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Mittwoch, 5. Juli 2006

Mein Handtascheninhalt

Nachdem ich schon meinen Kühlschrank auseinandergenommen habe, ist nun die Handtasche an der Reihe, die wollte ich sowieso mal wieder aufräumen. Die Hitze macht einen sogar zum Denken zu träge:

- eine Digitalkamera

- eine Packung Kleenex-Taschentücher mit Balsam

- ein Schweizer Taschenmesser

- vier leere Batterien

- ein Kugelschreiber

- ein Notizblock

- ein kleiner Kalender von 2005

- ein kleines Adressbuch

- ein Merkzettel für evtl. Wohnungsbesichtigungen

- ein ungenutzter Überweisungsschein

- 2 Büroschlüssel mit buntem Anhänger von meiner Kollegin

- Wohnungsschlüssel mit Achat-Donut-Anhänger

- Fahrkarte

- zwei Einkaufsbeutel und eine Plastiktüte

- ein Federmäppchen

- Irisch-Moos-Pastillen

- ein Portmonnaie

- ein zerknüllter Kassenzettel von Lidl über 15,85 €

- ein zerknüllter Kassenzettel von Lidl über 18, 76 €

- ein Handy

- ein Trageband für das Handy

- ein Ladekabel für das Handy

- eine Sprechgarnitur für das Handy

- ein MP3-Player

- vier volle Batterien

- eine Mappe mit diversen Visitenkarten, Terminzetteln, Erste-Hilfe-Paß, Briefmarken, Adressaufklebern und Payback-Karten

- Personalausweis

- Visakarte

- BVG- Linien-Faltkarte

- eine Bankkarte

- eine neue Krankenversicherungskarte

- eine alte Krankenversicherungskarte

- ein Streifen Imodium Akut

- ein Feuerzeug

- zwei Tampons

- eine Packung Wrigleys Extra White

- sieben Sagrotantücher

- sieben Streifen Heftpflaster

- ein kleiner Kamm

- Einmal-Puderquaste

...

Heute war mal wieder Geburtstagslage angesagt und es fiel mir erneut auf, wie sehr es mich entsetzt, dass Kollegen, die wenig älter sind als ich, schon 16-17jährige Sprößlinge haben. Das Entsetzliche daran ist gar nicht das Verfliegen der Zeit, sondern die Tatsache, dass diese Kollegen trotzdem kaum sehr viel reifer als ich sind und die Vorstellung, dass diese Menschen, solche wie sie und wie ich, Kinder großziehen (wobei ich ja freiwillig darauf verzichte), erfüllt mich irgendwie mit Schrecken, erscheinen sie mir doch, ebenso wie ich, fast selbst wie Kinder, sowohl im positiven, als aber auch noch viel mehr im negativen Sinn. Wieso habe ich immer das Gefühl, dass in den Menschenleben, so wie sie zur Zeit gelebt werden, irgendetwas verkehrt läuft? Vor allem scheint es mit den Zeitspannen nicht hinzuhauen, etwas scheint da durcheinandergekommen zu sein. Es passt alles nicht. Vielleicht ist es dieser Unterschied zwischen äußerer Erscheinung und innerer Haltung, der mich so sehr irritiert. Aber warum?

Dienstag, 4. Juli 2006

...

Eben seine astrale Polarisation macht den Menschen für seine vielen emotionalen Reaktionen und für Wellen von Massengefühlen aller Art empfänglich. Sie ist die Ursache, dass er in jenen Strudel unkontrollierter Energien und irregeleiteter emotionaler Kräfte geschleudert wird, die sich schliesslich in einem Weltkrieg, in einer finanziellen Panik, einer religiösen Erneuerungsbewegung oder einer Lynchjustiz auswirken. Sie ist auch das, was ihn auf die höchste Stufe von Fröhlichkeit und unechtem Glück erhebt, auf der das «täuschende Licht» der Astralebene ihm falsche Quellen des Vergnügens aufdeckt, oder wo Massenheiterkeit ihn - infolge seiner Empfindlichkeit - in jenen hysterischen Zustand versetzt, der sich in zügelloser Lustigkeit Luft macht, was der Gegenpol zu hemmungslosem Weinen ist. Ich meine hier nicht den wahren Frohsinn, noch den richtigen Sinn für Humor, sondern jene hysterischen Ausbrüche von Lustigkeit, welche in der menschlichen Gemeinschaft so allgemein verbreitet sind und zur Ermüdung und Ernüchterung führen.
(Alice Bailey)

Eine Milchstraßen-Romanze

Auf Anregung von Loriotta hin gibt es hier noch einmal die gesamte Milchstraßen-Romanze aus dem Internetroman, den Jon, Loriotta und ich geschrieben haben, in einem Rutsch und leicht überarbeitet. Ich hoffe, es tut der Romantik keinen Abbruch, wenn ich verrate, dass Olga und Oto am Ende des Romans von Eva Engel skalpiert werden *gg*:

"Ich bin Dragan." stellte sich der Hüne vor und nickte vertraulich. Er führte Olga und Oto durch endlose Gänge und Treppenflure mit trübe flackerndem Neonlicht hindurch zu einem Fahrstuhl. Der Fahrstuhl ruckte kurz an und polterte mehrere Stockwerke nach oben. Sie betraten eine Halle, die haargenau wie die Empfangshalle eines Hotels wirkte. Und offiziell war sie das auch, denn sie befanden sich nun im Gebäude einer Pension, die als Tarnung für die Kaserne diente, die hier untergebracht war. Von dem Portier am Empfang erhielten sie einen Schlüssel für das Zimmer 313, welches sie vorübergehend beherbergen würde. Dragan verabschiedete sich, empfahl ihnen vorher jedoch noch die hausinterne mexikanische Restaurant-Bar.

Olga nahm sofort nach Betreten des Zimmers das Bad in Beschlag, während Oto von einer als Zimmermädchen verkleideten Aufsichtskraft die neuen, ihnen zur Verfügung gestellten Kleidungsstücke entgegennahm. Als beide ihr gepflegtes und gesellschaftsfähiges Aussehen wiederhergestellt hatten, eilten sie mit knurrendem Magen zum erwähnten Restaurant und fielen wie die Heuschrecken über die Speisekarte her. Erst nachdem sie den ersten Hunger mit Tacos und Tortillas gestillt hatten, waren sie wieder aufnahmebereit für ihre nähere Umgebung und sahen sich neugierig im Restaurant um. Es wirkte mit seinen dunklen, stämmigen Holztischen, den Kerzen, die auf den Tischen ihr warmes Licht verstrahlten und der typisch mexikanischen Ornamentik in der Gestaltung der Wände und Nischen, die an einer Seite eingearbeitet waren, sehr gemütlich und uhrig. Die Tische waren um einen Mittelpunkt angeordnet, welcher von einer langgestreckten Bar eingenommen wurde. Die Gäste schienen jedoch ausschließlich zur Schitkowiczen Riege zu gehören, was man unschwer erkennen konnte. Anscheinend herrschte hier geschlossene Gesellschaft.
"Unglaublich!" stieß Olga zwischen den Zähnen hervor, als Oto ihr gerade die Vorzüge des japanischen Sushi gegenüber den mexikanischen Nationalgerichten erläuterte.
"Ja, unglaublich." griff er ihren Einwurf auf und blickte von seinem Teller auf.
Doch Olga beachtete ihn gar nicht, sondern schaute merkwürdig abwesend an ihm vorbei. Oto folgte ihrem Blick und erkannte sofort, was sie so sehr fesselte, dass sie ihre Augen nicht mehr davon abwenden konnte. Aus den hinteren Räumlichkeiten war ein Barkeeper an den Tresen herangetreten und spülte dort mit anmutigen Bewegungen die Gläser. Er war jung und mit dem klischeehaften Aussehen eines Latino-Lovers begnadet, welches in ihrer Perfektion jedoch jedem Klischee spottete. Wilde schwarze Locken fielen verwegen über die Augen, welche ein anziehendes Feuer versprühten. Natürliche, anscheinend ohne Ehrgeiz, wohl eher mit genießerischem Laissez faire ausgearbeitete Muskeln spielten unter der makellosen, milchkaffeebraunen Haut, von welcher ein verführerischer, perlengleicher Schimmer ausging. Jede seiner Bewegungen am Spültisch strahlte eine sonderbare Schönheit aus, wobei schwer auszumachen war, ob diese Schönheit der Vollkommenheit seines sehnigen und schlanken Körpers zu verdanken war, oder einer besonderen Eleganz und Geschmeidigkeit, mit der diese Bewegungen ausgeführt wurden. Selbst ein Geschirrtuch, das in den Händen anderer Männer profan und lächerlich wirken würde, konnte diesen Eindruck nicht trüben, sondern schien mit seinem Weiß die reine Schönheit der dargebotenen Bewegungen und die natürliche Bräune der Haut noch unterstreichen.

Olga hielt ihn für einen Mexikaner und verglich ihn gleichzeitig mit einem jungen, verspielten, dennoch schon geschmeidigen und keineswegs mehr tollpatschigen schwarzen Panther. Dieser Vergleich beflügelte ihre Fantasie und so bemerkte sie nicht, wie auffällig sie zu dem jungen Schönen hinüberstarrte, der, wie um sie vollends zu verwirren, sein weißes Hemd über der glatten, muskulösen Brust weit aufgeknöpft trug, was ihm eine Appetitlichkeit verlieh, die Olga das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Sie konnte förmlich schon das Salz seiner Haut auf ihrer Zunge schmecken.
"Entschuldige mich bitte!" sagte sie wie im Traum zu Oto und schwebte zum Tresen.
"Hallo!" begann sie mit tiefer Stimme. "Hättest du wohl Feuerrrr fürrr mich?" Sie zog eine der filterlosen russischen Zigaretten hervor und drehte sie lasziv in ihren Fingern. Hilfsbereit griff der göttliche Barkeeper nach einem Feuerzeug und hielt das zarte Flämmchen gekonnt zu ihr hinüber.
"Wie heißt du?" fragte Olga, wobei sie sich dabei ertappte, wie ihre Zunge genießerisch über ihre Lippen glitt.
"Santo." antwortete der junge Mann kurz angebunden, was Olga aber keineswegs abschreckte. Ganz von dem Fieber ihres Jagdinstinktes erfasst bemerkte sie nicht, wie Oto, zurückgelassen an seinem Tisch, zu kochen begann.
Gerade bemühte sie sich, den jungen Mexikaner mit einem Small Talk über russische Cocktails aus der Reserve zu locken, als plötzlich Oto neben ihr stand.
"Hör mal zu, du Bürschchen. Sie gehört mir. Und wenn du sie haben willst, dann wirst du wie alle dafür bezahlen!"
Der junge Mann schaute verwirrt erst auf Oto, der ihn gefährlich anfunkelte, und dann auf Olga.
"Hörrrr nicht auf ihn!" gab sie zurück.
Als Oto Olga grob am Arm packte und die sich laut Sträubende versuchte mit sich zu ziehen, sollte seine Verwirrung endlich jedoch einer standhaften Ritterlichkeit weichen.
"Lassen Sie die Frau in Ruhe!" drohte er und trat mit einem
Blanchiermesser hinter dem Tresen hervor.
Oto holte sofort aus und sprang mit einem gezielten seitlichen Karate-Sidekick in die Luft, um ihm das Messer aus der Hand zu schlagen. Aus dem langgezogenen und herausgepreßtem Schlachtruf "Jiehhhhhhhhhhhhhhhhh" wurde ein jaulendes "Auhooooooooooooooooooooooo", als er mit dem aus seiner Wade ragenden Messer wieder auf dem Boden landete und sich dort das Bein haltend, japanisch fluchend herumwälzte. Ob der junge Mann bewußt oder nur zufällig in reflexartiger Schnelle genau im richtigen Moment zurückgewichen war und zugestochen hatte, wird wohl nie restlos geklärt werden können.

