Flaschenpost #1
Von Samsung Mobile gesendet
Es scheint gerade, als würde ich ständig in Zeitlöchern versacken. Kaum ist man drin – schwupps, fehlen auf einmal mehrere Stunden und man fragt sich, wo die geblieben sind. Vor zwei Tagen zum Beispiel. Eigentlich wollte ich nur schnell Geld abheben, bei meiner Ärztin vorbei, um mir den speziellen Überweisungsschein für das Genetische Institut ausfüllen zu lassen, danach etwas einkaufen und den Rest des ersten sonnigen Nachmittags hatte ich vor, auf dem Balkon endlich mal wieder zur Ruhe zu kommen. Denkste – ich wartete Stunden im Wartezimmer der Ärztin und das schließlich für nichts, denn sie erklärte mir, sie fülle keine Laborscheine (dieser Schein, den ich vom Institut bekam, war anscheinend einer) aus, wenn sie nicht selbst Blut abgenommen hätte. Ich vermute mal eher, daß sie Angst vor irgendwelchen Kosten hatte, denn sie sagte auch, wenn es eine Laboruntersuchung für 3,50 EUR, wäre, würde sie es tun. Ich kann mir nicht vorstellen, daß das Institut lügt, wenn es mir erklärt, unter der eingedruckten Kennziffer würde das Budget der Ärztin nicht belastet, sondern die Kosten aus dem Budget des Instituts gehen. Aber ich habe da ja überhaupt keine Einblicke, um mir einen Reim darauf zu machen, also muß ich mich im Juli weiter darum kümmern. Ich war endlich um halb Acht Uhr abends zu Hause, die Sonne hatte sich natürlich inzwischen verzogen, aber immerhin hatte ich vorher beim Discounter die perfekten Kochtöpfe für meine neue Küche gefunden, welche ich im Karton nach Hause schleppte. Außen sind sie in einem Rotton, wie er zu meiner Küche paßt, und haben außerdem praktische Glasdeckel mit einem Entlüftungsloch. Gleich wurden Spaghetti darin gekocht und es ging wunderbar.
Es nervt mich ein bißchen, daß ich den ganzen Juli schon wieder voller Termine habe, obwohl ich mir vorgenommen hatte, wenigstens den Sommer ohne Termine zu lassen. Ich habe sogar bereits überlegt, mir einen Zeitplaner zuzulegen – ICH! Ich hatte noch nie einen bzw. wenn ich einen hatte, habe ich ihn nie benutzt. Aber irgendwie ist es auch eine kleine Genugtuung für mich, wenn ich die Termine in meinem Kopf noch nicht doppelt belege oder vergesse. Ich bin bloß froh, daß ich, zumindest theoretisch, nichts zu tun habe, denn sonst würde ich ernsthafte Schwierigkeiten mit der Koordination bekommen.
wenn es eine Instanz gibt, zu der man gehen kann und sicher weiß, daß man dort immer aufgebaut wird, egal mit welchen Problemen man kommt. Psychologen sollten so eine Instanz sein, eigentlich, und zumindest bei "meiner" Psychologin ist es genau so. Als ich ihr von meinen Zweifeln erzählte, meinte sie, sie glaube nicht, daß ich oberflächlich oder langweilig schreibe. Besser gesagt, sie könne es sich beim besten Willen nicht vorstellen, daß ich oberflächlich oder langweilig schreibe. Gut, deshalb muß es nicht so sein, aber man hört es gerne, wenn man auf andere diesen äußeren Eindruck macht.
Und während die Menschen da draußen verzweifelt gegen die Flut kämpfen, bereite ich mich innerlich auf die Begegnung mit der Meeresflut vor. So eine Seefahrt ist ja im Grunde erst richtig lustig, wenn das Wasser von allen Seiten kommt und der Orkan einen fast von Deck pustet. Nur kentern sollte der Kahn nicht, das würde mir dann doch zu naß werden. Bei diesen Flutkatastrophen frage ich mich immer, warum Berlin mit der Spree nie von so etwas betroffen ist. Eine Erklärung dafür findet sich hier: http://www.uwe-rada.de/themen/fluesse_spreehochwasser.html.
