Alien
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Sonntag, 21. Mai 2006

Eine seltsame Nacht

habe ich hinter mir. Ich bin ziemlich früh ins Bett gegangen und war plötzlich um 4 Uhr wieder hellwach. Zuerst dachte ich das liegt daran, weil ich ich mich auf Puschels Ohren gelegt habe, aber dann merkte ich dass meine Narbe am Bein wieder juckte und angeschwollen war. Das macht sie manchmal, wenn feuchtes Wetter ist, im Moment allerdings regnet es ja nun schon seit drei Tagen, und trotzdem war sie frühmorgens wieder normal. Überhaupt ist das eine seltsame Narbe. Wenn sie anschwillt sieht sie aus wie ein kleiner Ring und ich habe sie schon, so lange ich denken kann, sogar als ich noch im Sandkasten spielte. Im Prinzip könnte man sie für eine Impfnarbe halten, nur mit dem Unterschied, dass die Impfnarben, die ich am Arm habe, eben nicht jucken und anschwellen. Meine Mutter kann sich auch keiner Impfung entsinnen, die ich am Bein bekommen habe. Manchmal frage ich mich, ob ich vielleicht das Erzeugnis eines interplanetaren Genexperimentes bin und mir von den Außerirdischen schon vor meiner Geburt irgendwas in das Bein eingepflanzt wurde. Letzte Nacht haben sie wohl wieder Kontakt aufgenommen.

Samstag, 20. Mai 2006

Beim Herrn Kaiser gefunden

1. Mit welchem Star würdest du sofort ins Bett gehen?
Billy Idol. Allerdings nur im Dunkeln und wenn er mir dabei ganz viel ins Ohr sagt.

2. Wenn deine Seele eine Farbe hätte, welche wäre das?
Dunkelviolett.

3. Durch diverse Katastrophen gibt es nur noch drei Nahrungsmittel. Welche müßten das sein, um dein Überleben zu sichern?
Kartoffeln, Bananen, Wassermelone. Ich hab mich mal ein ganzes Jahr lang nur von Kartoffeln, Olivenöl und Nußschokolade ernährt. Das ging wunderbar. *gg*

4. Drei Dinge, die dir unendlich auf die Nerven gehen.
Dummheit (ich weiß, Dummheit ist relativ, aber bei gewissen Gelegenheiten fällt es mir wirklich schwer, die Ruhe zu bewahren), exessives Opferverhalten inklusive diverser Manipulationstechniken, Arroganz

5. Mit welchem Superheld kannst du dich am meisten identifizieren?
Superhelden? Ich kenne gar keine.

6. Was wolltest du werden, als du ein Kind warst?
Superheldin.*gg*
Im Ernst, ich wollte immer so werden wie Emma Peel und habe das nicht einmal ansatzweise erreicht.

7. Drei dich beschreibende Substantive.
Gegensatz, Leidenschaft, Alien

8. Was / Wer bringt dich regelmäßig zum Weinen?
Filme, Musik

9. Dein größter Fehler / deine größte Stärke:
Meine Distanziertheit.

10. Was macht dir Angst?
Innere Einsamkeit, jedoch nicht das Alleinsein.

11. Dir steht eine Organtransplantation bevor. Was muss ersetzt werden?
Die Niere.

12. Wenn Tom Cruise / Angelina Jolie an deiner Tür klingeln würde, was würdest du tun?
Ich würde sie sofort wieder zu machen.

13. Der letzte schlimme Alptraum, an den du dich erinnern kannst.
Der Traum, in welchem ich Sterne im Universum machte. Zwischendurch hatte ich zwar auch welche, aber die waren nicht so, dass ich mich daran erinnern kann.

14. Drei kleine Eigenheiten.
Ich teile ungern meine Pralinen, hasse es zu telefonieren und stehe manchmal völlig neben mir, bin abwesend und denkblockiert.

15. Wenn du jetzt sterben würdest, was wären deine letzten Worte?
Ich will nicht.

Verstoßene Windsbraut

An solchen stürmischen Tagen wie heute merke ich immer wieder, was mich an den neuen Fenstern stört:

Ich höre den Wind nicht mehr.

Ich kann ihn nur noch durch das Fenster hindurch in den Bäumen beobachten. Das hat durchaus seine Vorteile, zum Beispiel nachts, wenn man nicht mehr von dem pfeifenden Singsang und dem übermütigen Klappern der Fenster aufgeweckt wird. Aber eben auch Nachteile, wie ich im letzten Herbst bemerken durfte, wenn man nur zwei Schritte entfernt vom Fenster sitzt und überhaupt nichts davon mitbekommt, dass draußen ein Orkan tobt, was zur Folge hat, dass sämtliche Abdeckungs- und Pflanzenbefestigungsmaterialien den Abgang über die Balkonbrüstung machen, vom Winde verweht sozusagen. Als ich noch vom immer lauter werdenden Geräusch des Sturmes gewarnt wurde, konnte ich dieser Situation stets vorbeugen, in dem ich todesmutig auf den Balkon sprintete und mich in die tosenden Böen warf, um alles, was nicht niet-und nagelfest ist, in Sicherheit zu bringen. Und es hat noch einen anderen Nachteil - man fühlt sich so abgeschnitten von den Elementen. Ein Sturm ohne das Klappern der Fenster und das Pfeifen des Windes ist einfach kein richtiger Sturm, genauso wie ein Sommer ohne die abendlichen Schreie der Mauersegler einfach kein richtiger Sommer ist. Finde ich.

