Heute Besuch bei meiner Hausärztin, die von meinem "Glück" noch gar nichts wußte. Aber ich wollte endlich den Befund des Rücken-MRT im Dezember wissen. Ich hatte zwar ganz früh einen Termin, doch es saßen bereits fünf Leute im Wartezimmer herum, einige davon schniefend. Mir wurde gesagt, ich solle wegen der niedrigen Leukozyten und der Infektionsgefahr Menschenansammlungen meiden, aber das ist beim Arzt etwas schwierig. Bald setzte sich rechts von mir ein älterer Herr mit einem wahren Terrorhusten, der tief aus den Lungen hinaufgurgelte. Ich wandte mein Gesicht also mehr nach links, doch ziemlich schnell fing der etwas jüngere Mann dort auch an zu husten. Zwischendurch hatte ich ein paar Male die Anwandlung, mir die Perücke vom Kopf zu reißen, damit sie vor mir zurückweichen. Schließlich holte ich ein Papiertaschentuch hervor und hielt es so unauffällig wie möglich vor Mund und Nase. Die Schwester bemerkte dies und schickte mich irgendwann zum Warten in eines der Sprechzimmer, kam hinterher und meinte, ihr sei aufgefallen, wie ich im Wartezimmer gesessen habe. Ich erklärte ihr erst einmal, daß ich Chemotherapie bekomme, was sie ganz schön umhaute und wir unterhielten uns eine Weile. Auch die Ärztin war sichtlich betroffen. Ehrlich gesagt irritiert mich das, weil ich lese, daß jeder Dritte in Europa an Krebs erkrankt, aber wenn man in so eine "normale" Praxis kommt, fühlt man sich trotzdem wie ein Exot, obwohl das eigentlich häufiger vorkommen müßte. Vielleicht ist es aber auch nur so, wenn man bereits 15 Jahre irgendwo in Behandlung ist. Der Befund des MRT haute dafür dann mich um - Bandscheibenvorfall. Das ist zwar nichts besonderes, aber wenn man den Bandscheibenvorfall erst nach fast drei Jahren an Arztbesuchen, Röntgen und mehreren MRT feststellt, und mir vorher immer erklärt, das sei Abnutzung, finde ich das schon etwas eigenartig. Ich fragte die Ärztin, wie das sein kann, und sie meinte nur, ich solle mir vielleicht besser einen anderen Orthopäden suchen. Leichter gesagt als getan, denn die sind anscheinend so rar wie eine Nadel im Heuhaufen und ein Völkchen für sich, wenn man andere so von ihren Orthopäden erzählen hört. Und das alles während der Chemo, wo man keine richtige Behandlung anfangen kann. Aber wenn ich drei Jahre lang damit herumgelaufen bin, macht ein dreiviertel Jahr mehr oder weniger den Kohl auch nicht mehr fett. Ich habe irgendwo gelesen, die Heilung von Bandscheibenvorfällen verläuft um so positiver, je eher man eine ausreichende Behandlung bekommt. Der Zug ist ja wohl abgefahren und mein Vertrauen noch ein wenig ramponierter, diesmal in die Ärzte. Eigentlich hätte ich Grund unglaublich wütend zu sein, aber ich kann das gar nicht, ich bin viel zu fertig dazu. Und in meinem Zustand wird man irgendwie bescheiden und ist über jeden Bandscheibenvorfall froh, der keine Knochenmetastase ist. Immerhin ist diese Wahrheit nun auch endlich an das Licht gekommen und ich weiß, daß mich mein Gefühl, es stecke mehr hinter den Beschwerden, nicht getäuscht hat. Nun habe ich schwarz auf weiß, daß es keine "normalen" Rückenschmerzen sind und ich weder Hypochonder, Jammerlappen oder Simulant bin. Das hat mir zwar niemand direkt gesagt, aber ich hatte trotzdem den Eindruck, daß es einige denken, zumal ich doch immer wie das blühende Leben aussehe, Verzeihung, aussah, und wenn ich Schmerzen habe meistens versuche, mir nichts anmerken zu lassen, bzw. wenigstens nur dann beim Händewaschen zu knien, wenn niemand zusieht (Ist das Eitelkeit?). Gibt es späte Gerechtigkeit? Mir geht immer ein Aussage Norman Mailers aus dem Roman "Das Schloß im Wald" durch den Kopf. Darin heißt es, daß Ungerechtigkeiten, die Menschen zugefügt werden, der beste Weg sind, diese zu Mandanten (des Teufels) zu machen. Doch es würde nicht funktionieren, wenn jeder sich bewußt machte, wieviel Unrecht anderen geschieht. Das stimmt. Und ich kann mir nicht einmal sicher sein, ob ich selbst nicht ebenfalls anderen Menschen Unrecht zufüge.
