Es gibt im Grunde nur zwei Arten des Umgangs mit der Bibel: man kann sie wörtlich nehmen oder man nimmt sie ernst. Beides zusammen verträgt sich nur schlecht.
(Pinchas Lapide, jüdischer Theologe, Professor und Übersetzer alter Bibeltexte)
Als ich heute wie gehabt wieder Akten erfasste, kam zu dem Kollegen in dessen Zimmer ich saß, ein Klient mit einer farbigen Tochter, so im Alter von ca. 11 Jahren. Die Mutter hatte sich aus den Staub gemacht. Wahrscheinlich einer, der eine Thai o.ä. geheiratet hat, die dann ihr Kind bei ihm zurückgelassen hat. Die Kleine setzte sich nun während der Beratung an meine Seite des Tisches, wo ich mit den Aktenbergen hantierte. Immer wenn ich eine Akte erfasst hatte, schmiß ich diese im hohen Bogen auf einen Stapel mit den fertigen Akten, welcher sich auf der Ablage befand, an welcher die Klienten sitzen. Der Stapel ist ziemlich unordentlich und wackelig, manchmal droht er zur Seite wegzurutschen oder umzukippen. Das kleine Mädchen beobachtet mich und den Stapel. Als ich diesen ersten Stapel weggehängt habe und mit dem nächsten beginne, bemerke ich, dass sie jedesmal, wenn ich wieder eine Akte raufgeschmissen habe, diese geraderückt, bis sie ganz genau über der darunterliegenden liegt. Als ich schließlich alle Akten durch bin und sie weghängen will, schaue ich auf den schnurgeraden Stapel und sage lächelnd zu ihr : Na DER Stapel ist aber ordentlich geworden!" Da lacht sie. (Eintrag vom 21.07.2005)
Das ist eine dieser kleinen Geschichten, die meinem Gedächtnis längst schon entschwunden sind. Wenn ich sowas dann in meinen Tagebucheinträgen wiederfinde, weiß ich, daß es sich tatsächlich lohnt, manches aufzuschreiben.
Gerade in den alltäglichen, profanen, immer wiederkehrenden Momenten wird man ab und zu an die unsagbare und unfassbare Tragik des Lebens erinnert, beim Griff in das Supermarktregal, zwischen den Gedanken an Brötchen und Eiersalat, flackert da die Erinnerung an den Wimpernschlag des Jahrtausends auf, an das kurze, aber doch so gewaltige - vergewaltigende - Leben, das uns nicht sein läßt, wie wir sind, sondern an uns bohrt, schraubt und sägt, bis wir uns selbst nicht mehr erkennen. Mit der Dose Zuckererbsen in der Hand begreifen wir uns als Spieler in einem Spiel, und selbst die Dose Zuckererbsen erkennen wir als ein Requisit in diesem Puppenspiel, und langsam, fast andächtig stelle ich die Dose Zuckererbsen in den Einkaufskorb zu den anderen Requisiten und mache mich klein, ganz klein, damit ich in diesen kleinen Puppentag hineinpasse.