Freitag, 19. Mai 2006

Hab gerade den Herodot heimgetragen....

und bin schon beim Blättern an einigen lustigen Stellen hängengeblieben. Ich glaube, der wird sich wohl trotz der 754 Seiten ganz gut lesen, wobei ich ja seine Sprache fast sogar irgendwie ulkig finde. Das kann aber auch einfach nur an der Übersetzung liegen.
Da schreibt er zum Beispiel darüber, wie Kater ihre eigenen Jungen töten, um wieder von der Katze "rangelassen" zu werden - ich wußte gar nicht, dass sowas schon im Herodot steht -, "denn das Tier ist sehr kinderlieb." Das könnte man nun zweideutig, wenn nicht sogar dreideutig verstehen. Dann erzählt er weiter:

Auch bei einer Feuersbrunst geht es mit den Katzen wunderbar zu. Während die Ägypter um das Feuer herumstehen und auf die Katzen achten, ohne an das Löschen zu denken, schleichen sich die Katzen zwischen den Menschen durch oder springen über sie weg und stürzen sich in die Flammen. Darüber sind dann die Ägypter sehr traurig. Wenn in einem Hause eine Katze von selbst stirbt, schneiden sich alle Bewohner nur die Augenbrauen ab, wenn aber ein Hund stirbt, scheren sie sich den Kopf und den ganzen Leib.
Als mein Vater mir das Buch gab, fing er ebenfalls an im Buch zu blättern und hätte es dann am liebsten gleich selbst gelesen. Er meinte, wenn er sieht, was da so alles drin steht, müßte er auch mal wieder reingucken und ich solle es ja schnell wieder zurückbringen.

Im übrigen lag er wie immer im Bett und klagte, als ich heute kam, dass es ihm so schlecht geht, dass er gar nicht viel isst und gar keine Lust habe, irgendwas zu machen außer zu schlafen, aber der Papierkorb, den er am Bett zu stehen hat, war voller leerer Pralinen-, Keks- und Schokoladenschachteln. Kein Wunder, dass er keinen Hunger hat und nicht viel isst, wenn er seine ganzen Süßigkeitenvorräte plündert, von denen er jede Menge hat und generell nie was abgibt.
Inzwischen hat er sich an seinem Bett schon so eingebaut, wie Marlene Dietrich in ihren letzten Jahren, allerdings ohne Telefon, da er ja nicht telefonieren kann und will. Wenigstens geht er noch alleine auf's Klo.
Aber ich frage mich ehrlich, wozu er, wenn er den ganzen Tag im Bett liegt, drei Armbanduhren trägt - zwei an einem Handgelenk und eine am anderen. Nun ja, darüber darf man sich wahrscheinlich nicht mehr wundern. Wer weiß schon, wie schrullig ich mit 76 sein werde.

Die Geschichte, die NICHT "Freibeuter des Herzens" heißt - Teil 5

„Ich bin Robert.“ stellte er sich vor.

Nachdem ich ebenfalls meinen Namen genannt hatte, wagte ich sogleich einen invasiven Vorstoß, indem ich fragte: „Und warum habt ihr euch getrennt?“, womit ich ihm außerdem subtil zu verstehen geben wollte, dass ich schon einiges über ihn wusste, damit er nicht auf die Idee käme, mir irgendetwas Falsches zu erzählen.

„Wir haben uns auseinandergelebt.“ antwortete er stereotyp und setzte hinzu: „Und es gab Konflikte wegen des Erbes.“ Seine unwirklich blauen Augen huschten verlegen umher.

Das interessierte mich nun in der Tat brennend. Was für Konflikte konnte es da wohl geben? Ich wusste, dass Großonkel Albert 97 Jahre alt war. Betraf es die Taubeninsel und den Grundbesitz? Doch direkt danach zu fragen erschien mir etwas zu unhöflich, weshalb ich mich, nicht ohne Anstrengung, zurückhielt.
Langsam merkte ich, wie mir die Müdigkeit in alle Glieder kroch, und noch ehe ich selbst diesen Gedanken denken konnte, fragte er mich, ob ich gehen wolle und er mich vielleicht nach Hause bringen dürfe.

Wir schlenderten in das Wohnzimmer zurück, um uns zu verabschieden. Onkel Gustav fummelte gerade unter dem Pulli an Tante Bärbel’s BH und auch bei den anderen schien die Stimmung noch immer ungebrochen gut zu sein, wenn man sie so zu den Polkaklängen von „In Rixdorf ist Musike“ in einer Polonaise um den Tisch herumkriechen sah. Irgendwie war ich ganz froh darüber, dem Anblick einer Rentner-Gruppensex-Orgie zu entkommen.