Ja, der Chirurg, der hat es fein,
der macht dich auf und schaut hinein.
Er macht dich nachher wieder zu
- auf jeden Fall hast du jetzt Ruh,
wenn mit Erfolg für längere Zeit,
wenn ohne für die Ewigkeit.
(Eugen Roth)
Ein hoher, sich nach oben verjüngender Turm, vielleicht auch mehr ein Schornstein mit vier Wänden, denn oben gibt es kein Dach, sondern nur eine Öffnung. Ich befinde mich mit einer Masse anderer Menschen eingeschlossen in diesen Mauern. Von oben fallen Gegenstände in die Öffnung auf uns herab, als würde jemand sie hereinwerfen. Ich greife mir zwei davon, es sind ein Schwert und ein Schild (?), nicht sehr schwer, was gut ist, denn als Erste beginne ich nun beherzt den Aufstieg bis zur Öffnung. Dazu benutze ich ein Seil, nehme aber auch das Schwert und das Schild mit, und glücklicherweise gibt es an der Mauer größere Vorsprünge und sogar ganze Plattformen, die das Klettern erleichtern. Die anderen Menschen am Boden zollen mir für meine Idee und meine mutige Vorhut hörbar Anerkennung und folgen mit einigem Abstand. Nach einer größeren Strecke, die Öffnung aber immer noch weit entfernt, treffe ich auf eine ausgedehntere Plattform und beschließe, hier erst einmal still liegen zu bleiben, da ich nicht schwindelfrei bin, und zu warten, bis die anderen mich eingeholt haben. Doch ich entdecke in der Mauer einen Zugang zu einem Raum mit gemauertem Swimmingpool und etwas versteckt noch einen zweiten identischen Raum mit identischem Swimmingpool. Ich begebe mich in das zweite, etwas versteckte Wasserbecken, weil ich denke, daß dieses nicht so schnell gefunden und überlaufen wird. Hier lasse ich mich nackt im Wasser treiben, außer mir ist nur noch ein seltsames Tier im Wasser, das auf den ersten Blick aussieht wie ein Hund. Jedoch stimmt etwas nicht, das Hundeaussehen ist künstlich und ich bemerke, daß darunter ein ganz anderes Tier steckt. Der Hund ist nur Verkleidung oder Maske und als ich sie wie einen Kaffeewärmer abreiße, kommt ein Murmeltier (oder doch Wasserratte?) zum Vorschein. Es springt auf den steinernen Beckenrand und schaut mir von dort vergnügt zu. Nun strömen einige der Nachzügler in den Raum, auch sie bleiben auf dem Beckenrand stehen und schauen mich an, als wäre ich ihr Held. Doch sie betreten nicht das Wasser, entweder aus Respekt oder um meine Privatsphäre zu wahren. Schließlich bin ich nackt.
Mit einer Person, die ich im Traum ganz selbstverständlich für Jesus halte, in einer kargen und fast vollständig leeren Lehmhütte. Ich biete ihm an, sich auf den Boden schlafen zu legen, es ist mir allerdings etwas peinlich, daß ich nichts anderes als den Boden anzubieten habe. Nicht gerade sehr gemütlich. Doch ihn scheint das nicht zu stören. Er schaut den Lehmboden an und macht eine Bemerkung in der Art, als wäre der Lehmboden zum Schlafen hervorragend geeignet. Jetzt gilt es noch eine Suppe für ihn zu organisieren. Dazu brauche ich ein Gefäß, welches ich außerhalb der Hütte suche. Ich finde ein blaues Schüsselchen, gerade einmal so groß wie ein Aschenbecher. Satt wird man daraus nicht, aber besser als gar nichts. Eine richtige Eßschüssel ist wohl nicht aufzutreiben. Doch Sorgen mache ich mir deshalb keine mehr, denn mein Gast, der er anscheinend ist, wirkt nicht so, als stelle er hohe Ansprüche.
