ist mehr oder weniger die IGA in Berlin für mich. Ich hatte ja eigentlich zum letzten Weihnachtsfest eine Karte geschenkt bekommen. Da es aber ein Familienausflug werden sollte, bin ich brav bis zu meinem Geburtstag nicht hingegangen, weil dann ein Termin verabredet werden sollte. Es stellte sich allerdings heraus, daß niemand mehr Zeit oder Nerven hat dafür. Nun habe ich gerade ebenfalls nicht so richtig den Kopf frei für Verlustierungen, die Karte verfallen lassen und überhaupt nicht dort gewesen sein, wollte ich aber auch nicht. So auf den letzten Drücker, denn die Tageskarte ist bis zum 15. Oktober gültig, beschloß ich, heute mal hinzufahren, obwohl es ganz schön grau draußen war. Jedoch brach ab und zu die Sonne durch die Wolkendecke und ich dachte mir, wenn ich Glück habe, kommt sie noch ganz hervor. Vielleicht hätte ich mich lieber auf den Wetterbericht statt auf mein Glück verlassen sollen. Dieses ist zur Zeit leider im Urlaub.
Als ich dort war, erhielt ich vom Einlasser mehrere Päckchen Kapuzinerkressesamen in die Hand gedrückt und dann begann es schon etwas zu nieseln. Nun lasse ich mich von sowas ja nicht abschrecken und erwanderte den Kienberg sowie die zusätzlichen 97 Stufen auf die Aussichtsplattform. Die Seilbahn nahm ich nicht, da diese nur zum Sitzen war, wobei man sowieso nicht viel sieht und ich eh wieder ein bißchen mehr Bewegung gebrauchen kann. Schon als ich oben ankam war ich ziemlich durchgeweicht, denn inzwischen regnete es richtig. Entsprechend diesig war auch die Aussicht. An der Seilbahnstation kaufte ich mir eine Rostbratwurst und verzehrte diese beim Abstieg im strömenden Regen. Ein wenig fühlte ich mich an Norwegen erinnert, nur daß ich nicht wie in Norwegen gekleidet war und inzwischen bis auf die Haut naß. Nur Schuhe und Strümpfe hatte ich glücklicherweise robust genug gewählt, daß die Füße warm blieben. Wie auch in Norwegen befürchtete ich bald, daß meine Kamera wegen der Nässe schlapp macht und gar nichts mehr fotografiert. Das trat nicht ein, aber die Fotos sind genauso wässrig verschwommen, wie die aus Norwegen.
Doch wenn ich schon mal da war, wollte ich mir den Tag wegen des Regens nicht vermiesen lassen und lief auch noch die vielen neuen Gärten ab. Leider konnte man den Charme dieser Gärten zu dieser Jahreszeit und im strömenden Regen nur noch wage erahnen. Ich glaube, im Sommer wäre es dort wunderschön gewesen mit diesen vielen verwunschenen Wasserinstallationen und Springbrunnen und den vielen sehr speziellen, blühenden Anpflanzungen und Dekorationen. Ein Aboriginies-Garten zum Beispiel mit verkohlten Baumstämmen oder ein versunkener Garten, in welchem man versteckt hinter Hecken ein ausgedehntes Wasserbecken, eine Mischung aus Schwimmbecken und Gartenteich mit angepflanzten Seerosen, findet. Meine Hosen sahen inzwischen so aus, als hätte ich dieses Becken durchwatet, nämlich bis unter das Knie nass. Ich schwöre jedoch, das habe ich nicht getan.
Einige Stunden später, als ich durch die nassen Klamotten gehörig durchgefroren war, überlegte ich, ob ich noch das Tropenhaus suchen und mich dort aufwärmen soll, aber ich entschied mich dann doch, lieber gleich den Heimweg anzutreten. Zu Hause gab es erstmal trockene Sachen und einen heißen Kakao. Und jetzt ärgere ich mich, daß ich nicht schon im Sommer dort gewesen bin. Falls es in den nächsten zwei Wochen nochmal einen sonnigen Tag gibt, versuche vielleicht erneut mein Glück.

