Das verlorene Schriftwerk
Ein Gaukler tanzt in den Neuronen,
im Körperall des ichs, Milchstraße des michs,
ein Derwisch in wiegender Ekstase
tanzend um den Ruhepol der Ordnung.
Nichts ist, was es scheint,
sagen die Eulen, die Spähenden,
und was scheint, das ist nichts,
sagen die Kröten, die Unkenden.
Die Illusion war keine Illusion,
bloß weil ich fühle, sie zerbrach,
nein, nur das Zerbrechen ist
die Illusion des Sichtbaren,
der Tod der sinnlichen Wahrnehmung.
Und in der schmalen Zwischenwelt,
die der sieben grauen Stunden,
lassen die Wächter mich nicht gehen,
ins wundersame, traute Nirgendwonichts.
Schwer trägt der Himmel,
schwer, zu schwer, und so
schlingt er sich um Kirchturmspitzen,
ruht auf der nackten Bäume
Arme, still emporgereckt.
Grau und müde von der Last
liegt er auf den Häusergiebeln,
wo die Winterraben sitzen,
ihr Gefieder, nachtdurchtränkt,
weich die matten Wolken streift,
die nicht länger halten wollen
das Gewicht des kalten Schnees.
Und hevor bricht aus der Trübe,
aus des Himmels müdem Weh,
ein perlend weißes Lichterheer.
Kalt singt dein Lied
in den Zweigen der Ulmen,
tränenreich von Himmelgrau.
Still bricht der Schnee,
der zartflüchtige Tänzer.
an deiner rauen Heftigkeit.
Klagend summst du in den Mästen,
in brüchigen Lichtleitungen,
rüttelst an den Fensterbogen,
streichst jammernd um das Haus,
katzenhaft, und schmiegst dich
übermütig durch jede Tür.
Warm gedenkt das knisternde Holz
der dunkel stehenden Brüder
unter frostigem Sternenklar.
In grimmiger Milde trocknest du
der schwarzen Wälder Tränen
zu glitzerndem Kristall.
Wange an Wange,
ruhen wir und atmen,
ruhen in uns selbst,
das Äußere im Innen,
abgekehrt von der Welt,
die Haut unser Zelt.
Wir atmen die Nacht,
trinken sie bis zur Neige,
bis mit Dunkel gefüllt
unsere Bäuche sind
und der Tag, gerettet,
auf unsere Lider fällt.
Nur manchmal, nur kurz,
spüre ich deinen Duft,
libellenzart vergänglich,
durch meine Träume wehen.
ein Vakuum im Sternenstaub,
ein Loch am Firmament,
schales Wasser aus,
der Quelle des Lebens,
das Glück der Stabilität,
die feste Burg,
der sichere Hafen
jenseits der tiefen Gewässer,
abseits des Unbekannten,
die Illusion der Aktivität,
das Brot des Gesetzes,
der Fluch der Fantasie,
das Licht der Gepeinigten,
eine ewige Ruhestatt
auf dem Gipfel der Absurdität.
An Tagen wie diesen,
wenn es nichts zu sagen gibt,
da fliegen die Worte wie Raben,
sie lassen sich nieder
und ziehen wieder fort.
An Tagen wie diesen,
wenn es nichts zu träumen gibt,
vorbei ist die Nacht, lichterbefleckt
und du bist nicht erwacht.
Schwarz beschwingt breitet er,
an Tagen wie diesen,
die fremd gewohnte Welt um dich,
den lockenden Spiegelsee der Feen
und hockt in den Poren
deiner verstaubten Sinne.
An Tagen wie diesen
hebt der Rabenkönig sein Haupt
und wartet auf Begleitung.
Auf sein Roß steig ich nicht,
doch einen Kuß behalt ich.