Wieder etwas mehr Muße habend, stöberte ich ein bißchen im Ostprodukte-Versand, auf den ich durch die Liebesperlen gestoßen bin. Und ich finde darin vieles, das nicht sehr authentisch ist. Mir kommt es so vor, als würden die Hersteller zwar auf der Ostalgie-Welle reiten wollen, aber gleichzeitig passen sie ihre Produkte immer mehr den westlichen Marktstandards an, was in den meisten Fällen nicht einmal eine Verbesserung darstellt, sondern eher eine Verschlimmbesserung. Mir scheint es, als würden diese Produkte vor allem für Westler gemacht, die keinen Vergleich zu früher haben, aber neugierig und offen sind. Doch sie bekommen halt nicht wirklich das, was sie erwarten, sondern nur ein paar Produkte, die sich von anderen kaum unterscheiden. In meinem Bekannten- und Familienkreis höre ich oft, daß jemand sich irgendein ehemaliges DDR-Produkt kauft und danach enttäuscht ist, weil es nicht mehr dasselbe ist. Ganz besonders häufig hört man das bei Lebensmitteln oder Kosmetik. Dann heißt es: “Nein, das kaufe ich nicht nochmal.” Denn als ehemaliger Ostler will man es tatsächlich so wie damals haben, alles andere hätte als Nostalgie-Produkt nicht viel Sinn. Kinder, die mit Werther’s Echte aufgewachsen sind, wollen ja auch, daß der Bonbon nach dreißig Jahren noch so schmeckt wie in der Kindheit, zumal diese Werbung ebenfalls auf Nostalgie setzt.
Ein Ostprodukt, welches von mir weiterhin regelmäßig gekauft wird, ist Bautz’ner Senf, einfach deshalb, weil mir wirklich kein anderer schmeckt. Und der Geschmack ist glücklicherweise genau wie früher, allerdings gab es ihn damals in Gläsern, heute in Plastikbehältern. Und was ist daran nun besser, außer daß man mehr Plastikhormone im Senf hat? Oder das Russisch Brot – früher war es viel dicker, weicher und vor allem war nicht so viel Luft in der Tüte. Heute ist das so ein dünnes Knusperzeug und kaum was drin in der aufgeblasenen Tüte, kaufe ich also nicht mehr. Oder die Zitronendrops. Ich meine mich zu erinnern, daß die in meiner Kindheit eine mehr pulvrige, nicht sehr feste Konsistenz hatten. Außerdem hatten sie einen sehr dünnen feinen Rand, den man dank der pulvrigen Konsistenz vorher mit den Zähnen “abratzen” konnte, wie ich es immer gerne getan habe. Heute funktioniert das nicht mehr. Ist zwar generell sicher nicht so schwerwiegend, aber eben auch nicht mehr das gleiche.
Im Ostprodukte-Versand gibt es ein Intershop-Paket mit speziellen Kultprodukten. Hallo? Im Intershop gab es damals nur West-Produkte, also wenn schon, müßte das Ding Exquisit oder Delikat heißen. Und dieses Kondom mit dem Jungpionier-Motto “Seid bereit, immer bereit!” ist zwar witzig, doch bei uns hießen die damals “Mondos”. Ich glaube, das waren blaue oder rote kleine Schächtelchen. Als Kind habe ich gerne mal in das Nachtschränkchen meines Vaters gespäht und dachte dann, da sind Schokoladentäfelchen drin. Die Kondome bzw. Mondos waren darin nicht eingeschweißt, sondern steckten lose, so daß ich sie herausholen, damit herumspielen und mich wundern konnte, wozu die Dinger gut sind. Danach stopfte ich sie wieder in die Verpackung. Glücklicherweise, oder vielleicht auch leider, hatte das keine Folgen, denn ich bekam keine jüngeren Geschwisterchen.
