Da ich für Filmaufnahmen zunächst noch nicht gebraucht wurde, genoß ich meine Freiheit und auch die mich umgebende arktische Landschaft in vollen Zügen. Die Luft war seidenweich und so warm, daß man im Badeanzug herumlaufen konnte, aber es brach eine schreckliche Mückenplage aus. Um den Moskitos zu entgehen, machte ich mein Faltboot fertig, paddelte im Badeanzug hinaus aufs Meer und ließ mich treiben, Stunde um Stunde, halbe Tage lang. Ich glitt durch Eistore hindurch, an glitzernden, haushohen Eisbergen vorbei, durch schimmernde Grotten, deren Wände sich bis ins Meer hinab grün, rosa, blau und violett spiegelten. Einige Male traf ich Eskimos in ihren wendigen Kajaks, sie kamen von der Jagd - ihr Gruß war ein Lächeln. Eines Tages nahm ich mir, von niemandem bemerkt, eine Gummimatratze aus meinem Zelt ins Paddelboot und suchte mir einen Eisberg mit flachem Fuß, auf den ich leicht hinaufsteigen konnte. Es war der erste Eisberg, den ich betrat. Aus dem Schmelzwasser hatte sich ein kleiner See gebildet, der wie ein Smaragd im Eis lag. Auf dem Eisberg herrschte Gletscherhitze, so daß ich in dem kleinen See ein erfrischendes Bad nahm. Dann legte ich mich auf meine Matratze und ließ mich von der Sonne bestrahlen. So befreit und sorgenlos hatte ich mich selten gefühlt, während der Eisberg langsam durch den Fjord zog. Mit einem Male riß mich ohrenbetäubendes Krachen aus meinen Träumereien - mein Berg geriet ins Wanken, der See spülte über mich hinweg, ich rutschte auf dem Bauch den Hang hinunter und klammerte mich an mein Paddelboot, das ich nicht verlieren durfte. Zum Glück drehte sich mein Berg nicht ganz rundrum, er fing nur an zu pendeln, hin- und herzuschwanken. Allmählich beruhigte er sich, jetzt erst konnte ich sehen, was geschehen war. Nicht mein Berg hatte gekalbt, sondern ein Nachbarberg war auseinandergebrochen. Er wälzte sich wie ein riesiges Untier im Wasser, ständig brachen von ihm neue Eisstücke ab, die große Wellen verursachten und meinen kleinen Eisberg nicht zur Ruhe kommen ließen. Ich verließ meinen gefährlichen Platz. Es war das erste und das letzte Mal, daß ich zu meinem Privatvergnügen einen Eisberg betreten habe. Meinem Regisseur erzählte ich von diesem Abenteuer natürlich nichts.
(aus den Memoiren von Leni Riefenstahl - hier: Dreharbeiten zu "SOS Eisberg")
Ich kann gar nicht beschreiben, was das Lesen dieser Passage bei mir ausgelöst hat. Gerade heute wäre ich auch bereit, auf einen Eisberg zu klettern.
kann man an heißen Sommertagen sogar gut in Großstädten beobachten. Heute stand ich inmitten einer lärmenden Kreuzung, wo ich mein eigenes Wort kaum verstand und hatte plötzlich das Gefühl - es war wirklich mehr eine Art Gefühl, obwohl ich auch etwas hörte -, daß irgendwo in der Nähe Wasser ist. Mir fuhr durch den Kopf - Wasser!, und ich drehte mich abrupt und wie ferngesteuert um. Zuerst sah ich nichts, doch dann, hundert Meter weiter im vierten Stock eines Wohnhauses, goß eine Frau ihre Blumen. Ich war selbst ein wenig überrascht, auf diese Entfernung und unter diesen Umständen etwas gehört zu haben. Andererseits, sollte es noch heißer werden, wittert und hört man Wasser wahrscheinlich schon über mehrere Kilometer. Aber auch meine Geschmacksnerven scheinen zur Zeit ziemlich empfindlich zu sein, denn ich könnte schwören, daß in dem Vanillepudding, den ich aß, keineswegs frische Vollmilch verarbeitet wurde, so wie es auf der Packung steht, sondern Milchpulver. Dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen.