Inzwischen war es Nacht geworden. Ein atemberaubender Sternenhimmel hatte sich über die dunklen Dächer gebreitet und der warme Frühlingswind strich wie ein sanftes Kätzchen um meine Beine. Genau die richtige Kulisse für ein filmreifes Tete a tete, das unvergesslich bleiben würde, dachte ich. Doch leider hatte ich die Rechnung ohne seinen Wagen gemacht, dem er schnurstracks entgegenstrebte, ohne dabei aufzuhören mich zu stützen, als wäre ich selbst schon altersschwach oder als würde ich zumindest unter gefährlichen Gleichgewichtsstörungen leiden. Das konnte unmöglich der Fall sein, aber ich sagte nichts und ließ mich widerstandslos zum silbermetallicfarbenen Audi führen. Also wurde doch nichts aus der Romantik unter sternenklarem Himmel, mit verbummelten Schritten und ebenso verbummelten Worten. Leise verfluchte ich mal wieder den technischen Fortschritt, der mit seiner sich fortwährend steigernden Schnelligkeit jedwede romantische Augenblicke zerstörte, mal ganz abgesehen davon, dass ich auch wenig Lust verspürte, in mein Katastrophengebiet zurückzukehren. Sollte ich ihn fragen, ob ich mit zu ihm kommen kann? Himmel, nein! Das ging überhaupt nicht! Was würde er von mir denken!

Aber vielleicht konnte ich ihn dazu bringen, ein bisschen rumzuknutschen? Schnell kramte ich sämtliches Repertoire meiner Verführungskünste aus dem Gedächtnis hervor, wo es lange ungenutzt gelegen hatte. Irgendwie machte er nicht den Eindruck, als hätte er jetzt sowas im Sinn, aber mein Gott, ich würde ihn schon nicht vergewaltigen, wenn er nicht wollte. So ein bisschen Knutscherei, was machte das schon? Früher war das Standard auf jeder Schulparty.

Donnerstag, 18. Mai 2006

Die Geschichte, die NICHT "Freibeuter des Herzens" heißt - Teil 4

Albert von der Taubeninsel entstammte einer Dynastie von Piraten, die auf den gefürchteten Ferdinand den Seebeuter zurückging, welcher genau vor 317 Jahren am höchsten Mast eines Dreimastschoners von seiner Mannschaft aufgeknüpft worden war. Nichtsdestotrotz hatte er zu diesem Zeitpunkt schon ein erkleckliches Sümmchen beiseite geschafft, dessen Aufbewahrungsort er nur an eines seiner Kinder weitergegeben hatte, von denen es jedoch noch viele mehr an jedem Ende der Welt gab. Und während die meisten anderen der ehrenwerten Tradition ihres Vaters und der Freibeuterei folgten, spazierte Karl, der Sohn Ferdinands mit einer polnischen Dienstmagd, einundzwanzigjährig auf einen großen Raddampfer, um sich mitten im sumpfigen Delta der Spree eine kleine Insel zu kaufen und eine herrschaftliche Villa darauf zu errichten. Diese Insel, die Taubeninsel, ist nur den wenigsten Leuten bekannt, ganz im Gegensatz zu der Pfaueninsel, einem beliebten Ausflugsort, und versteckt sich hinter einem undurchdringlichen Wald aus alten Eichen. Kaum einer hat sie je betreten.

Versonnen beobachtete ich den neuen Gast und vermeinte das kühn geschwungene Profil eines Piraten in seinen Zügen zu erkennen, was natürlich völliger Unsinn war, da er ja gar nicht dieser Linie abstammte. Sehr bald wurde ich dann auch aus meinen Träumereien gerissen, weil Tante Bärbel mit mir plaudern wollte.

„Was machen dein Bruder und seine neue Freundin?“

„Denen geht es gut.“

„Ich habe gehört, seine neue Freundin, wie heißt sie doch – Gunhilde, soll ein wenig eigenartig sein?“ Ihre Augen funkelten lüstern.

„Wie kommst du darauf?“

„Na, deine Mutter hat überall erzählt, sie hätte schon nach drei Wochen des Kennenlernens seine dreckige Wäsche in ihrer Waschmaschine gewaschen.“

„Ach weißt du, sie fand es vorher ebenso merkwürdig, als die damalige Freundin jahrelang seine Wäsche NICHT gewaschen hat. Ich glaube, das hat nicht viel zu sagen.“

Insgeheim fragte ich mich, nach welcher Zeitspanne es wohl gesellschaftlich akzeptiert und nach welcher sogar gesellschaftlich gefordert wird, die dreckige Wäsche seines Liebhabers zu waschen.

Um mich herum war die Stimmung genau wie der Lautstärkepegel rapide angestiegen, denn nicht nur ich hatte kräftig mit alkoholischen Getränken desinfiziert. Die alten Leute - Bekannte, Freunde und Geschwister meiner Tante -, die vor zwei Stunden noch relativ still ihren Kuchen zermatscht hatten, wurden mopsfidel, wie man so schön sagt. Einige verlangten lautstark nach Musik und eine Vinylplatte mit Gassenhauern aus den zwanziger Jahren wurde aufgelegt.
Schon bei „Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln geh’n“ schunkelten die ersten lustvoll auf ihren Stuhlkanten mit und summten pianissimo im Takt. Zur Melodie „Das ist die Berliner Luft“ grölte schließlich die ganze Runde entfesselt mit und hämmerte mit den Fäusten im Rhythmus auf den Tisch, dass die Wände wackelten. Der famose Ex, dem wohl mein sowohl amüsierter wie auch fassungsloser Blick nicht entgangen war, zwinkerte mir vergnügt zu. Und spätestens als die Zeilen „Die ganze Welt ist wie verhext. Veronika, der Spargel wächst.“ erklangen, hatte sich das kleine Zimmer in einen Hexenkessel verwandelt, in welchem Onkel Gustav Tante Sieglinde auf den noch immer drallen Hintern klapste, während Onkel Herrmann, ihr Mann, süffisant grinste und Tante Helga das Knie tätschelte, ohne dabei zu vergessen, auch Tante Barbara mit einigen Spritzern Sekt in ihr hasenpelz-geschmücktes Dekollete zu beglücken, welche daraufhin kokett kreischte. Tante Bärbel hingegen lachte lauthals und ließ ihre Brüste unter dem Strickpullover undefinierbarer Farbe im Takt zur Musik mithüpfen.