Traumfragmente mit einer Blaumeise, die ziemlich anhänglich ist und ein Stück Weg mit mir fliegt, sowie drei langsam in der Luft schwebenden tellergroßen Schmetterlingen.
Bemerkung: Das erinnert mich an das Tischgebet aus meiner Kindheit "Komm Herr Jesus sei du unser Gast, und segne was du uns bescheret hast. Amen."
bespaßte mich heute mit einer Menge Geschichten über Männer, die während der Chemotherapie ihrer Partnerinnen zu tragischen Säufern geworden sind, und beglückwünschte mich zu meinem Singledasein. Wo immer sie die her hat, unwahrscheinlich ist das nicht, allerdings scheint das bei Prominenten, wenn man sich so umschaut, eher nicht der Fall zu sein. Vielleicht gibt es auch in dieser Hinsicht einen Promibonus. Wenn ich mir jedoch überlege, wie geruchsempfindlich ich geworden bin, ist das schon bedenklich. Seit der letzten Chemo kann ich Puschel nicht mehr riechen, und Desinfektionsmittel, Infusionsbeutel u.ä. sowieso nicht. Ganz besonders von Wasser bekomme ich beim puren Anblick oder nur bei dem Gedanken, es zu trinken, einen Brechreiz. Ebenso verursachen Sitcoms und das Mark-Twain-Buch inzwischen Übelkeit, die Sitcoms, weil ich sie während der dritten und vierten Chemo in der Ambulanz gesehen habe. Weiterhin ist Zähneputzen ohne Brechreiz kaum noch möglich und an diverse Dinge wie kandierter Ingwer o.a., die ich direkt nach den Chemos gegessen habe, mag ich nicht einmal denken. Auch der Anblick oder der Geruch der Toilette ist kritisch, oder der Geruch der Tagesdecke. Man stelle sich vor, man hätte einen Mann zu Hause und könnte DIESEN plötzlich nicht mehr riechen ohne einen Brechreiz zu bekommen...wie schrecklich! Da wäre es verständlich, wenn er zum Säufer wird. Puschel purzelt gerade in der Waschmaschine und riecht hinterher wieder anders, aber einen Mann kann man nicht einfach in den Schonwaschgang stecken, und selbst wenn, würde es nichts helfen.
Bei genauerem Hinsehen scheint es im Zwinger Dresden von Dämonen nur so zu wimmeln.
zum Thema Brust-OP von einem Oberarzt:
"Das andere Extrem sind die Patientinnen, die sagen: "Machen Sie mal." Das gefällt mir auch nicht. Ich finde, die Frauen sollten kritisch sein und sie sollten auch mitschneiden..."
statt
"Das andere Extrem sind die Patientinnen, die sagen: "Machen Sie mal." Das gefällt mir auch nicht. Ich finde, die Frauen sollten kritisch sein und sie sollten auch mitentscheiden..."
hindurch war die Sprechstunde geöffnet und ich habe Nachtschicht im Job gemacht, hintereinander weg Klienten empfangen, die zahlreich erschienen und dachte dauernd: "Boah, warum müssen die alle heute kommen?" Der einzige Unterschied zur Wirklichkeit war der, daß es im ehemaligen Schlafzimmer meiner Eltern stattfand und ich die Akten in der Wäschekommode suchte. Einen Klienten habe ich kaum verstanden, weil er aus einem anderen Bundesland nach Berlin gezogen ist und einen seltsamen Dialekt sprach. Im Nachhinein würde ich fast meinen, daß es Schweizerisch war, also nicht nur ein anderes Bundesland. Und dann wacht man früh auf, wirklich früh, weil man sich noch eine neue Krankschreibung holen muß, und fühlt sich, als hätte man einen ganzen Arbeitstag hinter sich. Toll, wahrscheinlich fehlt mir dieser Genuß zur Zeit. Und von der Ärztin muß ich mir anhören, daß ich blaß aussehe. Ich bin es ja gewohnt, daß mir das ständig gesagt wird, auch von Ärzten und vor der Chemotherapie, aber wenn mir jetzt eine Ärztin sowas sagt, denke ich mir a) sie untertreibt und meint, ich sehe aus wie eine Heroinleiche und b) sie hat wohl noch nicht viele Chemotherapiepatienten gesehen. Ohne Perücke und in weißem Sackleinen könnte ich fantastisch kleine Kinder erschrecken, und nicht nur die. Bisher hat gegen die Blässe nur monatelange Erholung und viel Schlaf gewirkt, aber gegen Chemoblässe richten auch dieses Geheimwaffen nichts aus. Schon gar nicht, wenn man die ganze Nacht hindurch schuftet.