Ich befinde mich in einem sehr überfülltem Seminar, welches von Reich-Ranicki als Dozent geleitet wird. Es scheint allerdings kein Literaturseminar zu sein, sondern hat wohl mehr etwas mit Musik zu tun. Reich-Ranicki stellt immer wieder Fragen, wobei er gerne mich herannimmt, und ist mit meinen Antworten nie zufrieden. Stattdessen macht er vor allen Teilnehmern klar, daß meine Antworten völlig daneben sind. Nun sollen auch noch drei Leute aus dem Seminar singen, unter anderem natürlich ich. Ich bin als letztes an der Reihe und meine Stimme klingt vollkommen unausgebildet und piepsig. Wie peinlich! Wahrscheinlich wußte er das und hat mich deshalb ausgesucht, um mich den anderen als unmögliches Beispiel vorzuführen. Während des Singens schaut er mich die ganze Zeit mit einer Mischung aus Interesse und Spott an, als ich geendet habe, sagt er nur ein paar schlagkräftige, verächtliche Sätze, die ich vergessen habe, und macht mich damit vor allen zur Schnecke. Danach beachtet er mich nicht mehr. So langsam reicht mir das. Ich habe mir über viele Seminare hinweg von ihm Sprüche anhören müssen und mich fertig machen lassen. Ich habe es hingenommen, weil ich seinen Unterricht schätzte und weil ich mir sagte, er ist halt so, es hat nichts mit mir zu tun. Ich hätte auch zu anderen Dozenten gehen können, aber ich wollte zu ihm. Ich bin ruhig geblieben, habe mich nie aufgeregt und seine Launen an mir abprallen lassen, auch wenn er mich lächerlich gemacht hat. Allerdings ist er anscheinend wirklich nur bei mir so - langsam bekomme ich das Gefühl, daß er mich nicht leiden kann. Oder sollte dies etwa seine ganz besondere Art sein zu zeigen, daß er jemanden sympathisch findet? Nee, das ist wohl eher unwahrscheinlich. Ich sollte der Wahrheit ins Gesicht sehen - so sehr ich ihn auch schätze, so scheint das doch nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen.
Später befinde ich mich mit mehreren Fotografen zusammen auf einem Fotografentreffen(?). Wir steigen in einen Zug mit oben offenen, kleinen Waggons, ähnlich einer Achterbahn, und los geht eine rasante Talfahrt. Ich sitze ganz vorne und überlege, ob ich irgendwas machen müßte, um zu lenken, allerdings gibt es nichts, was ich machen könnte. Die Waggons lassen sich nicht einmal eine Winzigkeit steuern, sondern schlittern ohne Halt und Richtung auf einer gelben Pampe ins Tal hinunter. Ein wenig erinnert es an eine Schlittenfahrt, nur daß die gelbe Pampe Kartoffelbrei ist. Eine seltsame Fortbewegungsart - wer sich das wohl ausgedacht hat? Da ich die Waggons weder anhalten noch steuern kann, versuche ich mich mit der Überlegung zu beruhigen, daß der Kartoffelbrei sicher nur auf vorbestimmten Bahnen angehäuft wurde und die Waggons so völlig automatisch in der Spur bleiben.
Ich fühle mich zwar nicht anders, sondern noch genau so wie letzte Woche, aber trotzdem ist irgendwas anders. Die Autofahrer halten alle an, wenn ich über die Straße will (was mich nervt, da meistens immer nur die in der ersten Spur halten, aber nicht die in der zweiten), die Herren wollen mir ständig Türen aufhalten, selbst wenn ich noch hundert Meter entfernt bin oder ganz woanders hin will und die Klienten auf dem Flur - egal ob mit Rollstuhl oder ohne -, pfeifen, wenn sie mich sehen. Anscheinend haben die alle zuviel Sonne abbekommen. Oder sollte das an der ausgebeulten und schlabbrigen Strandhose liegen, die ich heute trage, weil mir die Jeanshose zu warm war?
Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, neben einem Buch die Nacht zu verbringen. Nicht auf oder unter einem Buch, sondern neben einem Buch, dem man mehr oder weniger das gesamte Bett überläßt, weil man es so großzügig auf dem Kopfkissen ausgebreitet hat und sich selbst in die letzten dreißig Zentimeter an der Wand quetscht. Ich hoffe, mein Buch hat gut geschlafen, besser als ich, und weiß es zu schätzen, daß ich dem Kulturgut so viel Platz in meinem Bett einräume.
sind für mich das, was für andere Frauen Schuhe sind - man kann nie genug davon haben. Kann ich mich kurz nach dem Erwerb noch zurückhalten, das zweite dritte und vierte zu kaufen, werde ich spätestens zwei Jahre nach dem letzten Kauf auffällig hibbelig und von Notebook-Shops regelrecht magnetisch angezogen, selbst wenn das alte noch einwandfrei funktioniert. Mein jetziges ist nun auch schon älter als zwei Jahre und völlig ausreichend. Es hat außerdem XP und das ganze Vista-Zeugs will ich eigentlich eh nicht. Genial wäre, wenn ich das XP auch auf anderen Notebooks installieren könnte, bin mir aber nicht sicher, ob das nicht nur so eine Recovery-Version ist. Das müßte man einmal ausprobieren. Nun ja, die 80 GB Festplatte wird langsam etwas knapp (ich erinnere mich, daß ich einmal mit 2 GB angefangen habe - unvorstellbar) und wenn die 1 GB RAM schon eine Offenbarung waren, wie sehr müssen es dann erst 2 GB RAM sein? *sich mit beiden Händen in die Tischkante krallt und immer wieder vorsagt: Ich brauche kein neues Notebook, nein, ich brauche es nicht."*
Jorge Alvaro Espinosa, ein Jurastudent, der mich gelehrt hatte, die Bibel zu durchschiffen, und der mich alle Namen der Begleiter Hiobs auswendig lernen ließ, legte mir eines Tages einen erschreckenden Wälzer auf den Tisch und erklärte mit seiner bischöflichen Autorität: "Das ist die andere Bibel." Es war, wie konnte es anders sein, der Ulysses von James Joyce, den ich stückweise und stolpernd las, bis meine Geduld am Ende war. Es war verfrühter Wagemut. Jahre später, als ich schon erwachsen und demütig war, stellte ich mich der Aufgabe, den Ulysses ernsthaft wieder zu lesen, und es war für mich die Entdeckung einer eigenen Welt, die ich nie in mir vermutet hatte, und darüber hinaus eine unschätzbare technische Hilfe, was die Freiheit der Sprache, die Behandlung der Zeit und die Struktur meiner Bücher anbelangte.
(aus "Leben, um davon zu erzählen" von Marquez)
Nachdem ich heute die Nachrichten gesehen habe, weiß ich endlich, was das für komische gelbe Sandflecken auf dem Holzboden meines Balkons sind. Allerdings sind diese schon vor zehn Tagen mit dem letzten Regen heruntergekommen und ich hatte mich arg gewundert, da ich in KEINEM meiner Balkonkästen gelben Sand habe, aber auch noch nicht erlebt habe, daß Regen gelbe Flecken hinterläßt.
Außerdem fiel mir auf, daß ich, wenn ich mit Heimwerken beschäftigt bin und ständig in Baumärkten unterwegs, auch dauernd von Leuten nach dem nächsten Baumarkt gefragt werde, selbst und sogar dann, wenn nichts an mir nach Baumarkt aussieht. Doch seitdem Baumarkt mich nicht mehr beschäftigt, vorerst zumindest, hat mich seit Monaten kein Sch.... mehr nach einem Baumarkt gefragt.
Eine junge Frau möchte sterben und mir wird im Traum ausführlich von anderen erklärt, wie sie das anfangen kann oder angefangen hat, so daß es absolut sicher ist, ohne daß sie selbst Hand an sich legen muß oder die Helfer. In zwei übereinanderliegenden dicken Matratzen wird eine Höhlung geschnitten, in die sie genau hineinpasst. Die Matratzen ähneln dabei einer Abgußform. Bevor sie sich da hinein legt, nimmt sie dreierlei Tropfen: Tropfen, die das Herz ruhigstellen und verlangsamen, Tropfen, die schläfrig machen und den Muskeltonus herabsetzen (Clonazepam?) und noch irgendwas anderes, an das ich mich nicht mehr erinnere. Wenn sie jetzt in der Matratze liegt, hat sie keine Chance mehr, lebendig herauszukommen, zumal sie da drinnen auch keine Luft bekommt. Während mir das erklärt wird, bin ich ein wenig skeptisch. Sie könnte doch einfach die Matratze anheben, aber nein, mir wird gesagt, das könnte sie wegen der Tropfen dann nicht mehr. Hm, ich finde es ja ein wenig aufwendig und grausam, zwischen zwei Matratzen zu ersticken. Aber zumindest wenn es funktioniert, umgeht es die Situation, daß man selbst Hand an sich legen muß oder andere, die sich dabei strafbar machen.