(Eintrag vom 17.11.2005)
~Es gibt besondere Leute, die dies berufsmäßig ausüben. Zu ihnen wird die Leiche gebracht, und sie zeigen nun hölzerne, auf verschiedene Art bemalte Leichname zur Auswahl vor. Wonach man die vornehmste der Einbalsamierungsarten benennt, scheue ich mich zu sagen. Sie zeigen dann weiter eine geringere und wohlfeilere und eine dritte, die am wohlfeilsten ist. Sie fragen dann, auf welche der drei Arten man den Leichnam behandelt sehen möchte. Ist der Preis vereinbart, so kehren die Angehörigen heim, und jene machen sich an die Einbalsamierung. Die vornehmste Art ist folgende. Zunächst wird mittels eines eisernen Hakens das Gehirn durch die Nasenlöcher herausgeleitet, teils auch mittels eingegossener Flüssigkeiten. Dann macht man mit einem scharfen aithiopischen Stein einen Schnitt in die Weiche und nimmt die ganzen Eingeweide heraus. Sie werden gereinigt, mit Palmwein und dann mit geriebenen Spezereien durchspült. Dann wird der Magen mit reiner geriebener Myrrhe, mit Kasia und anderem Räucherwerk, jedoch nicht mit Weihrauch, gefüllt und zugenäht. Nun legen sie die Leiche ganz in Natronlauge, siebzig Tage lang. Länger als siebzig Tage darf es nicht dauern. Sind sie vorüber, so wird die Leiche gewaschen, der ganze Körper mit Binden aus Byssosleinwand umwickelt und mit Gummi bestrichen, was die Ägypter an Stelle von Leim zu verwenden pflegen. Nun holen die Angehörigen die Leiche ab, machen einen hölzernen Sarg in Menschengestalt und legen die Leiche hinein. So eingeschlossen wird sie in der Familiengrabkammer geborgen, aufrecht gegen die Wand gestellt. Das ist die Art, wie die Reichsten ihre Leichen behandeln. Wer die Kosten scheut und die mittlere Einbalsamierungsart vorzieht, verfährt folgendermaßen. Man füllt die Klistierspritze mit Zedernöl und führt das Öl in den Leib der Leiche ein, ohne ihn jedoch aufzuschneiden und die Eingeweide herauszunehmen. Man spritzt es vielmehr durch den After hinein und verhindert den Ausfluß. Dann wird die Leiche die vorgeschriebene Anzahl von Tagen eingelegt. Am letzten Tage läßt man das vorher eingeführte Zedernöl wieder heraus, das eine so große Kraft hat, daß Magen und Eingeweide aufgelöst und mit herausgespült werden. Das Fleisch wird durch die Natronlauge aufgelöst, so daß von der Leiche nur Haut und Knochen übrigbleiben. Danach wird die Leiche zurückgegeben, und es geschieht nichts weiter mit ihr. Die dritte, von den Ärmeren angewandte Art der Einbalsamierung ist folgende. Der Leib wird mit Rettigöl ausgespült und die Leiche dann die siebzig Tage eingelegt. Dann wird sie zurückgegeben. Die Frauen angesehener Männer werden nicht gleich nach dem Tode zur Einbalsamierung fortgegeben, auch schöne oder sonst hervorragende nicht. Man übergibt sie den Balsamierern erst drei oder vier Tage später; und zwar geschieht das deswegen, damit sich die Balsamierer nicht an den Frauen vergehen. Es sei einmal einer wegen der Schändung einer frischen Frauenleiche bestraft worden, den ein Berufsgenosse angezeigt hatte.~
(aus Herodot's Historien)
Anmerkung: Die Zeitdauer von 70 Tagen, die Herodot und andere antike Geschichtsschreiber angeben, mag in etwa der Wirklichkeit entsprechen, obwohl neuere Forschungen die von späteren Chronisten angegebenen 40 Tage Natronlagerung wahrscheinlicher erscheinen lassen. Auch die Bibel spricht von 40 Tagen: Als Joseph und die Ärzte seinen Vater Israel einbalsamierten, nahm der Vorgang insgesamt 40 Tage in Anspruch, und darauf folgte eine Trauerzeit von 70 Tagen.
Wenn der Mensch geschaffen wurde, um die für ihn von Gott aufbewahrte Herrlichkeit des gefallenen Engels in sich aufzunehmen (Anmerk.: eine Vision Hildegard von Bingens), und in dieser Herrlichkeit - die er durch die Ursünde verlor und in Christus wiedererlangte - Gott anzubeten, dann ist er in Wahrheit gnadenhaft der Bruder des Engels, dann ist sein Streben nach Engelhaftigkeit nichts anderes als die Sehnsucht nach letzter Wesenserfüllung...
Von hier aus gesehen ist dann auch der Gedanke, daß die Auserwählten dazu bestimmt sind, dereinst den Platz der gefallenen Engel einzunehmen, den diese in der himmlischen Hierarchie besassen, keine theologische Konstruktion, sondern eine in der Ordnung des Gottesreiches gründende Selbstverständlichkeit.
(aus "Das Reich des lebendigen Lichtes" von Heinz Kühn)
"zahnlose Engel" statt "zahllose Engel"
Wahnsinnig spannende Doku-Serie über die historischen Hintergründe der Nibelungensage gigantischerweise ebenfalls in der ZDF-Mediathek anzuschauen:
Teil 1 - Deckname Siegfried
Teil 2 - Kriemhilds Todesspiel
Außerdem findet man auch eine
interaktive Übersicht von allen Personen und Orten inklusive der geschichtlichen Vorbilder der Sage.
