Alien
Es ist eine neuere Version von  AlienInsideTwoday  verfügbar!  Aktualisieren  Jetzt nicht!
© 2018-2023 NeonWilderness

Montag, 31. Januar 2011

Nymphen über Dresden

Nymphenbad 1

Sturmnächtlicher Segen

"Die Muschel von Vineta", heute ausgelesen, erinnerte mich an einen Ostseeurlaub während der legendären Sturmnächte der 90iger, als jede Menge Yachten abgesoffen sind und Prerow unter Wasser stand. Glücklicherweise hatten mein damaliger Freund und ich uns für einen anderen Zeltplatz als Prerow entschieden, so daß wir nicht weggeschwemmt wurden, und glücklicherweise konnte K. gut Zelte aufbauen, so daß wir auch nicht weggeweht wurden. Es wurde allerdings ziemlich naß, da es nicht nur stürmte, sondern ebenfalls in Strömen goß. Während der ganzen Nacht war um das Zelt herum solch ein entsetzliches Brausen und Lärmen zu hören, daß man hätte denken können, direkt vor dem Zelt stehe schon eine meterhohe Wasserwand und wir wachen schwimmend auf der Luftmatratze wieder auf. Am frühen Morgen führte mein erster Weg direkt zum Strand, während die Mehrheit der Urlauber ringsherum sich damit beschäftigte, ihre aus der Verankerung gerissenen Zelte wieder aufzubauen oder alles zusammenzupacken und abzureisen. Der Strand war völlig verwüstet und mitgrissenes Holz und Algen hatte das wütende Meer fast bis zum höchsten Punkt des Deiches zurückgelassen, während es jetzt wieder, als könnte es kein Wässerchen trüben, still und in sich zurückgezogen da lag. Dieser Anblick hat mich sehr beeindruckt. Und es sollte nicht die einzige Sturmnacht bleiben. Es folgten weitere, die zwar nicht mehr ganz so heftig waren, aber es regnete als hätte die letzte Sintflut begonnen. Schon am zweiten Tag hatte K. nur noch schlechte Laune, kam nicht mehr aus dem Zelt heraus und wollte unbedingt nach Hause. Mir dagegen, fing es genau jetzt erst richtig an Spaß zu machen. So hätte der Urlaub zumindest für mich weitergehen können. Ich glaube, solange ich einen warmen Schlafsack habe und meine Füße nicht kalt sind, kann um mich herum die Welt untergehen. Vielleicht war ich in einem meiner früheren Leben ein alter Seebär. Das würde erklären, warum meine Barthaare selbst während der Chemo so hartnäckig sind. Man sagt ja, daß der erste Urlaub eine Bewährungsprobe für jede Beziehung ist, weil man sich dabei erst so richtig kennenlernt. Ein Sturmnacht- und Regenflut-Urlaub in nur einem gemeinsamen Zelt ist es noch viel mehr. Wenn die Liebe dies übersteht, übersteht sie noch manch anderen Sturm, würde ich meinen. Unsere tat es nicht.

Niemand hat mir gesagt, was ich unter tiefen Schmerzen ganz für mich selbst entdecken musste: das göttliche Gebot des Eigensinns. Niemand sagte mir, dass Eigensinn nicht dasselbe wie Egoismus ist. Hätte ich doch einen Lehrer gehabt, der mich Misstrauen lehrte gegen jene falsche Selbstlosigkeit, mit der man seine innersten Gefühle, seine Seele, verrät. Niemand hat mir gesagt, dass es nur ein einziges Gesetz gibt: Liebe. Wo ich lieben kann, da bin ich mein Ich. Und wo ich nicht lieben kann, da bin ich mir selbst ein Fremder.
(aus "Die Muschel von Vineta" von Bernhard Langenstein)

Der Tod von Herrn N.

Ich befinde mich auf Arbeit in einem völlig neuen Bürogebäude und rede mit Herrn N. Dessen Schreibtisch steht auf einem großen Balkon, an dessen Balustrade normale, etwas schräg verlaufende Fensterbretter angebracht sind. Herr N. legt einen Stift auf das Fensterbrett und wendet sich mir zu, um etwas zu sagen. Ich bemerke, wie der Stift nach unten kullert und rufe spontan: "Pass auf!", dabei auf den Stift deutend. Herr N. dreht sich um, und obwohl der Stift in diesem Moment bereits über den Rand fällt, versucht er in seinem männlichen Ungestüm noch, ihn aufzufangen, verliert dabei das Gleichgewicht und fällt mehrere Stockwerke in die Tiefe. Unten höre ich schon die Rufe von Passanten, da kommt eine ehemalige Kollegin ins Zimmer, welche eine Etage unter uns sitzt, und hält mir ein Papier hin, das ich unterschreiben soll. Darin bestätige ich, daß keine Musik gespielt wurde und es nicht laut war. Dies ist wohl notwendig, um aus dem Unglück etwas herausschlagen zu können. Eine Durchsage erklingt, daß jeder Bediensteter sich ein Stück Küchenkrepp greifen und damit auf der Straße erscheinen soll, um sozusagen gemeinschaftlich die Überreste von Herrn N. von der Straße zu kratzen. Ich laufe mit der Kollegin zum Fahrstuhl, wo bereits eine ganze Traube von Mitarbeitern wartet. Dabei geht mir immer wieder durch den Kopf, daß Herr N. durch mich ums Leben gekommen ist. Wenn ich nicht diesen Satz gerufen hätte und den Stift einfach hätte kullern lassen, wäre nichts weiter passiert. Dieses Wissen bedrückt mich und ich frage mich, ob die Kollegin unter uns wohl diesen Satz gehört hat und von meiner Schuld weiß. Außerdem ist es natürlich in dieser Situation, wo ich selbst krankheitsbedingt ausgefallen bin, besonders schlecht, wenn noch jemand vom stets zu knapp bemessenen Personal fehlt. Dann erwache ich, es ist noch vor dem Morgengrauen um ca. 3 Uhr.

