie den Kopf verlor, dann war sie selbst verloren, das wusste sie.

Scully war sich sicher, geradewegs nach Norden zu gehen. Dennoch hatte sie das unangenehme Gefühl, sich stetig im Kreise zu bewegen. Hatte sie diesen Baum mit dem abgestorbenen Ast nicht schon einmal gesehen? Warum funktionierte dieses verdammte Handy nicht? Hatte das den gleichen Grund, warum ihre Uhr stehen geblieben war? Die Panik lauerte in ihr wie eine Raubkatze, um sie in einem Moment der Schwäche zu zerfleischen. Scully blieb stehen und holte tief Luft. Nichts außer ihr stoßweiser, unregelmäßiger Atem war zu hören in der wabernden Dämmerung des Waldes, die sich, ebenso wie die Furcht, immer mehr auf sie herabsenkte.

Während sie so da stand und ängstlich um sich schaute, war Mulder inzwischen auf einer kleinen Lichtung angelangt. Auch er hatte lange etwas verfolgt, das wie ein Mensch ausgesehen hatte. Nur die durchsichtige Schwärze, mit der es immer wieder vor seinen Augen verschwand, hatte ihn irritiert. So verließ er sich die meiste Zeit auf seine Ohren. Leider ließen die ihn jetzt im Stich, denn er hörte nichts mehr. Der Wald lag gespenstig ruhig um ihn herum da. Durch die Lichtung fiel etwas Sonne und an seinem langen Schatten erkannte er, dass es schon auf den Abend zu ging. Es würde wohl keinen Sinn machen, hier weiterzusuchen. Er blieb noch einige lange Minuten ruhig stehen und lauschte, dann machte er sich auf den Rückweg. Als er wieder an den Punkt zurückgekehrt war, wo sie sich getrennt hatten, war von Scully weit und breit noch keine Spur. Er versuchte sie anzurufen, aber sein Handy versagte den Dienst. Also beschloss er einfach zu warten, denn er war sich sicher, dass Scully jeden Moment wieder auftauchen würde. In der Nähe lag ein umgestürzter, kahler Baum. Er ließ sich darauf nieder und blickte suchend zwischen den Baumstämmen umher. Je länger er wartete, um so endloser erschien im die Zeit.
Nach einer Ewigkeit von zwanzig Minuten wuchs die Unruhe in ihm. Nervös klopfte er mit den Fingern auf das morsche Holz. Erst, als ihn wie ein Blitz der Gedanke an Richards und sein Verschwinden durchzuckte, hielt er inne. Was war, wenn Scully etwas geschehen war? Kalter Angstschweiß bahnte sich den Weg auf seinen Rücken. Mit einem Satz sprang er auf, denn nun hielt ihn nichts mehr auf dem Baumstamm. Unruhig tigerte er im Kreis, während er überlegte, was er weiter tun solle. Es wurde bald Abend und er hatte nicht mehr viel Zeit, um sie zu finden. Aber es konnte sein, dass sie sich dadurch verpassten. Nur hier tatenlos rumstehen konnte er auch nicht. Und so schlug er schließlich dieselbe Richtung ein, in die er Scully vorhin hatte fortgehen sehen.

