Alien
Es ist eine neuere Version von  AlienInsideTwoday  verfügbar!  Aktualisieren  Jetzt nicht!
© 2018-2023 NeonWilderness

Montag, 10. November 2014

Charlottenburg

Weil ich in der letzten Woche in Charlottenburg zu tun hatte, wollte ich bei dieser seltenen Gelegenheit auf den Spuren der preußischen Königin wandeln. Und auch hier ist es nicht anders als überall in Berlin - es wird saniert. Da gucken sogar die Königlichen Hoheiten dumm aus der Wäsche:

Charlottenburg 1

Charlottenburg 2

Charlottenburg 3

Mein Weg führte mich am Mausoleum vorbei. Das Wort Mausoleum kommt übrigens nicht von mausetot, obwohl die, die darin liegen, es sind. Das bringt mich wiederum zu der Frage, warum es nicht spinnentot, hasentot, fliegentot oder was weiß ich heißt. Mein Vermutung geht dahin, daß der Maus einfach kein störendes End-'e' anhängt, welches ein weiteres 'e' ziemlich witzlos machen würde. Ich schlenderte über die Luiseninsel, am Belvedere vorbei und um den Karpfenteich herum, wo ich auf einer Brücke die Enten beobachtete, welche dort herumstolzierten, als seien sie selbst die Majestäten des Schlosses. Während dieses beschaulichen Momentes störte mich ein ohrenbetäubendes heiseres Kreischen von oben und ich fragte mich empört, welcher Vogel es hier wagt, so einen Lärm zu veranstalten. Da glitt auch schon mit hungrigem Sabbern elegantem Kreisen ein Reiher herab und ließ sich mitten im Karpfenteich nieder. War ja klar, daß sobald ich dort bin, ebenfalls gleich ein Reiher auftauchen muß.

Charlottenburg 5

Charlottenburg 6

Charlottenburg 4

Charlottenburg 7

Charlottenburg 8

Ein besonderes Highlight des Tages sollte jedoch die Rückfahrt werden. Eine Fahrt von meiner Heimat aus bis nach Charlottenburg dauert genau 45 Minuten mit dem Bus. Und ich muß ehrlich sagen, daß ich lieber 4 Stunden mit der Deutschen Bahn unterwegs bin als 45 Minuten in einem Bus durch Berlin. Auf der Hinfahrt ging es, weil ich einen Sitzplatz hatte, ich wunderte mich aber trotzdem schon über die vielen Fahrgäste mitten am Tag. Auf der Rückfahrt hatte ich erstmal nur einen Sardinenstehplatz und bekam durch die Gespräche mit, daß die S-Bahn nicht fährt. Ach ja, der Bahnstreik, der war völlig an mir vorbeigegangen und mir bisher nur in theoretischer Weise bekannt. Ich hoffe doch sehr für die Charlottenburger, daß der Bus sonst leerer ist. Die arme Busfahrerin drehte irgendwann komplett durch als sie bei jedem Halt erneut sagen mußte, daß die Leute nicht in der Tür stehenbleiben sollen, weil der Bus sonst nicht losfahren kann, und brüllte schließlich ins Mikrophon: "Wenn ick das hier noch einmal sagen muß, dann mach ick nicht mehr weiter! Dann bleib ick hier stehen, bis ick Feierabend habe!"

Die Sardinenstehplätze neben mir hatten mehrere Halbwüchsige inne, die sich die Zeit damit vertrieben, daß einer den anderen von einem Ebookreader 'Deine Mutter'-Witze vorlas. Das ging dann während der halben Fahrt lang so: "Deine Mutter ist so dumm, daß sie sich in einem leeren Zimmer verläuft. Deine Mutter sammelt häßliche Kinder. Deine Mutter sitzt bei Aldi unter der Kasse und piepst. Deine Mutter ist so hässlich, wenn sie aus dem Fenster guckt, wird sie verhaftet. Deine Mutter ist so arm, dass die Enten im Park sie mit Brot bewerfen." usw. usf. Ich machte zwischendurch meine Augen zu und wünschte mir, ich könnte meine Ohren zuklappen.

Nach ungefähr der Hälfte der Fahrt ergatterte ich einen Sitzplatz in einem Viererabteil. Eine ältere Dame mit Kopfhörern platzierte sich schräg gegenüber und neben mir ein junges Mädchen, anscheinend mit ausländischen Wurzeln, wie ich aus den weiteren Vorgängen erfuhr. Sie unterhielt sich angeregt mit einem jungen deutschen Mann, der sie eifrig überreden wollte, eine Petition zu unterschreiben, die er auf seine Homepage gestellt hatte. Aus dem, was ich gezwungenermaßen so mitbekam, schloß ich, daß es wohl um Migration gehen müsse, denn der junge Mann behauptete, fast gekotzt zu haben, als er da und dort ein Kopftuch gesehen habe und war sehr leidenschaftlich in seiner Überzeugungsarbeit. Das junge Mädchen erklärte freimütig, daß sie an keinen Gott glaube und auch nicht an Allah oder sonst wen. Doch das interessierte den jungen Mann nicht. "Darum geht es nicht, Mäuschen! Das ist Religion, es geht aber um Politik!" Die junge Frau schien leicht verärgert darüber, daß ihr Themawechsel nicht aufgegriffen wurde und wiederholte noch einmal nachdrücklicher ihre Anschauungen, worauf die Diskussion heftiger und leidenschaftlicher wurde. Schließlich mischte sich die ältere Dame ein und sagte: "Da hat jeder seine eigenen Ansichten drüber!" Und schien es für eine gute Gelegenheit zu halten, ihre Ansichten selbst kundzutun: "Für mich ist das eine Art Ruhepol." Nun entspann sich eine angeregte Unterhaltung zwischen der jungen Frau und der älteren Dame, während sich der junge Mann zum Ausgang verdrückte. Das Mädchen erzählte, wie toll sie Kirchen finde und daß sie letztens mal in einer gewesen sei. Der Pastor habe so schön geredet, da habe sie echt Pipi in den Augen gehabt. Und ich hatte Pipi in den Augen, als ich endlich mein Ziel erreicht hatte und den Bus verlassen durfte. So viel Enge und Informationsüberschuß bin ich ehrlich nicht mehr gewöhnt.

Freitag, 7. November 2014

Die Themse im Klo

Bei meinem Ausflug nach Charlottenburg kam ich an einem Ladengeschäft vorbei, in dessen Schaufenstern altertümliche Toilettenarmaturen ausgestellt sind, unter anderem dieses famose Modell, welches aussieht, als hätte man es geradewegs aus dem Schloß stibitzt. Auf dem Spülkasten steht übrigens der Schriftzug "Themse". Ich finde ja, wenn Themse draufsteht, sollte auch Themsewasser drin sein.

Altes Klo

Donnerstag, 6. November 2014

Herbst in Charlottenburg

Charlottenburg im Herbst 2

Charlottenburg im Herbst 1

Charlottenburg im Herbst 3

Ein Bericht über meinen 'geschäftlichen' Ausflug nach Charlottenburg folgt.

