In diesen Jahren, da ich meine Erinnerungen wachrufe, habe ich den wundersamen Zustand erreicht, dass mich keine Musik mehr beim Schreiben stört, während ich mir anderer Tugenden der Musik vielleicht nicht bewusst bin, denn zu meiner großen Überraschung haben zwei katalanische Musiker, beide sehr jung und scharfsinnig, gemeint, erstaunliche Verwandtschaften zwischen meinem sechsten Roman, Der Herbst des Patriarchen, und dem Dritten Klavierkonzert von Bela Bartok entdeckt zu haben. Tatsächlich habe ich es beim Schreiben erbarmungslos gehört, weil es mich in eine besondere und etwas seltsame Stimmung versetzte, aber ich hätte nie gedacht, dass es so sehr auf mich wirken könnte, dass es dem Text anzumerken wäre.
(aus "Leben, um davon zu erzählen" Gabriel Garcia Marquez)
mittlerweile sogar schon in auf den ersten Blick vollkommen harmlosen Fußabtretern.
Ein furchteinflössender, böser Mann mit Bart wohnt in meinem Fußabtreter. Er erinnert mich an den großen Moloch, der auf Menschenopfer wartet. Oder an den strengen Saturn, bereit, seine Kinder zu verschlingen. Was hab ich mir da nur ins Haus geholt?

muss ein Schöpfer seine Schöpfung unnötig komplizieren bzw. extrem unwahrscheinlich gestalten?"
Ganz genau dieselbe Frage würde ich gerne so manchem Philosophen in Hinblick auf seine Ergüsse stellen.
Ich fand ja irgendwie schon immer, daß die Philosophie eine verblüffende Verwandschaft zur Juristerei aufweist.
Mal wieder etwas später dran, weil seltsamerweiser sich immer am Montag alles morgens an der Kreuzung staut, war ich ziemlich in Eile und lief ausnahmsweise eine andere Strecke, als ich an der Straße vor der Polyklinik, es war schon kurz vor 9 Uhr, ein bekanntes Gesicht zu sehen meinte. Ich war mir einen Moment lang nicht sicher, da die Haare raspelkurz waren, anders als in Erinnerung, doch die andere Person schaute genauso entgeistert. Es war eine ältere Kollegin, mit der ich lange zusammengearbeitet habe, bevor ich in die jetzige Abteilung kam und mit der ich mich gut verstanden hatte. Natürlich fragten wir sofort, wie es geht und aufgrund ihrer kurzen Haare ahnte ich schon etwas. Sie erzählte dann auch etwas zögernd, daß kurz nach Rentenantritt, als sie eigentlich geplant hatte, zu reisen, Krebs festgestellt worden ist und sie gerade eine Chemotherapie hinter sich hat und ihre Brust abgenommen worden ist. Inzwischen sei wohl alles durchgestanden, aber der Brustaufbau stehe noch bevor. Ich umarmte sie, da ich bei solchen Nachrichten immer nicht weiß, was zu sagen, und als ich sie losließ, merkte ich, daß sie ein bißchen weinte. Zufällig war sie nicht nur meine Kollegin, sondern ist auch die Mutter eines meiner Schulkameraden, was ich aber erst während unserer Zusammenarbeit herausfand. Aus ihren Erzählungen weiß ich, daß sie schon eine Menge im Leben mitgemacht hat. Jahrelang lebte sie mit einem Trinker und Säufer, der sie regelmäßig grün und blau schlug, so daß man sie im Krankenhaus bereits kannte. Wegen seiner schlechten Gesundheit und der Alkoholkrankheit starb er bald und es gibt Gerüchte, daß sie dabei etwas nachgeholfen haben soll. Wenn man mit ihr darüber spricht, möchte man das fast glauben, denn sie macht keinen Hehl daraus, daß sie ihn loswerden