Alle paar Schritte rief er laut ihren Namen. So würde sie ihn hören, wenn sie in der Nähe war und sie würden nicht aneinander vorbeilaufen. Je weiter er lief, um so enger standen die Bäume beieinander und um so dunkler wurde es. An den Stellen, wo etwas mehr Abendlicht durch das dichte Blätterdach fiel, nahm Mulder wieder dieses Flackern wahr, als würde dort alles ständig in Bewegung sein. Er fühlte sich immer unwohler und verstand plötzlich, dass die Ursache dafür das Gefühl war, beobachtet zu werden. Mulder konnte die bohrenden Blicke in seinem Rücken spüren, aber wenn er sich umschaute, sah er nichts als dunkle Flecken, die vor seinen Augen tanzten. Seine Schritte beschleunigten sich. Der Abend und mit ihm die Dämmerung senkte sich tiefer herab und die dunklen Flecken seiner Wahrnehmung schienen mehr und mehr Gestalt anzunehmen. Außer der Sorge um Scully überkam ihn nun eine nie gekannte Furcht. Die Furcht vor etwas Unfassbarem, etwas Unheilvollem, was von ihm Besitz nahm. Verzweifelt rief er weiter nach Scully ohne eine Antwort zu erhalten. Statt dessen vermeinte er andere Stimmen zu hören. Leise Stimmen, die in einem monotonem Singsang etwas wisperten, was seine Ohren zwar nicht verstanden, aber was sich geradewegs in seinen Gehirn hineinfraß und sich dort festsetzte. Er hatte kein Gespür mehr dafür, wie weit oder wie lange er gegangen war. Aber er wusste, dass er Scully finden musste. Nichts konnte ihn davon abhalten. Nicht einmal dieser eisige Luftzug, der gerade sein Gesicht streifte und seinen Atem gefrieren ließ. Nicht einmal die schwarzen Schatten, die sich ihm näherten, ihn umgaben und von denen er plötzlich mit Gewissheit wusste, dass sie ihn verfolgten.
Nicht einmal diese Stimmen in seinem Kopf, die immer lauter wurden und Gedanken in ihm wachriefen, die er lange verdrängt hatte. Gedanken an seine Schwester, die von den Grauen entführt worden war, ohne dass er ihr geholfen hatte. Er erinnerte sich an das gleißende Licht, das er gesehen hatte und daran, dass er wie paralysiert gewesen war, als er auf die Tür gestarrt hatte, durch welche das Licht ihn blendete. Er hatte wie betäubt dagestanden, sich nicht gerührt und dann war seine Schwester fort und kam niemals wieder. Er hatte sich immer die Schuld dafür gegeben, obwohl er nur ein Kind gewesen war, das im Angesicht des Unbegreiflichen nicht anders hatte handeln können. Und mit seiner unablässigen Suche nach Samantha versuchte er sich reinzuwaschen von dieser Schuld, in dem er sie eines Tages wiederfinden würde. Jetzt quälten ihn diese Gedanken wie niemals zuvor. Er glaubte sein Herz würde jeden Moment zerspringen von dem Schmerz, den er fühlte. Verstärkt versuchte er sich auf den Weg zu konzentrieren und sich zu orientieren. Aber die schmerzvollen Gedanken ließen sich nicht abschütteln und die Stimmen schienen immer dröhnender in seinem Kopf zu werden.

Die letzten Strahlen der Abendsonne drängten sich durch die in den Himmel ragenden Bäume, erreichten aber nur vereinzelt den Erdboden. Bald würde sie untergehen. Unablässig rief er nach Scully, doch seine Kraft ließ nach und mühsam kämpfte er sich über abgebrochene Äste und riesige Wurzeln, die den unebenen Waldboden durchzogen. Plötzlich strauchelte er und landete unsanft auf den Knien. Als er sich wieder hoch rappelte und sich dabei mit der Hand abstützte, spürte er etwas kühles, glattes unter seinen Fingern. Er stand auf und blickte verwundert zu Boden. Mulder blickte in Scullys Gesicht. Es lag zwischen Laub, Erde und Zweigen zu seinen Füßen. Langsam hob er den Ausweis auf. Einige Zeit stand er unbewegt da und starrte das Plastikkärtchen in seiner Hand an, als würde er es nicht erkennen. Mulder spürte, dass da etwas war, das sich versuchte in ihm breit zu machen und das er nicht zulassen wollte. Es war etwas, das ihm die Luft und jede Hoffnung nehmen würde. Er fühlte sich betäubt, betäubt wie damals, als das Unfassbare geschehen war. Ruckartig wandte er sich um und lief so schnell es seine Füße und die vor ihm liegenden Hindernisse erlaubten. Irgendwann versagte ihm die Stimme und die schwarzen Schatten um ihn herum schienen das Nachlassen seiner Kräfte zu registrieren, denn sie rückten immer näher.