Nachdem der wild schimpfende kleine Japaner von den hausinternen Sanitätern auf einer Trage weggeschleppt und in das Krankenzimmer gebracht worden war, tat Olga einen entschiedenen, das Unerfreuliche beendenden Augenaufschlag und hauchte zu Santo hinüber: "Du bist mein Retterrrr. Ich möchte dir gerne meine Dankbarrrkeit zeigen. Komm heute nach Barschluss in mein Zimmer mit der schönen Nummerrrr 313 und dort werde ich sehen, was ich für dich tun kann." Darauf beharrte sie trotz des mehrmaligen, höflichen Abwinkens des Mexikaners und schließlich nickte er. Dann entschwand sie.

Olga hatte noch einige Stunden des Wartens vor sich und diese verbrachte sie in erregender Vorfreude und gleichzeitig voller banger Zweifel. Würde er kommen? Oder würde sie eine Nacht mutterseelenallein in diesem Zimmer verbringen müssen? Und würde er sie vielleicht zu alt finden? Nun ja, von alt konnte eigentlich nicht die Rede sein, denn genaugenommen stand sie in der Blüte ihres Lebens. Und wer als schönste Leiche, die jemals an Sylter Strände angespült worden ist, bekannt geworden war, der brauchte sich wohl deswegen keine Sorgen zu machen. Doch auch dieser Gedanke konnte die nagende Ungewissheit in ihr nicht besänftigen.

Endlich, es war schon weit nach Mitternacht, klopfte es an die Türe. Als sie öffnete, blickte ihr Santo mannhaft gefasst in die Augen. Wortreich bat sie ihn herein, umgarnte mit ihren Gesten, fesselte mit ihren Berührungen, verführte mit ihrer tiefen, rauhzarten russischen Stimme, in der jedes R wie das ferne, leise Donnergrollen über der ostsibirischen Steppe klang, so wie es einen müden Wanderer wohlig erschaudern lassen musste, der trocken und geschützt bei einem warmen Kaminfeuer ausruhte. Bald hatte sie den jungen Mexikaner völlig in ihren Bann gezogen. Er hing an ihren Lippen wie ein Ertrinkender und schien für einen Kuss von ihr, den sie ihm bisher kokett verweigert hatte, seine Mutter, seinen Vater, und alles, was ihm sonst noch heilig war, verraten zu wollen. Doch Olga ließ es nicht soweit kommen. Sie nahm ihn sich stattdessen gütig und großzügig schenkend zur Brust, bis sie ihr süßes Zuckertörtchen, so hatte sie ihn in einer Anwandlung überschäumender Zärtlichkeit genannt, mit Haut und Haaren verschlungen hatte.

Nach diesen ersten, ebenso leidenschaftlichen wie zarten Gefechten waren sie erschöpft eingeschlafen und Olga ruhte zufrieden schnurrend an der Brust ihres jugendlichen Liebhabers. Zwischendurch war sie, sich der noch andauernden Dunkelheit bewusst werdend, kurz aufgewacht und hatte Santo in das Bad gehen sehen. Sein nackter Körper mit den knabenhaft schmalen Lenden und dem festen, appetitlich gerundeten Po strahlte in einem ganz eigenen, seltsamen Fluidum, das ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Es war nicht nur dieser perlengleiche Schimmer der Haut, sondern irgendetwas schien von ihr auszugehen, was die Dunkelheit ringsumher erhellte. Später hörte sie ihn aus dem Badezimmer merkwürdige Worte in einer ihr unbekannten Sprache sprechen. Diese Sprache hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der lateinamerikanischen Phonetik und Semantik, sondern bestand aus sonderbaren, sehr rhythmisch angeordneten, Schnarr- und Schnalzlauten, die sie noch niemals gehört hatte. Doch Olga blieb keine Zeit, um sich lange ihr hübsches Köpfchen zu zerbrechen, denn schnell war sie wieder in einen tiefen und friedlichen Schlummer gesunken.

In der Frühe erwachte sie mit freudig pochendem Herzen. Was sie in der Nacht gesehen und gehört hatte, war nur noch ein stetig verblassendes Traumbild in ihrer Erinnerung - ein nackter Körper inmitten eines hellen Scheines und ein fremdartiger, melodiöser Sprechgesang.
Als sie die Augen aufschlug bemerkte sie, dass Santo schon aufgestanden war und sie versonnen von einem Stuhl aus betrachtete, den er neben das Bett geschoben hatte. Sie lächelte und fühlte sich auf einmal wie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hatte, es heute mit auf den Jahrmarkt zu nehmen und Karussell fahren zu lassen. Das Kribbeln in ihrem Bauch spürte sie derart, als würde sie sich jetzt schon auf einer schwindelerregenden, schwankenden Fahrt befinden, welche ihr im Gegensatz zu jener unerfreulichen, auf hoher See erlittenen, juchzende Jubelschreie abverlangte.

Santo ging kurz hinaus und kam mit einem Glas hellgrüner Flüssigkeit zurück, welches er ihr reichte.
"Was ist das?" fragte Olga und beäugte misstrauisch das Getränk.
"Weizengrassaft" antwortete er, "frisch gepresst, extra für dich."
Olga verzog den Mund. "Ähm, weißt du......eigentlich hätte ich jetzt viel mehr Appetit auf eine ordentliche Portion Schinken und Eier."
"Gut. Ich werde unten im Restaurant anrufen und dir etwas hochbringen lassen." Er eilte zum Telefon und kurze Zeit darauf, in welcher Olga geduscht und sich angezogen hatte, wurde das von ihr gewünschte gebracht. Sie machte sich hungrig über den verführerisch duftenden Teller her, während Santo ihr interessiert dabei zuschaute, als hätte er noch nie eine Frau essen gesehen, und dabei an seinem Glas Weizengrassaft nippte.
Er war noch immer ziemlich ruhig und sprach nicht viel, doch das störte Olga nicht. Denn anders als die Männer, die sie bisher gekannt hatte, hörte er ihr um so aufmerksamer zu. Ja, er schien geradezu alles aufsaugen zu wollen von dem, was sie sagte oder tat, und das gab Olga ein wunderbares Gefühl.
Aber nun sah es so aus, als hätte er etwas auf dem Herzen, das er ihr unbedingt sagen wollte, denn er räusperte sich. "Olga" begann er, "Olga, ich möchte dich etwas fragen." Hier zögerte er ein wenig. "Olga, möchtest du mit mir in meine Heimat kommen und viele Kinder machen?"

Überrascht von dieser Frage blieb Olga der Bissen würzigen Schinkens im Halse stecken und sie hustete gequält. Als sie wieder sprechen konnte antwortete sie milde lächelnd: "Aber Santo, wer wird denn gleich an Kinderrr denken. Wirrr haben noch viel Zeit, insbesondere du. Du bist doch noch so jung."
"Aber eine Frau wie dich mit nach Hause zu bringen ist die einzige Möglichkeit für mich, meine Heimat wiederzusehen. Auch wenn ich noch jung bin, vermisse ich sie jetzt schon sehr. Und du scheinst wirklich viel Erfahrung im Kindermachen zu haben. Das ist es doch, was wir letzte Nacht taten, oder?"
Olga hustete abermals und ein Stück von diesem verdammten Schinken schien sich quer in ihrem Hals abgelegt zu haben.
"Santo" röchelte sie, "was erzählst du da für Blödsinn? Wieso kannst du ohne mich nicht deine Heimat sehen? Und was das Kindermachen betrifft, so habe ich schon vorgesorgt, damit es nicht dazu kommt. Anscheinend hat dir noch niemand verraten, dass man so etwas wie letzte Nacht auch nur zum Vergnügen tun kann."
"Ach ja?" Santo schaute sie mit großen Augen an. "Interessant!"
"Also Santo! Man könnte fast meinen, du lebst hinterrrr dem Mond! So jung bist du ja nun auch nicht mehrrrr, um nicht gemerkt zu haben, dass Sex nicht nur der Fortpflanzung dient. Oder willst du mich veralbern? Erzähl mir lieber von deiner Heimat und warum du unbedingt mich dazu brauchst, um sie wiederzusehen."
Und Santo erklärte geduldig: "Ja, du liegst mit deiner Vermutung schon sehr richtig. Ich lebe tatsächlich hinter dem Mond, allerdings sehr sehr viele Lichtmeilen dahinter, weshalb diese Ortsbezeichnung etwas zu vage ist. Um deshalb genauer zu sein - ich bin ein Veganer. Auf der Erde kennt ihr uns als eine Bevölkerungsgruppe mit sehr einseitigen Essgewohnheiten, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt zwar auch Menschen unter den auf der Erde lebenden Veganern, die sich aus Sympathie oder weil sie an unserer Ernährung Geschmack gefunden haben, uns angeschlossen haben, doch die echten, wahren Veganer sind wir, die wir vom Planeten Vega kommen, 25 Lichtjahre von der Erde entfernt, nach eurem astronomischen Koordinatensystem im Sternbild der Lyra liegend."

