dreht zur Zeit total am Rad. Fast hätte ich ihn heute gefragt, ob er gerade seine Arschlochtage hat. Was er so von sich gibt ist wirklich übelerregend und seit zwei Tagen bin ich leicht angenervt. An einer Bemerkung von mir, die ich vor einiger Zeit zu einer Kollegin machte, zieht er sich heute noch hoch und macht alle damit verrückt. Sie hatte eine Bluse in einem schönen Rot an, die mir gefiel, weshalb ich zu ihr sagte, sie habe eine schicke Bluse an, und Herr N. trieb es daraufhin zur Spitze, indem er jede Stunde zu ihr hinlief und ihr sagte, sie habe eine schöne Bluse an und alle anderen Kollegen ständig auf die Bluse von Frau H. aufmerksam machte. Das Verhalten war mir dann schon etwas peinlich und als ich Frau H. gestern am Kopierer traf, erklärte ich, daß es nicht meine Absicht war, einen Running Gag daraus zu machen. Sie meinte, das wisse sie und daß ihr die Aufgedrehtheit von Herrn N. beinahe unheimlich sei. Man könnte glauben, er sei verliebt. Ich habe darauf nichts geantwortet, denn ich glaube, ich weiß es besser, da ich mit ihm im Zimmer sitze. Frau H. liegt zwar nicht wirklich falsch, hinkt aber mächtig hinterher, denn alle Anzeichen deuten darauf hin, daß er sich gerade entliebt hat. Verliebt war er vorher, als er zwar ebenfalls gute Laune hatte, jedoch weniger großkotzig war und in der Mittagspause stundenlang wegblieb. Jetzt sitzt er zur Mittagspause an seinem Platz, drückt ständig irgendwelche Telefonate weg, zerreißt persönliche Briefe ohne sie vorher aufzumachen und führt auffällig oft Wörter wie "Weiber" und "Zuchtkühe" im Mund. Alles ziemlich starke Indizien für meine Vermutung und ich finde, auch seine überdrehte und trampelige gute Laune paß ziemlich gut dazu. Er ist nämlich genau der Typ Mann, der Schwäche bei sich und anderen verachtet. Und die reagieren in solchen Situationen gerne exakt so, daß sie so richtig auf die Pauke hauen. Ich kann nur hoffen, daß er sich bald erneut verliebt, damit er wieder ruhiger wird und trotzdem seine gute Laune behält. Übellaunig ist er auf Dauer bestimmt auch nicht zu ertragen.
Heute gab es frisches Sushi im Supermarkt, ich also gleich drei Packungen mitgenommen. Und der Kassierer an der Kasse fragt mich, ob das Sushi schmeckt. Ich bin nun völlig in der Bredouille - sag ich 'ja' und es schmeckt nicht, ärger ich mich hinterher, sag ich 'nein', dann wundert er sich, warum ich so viel davon kaufe, deswegen sage ich einfach: "Ich weiß nicht, ob es schmeckt." Er läßt jedoch nicht locker: "Ich möchte ja nur wissen ob es schmeckt." Schon leicht grinsend antworte ich spitzfindig: "Ich hab es noch nicht gegessen!" Der Herr hinter mir klinkt sich schließlich ein und meint schlichtend zum Kassierer: "Machen Sie doch einfach mal eine Packung auf!"
Du hast mir meine Klage verwandelt in einen Reigen, du hast mir den Sack der Trauer ausgezogen und mich mit Freude gegürtet, dass ich dir lobsinge und nicht stille werde.
(Psalm 30)
gestern abend hatte ich noch zwei Spinnen in der Küche zu hängen. Nachdem es letzte Nacht zu regnen begann, sind beide heute gleichzeitig spurlos verschwunden. Ob die kein Regenwetter mögen?
wimmelt es von Kreuzspinnen. Jeden Tag finde ich eine andere und das im vierten Stock. Ich habe den Verdacht, in meinem Urlaub dachten sich die zahlreichen ortsansässigen Spinnen: "Oh kreuzdonnerwetter, die fährt zurück nach Berlin. Da fahren wir doch einfach mal mit. Wir haben das Kaff hier so satt."