In der Ferne sehe ich eine Veranstaltung, auf welcher Menschen auf Matratzen in der Luft herumgewirbelt werden. Schließlich landen die Matratzen - es ist ein erstaunlicher Stapel von ziemlicher Höhe, fast wie ein Turm - und eine junge Frau steht darauf. Durch das Gewirbel ist sie wohl ziemlich aus dem Gleichgewicht, weshalb sie rücklings herunterfällt und mit so geknicktem Kopf aufprallt, daß ich schon vermute, sie hätte sich das Genick gebrochen. Aber nein, sie lebt noch. Ich und mein Kumpel wollen jetzt auch bei diesem Zirkus mitmachen, besser gesagt, ich bin mir nicht wirklich sicher, lasse mich aber überreden. Doch dann dürfen gar nicht alle mitmachen und mein Kumpel landet im Publikum, während ich mit anderen zusammen in Reihen auf dem Fußboden sitze. Vorne befindet sich eine Wandtafel und bevor der ganze Zirkus losgeht, müssen wir sechsunddreißig nummerierte Songs von der Tafel abschreiben. Manche kenne ich davon nicht, kann mich aber noch an Jethro Tull erinnern. Irgendwie fällt mir das Abschreiben enorm schwer, weil ich das da vorne nicht lesen kann. Ich muss immer wieder einen jungen Mann neben mir fragen, der mir auch bereitwillig Auskunft gibt. Mir ist mulmig, wenn ich an den bevorstehenden Zirkus denke, wo ich durch die Luft geschleudert werde, aber anscheinend geht es immer noch nicht los, sondern jetzt müssen die Kandidaten alleine einen der Songs singen und interpretieren. Auch das noch! Wäre ich nur nie hierher gekommen! Ich kenne ja nicht mal die Texte von den Songs. Soll ich meinen Kumpel fragen, ob er mit mir tauscht? Ich weiß aber nicht, ob das möglich ist. Jeder, der einen Song gesungen hat, gibt eine zerknüllte McDonald-Tüte an einen anderen weiter, der dann als nächstes singen muß. Zum Glück geht die zerknüllte Tüte knapp an mir vorbei.
Im obersten Stockwerk eines Hauses, das ein Kaufhaus zu sein scheint. Im obersten Stockwerk ist aber alles leer. Nur ein schimmernder blauer Fußboden ist vorhanden. Meine ehemalige Mitschülerin C. erzählt etwas über meinen ehemaligen Mitschüler R. Sch., nämlich daß dieser so lichtempfindlich gewesen sei. Dies sagt sie in sehr herablassendem und spöttischem Tonfall, was mich dazu bringt, völlig ernst zu erklären, daß ich ebenfalls sehr licht- und lärmempfindlich bin. Dies stimmt ja auch, allerdings betone ich es extra, um zu zeigen, daß es etwas normales bei manchen Menschen ist und nichts, worüber man sich lustig machen muß.
Außerhalb von Berlin, auf dem Weg in eine Diskothek. Mein Ex-Freund wartet mit Bekannten an irgendeiner Ecke, um mich abzufangen. Oder ist es vielleicht umgekehrt? Gehe ich dort entlang, damit er mich sieht? Er - groß und athletisch -, ist von einem Moment zum anderen ein winziger Zwerg mit dicker schwarzer Brille, der an meinen Hosenbeinen herumklettert. Nanu, wie ist das denn passiert? Oh Gott, jetzt fällt es mir ein. Ich muß ihn verhext haben. Allerdings hat der Zauber wohl etwas zu stark gewirkt. Ihn in einen Zwerg zu verwandeln war keineswegs meine Absicht. Bloß schnell weg hier! Keiner soll merken, was ich mit meinem Gezaubere angerichtet habe. Dum di dum.....