Nun war es also geschehen. Er hatte wieder einen Menschen, den er mochte, durch eigene Schuld verloren. Je bewusster ihm das Geschehene wurde und je länger er die scharfen Kanten des Plastikkärtchens in seiner Hand fühlte, um so sicherer wurde er, dass Scully etwas passiert war und er sie nie wiedersehen würde. Das war ganz klar, denn wenn es bei seiner Schwester so gewesen war, würde es auch bei jedem anderen in seinem Leben so sein. Wahrscheinlich trug er einen Fluch mit sich, dem er und jeder, der ihm nahe stand nicht entrinnen konnte. Er fühlte wie diese Gedanken an seiner verbliebenen Kraft zehrten, sie auffraßen und die Schwäche ihn zu überwältigen drohte. Er versuchte sich gegen diese Gedanken und die Hoffnungslosigkeit, die sie mit sich brachten zu wehren, in dem er sie verdrängte und immer wieder Scullys Namen rief. Doch es gelang ihm nicht. Sie kamen zurück und mit jeder Rückkehr wurden sie stärker.
Er hätte Scully niemals alleine hier in den Wald lassen dürfen. Nicht wenn hier Menschen verschwinden und sich merkwürdige Dinge ereignen. Sie hätten zusammenbleiben müssen. Nun war es zu spät. Der Kloß in seinem Hals wurde immer dicker. Er hörte sein eigenes lautes Keuchen, das ihm seltsam fremd in den Ohren klang. Es war jedoch nicht laut genug, um Stimmen zu übertönen, die sich in sein Gehirn fraßen und bald ganz von ihm Besitz nahmen.
"Du bist schuld. Du bist schuld." riefen sie. "Du bist ein Versager, ein Feigling. Du bringst jedem Unglück, der sich mit dir abgibt."

"Nein! Nein! Neiiiiiin!" schrie Mulder und hielt sich die Ohren zu. Doch sie waren noch da. Hier in seinem Kopf. Verzweifelt versuchte er mit Hilfe seines Verstandes den Stimmen Herr zu werden, doch er hatte keine Chance. Sie aktivierten alles was er an Schuldgefühlen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in sich trug und waren, ebenso wie die Schatten, die mit jeder Sekunde mehr Gestalt annahmen, nicht mehr aufzuhalten.

"Du hast nicht aufgepasst. Du hast nicht auf die, die dir am liebsten waren aufgepasst." dröhnte es in seinem Kopf. "Du hast ihnen nicht geholfen. Du hast es einfach geschehen lassen."

Die Verzweiflung und der vergebliche Versuch, das Schreckliche abzuschütteln, das ihn doch längst schon in der Hand hatte, trieben Mulder schneller voran, als es seine Kräfte zuließen. Er sah sich von schwarzen Gestalten umzingelt, die nach ihm griffen und rannte durch sie hindurch. Doch es wurden ständig mehr von ihnen, so dass er nur noch eine wabernde schwarze Masse vor sich sah, und er spürte, dass es nicht nur die Stimmen waren, die in ihn hineinkrochen. Mulder glaubte wahnsinnig zu werden. Das konnte nicht alles wirklich geschehen. Aber diese Stimmen waren nicht seine. Es war etwas anderes, das ihn zerstören und vernichten wollte. Grauenvolles Entsetzen packte ihn.

"Du bist es nicht wert zu leben. Du bist es nicht würdig ein Mensch zu sein. Deine Schuld ist niemals wieder gut zu machen und durch sie hast du dein Dasein verwirkt." klang es wie ein furchtbares Echo in ihm. "Du bist ein Nichts! Du bist ein Niemand! Du bist nichts....nichts nichts nichts ....."

Mulder rannte und rannte, fiel, stand wieder auf. Rannte gegen Bäume, deren raue Rinde blutige Schrammen in seinem Gesicht und an seinen Armen hinterließen. Sein Hemd hing nur noch in Fetzen von ihm herab. Mit staubigen Händen versuchte er den Bäumen in der wabernden dunklen Masse, durch die er sich bewegte, auszuweichen. Er fühlte, dass er den Kampf verlieren würde. Fühlte, wie diese unheimlichen Schatten in ihn hineinkrochen und seine letzten Energien aus ihm heraussaugten. Fühlte, wie die Schwäche ihn übermannte und seine Schuldgefühle ins Unermessliche wuchsen, auch wenn er sich verzweifelt dagegen sträubte.