Wer nie sah, sieht nimmermehr
wer nie sprach, spricht nimmermehr,
wer nie hörte, hört nimmermehr,
wer nie liebte, liebt nimmermehr,
wenn der graue Vogel des Leids
die Eingeweide frißt
und der rote Vogel des Schmerzes
die Wangen küßt,
der weiße Vogel des Friedens
aber fliegt einen Weg,
den niemand kennt.
der die Farbe seiner Flügel verloren hatte. Jetzt fragt ihr sicher, wie es dazu gekommen ist und das werdet ihr vielleicht noch erfahren, denn wer fragt, bleibt nicht dumm. Doch das Besondere an der Geschichte ist - der Schmetterling merkte überhaupt nicht, daß er die Farbe seiner Flügel verloren hatte. Stellt euch das einmal vor! Er fühlte sich wie jeder andere Schmetterling, breitete seine Flügel, um mit ihrer Glut die Sonne zu blenden, beglückte Blüte um Blüte mit seinem Besuch und tanzte sorglos den Wegesrand entlang, auf dem die Menschen an einem Sommermorgen zu Arbeit eilten. Wie? Ob sie ihn sahen? Wahrscheinlich die wenigsten, aber wie sollten sie auch. Er war ja grau wie der Morgennebel, der noch auf Dächern und Schornsteinen hing. Die Menschen waren nicht das Problem für den Schmetterling, denn die waren blind wie Maulwürfe. Das wirkliche Problem waren die Mitbewohner seiner Wiese, insbesondere die anderen Falter. Die sahen es gar nicht gerne, daß so ein grauer Sonderling unter ihnen weilte und sich noch nicht einmal darum scherte, daß er anders war. Sie wußten allerdings nicht, daß er es nicht wußte und weil er es nicht wußte, wußte er ebenfalls nicht, daß sie es wußten. Sie hielten ihn deshalb für ganz besonders hochmütig. Wie konnte er nur glauben, daß das Breiten seiner grauen Flügel irgendjemanden beeindrucken konnte? Und sein geziert anmutiges Gehabe, wenn er von Blume zu Blume tanzte - das paßte so überhaupt nicht zu seinem Aussehen. Wie konnte solch eine Person so unbekümmert sein? Noch bemerkte er nicht, wie sie zu ihm hinüberstarrten, ihm hinterherschauten und miteinander tuschelten. Auch dachte er sich nichts dabei, wenn sie kurz angebunden auf seine Grüße und Fragen antworteten. Bis zu jenem denkwürdigen Tag, an dem er für immer seine Unschuld verlor. Was Unschuld ist? Das erkläre ich später einmal.
Jedenfalls war es ein schöner Morgen nach einer langen Nacht und ein Schmetterlingshunger verlangte nach frischem Nektar. So suchte sich der Schmetterling eine besonders strahlende Blüte, die er schon immer einmal hatte kosten wollen. Leider hatten es zwei andere Falter ebenfalls auf diese Blüte abgesehen und als sie sahen, welch ein sonderbares Ding sie vor ihnen in Beschlag genommen hatte, begannen sie sich auszuschütten vor Lachen und sagten: "Was bist du denn für ein häßliches Monster! Schau erstmal in den Spiegel, bevor du hier den Schmetterling markierst und uns unsere Blüten wegnimmst!" Der Schmetterling war furchtbar erschrocken, so erschrocken, daß ihm keine Antwort einfiel und er die Blume freiwillig räumte. Der Appetit war ihm schlagartig vergangen. Was stimmte denn mit ihm nicht, daß sie ihn nicht für einen Schmetterling hielten? Und was war ein Spiegel? Stundenlang grübelte er über die beiden Sätze nach, die man zu ihm gesagt hatte. Dann dämmerte ihm endlich, daß er die Wahrheit wohl nur erfahren würde, wenn er so einen Spiegel suchte. Also machte er sich auf den Weg und es kostete ihn große Überwindung, immer wieder nach diesem Spiegel zu fragen, denn nun machte er lieber einen großen Bogen um seinesgleichen. Er fühlte sich zwar sehr einsam, wollte aber auf keinen Fall erneut ausgelacht werden. Und das komische Grinsen in den Gesichtern, wenn er nach dem Spiegel fragte, gefiel im ebenfalls überhaupt nicht. Mißtrauisch geworden, entging ihm kein belustigtes Wippen eines Fühlers, kein Zucken eines Augenwinkels, kein Verziehen des Kiefers mehr. Er fühlte sich schrecklich nutzlos und allein und bald dachte er, daß die beiden Falter wahrscheinlich recht haben und er ein häßliches Monster ist, schließlich wollte ja niemand mit ihm reden. Daran, daß er selbst allen aus dem Weg ging, dachte er nicht. Was habt ihr gesagt? Daß es so gemein von den beiden Schmetterlingen war? Ja, das stimmt, wir werden nie ermessen, wie sehr diese beiden Sätze das Leben des Schmetterlings verändert haben. Aber wartet's ab - zumindest hier auf dem Papier nimmt die Geschichte ein gutes Ende.