Bemerkung: Ich verwandle Männer in Zwerge mit dicker Hornbrille - jetzt wird mir einiges klar. Das sind alles verwunschene Prinzen und ich bin schuld.
Als ich zeitig zum Termin für den Allergie-Test erschien, hing an der Anmeldung das Schild "Kurze Pause" und davor saßen drei Senioren, welche sich künstlich über die Pause aufregten. "Wahrscheinlich geht die Pause bis 14 Uhr und dann gehen se nach Hause!" unkte die Rentnerin unheilvoll und das Ehepaar daneben nickte bitter. Natürlich war das nicht der Fall. Der Ehemann kam sogar auf die Idee, das Personal hinter den geschlossenen Türen anzurufen, was seine Frau aber als Schwachsinn abwehrte. Länger als eine halbe Stunde machen die dort keine Pause, weshalb ich die Aufregung nicht verstehe. Ich habe für so viel Unverständnis kein Verständnis, vor allem wenn es von Rentnern kommt. Die Poliklinik ist sozusagen ein Glücksfall für mich, weil es kaum Arztpraxen gibt, die zwischen 12 und 14 Uhr geöffnet haben. Jede Arztpraxis außerhalb hat entweder bis 12 Uhr oder ab 14 Uhr - nicht dazwischen. Nur in dieser Poliklinik haben alle Praxen durchgehend von früh bis nachmittag geöffnet, was mir ermöglicht, einige Arztbesuche während der Mittagspause abzuhandeln. Dafür gönne ich den Ärzten und Schwestern gerne, daß sie sich zwischendurch mal selbst eine halbe Stunde zur Mittagspause zurückziehen. Schließlich sind das auch nur Menschen und aus meiner publikumsintensiven Zeit weiß ich noch gut, wie es ist, wenn man allein die Wahl hat zwischen dummen Gelaber der Wartenden oder Verzicht der tariflich vorgesehenen Mittagspause, wofür man keineswegs Dank erntet, die man aber auch nicht aus der Arbeitszeit eigenmächtig streichen darf. Zu allem Überfluß hatte ICH ausgerechnet auch noch einen Termin und die Schwester nahm mich deshalb als erste in die Anmeldung, was bei den Senioren die Kinnladen herunterfallen ließ. Da komme ich 25jähriger gesunder Hüpfer (ok, ich bin längst keine 25 mehr, sondern gehe auf die 40 zu, weiß aber genau, daß sie das dachten) und werde vor den armen alten Herrschaften hereingebeten. Unglaublich! Es wurde kurz diskutiert, die Schwester bestand jedoch darauf und erklärte lang und breit, daß ich einen Termin zum Allergietest habe, welcher 40 Minuten dauert. Ich glaube, die Bemerkung über die 40 Minuten kam nicht so gut an, dabei war das nur die halbe Wahrheit, denn 20 Minuten davon saß ich im Nebenzimmer und wartete auf eine Reaktion, während die Sprechstunde bei der Ärztin weiterging. Wenn Blicke töten könnten....würde dieses Blog ab heute leer bleiben.
Jetzt weiß ich endlich, wer im Haus gegenüber wohnt - und habe sogar meinen ersten Katzencontent. :-))))

"konsumgefährdendes Verhalten" statt "bei Konsum selbstgefährdendes Verhalten"
Nun ja, so lange konsumgefährdendes Verhalten noch nicht medikamentös behandelt wird....
