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Sonntag, 18. Juni 2006

Neues von meinem Vater

Heute waren ich, mein Bruder und seine Freundin bei meiner Mutter, um ihr zu helfen, die Sachen wieder einzuräumen, nachdem mein Cousin inzwischen mit der Renovierung des Schlafzimmers fast fertig ist. Er muss ihr nur noch eine neue Gardinenstange anbringen. Meine Mutter hat haufenweise Zeug, alte Zeitungen, alte Bücher, alte CDs aussortiert, die sie nach und nach weghaut, bzw. meiner Tante mitgibt die das Altpapier irgendwo verkauft und noch ein paar Euro bekommt. Heute hatte sie auch wieder mehrer Stapel Bücher und CDs, aus denen wir uns aussuchen sollten, was wir davon haben wollen. K. hat gleich eine ganze Kiste mit Bauchtanz -CDs für ihr Kulturzentrum mitgenommen und ich habe auch einige Bücher und CDs mit nach Hause gebracht. Irgendwie ist schon ein komisches Gefühl dabei, zumal mein Vater ja nicht tot ist, aber andererseits ist meine Mutter wild entschlossen, alles rauszuschmeißen. Dafür kann man jetzt im Schlafzimmer wenigstens wieder treten und durchatmen. Im Fernsehzimmer dagegen stapelt sich der ganze Krempel noch immer bis zur Decke (der Fernseher ist dahinter nicht mehr zu sehen). Hier will sie jetzt aber auch anfangen. K. meinte schon, wenn mein Vater wirklich wieder nach Hause kommt, dann bekommt er gleich einen Herzinfarkt, weil die Hälfte von seinem ganzen angesammelten Müll weg ist. Meine Mutter will dann behaupten, das lagere alles im Keller und falls er von dort etwas möchte, einfach sagen, dass sie es dort nicht findet. Das war bisher der einzige Trick, mit dem es ihr gelungen ist, überhaupt ein paar alte Zeitungen u.ä. aus der Wohnung rauszukriegen. Andererseits rückt jetzt die Option Pflegeheim doch immer mehr in den Vordergrund. K., die selbst ehrenamtlich einige alte Leute betreut, meint, das schaffe meine Mutter nicht, auch dann, wenn einmal am Tag eine Stunde lang zusätzlich eine Hilfe käme.
Hinzu kommt, dass sich mein Vater jetzt immer schlimmer gebärdet. Er randaliert jetzt richtig gehend, rüttelt an den Gittern von seinem Bett, versucht mit seinen Beinen sich darüber zu schwingen, obwohl er nicht mal laufen kann (das konnte er auch schon vorher kaum, da gehbehindert) und wird immer ausfallender. Die Ärzte wollen jetzt versuchen ihn zum Sitzen zu bringen, doch statt Geduld zu haben und mitzuarbeiten, z.B. auch bei den Bewegungsübungen, beschimpft er jeden und würde wohl am liebsten ausbüxen. Ist ja irgendwie auch verständlich, aber er scheint nicht mehr zu begreifen, dass er am schnellsten seinen letzten Rest Selbständigkeit wiedererlangt, wenn er dafür auch mal was anderes tut, als zu toben.
Die Krankenschwestern habe letztens meine Mutter beiseite genommen und ihr erzählt, mein Vater hätte sie mit "Blöde Weiber, leckt mich am Arsch!" beschimpft. Meiner Mutter ist das furchtbar peinlich, obwohl die Schwestern auch zu ihr sagten, dass sie damit umgehen können und einfach die Tür zu machen, wenn er wieder tobt. Doch meine Mutter sagte zu mir, dass sie trotzdem gemerkt hat, dass sie irgendwie entsetzt waren, zumal sie ja wissen, dass mein Vater Pfarrer war.
Mein Bruder meinte, dass ihn das an unsere Oma, meines Vaters Mutter, erinnert, die in den letzten Lebensjahren dement war, und damals auch sehr ausfällig gegen andere wurde und vor allem mißtrauisch. Sie dachte immer, jeder würde sie bestehlen und das denkt ja mein Vater auch schon seit Jahren.
Bleibt zu hoffen, dass ich wenigstens diese eine Gen ausnahmsweise nicht geerbt habe, denn ich werde jetzt schon immer vergesslicher und paranoider.

Hochzeit mit einer gewissen Blogger(in)