wollte und ihm extra ungesundes Essen gekocht hat, welches er nicht zu sich nehmen sollte. Ich bin mir nicht sicher, ob das alles war, aber ich frage nicht danach. Von ihren zwei Söhnen litt der zweite, der nicht in meine Klasse ging, an Schizophrenie und sie hatte während seines kurzen Lebens jede Menge Ärger und Sorgen mit ihm. Während unserer Zusammenarbeit stürzte er sich aus ungeklärten Gründen aus dem Fenster seiner Wohnung im sechsten Stock, in welcher er sich verbarrikadiert hatte. Das war damals ein großer Schock für sie. Pervers an der Krankheit ist, daß sie immer sehr gesundheitsbewußt gelebt hat, das Rauchen abgewöhnt, regelmäßig ärztlich überwachte Fastenkuren gemacht, nach 17 Uhr nichts mehr gegessen, stets Gemüse, Obst usw. verzehrt. Da mich eine Horrornachricht nach der anderen erreicht, komme ich mir manchmal vor, als stände ich mitten im Auge einer schleichenden Epidemie. Natürlich wollte sie auch von mir einiges wissen und ich erzählte von der neuen Arbeit, meinem Vater und was sonst noch so passiert ist. Zum Abschied meinte sie: "Machs gut, du mußt ja noch eine Weile durchhalten." Ja, ich muß noch eine Weile durchhalten bis zur Rente, aber die stelle ich mir nicht so vor, daß ich, kaum zu Hause, von Arzt zu Arzt und Krankenhaus zu Krankenhaus ziehen darf. Jedesmal, wenn ich so eine Geschichte höre, finde ich dieses Malochen bis zur Rente unsinniger. Durch die Begegnung kam ich eine Viertelstunde zu spät ins Büro. Besser spät als nie, oder doch besser - nie als spät?
Am Nachthimmel beobachte ich eine prächtige Wand bunter, pixeliger Farben, rot, gelb, blau, welche ständig ihr Erscheinungsbild ändern. Zuerst halte ich dies für Nordlichter, aber Nordlichter sehen doch ganz anders aus, meine ich mich zu erinnern. Mir kommt der Verdacht, daß diese Erscheinung durch Radioaktivität, vielleicht durch einen Reaktorunfall verursacht sein könnte. Damit liege ich wohl ziemlich richtig, denn auch Hitler ist in Sorge und denkt scheinbar dasselbe. Vermutlich weiß er mehr als ich.
mal versucht, Windows XP von der Wiederherstellungs-CD meines jüngsten Notebooks auf meinem alten Notebook anderen Fabrikats zu installieren und es funktioniert. Hallelujah! Das war ja ein richtiger Glücksgriff!
Ein Russe, der sich einen ganzen Fußball durch eine Körperöffnung einverleiben kann. Ich finde das unglaublich, wie er das macht, er muß ja einen völlig untypischen Körperbau haben und sehr dehnfähiges Bindegewebe. Interessiert krabbel ich unter die Gewänder, die er trägt, da Hosen als Kleidung damit wohl nicht in Frage kommen, und will mir das genauer anschauen. Wahrscheinlich sieht das aus wie bei einer Geburt. Irgendwie dringe ich aber durch die vielen verwirrenden Gewandzipfel nicht bis zur bewußten Körperstelle durch. Na gut, dann eben nicht. Meine Neugier bleibt unbefriedigt. Dafür entdecke ich jetzt aber seinen schön geformten Mund und beginne ihn vorsichtig zu küssen. Es wird ein toller Zungenkuss daraus. Na also, wußte ich doch, daß er küssen kann. Trotzdem finde ich die Vorstellung etwas seltsam, einen Mann zu küssen, der so einen merkwürdigen Körperbau hat und einen Fußball im Leib trägt.
Außerdem in Erinnerung ein Engelszug nach Wien (von Nürnberg oder Köln?).