~Die Sprache muß denotativ genau das transportieren, was sie dem Rezipienten vermitteln will und die hohe Simplizität, welche von sozio- und pragmaliguistische Unterschieden, die durch individuelle Sprachkompetenzen und intellektuellem Artikulationsgrad entstehen, unabhängig macht, wird kommunikativ durch die Verwendung von Vokabelmaterial mit geringer semantischer Information und den Verzicht auf Fremdwörter und Fachterminologien erreicht.~
(aus einem Marketingkurs zum Schreiben von Werbetexten)
oder besser einfach
~Texte werden oft absichtlich mit bildungssprachlichen Fremdwörtern versehen, die dem Leser signalisieren sollen: Ich (der Schreiber) bin gebildet (und du?). „Imponiergehabe mit Sprache“ nennt man das. In Zeitschriftenartikeln und vielleicht in der Werbung mag das angebracht sein. In den Gebrauchstexten geht es daneben.
In Wirklichkeit ist es ein Zeichen von Intelligenz, wenn man es versteht, eine Sprache zu wählen, die dem Gegenüber gerecht wird. Sich bewußt im Wortschatz einzuschränken, ist keine leichte Übung.
Wir müssen grundlegend verstehen, dass wir zur Kommunikation nur den gemeinsamen Wortschatz von Schreiber und Leser verwenden können.~
(Aus "Grundsätze für Technische Redakteure - Wie schreibe ich Texte, die sich gut übersetzen lassen?")
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Der Philosoph Immanuel Kant definierte bereits vor über 200 Jahren Qualitätskriterien für die Vermittlung von Informationen und für jeden gebildeten und offenen Menschen, stellen sie wohl allein schon aus sozialem Verständnis heraus eine Selbstverständlichkeit dar und besitzen auch heute noch Gültigkeit:
Wahrheit: Alles, was gesagt wird, sollte wahr sein. Fakten Sollten faktisch sein. Vermutungen sollten als solche gekennzeichnet werden. Keine absichtlichen Abweichungen von der Wahrheit.
Notwendigkeit: Alles, was gesagt wird, sollte relevant sein. Keine überflüssige Information.
Vollständigkeit: Was gesagt wird, sollte alles enthalten, was erforderlich ist, um das Thema zu verstehen. Keine wesentliche Information sollte unterdrückt werden.
Klarheit: Was gesagt wird, sollte so dargelegt werden, dass es so leicht wie möglich verstanden werden kann. Die Fähigkeiten des Empfängers sollten berücksichtigt werden. Nichts sollte unnötig kompliziert sein.
Und diese Grundsätze gelten nicht nur für die Vermittlung von Informationen, sondern für jede echte, gleichberechtigte Kommunikation. Wo Kommunikation gewünscht ist, wird man deren Einhaltung deshalb immer beobachten können. Wo sie nicht eingehalten werden und unnötig verkompliziert wird, kann meist davon ausgegangen werden, dass Kommunikation bewusst oder unbewusst verhindert werden soll.
(Reload eines Blogeintrages von mir vom 20.Juni 2004)
Doch nicht nur da, wo sich das bürgerliche Leben in Häuslichkeit, Unterricht und Krankenpflege, in Saat und Ernte entfaltet, hat der Engel seine Aufgaben. Er scheut nicht einmal die modernen Verkehrsmittel, ja, er muß sie heimsuchen, denn da es auf Erden keinen neutralen Ort geben kann, sind sie ohne ihn dem unheilvollen Treiben der Dämonen ausgeliefert. Die Welt hat in ihren Statistiken der Verkehrsunfälle und in den mit Hilfe der Verkehrsmittel begangenen Verbrechen in Krieg und Frieden einen deutlichen Beweis dafür, daß auch hier ein Werkzeug für den Dämon bereitliegen kann.
(aus "Das Reich des lebendigen Lichtes" von Heinz Kühn)
Die Beziehungen des Mystikers zu den Engeln erschöpfen sich nicht in der bloßen Begegnung, in der Sphäre des unkontrollierbar-subjektiven Erlebnisses, sondern es besteht zwischen dem vollendeten christlichen Menschen und den Engeln eine echte übernatürliche Verwandtschaft: der Mystiker ist ein engelsgleiches Wesen, der Engel hingegen - im Vollsinn des Wortes! - ein mystisches Wesen....