Diese sehr spezielle bunte Wand gefiel mir besonders gut. Hinter den Planken verbergen sich durchgehend Pflanzkästen.

Sehr entzückende Dahlien! Der Dahliengarten war in dieser Jahreszeit definitiv noch der bunteste und schönste von der Flora her.

Im Englischen Garten hingen sogar Äpfel an den Bäumen, nur leider zu hoch. Die unteren waren schon weg.

Weil ich in der ersten Reihe gleich neben dem Lehrertisch sitze, beginnt die Lehrerin, die gerade hereingekommen ist, einen Small Talk mit mir. Sie ist recht sympathisch und hat ein behindertes Bein. Gemächlich lege ich mein dick eingegipstes rechtes Bein auf einem Stuhl ab. Da haben wir ja etwas gemeinsam, denke ich, während ich prüfend mit den Zehen wackle. Im Unterricht geht es um irgendwas mit IT und Finanzen. Doch das ist nur ein kleiner Teil, den ich zu lernen habe. Siedend heiß fällt mir ein, daß ich in diesem Jahr bald (wobei ich mich gefühlt am Anfang eines Jahres befinde) ununterbrochen Prüfungen habe. Es sind immer mehrere geballt aufeinander und dazwischen höchstens zwei Monate, alle in vollkommen anderen Gebieten und an anderen Schulen. Allein bei dem Gedanken daran, werde ich mutlos, weil ich mir kaum vorstellen kann, wie ich das bewältigen soll. Ja, ich komme sogar auf die vollkommen irre und für mich aberwitzige Idee, daß es am besten wäre, gleich mit dem Lernen zu beginnen, obwohl bis zu den ersten Prüfungen noch etwas Zeit ist.
Örghs, ich will keine Prüfungen. Und ein gebrochenes Bein brauch ich auch nicht, ich fühle mich so schon wie in Gips.
So, die Welt ist gestern mal wieder nicht untergegangen, Zeit zu einer Bestandsaufnahme der aktuellen Veränderungen nach der Op: Weil nach drei Monaten noch so zwei bis drei kleinere und größere Dellen am Bauch zu sehen waren, hatte ich mir schon Sorgen gemacht, daß diese bleiben, aber jetzt nach vier Monaten sind sie deutlich zurückgegangen. Da ein Endergebnis wohl erst nach sechs Monaten zu sehen ist, bin ich zuversichtlicher, daß bis dahin alles vollkommen normal aussieht. Und zusätzlich ist das untere Bäuchlein, das vorher, auch wenn ich dünn war, immer etwas vorstand, jetzt flach. Mein Gewicht ist wieder bei glatt 70 kg, welches ich erreichte, nachdem ich mir zehn Kilo abgetanzt hatte. Und das, ohne daß ich sehr viel getan hätte, außer weniger zu essen (im Sommer ißt man ja sowieso nicht so viel), Yoga und sporadische Sportübungen. Trotzdem erscheinen mir meine Beine, besonders um die Knie herum, etwas wabbliger als vorher. Es gibt ja diese Behauptung, die natürlich von Ärzten nicht verifiziert wird, daß sich abgesaugtes Fett an anderen Stellen erneut festsetzt. Nun ist es bei mir ja sowieso an einer anderen Stelle deponiert worden, wo aber natürlich nur ein Teil davon angewachsen ist. Wenn die Behauptung also stimmt und ich mir den Unterschied nicht nur einbilde, scheinen die Fettzellen nun meine Knie zu mögen. Fettzellen sind so dumm wie Amöben. Nicht mal, wenn man ihnen einen Wegweiser zur richtigen Stelle hinbauen würde, würden sie den Ort erkennen, wo sie wirklich gebraucht werden. Andererseits sollte ich vielleicht solche Übungen im Yoga, bei denen man kniet und die ich sowieso gerade deshalb nicht mag, weil ich das eher unangenehm finde, konsequent weglassen. Nicht umsonst hat man schließlich am Hinterteil einen besonders hohen Fettanteil. Vielleicht sind Fettzellen ja doch nicht so doof.