Nicht nur die Leidenschaften kochten, auch die Luft im Wohnzimmer war siedend heiß, zumindest schien es mir so. Mein Gesicht glühte und auch meine Zunge wollte mir nicht mehr so recht gehorchen. Gerade schunkelte die versammelte Mannschaft ausgelassen Busen an Busen zu „Püppchen, du bist mein Augenstern. Püppchen, hab dich zum Fressen gern...“ als ER sich neben mich auf die Sofakante setzte und fragte, ob ich auch Lust auf ein bisschen Abkühlung hätte.
Natürlich hatte ich das! Und so ließ ich mich nicht lange bitten und folgte ihm in die kaum merklich kühlere Küche, wo wir uns ein kaltes Mineralwasser eingossen.

„Sodom und Gomorrha.“ lachte er.

„Ja, unglaublich!“ antwortete ich und lachte zurück.

Mittwoch, 17. Mai 2006

Die (immer noch) namenlose Geschichte - Teil 3

Mit dem Schraubenzieher ließ sich das mysteriöse Ding dort in dem Stein nicht hinausbefördern, also versuchte ich es mit allerhand anderen Geräten, wie Finger, Pinzette, Messer, Kochlöffel und so weiter. Als auch das keinen Erfolg brachte, kam ich auf die Idee, den Hohlraum mit dem Schlagbohrer zu erweitern. So viel, wie ich zu spachteln hatte, machte ein Loch mehr oder weniger auch nichts weiter aus.
Sorgfältig band ich mir einen strengen Zopf, kramte den Koffer mit der Bohrmaschine hervor und startete so bewaffnet den Angriff. Dröhnend hämmerte der Stahlbohrer auf den Ziegelstein ein. Roter Sand quoll wie Blut einer frischen Wunde aus der Wand hervor, legte sich in leichtem Fall auf Scheuerleiste, Fußboden und die winzigen Wandvorsprünge nieder. Gleich darauf wurde der Sand dunkler, braun und dann auffällig schwarz – schwarz und schmierig.
"was ist das denn?“ Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich geglaubt, kurz davor zu sein, auf eine Ölquelle zu stoßen.

Stattdessen brach ich in den Hohlraum durch. In der vergrößerten Öffnung konnte ich etwas Helles erkennen und eben wollte ich die Bohrmaschine erneut ansetzen, als ein Name in roten Alarmleuchten über meinem Kopf erschien.
„Tante Bärbel!“ stöhnte ich. Die hatte ich ganz vergessen. Dabei hatte ich ihr versprochen, heute zu ihrem halbrunden, dem achtzigsten nicht mehr fernen, Geburtstag zu kommen. Gehetzt blickte ich auf die Uhr: zwanzig vor fünf. Ich ließ alles fallen, stellte mich kurz unter die Brause und zog ein zerknittertes Etwas aus dem Kleiderschrank hervor, das ich mir über den Kopf stülpte. Am Bahnhof griff ich nach dem größten Blumenstrauß, den ich entdecken konnte, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen und eine halbe Stunde später begrüßte mich Tante Bärbel in ihrer kleinen Behausung.

Fesch sah sie aus, wie sie es nannte: die frische Dauerwelle kringelte sich verwegen um ihre altersgroßen Ohren, welche smaragdbehängt der Erdanziehungskraft trotzten, ihre noch immer buschigen Augenbrauen waren gestriegelt und gebürstet und ein leichter, malvenfarbener Lippenstift umspielte ihre dritten Zähne. Lächelnd schubste sie mich auf das Sofa und meinte „Wolltest du nicht eher kommen?“
Ich murmelte irgendwas von ‚Arbeit’ und ließ meinen Blick über den Kaffeetisch schweifen, auf dem eine fettige Butterkrem- und eine Schwarzwälder Kirsch-Torte vor sich hin suppten. Noch ehe ich mir wehren konnte, hatte Tante Bärbel ein riesiges Stück Kremtorte auf meinen Teller geschaufelt, welchen sie mir mit den Worten: „Du musst was essen, Kind! Du bist viel zu dünn!“ servierte. Angestrengt konzentrierte ich mich an der Kaffeetafel auf die Gespräche über Leistenbrüche, Zahnersatz und die neuesten Hausmittelchen, um vorzutäuschen, ich sei so brennend an diesen Themen interessiert, dass ich sogar das Essen darüber vergesse.

Leider fiel diese Strategie mit der Zeit auf, weshalb ich schaudernd die Kirsche von der Tortendecke nippte und mich mit der Gabel bis zum Kuchenboden durchstocherte. Danach schickte ich ein großes Glas Cognac hinterher, um die Bakterien abzutöten. Gerade setzte ich meinen vierten Cognac an, um ihn herunterzukippen, sicher ist sicher, als einer neuer Geburtstagsgast erschien. Spontan machte mein Herz einen Sprung und ich fragte meinen Cousin, der neben mir saß und stumpf auf seinen Teller stierte, wer das sei.
„Der da? Das ist der Ex von der Annette. Du weißt schon. Die Nichte meines Großonkels Albert von der Taubeninsel.“ „Ähem.“ sagte ich und schwieg.