Biobox November 2014

Die Biobox Food &Drink im November ist für meinen Geschmack etwas dürftig geraten, was wahrscheinlich daran liegt, daß das Hauptprodukt eine Ölmischung ist, die ich etwas überflüssig finde. Die Ölmischung aus Leinöl, Borretschöl, Kürbiskernöl und Schwarzkümmelöl von Bio Planète ist wohl als Nahrungsergänzungsmittel gedacht, aber da ich regelmäßig frisches Leinöl aus dem Spreewald besorge und esse, für mich unnötig. Ich weiß gar nicht, ob man das Zeug auch für Salate oder zum Kochen nehmen kann, weil ich noch nicht probiert habe, wie diese Ölmischung schmeckt.
Der Spätburgunder Rotwein ist ok, denn daraus kann ich mir als Weinbanause wieder leckeren Glühwein machen, um mich innerlich zu wärmen, wenn es mich (so wie gerade) nur noch fröstelt. Das Orangeat von Lecker's kommt ebenfalls ganz gelegen, da ich schon lange mal ausprobieren wollte, einen Christstollen selbst zu backen. Die Rum-Praliné-Schokolade von Naturata ist ganz nett, da ich seit Monaten keine Schokolade mehr gegessen habe. Die Orangenflöckchen-Gewürz-Blüten-Zucker-Mischung von Sonnentor ist für Desserts sicher mal etwas anderes. Und natürlich fehlt auch diesmal nicht die obligatorische Teepackung, aber es ist erneut so eine Yogitee-Mischung, in der alles zusammengehauen wurde, nämlich Pfefferminze, schwarzer Tee, Ingwer und Schisandra. Ich bin kein besonderer Fan von diesen Mischungen und würde einen guten Grüntee vorziehen statt das zu kaufen. Andererseits habe ich sie noch nicht probiert, vielleicht schmeckt der Tee mir ja sogar. Sehr zuversichtlich bin ich allerdings nicht.

Biobox November 2015

Mittwoch, 5. November 2014

Dunkelheit

Die Dunkelheit geht mir jetzt schon auf den Zeiger und dabei hat die dunkle Jahreszeit doch gerade erst begonnen. Ab früh um 4 Uhr wache ich regelmäßig alle anderthalb Stunden auf, denke verwirrt 'Warum ist es denn so dunkel?' und muß erst mal auf die Uhr schauen, später denke ich mit jedem Aufwachen 'Ist ja immer noch so dunkel!' und schaue wieder ständig auf die Uhr. Irgendwann gegen 8 bis 9 Uhr denke ich 'Wieso wird es einfach nicht hell?' und nachmittags um halb 5 Uhr denke ich dann 'Es ist ja schon wieder dunkel draußen!'. Nicht daß dies bahnbrechende neue Erkenntnisse wären, aber irgendwie verwirrt und nervt es mich in diesem Jahr mehr als ich es sonst gewohnt bin. Was soll das erst in den nächsten zwei bis drei Monaten werden? Eigentlich hatte ich ja vor, die Fensterwand meines Westzimmers in sonnengelb zu streichen und jetzt ärgere ich mich, daß ich es nicht getan habe. Da müssen wohl stattdessen die Fingernägel herhalten und bunt werden. Blöd nur, daß mir Gelb nicht steht und mich noch blasser macht, sonst würde ich sie mir glatt als Farbtherapie sonnengelb lackieren.

Montag, 3. November 2014

Mein Job als Tänzerin

Mein Arbeitsplatz als Tänzerin ist tagsüber ein Büro, welches ich mir mit einer neuen und jungen Kollegin teile. An diesem Abend findet eine Bühnenaufführung/Premiere statt und ich bin nervös, denn ich habe viel zu wenig geübt und das Gefühl, die Choreografie gar nicht richtig drauf zu haben - wenn ich versuche, mich zu erinnern, fällt sie mir nicht ein. Auf jeden Fall sollte ich mich jetzt nochmal sehr intensiv damit befassen. Doch statt dessen schäkere ich mit dem farbigen Kostümmeister, dessen Aufgabe es ist, uns einzukleiden. Er gibt mir ein Paket mit mehreren Strümpfen, die aber alle nur für das rechte Bein sind, wie ich feststelle, als ich mir einen über den anderen gezogen habe. Ich beschwere mich und jemand bringt mir die Strümpfe für das linke Bein. Meine junge Kollegin hat ebenfalls eine Kostüm erhalten und ist freudig erregt, weil es sich um ihren ersten Auftritt handelt und sie, anders als ich, nur eine kleine Rolle hat, bei der sie nicht viel machen und sich nicht viel merken muß. Obwohl ich meine Choreografie üben sollte, unterhalte ich mich nun mit ihr, um als Ableiter für ihre Aufregung zu fungieren. Es treten weitere Verzögerungen und Zwischenfälle ein, doch irgendwann bin ich mitten drin in der Choreografie und auch in einem Schwimmbecken. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob die Aufführung tatsächlich auf der Bühne stattfindet oder nicht eher so eine Art Wasserballett ist. Warum sonst sollte ich in einem Schwimmbecken üben? Sicher ist nur, daß es höchste Eisenbahn ist, denn die Aufführung steht kurz bevor. Noch immer bin ich unsicher und habe das Gefühl, alles vergessen zu haben. Doch während ich mich sammle und durch das Wasser gleite, fallen mir nach und nach die vorgesehenen Bewegungen wieder ein. Im Grunde läuft es darauf hinaus, sich so elegant wie möglich treiben zu lassen. Irgendwann, so fällt mir ein, kommt noch eine Rolle unter Wasser. Ich hoffe, ich kriege das hin und verpasse den richtigen Zeitpunkt nicht.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Berlin 1945

Ich fand einen sehr interessanten und ausführlichen Bericht über die Ereignisse in Berlin Frühjahr 1945, wo auch der Standort des Stellvertretenden Generalkommandos des III. Armeekorps erwähnt wird, also wahrscheinlich der meines Großvaters, nämlich der Hohenzollerndamm:

Der erste Kampfkommandant hieß General Reymann. Er erließ den grundsätzlichen Befehl für die Verteidigung Berlins, unterhielt einen Gefechtsstand im Stellvertretenden Generalkommando des III. Armeekorps am Hohenzollerndamm und besaß so gut wie keine Möglichkeit, jemals bis zum Führer in den Bunker vorzudringen.
Sehr aufschlußreich finde ich auch die genaue Beschreibung des damaligen Zuständigkeitswirrwarrs:

Der Kampfkommandant war zwar für den Ausbau der Verteidigungsanlagen zuständig, aber der Reichsverteidigungskommissar stellte die Arbeitskräfte, welche die Anlagen bauen sollten. Reymann meldete einen täglichen Mindestbedarf von 100 000 Arbeitern an. An guten Tagen brachten die Hauptamtsleiter von Goebbels 30 000 Menschen auf die Beine - aber damit noch nicht an den Arbeitsplatz.