Er strauchelte und landete mit einem harten Aufprall auf dem Boden. Dann verlor er das Bewusstsein.

***

Langsam kam Mulder wieder zu sich. Er fühlte sich merkwürdig leicht und spürte keine Schmerzen mehr. Als er die Augen aufschlug, sah er schwarze Gestalten, die sich über ihn beugten. Er glaubte erst, es seien Menschen, die er nicht richtig erkennen könne, doch dann begriff er, dass es immer noch die Schatten waren, die ihn verfolgt hatten.

"Herzlich Willkommen in unserem Reich." Er sah nicht, dass sie sprachen und hörte auch keine Laute. Trotzdem vernahm er in seinem Kopf, was sie zu ihm sagten. Es musste eine Art telepathische Verständigung sein.

"Du bist jetzt einer von uns." Mulder erstarrte. Er musste etwas falsch verstanden haben, doch sein Versuch zu sprechen scheiterte. Er brachte kein einziges Wort heraus. Dann besann er sich auf die andere Art des Sprechens, welche die Schatten ausübten und tat es ihnen gleich.

"Was meint ihr damit?" fragte er in seinen Gedanken.

"Du bist jetzt einer von uns. Du bist auch ein Schatten."

"Ich verstehe nicht...." verwirrt schaute er in ihre nicht vorhandenen, nebligen Gesichter.
"Wer seid ihr?"

"Wir sind die Schatten der Menschen, die in unserem Reich leben. Wir ernähren uns von ihren Gefühlen der Schuld. Daraus bestehen wir."

Mulder begriff nicht. Das Schweigen in seinem Schädel, ließ ihn betäubt vor sich hin starren.

"Wir leben. Wir sind keine bloßen Anhängsel vom Einfall der Sonne abhängig. Uns gibt es wirklich. Genauso wie es Schuld unter den Menschen gibt. Wir sind eure Geschöpfe und das hier ist unser Reich. Ihr könnt uns nur als Projektion bei Licht sehen, weil wir uns schneller bewegen, als eure Augen es aufnehmen können. Aber wir sind immer da."

"Und was hat das mit mir zu tun?" Mulder begriff immer noch nicht.

"Deine Schuld war zu groß. Du bist jetzt einer von uns."

Fassungslosigkeit breitete sich in Mulder aus. Und eine Frage wurde immer lauter in ihm.

"Das....das kann.....ist es das, was Richards auch widerfahren ist?"

"Ja, ich bin hier." hörte er eine andere Gestalt sagen. "Ich bin Richards. Sie haben mich geholt. Ich bin jetzt einer von ihnen."

Plötzlich wurde Mulder aus seinem entsetzten Staunen gerissen. Er hörte wieder eine Stimme. Diesmal eine menschliche. Sie rief seinen Namen. Scully! Ja, es war Scully! Oh, welch ein Glück...es stimmte alles nicht. Ihr war nichts geschehen. Sie war noch da. Und ihn traf keine Schuld. Mulder glaubte zu zerspringen vor Freude und vergaß, wo und wer er jetzt war. Er wollte nach Scully rufen, doch es gelang ihm nicht. Daher verdoppelte er seine Anstrengungen und spürte kurz darauf, wie die Wahrnehmung seines Körpers langsam zurückkehrte und eine kaum zu ertragende Schwere sich in ihm breit machte. Und wiederum verlor er das Bewusstsein.

***

Scully erschien die Zeit endlos, die sie nun schon so durch den Wald irrte. Und dieses Gefühl in ihr, immer im Kreis zu laufen, machte sie verrückt. Inzwischen war es dunkel geworden und es ergab wohl keinen Sinn mehr, weiter herumzulaufen. Vielleicht sollte sie sich lieber ein Fleckchen suchen, auf dem sie den Anbruch des Morgens abwarten konnte.
Eventuell war Mulder schon zurück im Motel und hatte andere Leute verständigt, die helfen würden, sie zu suchen.