...

Heute musste ich in der Wohnung meiner Eltern vorbeischauen, da meine Mutter verreist und mein Vater allein zu Hause ist. Weil mein Vater kaum noch aufsteht und sich nicht mehr anzieht, hole ich nun alle paar Tage die Post aus dem Briefkasten. Meine Mutter hatte mich schon vorgewarnt, dass mein Vater sich auch nicht mehr rasiert und nur noch in dem selben fleckigen Nachthemd rumläuft. Sie meinte, sie müsse ihm die Nachthemden vom Leib reißen und meist schmeißt sie sie gleich weg, weil sie die gar nicht mehr waschen kann. Ich machte mich also darauf gefasst, einem Geist zu begegnen und traf ihn natürlich im Bett liegend an, nachdem ich die Wohnung aufgeschlossen hatte (denn die Klingel hört er nicht mehr). Er begrüßte mich dann sogleich mit den Worten, wenn ich wolle, könne ich ja die Küche aufräumen und abwaschen. Ja, klar - ich kann mir echt nichts Schöneres vorstellen als nach dem Arbeitstag noch die Putzfrau zu spielen, aber wenn meine Mutter nach dem Urlaub nicht in Ohnmacht fallen soll, wenn sie wieder nach Hause kommt, bleibt mir gar nichts anderes übrig. Also hab ich schnell abgewaschen und aufgeräumt und mein Vater bequemte sich dann doch aus dem Bett und teilte mir mit, dass er jetzt die Zeit, wo meine Mutter weg ist, nutzen wolle, um seine ganzen Karl-May-Bände zu lesen. Leider fehlten ihm aber noch ein paar, die meine Mutter nicht gefunden hatte und nun sollte ich sie suchen. Nun suche mal einer zwischen tausenden von Büchern und das bei doppelten Regalreihen. Ich musste fast die ganze Bücherwand ausräumen, fand dann aber irgendwann eine ganze zweite Reihe voller Karl-May-Bücher, die ich alle auf dem Tisch aufstapelte. Mein Vater freute sich wie ein Kind - "Ach da sind ja noch so viele!" -, aber nach fünf Minuten stellte er fest, dass es die waren, die er schon alle gelesen hatte. Die anderen, die er unbedingt haben wollte, habe ich auch nicht gefunden. Wer weiß, ob er die überhaupt hat. Immerhin will er mir zum nächsten Mal den Herodot raussuchen, er sagte aber gleich, dass er ihn mir nur gibt, wenn ich ihn schnell lese, da er auch noch reinschauen will. Das kann ja heiter werden - 800 Seiten im Eiltempo.

Dienstag, 16. Mai 2006

...

Es ist an der Zeit, auf einer höheren Ebene über dieses Thema nachzudenken als nur zu fragen, ob sportliche Leistungen durch vorausgegangenen Geschlechtsverkehr beeinträchtigt werden. Es muß vielmehr dargestellt werden, wie diese sexuelle Essenz zur spirituellen Weiterentwicklung umgelenkt werden kann mit dem zusätzlichen Vorteil, dass ein durchschnittlicher männlicher Liebhaber in ein sinnliches und sexuelles Juwel verwandelt wird.
(Aus "Lichtnahrung" von Jasmuheen)


Hört sich gut an, fast wie im Märchen.....

Die (noch) namenlose Geschichte - Teil 2

„Hallo Mama, mir geht’s gut. Warum das so lange gedauert hat? Äh, ich war da mit was beschäftigt.... Ich will das Zimmer renovieren. Nein, ich falle nicht von der Leiter und hebe auch nicht schwer. Ja, ich passe auf. Weiß ich nicht. Ich habe jetzt erst angefangen. Möbel kommen später. Warum willst du mich besuchen? Bis dahin bin ich noch gar nicht fertig. Geht es nicht ein anderes Mal? Ich habe nicht gesagt, dass ich dich nicht sehen will! Ja, tschüß!“

Entnervt warf ich das Telefon auf den Küchentisch und setzte meine Arbeit für wenige Minuten fort, da klingelte es erneut. Erst nachdem ich wiederum von der Leiter gestolpert und in die Küche gesprintet war, um schließlich irgendetwas in den Hörer zu fauchen, bemerkte ich, dass es diesmal an der Tür läutete.

„Jaaaa?“ fragte ich hektisch, als ich dieselbe schwungvoll aufriss, und sah mich im selben Augenblick meinem unmittelbaren Nachbarn gegenüber. Normalerweise ist dies nichts, was einen in großes Erstaunen versetzen müsste, wie der erwartungsvolle Leser mir sicher zustimmen wird, doch meine Augen wurden kugelrund aufgrund der Tatsache, dass ich zwar schon etliche Jahre in dem blechdachbewehrtem Haus wohnte, diesen Herrn jedoch bisher allerhöchstens bei zwei bis drei kurzen Gelegenheiten zu Gesicht bekommen hatte. Er schien ein sehr zurückgezogenes Leben zu führen. Doch während ich vor Überraschung fast in die Knie ging, störte er sich nicht weiter an meinem blöden Gesichtsausdruck, starrte mich aus durchdringenden grauen Augen an und stellte rhetorisch fest: „Ich habe Sie gehört, Sie machen da was in der Wohnung, stimmt’s?“.