Das Organisationschaos hatte bereits vor dem Angriff der Sowjets einen derartigen Grad erreicht, daß Spandauer und Pichelsdorfer den Befehl bekamen, in Karlshorst zu schippen, Bewohner von Tempelhof aber nach Spandau dirigiert wurden. Die Arbeiter waren den ganzen Tag über damit beschäftigt, an ihre Arbeitsstelle zu kommen, denn die öffentlichen Verkehrsmittel waren teilweise schon ausgefallen, und falls sie noch fahren konnten, blieben sie wegen der Luftangriffe stehen.

Zwei Volkssturmbataillone, die dem Kampfkommandanten Berlins unterstanden, waren im Gau Brandenburg zu Hause und gehörten daher zum Reich des in Potsdam residierenden Gauleiters Stürtz, der mit Goebbels in Fehde lebte. Stürtz zog die Bataillone kurzerhand aus dem Abschnitt heraus, wo sie bereits eingesetzt waren, und stellte sie der im Spreewald operierenden 9. Armee zur Verfügung. Er wollte Goebbels nur ärgern, der tatsächlich nicht in der Lage war, diese Bataillone wiederzubekommen.

Von Goebbels bedrängt, ohne Zugang zum Führerhauptquartier, suchte der Kampfkommandant Anschluß an eine höhere Kommandobehörde, doch weder OKW noch OKH wollten von ihm etwas wissen.

Dann erreichte Reymann, daß der Verteidigungsbereich' Berlin der Heeresgruppe Weichsel des Generalobersten Heinrici unterstellt wurde. Ausgestattet mit prächtigen Karten und Tabellen, meldete sich Reymann bei seinem neuen Oberbefehlshaber. Heinricis Stabschef überzeugte, sich durch einen Blick auf Reymanns Papiere, daß der General weder Waffen noch Soldaten zu bieten hatte, und tobte: "Diese Wahnsinnigen dort in Berlin sollen von mir aus im eigenen Saft schmoren." Unmißverständlich meinte er damit die Insassen des Führerbunkers.


Und hier ist der Standort noch genauer - der Hohenzollerndamm 150:

1936-37 vom Architekten Rudolf Klar Dienstgebäude für das Generalkommando des III. Armeekorps und für das Wehrbereichskommando III erbaut. Es gab zwei große Verwaltungsgebäude, ein Offiziersheim, eine Turnhalle, eine Reithalle, Pferdeställe, ein Mannschaftshaus, ein Wachgebäude und eine KfZ-Halle.

Doch eine Frage beschäftigt mich ganz besonders. Wenn mein Großvater die Befreiung von Berlin miterlebt hat, und das ist ziemlich sicher, da er im April/Mai 1945 dort gewesen ist, wenn auch nur im Arbeitsdienst, wieso schrieb er seine Erlebnisse dann erst ab der Gefangenschaft auf? Schließlich muß ja vorher auch sehr viel los gewesen sein und wenn er das Bedürfnis hatte, diese Ereignisse für andere festzuhalten, was sehr den Anschein hat, wäre ja die Zeit davor als Bericht ebenfalls äußerst interessant gewesen.

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Soldbuch-Forschungen

So ein Soldbuch, wie es mein Großvater besaß, galt zugleich als Personalausweis und enthielt einige wichtige Informationen. Zum Beispiel welchem Truppenteil der Besitzer zugeordnet war, welche Ausrüstungsgegenstände, Zahlungen und Impfungen er erhalten hat, wer seine Angehörigen sind und auch die Untersuchungsergebnisse des Truppenarztes. Ich habe mal versucht, das alles etwas zu entziffern und dachte mir, daß man im Internet noch ein paar Informationen mehr dazu findet. Ich habe mich nicht getäuscht. Mein Opa war im Landesschützen-Ersatz-Bataillon 3, Kompanie Perleberg. Dazu gibt es hier eine ganze Seite und hier. Leider verstehe ich davon nur die Hälfte, da ich militärisch völlig ungebildet bin. Das war noch nie auch nur ansatzweise ein Interessengebiet von mir.
Die Truppenärzte haben, ebenso wie die heutigen Ärzte es noch tun, kryptische Abkürzungen verwendet, aber auch dafür gibt es ja Internet. Zuerst schaute ich allerdings mangels anderer Treffer in eines der heutigen Abkürzungsverzeichnisse und fand die Afrikanische Schlafkrankheit. Diesen Befund konnte ich wohl verwerfen und nach etwas weiterem Suchen fand ich diese Forumsseite, in der man alle damaligen Wehrmachtsabkürzungen findet. Daß diese Abkürzungen stimmen müssen stellte ich gleich anhand von U25/2 fest. Denn U25 betrifft die Sehleistung und /2 bedeutet vermutlich an beiden Augen. Die männliche Linie meiner Familie ist durchweg extrem kurzsichtig. Der andere Befund B56 bedeutet Wasserbrüche. Nun wußte ich nicht, was Wasserbrüche sind, denn ich kannte bisher nur Leistenbrüche oder Wasserrohrbrüche, weshalb ich mich auch da erst kundig machen mußte, und ich muß sagen, das sind dann so Sachen, die man über seinen Großvater nicht wissen möchte. Letzten Endes hat ihn wohl dieses U25 gerettet, denn im Krieg sind Gruppen A und B kriegsverwendungsfähig (k.v.), aber die Gruppe U ist nur arbeitsverwendungsfähig (a.v.). Und genau als a.v. wurde mein Großvater vom Truppenarzt deklariert, was für ihn bedeutete, daß er nicht direkt an die Front geschickt werden konnte, sondern

"Arbeitsverwendungsfähig: Der Wehrpflichtige ist
a) bei allen Stäben, Dienststellen, und Truppenteilen in der Heimat als Ausbilder und im Wachdienst,
insbesondere aber in Geschäftszimmern, Schreibstuben, Küchen, Werkstätten,
Kammern, Ställen, in der Verwaltung, als Ordonnanz usw. verwendbar sowie
b) bei Einheiten wie Stabskompanien, Standortbataillonen, bzw. Kompanien z.b.V. usw.,
und anstelle fehlender Angestellter und Arbeiter bei Wehrmachtsdienststellen in der Heimat
(Verwaltungseinheiten ausgenommen)."

Er war dann als nächstes in der 2./Standort-Komp. z.b.V., Stellv. Gen. Kdo. III. A.K. - ich übersetze mal: 2. Standort-Kompanie zur besonderen Verwendung, Stellvertretendes Generalkommando III. Armeekorps. Und dazu gibt es ebenfalls einige Informationen im Internet:

"Der Befehlshaber im Wehrkreis III wurde bei der Erweiterung der Reichswehr am 1. Oktober 1934 in Berlin, im Wehrkreis III, aufgestellt. Der Stab wurde aus dem Stab der 3. Division der Reichswehr gebildet. Das Generalkommando wurde als territorialer Stab für den Wehrkreis III zuständig. Die Bezeichnung war vorerst eine Tarnbezeichnung. Im Frühjahr 1935 wurde er Stab dann in Generalkommando III. Armeekorps umbenannt. Am 26. August 1939 wurde das Generalkommando mobilisiert. Dabei bildete es am alten Standort das Stellvertretende Generalkommando III. Armeekorps."