In diesem großen Klinikbetrieb mit ineinander übergehenden mehrfach belegten Krankenzimmern gibt es mehr als genug Patienten. Und trotzdem fühle ich mich hier ziemlich verloren und allein. Die Zeit zieht sich träge zwischen Aufstehen und Hinlegen, endlos. Ab und an sitzt man am Tisch und unterhält sich. Männer und Frauen sind zusammen und bunt gemixt untergebracht. Dadurch freunde ich mich mit einem blonden, etwas kleineren Mann im gleichen Zimmer an. Er ist verheiratet und hat eine Familie zu Hause. Wir sitzen öfter auf seinem Bett und führen lange Gespräche. Während ich mal wieder ziellos und etwas gelangweilt durch das Zimmer geistere, kommt die Oberschwester und erzählt mit kopfschüttelnd, Rudi Völler wäre in der Klinik und hätte von ihr gewollt, daß sie noch um 16 Uhr jemanden anruft. Als ob man um 16 Uhr noch jemanden erreichen würde, wenn alle längst Feierabend machen. Aber er tat so, als sei es früh am Morgen. Nun ja, antworte ich, vielleicht ist er einer der Menschen, die lange schlafen. Sie nickt und geht. Erneut laufe ich ziellos zwischen Tisch und Tür umher, mal ein Wort da und dort anbringend. Verloren in einer Zeitschleife des Klinikbetriebs wie alle anderen Patienten in Nachthemden um mich herum. Sex hatte ich auch lange nicht mehr. Wenn man so viel Zeit in einer Klinik verbringt, gibt es kaum bis gar nicht Gelegenheit dazu. Ok, Sex ist keine Lösung, täte aber mal wieder gut. Doch der einzige Mann, der dafür in Frage käme, von denen, die mir hier zur Verfügung stehen, wäre mein neuer Bekannter, und der könnte es vielleicht falsch auffassen, wenn ich ihn frage. Schließlich will ich nur ein wenig körperliche Zuwendung, und er ist ja ebenfalls lange genug hier begraben. Irgendwann frage ich ihn, so wie man jemanden darum bitten würde, eine Zeitung mitzubringen: Schläfst du mit mir? Und er läßt sich nicht zweimal bitten. Es ist ein Akt der Nächstenliebe, eine Hilfsaktion zwischen Freunden, aber es ist warm und gut, wenn er seine Arme um mich legt und in mich eindringt.
kann wieder eröffnet werden, denn meine Mutter hat noch ein ganzes Büchlein voll früher Jugendgedichte meines Vaters gefunden. Diese sind im Alter zwischen 17 und 19 Jahre entstanden und meist eine Mischung aus jugendlich naiver Liebeslyrik und akademischem Versmaß. Fast interessanter als die Gedichte sind jedoch die Bleistiftanmerkungen meines Vaters dazu. Anscheinend hat er zu jedem Gedicht, das er über eine seiner Angebeteten geschrieben hat, die Initialien derjenigen welcher dazu vermerkt, aber auch mit den Initialien anderer Männer die Zeilen gespickt, in denen er sich über einen Mitbewerber beklagt. Und bei den Angebeteten dürfte es sich nicht um meine Mutter gehandelt haben, da die am häufigsten erwähnten Initialien (H.D.) einen gemäß den Gedichten blonden Engel bezeichnen, während meine Mutter schwarzhaarig war. Dann taucht mal eine "Heimliche Liebe" auf (K.Z.), oder eine Wanderin (C.U.), die aber nicht dauerhaft inspirierend waren. Mit Bleistift ist auch das erste Gedicht meines Vaters von ihm in der Nachlese gekennzeichnet worden, sowie ein Gedicht, welches er scheinbar tatsächlich der Empfängerin vorgetragen hat, "vorgetragen am 10.07.1948 in Cottbus" steht darunter. Ob er wohl Erfolg damit hatte? Interessieren würde mich aber auch, wo die Gedichte meines Großvaters abgeblieben sind, die ich einmal in den Händen hielt. Diese sind bis heute nicht wieder aufgetaucht.