Nach einigen Tagen des Herumirrens traf er auf ein kleines Menschenmädchen, welches mit einem im Sonnenlicht gleißenden Ding spielte. Er umtanzte es neugierig, als die Mutter des Mädchens kam und sagte: "Hör auf, mit dem Spiegel herumzuspielen!" Oh! - dachte der Schmetterling - Dies ist also ein Spiegel! Er fühlte sich sehr ängstlich, als er an das gleißende Ding herantanzte. Eigentlich wußte er die Wahrheit doch längst, warum sollte er also noch da hinein schauen? Wer weiß, was ihn erwartete. Andererseits hätte er dann den weiten Weg umsonst gemacht, das wäre sehr ärgerlich. Also gab er sich einen Stubser und flog näher. Auf einmal erkannte er einen Schmetterling. Ja, es war ein Schmetterling, das war eindeutig zu erkennen. Und sehr schnell wußte er, daß er selbst dieser Schmetterling war. Aber was ist das? Er sah ja aus wie.....wie.....wie eine Motte, diese farblosen Dinger, die sich nur nachts heraustrauen und in ihrem Unglück sich von allem blenden lassen, das nur ein wenig heller strahlt als sie. Obwohl, er korrigierte sich, richtiger gesagt sah er aus wie ein Schmetterling, der die Flügel einer Motte hatte. Und das wiederum bedeutete - philosophisch zog er seine Stirn in Falten -, das bedeutete....das konnte nur bedeuten, daß er weder Schmetterling noch Motte war. O herjemine! Wie sollte es so weitergehen? Kein Wunder, daß ihn niemand mochte. Kurzzeitig überlegte er, ob er unter die Motten gehen sollte, aber da sein Körperbau der eines Schmetterlings war, würden sie ihn ebensowenig mögen. Völlig mutlos ließ er seine Flügel hängen, und versteckte sich in einem Baum, den er nur verließ, wenn der Hunger ihn dazu zwang. So vergingen viele Tage, der Schmetterling zählte sie nicht mehr, denn er war davon überzeugt, daß dies sein Leben sein würde, bis der Tod so gnädig wäre, ihn zu erlösen. Ab und zu, wenn er sich zu einsam fühlte, flog er ein Stückchen hinaus und beobachtete von weitem die vanillegelben Zitronenfalter, feuerroten Admirale und prächtigen Pfauenaugen. Wie beneidete er sie darum, daß sie ganz normale Schmetterlinge waren! Eines Tages, als er wieder seinen traurigen Gedanken nachhing, sprach ihn jemand von der Seite an. Es war ein lachendes Schmetterlingsmädchen. Oh nein, nicht schon wieder! - dachte der Schmetterling - Sie lacht mich aus! - und er wande sich knurrend ab. Doch die Kleine ließ nicht locker und als sie ihn erneut ansprach, ihm ins Gesicht lachte, fuhr er sie böse an: "Hör auf, mich so dämlich anzugrinsen, du klappriges Gestell!" Das Lachen verstummte auf der Stelle. Verletzt und sichtlich verwirrt flog das Schmetterlingsmädchen von dannen. Plötzlich durchfuhr es den Schmetterling siedendheiß: Was habe ich getan? Es war genau dasselbe, was die beiden Falter taten.....ob sie je wieder lachen wird? Dabei hatte sie ein wirklich bezauberndes Lachen, nur schade, daß sie mich damit auslachen mußte. Und trotzdem will ich nicht, daß sie vielleicht so wird wie ich. Ich muß......