Auf natürlichem Wege wie auch gnadenhaft kann Gott, der reine Geist, nur geistig, "im Geiste", erkannt und geliebt werden. Dem Engel bereitet diese Art des Erkennens und Liebens keine Schwierigkeit, da er selbst ein reingeistiges Wesen ist. Der Mensch jedoch muß sich von der Sinnenwelt zurückziehen, er muß die Augen seiner Sinne schließen, um das Auge seines Geistes auf Gott richten zu können....
Hier nun, im Innersten seiner selbst, hat er in der Schau Gottes das Sinnenhafte soweit abgestreift, daß sein Leben in diesem Augenblick der Gottvereinigung dem Leben des Engels gleichkommt....
Der Mensch, der die geistige Welt e r l e b t, ist zuvor durch abgründige Nächte der Sinne und des Geistes gegangen und ist im Feuer des Heiligen Geistes geschmiedet worden, bis er jenen Zustand erreichte, der ihn befähigte, die trägen Massen des Stoffes zu durchdringen und hinter ihnen die Welt des Geistes zu erfassen.
(aus: "Das Reich des lebendigen Lichtes" von Heinz Kühn)
Der kleine Christian kommt verdreckt vom Fußballplatz nach Hause. Schimpft sein Vater: "Du bist ein Ferkel! Weißt du, was ein Ferkel ist?" - "Ja, Papa, ein Ferkel ist das Kind von einem Schwein!"
Der Schutzengel ist nicht nur eine geschichtliche Tatsache: er ist auch eine geschichtliche Notwendigkeit.
(aus: "Das Reich des lebendigen Lichts" von Heinz Kühn)
Abgründe gemeinverständlich zu beschreiben ist vergebene Mühe, und abgründig ist alle Wahrheit.
(aus "Moby Dick")
Eine riesige Eisdecke begrenzt von einer Mauer. Zwar sind viele Menschen darauf und doch traue ich ihr nicht. Gehe lieber direkt an der Mauer entlang, um sie zu überqueren. Auf der anderen Seite erwarten mich labyrinthartige Räume.
Gemeinsames Fernsehen mit einer Freundin. Anscheinend ist sie Ärztin und als sie merkt, daß ich wegen Rückenschmerzen kaum noch sitzen kann, sagt sie nur: "Zeit für das doppelte Wort." Das doppelte Wort? Ah, sie meint Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Doppelt wohl deshalb, weil man es zweimal schreibt.(?)
Eine Gefängnisfestung ähnlich Alcatraz. Ich habe jemanden hineingeschmuggelt, der kein Gefangener ist, den ich aber in einem extra abgeschlossenem Zimmer verstecke (A.). Anscheinend betritt nie jemand dieses Zimmer. In der Festung läuft außerdem noch eine fanatische Gruppe von christlichen Frauen herum, welche hellblaue Gewänder und seltsam geformte hellblaue Hauben tragen. Sie führen ständig irgendwelche Reden über Gott, Sünden und so weiter. Ich habe mich allerdings so gut getarnt, daß sie mich in Ruhe lassen. Im versteckten Zimmer halte ich nun eine Schachtel mit eingeschäumten Schmuckstücken in der Hand. Und ich esse diese Schmuckstücke, dazu ist wohl der Schaum ringsherum, damit sie besser rutschen. Unter ihnen auch ein silbernes Kruzifix an silberner Kette. Gerade will ich es ebenfalls essen, da fällt mir ein, daß es ein Geschenk und Erinnerungsstück ist, welches ich wahrscheinlich nie wieder sehe, wenn ich es esse. Deshalb lasse ich es. Mir gegenüber am Tisch sitzt jetzt mein Vater und schaut neugierig auf die Sachen in der Schachtel. Er fragt irgendwas, kann aber wohl nicht richtig reden, da er einen Schlaganfall hatte. Vor uns läuft ein Film. Obwohl er mich nicht interessiert, bleibe ich sitzen und schaue ihn an, weil ich spüre, daß es mein Vater genießt bei mir zu sitzen, auch wenn wir nicht miteinander reden können. Also sitzen wir uns nur gegenüber und schauen den Film.