Meine Brust dagegen sieht immer noch grün und blau aus, teilweise kommt es mir sogar schlimmer vor als anfangs. Ich spüre auch häufig Schmerzen, wenn bei Übungen die Brustmuskeln im Einsatz sind, allerdings weiß ich nicht, ob die Schmerzen einfach eine Folge der Blutergüsse sind, oder ob ich mir bei diesen Übungen erst neuerliche Blutergüsse zuziehe, wenn da irgendwie zuviel reibt und drückt. Zur Zeit beschäftigt mich der Gedanke, bzw. die Frage, ob man sich wohl etwas Oberweite abtrainieren könnte. Bei mir würde es ja nur eine Brust betreffen, am Implantat kann man natürlich nichts ändern, aber es würde doch enorm die Vorgehensweise und die Entscheidungen bezüglich möglicher Folge-Ops vereinfachen. Ich bezweifle es jedoch, denn meine Oberweite war immer sehr stabil und ziemlich gleich, egal ob ich viel oder wenig auf den Rippen hatte. Vermutlich wäre dazu schon Leistungssport nötig, und der ist so gar nicht mein Fall. Ich kann zwar eine kurze Zeit, wenn es mir gut geht, intensiver trainieren, aber auf Dauer funktioniere ich eher nach dem Lustprinzip und möchte, daß Sport Spaß macht und es auch so bleibt. Genau deshalb hasse ich Fitnessstudios. Um dort hinzugehen und seinen Körper mit langweiligen und anstrengenden Übungen zu quälen, braucht man schon eine gehörige Portion Masochismus. Genauso dröge und schlauchend finde ich Joggen, obwohl immer behauptet wird, man hätte davon irgendwann Endorphinausstöße. Also zu mir hat sich während des Joggens noch nie irgendein Endorphinchen verirrt. Langweilig, uninteressant und anstrengend ist eine echt üble Kombination, weil die Aufmerksamkeit dann um so mehr auf die Anstrengung und den Schmerz geht. Und wenn man wie gesagt nicht gerade masochistisch veranlagt ist, vergeht einem die Lust schnell, selbst wenn man versucht sich mit irgendwelchen Zielen zu motivieren. Spannend, interessant und anstrengend ist dagegen eine viel bessere Kombi, weil man mehr Möglichkeiten hat, seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken, an der Tätigkeit an sich Freude findet und sie nicht nur als Mittel zum Zweck benutzt. Beim Tanzen zum Beispiel ist man so auf Musik, Schritte, Choreo, Ästhetik usw. fokussiert, daß man die Anstrengung und Schmerzen zwar wahrnimmt, aber viel weniger darüber nachdenkt und sich weniger davon abhalten läßt oder gar schlechte Laune bekommt. Aber Oberweite verkleinern kann man damit wahrscheinlich nicht.
Wie auch immer, so rein theoretisch würde ich mir generell gerne noch ein paar Kilos abtrainieren, einfach nur um zu sehen, wie es sich so macht, wenn alles ein bißchen straffer ist, aber praktisch ist meine Energie gerade auf dem Nullpunkt, weil einige Dinge in meinem Leben so belastend und beschwerend sind. Also bleibt es bei Kuchen backen und Stricken - immerhin übt das die Finger. Ich stricke gerade an einer Tagesdecke für mein Bett, seit ich entdeckt habe, daß ich unter Wolldecken super schlafen kann. Vier Knäuel hab ich bereits verstrickt, elf warten noch. Da werde ich wohl den ganzen Winter zu tun haben.