"Das Stellvertretende Generalkommando III. Armeekorps wurde bei der Mobilmachung für den 2. Weltkrieg am 26. August 1939 in Berlin, im Wehrkreis III, aufgestellt. Der Stab wurde dabei aus Teilen vom Generalkommando III. Armeekorps gebildet. Der Stab wurde als Befehlshaber vom Wehrkreis III verwendet."

"Der Wehrkreis III umfasste die Regierungsbezirke Berlin, Frankfurt / Oder und Potsdam."


Ich verstehe es so, daß das Generalkommando III. Armeekorps, zuständig für Wehrkreis III, als es mobilisiert wurde (nämlich für den Marsch Richtung Polen) ein Stellvertretendes Generalkommando III. Armeekorps am alten Standort in Berlin zurückließ, welches sich den dortigen Aufgaben widmete. Das erklärt dann, warum mein Großvater in Berlin gefangengenommen wurde.

Soldbuch Tauglichkeitsuntersuchungen

Sonntag, 26. Oktober 2014

Tagebuch eines russischen Kriegsgefangenen

Mein Großvater machte diese Tagebuchnotizen während seiner russischen Kriegsgefangenschaft. Interessanterweise ist das die einzige Zeit seines Lebens in welcher er Tagebuch führte:

Meine Gefangenschaft.
Am 2.5.45 in Berlin am Stettiner Bahnhof gefangengenommen.
" 3.5.45 nach Übernachtung in einem Kino nach Löhme bei Werneuchen marschiert.
" 5.5.45 nach Strausberg. Unterwegs rote Rüben roh gegessen und Rhabarber vor Durst, abends Kartoffelsuppe gekocht.
" 6.5.45 nach Wriezen; dort entlaust und kahl geschoren.
" 9.5.45 nach Küstrin. Zwischenstation in ? Füße total kaputt, ebenso Schuhe.
""21.5.45 weiter nach Landsberg a.d.Warthe. Dort Entlausung. Übernachtung in Vietz.
""26.5.45 weiter nach Woldenberg/Neumark. Dort wieder Entlausung.