Gerade habe ich "Der Gefangene" von John Grisham ausgelesen, und da mich manchmal auch noch nach dem Lesen interessiert, was andere zu bestimmten Büchern sagen, stöberte ich ein wenig in den Amazon-Rezensionen und im Netz. Dabei fällt mir immer wieder auf, und ich muß sagen, ich finde das irgendwie faszinierend, wie unterschiedlich die Meinungen und Wahrnehmungen gegenüber meinen eigenen Eindrücken sein können. "Der Gefangene" ist kein Roman, sondern ein Sachbuch und Bericht über einen tatsächlich stattgefundenen Justizskandal, der sich allerdings wie ein Roman liest. Der Stil ist schnörkellos, die Fakten werden ohne Umschweife präsentiert, man spürt aber auch stark die emotionale Beteiligung des Autors durch über das ganze Buch hinweg eingestreute bissige und ironische Bemerkungen. Doch die gesamte Spannung des Buches kommt ganz klar allein durch die unglaubliche Geschichte zustande, welche vollkommen ausreicht, um einen nicht loszulassen. Das Buch liest sich leicht und flüssig, ohne überflüssiges Juristendeutsch werden die Vorgänge bei den Vernehmungen, Verhandlungen und sonstigen Ereignissen für jeden verständlich dargestellt. Ich habe das Buch mit ca. 460 Seiten in einer Woche gelesen, davon allein 200 Seiten am letzten Wochenende. Um so erstaunter war ich, folgende Rezension zu lesen:
"Ich habe Monate gebraucht um mich dadurch zu kämpfen, es immer wieder weggelegt und wieder begonnen. Ich lese Bücher von Grisham wirklich sehr gerne, aber hätte ich gewußt was mich hier erwartet hätte ich es nie begonnen. Wenn man ganz böse sein möchte, so hat es den Charme einer großen deutschen Boulevardzeitung mit 4 Buchstaben nur in xxxl Format."
Mal ganz abgesehen davon, daß ich diese Meinung für mich nicht nachvollziehen kann, was aber nicht weiter schlimm ist, finde ich diese Aussage etwas verwirrend. Mein vorschnelles Gehirn beginnt nämlich sofort zu rechnen und sich zu fragen, wie lange der Herr wohl zum Lesen der Bild-Zeitung braucht. Und selbst wenn ich annehme, daß das Buch keiner xxxl-Bild-Zeitung, sondern vielleicht ca. vierzig Stück davon entspricht, die vielen Bilder mal großzügig weggerechnet, finde ich Monate dafür doch ziemlich viel. Allerdings habe ich noch nie eine Bild-Zeitung gelesen, vielleicht habe ich ja ganz falsche Vorstellungen davon.
Auffällig ist, daß viele Rezensenten das Buch als langweilig und ausschweifend empfinden, und sich lieber einen Roman gewünscht hätten, wie auch eine Rezension des Hamburger Abendblattes:
"Und doch: Der neue Grisham kann literarisch nicht mit seinen Vorgängern mithalten. Es mag an der Form liegen, dieser seltsamen Mischung aus Sachbuch und Belletristik. Zu ausschweifend, zu genau, weil jedes kleinste Detail, jede auch nur am Rande beteiligte Person aufgeführt wird. Das verwirrt. Eine etwas klarere Konstruktion, ein gestraffter Inhalt hätten dem Buch gut getan."
Das entspricht absolut nicht meinem Eindruck, im Gegenteil. Ich habe bisher zwei Romane von Grisham gelesen, welche ich so furchtbar langweilig fand, daß ich mich nicht einmal erinnern kann, worum es ging. Jedenfalls besaßen diese aber die von der Rezensentin geforderten Aspekte von klarer Konstruktion und straffem Inhalt. Der Inhalt war sozusagen so straff, daß man wie auf einer blankpolierten Rutschbahn durch sie hindurchbrettern konnte, ohne die geringste Reibung zu spüren. War da was?
Grisham ist nicht der Autor, von dem ich mir freiwillig noch einmal einen Roman zulegen würde. Um so dankbarer bin ich, daß er aus dieser Geschichte KEINEN Roman gemacht hat. Ich finde das Buch weder langweilig noch ausschweifend, die vielen Details machen die Story erst lebendig und bringen dem Leser die Menschen näher, denen das alles wirklich wiederfahren ist. Vielleicht empfinde ich das aber auch nur so, weil ich sowieso lieber Sachbücher als Romane lese.
Für jemanden, der das Buch lesen will, empfehle ich, sich vorher oder nachher die
Original-Interviews mit Ronald Williamson, der jahrelang unschuldig in der Todeszelle saß, anzuschauen. Das rundet die erhaltenen Informationen ab und man erhält den Beweis, daß die ganze Geschichte nicht nur ausgedacht ist, etwas, das man beim Lesen immer wieder gerne glauben möchte.
Ron Williamson selbst faßt dabei die Ereignisse in einem Satz zusammen:
It takes one lawyer to get you thrown in jail und twenty to get you out.
Fazit: Der Sachbuchstil steht Grisham gut. Wenn es nach mir ginge, dürfte sich Grisham künftig darauf beschränken.