Bemerkung: Meine nächtliche Art zu sagen "Schiebt euch den Fußball doch sonstwohin!" ?
Eingepfercht in der Straßenbahn, Gedränge und Geschubse, jeder ist mit irgendwas beschäftigt, am häufisten mit Handys. Neben mir wird telefoniert, da vorne tippt ein junges Mädchen selbst im Gehen noch SMS und ein Drittel des Waggons trägt Knöpfe im Ohr und MP3-Player um den Hals. Stoisch nimmt jeder seinen Platz für sich ein, im eigenen kleinen Universum eingelullt, an technischen Spielzeugen hängend, doch dort, in der Ecke steht ein Mann mit einem Buch in der Hand. Bücher in der Straßenbahn zu sehen ist kurioserweiser noch nicht unbedingt selten, trotz all der Handys, aber in der Straßenbahn jemanden die Tora auf Hebräisch lesen zu sehen, schon.
Heute kam mir die spontane Idee für ein besonderes Geburtstagsgeschenk für meine Mutter, nämlich ein persönlicher Druck meiner lustigsten und merkwürdigsten Träume zu unserer Familie und meiner Kindheit. Auch wenn die Träume sonst niemanden interessieren, meine Mutter interessieren sie garantiert, da sie ja auch oft darin vorkommt. Ich setzte mich also mit dem Notebook auf den Balkon und beschloß, schon einmal anzufangen und vorzusortieren. Dabei vertiefte ich mich so in meine nächtlichen Abenteuer, daß ich eben auf die Uhr schaute und schwupps - sind zwei Stunden vorbei und ich habe nur gestaunt. Jetzt weiß ich mal wieder, wozu ich das eigentlich alles aufschreibe. Mit dem Geburtstagsgeschenk bin ich allerdings immer noch nicht weiter.
Ich halte einen Teil einer zerrissenen goldenen Kette in meiner Hand. Da ich nicht weiß, ob ich meinen Augen trauen kann, vergewissere mich, daß sie wirklich zerrissen ist, indem ich die Glieder mit den Fingerspitzen entlangfahre und tastend nach dem Abschluß suche. Die Kette habe ich von einem Verstorbenen und so lange ich sie besitze, kann der Tod auch mich finden. Ich beschließe deshalb, sie weit weit weg von meinem Zuhause irgendwo unbemerkt auf die Straße fallen zu lassen, um den Tod von mir abzulenken. Vor meinem ehemaligen Elternhaus treffe ich eine Frau, die gerade aus der Tür getreten ist. Sie trägt schwarze Kleidung und ein schwarzes Kopftuch, aus welchem ihr bleiches weißes Gesicht hervorschaut. Offensichtlich ist sie in Trauer, vielleicht wegen des Verstorbenen, von dem ich die Kette besitze. Es ist nun Nacht und ich laufe kreuz und quer durch eine Stadt. Ich glaube, es ist Moskau. Seltsamerweise hat man einen recht freien Blick auf den Horizont und am Himmel kann man wunderbare golden bis flammendrote Lichter erblicken. Erst halte ich das für ein Feuer, aber nein, es brennt nichts. Der Lichterschein geht von verschiedenen Dingen, wie Hügeln, Häusern und Menschen aus, fremdartig und schön. Ich möchte fotografieren, aber bevor ich dazu komme, bin ich schon fast durch die Stadt hindurch gelaufen. Auf der Straße, die zum Stadttor hinausführt, liegt Schnee und mit Schlittschuhen oder Gleitern sause ich ziemlich rasant an anderen Läufern vorbei die abschüssige Straße hinab.
Vor dem Stadttor führt ein anderer Weg leicht ansteigend wieder in die Stadt hinein. Neugierig betrete ich ihn. Der Weg ist einsam und von Büschen umsäumt. Nur ein bunter Waschbär trottet mir entgegen und läßt sich durch mich gar nicht stören.