Ich sitze neben meiner ehemaligen Chefin. Diese hält ein Schreiben in ihren Händen. Meine Augen gleiten neugierig hinüber und ich erkenne, daß es um mich geht. Anscheinend ist es meine neue Beurteilung. Einen Satz kann ich ganz lesen. Er lautet in etwa: "Zuckerwattewolkenmond ist niemals mürrisch (o.ä.), sondern streut überall wo sie hinkommt Zucker." Oh, wow....ich bin von der positiven Meinung über mich ziemlich beeindruckt.
Mein Wohnzimmer, völlig leer bis auf einen Büroteppichboden und verschiedene Fax- und Bürogeräte, die herumstehen. An dem einen blinken plötzlich die Wähltasten, ohne daß irgendetwas klingelt oder sich weiter tut. Ich bemerke, daß etwas auf dem Balkon vorgeht und glaube, daß dies in Zusammenhang mit den seltsamen Blinkzeichen steht. Als ich nachschauen will, fliegt eine große Ringeltaube in mein Wohnzimmer, spaziert ein wenig herum, und macht sich dann wieder aus dem Staub. Das Bürowohnzimmer wandelt sich nun in mehrere Büroräume auf Arbeit. Aber alles ist so seltsam anders und vor allem neu. Neue Büromöbel, neue, viel kleinere Schreibtische, neue Arbeitsgeräte, aber nirgendwo Arbeit oder Akten. Ich laufe eine ganze Weile umher, zwischen neuen Möbeln und vielfach unbekannten Kollegen, um einen Platz zu finden, der wohl für mich vorgesehen ist, finde aber keinen. Weder gibt es einen Schreibtisch für mich, noch Arbeit. Ich sollte mich bei den Vorgesetzten beschweren. Wie soll man denn so arbeiten?
Heute kam jemand mit dem Suchbegriff "reha mafia" auf mein
Survival-Abenteuer. Daß es in der Reha-Branche aber inzwischen sogar schon eine Mafia gibt, ist mir neu (würde mich jedoch nicht wundern).
Weitere Begriffe des letzten Monats:
Sehr beliebt bereits seit Jahren - "Mumie basteln" und diverse Abarten. Es scheint einen hohen Bedarf an Mumien zu geben.
"Papst isst öffentlich"
"Gähnen eine versteckte Krankheit"
"Friedhofsgärtner Fridolin" - wer immer das ist
"was macht die tänzerin aus dem schokoladenmädchen heute"
"neue red bull werbung wie zu verstehen" - Wetten das war ein Mann?
In einer neuen Wohnung bei einem anderen Vermieter liege ich wach in meinem Bett. Ich trage eine weiße Zipfelmütze und dazu ein wadenlanges weißes Männernachthemd, so wie man sie von früher kennt. Damit dürfte ich aussehen wie eine Mischung aus Wilhelm-Busch-Karikatur und Blacky Fuchsberger in seiner legendären Nachthemdsendung, aber natürlich alles ohne Haare. Es klingelt an der Tür. Ich jedoch bleibe liegen und habe nicht vor zu öffnen. Es klingelt ein zweites Mal, ich reagiere nicht. Dann höre ich plötzlich verdächtige Geräusche und Stimmen. Eine Stimme kommt mir sehr bekannt vor, sie klingt wie die eines jungen Angestellten des Vermieters. Ich ahne bereits, was vor sich geht und beschließe, gleich zum Gegenangriff über zu gehen und mich nicht erst im Bett erwischen zu lassen. Als ich die Schlafzimmertür öffne, stehe ich mehr als dreißig Leuten gegenüber, die gemächlich durch meine Wohnung wie durch ein Museum schlendern. Wohnungsbesichtigung mit potentiellen Mietern. Da ich in einer schwächeren und dazu noch sehr lächerlichen Position bin, weiß ich mir nicht anders zu helfen, als mit einer wütenden Schimpftirade vorzupreschen. Ich schreie den Mann von der Vermietung an, was ihm einfällt, ungebeten und heimlich in meine Wohnung einzudringen und daß er ja wohl einen Termin hätte mit mir vereinbaren müssen. Die ersten Leute, die mich anfangs wie die Erscheinung eines Geistes angestarrt haben, schütteln empört die Köpfe und verlassen