In einer Arztpraxis mit einer Ärztin und einem Arzt, wo ich die nächste Chemo erhalten soll. Vorher will man aber, daß ich einen Test wegen des Rückens absolviere. Dazu wird ein glattes Brett in schräge Position gelegt und ich soll nun, auf dem höheren Ende sitzend, den Rücken zum Brett gekehrt, mich rücklings auf dieses hinunterlassen. Dies tue ich mit Leichtigkeit und spüre wie ich auf der Schräge Stück um Stück mit dem Kopf herunterrutsche. Dabei kneife ich die Augen zusammen. Unten angekommen, blinzel ich vorsichtig durch die Lider. Der Arzt und die Ärztin beugen sich über mich, ich kann aber nicht erkennen, ob sie nun zufrieden sind oder nicht. Dann muß ich geschlafen haben, denn ich erwache und es ist ca. 19 Uhr. Du meine Güte, wenn ich die Chemo bereits bekommen habe, sollte ich längst zuhause sein, bevor ich es nicht mehr dorthin schaffe. Ich kann mich aber nicht erinnern, sie bekommen zu haben. Ich frage nach und vollkommen gleichgültig wird mir bestätigt, daß mir die Infusionen verabreicht wurden. Und warum läßt man mich dann hier schlafen, statt mich nach Hause zu schicken? Jetzt aber nichts wie weg!

Bemerkung: Das ist nun schon der zweite Traum, in welchem jemand wegen mir mehrere Stockwerke in die Tiefe stürzt. Geht das jetzt so weiter?

Sonntag, 30. Januar 2011

...

Dresden-Nymphe

...

Doch immer wieder stahl sich Eis in sein nächtliches Träumen. Die zugefrorenen Kanäle. Die Sicherheit des Eises. Jede Nacht zum Eis zurückzukehren, wie in ein Zuhause. Sich waagerecht wie Eis unter der Oberfläche niederzulegen, in den schlosslosen, den nicht zu brechenden, den lange vermissten Schlaf zu sinken...Unten in der anderen Welt der Kindheit und der Träume, wo Eisbären nicht mehr tapsen und töten, sondern, kaum im Wasser und unter dem Eis schwimmend, große amphibische weiße Meeresgeschöpfe werden, so anmutig wie Delphine.
Als seine Großmutter ein Kind gewesen war, so hatte sie ihm einmal erzählt, hätten die Schwestern in der Schule eines Tages angekündigt, das nächste Thema seien Lebewesen. "Ich habe Eis vorgeschlagen. Sie haben mich vor die Tür geschickt."

(aus "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon)

Baby und Bärlauch

Meine Mutter hat eine Wohnung bezogen, die fast einem Palast gleicht, und die gesamte engere und weitere Verwandtschaft zu einem großen Fest geladen, wobei die meisten davon ebenfalls in der Wohnung übernachten. Am nächsten Morgen bin ich fast als erste auf den Beinen und möchte mir in Ruhe die gesamte Wohnung anschauen, denn viel habe ich noch nicht gesehen. Ein größeres Zimmer ist rundum an allen vier Wänden mit einer braunen Schrankwand ausgekleidet, in der Mitte befindet sich ein Tisch. Von diesem Zimmer kommt man in ein ähnliches, welches an allen Wänden schwarze Regale zu stehen hat und ein Klavier. In der Mitte steht ein zweites Klavier, also anscheinend ist es ein Musikzimmer. Von dort kommt man in die Küche, die so riesig ist wie die einer Betriebskantine. Und im Badezimmer hat das Waschbecken nur einen Heißwasserhahn. Inzwischen sind andere auch aufgestanden. Tante W. läuft an mir vorbei und macht eine Bemerkung über meine Angst vor Menschen. Woher weiß die das? Das weiß niemand, aber Tante W. scheint mir klüger als man meinen könnte.
Ich lege mich wieder in ein Bett in einer Ecke, da bemerke ich kurz darauf ein kleines, zerknittertes Baby neben mir im Bett. Wo kommt das denn her und wer hat es hier hingelegt? Vielleicht weil ihm kalt ist, strampelt es sich ganz unter die Bettdecke, so daß nichts mehr hervorschaut. Ich fürchte allerdings, daß es darunter ersticken könnte, weshalb ich die Bettdecke wieder etwas herunterziehe. Das Köpfchen kommt zum Vorschein, das Gesicht verzieht sich und ich denke - sch...., jetzt fängt es an zu schreien. Aber nein, statt dessen lacht es mich mit einem breiten, zahnlosen Lachen an.