Nach einigen Erinnerungslücken befinde ich mich mit einem Begleiter in einer Menschenansammlung. Es scheint ein Biergarten, Festival oder ähnliches sein. Ich suche meinen Kumpel. Irgendwo muß er hier mit seinen Bekannten sein. Ah, da sehe ich ihn. Allerdings kann ich mich nicht bemerkbar machen und komme auch nicht durch die vielen Leute durch, die dicht an dicht sitzen. Deshalb setze ich mich ebenfalls und warte geduldig. Mein Begleiter beginnt mit mir zu schäkern, indem er mir lustige Schmatzer ins Gesicht gibt. Es ist ein ehemaliger Mitschüler aus den unteren Schulklassen, der nicht sehr lange bei uns war.
Bemerkung: Hab ich die Kette nun eigentlich entsorgt oder hab ich es vergessen? Mein Kumpel hat im Moment wenig Zeit und ist vor lauter Events und Terminen so im Stress, daß sich auch schon andere Freunde von ihm beschwert haben, weil er es erst nach einem halben Jahr geschafft hat, ihren Bowlingabend zu organisieren. Kein Wunder, daß ich da nicht mehr durchdringe.
Vor einigen Jahrzehnten hat der brilliante britische Astrologe und Forscher Charles E. O. Carter, der Tausende von Horoskopen analysierte, die besonderen Merkmale erfolgreicher Astrologen untersucht. Er entdeckte nicht nur, daß bestimmte Zeichen im Vordergrund standen, sondern sehr häufig auch bestimmte Grade durch ein Eckpunkt des Horoskops oder einen persönlichen Planeten betont waren, nämlich 10 Grad Jungfrau/Fische und 27 Grad Löwe/Wassermann.
(aus: "Im Zeichen der Sterne" von Julia und Derek Parker)
Paßt wie die Faust aufs Auge, nur leider habe ich gar keine Lust, das beruflich zu machen.
bei Sommerwetter im Büro herumsitzen zu müssen - je heißer es ist, um so schlimmer, zumal man da eh nichts mehr gebacken kriegt und versucht, sich mit nicht zu schweißtreibender Routine die Zeit zu verkürzen. Wenn ich mir meine Arbeitszeiten einteilen könnte wie ich wollte, würde ich an solchen Tagen nur bis Mittag arbeiten und den Rest an langen Regentagen nachholen. Da bin ich eh motivierter und auch produktiver. Allerdings geht es ja nicht darum, wie und ob man seine Arbeit macht, sondern daß man seine täglichen acht Stunden so abarbeitet, daß niemand den Eindruck bekommt, man täte nichts, selbst wenn man tatsächlich nichts tut. Bei dieser Hitze will nicht einmal das Schreiben gelingen. Es ist, als würde jede Phantasie wie Wasser mit der Nachmittagshitze verdunsten. Und als wäre das alles nicht Strafe genug, hieß es heute morgen auch noch, daß wir uns zu einer spontanen Dienstberatung mit unserem Oberguru treffen sollen. Da der Beratungsraum schon besetzt war, zogen wir mit diesem in ein leerstehendes Zimmer und harrten im Kreis der wichtigen Dinge, die da kommen. Und es kam Statistik. Eine halbe Stunde erzählte er uns was von statistischen Auswertungen, völlig überflüssig, eine Email hätts auch getan. Ich schmolz dahin und die anderen schienen ebenfalls leicht pikiert, da war er endlich fertig und verabschiedete sich. Ich mal wieder etwas voreilig, sprang vom Stuhl auf und ließ einen langen Seufzer los, so nach dem Motto - endlich vorbei -, da merkte ich, daß die anderen alle sitzen blieben und mich seltsam ansahen. Die Dienstberatung war noch gar nicht zu Ende, mit der Teamleiterin ging es noch eine halbe Stunde weiter - wie peinlich. An solchen Tagen denkt man sich: wär ich doch bloß zu Hause geblieben!