entsetzt von der Dreistigkeit des Vermieters die Wohnung. Sie wissen bereits, daß sie bei so einem Vermieter nicht anmieten wollen. Andere gehen zwar aus der Wohnung, sammeln sich aber unschlüssig im Hausflur. Auch als alle Eindringlinge meinen Privatbereich verlassen haben, lasse ich mit dem Schimpfen nicht nach. In einige Nebensätze baue ich dabei die Chemo ein und beschwere mich darüber, daß man von jemanden, der gerade eine Chemo mitmacht wohl nicht erwarten könne, ständig zur Verfügung zu stehen. Zwar sieht man das an meinem Äußeren, aber manche Leute erkennen es vielleicht doch nicht so offensichtlich, wenn man sie nicht darauf hinweist. Und tatsächlich ziehen jetzt die restlichen Besichtiger ab, entsetzt darüber, daß man eine "arme krebskranke Frau" so in ihrer Wohnung überfällt. Ich bin sehr zufrieden mit mir und meinem Auftritt. Alle potentiellen Mieter sind vergrault und der Vermieter wird es sich sicher überlegen, ob er so etwas ohne offizielle Teminabsprache mit mir noch einmal veranstaltet. Ich bin so zufrieden, daß ich für die letzten Fliehenden schnell noch ein paar Tränchen verdrücke, damit ihnen mein zufriedenes Gesicht nicht auffällt. Denn die Schlacht ist längst geschlagen und alle Eindringlinge sind verjagt.
http://wstreaming.zdf.de/zdf/300/110214_keime_wis.asx
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1260256/Gefährliche-Keime-in-deutschen-Kliniken?flash=off
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/sendung-verpasst/#/beitrag/video/1260256/Gef%C3%A4hrliche-Keime-in-deutschen-Kliniken
Ich weiß schon, warum ich nicht ins Krankenhaus möchte. Allerdings würde ich auch in den Niederlanden nicht gerne in eine Klinik gehen, obwohl man es dort mit Hygiene anscheinend etwas ernster nimmt. Und daß man ohne richtige Nachversorgung von Operationsnarben wieder nach Hause geschickt wird, scheint mir wohl nach meiner Erfahrung der Standard zu sein. (WISO-Sendung vom 14.2.2011)
Die Psychologie des Schaffensprozesses ist heutzutage noch wenig erforscht. Das erklärt sich aus der ungewöhnlichen Kompliziertheit dieses Prozesses, der bei verschiedenen Schriftstellern sehr unterschiedlich verläuft und sich nur schwer in die Grenzen irgendwelcher genauen Formeln oder Gesetze zwängen läßt. Mitunter ist er auch den Schriftstellern selbst unerklärlich. Die meisten von ihnen können nur wiedergeben, was sie empfinden, während sie etwas schaffen, aber sie sind nicht in der Lage, das, was dabei in ihnen vorgeht, zu erklären; sie können den Schaffensprozeß einfach nicht nüchtern analysieren und sein Wesen ergründen. Das weist diesen schöpferischen Vorgang als eine so unmittelbare Funktion unseres Bewußtseins aus, daß er selbst seinen Trägern oft unfaßbar bleibt. Viele Schriftsteller wird man vergeblich nach dem Wesen des Schaffensprozesses fragen. Sie vermögen nicht zu antworten, wie ja auch die Vögel nicht erklären können, wie sie ihre Lieder singen.
(aus "Begegnungen mit Dichtern" von Konstantin Paustowski)
habe ich ja den Verdacht, daß meine Zahnärztin in diesem Blog mitliest. Kaum hatte ich
hier darüber sinniert, wie unheimlich gerne ich mal wieder eine dieser ursprünglichen, puren und archaischen Zahnbehandlungen ohne Betäubung genießen würde, bekomme ich knapp eine Woche später eine nette Einladung von ihr. Anscheinend schickt sie mir jetzt jedes Jahr eine Karte, wobei die letzte noch nicht ganz ein Jahr her ist, sondern erst vom Mai. Danke, sehr aufmerksam, aber was ich schrieb war nicht wirklich ernst gemeint.