Bin bis 8.6. 3mal entlaust worden, habe aber niemals eine Laus bei mir feststellen können. Vorher unterwegs übernachtet in Friedeberg: 1500 Mann in einer Feldscheune, hockend und stehend, dicht an dicht, war entsetzlich.
Vom 7.-21.6. für meine Baracke im Lager Woldenberg Quarantäne angeordnet. Am 3.6. am Gottesdienst teilgenommen, sonst an Sing- und Bibelstunden. Dies durch Quarantäne erschwert. Verpflegung knapp: 3mal täglich 3/4 Liter meistens dünne Wasser-Kartoffelsuppe, Brot 3-400 Gramm und 1 Eßlöffel Zucker. Habe immer Hunger und bin sehr schlapp. Morgens und abends Appell, meist 1 1/2 - 2 Stunden stehen, strengt mich sehr an. Arbeitsdienst bis jetzt nicht oft. Ein paarmal Balken und Bretter getragen. Wetter meist schön warm. Was ist mit meiner Familie? Die Ungewißheit lastet schwer auf meiner Seele. Gott verhüte das Schlimmste! Gefangenschaft lähmt allmählich Körper und besonders Geist. Man verblödet langsam. Einseitige Ernährung (kein Gramm Fett) bringt körperlich herunter. Kameradschaft nirgends mehr zu finden. Einer gönnt dem ändern die Luft nicht. Deutschlands letzte Armee war auch danach. Führerschaft hat geschlemmt, der Landser nichts bekommen. O armes Deutschland! Warum mußte das so kommen? Am 10.6. Gottesdienst besucht. Predigt ausnehmend gut, hat mich wieder etwas aufgerichtet. Abends Boxkampf und Fußballspiel angesehen, roher Sport! Kleine Kapelle hat ganz gut gespielt. Das Schlafen eng zusammengepfercht auf den harten Pritschen ist furchtbar, besonders bei großer Hitze. Heute am 13.6. habe ich große Wäsche. Früh Brot geholt. Es gab keine Suppe, sondern sehr fragwürdigen Kaffee. Enderfolg: Hunger, und Brot reicht bis abend nicht aus. Vielleicht ist das Mittagessen dafür dicker. Ja, es war dicker! Sehr gut, viel Fleisch. Wenn's doch immer so wäre! Und dann noch Nachschlag, endlich mal satt! Aber nicht dauernd an's Essen denken. Die Kameraden haben sowieso kaum ein anderes Thema. Hunger tut weh; schlimmer aber ist der geistige Hunger, der Hunger nach Gottes Wort. Wenn ich nur mein neues Testament hier hätte. Vorgestern abend die Katechismusstunde hat mich tief beeindruckt. Gestern am 13.6. keine Bibelstunde, Wetter zu schlecht. Heute ist Kammermusikabend, leider keine Karte mehr bekommen. Vielleicht kann man draußen am Fenster etwas lauschen. Bin nun doch noch hineingekommen. Nach langer Zeit wieder mal ein musikalischer Hochgenuß! Programm: 1. Corelli, Duo für 2 Violinen mit Klavierbegleitung, 2. Rob.Schumann, "Des Abends" für Klavier (Prof.Daubitz), 3. Schumann, Sonate für Violine und Klavier a-moll op.105 4. Senig, 6 Bauernlieder für Bariton (Komponist anwesend, Sänger vom Dt.Opernhaus Berlin), 5. Brahms, Sonate für Violine und Klavier d-moll op.103, 6. Mendelssohn, "Wer hat dich du schöner Wald" (Lagerchor).
Es war sehr schön. Wehmütige Erinnerungen an mein Musizieren zu Hause. Ob mein Klavier noch dort und noch heil ist? (Anmerkung: Klavier ist bei der Befreiung von den Russen beschlagnahmt worden.)
15.6. Nichts besonderes. Wilde Parolen laufen um: Entlassung, Transport nach Rußland oder in ein anderes Lager nach Deutschland, Arbeitseinsatz usw. Gott gebe, daß der Tag der Freiheit nicht mehr fern ist! Heutige kirchl. Singestunde nicht besuchen können, da es erst kurz vorm Zapfenstreich Essen gab. Hoffentlich kann ich morgen zur Wochenschlußandacht gehen.
16.6. Nichts besonderes. Die Andacht abends war sehr schön
17.6. Sonntag. Große ärztliche Untersuchung. Bin bei den Kranken und Älteren, die hier bleiben. Andere sind in Tauglichkeitsziffern 1, 2 und 3 eingeteilt und werden per Bahn verladen. Wohin? Es heißt: zu Aufräumungsarbeiten, Instandsetzung von Brücken und Verkehrsverbindungen. Überhaupt soll das hiesige Lager bis Ende Juni geräumt sein. Demnach müßten wir ja auch noch wegkommen. Wieder eine Parole! Durch die Untersuchung bin ich leider um den Gottesdienst gekommen. War dann zur Abendandacht. Superintendent Draheim sprach über einen Text aus Jesaja: Uns kann geholfen werden, wir müssen aber umkehren, still und geduldig sein und auf Gott hoffen. Nicht, daß wir selbst unser Schicksal wenden wollten oder dagegen aufbegehren. Wir können nichts, nur der Allmächtige kann uns helfen. Haben wir nicht auch unseren Zusammenbruch selbst verschuldet? Haben wir uns nicht abgewendet von Gott in wahnwitziger Verblendung, vielleicht durch die Anfangserfolge hervorgerufen? Und haben wir nicht unsere Führung bald selbst wie Gott angebetet und war unsere Führung nicht vermessen genug, sich selbst göttliche Befugnisse anzumaßen? Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Und Gott läßt sich nicht spotten. Gott hat daher seine Hand von uns abgezogen und uns abermals ins Unglück gestürzt und diesmal gründlich. Ganz Deutschland mußte erst zerstört werden wie im 30jährigen Krieg. Ob das Volk nun Gottes Hand spürt und zu ihm zurückfindet? O Herr, schick uns doch den rechten Mann, dem es gelingt, durch predigen Deines heiligen Wortes unser Volk zu Dir als unserm lieben Vater zurückzuführen. Dann wirst Du uns auch Deine Hilfe nicht versagen und alle Wunden wieder heilen und unser Vaterland zu neuer Schönheit erblühen lassen.
18.6. Nichts besonderes. Abends zum Operetten- und Liederabend gewesen. Mit Ausnahme von einigen netten Sachen von Nicolai, Leoncavallo, Künnecke, Lehar war alles ziemlich seicht und für die große Masse der Schlagerfreunde zugeschnitten. Von der Abendandacht hätte ich bestimmt mehr gehabt.
19.6. Heute schon wieder Umzug von Baracke 14 nach Baracke 6. Abends Andacht.
20.6. Mütze fertig bestickt, Buch angefangen zu lesen. Nachts Kar­ toffeln geschält bis früh 5 Uhr. Kein Nachschlag bekommen.
21.6. Buch zu Ende gelesen, bin schon müde, gehe aber noch zur Bibel­ stunde.
22.6. Heute in der Sonne gelegen, dann nach Karte für Klavierabend an­ gestanden, dadurch Entlausung verpaßt, Morgen Klavierabend, Sonntag abend Fortsetzung von Sup.Draheims Vortrag "die Umwelt Jesu". Hoffentlich kann ich beides hören. Heute vormittag Katechismusstunde über die 3 ersten Bitten des Vaterunser vom Lagergeistlichen cand.theol. Ernst Allwang besucht. Bin augenblicklich wieder so verzweifelt. Wie wird es meinen Lieben gehen? Und wie wird sich Gretel(Anmerkung: meine Großmutter) um mich sorgen? O, lieber Gott, beende doch bald meine Gefangenschaft und führe alles zum Guten! Doch ich will nicht zweifeln, sondern fest auf Gott vertrauen. Ich weiß, daß er mich nicht verlassen wird!
23.6. Heute den ganzen Tag Kartoffeln geschält. Es gab einen Nachschlag. Abends Klavierkonzert besucht. Prof.Daubitz spielte meist unbekannte kleine Stücke. U.a. vom 4 - 14jähr.Mozart, dessen Schwester und ältesten Sohn. Ferner von Scarlatti, Rameau, Couperin, Debussy, Phil.Emanuel Bach und einigen Russen wie Liadoff, Prokoffieff usw. Als Zugabe Franz Liszt "Waldesrauschen". Die Stücke waren meist aufs Virtuose zugeschnitten, tieferen Gehalt vermißte ich leider. Trotzdem war der Abend sehr interessant und genußreich, hörte ich doch mal mein Lieblingsinstrument solo! Der benutzte Flügel hat einen schönen vollen Klang.
24.6. Sonntag. Den 9 Uhr Gottesdienst von P.Allwang und den 12 Uhr-Gottesdienst von Sup.Draheim besucht. Namentlich die Predigt von Sup.Draheim hat mich wieder tief erschüttert, so daß mir die Tränen kamen. Wäre der Krieg anders ausgelaufen, hätten wir vielleicht eine Zeit gut gelebt, aber leer, ein Leben ohne Seele. Dann wäre das Nichts gekommen, unser Volk wäre in einem fürchterlichen Zusammenbruch total versunken. So aber will uns Gott noch einmal auf den rechten Weg zurückführen, indem er uns in unser jetziges Elend stürzte. Kommt das Volk zur Besinnung, kehrt zu Gott zurück und bittet Ihn um Hilfe, wird Er uns seine Gnade nicht versagen. Der Vortrag von Sup.Draheim über die Umwelt Jesu mußte wegen des langen Appells leider wieder ausfallen. Er soll nun am Mittwoch 17 Uhr stattfinden. Hoffentlich kann ich ihn hören.
25.6. Letzte Nacht besser geschlafen als sonst; heute Regentag. Wenn ich nur mal etwas zu lesen hätte. Wetter hat sich wieder gebessert. Habe genäht, gestopft, Beutel aus Taschentuch genäht usw. Zum Clubhaus gegangen, Schwalben beobachtet. Dabei sprach mich Prof.Daubitz an und unterhielt sich mit mir über den Spreewald. Habe ihm dabei gleich eine Karte für den Schubertabend am 26.6. abgeluchst.
26.6. Heute ab Mittag 12 Uhr Kartoffeln geschält. Muß abends Essen holen. Hoffentlich ist der Appell zeitig zu Ende, damit ich noch recht­ zeitig zum Schubertabend komme, zumal meine Gruppe heute mit Nachschlag dran ist. Vielleicht bekomme ich mittags schon meinen Nachschlag. Heute vormittag leichtsinnig gewesen: das ganze Brot und noch die Hälfte des aufgesparten Reservebrotes gegessen. Hatte mächtigen Hunger und muß ab morgen wieder mehr einteilen. Richtig satt wird man ja nie. Für Kartoffel schälen gab's 15 ganz kleine Pellkartoffeln. Den Nachschlag gab's erst abends, es war schön dickes Essen. War mal richtig satt. Der Schubertabend war sehr schön. Allerdings hatte sich der Sänger (Opernsänger Krusenbaum vom Deutschen Opernhaus Berlin) arg verhauen. Er sang u.a. "Du bist die Ruh", "Am Meer", "Die Post", "Wohin", "Der Neugierige", "Ungeduld", "Der Wanderer", "Aufenthalt". Der Klaviervirtuose Meyer-Marko spielte spielte die Impromptus As-dur und Es-dur sehr brillant, aber etwas seelenlos. Der Lagerchor unter Daubitz sang das "Sanctus" himmlisch schön, sowie zwei mir noch unbekannte Chöre von Schubert. Zum Schluß ein Volkslied von Edgar Wünsch, Satz von Prof.Daubitz;auch sehr schön. Alles in allem wieder ein musikal. Genuß.
27.6. Heute früh beim Appell gab's gleich ein Gewitter, danach tüchtig Regen bis gegen 11 Uhr. Unsere Kompanie soll heute ärztlich untersucht werden, aber daraus ist nichts geworden. Nachmittags Vortrag von Sup. Draheim gehört. War sehr interessant und lehrreich. Nachher setzte wieder starker Regen ein, so daß der Appell ausfallen mußte.
28.6. Heute sehr kühl und stürmisch; nach dem Appell wieder Regen. Von 10 bis 13 Uhr geschlafen. Hoffentlich bessert sich das Wetter bis zum Abend zur Bibelstunde. Das Wetter wurde aber immer schlechter, so daß Abendappell und Bibelstunde ausfallen mußten.
29.6. Heute nichts Besonderes. Nachmittags Fußballspiel zugesehen, Nachts sollen wir Kartoffeln schälen. Brief an Gretel geschrieben, um Entlassenen mitzugeben; ist aber noch nichts draus geworden.