Zögernd blickte sie sich um. In einiger Entfernung sah sie schemenhaft einen Baum in einer kleinen Senke. Dorthin würde sie gehen. Sie würde sich etwas Laub zusammensuchen und sich an den Baumstamm anlehnen. Als sie dann dort so saß und vor Erschöpfung auf der Stelle einzuschlafen drohte, beschloss sie ein letztes Mal nach Mulder zu rufen. Einen Versuch noch, auch wenn sie nicht mehr glaubte, dass es etwas bringt. Aber man kann ja nie wissen.

Doch auf ihr Rufen tat sich nichts. Also richtete sie sich auf eine Nacht im Freien ein. Sie lehnte am Baumstamm und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit des Waldes, wobei sie versuchte ihre Angst nicht wieder aufflackern zu lassen. Der Ort war zwar unheimlich, aber bisher war ihr nichts geschehen. Feuchtigkeit stieg aus dem Boden auf und ließ um sie herum die Konturen zerfließen. Nach einigen Momenten bemerkte sie an einer Stelle, auf welche sie die ganze Zeit unbewusst gestarrt hatte, etwas das ihre Aufmerksamkeit fesselte. Erst war es wieder eine unmerkliche Bewegung in der Finsternis, ein Schattenspiel, doch je länger sie hinschaute, um so mehr nahm es Formen an. Sie sah Umrisse - etwas Nebelhaftes, dass in seiner Schwärze immer kompakter wurde. Und nach einer Weile glaubte sie einen menschlichen Körper zu erkennen, dort wo gerade eben nur der Waldboden gewesen war. Leise stand sie auf und näherte sich der Stelle.
Je weiter sie herankam, um so schneller fühlte sie ihr Herz schlagen. Doch es schlug nicht aus Angst, sondern aus Freude. Denn sie trug eine Ahnung in sich, was sie erblicken würde und sollte Recht behalten.

Es war Mulder. Er schien bewusstlos zu sein. Sie fragte sich nicht, wie er so plötzlich dorthin gekommen war - dorthin, wo vorher nichts als Laub und Erde zu sehen war. Es war egal. Wichtig war nur, dass er da war. Ein schwerer Stein fiel ihr vom Herzen.

Sie bemerkte, wie zugerichtet er aussah und fragte sich, was wohl geschehen war. Vorsichtig schob sie ihn in die stabile Seitenlage und schlug mit einigen feuchten Laubblättern sanft in sein Gesicht. Nach einigen Minuten schlug er die Augen auf.

"Mulder......ich bin ja so froh! Was ist mit Ihnen passiert?"

Mulder setzte sich langsam auf, erkannte Scully und begann zu strahlen.
Er lächelte und lächelte, und seine Augen wollten Scully nicht mehr loslassen.

"Scully.....Ich bin ja so froh, dass ich Sie gefunden habe!" sagte er leise.

"Ja, ich auch..." erwiderte Scully, "aber was ist passiert?"

"Hm, scheint so, als hätten wir eine lange Nacht im Wald vor uns." antwortete Mulder lächelnd. "Also genug Zeit, um Ihnen alles zu erzählen."

***

Als sie es sich einigermaßen auf dem harten Waldboden bequem gemacht hatten, begann Mulder von seinen Erlebnissen zu berichten. Allerdings kam er damit nicht sehr weit, denn innerhalb von wenigen Minuten waren beide vor Erschöpfung eingeschlafen. Also setzte er seinen Bericht am nächsten Tag fort, nachdem sie vom Morgennebel geweckt worden waren.

Jetzt war beiden klar, daß Richards nicht mehr wiederkehren würde. "Wir sollten heute noch Dr. Barnes besuchen, um mehr Hintergründe über Richards seelische Verfassung zu erfahren. Dann wird sich sicherlich alles zusammenfügen." sagte Scully. "Ich werde ihn offiziell für tot erklären. Aber lassen Sie uns endlich aus diesem verdammten Wald verschwinden!"