Und in der Arztpraxis belauschte ich heute ein Gespräch zwischen zwei anderen Chemo-Patientinnen. Die eine, ganz neu und vor der ersten Chemo, will wissen, was denn nach den Behandlungen mit dem Port passiert. Die andere antwortet, eine Ärztin hätte gesagt, die meisten würden den Port behalten, weil er so schön praktisch wäre. Oh ja, ich kann mir nichts Praktischeres vorstellen, als so ein buckliges Implantat unter der Haut zu tragen, das aussieht, als würde da jeden Moment ein Alien rausschlüpfen. Im Sommer sieht man das sogar unter dem T-Shirt. Und wer weiß, was da noch drin ist. Vielleicht kann man mich inzwischen schon über GPS orten und ich weiß noch gar nichts davon. Elektronische Brustfesseln sozusagen...
Es ist früh um 7 Uhr und ich sitze bereits in einem Seminar an der Fachhochschule. Der Seminarraum ist klein, mit wenigen Studenten und wir alle starren schweigend an die Tafel. Auf dieser wurde eine mehrere Zeilen lange Gleichung mit vielen Unbekannten, Brüchen und Klammern hinterlassen. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere. Weder habe ich solch eine Gleichung schon einmal gesehen noch irgendeinen Schimmer, was das alles bedeuten soll. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen. Es ist mucksmäuschenstill und auch der Dozent sagt kein Wort. Schließlich geht ihm aber die Geduld aus und er bemerkt lächelnd, wir sollen doch bitte nicht so tun, als hätten wir sowas noch nie im Leben gesehen. Echt jetzt? Also ich könnte beinahe schwören, daß es so ist. Dann muß ich wohl entweder nicht aufgepaßt haben oder ich fehlte gerade. Vielleicht ist das auch wieder diese verdammte Differentialrechnung. Die habe ich noch nie kapiert. Um 8 Uhr verlasse ich das Seminar und beschließe, erst einmal ein Frühstück zu benötigen. Es ist noch dunkel draußen und die Kantine der Fachhochschule leider zu dieser frühen Stunde geschlossen. Da der Unterricht aber erst um 9 Uhr weitergeht, hätte ich genug Zeit, irgendwo in die Stadt zu fahren, wo ich mir ein Frühstück besorgen kann. Gleich in der Nähe muß eine U-Bahn-Station sein. Etwas ziellos irre ich durch eine Stadt, die Berlin sein soll, aber wenig Ähnlichkeit mit ihr hat. Auf dem schmalen Weg über einen Hinterhof laufen langsam und gemächlich zwei alte Frauen vor mir. Während ich sie überhole, höre ich sie von blauen Schmetterlingen reden. Auf einer riesigen Kreuzung angekommen, finden sich hier nun tatsächlich mehrere U-Bahn-Eingänge. Doch ich gehe stattdessen durch einen Hauseingang und Torbogen, welcher auf eine kleinere hintere Straße führt. Während ich noch die Straße weiter hinunterlaufe, drehe ich mich um und bemerke, daß sie von hinten wie eine Sackgasse aussieht. Dunkle Häuser mit hohen Giebeln versperren scheinbar den direkten Weg und von dem Durchgang ist von hier aus gar nichts mehr zu sehen. Wer weiß, ob ich ihn wiederfinden würde. Plötzlich möchte ich doch wieder zur Kreuzung und mache kehrt. In einer Nische finde ich ziemlich schnell den Zugang, aus dem ich gekommen bin, doch anscheinend führt der Weg zurück durch ein Krankenhaus. Labyrinthähnlich führen viele Türen von einem Raum zu anderen Räumen. Ab und zu stehen Krankenbetten mit regungslosen Kranken in irgendeiner Ecke. Den Weg hinaus zu finden ist nicht ganz einfach. Immer wieder öffne ich Türen zu Krankenzimmern und entschuldige mich schnell für die Störung. Schließlich frage ich eine Krankenschwester, die mir die richtige Tür zeigt und augenblicklich stehe ich erneut an der großen Kreuzung.