Leere weitläufige Arbeitsräume, in welchen man in regelmäßigen Abständen wie Bojen schwimmende Sitzringe findet. Irgendwoher weiß ich, daß hier die schönste Party im Gange ist. Es kommen sogar noch Leute aus meinem ersten Betrieb, der mir vollkommen unbekannt ist. Mir fällt jetzt ein Eisberg mit flachem Fuß auf, auf dem eine Frau den Gürtel aus abgehackten Menschenhänden um ihre Yoni schwenkt, und zwei ältere Mönche, die einst Soldaten gewesen waren. Es fehlt garantiert an gar nichts. Das Überbewußtsein bringt präkognitive Visionen hervor und starrte mich ebenso entsetzt an. Meine beiden Bekannten kommen aus der Seele und erfahren das göttliche Lebenswunder der Wandlung von Valium zu Amphetamin. Oft hat man den Unterschied zwischen einem kreativen Visionär und einem halben Liter Wasser: 131/83 P 57. „Wie weit bist du wirklich?- flüstere ich und kratze mit den Fingernägeln den Dreck, der den Dissidenten Zulauf verschaffte, ab. Denn ich bin durchaus vorbereitet, wenn mich immer und überall solche Assoziationen plagen, doch ich würde sagen, daß er weder Schmetterling noch Motte war.
Ein kleiner Friedhof mitten in einer großen Stadt. Es ist eine ausländische Stadt, vielleicht sogar in Amerika, und irgendwie wundere ich mich ein bißchen darüber, daß so ein stiller, grüner Friedhof direkt in einer Großstadt liegen kann. Man müßte doch etwas davon merken! Ich prüfe deshalb noch einmal die Umgebung und sehe große Häuser, unter anderem ein weißes Haus mit spitzem Giebel und riesigem Balkon. Doch, das hier muß eine Stadt sein. Auf dem Friedhof befindet sich die Familiengrabstätte unserer Familie. Sie umfaßt genau vier Gräber, wobei jeweils zwei eine Teil-Grabstätte bilden und von einer kleinen Hecke umfaßt sind. Es ist auch schon genau festgelegt, wer an welcher Stelle liegt. Mein Vater hat seine Stelle inzwischen eingenommen. Er liegt außen, ich innen, so daß neben mir meine Mutter zu liegen kommt, die in der zweiten Grabstätte ebenfalls innen liegt. Außen neben ihr ist der Platz für meinen Bruder vorgesehen. Irgendwie mißfällt mir diese Aufteilung. Es erscheint mir richtiger, wenn mein Bruder und ich zusammen liegen, am besten innen. Außerdem würde ich ihn gerne neben mir haben. Er wirkt etwas abgeschottet dort außen. Mutter und Vater müßten theoretisch eigentlich nebeneinander liegen. Nur weil sie nicht neben ihm liegen will, müssen wir jetzt darunter leiden und mein Bruder ist ausgeschlossen. Ich weiß nicht warum, aber es erschien mir im Traum, als ob er nur durch mich, bzw. mich an der Seite, eine Verbindung zur Familie hätte. Etwas ärgerlich die Aufteilung, aber wohl nicht mehr zu ändern, da alles schon fest reserviert ist. Erneut bewußt werde ich etwas später auf einer mit Herbstlaub bedeckten Wiese des Friedhofs liegend. Gleichzeitig mit dem Wissen, wo ich mich befinde, wird mir auch die Zeit bewußt. Ich muß endlos lange auf dieser Wiese gelegen haben, genaugenommen kam es mir vor wie eine Ewigkeit. Doch nun auf die Uhr schauend stelle ich fest, daß es nur eine Stunde war. Eine frühe Stunde an einem Sonntagmorgen. Normalerweise ist so eine Stunde gar nichts. Doch anscheinend, wenn man sich in einen Zustand ohne Zeit- und Raumgefühl versetzen kann, nur ganz im jeweiligen Augenblick lebend, kann man die Zeit ausdehnen. Das sollte ich mir merken und öfters machen. Allerdings bemerke ich jetzt auch die Kreuzspinnen im Herbstlaub. Darauf liegen möchte ich nicht mehr, um zu vermeiden, daß sie an mir herumkrabbeln, und stehe auf. Aber trotzdem, das raum- und zeitlose Ruhen auf der Wiese war so schön, daß ich es wahrscheinlich trotz der Spinnen wiederholen würde.