Olga starrte Santo mit offenem Mund fassungslos an und vergaß dabei sogar zu kauen.
Dieser fuhr fort: "Nach einer Umweltkatastrophe, die wir unserem technologischen Fortschritt zu verdanken hatten, sind unsere Frauen unfruchtbar geworden, so dass unsere einzige Möglichkeit der Fortpflanzung nun darin besteht, uns mit den weiblichen Lebensformen anderer Planeten zu vereinen, deren Organismus dem unsrigen gleicht. Die reichste Quelle an Fortpflanzungsmaterial finden wir auf der Erde. Inzwischen ist es Tradition bei uns geworden, dass junge Männer, wenn sie dasjenige Lebensjahr erreicht haben, welches ihren Eintritt in das Erwachsenenalter anzeigt, hinunter zur Erde geschickt werden, um dort eine geeignete Frau zu finden. Erst wenn sie diese gefunden haben, dürfen sie wieder zur Vega zurück. Damit unsere Anwesenheit auf der Erde geheim bleibt, haben wir einen Bund mit Schitkowicz geschlossen und ihm im Gegenzug für seine Unterstützung unsere Ufo-Technologie verraten. Ich bin einer dieser Veganer, der eine Frau sucht, aber vor allem seinen Heimatplaneten vermisst und ich würde mich glücklich schätzen, wenn du mit mir kommen würdest."
Olga schluckte. "Was ist mit den Frauen?"
"Welche Frauen?" Santo blickte sie verwirrt an.
"Na den Frauen unter den V E G A N E R N...." Olga spukte das Wort aus, als enthielte es bittere Galle.
"Das sind Frauen von uns, die sich nicht damit abfinden wollen, abgeschoben zu sein und sich deshalb im Gegenzug auf der Erde einen Mann suchen. Da hier Überbevölkerung herrscht, fällt das Handikap der Unfruchtbarkeit nicht so sehr ins Gewicht und es gibt genügend Männer, denen es nichts ausmacht."
Olga schwieg. Sie wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte. Dann fiel ihr Blick auf die hellgrüne Flüssigkeit in dem Glas, das der Veganer, ehemals Mexikaner, in den Händen hielt.
"Ernährt ihr euch da alle von Weizengrassaft oder gibt es auch noch etwas anderes zu essen?"
"Unser Hauptnahrungsmittel ist Weizengras, aber es gibt noch einige andere Gräser, Gemüse und Früchte, mit denen wir unsere Nahrungspalette bereichern. Doch Weizengras bleibt die lieblichste und bekömmlichste Nahrung, die unser Planet uns schenkt."
Santo geriet ins Schwärmen, seine Augen leuchteten wie dunkle Quarzkristalle und er erzählte von den wogenden, grünen Weizengrasfeldern, die man überall auf der Vega findet und welche den orangeroten Himmel mit ihrem farbigen Kontrast noch intensiver glühen lassen. Er erzählte von den vielfarbigen Ringen des Saturns, die man des nachts in der Ferne über den Feldern blinken sieht und von dem leisen Geräusch, das die Gasmeere machen, wenn kleine Mengen davon wie blitzende Sternschnuppen in der Atmosphäre verpufften.
Auch Olga begann zu träumen. Im Gedanken sah sie sich inmitten wogender Weizengrasfelder stehen, umringt von einer Schar Kinder, die wie die Orgelpfeifen um sie herum aufgereiht waren.
Ihr Gesichtsausdruck hatte sich während Santos Erzählung gewandelt. Auf einmal blickte sie ihn aus vergnügten Augen an und hauchte: "Ja, ich will mit dirrr kommen." Sie hatte bisher zwar nie an Familienplanung gedacht, dies war jedoch weniger dem fehlenden Wunsch gedankt, als viel mehr der Überzeugung, dass sie niemals eine richtige Familie haben würde. Nun hatte sich das Blatt gewendet. Sie konnte mit einem Mal ein völlig neues Leben beginnen, ein Leben, das unbedingt und ganz gewiss viel besser sein würde, als jenes, das sie in Sibirien erwartete. Doch eines musste sie noch wissen:
"Sag, Santo, werde ich auch nur Weizengras essen müssen, wenn ich mit dir komme?"
Santo lächelte: "Nein, mein Schatz. Unsere Frauen, die von der Erde kommen, erhalten regelmäßig Care-Pakete ihrer Angehörigen und Bekannten, in denen diese Schinken, Würstchen und alles was ihr sonst noch gerne esst, schicken. Für dich werden wir sicher auch jemanden finden, der das übernimmt."
Erleichtert atmete Olga auf.

Mit verliebt glänzenden Augen hatte sich Olga von ihrem frisch Versprochenen verabschiedet, um Oto auf der Krankenstation zu besuchen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch je mehr sie sich dem Krankenzimmer näherte, um so unsicherer wurde sie. Wie würde Oto reagieren? Würde er sie gehen lassen? Oder würde er mit allen Mitteln, notfalls mit Gewalt, versuchen, sie zurückzuhalten. Zuzutrauen wäre ihm alles, denn nicht umsonst war er als der kaltblütigste Killer verschrien, der den Geheimdiensten je bekannt geworden ist, und der von
ihnen ebenso hofiert wie gefürchtet wurde. Ihre Schritte verlangsamten sich. Ängstlich überlegte sie, ob es nicht besser wäre, heimlich und für Oto vollkommen unvorbereitet auf die Vega zu verschwinden. Doch sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder. Oto würde sie überall finden, selbst wenn sie sich hinter dem Rand des Universums verstecken würde. Davon war sie überzeugt.
Ihre Hand zitterte leicht als sie die trostlose Kunststoffklinke berührte und schließlich vor dem kleinen Japaner stand, der so lange ihr Beschützer und ihr Freiheitsberauber gewesen war, nun in einem der kühlen Krankenhausbetten liegend, die Wade mit einem dünnen, weißen Verband umwickelt, und dessen Bein in einer Ruheposition hing, die alles andere als bequem wirkte. Es roch nach Desinfektionsmittel und Urin.
"Hallo, Oto! Wie geht es?" Ihre Frage schien auf halbem Weg zu verhallen, sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt etwas gesagt hatte.
"Heute Nachmittag lassen sie mich wieder laufen." antwortete dieser und blickte Olga drohend an. "Ich warne dich, lass dir nicht einfallen, mit diesem Barkeeper anzubandeln. Unsere Geschäftsbeziehung ist immer noch gültig, auch wenn ich an dir schon lange keinen Cent mehr verdient und nur draufgezahlt habe, um dich zurück nach Sibirien zu bringen. Du schuldest mir etwas."
"Ich schulde dirrr gar nichts!" Olgas sonst so tiefe Stimme klang in ihren Ohren viel zu piepsig wie sie fand. Sie atmete tief ein, so als hoffe sie, den Mut der ihr fehlte, mit Luft ersetzen zu können.
"Ich war jahrelang dein bestes Pferd im Stall und du hast dir an mir eine goldene Nase verdient. Hast mich ausgebeutet, ausgenutzt und kurz gehalten. Sogar für deine perfiden Geheimdienst-Machenschaften musste ich herhalten und dabei mein Leben aufs Spiel setzen. Doch damit ist es nun vorbei. Ich habe beschlossen, ein anderes Leben zu beginnen, und ich möchte dich bitten, herzlich bitten, dass du mich frei gibst. Ich möchte, dass wir uns im Einvernehmen trennen und ich in Frieden meinen neuen Platz einnehmen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass du mich verfolgst."
"Von Geschäftspartnern soll man sich trennen, wenn die Geschäfte nicht mehr laufen - was willst du also noch mit mir?" fügte sie fast entschuldigend hinzu.
"So, so....du möchtest also ein neues Leben beginnen. Sehr interessant. Und das höre ich von einer, die zu nichts anderem taugt, außer höchstens noch als Leiche. Kannst nichts, hast nichts und bist nichts. Da bin ich ja mal sehr gespannt, wie du das anstellen willst." Oto grinste höhnisch.

"Ich werde eine Familie gründen." Olga hatte sich wieder einigermaßen gefasst und spürte, wie ihre ursprüngliche Angst inmitten des Wortgefechts langsam schwand.
Oto lachte schallend.
"Eine Familie!" Er grunzte fast vor Vergnügen.
"Eine Familie! Die Olga wird sesshaft. Wer will mit so einer wie dir schon eine Familie gründen? Achherrjeminee!"
"Santo!" Die Antwort kam leise, aber fest.
Der kleine Japaner blinzelte irritiert und sein Gesicht verfärbte sich währenddessen in so rasanter Geschwindigkeit puterrot, dass Olga für einen kleinen Moment fürchtete (oder hoffte sie es gar?), sein Kopf würde explodieren.
"Wer ist Santo?" schrie er aufgebracht.
"Der Barkeeper von gestern Abend. Er will mich mit in seine Heimat nehmen."
Oto zappelte so wütend in seinem Bett herum, dass Olga vorsichtshalber ein paar Schritte rückwärts machte. Dann wurde er mit einem Mal seltsam ruhig. Ganz unbewegt lag er da und es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Die Ruhe vor dem Sturm - dieser Gedanke in Olgas Gehirn ging so schnell, wie er gekommen war und sollte sich nicht bewahrheiten. Oto blieb ruhig, blickte Olga nur aus seinem rotangelaufenen Gesicht unter dem verrutschten Toupet mit hasserfüllten Augen an.
"Ich bin dir wohl nicht mehr gut genug, was? So ein junger Schönling muss es sein. Sicher bist du hochmotiviert, für diesen Knaben anschaffen zu gehen. Viel Spaß dabei. Von wegen Familie." Seine Stimme troff vor Zynismus.
"Oto bitte, ich meine es ernst. Bitte sag, das du einverstanden bist und mir nicht im Weg sein wirst."
"Aber sicherlich. Werde glücklich." Das Gift seiner Stimme versickerte in den Ritzen und Fugen des Raumes, wo es für ewige Zeiten sein Unwesen treiben würde. Alles im Zimmer schien mit einem Mal abstoßend, kalt und böse.
"Was soll so ein Krüppel wie ich schon dagegen ausrichten...." klang es übertrieben weinerlich hinter ihr her, als sich Olga zur Tür wandte. Doch selbst im Rücken spürte sie noch das gehässige und grausame Glitzern der kleinen, japanischen Augen, die abschätzig und dunkel ihren Schritten folgten.

Am Nachmittag kehrte, wie er sie schon gewarnt hatte, Oto aus der Krankenstation zurück und tat, als wäre nichts gewesen, auch wenn er Olga etwas zu auffällig ignorierte. Ihr erschien es, so wie es lief, alles ein bisschen zu einfach. Das passte nicht zu dem kleinen, heimtückischen Japaner. Aber in Vorfreude auf ihr kommendes neues Glück wischte sie alle Befürchtungen und Ahnungen sofort beiseite.
"Da läuft einmal etwas gut in meinem Leben und schon male ich den Teufel an die Wand." dachte sie. "Ich bin es anscheinend nicht gewöhnt, etwas leicht zu erreichen."
Am nächsten Tag kam Dragan vorbei und holte beide ab, um ihnen ihr neues Fahrzeug aus dem Fuhrpark des Ausbildungslagers zu übergeben.
"Oto kann alleine gehen, denn ich werde nicht mit ihm weiterfahren." bestimmte Olga.
Der Schitkowiczer hob verwundert eine Augenbraue und wandte sich fragend an den Japaner. Dieser starrte betont gleichgültig in die Luft, als ob er nichts gehört hätte.
"Vielleicht habe Sie ja doch Lust mitzukommen und sich das Lager anzusehen. Außerdem muss ich etwas mit ihnen beiden besprechen." wandte er sich darauf wieder an Olga. Diese nickte resignierend.