So langsam sieht es unter meinem Bett aus wie bei Hempels unterm Sofa. Aber während bei anderen unter dem Bett Sexspielzeuge liegen, gibt es sowas bei mir nicht. Stattdessen gab es erst Yogablöcke und Yogagurt, dann ein Yogakissen, Hanteln und eine Faszienrolle und nun ist noch
ein Nudelholz dazugekommen. Wenn das Nudelholz unter dem Bett liegt, benutze ich es häufiger, als wenn es in der Küche verstaut ist. Immerhin sind die Bücher unter dem Bett weg, weil ich in den letzten Monaten so an die 200 Bücher entsorgt habe. Der wirklich üble Ohrwurm, den ich gerade habe, läßt sich jedoch nicht entsorgen. Ich fürchte, der will mich zwingen, wieder zu tanzen und es ist gar nicht so einfach, es nicht zu tun, obwohl mir gerade überhaupt nicht danach ist.
Ich habe heute eine beglaubigte Urkunde vom Amtsgericht München erhalten, in der meine Forderung an Zamaro als Gläubiger in Höhe von ein paar zerquetschten Euros offiziell anerkannt wird. Nun bin ich mal gespannt, wie es weiter geht, weniger wegen des Geldes als mehr wegen des Vorgangs an sich, den ich schon sehr interessant finde, da ich bisher noch nie Gläubiger gewesen bin. Schon diesen Wort finde ich sehr speziell. "Schuldner" ok, aber "Gläubiger" kommt dann wohl daher, daß man einfach irgendwann nur noch daran glauben kann, daß man sein Geld wiedererhält, aber ohne es zu wissen, also quasi hier religiöse Fertigkeiten gefragt sind. Kann man so eine Urkunde eigentlich weiterverkaufen? Interessieren würde mich ebenfalls, ob es tatsächlich möglich ist, daß insolvente Unternehmen ihre Schulden mit dem Besitz und dem Vermögen anderer begleichen, denn die dort hingesandten Sachen sind ja eigentlich im Besitz des Einsenders geblieben und wurden dort nur aufbewahrt und bei Zustandekommen eines Tauschs weiterverschickt, wofür die entsprechenden Gebühren zu zahlen waren. Nun haben sich zu meinem Eintrag über die Zamaro-Insolvenz inzwischen einige Leute gemeldet, die dort noch Sachen im Wert von mehreren hundert Euro hatten, für die sie die Punkte nicht ausgegeben haben, aber weder etwas von der Insolvenz mitbekamen, da ja keine Emailinformation versendet wurde, noch später von einem Rechtsanwalt angeschrieben wurden, so wie ich. Sehr fragwürdig das alles!
Weiterhin hatte ich heute den ersten Termin bei der Psychoonk in der neuen Adresse. Dort ist alles noch totale Baustelle, weil die gesamte Praxis erst vor zwei Tagen umgezogen ist. Und die Praxis ist so riesig, daß man sich darin verläuft. Erst war ich genervt wegen dieser neuen Adresse, da ich ja nun die Termine scheinbar nicht mehr mit einem Besuch im Biomarkt verbinden kann. An dieser Ecke, die zwar viel näher liegt zu meiner Wohnung, war früher gar nichts, bzw. nicht viel an Einkaufsmöglichkeiten. Allerdings mußte ich feststellen, daß genau im gleichen noch baufrischem Haus ebenfalls ein großer neuer Biomarkt drin ist. Super!
Die Psychoonk hat mir vorgeschlagen, mit ihr eine NLP-Timeline-Arbeit zu machen, dies aber in einem privat bezahlten Rahmen, da das nicht von Krankenkassen übernommen wird. Sie meint, dies könnte mir bei meinem jetzigen Problem helfen, welches natürlich auch auf Erfahrungen aus der Vergangenheit beruht.
Ich habe noch nie davon gehört, aber wenn ich mir die Beschreibung so anschaue, scheint es ähnlich einer Analyse im Schnelldurchlauf zu sein. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir wirklich all die A...löcher aus meiner Vergangenheit so geballt zu Gemüte führen möchte.
habe ich eigentlich eine Faszienrolle gekauft? Geht auch mit Nudelholz, sogar viel besser. Warum hat niemand Griffe an der Faszienrolle konstruiert? Und irgendwie ist es kitzlig, aber gar nicht unangenehm.