„Ja“, antwortete ich, inzwischen hatte ich mich wieder gefangen, „ich renoviere. Wieso? Bin ich zu laut? Ich habe eigentlich noch gar nicht angefangen.“

Meine Frage hatte er anscheinend nicht gehört. Er starrte mich weiter durchdringend an und wie ich so zurückschaute und ihn in seinem hellgrauen Strickpullunder, den graumelierten Haaren, dem bleichen Gesicht und den anthrazitfarbenen Bundfaltenhosen unauffällig musterte, schoss mir der ketzerische Gedanke durch den Kopf, ob ich ihn tatsächlich nur die wenigen Male getroffen, oder aber nicht vielmehr ihm schon öfters begegnet war, ihn aber nie wahrgenommen hatte.

Er suchte nach Worten – das erkannte ich an den winzigen Bewegungen, die seine Gesichtsmuskeln unter der grobporigen Haut machten.
„Renovieren kann gefährlich sein.“ begann er linkisch, „Sie sollten aufpassen!“

Das wurde ja immer schöner! Nicht nur, dass meine Mutter erst ruhig war, wenn ich in einer dreißig Zentimeter dicken Watteschicht bewegungslos auf dem Sofa ruhte, nein, jetzt fing mein Nachbar auch noch damit an.

„Ja“, entgegnete ich flapsiger als es meine Absicht war, „ich kann von der Leiter fallen und mir den Hals brechen. Danke. Ich werde alles tun, um das zu vermeiden.“

Von dem leichten Unmut in meiner Stimme zurückgehalten, rang er scheinbar mit sich selbst, als wäre da noch etwas mitzuteilen, von dem er nicht wüsste, ob er es tun solle. Ich fühlte sehr deutlich, dass er mehr sagen wollte, doch meine eigene Ungeduld ließ mich davon absehen, genauer nachzufragen. Schließlich beließ er es bei einem kraftlosen: „Wenn Sie irgendwie Hilfe brauchen.....?“

Ich warf noch einmal einen kurzen Blick auf das eingefallene Gesicht und die dünnen Ärmchen in den schneeweißen Hemdsärmeln, dann schüttelte ich versöhnlich den Kopf.
„Vielen Dank. Ich komme schon zurecht.“

Nach dieser doch sehr unverhofften Begegnung war mir etwas seltsam zumute. Vor allem begann mich in meinem nimmermüden Gehirn zu beschäftigen, was jenes wohl gewesen ist, das nun unausgesprochen geblieben war. Diese Grübeleien gewannen fast eine Art Eigenleben und wurden so aufdringlich wie ein Hund, der sich an einem Knochen festgebissen hatte, dass ich sie schlussendlich rigoros beiseite schieben musste.

Stattdessen setzte ich meine Bemühungen fort, die Tapete von der Wand zu lösen. Dies erwies sich als nicht sehr schwierig, allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass der Putz dahinter ausschließlich von der Tapete zusammengehalten wurde. Sobald diese weg war, fiel er in einer aufsteigenden Staubwolke mit größeren und kleineren Klumpen in sich zusammen. Hustend keimte in mir bei dieser Gelegenheit die Vermutung, dass die Idee das Zimmer zu renovieren, vielleicht doch keine so gute war. Aber nun war der Anfang gemacht. Ein Zurück gab es nicht mehr. Draußen auf dem Hof kreischte ein Kind: „Da! Ein Käfer! Ihhhhh!“; in mir kreischte es nur still, doch ich wusste, dass ich das deutlich größere Problem hatte. Vorsichtig klopfte ich die sandigsten Stellen weg, entfernte einige Zeitungsreste einer Ausgabe von 1979, welche unter der alten Tapete geklebt hatten, als ich auch schon auf die roten Ziegelsteine stieß, welche das Grundgerüst der Wand bildeten. Eine Stelle im Putz war besonders weich, es rieselte unaufhörlich. Dann war es mit einem Mal still und es tat sich ein Hohlraum auf. Neugierig untersuchte ich ihn und stellte fest, dass er sich in einem der Steine befand, welcher nach außen hin ein Loch hatte. Weitere gründliche Untersuchungen, welche ich tätigte, indem ich mein Auge an die schwarze Öffnung hielt und versuchte hineinzuspähen, brachten kein Ergebnis. Alles blieb pechschwarz. Aber es gab ja noch andere Möglichkeiten. Ich griff nach einem Schraubenzieher und stocherte damit im Hohlraum herum. Irrte ich mich oder bewegte sich da was? Ich war mir fast sicher, dass sich irgendetwas in diesem Stein befand, und ich hätte schwören können, dass es kein trockener Mörtel war.

Das Grauen am Morgen

Heute Morgen stieg einer unserer Obdachlosen zu mir in den Bürofahrstuhl und sah aus, als hätte er die galoppierende Gelbsucht. Gelber ging es schon nicht mehr. Ich habe mich unauffällig in die andere Ecke verdrückt, obwohl ich ja eigentlich die Hepatitis-B-Schutzimpfung habe, die vom Arbeitgeber bezahlt wird. Aber sicher ist sicher. Eine Bemerkung bezüglich Arztbesuch habe ich mir verkniffen, denn die interesselose Reaktion auf solche Ratschläge kenne ich schon zu Genüge.