Der Winter ist knapp vorbei und ich schaue in einen meiner Balkonkästen, ob sich dort schon etwas tut. In der knochentrocken Erde ist auf den ersten Blick nichts auszumachen. Die Hälfte des Kastens ist mit Folie abgedeckt, vielleicht weil ich da etwas ausgesät habe. Und tatsächlich, unter der Folie schauen keine Keimlinge, aber breite Blattspitzen aus der Erde hervor, so also wäre die Pflanze unter der Erde bereits vollständig ausgewachsen. Der Blattform nach zu urteilen dürfte es Bärlauch sein.

...

Es stehen noch Antwortemails aus an Leute, die von nix wissen. Und ich möchte nicht darüber schreiben, nicht heute. Vielleicht auch nicht morgen. Und überhaupt.

Samstag, 29. Januar 2011

...

Es ist schwer, ein Herz zu verlassen, das für einen schlägt. Aber egal wo es ist, und sei es am Ende der Welt, spürt man doch, daß es nah ist. Es ist schwerer, sich von einem Herz zu trennen, das nicht mehr für einen schlägt. Und selbst wenn es neben einem stünde, fände man keinen Platz mehr darin, nicht einmal in den Erinnerungen.

Billy Idol und Waffenpflicht

Eine Hardrock-Musik-Veranstaltung, bei welcher junge, noch unbekannte Bands auftreten. Die Räumlichkeiten sind nicht groß, etwa so wie eine größere Disco. Ein neues Lied wird gleich gespielt und ich werde extra vorgewarnt: "Achtung, es wird laut!" Wird es aber gar nicht und auch sonst ist es eher ein leiser Traum, in dem ich mich nun in enger Umarmung mit Billy Idol wiederfinde. Wir sind auf einer Tanzfläche allein, nur umstanden von einigen neugierigen Zuschauern. Vielleicht tanzen wir, vielleicht stehen wir auch einfach so da, man weiß es nicht. Sicher ist jedoch, daß wir ein Paar sind und viel mehr darüber hinaus. Es ist nicht nur, als seien wir körperlich miteinander verwachsen, sondern unsere Empfindungen und Schmerzen ebenfalls. Wir gehen denselben Leidensweg, denn Billy Idol hat tägliche quälende Rückenschmerzen. Und dies macht aus uns etwas, wie man es lapidar "ein Herz und eine Seele" nennt, etwas, das aus einer tiefgreifenden Verbundenheit jeder Zelle, jeden Gefühls und Gedankens heraus nicht zu trennen ist. Im Hintergrund läuft aus der Konserve eines seiner Lieder, welches aber ausschließlich als eine fast lautlose Melodie zu hören ist und dabei wie die Vision eines Filmes auf einer Leinwand vorüberschwebt. Es erzählt von Sommer und es scheint beinahe, als sei es unser gemeinsames Abschiedslied, da der Weg, den wir zusammen gehen, zusammen zu gehen beschlossen haben, uns von diesem Leben wie wir es jetzt führen, fortführt.

Meine Mutter ist vorübergehend in ein großes Hotelzimmer mit hoher Decke gezogen. Da es renovierungsbedürftig ist, hat sie meinen Cousin gebeten, es zu renovieren und auch ich helfe dabei mit. Allerdings kann ich nicht wirklich nachvollziehen, wieso sie das Zimmer, wenn sie bald wieder auszieht, auf eigene Kosten renovieren will, wenn eigentlich das Hotel dafür zuständig ist, aber egal. Ich habe die letzte Nacht im noch baustellengleichen Zimmer verbracht, in einem Bett, das bereits in die Ecke gestellt worden ist, und trage ein pinkfarbenes T-Shirt mit einem dunkelblauen Druck, dazu ein passendes dunkelblaues Armband an meinem linken Handgelenk. Mein Cousin kommt ins Zimmer und um mich zu ärgern setzt er sich auf mich drauf und imitiert mit seinen Augen ein Zucken, so wie es wohl an meinen Augen zu sehen ist, wobei ich ihm meine Faust in die Seite stemme. Während der kleinen Rangelei habe ich Gelegenheit, genauer sein Gesicht betrachten. Es mutet fast türkisch an, mit einem gepflegten schwarzen Vollbart, dabei sind seine Augen jedoch statt braun, wie normalerweise, so grün wie meine. Etwas später sind wir alle gemeinsam auf den Weg in ein Restaurant, da wir nach der Arbeit Hunger haben. Unterwegs werde ich von einem Ordnungshüter angehalten, der mich fragt, ob ich auch die vorgeschriebenen Waffen bei mir trage. Ab einem gewissen Alter ist dies nämlich Pflicht und die Waffen dafür gibt es auf Rezept aus der Apotheke. Blöderweise habe ich zwar das Rezept für Pfefferspray eingesteckt, es aber noch nicht eingelöst. Der Ordnungshüter will Ärger machen und meint, daß wir im vor uns liegenden Restaurant ohne die Waffe sicher keinen Einlaß finden, aber der Inhaber des Hauses ist überraschend kulant und meint, es ginge auch ohne Pfefferspray. Auf dem Hinterhof der Gaststätte suchen wir uns ein Plätzchen im Freien und rücken einige Garten-Klappstühle an einen Tisch. Da die Stühle lange nicht benutzt wurden, tummeln sich jedoch an den Lehnen Schnecken, seltsame Moränen und ähnliches Getier. Ich wage mich nicht hinzusetzen und nehme Abstand, dabei bemerke ich in der Luft etwas, das wie ein Glühwürmchen aussieht, aber viel größer und aus echter leuchtender Glut. Ehe ich mich versehe, fliegt es zu mir und fällt genau auf meinen Kopf.