sollte ich schleunigst zur Beichte gehen, denn ich habe gesündigt. (Ok, wenn erotische Tagträume ebenfalls dazu zählen, sündige ich eigentlich ständig, aber die lassen wir jetzt mal außen vor.) Ich habe meinem größten Laster, der Neugier, nachgegeben und etwas unanständiges gemacht. Nichts sehr unanständiges, denn sooo skrupellos bin ich dann doch nicht, aber etwas unanständiges, was man überhaupt nicht tun sollte. Miss Marple hätte da ganz andere Geschütze aufgefahren. Immer wenn mich die Neugier überwältigt, nehme ich mir ganz fest vor, das nächste Mal stark zu sein und der Versuchung zu widerstehen. Und dann passiert es doch wieder. Aber bei Miss Marple stört es auch keinen, wenn sie herumschnüffelt - außer den Mörder und Inspektor Craddock, so! (War Miss Marple eigentlich katholisch?)
hat zwei Gesichter. Anfangs dachte ich sogar, er hätte einen Zwillingsbruder. Die eine Person ist die freundliche, etwas kindlich verspielte, mit der ich sofort lachen, herumalbern und allerhand Blödsinn anstellen möchte, da sie mir so vertraut erscheint. Die andere dagegen ist die, die mich eigentlich beeindruckt hat und die in mir etwas auslöst, das schwer zu beschreiben ist. Sie ist weniger freundlich, vielleicht sogar etwas übellaunig, aber von einer furchtlosen Intensität und Ernsthaftigkeit verbunden mit einer selbstverständlichen Menschlichkeit. Treffe ich auf diese Person, verspüre ich sofort das unwiderstehliche Bedürfnis, ihr ebenso furchtlos, aufrichtig und ernsthaft gegenüber zu treten. Das ist eher ungewöhnlich für mich, vielleicht ist es der Wunsch, etwas von dieser Furchtlosigkeit zu lernen. Ich denke dann sofort an meine eigene vermeintliche Oberflächlichkeit, die nicht wirklich eine ist, sondern mehr eine Art Maske. Nach außen trete ich diplomatisch, freundlich, witzig, aber auch etwas unentschieden, distanziert und ungreifbar auf. Dies ist meine Waage-Venus im dritten Haus in Konjunktion mit Uranus. Auf andere wirke ich deshalb in der Kommunikation, so denke ich, oberflächlich, sprunghaft, vielleicht sogar blond. Jedenfalls werde ich oft stark unterschätzt, was aber nicht unbedingt von Nachteil sein muß. Aber da gibt es auch noch die Merkur-Pluto-Konjunktion im dritten Haus. Dies ist der achtsame Schweiger und Denker in mir. Da der sich lieber mißtrauisch im Hintergrund hält und scharf beobachtet, gibt er sich kaum jemals zu erkennen, außer vielleicht eben in jenem Schweigen. Das Problem, klar und ernsthaft aufzutreten, liegt, so denke ich mir, zu gleichen Teilen an meiner Schüchternheit, meiner Angst vor Nähe und meiner Konfliktscheu. Der Winterritter nun rührt auf seltsame Weise an diesem Punkt. Ist er in der Nähe, verringert sich die Angst und verspüre eine wärmende, ungewöhnliche Kraft, ganz ich zu sein und dieses auch ausdrücken zu wollen. Trotz meiner Schüchternheit habe ich das Bedürfnis, ihm stets in die Augen zu schauen. Sobald ich merke, daß ich seinem Blick ausweiche, zwinge ich mich sofort, ihn wieder gerade und klar anzuschauen, weil es mein tiefster Wunsch ist. Vielleicht ist es auch eine Art subtiler Konkurrenz. Sein Blick scheint streng alles zu durchschauen und ich nehme die Herausforderung an. Einmal für ihn und einmal für mich, weil es sich so gut anfühlt. Ein starkes Verlangen nach Aufrichtigkeit und absoluter Klarheit, ohne jede Ausweichmanöver oder Fluchttendenzen, die sonst bei mir sehr ausgeprägt sind, das weckt er in mir, und auch das Gefühl, es schaffen zu können. Gerade heute hätte ich jene zweite Person von ihm lieber getroffen.