Dragan führte sie in eine mit Bäumen, Gräsern und Büschen bewachsene Anlage, doch das, was Olga vom Fenster ihres Zimmers aus für einen Park gehalten hatte, entpuppte sich als die riesige Ruinenanlage einer völlig zerstörten und überwucherten Stadt. Die Pflanzen hatten gnädig ihre sommergrünen Blätter und Ranken über die wüsten Erinnerungen an eine unvorstellbare Zerstörung gebreitet und nur an den seltsamen Formen, die manches Gebüsch annahm, merkte man, dass darunter noch die Trümmer eines früheren Hauses ruhten. Hier und da konnte man einen Torbogen erahnen, ab und zu sah man einzelne Treppenstufen, die einmal in ein Gebäude geführt hatten, nun jedoch ins grüne Nichts. Aus dem Pflaster der einst belebten Straßen sprossen bunte Sommerblumen, um ihre Blüten in leuchtendem Gelb, Blau oder Rot tummelten sich gemütliche Hummeln oder flatterhafte Schmetterlinge. In einigen Abständen traf man immer wieder auf schwarz gähnende Schlünde, die am Rande der Straße lauerten und tief unter diese hinunter führten. Dies erkannte man, wenn man in sie hineinspähte. Der Boden der ganzen ehemaligen Stadt war von alten Katakomben durchzogen und durchlöchert, eben jene, durch welche Oto und Olga geirrt waren. Olga hielt sich möglichst fern von diesen schwarzen Löchern und dem Straßenrand, denn zu gut erinnerte sie sich noch daran, wie sie gegen ihren Willen in einen dieser Schlunde hineingefallen war. Und sicherlich gab es noch mehr davon gut versteckt hinter Ranken, Gras und Zweigen.
"Das ist die frühere Altstadt." erklärte Dragan. "Im Volksmund auch Klein Pompeji genannt." Er grinste.
"Sehr passend!" schmunzelte Olga, währen ihr Blick auf die Grundmauern eines ziemlich großen Gebäudes fiel, die gut erkennbar und relativ frei von Unkraut waren.
"Das ist das alte Schloss." fing Dragan ihren Blick auf. "Die Fliesen daraus sind überall hier in der Gegend sehr beliebt."
Olga erkannte, was er meinte. Auf der Grundfläche eines ehemaligen Zimmers fügten sich verschiedenfarbige Terrakottafliesen zu einem dekorativen Muster, jedoch füllten sie nur noch einen kleinen Teil des Fußbodens. Der Rest war herausgebrochen und vereinzelte Teile lagen ringsherum verstreut.

Sie schrak zusammen, als plötzlich ein Geländewagen in rasanter Geschwindigkeit neben ihr vorbeirumpelte. Ihm ärgerlich hinterherblickend sah sie, dass es ein Militärfahrzeug war und auf seiner Ladefläche eine ganze Gruppe von Glatzköpfen mit den typischen tätowierten SS (Salve Schitkowicz)-Runen saß, welche dunkelgrüne
Kampfanzüge oder Uniformen und ihre Gewehre auf den Knien trugen.
"Das war eine unserer Ausbildungsgruppen." informierte Dragan. "Wir benutzen dieses Areal hier für realistische Geländeübungen. Für die polnische Öffentlichkeit sind wir als ein Verein zur Erforschung und Bewahrung deutscher Tradition und Geschichte getarnt. Die glauben, wir spielen hier nur zum Spaß Krieg." Dragan lachte und auch Oto verzog den Mund.
" Dort drüben übt gerade unsere Kampfklettereinheit."
Nach wenigen Schritten hatten sie die steinerne Brüstung der alten Festung erreicht, deren trutzige und von Einschusskratern übersäte Mauer zum Ufer der Oder hin steil abfiel. Von hier hatte man einen herrlichen Blick weit über das Wasser und die fruchtbare Landschaft.
Olga sah im Gedanken die Segelschiffe vor sich, wie sie nach ihrer langen Reise vor vielen Jahrhunderten in den kleinen Buchten vor Anker gingen und sich schutzsuchend an die mächtige Befestigungsanlage schmiegten.
Sie wurde jedoch augenblicklich von einer Gruppe von Männern und auch einigen Frauen abgelenkt, welche in voller Kampfausrüstung und mit Seilen gesichert die hohe Ufermauer erkletterten. Schon alleine bei diesem Anblick schwindelte ihr. An den mächtigen Festungsmauern wirkten die Menschen wie kleine Insekten, die sich zielstrebig ihren Weg erkrabbelten, ohne zu wissen, ob sie jemals irgendwo ankommen würden.

Nachdem Olga und Oto in Begleitung des munter plaudernden Dragan das Gelände durchquert hatten, hielten sie auf einem Parkplatz an. Der Schitkowiczer zeigte ihnen einen funkelnden schwarzen BMW, doch Otos Blick blieb an einem schon etwas klapprig wirkenden Wohnwagen hängen.
"Was ist mit dem?" fragte er.
"Schon ziemlich alt, aber noch funktionstüchtig." antwortete Dragan. "Vom hiesigen polnischen Automarkt. Doch für Ihren Auftrag stellen wir Ihnen einen nagelneuen BMW zur Verfügung." und wieder zeigte er geflissentlich auf das teure Fahrzeug.
"Ein Auftrag?" Oto wirkte überrascht. "Eigentlich hatten wir, äh, ich vor, nach Sibirien weiter zu reisen."
"Ja, darüber wollte ich mit Ihnen sprechen." Dragan nickte. "Wir möchten, oder besser gesagt, Schitkowicz höchstpersönlich möchte, dass Sie vorher noch einen Auftrag übernehmen. Er weiß, dass Sie hier sind und meinte, dass Sie der Himmel schickt. Und da er schon immer sehr von Ihren außerordentlichen na....ähm Fähigkeiten beeindruckt war, will er nur Sie dafür und die Frau Olga Oblomov, die dabei eventuell auch von Nutzen sein kann."
Der Japaner lachte geschmeichelt, aber Olga konterte sogleich bestimmt:
"Ich werde nicht dabei sein. Ich werde vorherrr schon abreisen."
Dragan blickte wieder irritiert von einem zum anderen und lenkte dann ein: "Meinetwegen. Aber auf den Herrn Oto Ki können wir doch zählen?"
"Unbedingt" brummte dieser. "Was für ein Auftrag ist das denn?"
"Es geht um etwas für Schitkowicz ungeheuer wichtiges, da seine Verflossene Eva Engel ihm an den Karren fahren will. Dazu macht sie gemeinsame Sache mit dem Bobo-Roshi, von welchem sie den Stein der Greisen erhalten hat. Die genaueren Einzelheiten erläutere ich Ihnen in den nächsten Tagen, aber Sie werden dafür auf jeden Fall noch einmal nach Deutschland auf die Insel Sylt zurück müssen."
Oto nickte. Dann drehte er sich blitzschnell um, zeigte mit dem Finger auf das Wohnmobil und erklärte: "Ich will das!"
Dragan wirkte etwas konsterniert, aber stimmte zu. "Nun gut, wenn Sie denn unbedingt die alte Kiste haben wollen." Dabei schüttelte er leicht seinen Kopf, als wolle er sagen, dass er so etwas noch nicht erlebt habe und nur davon abraten könne. Doch der kleine Japaner war entschlossen und schien sich keinen Fingerbreit mehr von seinem Vorhaben abbringen zu lassen, selbst auf die Einreden Olga's hin, die offensichtlich keine gute Meinung von polnischen Automärkten hatte.

In den folgenden Tagen, in welchen sich Olga auf ihre Abreise und ihr neues Leben vorbereitete, das in der nächsten Woche beginnen sollte, verschwand Oto immer mal wieder zu diversen Meetings und Besprechungen. Er erzählte nie darüber, aber Olga interessierte auch nicht sonderlich, was er als nächstes für Unwesen in Schitkowiczs Auftrag treiben würde. Sie träumte sich stattdessen in ihr bevorstehendes Glück und telefonierte regelmäßig mit Santo. Ab und zu bemerkte sie, dass Oto sie sonderbar von der Seite ansah. Sie konnte diesen Blick nicht deuten, doch fühlte sie jedes Mal, wie ihr das Frösteln einer schlimmen Ahnung über den Rücken kroch.

Am darauffolgenden Dienstag griff sie nach ihren Koffern, schenkte Oto ein letztes Lebewohl, welches dieser erstaunlich gleichmütig erwiderte, und machte sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt, von wo Santo sie abholen und zum geheimen Ufolandeplatz führen wollte. Während sie wartete ließ sie ihr gesamtes vergangenes Leben Revue passieren. So vieles das ihr einfiel machte sie traurig, manches aber auch fröhlich. Doch bald würde in ihrem Leben das Lachen überwiegen, da war sie ganz sicher. Ihr Herz pochte wild vor freudiger Erwartung und Aufregung. So in Gedanken versunken hatte sie nicht auf die Zeit geachtet und als sie erneut auf ihre Armbanduhr blickte, war es schon zwanzig Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt. Leicht besorgt spähte sie angestrengt in alle Richtungen, jedoch ohne Santo irgendwo zu entdecken. Sie griff nach ihrem Handy, aber am anderen Ende antwortete niemand auf ihr Klingeln.
"Dann ist er bestimmt schon unterwegs." versuchte sie sich zu beruhigen und wartete weiter geduldig. Sie wartete eine Stunde, wartete zwei Stunden, sie begann zu frieren und rührte sie sich nicht von der Stelle. Sie wartete drei Stunden, wartete vier Stunden und noch immer rührte sie sich nicht. Die anfängliche Gedankenfülle war einer brütenden Leere gewichen. Diese Leere bewahrte sie davor zu denken und sich einzugestehen, dass er nicht kommen würde. Auch das unerbittliche Warten bewahrte sie vor dieser bitteren Erkenntnis. Solange sie wartete konnte sie glauben. Ein leichter Nieselregen begann zu fallen, doch Olga merkte es kaum. "Nur nicht weggehen", sprach sie auf ihrem Koffer sitzend unhörbar, "sonst findet er mich nicht."