Bemerkung: Ich weiß zwar nicht, welches Lied von Billy Idol es war, aber dieses würde am besten passen und ich kannte es bisher noch nicht - Summer Running

Freitag, 28. Januar 2011

Bücherzuwachs

Ich war mal wieder im Kaufrausch und habe für 80 EUR Bücher erworben. Eigentlich wollte ich nicht mehr so viele Bücher kaufen, weil ich gar nicht weiß, ob mein Leben noch reicht, um sie alle zu lesen, aber wenn die so preiswert reduziert zu haben sind, kriege ich eine Art Bücherschnäppchenjagdkoller und kann nicht mehr aufhören.
Dies sind also meine Neuerwerbungen, alles Mängelexemplare, pro Buch im Durchschnitt 4 EUR:

- Überleben Glückssache. Was Sie als Krebspatient in unserem Gesundheitswesen erwartet
- Cosmic Trigger von R.A.Wilson
- Bernhard Langensteins Die Muschel von Vineta
- Das Schloss im Wald von Norman Mailer
- eine Mary-Shelley-Biographie von Muriel Spark
- Der Leuchtturmwärter von Jeanette Winterson
- zwei Lenormand-Arbeitsbücher
- eine Richard-Wagner-Biographie
- Der Zentaur von John Updike
- Ulf Schiewes Der Bastard von Tolosa
- Isabel Allendes Von Liebe und Schatten
- Qi Gong für mich
- Die Pendragon-Legende von Antal Szerb
- Das Phantom der Oper von Gaston Leroux
- Lexikon der Numerologie und Zahlenmystik
- Tarot und Zen von Osho
- Die Kartause von Parma von Stendhal (Das erwähnte Buch, bei welchem ich als Kind immer dachte "Kartause" sei ein Adelstitel, weshalb ich den Roman in der Bibliothek meines Vaters nie las.)

Donnerstag, 27. Januar 2011

Hm,

hab meine Schwägerin gefragt, wie sie und mein Bruder den Lieblings-Weihnachtsfilm (P.olska L.ove S.erenade) fanden, den ich ihnen überspielt hatte. Sie so:...na ja....ähm....sie hätten sich beide anguckt und gedacht, was soll das eigentlich für ein Film sein und was ist daran so toll? Nun ja, sage ich, der ist halt so schön skurril, sowas mag ich, dann erzähle ich von "Gegen den Tag". Für den Roman hatte sie sich erst auch interessiert und war der Meinung, der lese sich bestimmt gut. Nachdem ich mit dem Erzählen fertig bin meint sie: Nein, nein, ein Buch, in dem Hunde französische Bücher lesen und Photographen Kugelblitze adoptieren könnte sie NIEMALS NIEMALS lesen. Ich weiß ja, daß mein Geschmack bisweilen etwas sonderbar ist, aber daß er für andere so schlimm ist, hätte ich nicht erwartet.

Traumsplitter

Dämmerung in der Straße, ich liege auf dem Bürgersteig vor der Bushaltestelle. In einiger Entfernung ist links von mir eine kleine Gestalt zu sehen. Von anderen Leuten, die in meiner Nähe stehen, erfahre ich, daß es der Tod ist, ein kleiner, abgebrochener, aber energischer und drahtiger Mann. In der Dunkelheit scheint er sich von mir weg zu bewegen, aber das war wohl nur eine optische Täuschung, denn bei genauerer Betrachtung wird klar, daß er doch in meine Richtung geht. Vielleicht hat ihn auch etwas dazu bewogen, auf dem Weg umzukehren. Die Leute neben mir flüchten und es scheint, daß der Tod hinter ihnen her ist. Ich bleibe still liegen, kann oder will mich nicht bewegen und schließe die Augen, in der Hoffnung, daß er mich, wenn ich ganz still und klein bin, übersieht und an mir vorbeiläuft. Mit den Ohren lausche ich in die Nacht und tatsächlich höre ich Schritte, die an mir vorbeigehen. Allerdings habe ich das Gefühl, daß die Gestalt stehen bleibt und mich von der anderen Seite aufmerksam betrachtet. Ich erwache in meinem Bett und noch ehe die Schlafstarre von mir abfällt, nehme ich im Augenwinkel eine Gestalt wahr, den Tod, der im Zimmer sitzt und anscheinend auf mich wartet, vielleicht daß ich aufwache. Doch ich tue so, als würde ich weiterschlafen und wende den Kopf ab, damit ich die unheimliche sitzende Gestalt nicht sehe. Irgendwann schaue ich doch wieder und er ist verschwunden, ebenso der Stuhl und die vorhergehende Einrichtung. Wahrscheinlich war es nur ein Traum. Wenig später befinde ich mich im Büro, wo ich wohl nach einem Schlaganfall recht schnell wieder arbeite, allerdings nur leichte Hilfstätigkeiten, wie Botengänge oder stupide Bewegungsabläufe mit den Händen. Es scheint beinahe, daß die Tätigkeiten eigentlich nur dazu gedacht sind, die Beweglichkeit der Hände wiederherzustellen und eigentlich keinen großen Sinn haben. Danach befinde ich mich bei einem älteren Herrn, einem Notar, bei dem ich mir eine neue Uhr mit Handy aussuchen soll. Eine Auswahl von Handys, die meisten schwarz (Klavierlackoptik), sind auf einem Tisch ausgebreitet. In ihnen befindet sich gleichzeitig eine Art Armbanduhr, die das Wichtigste daran ist. Denn ich benötige sie, weil normale Uhren von nun an für mich nicht mehr relevant sind oder wie man auch sagen könnte, die Zeit ab jetzt für mich anders geht. Außerdem überreicht er mir eine Tüte mit bunten Perlen, eine letzte Erbschaft meiner Eltern, die er in einer Schublade aufgehoben und noch nicht mit dem normalen Erbschaftsverfahren verwaltet hatte.