Montag, 15. Mai 2006

Ich fasse es nicht! Diebesgut auf meinem Balkon!

Die Elstern scheinen meinen Balkon tatsächlich als Beuteversteck zu missbrauchen und das nicht nur für Erdnüsse. Beim Blumengießen fiel mir heute so ein merkwürdig schimmernder Krümel auf, der aus der Erde lugte. Als ich ihn mit den Fingern ausgegraben hatte, entpuppte er sich als ein ziemlich großer, silbrig glänzender Klumpen. Da rundherum Erde klebte, konnte ich nicht identifizieren, was das ist, doch nachdem ich ihn mit Wasser abgespült hatte, war eindeutig zu erkennen, dass es ein Kettenanhänger ist. Und es ist garantiert nicht meiner - so senil bin ich noch nicht. Ich habe versucht, einen Silberstempel zu finden, aber er hat keinen, ist also nur Tünnef. Überhaupt könnten die Elstern ruhig ein bißchen was Eleganteres und Formschöneres in meinen Balkonkästen vergraben, oder am besten gleich einen Hunderteuroschein, aber natürlich so, dass ich ihn auch finde. Da muss ich wohl noch ein bißchen mit meinen Raubrittern üben. Wahrscheinlich sollte ich selbst vorsichtig sein, was ich auf dem Balkon liegen lasse, nicht das sie mir noch meine silberne Digitalkamera entführen und irgendwo verbuddeln. Doch ich glaube, dieses Ding wäre wohl etwas zu groß für sie.

Sonntag, 14. Mai 2006

Die Milchkammer-Frage

Nachdem ich mir nach etlicher Zeit wieder eine spezielle Schokoladensorte, welche mit Milchkammern ausgestattet ist und in Riegeln vertrieben wird, gekauft habe, stellt sich mir eine essentielle Frage, die sich mir auch schon früher gestellt hat, die ich aber nie zu fragen wagte, da sie mir zu belanglos schien:
Warum, um alles in der Welt, sind diese Riegel immer mit einer ungeraden Anzahl von Kammern ausgestattet? (Dies betrifft im übrigen nicht nur diese spezielle Schokolade, sondern auch viele andere Schokoladenriegel mit gefüllten Kammern.) Ich finde das jedesmal sehr verwirrend beim Essen, denn es stört ernorm mein kulinarisches Gleichgewichtsempfinden. Ich beiße nämlich generell zwei Kammern gleichzeitig ab, da eine zu wenig ist, drei aber zuviel. Doch bei dieser ungeraden Zahl bleiben immer entweder eine oder drei übrig, also entweder beiße ich 2 und 2 und 1 oder 2 und 3 oder 2 und 1 und 2 oder 1 und 2 und 2 oder 3 und 2. Aber alle diese Kombinationen erscheinen mir unharmonisch, nicht nur mengenmäßig sondern auch geschmacklich. Wer denkt sich sowas aus?

Jenseits von mir

Ich muss jetzt gehen,
die Herzen sind gefallen,
die Köpfe ausgeraucht,
selbst das Lachen ein Feind,
meiner Niederlage harrend,
meine Vernichtung planend

Ich muss nun gehen,
weiß nicht, wohin ich wollte,
weiß nicht, woher ich kam,
doch ich muss fort von hier,
fort von allem was ich habe,
fort von allem was ich bin

Ich muss gehen und vielleicht
(auf dem Weg)
erreicht mich die Erinnerung
an das Ziel jenseits von mir,
die Erinnerung an einen Ort
dort hinter der Pforte
des Selbstverlustseins

Samstag, 13. Mai 2006

...

Krung Thep Mahanakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udomratchaniwet Mahasathan Amon Piman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit

-

so lautet die alte Thai-Bezeichnung für Bangkok und bedeutet übersetzt: "Der Felsgipfel, den Tamatea, der Mann mit den dicken Knien, hinabglitt, als er auf einer Flöte seiner Geliebten vorspielte".

Woher ich das weiß? -->Wissenstest Sprachen

Donnerstag, 11. Mai 2006

Die Geschichte ohne Titel - Teil 1

Eigentlich habe ich mich wohlweislich aus all den Fortsetzungsgeschichtenschreibereien rausgehalten, um mich in Ruhe den wichtigeren Dingen widmen zu können, aber nun hat mich das um sich greifende Virus doch infiziert. Und da ich hoffe, mich bald in eine Sommerb(l)aupause begeben zu können, wurden sämtliche guten Vorsätze von mir über Bord geworfen. Die Geschichte hat noch keinen Titel, aber Vorschläge sind jederzeit willkommen.