Was sie nicht wusste war, dass der kleine heimtückische Japaner als ernannter Ehrenausbilder seine Beziehungen hatte spielen lassen und so erwirkt hatte, dass man Santo unter vielen Tricks mit einem vollkommen identischen Olga-Klon auf die Vega schickte. Dieser hatte davon nichts bemerkt und lebte von nun an glücklich mit seiner Erdmenschin inmitten von wehenden Weizengrasfeldern. Ob es mit der Fortpflanzung geklappt hat, ist nicht überliefert.
Die echte Olga aber musste irgendwann, als es inzwischen dunkel geworden war und sich der Nieselregen zu einem Wolkenbruch gewandelt hatte, einsehen, dass weiteres Warten zwecklos sein würde. Nass, frierend und mit einem allerletzten, noch glimmenden Fünkchen Hoffnung schleppte sie sich und ihre Koffer zurück zu der als Pension getarnten Kaserne, um am Empfang nach Santo zu fragen. Der sei in den letzten Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen und habe seine Wohnung aufgegeben, erklärte man ihr. Mehr wisse man nicht.

Vollkommen verstört betrat Olga ihr Zimmer, wo Oto sie mit schlecht gespieltem Erstaunen in Empfang nahm. Doch Olga nahm weder Otos miserablen Schauspielkünste wahr, noch sonst irgendetwas um sich herum. Schluchzend warf sie sich auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht darin. "Ich hätte es wissen müssen. Erst versprechen sie einem die Sterrrne am Himmel und dann sind sie weg." schnaubte sie in ihr Kissen.
Oto versuchte sie mit geheucheltem Mitleid zu trösten, doch seine Augen glitzerten triumphierend. "Ich hab's dir doch gesagt. Solche blutjungen Burschen, noch grün hinter den Ohren, sind einfach nichts für eine Frau wie dich. Bei mir bist du gut aufgehoben."
Olga schluchzte lauter und vergrub sich noch tiefer in ihr Kissen. Der Gedanke, ihr bisheriges Leben mit dem kleinen, fiesen Oto Ki fortsetzen zu müssen, mit ihm wieder auf eine dieser gefährlichen geheimen Missionen zu gehen und dann nach Sibirien zurückzukehren, erschien ihr unerträglich.
Es war wohl von irgendwem, nur nicht von ihr, so entschieden worden. Vor dem Schicksal gab es kein Entrinnen.

Montag, 3. Juli 2006

...

Und seitdem ist mir ein Schauder geblieben vor diesen alten Zeiten und vor den Kräften, die sie in uns freisetzen und derer wir dann nicht mehr Herr werden können.
(aus "Medea. Stimmen." von Christa Wolf)

Ich bin zwar erst bei Seite 103, doch wage trotzdem schon das Urteil: besser als Ulysses. Viel besser sogar, aber leider auch viel kürzer. Lesbar ohne banal zu sein. Virtuos ohne gekünstelt zu sein. Anrührend ohne kitschig zu sein.
Endlich wieder ein Buch, das mich wirklich zu fesseln vermag und mich begeistert.
(Ich gebe ehrlich zu, auch wenn ich dafür vielleicht gesteinigt werde, "Per Anhalter durch die Galaxis" und Dan Brown konnten das nicht.)

Sonntag, 2. Juli 2006

Neues aus dem Krankenhaus

Das Drama geht weiter. Ich habe noch NIE erlebt, dass irgendjemand irgendwann mal gesund und überhaupt lebend wieder aus einem Krankenhaus herausgekommen ist. Ehrlich. In meiner näheren Umgebung war das bisher niemals der Fall. Alle sind stets nur noch als Leiche herausgekommen, selbst im weniger fortgeschrittenen Alter, wenn sie nur wegen einem Beinbruch oder einem Routineeingriff dort waren, ok, bis auf ich selbst, aber ich war ja auch noch ein Kind. Kinder lassen sie vielleicht leben. Fast könnte man eine Verschwörung glauben. Bei meinem Vater glaube ich langsam auch nicht mehr daran, dass er nochmal aus dem Krankenhaus raus kommt. Sie haben ihm zwar zuerst das Leben gerettet, aber die ganzen Sachen die jetzt danach kommen, sind so glaube ich, dem Koma und der Vielzahl an Narkosen und Medikamenten zu danken.

Jedenfalls macht jetzt sein Herz schlapp, er hat ständige Aussetzer und Herzstillstände, so dass die Ärzte meinten, er bräuchte einen Herschrittmacher. Dies hat mein Vater aber zuerst abgelehnt. Die Ärzte haben ihn sogar einige Tage festgebunden, weil er sich immer die Schläuche rausgerissen hat. Meine Mutter hat dann noch einige Male versucht, mit ihm zu reden, aber er hat überhaupt nicht reagiert, so dass die Ärzte schließlich einen Psychiater beauftragten, ein Gutachten zu fertigen. Dieser kam und stellte meinem Vater mit dem Laptop Fragen, der hat auch gelesen, aber dann die Augen wieder zugemacht und erneut nicht mehr reagiert. Für den Psychiater war das ein klares Zeichen, dass er nicht mehr für sich selbst entscheiden kann und ein dementsprechendes Gutachten verfasst, was nun bei einem Richter auf dem Tisch liegt. Ich glaube das allerdings nicht und meine Mutter auch nicht. Am nächsten Tag war mein Vater hellwach und als ihm meine Mutter einen Zettel hinhielt, auf dem stand, dass er mit einem Herzschrittmacher einverstanden ist, hat er ihn unterschrieben und auch alles verstanden, was man ihm erklärt hat. Ich denke wie auch meine Mutter, dass er einfach manchmal absolut abschaltet, weil er nicht entscheiden will und dann alles von sich schiebt oder so tut, als kriege er nichts mit. So hat er es früher schon immer gemacht, als er noch gesund war und der Oberarzt meinte ebenfalls, dass er manchmal den Eindruck hat, mein Vater höre viel besser, als er zugibt.

Nun hat er also am Donnerstag den Herzschrittmacher erhalten und jetzt bekommt er auf einmal so seltsame Schüttelanfälle. Als meine Mutter das das erste Mal gesehen hat, war sie ganz erschrocken, weil seine Augen verdreht waren, sein Mund offen stand und er am ganzen Körper zitterte. Als sie die Ärzte fragte, was das ist, konnten sie das nicht sagen und vermuteten irgendwas von Parkinson. Also mir kann keiner erzählen, dass jemand von heute auf morgen plötzlich Parkinson kriegt. Wäre ja erstaunlich genug, was für nette Krankheiten man so mir nichts dir nichts plötzlich noch im Krankenhaus dazu kriegt. Ich glaube eher, dass sein Gehirn inzwischen unter den vielen Narkosen stark gelitten hat, vielleicht haben sie ihm ja noch zusätzliche Beruhigungsmittel gegeben, wenn er randaliert hat. Was die da alles in ihn rein pumpen würde ja nicht mal ein Pferd verkraften. Ich kenne einen Fall einer älteren Frau die noch vollkommen rüstig und beisammen war, als sie ein neues Hüftgelenk bekam. Kurz darauf brach sie sich aber das Bein und wurde gleich noch einmal operiert. Dann war man im Krankenhaus der Meinung, dass man ihr auch noch die Gallenblase herausnehmen müsse und irgendetwas anderes. Im Ganzen waren es vier Operationen kurz hintereinander - danach war die Frau vollkommen dement. Sie haben sie also nicht tot operiert, sondern "nur" dement.

Meine Mutter hatte ein Gespräch mit der Krankenhausseelsorgerin in dem sie ihr die ganze Situation schilderte, auch die aggressiven Ausfälle meines Vaters. Diese meinte, dass dies ein Zeichen sei, dass er noch kämpfe. Leute die sich vollkommen aufgegeben haben, werden meistens absolut ruhig und still. Denselben Eindruck habe ich ebenfalls, nämlich dass er zwar denkt, nicht mehr leben zu wollen oder zu können, aber auch nicht sterben will oder kann. Ich glaube, wenn er wirklich sterben wollte, wäre er schon längst nicht mehr da, dann hätte er nicht mehr diese riesige Lebenskraft aufgebracht, um bis hier her alles zu überstehen.
Wir haben zu meiner Mutter heute gesagt, nachdem wir wieder einen ganzen Korridor voller Müll weggeschafft haben, dass sie jetzt endlich etwas kürzer treten und auch an sich denken soll. Sie ist immer noch am Aufräumen und Aussortieren, obwohl das Schlafzimmer fertig ist. Doch nun hat sie sich auch noch das andere Zimmer vorgenommen, obwohl das nicht wirklich wichtig ist, weil da keiner rein muss. Das kann sie sich also eigentlich ganz in Ruhe vornehmen, oder wie K. meinte: "Du wirst früh genug merken, dass dir der Müll nicht wegrennt."
Ansonsten hat sie jetzt ein eigenes Girokonto beantragt und ich habe mit ihr den Änderungsantrag für die Rente ausgefüllt, damit wenigstens die sicher hat, wenn das Konto meines Vaters gesperrt wird, falls ihm was zustößt.

Gebe Gott, dass ich nie wieder in meinem Leben in ein Krankenhaus muss. So langsam entwickle ich eine Allergie gegen die, gerade wenn ich sehe, dass nie jemand, der älter als 50 ist, daraus lebend oder gar bei klarem Verstand zurückkommt. Obwohl genaugenommen habe ich die Allergie schon durch meine beiden Krankenhausaufenthalte als Kind. Ich hoffe es bleiben meine letzten.