zeigte ich dem Physiotherapeuten, wie ich in meinem Bett nächtige. Der meinte darauf bloß: "Wie kann man denn SO schlafen? Und das die ganze Nacht?" Die letzte Nacht sollte nun die erste sein - in der ich mir das abgewöhne. Das Ergebnis war scheußlich, aber ich erinnere mich undeutlich, daß ich im Traum mit meiner verstorbenen Großmutter mütterlicherseits an einem Tisch saß und sie mir eine alte, geheimnisvolle Geschichte über mich aus meiner Kindheit erzählte, welche ich selbst noch nicht kannte. Natürlich habe ich die Geschichte vergessen.
wurde Herr N. heute morgen. Niemand wußte etwas. Dann stellte sich heraus, daß er sich krankgemeldet hatte. Meine Chefin nutzte die Gelegenheit für ein Gespräch mit mir, weil sie vortasten wollte, ob wir einverstanden wären, umzuziehen. Ihn wollte sie nicht fragen, wortwörtlich sagte sie, sie möchte nicht, daß er abgeht wie eine V8-Rakete. Außerdem meinte sie, daß noch nie jemand so gut wie ich mit ihm klar gekommen ist als Zimmerkollege und sogar sie selbst jetzt besser mit ihm zusammenarbeiten könne. Aber sie wisse natürlich nicht, ob ich leide. Manchmal habe ich den Eindruck, daß jeder meint, ich müsse mit Herrn N. leiden. Wenn ich wegen fehlenden Unterschriften gerüffelt werde, werde ich ebenfalls gefragt, ob Herr N. sich weigert zu unterschreiben. Ich betone stets, daß ich kein Problem mit ihm habe, aber irgendwie nimmt man mir es wohl nicht ab. Doch es ist so - er antwortet immer, wenn ich ihn etwas frage, unterschreibt alles, was ich ihm hinlege, macht meinen Drucker oder Computer nicht ungefragt aus, was er bei anderen sehr gerne macht, und die Macken, die mich anfangs genervt haben, hat er inzwischen halbwegs abgelegt. Ich wundere mich schon fast selbst, daß er bei mir so handzahm ist, während so etwas für andere anscheinend unvorstellbar ist.
habe ich es gehasst, Aufsätze zu schreiben. Und ich hasse es heute noch, über Dinge zu schreiben, über die ich nicht schreiben möchte. Insbesondere, wenn diese bereits anderswo geschrieben worden sind. Als Journalist wäre ich eine Katastrophe. Zum Glück hat das auch meine Mutter als Redakteurin rechtzeitig erkannt, wenn ich quengelnd und völlig unausstehlich über meinen Hausaufsätzen saß. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ebenfalls sehr dankbar bin ich meinem Vater, daß er mich nicht gezwungen hat, Pastorin zu werden. Predigen hasse ich nämlich ebenso.
daß ich mir jetzt bereits ständig den Kopf zerbreche, wie ich meinem Physiotherapeuten am Montag die sehr, sehr schlechte Nachricht überbringen soll und ihn außerdem dazu bewegen kann, wieder etwas zu machen, was mir hilft, haben die letzten telefonischen Neuigkeiten meine Stimmung auch nicht gerade gehoben. Mein Bruder und seine Freundin wollen auf einmal alle ihre Zelte in Berlin abbrechen, ihre Jobs kündigen und ein Haus in einem winzigen brandenburgischen Dorf kaufen und mein Lieblingscousin, den ich allerdings schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe, soll angeblich ein Säufer sein. Mal schauen, was demnächst neues kommt. So richtig überrascht mich ja nichts mehr...