ist gerade murks. Manchmal denke ich, ich sollte mir eine gepflegte Sucht zulegen oder reaktivieren. Ist natürlich Quatsch und außerdem zum Scheitern verurteilt. Denn wenn man sich dessen bewußt ist, daß man sich gerne betäuben würde, funktioniert es nicht mehr. Es funktioniert nur aus dem unbewußten Impuls heraus. Also versucht man die Realität auszuhalten. Ab und zu kann man auch ein bißchen Rosa drüberpinseln, aber nicht immer. Ich frage mich, wie andere mit der Tatsache umgehen, daß es viel zu viele A..löcher gibt, die glauben, sie seien alleine auf der Welt? Eine Tatsache, die besonders bitter ist, wenn man mit ihnen persönlich konfrontiert wird, was man ja im allgemeinen zu vermeiden versucht. Grenzen setzen. Wie setzt man Grenzen, wenn man von klein auf gelernt hat, daß die eh niemanden interessieren? Wenn nichts mehr geht und das Aushalten all meine Kraft kostet, geht komischerweise immer noch der Notfallplan: Kuchen backen. Ich schätze, es wird viel Kuchen geben in nächster Zeit.
Da ja nun meine Badezimmerwand aufgestemmt und ramponiert wurde, mußte ich mich kurz nach der Renovierung an die Reparatur machen. Leider ist es bei Farbanstrichen total schwierig, genau dieselbe Farbe wieder herzustellen. Mindestens eine Nuance geht es immer vorbei, egal wieviel man probiert und mischt. Nicht einmal professionelle Maler kriegen das hin, obwohl ich mir bei denen nicht sicher bin, ob sie das nicht hinkriegen, weil sie nicht können, oder weil sie keine Lust auf langes Herumgemische haben. Ich hatte schon einmal das Problem mit einer blauen Wohnzimmerwand und mir wurden zwei Maler von der Hausverwaltung geschickt. Die mischten zwar etwas zusammen, aber was sie dann zum Ausbessern nutzen wollten, war meilenweit entfernt. Schließlich machte ich ihnen den Vorschlag, sie sollten mir ihre Farbe einfach da lassen und ich mache mir das selbst. Ich konnte gar nicht so schnell 'Tschüß' sagen, da waren die beiden schon (innerlich jauchzend, wie mir schien) verschwunden. Ich glaube, die wurden bezahlt und haben sich einen Bunten gemacht, während ich wohl oder übel die Arbeit erledigte. Deshalb habe ich für das Badezimmer gar nicht erst die Hausverwaltungsmaler angefordert, sondern gleich in den sauren Apfel gebissen. Ich hatte eigentlich nicht erwartet, noch einmal mit solch einem Problem konfrontiert zu werden, aber immer, wenn ich es dann doch wieder werde, denke ich "Warum hast du nicht einfach Weiß genommen?" Ok, bei Weiß müßte ich zwar den gesamten Wandabschnitt überstreichen, bzw. würde es tun, aber das geht immer noch schneller als das Herumrühren und -probieren. Doch immer nur Weiß ist ja irgendwie auch langweilig und es sieht schnell kalt oder schäbig aus.
Ich finde, ich bin ziemlich nah an das alte Gelb herangekommen, aber eben nicht so ganz. Wobei mich das nicht weiter stören würde. Was meinen inneren Perfektionisten mehr stört, ist, daß die Wand jetzt bucklig ist und nicht plan. Statt einer Klappe darüber wurde hinter das Loch eine Metallplatte geklemmt und alles überputzt. die Stelle ist etwas erhabener und die Ränder sehen nicht sehr schön aus, deshalb beschloß ich, daß irgendetwas darüber muß. Ich kaufte mir ein kleines Regal, das nun dort in ziemlicher Höhe hängt. Meine kleine Naßzelle ist bereits übersät mit Regalen, eigentlich zu viele, aber gut, frau kann ja im Badezimmer eigentlich nie genug Regale haben. Zum Raufstellen und Ablegen findet sich jedenfalls immer etwas. Oder wäre vielleicht ein Metallschild, irgendetwas Maritimes, besser gewesen? Ich habe nur Angst, daß das anfängt zu rosten.