30.6. Von gestern abend 1/2 10 bis heute früh 5 Uhr Kartoffeln geschält. Heute gab's auf 100 Mann 22 statt sonst 19 oder 20 Brote. Heute hat mein lieber W. Geburtstag (Anmerkung: Bruder meines Vaters). Gott gebe, daß er noch lebt und gesund ist und bleibt. Wann werde ich ihn wiedersehen? Meine Gedanken wandern nach Hause und im Geist gebe ich meinem Liebling einen herzhaften Geburtstagskuß. Nachmittag war die ganze Kompanie zum Varietê. Manches war ganz schön, manches albern und blöde. Habe leider meinen Kopierstift verloren, hier ein schmerzlicher Verlust. hat sich zum Glück wieder angefunden. Durch das späte Essen leider zur Wochenschlußandacht nicht mehr zurechtgekommen.
1.7.Sonntag. Heute im Gottesdienst Pfr. Allwang; Kantor Homann hat die Choräle am Flügel begleitet. Schöne Vorspiele. Predigt gut gefallen, über Jeremia, daß wir durch Gottes Güte nicht garaus sind. Vergleich, wie Israel von Gott abgefallen und dafür in alle Welt zerstreut und in Gefangenschaft geführt wurde, so auch das deutsche Volk. Es ist aber gut, daß Gott unser Volk noch straft; er wird ihm auch seine Gnade wieder zuwenden. Das Volk, das Gott gar nicht mehr straft, nicht beachtet, zu dem er nicht spricht, ist früher oder später endgültig verloren. Gott ist aber nicht nur ein zürnender, sondern auch ein gütiger Gott.
Den 2.Gottesdienst Sup.Draheim auch besucht. Seine Predigt hat mich wieder sehr erschüttert. Sprach über Petri Fischzug. Vieles, was er sagte, traf auf mich besonders zu und war mir aus der Seele gesprochen. Wenn mich Gott glücklich zu meinen Lieben heimkehren läßt, so will ich fortan ein anderes Leben führen und mit meiner Familie nach Gottes Wort leben und die Kinder im christlichen Glauben erziehen. Dazu bitte ich den Herrn und Heiland um seine Hilfe u. seinen Segen.
2.7. Bei schönem Wetter soll nachmittags eine Missionsstunde sein, in der ein Missionar über seine Tätigkeit in Ostafrika sprechen wird. Hoffentlich kommt das Essen zeitig, damit ich dort auch hingehen kann. Habe die Missionsstunde besucht. Der Vortrag des Missionars, selbst Sohn eines Missionars und in Ostafrika geboren, von Engländern interniert und später ausgetauscht, war sehr interessant. Vorher las der Gemeinschaftsleiter aus der Apostelgeschichte. Das Schlußgebet - ergreifend wie immer - sprach Sup.Draheim, der mir, je öfter ich ihn höre, immer lieber wird und besser gefällt. Er spricht so lebendig u. so zu Herzen gehend, während cand.Allwang noch zu schulmäßig und suchend, dogmatisch und etwas trocken spricht.
Trotzdem sind seine Predigten ebenfalls von tiefen Gedanken erfüllt. Draheim höre ich am liebsten. War noch zur Abendandacht von Allwang, der über die Halbjahreslosung "Lasset uns aufsehen auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens“ sprach. Ein schöner Sonntag, der mir viel gegeben hat, mein Herz ruhig im Gottvertrauen gemacht hat und für den ich Gott herzlich danke.
3.7. Heute vormittag zur Entlausung, die an sich nicht nötig wäre, da ich keine Läuse habe. Aber das damit verbundene Duschen ist sehr angenehm. Zum heutigen Konzertabend leider keine Karte mehr bekommen. Hoffentlich zu morgen, beim Kirchenmusikabend. Habe draußen am Fenster etwas gelauscht. Auch die Beethoven-Sonate E-Dur op.14 wurde gespielt. Habe eine Karte zur geistlichen Abendmusik bekommen und freue mich schon. Hoffentlich kommt nichts dazwischen. Da Baracken wegen erwarteter Kommission, die nicht kam, gesperrt waren, lange spazieren gegangen und mit Stabsfeldwebel Georg Siegmann, einem gläubigen Christen, angenehm unterhalten. Mittags Essenholer gewesen. Die geistliche Abendmusik war herrlich, Zwischendurch Lesungen aus der Heiligen Schrift; alles in Form einer Andacht. Es war für mich wirklich eine große Erbauung, wofür ich Gott dankbar bin. Wenn ich nicht die Gottesdienste, Bibelstunden und guten Konzerte hätte, würde ich hier seelisch zu Grunde gehen.
4.7. Ziemlich kaltes Wetter. Sollen heute wieder Kartoffeln schälen; aber am Tage. Heute mittag war in der Kartoffelsuppe statt Fleisch Hering, allerdings sehr wenig. Suppe sehr dünn; hat mir aber gut geschmeckt. Wenn es nur mehr geben würde. Von 12 bis 18 Uhr Kartoffeln geschält. Spät abends 18 ganz kleine Pellkartoffeln bekommen.
5.7. Heute Regentag. Früh beim Appell total naß geworden. Habe besonders durch das zerrissene Schuhzeug zu leiden. Heute mittag wieder Fisch; soll nicht Hering sondern Weißfisch sein. Der ölige Geschmack soll von Sonnenblumenöl sein. Essen war schön dick, konnte etwas Brot zur Reserve aufsparen. Abends Nachschlag bekommen und satt geworden.
6.7. Heute wieder Regentag. Wenn ich nur was zu lesen hätte. Kameraden ungefällig, borgen ihre "organisierten" Bücher nicht. Wollen am liebsten Brot oder Zucker dafür haben. Kann ich natürlich nicht geben. Abends zur katholischen Abendandacht gewesen. Der musikalische Teil ebenso wie bei der evangelischen. Die Ansprache des katholischen Geistlichen war nicht hervorragend. Unsere beiden evangelischen Geistlichen sind ihm darin haushoch überlegen.
7.7. Nichts besonderes. Seit 2 Tagen ist das Essen sehr dünn, so daß man überhaupt nicht mehr satt wird. Allerdings gibt es früh statt Kaffee wieder Suppe; wenn sie nur mittags und abends dicker wäre.
8.7. Sonntag, erst um 7 Uhr Wecken. Heute wieder beide Gottesdienste besucht. Der 2. mit Sup.Draheim hat mich wieder besonders ergriffen: 12 Jahre lang hatten wir keine Zeit, über unsere Seligkeit nachzudenken. Jetzt hat uns Gott mit der Gefangenschaft Zeit genug dazu gegeben. Mit diesem furchtbaren Kriege hat uns Gott laut und vernehmlich gerufen. Möchte doch das ganze Volk ihn hören und zu ihm zurückfinden! Die Gottesdienste hier sind immer sehr stark besucht; wird es später in der Heimat so bleiben? Gott schenke uns baldige Heimkehr. Mein ferneres Leben will ich ganz nach Gottes Wort und Gebot führen. Dazu verhelfe mir mein Herr und Heiland!
Nachmittags Musik alter Meister gehört. Vortrag mit Professor Daubitz und anderen Künstlern war sehr schön. Daubitz hat zwischendurch Fragen an die Hörer gestellt, was bei dem betreffenden Stück besonders auffällt oder gefällt. War sehr interessant. Habe meine Adresse einem Forster gegeben, der bald entlassen zu werden hofft. Er will eine Karte an Gretel schreiben, daß ich noch gesund bin.
9.7. Habe meine ganze Brotreserve aufgegessen. Durch die fettarme und wenige Kost hat man dauernd Hunger. Heute Sonnenfinsternis. Leider nicht beobachten können, da kein farbiges Glas. Abends zum Liederabend, war sehr schön. U.a. Beethoven "Adelaide", Mozart, Schubert, Schumann: "Im wunderschönen Monat Mai", "Aus meinen Tränen sprießen", "Der Nußbaum". Mussorgski's Lied für sein verstorbenes Kind sehr interessant. Ebenso einige Stücke von Paderewski für Violine und Klavier. Ferner "Willst du dein Herz mir schenken"; soll nicht von Bach sondern von einem Italiener sein. Der Chor sang "Heilige Nacht, o gieße du" (Beethoven)und Chor der Zigeuner "Die Sonn erwacht" aus Preziosa von Weber.
10.7. Früh wieder Wassersuppe geholt. Wann werde ich mich mal richtig satt essen können? Heute wieder mal in der Sauna gewesen zur Ent­ lausung. Will heute einweichen und morgen waschen: Hemd und Unterhose.
11.7. Heute vormittag gewaschen, schön weiß geworden. Bis zum Esssn nach 15 Uhr alles trocken. Wetter schön warm, ganzen Tag ohne Hemd in der Sonne. Um 17 Uhr zur Bibelstunde, die mich sehr ergriffen hat. Der Gemeinschaftsleiter Allwang und vor allem Draheim haben ganz wundervoll gesprochen; Draheim hat sich selbst übertroffen. Erinnerte mich heute an Luther, habe wieder viel Trost gefunden. Unsere Gebete für unsere Lieben mögen in Gottes Herz dringen, und die Gebete unserer Lieben für uns ebenfalls; sie mögen so eine Brücke zwischen uns bilden und unsere Seelen vereinigen.
12.7. Sehr heiß! Ganzen Tag in der Sonne! Strümpfe gestopft. Sonst nichts besonderes.
13.7. Wieder ganzen Tag in der Sonne gelegen und Wollgarn von der Decke abgemacht und aufgeräufelt. Habe nun wieder was zum Stopfen und Nähen. Sonst keine besonderen Ereignisse. Doch, das Essen wieder dicker.
14.7. Vormittag Kartoffeln geschält. Nachmittag Futter aus dem Mantelärmel getrennt. Will daraus Badehose machen. Zwischendurch Fußball zugesehen. Kamerad Walter Beug aus Berlin, mit dem ich angefreundet, will mich in Burg mal besuchen. Wollen hoffen, daß es bald mal geschehen kann. Richard Petermann, der Dritte in unserem Kleeblatt, freut sich schon wieder zu morgen früh auf seinen "Mohnkuchen", so nennt er unser Kleiebrot mit Zucker bestreut. Schmeckt übrigens nicht schlecht; allerdings nur frisch. Gute Nacht, liebes Frauchen!
15.7. Sonntag! Herrlicher Sonnenschein! Die Lerchen jubilieren; sie sollen meinem lieben Gretel einen herzlichen Morgengruß singen! Die beiden Gottesdienste waren wieder sehr erhebend für mich. Im 10 Uhr-Gottesdienst spielten 2 Kameraden das 1.Präludium aus Bachs "Wohltemperiertem Klavier" mit der Violinstimme von Gounod und das "Ave Maria" von Schubert. Im 12 Uhr-Gottesdienst auf dem Appellplatz sprach Sup. Draheim (Dirschau) wieder besonders zu Herzen gehend. Wie ein 2. Martin Luther stand er vor uns. Gott schenke unserem Volk mehr solche Prediger, die im Land umherziehen müßten, um das Volk zu Gott zurückzurufen und wachzurütteln. Mehr noch, es müßte ein Mann im Volk erstehen wie ein Prophet oder wie Luther, dem es gelingen müßte, unser Volk wieder zu Gottes Volk zu machen und vorher zur Buße zu rufen. Wir mußten ja von Gott verstoßen und geschlagen werden, da Volk und Führung von Gott abgefallen waren, und auch die Kirche zum Teil versagte. Aber ich spüre es, daß sich jetzt auch in der Kirche neue Kräfte rühren werden. Ich selbst bin so ruhig und froh geworden, daß ich zu Gott und meinem Heiland zurückgefunden habe und bitte ihn täglich, er möge mir meinen früheren Abfall von ihm und meine Sünden vergeben.
Heute an meinem aufgesparten Brot und Zucker richtig satt gegessen. Nun weiß man wenigstens wieder, wie es ist, wenn man richtig satt ist.
16.7. Heute wieder mal entlaust und geduscht. Durch das viele Entlausen gehen nur die Sachen kaputt. Abends zum Grieg-Konzert. Es gab u.a. "Tempo di Minuetto" für Violine und Klavier, "Landerkennung", "Letzter Frühling", "Ich liebe dich", "An den Frühling", "Erotik", "Ases Tod", "Anitras Tanz", "Solveigs Lied", "Hochzeitstag auf Troldhaugen" und "In der Halle des Bergkönigs". Es war sehr schön. Abendessen war sehr dick.