Theodor Storm lernte schon sehr früh lesen und schreiben und schrieb später schaurige Novellen. Der Grund dafür ist das unheimliche Schloß, in welchem er in seiner Kindheit lebte. Dieses Schloß besichtige ich nun mit meiner Mutter. Wir laufen durch düstere Säle, in denen man kaum die Hand vor Augen erkennen kann. Überall finden sich Porträts und Abbildungen eines Vampirs. Auffällig sind insbesondere die schweren, hölzernen Türen ohne Klinke, auf denen ebenfalls ein unheimliches Porträt als Relief hineingeschnitzt ist. Erst erinnert mich das Relief an Nosferatu, doch dann bekommt es mehr etwas von einer Teufelsfratze. Wahrscheinlich ändert sich der Eindruck je nach Lichteinfall. Öffnen kann man diese Türen nur mit einem geheimen Hebel. Zwischendurch befinde ich mich in einer Straßenbahn und habe es eilig, zu einem Termin zu kommen. Ich könnte Glück haben und es gerade noch rechtzeitig schaffen. Beim Umsteigen fällt ein Käse durch einen Lücke eines Maschendrahtzaunes. Mit der Hand lange ich durch diese Lücke, um ihn wieder aufzusammeln, da verwandelt er sich in meiner Hand in einen Grünfinken. Dieser ist relativ zutraulich, will sich aber von mir nicht greifen lassen. Als ich zupacke, fliegt er davon. Wieder im Schloß stehen wir nun vor einer dieser unheimlichen Türen um zu sehen was dahinter ist. Weil ich feige bin, lasse ich meiner Mutter den Vortritt. Die stört sich aber nicht daran, findet den geheimen Hebel und mit einem Knall springt die Tür auf. Innen hängt wie in der Geisterbahn ein menschliches Skelett und ich springe schnell zur Seite. Dies war aber nur eine äußere Attrappe der Tür. Der eigentliche Durchgang ist noch nicht geöffnet. Wir finden einen zweiten Hebel und wieder springt eine Tür knarrend auf. Ein Gang wird sichtbar. Neugierig spähe ich hinein. Dort, wo er hinführt, ist es taghell. Ein Hutzelzwerg mit dem Aussehen Nosferatus, der die
Mütze meines Uropas trägt, und ein schwarzer Höllenhund kommen uns aus dem Gang entgegen und nehmen uns in Empfang. Allerdings dürfen wir nur einzeln die andere Seite kennenlernen. Das heißt, ich muß vor der Tür warten, bis der Hutzelzwerg und der Höllenhund mit meiner Mutter fertig sind und ihr alles gezeigt haben. Mir ist sehr gruselig zumute, aber ich spreche mir Mut zu und denke: Ich schaff das schon, auch alleine.
Bemerkung: Vielleicht war die Besichtigung der Folterkammer doch keine so gute Idee.
Eine Ärztin meinte mal zu mir, daß sie mit ihren Rückenschmerzen nur eine einzige Sitzung bei einem Osteopathen hatte und danach ihre Schmerzen los war. Erst dachte ich ja, sie will mich für den Osteopathen um die Ecke anwerben, aber ich hatte mich geirrt. Sie meinte wirklich, was sie sagte. Als ich das der blonden Physiotherapeutin erzählte, rollte sie nur mit den Augen und erklärte, daß es wohl eine Kopfsache gewesen sei. Nun ja, vielleicht ist bei mir auch eine Kopfsache und überhaupt würde ich gerne mal wissen, was bei der Osteopathie gemacht wird. Komischerweise findet man im Internet zwar haufenweise allgemeine Artikel zur Osteopathie, aber nirgendwo erfährt man etwas genaueres. Sehr mysteriös.
Kaum war ich im Büro begrüßte mich Herr N., über die Zeitung gebeugt, auch schon mit der aufregenden Neuigkeit: "Na mit den Frauen ist ja jetzt was los!"- Ich frage: "Wieso? Was ist denn mit uns los?", da liest er mir vor, Mutter habe zwei Kinder vom Balkon gestürzt und sei hinterhergesprungen, Frau habe Ehemann bei Scheidungsverhandlung erschossen etc. Darauf bemerke ich, daß man es früher hauptsächlich von Männern hörte, daß die ihre Familien erschießen. "Ja," meint Herr N. "und jetzt wird zurückgeschossen. Mir ist schon angst und bange."
Im übrigen muß in meiner Urlaubswoche irgendetwas mit Herrn N. vorgefallen sein. Es kommen dauernd seltsame Bemerkungen, uns betreffend, oder es wird komisch gegrinst. Er selbst will mir aber anscheinend nicht erzählen, was passiert ist. Na ja, der Tratsch wird ziemlich sicher auch noch bis zu mir finden.
scheint mir zur Zeit ziemlich hold zu sein, denn heute erhielt ich die Nachricht, daß eines meiner Gedichte in einer Anthologie aufgenommen wird. Ich glaube, die Lyrikgöttin mag mich und sicher auch Verliebte.