In einem blechdachbewehrtem Haus mit blinkenden Zinnen, hinter den sieben Bergen und jenseits der sieben Brücken, unter nördlicher Sonne nur 28°05’15“ entfernt vom Wendekreis des Krebses, wo der Polarstern, welcher ebenfalls Polaris oder Nordstern genannt wird, der äußerste Stern an der Deichsel des Sternbildes Kleiner Wagen, oder auch an dessen Handgriff, wenn man in dem Wagen eine Schubkarre erkennen möchte, einen Winkel von 50°21'' zum topozentrischen Horizont bildet, genauer gesagt unter den Koordinaten 13° 24' 11'' östlicher Länge und 51° 31' 15'' nördlicher Breite, da, wo man Zwerge kacken und Mauersegler kreischen hören kann, lebte und schlief eine junge Frau vier Stockwerke hoch über einer großen Stadt. Die helle Frühlingssonne hatte sich gerade einen schmalen Spalt zwischen den schweren Gardinen gesucht und blinzelte neugierig in das Zimmer hinein. Was sie sah, befremdete sie. Hohe Stapel von Büchern türmten sich an den Wänden entlang unordentlich auf und das Dach war anscheinend undicht, wie ein brauner Wasserfleck an der Decke bezeugte, was dem Zimmer aber keineswegs den Charme der Dachstube des armen Poeten verlieh. „Die arme Kleine“, dachte die Sonne, „kann sich noch nicht mal ein anständiges Bücherregal leisten.“ Dann kitzelte sie mich an der Nase – der treue Leser, der mir bis hierher auf dem beschwerlichen Weg gefolgt ist, wird sicher schon längst vermutet haben, dass es sich bei der jungen Frau um keine andere als mich selbst handeln kann – und mein Blick fiel schläfrig auf den Riss in der fleckigen Tapete, welcher sich wie der Ableger eines riesigen Mangrovenbaumes über die Wand hin zog. Hinter der Tapete rieselte es leise, als ich den großen Zeh unter der Bettdecke hervorreckte und vorsichtig mit ihm gegen dieselbe stupste.
„Ich muss was tun!“ fuhr es mir durch den Kopf. Dann seufzte ich noch einmal tief und sprang hastig aus den Federn. Weniger als eine Stunde nach einem schnellen Frühstück, bestehend aus süßem Rosinenbrot mit Butter und dem obligatorischen Multivitamin-Nährstoff-Trunk mit Gelee Royale, grünem Weizengras-Extrakt, Lecithin, Shiitake-Pilz-Extrakt, Möhrensaft, Rote Beete-Saft, Bierhefe, Aloe-Vera-Saft und vielen anderen wohlschmeckenden Zutaten, fand ich mich im örtlichen Baumarkt wieder.
Anfangs noch ziellos, irrte ich mit ungestümem Wagen durch hallenhohe Regale und bestaunte die Vielzahl der Möglichkeiten, die sich mir auch ohne ein schwedisches Möbelhaus auftaten. Bald erlangte ich die Orientierung zurück und als ich ausgiebig zwischen Gartenzubehör, Badeinrichtung, Schneidbrennern und sonstigen Werkzeugen, deren Zweck und Anwendung mir gänzlich fremd und unbekannt waren, gestöbert hatte, lud ich ein, was ich zu benötigen glaubte – Tapetenrollen, Leim, Wandfarbe, Gipsspachtel und einiges mehr. Dabei bemerkte ich ein elegantes ahornfarbenes Wandbord, das ebenfalls zum Verkauf angeboten wurde. Die klare Form kombiniert mit der kühl-distinguierten Farbe überzeugte mich und ich beschloss, dass sich meine Bücher ausnehmend gut darauf machen würden, auch wenn es bei weitem nicht für alle literarischen Werke ausreichen würde. Um den Kauf eines richtigen Regals kam ich nicht herum. Vollbepackt, meine Neuerwerbung in schützender Umarmung haltend, gelangte ich wieder nach Hause und stimmte mich auf das Abenteuer Renovierung ein.

Das erste Problem, das sich mir in den Weg warf, war das der Bekleidung. Irgendwo mussten doch noch ein paar alte Turnschuhe und abgetragene bequeme Klamotten zu finden sein, nur wo? Konsequenterweise folgte ich der Spur, welche in meinen Kleiderschrank führte, und mit wenigen Handgriffen hatte ich sämtliche Frühjahrs-, Sommer-, Herbst- und Winterkollektionen um mich herum auf dem Fußboden ausgebreitet, gefolgt von dreißig Paar Schuhen vielfältigster Konstruktion, von denen ich einige infolge arbeitschutztechnischer Bedenken sofort von der Benutzung für angedachte Zwecke ausschloß. Schließlich schälte ich mich in ein baumwollrippenes Unterhemd, geringelte Leggins, die vor zwanzig Jahren äußerst hip gewesen waren und deren Ringel damals beileibe noch nicht so breit ausfielen wie heute und mich wie ein schwangeres Zebra aussehen ließen, sowie ausgelatschte Textil-Sneaker. Das restliche Zeug stopfte ich schnell wieder in den Schrank hinein, um freie Bahn zu haben.
Glücklicherweise befanden sich nicht sehr viele Möbel im Zimmer, so dass ich alles bald von der Wand abgerückt, in der Zimmermitte aufgebaut und mit Folie abgedeckt hatte. Die Bücher stapelte ich vorsorglich in den Korridor um. Sollte der Postbote ruhig sehen, wie hochgradig intellektuell ich war, wobei ich das literarisch wertvolle Werk „Die Glut der Leidenschaft“, welches wahrscheinlich einige Analogien zu Bloom’s (Anmerkung der Verfasserin: Hauptfigur des Romans „Ulysses“ von James Joyce) „Die Süße der Sünde“ aufweisen dürfte, wohlachtsam mit dem Buchrückentitel zur Wand kehrte. So vorbereitet hatte ich mich gerade auf die oberste Sprosse der altersschwachen Leiter begeben um die Tapete einzuweichen, als das Telefon klingelte.