(Tagebuchnotizen vom 17.7. bis 26.7. verloren gegangen.)

26.7.(Fortsetzung) Um 11 Uhr die Oder bei Fiddichow überschritten. Gott sei gedankt, daß uns der Pole nichts mehr anhaben kann. Ankunft in Schwedt 19 Uhr. Dort Transporte zusammengestellt, immer 21 Mann. Mußte Transport nach Berlin nehmen. Nach Cottbus kamen nicht soviel zusammen. Russische Begleitung von Schwedt an fortgefallen.
27.7. Abmarsch 5 Uhr nach Angermünde. Landschaftlich sehr schön, immer bergig, 20 Kilometer. Ankunft dort gegen 13 Uhr. In Angermünde mußte jeder eine Fahrkarte kaufen, 2,90 RM. Mir hat eine Frau eine gekauft, da ich keinen Pfennig Geld hatte. Abfahrt auf dem Dach eines Schnellzug-Wagens um 16,30 Uhr, Ankunft in Berlin um 22,15 Uhr. Fahrt über Eberswalde landschaftlich sehr schön. In Berlin im Stettiner Bahnhof übernachtet.
28.7. Vom Rosenthaler Platz mit der U-Bahn zum Görlitzer Bahnhof ge­ fahren. Dann mit der Straßenbahn nach Schöneweide und dort um 11 Uhr mit Güterzug im leeren Kohlenwaggon bis Lübbenau. Im Kohlenwagen übernachtet und um 5,15 Uhr zu Fuß nach Burg, wo ich um 10 Uhr ganz erschöpft eintraf. Das Wiedersehen mit Gretel und den Kindern war erschütternd. Gretel hat mich erst nicht erkannt, so heruntergekommen sah ich aus. Nun danke ich dem allmächtigen Gott, daß er mich durch seine Gnade und Güte wieder mit meinen Lieben zusammengeführt hat, und vor allem, daß ich sie gesund angetroffen habe.