Bemerkung: Nein, ich brauche keine neuen Krankheiten und ich möchte auch nicht von ihnen träumen.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Wegzehrung für trübe Wintertage (Elbufer)

Elbufer 5    Elbufer 6

 

Elbufer 4    Elbufer 2

 

Elbufer 3    Elbufer 1

Traumsplitter

Mit meiner Schulfreundin auf einer ausgedehnten Schnitzeljagd. Es hat uns in einen Krankenhausflur verschlagen, wo wir nach Hinweisen zur Lösung eines Rätsels suchen müssen. Die Hinweise, so erinnere ich dunkel, haben etwas mit historischen Kostümen zu tun. Ich entdecke drei Zeichnungen an der Wand. Eine ist eine Modezeichnung mit verschiedenen historischen Kleidern, auf der zweiten befindet sich nur noch ein Kleid und auf der dritten ist ein Skizze des Stoffes hingeworfen, aus welchem der Rock besteht - Schwarz- und Grautöne in verschiedenen opulenten Dekoren. Das müssen die Hinweise sein! Wir haben nicht mehr viel Zeit, denn hinter der Ecke nähern sich einige Krankenschwestern. Beide zögern wir kurz, doch meine Freundin greift schließlich zu und nimmt die Zeichnungen von der Wand. Ich eile bereits zum Ausgang, während sie noch etwas länger in der Klinik bleibt, und werde an der Auffahrt von einem Auto erwartet. Es sieht aus wie ein futuristisches Elektroauto und ist in hellem Grau lackiert. Ich werfe mich auf einen der Rücksitze und will eigentlich auf meine Freundin warten, aber das Auto setzt sich ganz von allein und ohne Fahrer in Bewegung. Nach der ersten Überraschung denke ich mir, daß es wohl, so wie es aussieht, auch eine moderne Fahr- und Navigationsautomatik hat, die wahrscheinlich auf den nächsten Ort der Schnitzeljagd eingestellt ist. So weicht der Schrecken neugieriger Erwartung.

Dienstag, 25. Januar 2011

Die Gummibärchen

sind doch immer wieder ziemlich hellsichtig und als Orakel viel gesünder:

Sie sind Rotkäppchen!
Völlig klar. Sie sind es. Hier: Einmal Rot für Ihr Käppchen. Übrigens ein Symbol Ihrer kecken Neugier. Ein zweites Mal Rot für die Flasche Rotwein, die Sie eigentlich Ihrer Grossmutter mitbringen sollten, die Sie aber lieber selbst austrinken. Typisch. Einmal Gelb für den Kuchen, von dem Sie ihr nur ein paar Krümel mitbringen, weil Sie was haben mussten, um Ihre Fahne etwas zu dämpfen. Einmal weiss für Ihr unschuldiges weisses Kleidchen, das natürlich auch ein Symbol ist, nämlich für die Unschuldsmiene, die Sie immer aufsetzen. Dann ein grünes Bärchen für den Wald, durch den Sie irren, der undurchdringliche Wald Ihres Liebeslebens. Na, und schliesslich einmal Braun für den grossen bösen Wolf, der Sie verfolgt. Ach, Moment - Sie haben gar kein braunes Bärchen gezogen!? Na, das ist auch wieder typisch! Das bedeutet nämlich: Sie sehen den Wolf nicht einmal. Sie erkennen ihn nicht. Sie hören sein lüsternes Knurren. Aber Sie denken, das ist nur Ihre Grossmutter, die ein bisschen Hunger hat. Und wenn er sein Maul aufreisst, denken Sie: Mensch, Oma hat sich endlich ein neues Gebiss geleistet! So funktioniert Ihr Liebesleben. Sie schnallen nichts. Sie sind neugierig. Probieren gerne hier und dort, naschen von anderer Leute Kuchen, berauschen sich an fremdem Wein - stets mit Unschuldsmiene, immer freiheitsbewusst. Und doch sind Sie längst verstrickt in einem Wald unklarer Beziehungen. Was wirklich abläuft, merken Sie nicht. Und wenn da so ein hungriges animalisches Wesen Ihren Weg kreuzt, dann denken Sie: Das ist es. Das bringt mich raus aus meinen Verstrickungen. Oh je, oh je. Was sollen wir nur mit Ihnen machen? Mit Ihrem schönen Talent zum Lieben, auf das die zwei roten Bärchen immerhin hinweisen? Der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung hat bemerkt, der Wolf sei die erste wirkliche Beziehung im Leben des Rotkäppchens. Na ja. Also, ehrlich gesagt, Sie haben was Besseres verdient als jemanden, der sich die Pfoten nicht richtig wäscht und immer so ein bisschen aus dem Mund riecht. Und, Sie glauben es kaum, es kommt auch was Besseres. Ihr Liebesleben bekommt jetzt einen erfrischenden Schub. Das zeigt die Farbsymbolik dieser Bärchen. Zweimal Rot bedeutet natürlich: Sie haben eine schöne Liebesenergie, die nur eine Zeit lang ein wenig gestaut oder gehemmt war und brach lag. Einmal Weiss aber heisst: Sie bekommen jetzt eine liebevolle Eingebung, eine erotische Inspiration, eine Überraschung. Gelb zeigt: Sie sind bereit, bei der Sache zu bleiben, zu polieren und Ihrer Liebe Glanz zu verleihen. Prosaisch heisst das übrigens: Beziehungsarbeit. Vergessen wir das Gruselwort gleich wieder. Denn Grün bedeutet: Sie gewinnen das tiefe Vertrauen in die Liebe, das Ihnen so lange gefehlt hat. Sie brauchen nicht weiter herumzuirren. Sie werden nicht mehr auf Überredungskünstler und Betrüger reinfallen. Lassen Sie den Wolf in Ruhe Ihre Grossmutter fressen. Ziehen Sie dann anschliessend mit Ihrem Lover in das Haus, und haben Sie Spass!