Sie waren nur kurze Zeit gelaufen, als sie auch schon den Waldrand erreichten. Sie mussten also tatsächlich im Kreis gelaufen sein. Ob unbeabsichtigt oder irregeführt - wer weiß das schon so genau.
Nach einem schnellen zwanzigminütigen Marsch hatten sie ihren Wagen wieder erreicht. Glücklicherweise befand sich niemand auf dem Hof, der neugierige Fragen bezüglich ihres Aussehens gestellt hätte.

Nach einem Zwischenstopp im Motel, wo sie duschten und sich neu ankleideten, kehrten sie zu einem gehaltvollen Frühstück mit zweimal zwei Portionen Eier und Schinken in "Pamelas Palace" ein. Und gut zwei Stunden später betraten die Praxis von Dr. Barnes.

Barnes begrüßte sie freundlich und erkundigte sich nach dem Fortschreiten der Ermittlungen.
Die ganze Geschichte konnten sie ihm nicht erzählen, denn sie war zu unglaublich und würde nur in der geheimen X-Akte des FBI erscheinen. Also erklärten sie, dass Richards tot sei, sie aber über die Umstände seines Todes keine genaueren Angaben machen dürften.

Der Psychotherapeut zuckte mit den Achseln. "Hätte gerne gewusst, ob es Selbstmord war. Aber nun gut."

"Das wissen wir selbst auch noch nicht so genau." flunkerte Scully. "Deshalb würden Sie uns helfen, wen Sie uns Einblick in seine Krankenakte nehmen ließen."

Dr. Barnes ging zum Aktenschrank und zog aus einer Schublade ein dickes Bündel Papier.
"Bitte schön." sagte er und legte es vor ihnen auf den Tisch.

Mulder und Scully blätterten darin, bis sie auf das alte und vergilbte Protokoll einer Therapiesitzung stießen, die ungefähr ein Jahr nach dem Brand stattgefunden hatte. Richards sprach darin nicht nur von seinen Depressionen, sondern auch von seinen Schuldgefühlen und hatte Dr. Barnes sein dunkles Geheimnis offenbart.

An jenem unseligen Tag, an dem das Unglück geschehen sollte, hatte Richards nach einem heftigen Familienstreit seine Kinder im Dachboden eingesperrt. Danach war er in den Pub gegangen und trug den Schlüssel zum Dachboden in seiner Jackentasche bei sich. Als seine Frau bemerkte, dass das Haus Feuer gefangen hatte und dieses sich rasend schnell ausbreitete, versuchte sie das Mädchen und den Jungen aus dem Dachboden zu befreien. Dabei ist sie zusammen mit ihren Kindern ums Leben gekommen.

"Richards konnte sich nie von seinen Schuldgefühlen befreien und hat sehr darunter gelitten." erklärte Dr. Barnes. "Er wollte nicht akzeptieren, dass ein unglückliche Verkettung von Ereignissen stattgefunden hatte und gab sich allein die Schuld am Tod seiner Familie."

Mulder und Scully sahen sich an. Nun wussten sie, was geschehen war. Richards Schuldgefühle waren so groß geworden, dass er zu seinem eigenen Schatten wurde. Er hatte seinen Schatten übergroß werden lassen, sich von ihm einfangen lassen, bis er schließlich ganz vom Erdboden verschwand. Scully blickte nachdenklich aus dem Fenster. Es war schwer zu begreifen. Die Schatten, die sie tagtäglich begleiteten, oder manchmal auch nicht, lebten in ihrer eigenen Welt, hatten ihr eigenes Leben und waren entstanden aus den Gedanken und Gefühlen der Menschen, die sie begleiteten.

"Danke." sagte Scully, "Sie haben uns sehr geholfen."

Nachdem sie kurz darauf noch im Büro von Sheriff Johnson vorbeigeschaut und sich verabschiedet hatten, fuhren sie ins Motel zurück, um ihre Sachen zu packen und sich auf den Heimweg zu machen.