Freitag, 30. Juni 2006

Bundestag beschließt Förderalismusreform (oder was neben der WM sonst noch Beknacktes passiert)

In der heutigen Abstimmung wurde die notwendige Zweidrittelmehrheit für die Änderung des Grundgesetzes erreicht. Ich habe den Eindruck, dass dies im Fußballrausch und in den Debatte über die neuerliche Gesundheitsreform etwas untergeht, vielleicht war das Zusammentreffen dieser Ereignisse ja auch keinesfalls ein Zufall, aber man sollte sich vor Augen halten, dass es sich um die umfangreichste Änderung seit 1949 handelt. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es geht hier einfach nur um eine Neuverteilung der Aufgaben, also etwas, was scheinbar keine Auswirkungen auf das alltägliche Leben hat, doch dem ist nicht so. Jeder Bürger wird die Wirkungen sehr bals zu spüren bekommen. Um die ganze Reform mal etwas drastisch und grob zusammenzufassen: alles was Geld kostet und unmittelbar den Bürger betrifft, wird an die Länder abgegeben. Dies betrifft zum Beispiel die gesamte Bildung, nicht mehr nur die Schul-, sondern auch die Hochschulbildung, die Ausstattung von Pflegeheimen, die Unterbringung von Häftlingen und einiges mehr. Dem muss man gegenüberstellen, dass die Länder nun auch für die Finanzierung der jeweiligen Bereiche zuständig sind, doch wie es um die Finanzen vieler Länder bestellt ist, dürfte jedem bekannt sein. An finanzstarke Projekte ist nicht mehr zu denken, im Gegenteil. Es ist anzunehmen, dass es nun in den entsprechenden Bereichen zu mehr Einschränkungen, Kürzungen etc. kommen wird und sich der Standard in den einzelnen Bundesländern auf ein erheblich unterschiedliches Niveau entwickeln wird. Was das für Schaden anrichten kann, muß man sich gar nicht erst vorstellen, man kann es schon an dem länderbestimmten Schulsystem erkennen, das gerade in den letzten Jahren so oft bemängelt wurde. Der Bund dagegen baut fleißig weiter neue ultramoderne Ministerien für seine aufgeblähte und mit heißer Luft gefüllte Bundesverwaltung, während es auf Länderebene auf Grund der mangelnden Finanzen kaum noch Personal gibt, um die notwendigsten Aufgaben abzudecken. Ich finde, Deutschland hat langsam einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde als der Staat mit den sinnlosesten und schwachsinnigsten Reformen verdient (zumindest ist mir kein anderer bekannt, falls es doch einen gibt, kann man mich ja eines Besseren belehren).

Hier gibt es noch einige Links dazu:

http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,383915,00.html

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,423886,00.html

http://www.n-tv.de/683993.html

Einen bunten Besucher

hatte ich heute wieder in meiner Wohnung. Es ist seltsam, dass sich die Schmetterlinge meistens dann dorthin verirren, wenn ich gar nicht so viel sperrangelweit auf habe. Da es gestern kühler war, hatte ich Türen und Fenster nur angelehnt und trotzdem scheinen sie sich durch irgendwelche Ritzen zu quetschen, aber nicht mehr nach draußen zu finden. Immerhin sind mir solche Besucher aber sehr viel lieber als Mücken oder Spinnen.

Donnerstag, 29. Juni 2006

Stöckchen bei Elfchen gefunden

Ein Geruch, auf den du sofort reagierst
Der Duft von reifen Pfirsichen. Manchmal kaufe ich mir sogar diese hochgezüchteten Pfirsiche, die nach gar nichts schmecken, nur um an ihnen zu riechen und sie, wenn sie vergammelt sind, wegzuwerfen, denn der Duft ist auch bei diesen Pfirsichen noch da.

Ein Geschmack, bei dem du schwach wirst
Also ich mag ja viel, aber der Geschmack, der mich immer wieder wirklich schwach macht, ist der des Fleisches von Wassermelonen tief aus dem innersten, süßen Kern.

Eine unglaubliche Nachspeise
Hm, also unglaubliche Nachspeisen kenne ich nicht, aber ich mag fast jede Art von Puddings und Cremes

Ein Buch, das Du gerne weiterempfiehlst
Ich empfehle eigentlich nur Bücher weiter, wenn mich jemand direkt nach einem Buch fragt. Es gibt genaugenommen auch nicht viele, die ich wirklich ganz uneingeschränkt empfehlen würde, da ich, so kommt es mir manchmal vor, doch einen im Vergleich zu anderen eher ungewöhnlichen Geschmack und tiefergehende Interessen habe und deshalb denke, dass meine Empfehlungen nicht so gut ankommen würden.

Ein Autor, der Dich bewegt hat
Also das Buch, dass mich bisher am meisten bewegt hat, war dieser Rheingold-Roman von Stephan Grundy. Heute kann ich das eigentlich gar nicht mehr so nachvollziehen, aber damals war es irgendwie magisch.

Ein Künstler, vor dessen Werk du grosse Achtung hast
Es gibt viele, vor deren Werk ich Achtung habe. Und oft sind es nicht einmal bekannte Künstler. Es reicht, dass mir die Sachen gefallen, die andere machen. Aber selbst, wenn sie mir persönlich nicht gefallen, habe ich immer noch besonders grosse Achtung, wenn ich sehe, dass jemand sein Handwerk wirklich kann.

Ein Spiel, das du gerne spielst (egal, ob Brettspiel und/oder PC)
Ich bin verrückt nach Federball und habe seit meiner frühen Kindheit alle meine Familienmitglieder und Freunde bis zur totalen Erschöpfung mit dem Federball herumgescheucht. *gg*

Der Platz, an dem du Zuhause am liebsten sitzt
Zur Zeit ist das mein neu designter Balkon. Dort eine Gartenbank in die schattige Ecke zu stellen, war echt der genialste Einfall, den ich seit langem hatte. Selbst in der glühenden Mittagshitze kann man da noch sehr angenehm sitzen, inzwischen habe ich auch eine Technik entwickelt, wie ich auf der nur ein Meter breiten Bank bequem liegen kann, und abends lässt es sich prima mit dem Laptop schreiben, surfen, DVD schauen oder sogar Fernsehen mit dem DVB-T-Notebook-Receiver.

Deine liebste Tageszeit
Jedenfalls nicht der frühe Morgen. Ansonsten hat jede Tageszeit irgendwie ihre Vor- und Nachteile. Jetzt im Sommer mag ich am liebsten die Zeit, wenn die Sonne langsam in atemberaubenden Farben untergeht und die Mauersegler immer tollkühner und verrückter durch die Lüfte jagen.

Ein Gebäude oder Monument , das du gerne von deinem Schlafzimmerfenster aus sehen möchtest
Also ein Gebäude oder Monument würde ich nicht von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen wollen, ich bevorzuge Natur. Aber eventuell könnte ich mich mit einer alten Burgruine anfreunden. ;o)

Mittwoch, 28. Juni 2006

Wahlrede zur Kandidatur als Ober-Guru der neuen Hippie-Kommune Peace on Earth

Mehrfach wurde nun der Wunsch an mich herangetragen, ich möchte doch für die Besetzung der freien Guru-Stelle in unserer neuen schönen Hippie-Kommune Peace on Earth kandidieren. Dieser Bitte will ich nun nachkommen, darum höret meine Verkündigung, die wunderbare Vision, welche ich geschaut und die Offenbarung, die mir zuteil wurde. Es ist noch nicht lange her, ich stand mitten auf einer Straßenkreuzung in Berlin und meditierte über die Grün-Gelb-Rot-Ampelphasen, da erschien mir ein Geschöpf, herrlicher als ich es je gekannt. Und es sprach zu mir: "Tausend Jahre bin ich nun schon alt und kein bißchen weiser, doch als Engel der Herrin muß ich das auch nicht, denn mein Job ist es ausschließlich als Bote zu den Menschen zu gehen und ihnen Wort für Wort alles wiederzukäuen, was meine Herrin gesagt hat." Und er zog eine Schriftrolle aus seinem Ärmel. Und seine Arme waren so herrlich stark, seine Aura so strahlend, seine Rede so männlich, seine Haare so golden. Da küsste er mich auf meinem Mund, glühender Feueratem vermischte sich mit meinem, flammende Hände umfassten meinen Leib, mein Körper brannte an seinem und seine Flügel flügelten und wir vög... äh, nun der Rest tut nichts zur Sache. Und danach sprach er erneut zu mir und sagte: "Höre, was ich dir von meiner Herrin, der großen Göttin auf dem selbstbemalten Thron, die, die die Sterne stickt, den Himmel strickt und die Wolken häkelt, verkünden soll. Du sollst die Auserwählte sein, welche die gerechten und getreuen Menschenkinder, als da sind die Mitglieder der Hippie-Kommune Peace on Earth, in das gelobte Paralleluniversum Eden Delta Nord Gamma 1 führt. Denn groß ist das Wehklagen auf dieser Welt und groß ist auch das Geschrei der Fußballfans, das sich Tag für Tag in diesen Zeiten erhob, und ob diesen Lärms hat die große Göttin, die auf dem selbstbemalten Thron, eine Masche fallen lassen und immer, wenn sie eine Masche fallen lässt, stürzt ein Planet in ein schwarzes Loch. Dies wird mit der Erde geschehen. Der schwarze apokalyptische Himmelsreiter wird sie in seinen Schlund ziehen und es ist noch nicht entschieden, wo sie wieder herauskommt. Doch die Menschen und alle Lebewesen eurer Erde werden es nicht mehr erleben, denn sie werden dem Chaos anheimfallen, dem Urchaos, so wie es in den schwarzen Löchern herrscht, und sie werden alle vernichtet werden, weil sie gesündigt und so viel Lärm gemacht haben. Nur die wenigen Gerechten, die, welche der Hippie-Kommune Peace on Earth angehören, will die Göttin erretten und du sollst sie führen in die neue Welt und deine Anweisungen von ihr entgegen nehmen. Ein Schiff wird kommen, auf den Wellen der Wolken gesegelt, ein Himmelsschiff, welches euch zu einem noch nicht festgelegtem Zeitpunkt aufnehmen wird, und dieses Schiff wird in verschiedene Klassen unterteilt sein. Diejenigen, welche die großzügigsten Spenden und Geschenke an dich, die Auserwählte, geben, sollen die konfortabelsten Kabinen und den besten Service erhalten (Anmerkung der Prophetin: Die schönste Kabine mit All-inklusive-Service ist bereits für den Wilden Kaiser reserviert).
Und das Schiff wird euch bringen in das Paralleluniversum Eden Delta Gamma 1, welches eine fast originalgetreue Kopie der alten Erde ist. Nur einige kleine Abweichungen wird es geben, zum Beispiel ist die Spezies der Mückentiere dort vollständig ausgerottet, und ihr werdet den Planeten mit Hilfe modernster Technik in ein globales Paradies verwandeln. Ihr werdet fruchtbar sein und euch mehren und ihr sollt zahlreich werden wie die Kiesel am Meeresstrand, doch nichts Trennendes wird sich mehr zwischen euch stellen. Nationalitäten wird es nicht mehr geben, ihr werdet ein Volk sein, eine Sprache sprechen und bis an das Ende aller Zeit sollt ihr darin nicht verwirrt werden, sondern ihr werdet stark sein im Herzen und in eurem Glauben. Und ihr werdet glücklich sein alle Tage."

Hört, was ich vernommen habe, liebe Brüder und Schwestern! Vernehmt, das Wunder, welches mir verkündet wurde! Welche unfassbare Freude uns allen hiermit zuteil wird!
Wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubet, soll gerettet werden! Glaubet und ihr werdet leben. Glaubet und ihr werdet auferstehen. Glaubet und ich werde euch erlösen. Glaubet und ich werde euch in eine neue Welt führen!