Stimmt auffallend. Ich schnalle nichts und erkenne weder einen Wolf noch eine Ratte, wenn sie vor mir steht. Und ich trage wirklich ein rotes Käppchen, zur Zeit zumindest.

Traumsplitter

Kurz vor dem Aufwachen von einem Frühstück mit gekochten Eiern, Küse (warum der Käse im Traum Küse hieß, weiß ich auch nicht) und frischen Laugenbrötchen und Semmeln geträumt, aber die RICHTIGEN, die wirklich geschmeckt haben und die es früher bei unserem DDR-Bäcker gab. Heute findet man sie nur noch an versteckten, verzauberten Orten, dort, wo die scheuen Backelfen wohnen, und man braucht viel Glück und Zufall, um einen dieser Orte, der noch nicht vom Backkombinat verseucht ist, zu finden. Das ist fies, das ist sowas von fies. Aber gut, zumindest die Eier schmecken ja weiterhin wie früher.

Montag, 24. Januar 2011

Hach -

(auch als Twitterfloskel bekannt, die kollektive Hach-Laolas auf Twitter auslöst) -, ich bin ja so glücklich, daß ich "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon auf meine Wunschliste gesetzt habe und tatsächlich geschenkt bekam. Und mit jeder gelesenen Seite bin ich glücklicher darüber, daß dieses Buch ganze 1600 davon besitzt. Das verlängert den Genuß und es könnte zu einem der seltenen Bücher werden, von welchem ich mir trotzdem noch mehr wünsche. Was für eine angenehme Überraschung nach diesem ganzen uninspirierenden Geschreibe, das zuletzt durch meine Hände ging! Und diesen Herrn Merle, Photograph, Alchemist und alleinerziehender Vater einer Tochter, mit seinen Platten, Boxkameras und Chemielaboren, der Kugelblitze adoptiert, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Nun hoffe ich nur, daß der Autor auch die restlichen 1400 Seiten so durchhält und einen Lichtstrahl der Freude an meinen Erwartungshorizont zaubert. Denn wie Photographie und Alchemie nur zwei Methoden sind, um dasselbe zu erreichen, nämlich Licht von der Trägheit edler Metalle zu erlösen (sagt Herr Merle), so sind Poesie und Witz zwei Methoden, um das Licht aus der Trägheit des Gemütes zu befreien.

Ich glaube,

ich muß mir irgendeinen extremen Beduftungsapparat für die Wohnung zulegen, der mein Duft-Erinnerungszentrum massiv betäubt. Von diesem Geruch nach Infusionen, der überall in der Luft liegt, zumindest für meine konditionierte Nase, fühle ich mich regelrecht gestalkt.

Sonntag, 23. Januar 2011

...

An einem ihrer letzten Tage in offener Landschaft, während der Wind durch die hohe Indianerhirse wehte, sagte ihr Vater: "Da hast du dein Gold, Dahlia, und zwar das einzig wahre." Wie üblich warf sie ihm einen forschenden Blick zu, denn inzwischen wusste sie in etwa, was ein Alchemist war und dass keiner aus dieser windigen Bande sich jemals klar äußerte - ihre Worte bedeuteten immer etwas anderes, manchmal sogar, weil sich dieses "Andere" im Grunde vielleicht so der Sprache entzog, wie sich abgeschiedene Seelen der Welt entziehen. Sie sah zu, wie die unsichtbare Kraft unter den Millionen von Halmen wirkte, die so hoch waren wie ein Pferd samt Reiter, sah sie unter der Herbstsonne meilenweit fließen, größer als Atem, größer als die Wiegenlieder der Gezeiten, die notwendigen Rhythmen eines Meeres, das sich weit weg von jedem verbarg, der es suchen mochte.
(aus "Gegen den Tag" von Thomas Pynchon)

Fehlende Escape-Taste

J. ist zwar etwas mürrisch und störrisch, aber bestimmt kein schlechter Kerl. Bei einer Fortbildungsveranstaltung in einem großen Saal, bei der jeder in einem Bett unter seiner eigenen Steppdecke liegt, sind wir uns näher gekommen. Ich liege nun sogar schon unter seiner Decke und er verwöhnt mich hingebungsvoll mit Oralsex. Er kann das gut, weshalb ich ihn gewähren lasse, es bleibt allerdings nicht aus, daß andere etwas mitbekommen. Noch immer seine Decke umgelegt schleiche ich mich in mein Bett zurück. Mein Spielpatzfreund, der ebenfalls etwas gemerkt hat und anscheinend eifersüchtig ist, macht hämische Bemerkungen über die Indizien, wie zum Beispiel das Mitbringsel. Zufrieden wie ein schnurrendes Kätzchen prallen die Sticheleien an mir ab und ich antworte frei heraus etwas provozierend: "Ja, ich habe J.s Kuscheldecke bekommen."