In Zeiten, in denen der Wahlkampf in vollen Gängen ist, denke ich regelmäßig an meine erste und einzige Wahl in der DDR zurück. Die werde ich garantiert nie vergessen und deshalb bin ich jedesmal wieder froh, nun tatsächlich wählen zu dürfen. Auch wenn es einem manchmal vorkommt wie die Wahl zwischen - ähm, Pest oder Cholera möchte ich hier nicht anführen, das erscheint mir doch nicht passend - eher so zwischen Grippe und Hexenschuß, mit einer Option für die Pest, falls einem das nicht reicht.
Ich bin ja trotz meines kirchlichen Hintergrunds relativ behütet und unbehelligt in der DDR aufgewachsen. Zwar hörte ich oft davon, daß man Nachteile hätte und einem Steine in den Weg gelegt würden, käme man aus einer kirchlichen Familie, doch die meiste Zeit in meiner Kindheit konnte ich so etwas nicht bemerken. Vielleicht bekommt man aber als Kind auch nicht wirklich viel davon mit. Und auf Wunsch meiner Eltern, denen das kein politisches Ansinnen war, sondern die wollten, daß ich mir keine Möglichkeiten für meinen späteren Beruf verbaue, machte ich alles brav mit: erst war ich Jungpionier, später Thälmann-Pionier und danach FDJler. Meine Schule war ansonsten ziemlich offen - wir durften Westmusik hören, sogar laut auf Hofpausen, Schul- und Sportfesten, wird durften Westkleidung tragen, nur wenn man mit westlichen Plastiktüten ankam, gab es Ärger. Das einzige Mal, als ich wirklich benachteiligt werden sollte, war, als ich nicht zum Abitur zugelassen werden sollte, obwohl ich mit zu den Klassenbesten gehörte. Nun war mein Zeugnis der zehnten Klasse etwas schlechter als die vorherigen, allerdings im Nachhinein finde ich einige Dinge da schon etwas eigenartig, so daß ich mich nicht einmal wundern würde, wenn vielleicht bei dem Zeugnis ein bißchen nachgeholfen worden ist, damit man mehr Grund hat, mich abzulehnen. Denn besonders meine Musikzensur kann ich mir überhaupt nicht erklären. Ich hatte durchweg, in der gesamten Schulzeit, im Musikunterricht immer eine "eins" und die war fest und Standard, da hab ich mir gar keinen Kopf darüber gemacht. Aber auf dem Zeugnis der zehnten Klasse war es auf einmal eine "zwei". Das habe ich schon damals nicht verstanden, aber es hat mich letzten Endes gar nicht wirklich interessiert. Ich war nie ein Schüler, den die Schule oder Zensuren interessiert hätten. In der Schule bin ich sowas von überhaupt nicht ehrgeizig gewesen, auch wenn man sich bei Leuten, die zu den Klassenbesten gehören, vielleicht etwas anderes vorstellt. Deswegen wunderte ich mich nur ein wenig und kümmerte mich dann wieder um wichtigere Dinge als Schule. Und nachdem mein Vater einen Einspruch gemacht hatte, wurde ich dann doch zum DDR-Abitur zugelassen.