Bemerkung: Der Traum kommt mir vor wie eine geträumte Familienaufstellung, in welcher die Beziehungen zwischen den Mitgliedern bildhaft dargestellt werden. Die Parallelen sind auffallend:
Mein Bruder und mein Vater waren sich immer spinnefeind. Beide liegen am weitesten entfernt voneinander. Zwischen mir und meinem Bruder steht stets unsere Mutter auf eine trennende Art. Ich befinde mich zwischen meinen Eltern, hier aber als Verbindungsstück, der Kitt sozusagen.
Und jetzt sehe ich plötzlich, daß diese Aufteilung vielleicht nur deshalb so ist, weil meine Mutter meinen Bruder ebenso manipuliert hat wie mich und dabei auch vollen Erfolg hatte. Mich und meinen Vater hat sie gerne gegeneinander ausgespielt, mich auf ihre Seite gezogen usw. Als ich klein war, hat das noch funktioniert. Erst spät ist mir die subtile Beeinflußung von ihrer Seite aus bewußt geworden. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich manche Verhaltensweise meines Vaters besser verstehen, wobei ich mir nie ganz klar darüber geworden bin, ob er die Manipulationen direkt wahrnahm oder diese nur ein unbestimmtes ungutes Gefühl in ihm wach riefen, welches hilflose Aggressionen auslöste. Nachdem ich gewisse Verhaltensweisen meiner Mutter durchschaute, führte dies vermehrt zu Konflikten mit ihr, weil sie ja nun nicht mehr auf diese versteckt subtile Art ihren Willen durchsetzen konnte. Wenn sie nun genau dasselbe mit meinem Bruder gemacht hat und damit bis heute Erfolg hatte (was daran liegen könnte, daß mein Vater mich bevorzugte), würde das auch erklären, warum er so unversöhnlich gegenüber dem Vater ist und meiner Mutter dagegen vollkommen blind ergeben. Aber es ist wohl so, wie im Traum dargestellt - ändern wird sich jetzt an dieser Platzierung nichts mehr. Je mehr von uns unter der Erde liegen, um so weniger.
Seit Monaten stehe ich früh an immer derselben Stelle der Straßenbahnhaltestelle und schaue auf einen der kabelführenden Maste. Und in letzter Zeit fallen mir seltsame Vorgänge an diesem Straßenbahnmast auf, welche täglich neu meine Phantasie beflügeln. Über Wochen hinweg stand nämlich ein großer halbierter Knochen neben diesem Mast. Vom Umfang hätte es ein Menschenknochen sein können, aber natürlich gehe ich lieber davon aus, daß es ein Tierknochen war. Jeden Morgen fragte ich mich, wer wohl Knochen neben einen Straßenbahnmast stellt. Ein Metzger? Ein Serienkiller? Oder ist es irgendein geheimes Zeichen? Und niemand schien ihn außer mir zu sehen. Nach wirklich ziemlich langer Zeit, ein Monat bestimmt, war der Knochen endlich verschwunden. Ein, zwei Tage blieb der Platz unter dem Mast leer, aber dann, nur sehr kurze Zeit später, lag ein blaues Plastikfeuerzeug dort. Nun ist ein Plastikfeuerzeug an sich nichts auffälliges, weshalb ich zuerst nicht weiter darauf achtete, doch dann begann ich zu überlegen: Wieso ein Feuerzeug an diesem Ort? Ein Straßenbahnmast zwischen den Schienen ist nicht gerade ein Treffpunkt, wo ständig Leute herumstehen und ihre Feuerzeuge verlieren. Selbst beim Überqueren der Schienen würde man in der Regel nicht so dicht am Mast vorbeistreichen. Und wieso liegt an diesem Mast überhaupt immer was? Ich meine, es gibt andere Masten, an denen nie etwas liegt und erst recht keine Knochen. Ist es vielleicht ein Ort für Geheimbotschaften von Agenten? Oder entsorgt dort ein Killer nach und nach, seiner Meinung nach unauffällig, die Reste eines Verbrechens? Allerdings ist ein Straßenbahnmast dafür doch etwas öffentlich, aber vielleicht funktioniert es gerade deshalb? Oder spielen da einfach ein paar Leute Schnitzeljagd? Eigentlich müßte man sich direkt mal auf die Lauer legen, sobald das Feuerzeug verschwunden ist.