In einem gewöhnlichen Traum verändert sich auf einmal blitzschnell die Szenerie, so als würde sich ein neues Computerbild aufbauen. Die neue Szenerie ist irgendwie unheimlich mit seltsamen Gestalten, die abgetrennte, blutige Köpfe bei sich herumzuliegen haben. Mir wird klar, daß ich hier zufällig mitten in einem Computerspiel gelandet bin, aber in einem, das mir nicht gefällt. Eigentlich hat jedes Spiel einen Ausgang, die Escape-Taste oder ähnliches, aber so mitten drin, weiß ich nicht, wo ich suchen soll. Wo finde ich den Ausgang, bzw. die Escape-Taste? Hier gibt es nirgendwo eine Tastatur, also muß die Escape-Taste irgendwo anders versteckt und eingebaut sein. Vielleicht eine Tür oder ähnliches. Ratlos bleibt mir nichts weiter übrig, als weiterhin in der Szenerie suchend herumzuschlendern, wobei ich an einigen der seltsamen Leute und abgetrennten Köpfe vorbei muß. Ich versuche mich dabei so unsichtbar wie möglich zu machen, aber sie rufen mir etwas zu. Gespielt unbefangen antworte ich und tue so, als würden mir die blutigen Köpfe nicht auffallen.

Bemerkung: Für mein Leben hätte ich manchmal auch gerne eine Escape-Taste.

...

Die Chemo macht mich fertig. Nach der ersten denkt man noch, ok, mußt du halt durch, und überhaupt ist das Kotzen ja nichts Neues. Vom Tramadol kenn ich das schon. Nach dem zweiten Mal denkt man, man wird dieses Übelkeitsgefühl überhaupt nie mehr los und vergessen, aber auch nicht den Geruch nach Infusionen, der erneut Übelkeit verursacht. Ich rieche die Infusionen sogar in meiner Haut, das Schnuppern an meiner Haut verursacht Übelkeit. Ich rieche ständig Infusionen. Vielleicht ist das Einbildung, denn mein Mund ist taub und meine Fingerspitzen sind taub, also müßten theoretisch auch meine Geruchsnerven taub sein, aber ich rieche trotzdem und wenn es ein Phantomgeruch ist. Auch der Gedanke daran Wasser zu trinken, verursacht Übelkeit, ebenso der Geruch von Wasser. Immerhin sind ebenfalls die Rückennerven einigermaßen taub, so daß ich kurz nach der Chemo nicht so starke Rückenschmerzen habe, die aber trotzdem stetig zunehmen. Wahrscheinlich weil ich die ersten zwei Tage nach der Chemo nur wie ein Stein seitlich zusammengerollt auf der Couch liegen kann und es nicht einmal schaffe, mich zuzudecken wenn mir kalt ist. Neben dem Rücken schmerzen aber auch die Leber und die Nieren, im Brustbein zwickt es und überhaupt fühlt man sich mehr tot als lebendig. Mein Blutdruck, sonst nach einer schweren Virusgrippe eher grenzwertig, sinkt mit jeder Chemo stetig, dümpelt zur Zeit bei 105/68 herum, und ist wahrscheinlich, wenn er so regelmäßig weiter sinkt, nach der vierten Chemo bei 80/28, also fast bei scheintot. Das führt nicht nur zu Antriebslosigkeit, sondern auch zu massiver Gehirnleere, so daß es bereits zu einer Anstrengung wird, irgendeinen intelligenten Satz zu schreiben. Das ist vielleicht dasselbe Prinzip wie bei Männern, denen das Blut in den Schw... sackt, nur daß es bei mir irgendwo anders versickert, zum Teil in Laborröhrchen. Jetzt verstehe ich auch, warum als Spätschaden von Chemos Gehirnleistungsstörungen angegeben werden. Liegt wohl an der Unterversorgung. Jedenfalls hoffe ich, daß der niedrige Blutdruck nicht schon das erste Anzeichen einer Herzschwäche ist, einer häufigen Nebenwirkung der Chemo. Vielleicht bin ich etwas hypochondrisch, aber ich finde, in meiner Situation und bei meinem "Glück" habe ich das zutiefst verdiente Recht hypochondrisch zu sein. Nach der dritten Chemo denkt man nur noch - ich will nicht mehr! Ich fühle mich wie eine Sarah in einer endlos langen Alptraum-Dschungelprüfung, möchte ständig sagen - nein, das mach ich nicht, und gegen das fiese Schicksal-Publikum anbocken. Nee, ich bin kein Kämpfer, war ich noch nie, ich bin ein heulendes Häufchen Sarah-Elend, aber leider kein Star und niemand holt mich hier raus. Und ich habe es satt, mir dauernd von irgendwelchen Leuten sagen zu lassen, was ich tun, wie ich denken, was ich essen und wie ich mich verhalten sollte...