Gesegnet sollt ihr sein! Gesegnet sind wir alle!
Omen Potenta Rucola!

Und ich will euch hören, meine geliebten Schwestern und Brüder:

Omen Potenta Rucola!

Lasst es mich noch einmal hören:

Omen Potenta Rucola!

Friede sei mit euch!

PS: Weitere Erlösungsanträge alias Aufnahmeanträge für die Hippie-Kommune bitte ich NICHT an meine Emailadresse, sondern weiterhin an Jon zu senden.

Dienstag, 27. Juni 2006

Die Geschichte, die NICHT "Willkommen im Paradies" heißt - Teil 21

Doch diesen Gedanken behielt ich für mich und ob er ihn ebenfalls dachte, konnte ich nur an dem leichten Zucken seiner Mundwinkel erahnen. Mit einem Glas Pils für ihn und einer Weißen mit Schuss für mich zogen wir uns auf eine Parkbank inmitten blühender Rosenbüsche und einer kleinen Wasserfontäne zurück. Der helle und eintönige Klang des bewegten Wassers übte eine angenehm entspannende Wirkung auf mich aus, welche von den ätherischen Rosenmolekülen, die ich mit vollen Zügen einsog, noch verstärkt wurde. Eine kurze Zeit lang sagten wir gar nichts. Jeder von uns schien vollauf damit beschäftigt, die vielfältigen Düfte, Klänge und Farben der Umgebung zu registrieren, einzuordnen und zu genießen. Die sinkende Sonne strahlte noch hell und warm, aber die Wucht ihrer Hitze hatte glücklicherweise nachgelassen. Die säuerliche Süße des Bieres perlte erfrischend auf meiner Zunge, Hummeln summten sich von Blüte zu Blüte und neben dem Papierkorb hatte jemand sein Eis fallengelassen. Ein bisschen stellte ich mir so das Paradies vor, allerdings ohne Papierkörbe. Warum eigentlich?
Leise fragte Robert mich schließlich, wie weit ich mit meiner Renovierung bin und was ich sonst noch tue. Eher lustlos erstattete ich Rapport und fügte gleich noch die Erzählung des Bratkartoffelessens bei Herrn Luchterhand hinzu, nicht ohne zu erwähnen, dass dieser auf der Spur der absolut vollkommenen und perfekten Bratkartoffel sei.

„Der hat ja 'nen Schatten!“ entgegnete Robert dazu nur trocken.

Was ich eigentlich bei meinem Nachbarn gesucht hatte verschwieg ich, ebenso meine seltsamen Erlebnisse im Keller.

„Duuhuuuu, sag mal, was macht man eigentlich mit einem Glasschneider?“ fragte ich stattdessen vorsichtig.

„Mit 'nem Glasschneider? Na damit kannst du Glas zuschneiden!“ sprach es und lehnte sich zurück.

„Ja, toll. Ich meinte eigentlich, wozu man ein Gerät braucht, welches Glas schneidet. Äh, warum sollte man Glas schneiden wollen? So als normaler Mensch?“

Robert wendete sein Gesicht zu mir und sah mich aufmerksam mit einem atemberaubenden Blau von der Seite an:
„Na damit kann man zum Beispiel Löcher in Fensterscheiben schneiden, wenn man irgendwo einbrechen will. So sieht man das manchmal im Fernsehen.“

Super. Genau das hatte ich eigentlich nicht hören wollen.

„Gibt es denn auch noch was anderes, wozu man die als Heimwerker benutzen kann?“

„Denke schon. Vielleicht zur Herstellung von Glasmosaiken?“ Vor meinem inneren Auge sah ich Herrn Luchterhand, mit Glasschneider und Brecheisen bewaffnet, bunte Glasstückchen zu einem orthodox-russischem Kirchenfenster zusammenpuzzeln. Vergnügt schlurfte ich demonstrativ laut mit dem Strohhalm den letzten Rest Weiße aus der kleinen Kuhle in der Mitte meines Trinkgefäßes und streckte meine nackten Füße in die Abendsonne.

„Wieso? Brauchst du einen?“ fragte er mich spöttisch.

Geschickt lenkte ich nach einem albernen Lachen das Gespräch auf seine Erlebnisse der letzten Tage und sofort begann er übersprudelnd von den Strapazen zu berichten, denen er als Finanzverwalter ausgeliefert war. Bürokratische Banken, launische Kunden, schwankende Kurse und ein unüberblickbares Steuerdickicht.

„Für wen verwaltest du denn seine Finanzen?“ wollte ich wissen.

„Hauptsächlich für meinen Schwiegervater, ähm, ehemaligen Schwiegervater.“

„Ach?“ sagte ich, „Der Albert von der Taubeninsel?“

„Ja, genau der.“

„Der muss ja ein ziemliches Vermögen haben, wenn er es extra verwalten lassen muss und dann kommt ja noch der Grundbesitz dazu.“

„Ja, es reicht, dass ich ebenfalls gut davon leben kann.“ Robert grinste.

„Und das, obwohl du von Annette geschieden bist?“

„Ja, klar! Ich wohne sogar noch dort. Annette ist mit ihrem neuen Ägyptologie-Professor für ein Jahr nach Ägypten gegangen. Der alte Herr vertraut mir weiterhin vollkommen. Nächstes Wochenende findet übrigens ein großer Ball statt, weil er seinen 96. feiert. Wenn du Lust hast, lade ich dich dazu ein...“ er lachte und setzte hinzu: „....bist ja auch so was wie Verwandtschaft - entfernte.“

„Ein Ball? Ach du Schreck. Bestimmt alles piekfein und gezwungen, wah?“

„Ach Quatsch. Er besteht darauf, es Ball zu nennen, in Erinnerung an alte Zeiten, aber eigentlich ist es eine ganz normale Gartenfete. Und vor allem bin ich dort.“ Sein Grinsen wurde breiter.

„Aber sag mal, 96? Ich dachte, er ist schon längst so alt?“

„Nein.“ antwortete Robert und legte mir seinen Arm um die Schulter, „Er wird es erst übermorgen. Was ist nun?!“

„Uhhh, ich hab’ schlechte Erinnerungen an Gartenfeten. Ich komme nur, wenn ich da keine Luftballons um die Wette aufblasen oder an so ’nem dämlichen Seil ziehen muss.“

„Neee, garantiert nicht. Kindergeburtstag ist das nicht. Jeder darf machen, was er möchte.“

Meine Neugier überwog trotz anfänglichen Zögerns, schließlich gab es nur wenige Menschen, die schon einen Fuß auf die Taubeninsel gesetzt hatten, und ich sagte zu.

Als wir gegen 22 Uhr den Park verließen war es noch immer taghell und in der kleinen Nische an der Mauer lag nun ein altes Bügelbrett. Dies erschien mir als symbolisches und vorausschauendes Omen weit weniger günstig. Es mit Nichtachtung strafend marschierte ich daran vorbei.

...

...und die Hälfte aller Schwierigkeiten in der Welt geht auf die Tatsache zurück, dass diese höheren Prinzipien, die mit Liebe und Weisheit in all ihrer Fülle zu tun haben, erst jetzt allmählich von der breiten Masse der Menschheit begriffen werden. Aus der schnellen Erkenntnis ihrer Richtigkeit und dem Versuch, sie zu Tatsachen werden zu lassen, ohne dass die Umwelt vorher diesen Idealen angepasst wird, ergibt sich das häufige Aufeinanderprallen und der Kampf zwischen denen, die angetrieben werden von den Prinzipien, welche die Persönlichkeit beherrschen, und denen, die ihre Impulse von den Prinzipien des höheren Selbstes erhalten.
(Alice Bailey)

Seit dem Wochenende

habe ich in regelmäßigen Abständen immer so ein seltsames Gefühl genau hinter der Halskuhle. Das fühlt sich an, als würde mich jemand von innen dort kitzeln. Muß ich mir jetzt Sorgen machen? *hypochondrisch ist*

Hab gestern erfahren,

dass es morgen schon wieder eine Geburtstagslage eines Kollegen gibt. (Wer hat bloß den Geburtstag erfunden? Hätte ein Zehn-Jahres-Jubiläum nicht gerreicht?) Bei uns ist es üblich, dass zu solchen Anlässen jeder etwas zum Essen mitbringt. Diesmal bin ich mit dem Käse dran. Normalerweise kaufe ich für sowas gerne kleine, extra abgepackte Käsestückchen, wie z.B. Le Tartar. Bei Netto hatten sie den heute nicht, aber dafür ein Netz mit in kleinen Ecken abgepackten französischen Käsespezialitäten, in welchem sich außerdem auch noch ein Plastikfußball befindet. Und in diesem Plastikfußball soll eine Trillerpfeife versteckt sein. Ja, bin ich denn verrückt und kaufe das? Damit mir meine Kollegen auch noch die Ohren voll trillern? Sorry, aber das kommt mir nicht in die Tüte....

Montag, 26. Juni 2006

Die Welt braucht mehr Blümchen! (oder wie ich das Linoleumparkett meiner Eltern mit Streublümchen verzierte)

Als offizielles Mitglied der virtuellen Hippie-Kommune Peace On Earth und in Hinblick auf die gestrige Frage, ob ich meine Schuhe selbstbemalt hätte, ist mir ein weiterer Beweis meines bunten und blumigen Hippieherzens eingefallen.
Alles begann mit dem neuen Linoleumfussboden meiner Eltern. Dies war eine scheußliche Holzparkettimitation. In den Wohnungen meiner Eltern gab es immer nur Linoleum, nie Teppich und Parkett oder Laminat sowieso nicht. Warum meine Eltern nur Linoleum kauften, weiß ich nicht. Vielleicht aus Sparsamkeit, vielleicht aus praktischen Erwägungen, vielleicht kannten sie aus dem Krieg nicht anderes. Diese Linoleumböden wurde in den seltensten Fällen erneuert. Meistens lag der Bodenbelag so lange, bis er fast durchgelatscht war. Der Kauf und die Verlegung des nagelneuen Linoleums für das Wohnzimmer war daher ein ganz besonderes und auch einmaliges Ereignis, soweit ich mich erinnern kann, meine Mutter war unheimlich stolz auf ihr edles Kunststoffholzparkettimitat.
Ich dagegen konnte schon damals Linoleum eigentlich nur zum Zwecke von Linolschnitten etwas abgewinnen.