Scully saß schon im Auto und wartete auf Mulder, der noch alle Hände voll damit zu tun hatte, den Reißverschluss seines überquellenden Koffers zu schließen. Schließlich kam er aus der Tür, blieb mit dem Gepäck aber neben ihrer Wagentür stehen.

"Was ist los, Mulder? Wollen Sie nicht einsteigen?"

"Nein, ich werde nicht mitkommen."

Scully blieb vor Schreck der Mund offen stehen. "Warum? Was soll das werden, Mulder?"

"Ich werde mir hier einen Wagen mieten und weiter nach Mexiko fahren."

"Was wollen Sie denn in Mexiko?"

"Ich spüre, dass ich sie da finden kann. Die Wahrheit ist irgendwo dort draußen. Ich muss einfach da hin. Machen Sie es gut, Scully und vergessen Sie mich nicht." Mulder drehte sich ohne Zögern um und verschwand auf der anderen Seite der Straße.

Scully seufzte und blickte ihm traurig hinterher. Wie sollte sie ihn vergessen, wo sie sich doch so viele Sorgen um ihn machte? Hoffentlich würde er auf seiner Suche nicht irgendwo auf der Strecke bleiben. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm wünschen sollte, die Wahrheit zu finden.

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deine Erfahrungen angeht, die - wie du selbst sagst...
Namesi - So, 00:03
Eigentlich
braucht man dazu kein Talent, sondern nur ein bißchen...
zuckerwattewolkenmond - Sa, 23:54
Du
hast halt Talente, die andere nicht haben.
Namesi - Sa, 23:50
Frauen
zahlen immer mehr. Sogar, wenn sie dieselbe Menge Haare...
zuckerwattewolkenmond - Sa, 23:36
Nun ja,
ich habe nur noch wenige Haare auf dem Kopf. Da aber...
Namesi - Sa, 23:06
Was ich noch anmerken...
im letzten Sommer habe ich sage und schreibe nur einen...
zuckerwattewolkenmond - Sa, 22:13
Das Problem ist nur,
auch wenn Bienen gezüchtet werden können,...
zuckerwattewolkenmond - Sa, 21:52
Vor kurzem
habe ich im Radio eine Sendung gehört, in der...
Namesi - Sa, 21:47
Respekt fürs Selbstschneiden. Was...
Respekt fürs Selbstschneiden. Was Schmuck aus...
C. Araxe - Fr, 22:07
Ja, ich
schneide meist selbst. Mag ja sein, daß Schmuck...
zuckerwattewolkenmond - Fr, 21:18
Selbst geschnitten? Im...
Selbst geschnitten? Im viktorianischen England war...
C. Araxe - Fr, 18:23
Rätselhaft
ist vor allem auch, warum sie die Löffel und ganz...
zuckerwattewolkenmond - Mo, 23:44
Das mit den Gabeln ist...
Das mit den Gabeln ist raetselhaft. Man weiss ja, dass...
Lo - Mo, 23:38

Meine Kommentare

Bei mir
ist das von Jahr zu Jahr völlig unterschiedlich....
gaga - Fr, 23:12
Also ich
fühle mich nicht überfordert, sondern ziemlich...
weltentanz - So, 00:45
Ok,
dieser Artikel bezweifelt aber nur die Statistik in...
weltentanz - So, 00:31
Hm,
in der obigen Talkshow meinten die anwesenden Autofahrer...
weltentanz - So, 00:09
Eigentlich
braucht man dazu kein Talent, sondern nur ein bißchen...
weltentanz - Sa, 23:54
Frauen
zahlen immer mehr. Sogar, wenn sie dieselbe Menge Haare...
weltentanz - Sa, 23:36
Was ich noch anmerken...
im letzten Sommer habe ich sage und schreibe nur einen...
weltentanz - Sa, 22:13
Das Problem ist nur,
auch wenn Bienen gezüchtet werden können,...
weltentanz - Sa, 21:52

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