Fortsetzung folgt

Samstag, 22. Januar 2011

Traumwanderungen durch Berlin

Ich erfahre, daß sich ganz in der Nähe meines Bezirkes der Funkturm befindet. Nanu, da habe ich mit meinem Orientierungssinn mal wieder völlig daneben gelegen. Hätte nicht gedacht, daß der Funkturm so nah ist. Ich beschließe, dem Gelände einen Besuch abzustatten. Es ist das Gelände des B.Berges und rund um den Turm sind überall Buden wie auf einem Weihnachtsmarkt aufgestellt. An einer sehe ich Kisten mit rosa und dunkelvioletten Kristallfamilien. Hm, als ich kurz nach der Wende hier war, gab es nur einen provisorischen Pavillon mit einem Biergarten. Ich schlendere hier hin, schlendere dort hin, aber wo ist dieser Turm? Ich sehe nirgends einen. Doch da, hinter dem Giebel eines Hauses, entdecke ich ein Turmgebäude. Im Äußeren ähnelt er dem Aussichtsturm auf dem Müggelberg, jedoch ist in ihm eine kostenlose Ausstellung zu besichtigen. Ich stehe nun direkt vor der dunkelgrün gestrichenen Eingangstür. Soll ich? Mit einem kurzen Zögern öffne ich sie und betrete ein dämmriges Inneres, das einem Treppenhaus ähnelt. Einen Fahrstuhl gibt es hier nicht, will man nach oben, muß man wie im Müggelturm laufen. Ab dem zweiten Treppenabsatz windet sich eine Schlange von Menschen die Treppen entlang, die wohl für die Ausstellung anstehen. Transportarbeiter drücken sich mit einem schweren Klavier an ihnen vorbei nach unten. Für mich bleibt kein Platz mehr, um mich dazwischen nach oben zu quetschen, deshalb gehe ich wieder. Irgendwie ist das Gelände ziemlich klein, kaum ein paar Grünflächen, doch dann fällt mir auf, daß der Park in einer versteckten Richtung weitergeht. Ich spaziere dort den Hauptweg entlang und stoße ziemlich schnell auf einen S-Bahnhof (Grunewald?). Schade, schon Schluß mit dem Spaziergang, es geht nirgends weiter, weshalb ich die Treppen in den S-Bahntunnel hinuntergehe. Unten gibt es einen Souvenirshop und die Verkäuferin streckt mir gleich, als hätte sie auf mich gewartet, einige Fotos und Bilder entgegen. Ich betrachte sie, laufe dann aber wieder nach oben, da ich ja nirgends hinfahren will. Vielleicht findet man doch noch einen neuen Weg und tatsächlich, neben dem Bahnhof geht es wirklich noch weiter, das hatte ich erst gar nicht gesehen. Hier sieht es nun aus wie in einem Schloßgarten, es gibt auch ein altes Schloß und grüne Rabatten. Vorher geht es aber noch durch ein Stück Stadt mit bunten Straßenmosaiken, die vielleicht zum Vorhof des Schlosses gehören. Etwas versteckt entdecke ich ein gelbes Blütenmeer aus riesigen trichterförmigen Blüten einer Kletterpflanze an einer Mauer. Davor ein Meer von anderen Blumen mit riesigen gelben Blüten. Wow, so viel Gelb und so viele große Blüten! Wunderschön! Ein Tier, daß ich erst für ein Raubtier halte, entpuppt sich als kleines Eselchen oder Pony und läuft mir über den Weg. Je weiter ich durch das Blütenmeer laufe, um so größer werden die Blüten, bis sie schließlich tatsächlich groß wie Regenschirme sind und auch so aussehen. Hey, wenn es jetzt anfinge zu regnen, könnte man sich direkt darunterstellen. Cool! Der Park geht nun in eine Straße über, die an Feldern und Wiesen vorbeiführt. Irgendwie sieht es hier aus, wie am Ende der Stadt, hier scheint eine Grenze zu sein, die nicht überschritten werden kann, jedenfalls führen außer der Straße keine Wege mehr irgendwo hin, weshalb ich auf ihr bleibe. An einem Eckhaus mit Türmchen wird gebaut und ein riesiges Teil mit dem Kran transportiert. Ich muß darunter hindurch und hoffe, daß sie das Teil nicht gerade abladen, wenn ich darunter entlanghusche. Geschafft. Die Straße führt nun auf den Vorhof eines Mehrfamilienhauses, wo irgendwelche Typen Autos einfach längs oder quer umkippen. Was soll das werden? Die Straße scheint hier zu Ende zu sein und ich habe auch keine große Lust, an diesen Typen vorbei zu gehen, weshalb ich kehrt mache, wieder unter dem riesigen Kranbrocken durchhusche und den Rückweg antrete. Neben der Straße führt jetzt ein breites Gleisbett der S-Bahn entlang und große Büsche von himmelblauen Kornblumen wachsen an den Hängen. Vor mir höre ich eine stadtfremde Besucherin zu ihrer Führerin sagen: "Ah, das ist also das Wunder eurer S-Bahn?" Stimmt, denke ich, es gibt nicht überall S-Bahnen. Für Ortsfremde muß das eine tolle Einrichtung sein. Irgendwo sitzend zeichne ich schließlich auf eine Serviette die Umrisse eines Schmetterlings. Mein Kumpel kommt, schaut mir zu und meint, daß der Schmetterling viel zu groß sei. So große gäbe es gar nicht. "Doch!" behaupte ich vollkommen sicher. "Hast du nicht die vielen großen Schmetterlinge gesehen, die hier überall herumfliegen?"