Lang der Morgen war vergangen -
die Mittagsfrau strich durch die Heide
und der Regen tropfte tänzelnd
auf das Laub der alten Weide
Dunkle Wolken hingen schweigsam,
wo sich der Erde Scheitel zieht,
als von Ferne naht das Unheil,
grau Nebel sich im Tale wiegt
Teuflisch-höhnisches Gelächter
fährt im Nu durch alle Glieder,
jedem Sträuben sich die Haare
und verwelkt ist gleich der Flieder
Ängstlich schaun die Menschen um sich
und eilig fliehn sie nach dem Haus,
warten schaudernd, bang und betend,
strecken nur die Nasen raus
Dort am Baume bei dem Flusse,
wo das Wasser träge fließt
lichtverhüllt ein heller Schatten
leuchtend durch den Nebel bricht
Weiße Schwingen lassen ahnen,
die Herkunft dieser Urgestalt
mit lichtverziertem Heldenhaupte
und dem Schwert in festem Halt
Wartend auf des Dämons Meute,
die mit Geheul nun näherjagt
und gerüstet zu dem Kampfe,
den ein Menschenkind nicht wagt
Wie der Pestgeruch der Hölle
ein Dampf aus heißer Erde steigt,
bevor zerbricht die Weltenhülle
und sich ein wildes Untier zeigt
Gräßlich ist es anzuschauen,
selbst das Herz gefriert zu Eis,
wenn es mit verschlagnem Blicke
seine Klauen grausig reibt
"Ah, sieh an - wes süßes Antlitz
aus der hochheil'gen Himmelsschar
hat gewagt sich mir zu nähern
und das auch noch alleine gar."
"Mehr bedarf es nicht zu stellen
sich dir Garstkopf in den Weg."
sagt's und springt mit klarer Klinge
auf des dunklen Wassers Steg -
schon der Engel ganz behende
und zum Schlag bereit sich machend,
doch das Untier will nicht folgen
sondern hält den Bauch sich lachend
"Nun, was ist? Du bist wohl feige?
Willst zu Tode lachen dich?
Oh, das kannst du gerne haben,
wenn du in den Spiegel blickst."
"Ach, mein kleiner Flitterengel,
was bist du zornig denn mit mir?
Laß uns lieber Freunde werden,
und ich zeige die Hölle dir."
"Oh, nein danke, lass nur gut sein."
stolz der Gefiederte erwidert,
verächtlich auf den Dämon blickend,
der sich so dreist anbiedert.
"Das konnte ja nicht anders gehen,
mit dir hochheil'ger Mißgeburt,
willst deinem Feinde nicht vergeben,
doch schwafeln kannst du immer gut
Hast du denn vergessen schon,
dass wir Brüder waren einst,
Ambrosia uns gemeinsam teilten
und auch unser'n Himmelsdienst?
So schätzt du die Familienbande -
willst mich sogar töten heimlich.
Tut man sowas mit Verwandten?
Ist das neuerdings so üblich?"
Schwankend wird der Blick des Engels
und listig grinst das Tier ihn an,
als dieser sinken läßt sein Schwert
und etwas näher tritt heran:
"Recht hast du - sei mein Bruder.
Dir trauen kann ich leider nicht.
Aber gut, auch du sollst leben,
doch holen möge dich die Gicht."
"Gut gesprochen", lacht der Dämon,
"Sowas nenn ich denn ein Wort.
Darauf woll'n wir einen heben..."
und zieht den Engel mit sich fort
In der Kneipe an der Ecke
kehren beide friedlich ein,
wo sie trinken ein paar Runden
von des Gastwirt's bestem Wein.
Und dann haken sie sich unter,
schunkeln heiter so zum Lied,
bis von zuviel Wein besoffen
der Dämon unter'm Tische liegt.
Doch der Engel, züchtig nippend,
lächelt fröhlich, und sehr gnädig
spricht er seine weisen Worte:
"Meine Herrn! Der wär' erledigt..."
(2005)