Dies ist das Soldbuch meines Großvaters. Die schräge rote Notiz ist in Russisch.

Soldbuch meines Großvaters

Freitag, 24. Oktober 2014

Selbstgemachter Kakao-Kaffee-Sahnelikör

Ich bin heute über dieses einfache Rezept gestolpert, welches dem Geschmack nach einem bekannten und beliebten Cremelikör ähneln soll. Dieser Cremelikör ist ziemlich teuer, wenn man einen Hieper darauf hat, deshalb erschien es mir notizwürdig. Ausprobiert habe ich es jedoch noch nicht.

Also:
Ein Viertel Liter Sahne leicht cremig schlagen, aber nicht steif. Ein Viertel Liter Whiskey, Rum oder Weinbrand, 2 Teelöffel Instant-Kakaopulver und 4 Teelöffel Instant-Kaffeepulver hineinrühren. 250 g Puderzucker hineinsieben und wieder verrühren. Um die Haltbarkeit muß man sich angeblich keine Sorgen machen, da er meistens den Abend nicht übersteht.

Immerhin weiß ich so jetzt auch, was ich mit dem Kaffeepulver aus der letzten Biobox anfangen kann, welches ich nicht trinken möchte.

Twoday.net-Überwachung

Im Traum stellt sich Twoday.net als eine Art Clubtreffen dar, welches in einem recht kleinen Hinterhofgarten stattfindet. Die Blogger haben sich zusammengefunden, manche unterhalten sich miteinander, manche nicht, einige spazieren zwischen Blumenbeeten umher und andere sitzen auf den zahlreichen Bänken, die im Clubgarten aufgestellt wurden. Für das leibliche Wohl wird mit wenigen Buden gesorgt. Ich selbst sitze in der Mitte zwischen zwei Bloggern auf einer Bank, wobei ich der (nicht identifizierten) Bloggerin, die rechts von mir sitzt, so nahe bin, daß sich sogar unsere Schultern berühren. Wir haben beide eine Zeitschrift oder etwas anderes zum Lesen in der Hand und immer, wenn wir etwas Interessantes finden, stupsen wir uns gegenseitig mit der Schulter an, um den anderen darauf aufmerksam zu machen. Manchmal kichern wir auch zusammen. Doch mein Blick wird immer wieder von dem mehrstöckigen Gebäude abgelenkt, welches die hintere Begrenzung des Clubgartens bildet. Die Fensterreihe unter dem Dach ist verspiegelt und ich weiß, daß sich dahinter die Macher von Twoday.net befinden, welche das Treiben auf dem Clubtreffen beaufsichtigen. So eine Aufsicht ist auf einem Zusammentreffen von vielen verschiedenen Menschen sicher nötig, aber irgendwie habe ich das unbestimmte Gefühl, daß man mich besonders intensiv beobachtet.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Der mündige Patient

Heute durfte ich mal wieder erleben, was man in Deutschland unter dem mündigen Patienten versteht. Es war zur Nachsorge das Röntgen der Lunge fällig und ich ging in die Radiologie, in der ich vorher bereits immer gewesen bin, allerdings fiel mir sofort auf, daß es extrem leer war, anders als sonst. Aus einem mitgehörten Gespräch erfuhr ich, daß die Ärztin, die dort bisher geleitet hat, weggegangen ist und nun ein neuer Arzt die Praxis übernommen hat, welcher aber auch gerade im Urlaub war. Anwesend war nur eine Urlaubsvertretung, die ich nicht zu Gesicht bekommen habe wie meistens in der Radiologie.

Aber gut, daß es leer war, störte mich erstmal nicht, um so schneller war ich an der Reihe. Die Dame, die mich durchleuchten sollte, schaute mich kaum an und rief mir nur über die Schulter ihre Befehle nach hinten. Nun hatte man mir aber im Krankenhaus erklärt, ich solle möglichst bei dieser Untersuchung vorher immer sagen, daß ich eine lange Lunge habe und die Platte hochkant genommen werden sollte. Also begann ich, meinen Psalm aufzusagen, wurde aber bereits nach drei Worten unterbrochen, indem sie ihre Befehle wiederholte, ohne von meiner Mitteilung Notiz nehmen zu wollen. Ich redete aber trotzdem weiter, weil ich es unhöflich fand, unterbrochen zu werden, und so redeten wir beide, ich meinen Psalm und sie ihre Befehle. Als sie fertig war, wiederholte ich noch einmal kurz, was man mir aufgetragen hatte und sie erwiderte nur kurz angebunden: "Platten benutzen wir hier nicht mehr." Als ich mich dann wie befohlen um dieses neue Gerät gewickelt hatte und schon fertig stand, kam sie wieder angelaufen und erklärte: "Na gut, dann werde ich es mal etwas höher schrauben." -
Da frage ich mich wirklich, wieso hängen sie in ihrer Praxis eigentlich keine großes Hinweisschild auf: "Patienten bitte Schnauze halten!"?

Die Bilder wurden mir gleich mitgegeben, aber der Befund wird zur Ärztin gefaxt, hieß es und ich habe noch nichts erfahren. Ist zwar anders als sonst, aber mir ganz recht, wenn ich den nicht extra noch abholen muß. Dafür bin ich endlich dazu gekommen, das für mich hinterlegte Geburtstagsgeschenk abzuholen. In dem Päckchen fand ich ein Buch aus der Bibliothek der Schenkerin "Harem - Erinnerungen der Prinzessin Djavidan Hanum, frühere Gemahlin des Khediven von Ägypten". Interessierte mich zuerst nicht so, aber ich dachte, ok, liest man halt mal, wie es in so einem Harem zugegangen ist. Doch in der Geburtstagskarte fand ich dann noch 150 EUR (!). Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet und jetzt habe ich ein ganz schlechtes Gewissen, weil der Geburtstag schon zwei Monate her ist. Auf jedem Fall weiß ich, was ich als nächstes nun wieder zu tun habe, nämlich Korrespondenz.