Und schon rief er ihr hinterher: "Warte!" Und noch einmal lauter: "Warte doch!" Mürrisch und mißtrauisch drehte sie sich um.
"Ich habe es nicht so gemeint, verzeih mir. Du hast ein ganz
bezauberndes Lächeln. Ich bin es nur so leid, mich ständig auslachen zu lassen."
"Wer lacht dich denn aus?"
"Na du zum Beispiel."
"Ich? Ich habe dich nicht ausgelacht. Ehrlich nicht. Und warum sollte man dich überhaupt auslachen?"
Die letzte Frage verwunderte den Schmetterling, weshalb er nicht auf sie einging.
"Aber du hast gelacht."
"Natürlich habe ich gelacht - weil ich dich nett fand!"
"Nett? Wie jetzt?"
"Na wenn man jemanden nett findet, dann lacht man ihn an. Außerdem sind mir deine schönen Flügel aufgefallen."
"Schöne Flügel? Sie sind grau."
"Ja." erneut Zutrauen fassend kam das Schmetterlingsmädchen näher. "Aber sie sind nicht nur von einem Grau. Sie sind außerdem auch noch schwarz und weiß und haben tausend verschiedene Schattierungen von Grau. Hier zum Beispiel - dieses strahlende Winterhimmelgrau, dann dort ein stürmisches Seegrau, und hier das zart-melancholische Taubengrau, das brüchige Steingrau, jenes dunkle Gewitterwolkengrau und hier das geheimnisvolle Anthrazit. Dann das silbrige Möwengrau, das glitzernde Schiefergrau, das milchige Mondgrau. Außerdem diese wunderschöne schwarze und weiße Fiederung, die Glanzpunkte wie kleine Sterne setzt und mit feinen Linien das Grau gleich verschlungenen Arabesken durchzieht. Du bist wirklich ein ganz außergewöhnlicher Schmetterling und wunderschön!"
Der Schmetterling hatte das Gefühl, als würde etwas sehr klebriges in seiner Brust schmelzen. Eine aufregende Wärme durchströmte seinen Körper.
"Oh!" sagte er sprachlos und errötete....
(Ich konnte es nicht lassen, den vielen "Es war einmal ein Schmetterling"-Geschichten noch eine hinzuzufügen. )
Federweiße Wolkenkrakel
auf deiner himmelblauen Tafel,
hin und her,
kreuz und quer,
der Punkt sticht,
das Komma lacht,
der Pfeil ruht schief
am Himmelsdach
Sonne, Mond
und tausend Rauten
kühn mit klarer Hand
entworfen,
der Sterne Licht
minimalistisch
hier besticht
mit eigenwilliger Kontur
und entzückender Struktur,
der Rohentwurf
zum Meisterwerke,
den er als Notiz sich merke
für die schöne neue Welt,
am ausgedienten Himmelszelt.
Schlaf nur, schlaf weiter,
ermatteter Dieb -
alles wird anders,
wenn du erwachst,
wenn die Zeit sich wendet,
das Unendliche endet,
denn die vielen Sekunden,
die du gestohlen dir,
aus des Albtraumes
großer Heimlichkeit,
seiner spröden Undenkbarkeit,
wurden zu Sternen dir,
die dich noch leiten
durch raumverkrümmte Nacht.