Ich weiß nicht, welches Teufelchen oder welche höhere Intuition mich darauf brachte, dass dem neuen Linoleum ein paar Blümchen ganz gut stehen würden, aber rein zufällig hatte ich entdeckt, dass es sich mit einem bestimmten bunten Marker besonders satt und schön auf dem Fussbodenbelag malen ließ. Also suchte ich mir eine eher unauffällige Stelle unter dem Couchtisch (ich ahnte wohl schon, das meine spannende Idee nicht ganz mit dem Geschmack meiner Eltern konform gehen würde) und begann den Fußboden mit kleinen Streublümchen zu verzieren. Leider war die Stelle nicht unauffällig genug, denn schon bald darauf entdeckte mein Vater diese "riesen Schweinerei", wie er sich ausdrückte. Sonst waren sich meine Eltern nie einig, aber bei dieser Standpauke hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Und zum Abschluß fragte mich mein Vater, warum ich den ausgerechnet auf dem Fussboden malen müsse und mich nicht wie jeder andere an den Tisch setzen und auf einem Stück Papier zeichnen könne. Tja, wenn ich auf einem Stück Papier Blümchen gemalt hätte, dann wüsste ich heute nicht, dass dieser Spezialmarker wirklich absolut scheuerfest, essigreinigerbeständig, fleckentfernerresistent und bombensicher ist. Meinen Eltern blieb nichts anderes übrig als sich wohl oder übel an den Gedanken zu gewöhnen, dass unter ihrem Couchtisch Blümchen wachsen.
(Sie können froh sein, dass ich nicht ein riesiges geniales Linolschnittfresko aus dem Fussboden gemacht habe....pfff)

Ich habe eine springende Zebraspinne

auf meinem Balkon! Ehrlich jetzt! Ich hab's genau gesehen!
Da wollte ich ahnungslos meine Blumen gießen und sehe diese kleine, dicke, schwarz-weiß gestreifte Spinne auf dem Balkongeländer krabbeln. Die sah irgendwie putzig aus und ich dachte mir - ok, fotografierste mal (ich fotografiere ja eh alles, was mir unter die Linse kommt). Ich also mit dem Makro ran und plötzlich sprang die doch vom Balkongeländer auf den Blumenkastenrand. Das war mindestens das Hundertfache ihrer Körpergröße! Hilfe! Ich will keine springenden Spinnen auf meinem Balkon, auch nicht wenn sie putzig aussehen....

EDIT:
Das ist der Rest, den ich von der Spinne erwischt habe. Wenn das keine Schönheit ist, dann weiß ich nicht, aber das Springen sollte sie sich abgewöhnen...:-/



Seltsamer Friedrichshain

Normalerweise finde ich ja den Friedrichshain nur energetisch merkwürdig, doch der Traum eines Spaziergangs durch den Friedrichshain hat das irgendwie in Bilder umgesetzt. Es beginnt damit, dass ich an einer Bushaltestelle warte, wo meine Mutter mich in meiner Traumerinnerung früher mal "ausgesetzt" hat und ich ewig gebraucht habe, um irgendwas zu finden (das Grab meiner Oma?). An der Bushaltestelle sieht man nur Unkraut wachsen und etwas weiter hinten beginnen Gärten. Etliche Leute ziehen Kabel einen Weg entlang. Ich laufe den Park suchend im großen Bogen am Friedhof vorbei und komme auf einer Straße heraus, wo sehr alte und wuchtige Häuser stehen. Die Straße ist ziemlich schmal, fast wie eine Gasse, aber an ihrem Ende steht der Stalinbau vom Frankfurter Tor in dessen Säulenunterbau ich mit meinem Cousin immer Fange spielte. Die Häuser auf der rechten Seite sind noch älter, vielleicht Mittelalter, und dunkel - ich betrachte sie interessiert. Irgendwie habe ich auch das unbestimmte Gefühl schon einmal in einem Traum dort gewesen zu sein. Hinter dem Ende der Gasse befindet sich der Eingang zum Park. Bevor ich hineingehe, treffe ich einen Mann und eine Frau, ich nehme an ein Ehepaar, welche ich auch schon einmal getroffen zu haben glaube. Ich habe irgendwie den Eindruck, nicht willkommen zu sein und gleich darauf sprechen sie mich an und sagen wörtlich zu mir, nicht unfreundlich, aber bestimmt, dass ich ihr Dorf wieder verlassen soll. Ich denke bei mir, dass das wohl ein Kiez ist, wo sie unter sich sein wollen und keine Besucher dulden. Ich sage, dass ich gleich in den Park gehe und sie sind zufrieden, fragen mich aber auch, ob ich einen Erzieher als Begleiter habe. Anscheinend darf man in den Park nicht ohne Begleitung eines Diplom-Pädagogen, ich werde mir nun bewußt, dass es in dem Park fast nur behinderte Kinder gibt. Ich sage, dass ich alleine bin, aber das scheint auch ok zu sein. Sie nicken und sagen, dass ich ja schon dort war, aber sonst keiner von den Bewohnern und Erwachsenen einen Fuss in den Park setzt. Ich gehe durch das niedrige schwarze Metallgartentor, welches ich erst aufklinken muß und befinde mich nun im Park. Kurz darauf gehe ich durch ein Zelt, in welchem Kaninchen oder Hasen gehalten werden, vielleicht als Streichelzoo. Danach rase ich im Auto einen steilen Berg hinunter, wo links und rechts Bäume stehen. Da mir das zu gefährlich ist, klemme ich mir den weißen Trabi unter den Arm und laufe damit hinunter, bin aber immer noch genausoschnell wie im Auto, nur dass ich jetzt sicher bin, dass dem Wagen nichts passiert. Schließlich spaziere ich, die S-Bahn suchend, durch ein Viertel mit sehr abgerissenen Hinterhofhäusern, die aber seltsam anders aussehen als ich es von solchen Häusern gewohnt bin. Alle stehen hinter abgeschlossenen hohen Mauern, welche Quadrate bilden und die Häuser selbst sind nur vier-bis fünfgeschossig. Hinter den Mauern sehe ich völlig abgerissene und trostlose Fassaden, mit winzigen Balkonen. Hier überlege ich mir im Traum, dass meine Oma wohl auch in einem dieser Häuser gewohnt hat und dass ich den Friedrichshain wirklich eigenartig finde, weil irgendwie alles so anders ist. In der Ferne sehe ich nun schon den Eingang zu einer S-Bahn-Station, doch bevor ich sie erreiche, muss ich noch an einer riesigen, aus irgendetwas aufgestapelten, altertümlichen Mauer, bzw. Wand vorbei.

Sonntag, 25. Juni 2006

Die (immer noch) namenlose Geschichte - Teil 20

Vielleicht waren meine Augenringe etwas zu tief, meine Haut etwas zu blass, meine Fingernägel etwas zu zersplittert und mein Gesichtsausdruck etwas zu lustlos, doch Robert schien es nicht zu bemerken. Freudig begrüßte er mich vor dem baufällig-barocken Tor eines städtischen Naherholungsgebietes. Die Jacke hatte er diesmal weggelassen. Er trug ein sommerlich-legeres weißes Baumwollshirt zu einer knielangen Bermudahose, welche den Blick frei gab auf außerordentlich schön geformte und optimal behaarte Waden. Selbst in meinem jetzigen Zustand konnte mir das nicht entgehen. Sogleich fühlte ich etwas durch meine Adern fließen, ich will es Leben nennen, und die nette Art von Begrüßung tat ein übriges, dass ich mich mit einem Mal überhaupt nicht mehr müde fühlte.
Warmer Wind wehte übermütig durch mein Haar und der süße Duft des gelb-hängenden Geißblatts stieg mir verheißungsvoll in die Nase. Robert plauderte sofort drauflos, er hatte eine sehr unterhaltsames und souveränes Verhalten an sich, welches mir die Illusion meiner eigenen Persönlichkeit um so stärker ins Gedächtnis brachte. Mir war jetzt schon klar, dass ich ihm unter den Händen zerrinnen würde wie schmutziger Staub und es würde ihm nicht einmal auffallen. Aber daran wollte ich jetzt nicht denken. Bereit alles hinter mir zu lassen, schlenderte ich mit ihm auf den Eingang zu, wobei ich auf einem kleinen Mauervorsprung eine buntbemalte afrikanische Buschtrommel wie ein wundersames Omen in einer Ecke stehen sah. „Merkwürdig“ dachte ich, „was man in dieser Stadt so alles findet...“

Wir kreuzten die Allee mit den blühenden Apfelbäumen und steuerten geradewegs auf den Biergarten zu, aus welchem gedämpftes Gemurmel und gelegentliches Gläserklirren, unterbrochen von mehrmaligem Lachen klang. Schnell hatten wir uns einen freien Tisch neben einer alten Linde gesucht, die angenehmen Halbschatten spendete, und sofort untersuchten wir genauestens die Speisekarte. Ich orderte einen großen Salat und er ein überbackenes Steak (warum wusste ich das schon vorher?), die würzige Luft machte Appetit - genießerisch ließ ich die zitronige Marinade auf der Zunge zergehen, nachdem ein untersetzter, kraushaariger Kellner uns das gewünschte gebracht hatte. Robert hatte sich sofort über sein Steak her gemacht, erinnerte sich aber zwischendurch netterweise an mich und fragte, ob ich mal davon kosten möchte. Wir einigten uns auf den Tausch von einem Stückchen Steak und einem Kartoffelschnitz gegen ein Tomatenviertel und einen Würfel Fetakäse, die Handlung des Herübereichens der Kostprobe mit der Gabel seinerseits wurde von ihm mit dem Wort „Raubtierfütterung“ begleitet. Erleichtert stellte ich fest, dass ich nicht rot wurde. Er konnte mich nun bis an sein Lebensende mit unserer ersten Begegnung in seinem Wagen aufziehen, er würde kein Vergnügen daran haben.

„Ist nett hier.“ stellte er fest. „Gemütlich. Kommst du oft hier her?“

„Nö, eigentlich nicht. Ich bin niemand, der sich oft in Biergärten und Cafes herumtreibt. Und du?“

„Na ja, sagen wir so: es ist nicht mein Lebenssinn.“

Wir lachten und beschlossen mit einen großen Eisbecher für jeden nachzulegen, jedoch erst nachdem er mich gefragt hatte, ob ich nicht lieber ein Stück Sahnetorte möchte. Ich hörte diese Neckereien kaum noch und winkte nur grinsend ab. Kleine weiße Fallschirmchen tanzten überall in der Luft, ließen sich in unseren Haaren, auf den Armen und Schultern nieder. Deutlicher konnte man niemanden darauf aufmerksam machen, dass wir uns mitten in der Paarungszeit befanden.

Durst

Licht bricht sich
am bleichen Silber
meiner Traurigkeit
und fliegt vorbei,
jahrzehnteschnell,
- der Schatten bleibt
Ein Stern versinkt,
erlischt im Nimmermehr,
stirbt ungekannt
in den Wassern der Nacht,
welche ich schöpfe
mit vollen Händen