So ein DDR-Abitur war noch eine ganz andere Nummer als das jetzige Abitur. Wenn ich heute Leute sehe, die Abitur haben und gleichzeitig nahezu null Allgemeinwissen, frage ich mich schon manchmal, was man da eigentlich heute lernt, aber gut, das ist wieder ein anderes Thema. Ich glaube, es war kurz vor Ende des Abiturs, als ich meine erste Wahleinladung erhielt. Nun interessierte mich auch Politik damals überhaupt nicht. Schließlich gab es ganz viel andere aufregende Veränderungen in meinem Leben, die meine ganze Kraft kosteten. Kurz vorher mit 17 Jahren war ich bei meinen Eltern ausgezogen und stand nun nahezu auf eigenen Füßen. Ich mußte ab jetzt für mich selbst sorgen, hatte aber auch sehr viel mehr Freiheit, die ich entsprechend nutzte, um möglichst viel die Schule zu schwänzen und nachts in Diskotheken abzutanzen. Ich war die erste in meiner Abiturklasse, die alleine wohnte und ich glaube, die anderen beneideten mich ziemlich darum. Von zwei Schulfreundinnen erhielt ich zum Auszug einen Wasserkessel und noch irgendetwas für den Haushalt. Der einen Schufreundin kaufte ich einen Camping-Elektrokocher ab, da ich nur zur Untermiete wohnte und keine eigene Küche hatte. Außerdem hatte ich einen Freund, mit dem ich das erste Mal länger zusammen war, als mit den anderen davor, und der häufiger auch mal zwei oder drei Tage bei mir blieb. Weiterhin mußte ich mir Gedanken darüber machen, wie es nach dem Abitur mit mir weitergeht. Das alles war genug, daß ich eigentlich überhaupt keine Ambitionen hatte, zu irgendeiner Wahl zu gehen, zumal mir sowieso keinerlei Wahlmöglichkeiten bekannt waren, aber da wurde ich zu einem "Wahlbriefing" bei meinen Eltern bestellt.
Hatte ich noch mit dem Gedanken gespielt, nicht zu der Wahl zu gehen, wurde mir dieser Zahn schnell gezogen. "Du gehst auf jeden Fall am Sonntag dort hin, egal was du sonst vorhast! Sonst wirst du nämlich abgeholt! Die stehen vor deiner Tür und nehmen dich mit!" Ich schaute meine Eltern entsetzt an und dachte "Hä? Meinen die das ernst?" Jedenfalls waren meine Eltern ernst und aufgeregt genug, daß sie mich schnell überzeugt hatten. Dann erklärten sie mir den Wahlablauf: ich solle meinen Ausweis vorzeigen, den Wahlzettel nehmen, überhaupt gar nicht erst drauf gucken, sondern ihn falten und dann in die Urne stecken. Ich schaute meine Eltern verständnislos an, denn schließlich bin ich bisher noch völlig naiv gewesen. "Hä? Falten? Aber muß ich da nicht irgendwo ein Kreuz machen?" "Nein! Gar nichts! Du guckst da gar nicht drauf! Und du überlegst auch nicht lange! - Und du gehst um Gottes Willen niemals, absolut niemals, niemals nie und nimmer in die Wahlkabine!!!" Und ich so: "Aber warum denn nicht? Wozu stellen die denn überhaupt die Wahlkabinen hin???" Meine Eltern gucken sich an, lachen gequält und wiederholen nur: "Du gehst auf keinen Fall in die Wahlkabine! Du kannst richtig Ärger bekommen, wenn die den Eindruck bekommen, du bist nicht sicher bei deiner Wahl." Nun ja, so vorbereitet, beschloß ich doch, mich an die Anweisungen meiner Eltern zu halten und nicht auszuprobieren, was passiert, wenn ich es nicht tue. Ich ging also sonntags in das Wahllokal und wurde von einigen Gestalten mit völlig steinernen Gesichtern begrüßt. Ich sehe diese Gesichter jetzt noch vor mir. Ich nahm den Wahlzettel, faltete ihn und steckte ihn in die Urne, konnte mir dabei aber ein kleines Grinsen nicht verkneifen, weil mir die ganze Situation total lächerlich vorkam. Mir schien es, als würden diese Leute hinter ihren steinernen Masken ebenfalls wissen, was für eine Farce das Ganze war. Ich habe mich so blöd dabei gefühlt, daß ich wirklich froh bin, dies nur einmal und dann nie wieder mitmachen zu müssen.
Wenn ich jetzt wähle, dann genieße ich es ein, bzw. zwei oder gar drei Kreuzchen machen zu dürfen, ganz egal, ob es im Endeffekt überhaupt etwas bringt oder verändert, aber zumindest habe ich das Gefühl, daß ich gefragt und nicht gezwungen werde und tatsächlich eine Wahl treffen darf.