Ich bin auf einem großen Fest mit vielen, vielen Leuten. Dort tanze ich mit einer Blogger(in), während die anderen zuschauen. Wir tanzen ziemlich schnell und irgendwie eigenartig (vielleicht linksherum) so dass mir fast schwindlig wird, aber es geht sehr gut und wir kommen leicht in den Takt. Nach dem Tanz kümmere ich mich wieder um andere Leute und stehe mit ihnen zusammen, aber die Blogger(in) kommt stets mit dazu und scheint mich auf irgendetwas aufmerksam machen zu wollen. Schließlich bekomme ich durch Zufall mit, dass es sich um meine und ihre Hochzeit handelt, was mir völlig neu ist. Ich erfahre, dass die standesamtliche Trauung schon vorüber und die Eheurkunde unterzeichnet ist, kann mich aber an überhaupt nichts erinnern. Langsam werde ich nun konfus und frage ich mich, ob ich irgendwie geistig umnachtet oder betrunken war, dass ich mich an nichts mehr erinnern kann. Die Vorstellung mit ihr verheiratet zu sein, gefällt mir irgendwie nicht so richtig und ich frage mich, was ich dagegen unternehmen kann. Doch der Gedanke, mich gleich wieder scheiden zu lassen, behagt mir auch nicht. Ich überlege, dass man ja auch verheiratet ein ganz normales Singleleben führen kann, andererseits ist mir aber klar, dass es finanzielle Verbindlichkeiten mit sich bringt.
Etwas verwirrt setze ich mich vor dem Tanzsaal auf eine Treppe, wo auch schon zwei ehemalige Mitschüler sitzen. Ich beginne mit ihnen ein kurzes Gespräch, danach stehe ich plötzlich auf dem schmalen Vorsprung eines noch nicht fertigen Hochhauses. Neben mir geht es tief hinab und ich traue mich kaum zu bewegen. Große Kräne stehen herum und noch riesigere Betonplatten, allerdings arbeitet zur Zeit keiner. Wie ich da wieder heruntergekommen bin, weiß ich nicht mehr.

Samstag, 17. Juni 2006

Die Geschichte, die NICHT "Die Piraten des Baltischen Meeres" heißt - Teil 17

Ferdinand der Seebeuter, der sich nun inmitten des krakeligen Jubels direkt neben dem Steuermann postiert hatte, um von da seine Befehle zu geben, nahm schräg hinter sich ein Bewegung wahr. Als er herumschnellte sah er den Schiffsjungen Peter, den sie in Sansibar vor einer speckigen Spelunke aufgegabelt hatten, und der gerade noch das Deck mit einem Stein geschrubbt hatte, schnell wie ein Äffchen die Wanten heraufklettern.

„Peter!“ schrie der Kapitän, „ Was machst du denn? Komm sofort da runter!“

„Gleich, Käpt’n. Ich will nur schnell unsere Fahne hissen.“

Der Kapitän wurde puterrot. „Ja, bist du denn des Teufels.....von allen guten Geistern verlassen? Kruzifixundtürkennochmal!“ Die Ader an seiner rechten Schläfe, welche sein Steuermann statt auf das Steuerrad zu achten fasziniert anstarrte, pulsierte gefährlich.
„Komm da runter!“ brüllte er erneut in seinem schwingenden Bass und einem beginnenden hysterischen Tonfall, so dass der Fockmast leicht vibrierte.

„Aber....“ erwiderte schreiend der Schiffsjunge, der schon fast ganz oben angekommen war, und wurde sofort unterbrochen.

„Komm sofort da runter, oder ich lasse dich neben unserer Flagge aufknüpfen!“

Ergeben machte sich der Schiffsjunge wieder auf den Weg zum Schiffsdeck, während Ferdinand noch immer wütend vor sich hinschimpfte. Mit gesenktem Kopf versuchte Peter sich hinter einem der Rettungsboote zu verdrücken, doch der Kapitän zitierte ihn sofort zu sich hinüber und las ihm die Leviten: „Ich gebe hier die Befehle! Und ich sage, wann die Fahne gehisst wird! Willst du uns denn schon verraten, bevor wir zehn Meilen an das Schiff herangekommen sind? Damit die abhauen und uns die gesamte russische Flotte auf den Hals hetzen können? Hast du denn gar keinen Verstand in deinem Schädel? Du gehst jetzt unter Deck und kommst erst wieder hoch, wenn ich es dir sage!“ Mit den silbrigen, zornigen Augen in dem braungebranntem Gesicht, welches von einer steilen Unmutsfalte verunziert wurde, umrahmt von flammenden roten Haaren, wirkte er wie der Leibhaftige persönlich.

„Ai, ai, Käpt’n!“ murmelte der Schiffsjunge betreten und machte sich unsichtbar.

„Alles nur Luschen hier auf diesem Kahn. Die werden mir alles kaputt machen.“ dachte Ferdinand verächtlich und warf einen strafenden Blick auf den Steuermann links von sich, der sich noch immer mehr für seine blau geäderte Schläfe interessierte als für das Steuerrad.

Botanik

Unter der Pappel da träumte ich
das Lied des Sommerwindes,
unter der Birke da suchte ich
das Haar des Elfenkindes,
unter dem Kirschbaum da weinte ich
Tränen des Abschiednehmens,
unter dem Ahorn da wartete ich
auf das Ende des Juliregens,
doch unter dem Pfirsichbaum,
du weißt (der alte, krumme),
da küsste ich deinen Mund,
den brombeerverschmierten

Freitag, 16. Juni 2006

Neues aus dem Krankenhaus

Also nachdem mein Vater ja sich mehrere Tage geweigert hatte, etwas zu sich zu nehmen, hatte meine Mutter ihm einen Zettel geschrieben, auf dem stand, dass die Ärzte ihm eine Magensonde mit Betäubung legen wollen, ob er das will. Zuerst hat er sie und den Zettel überhaupt nicht zur Kenntnis genommen und nicht reagiert, doch als sie kurz bevor sie gehen wollte ihm den Zettel noch einmal gezeigt hat, war er auf einmal hellwach und hat genickt. Meine Mutter hat dies der diensthabenden Ärztin gesagt und diese war ziemlich froh darüber, weil nämlich sonst erst ein Psychiater hätte kommen müssen um einen Bericht zu schreiben und dann wär das alles über das Gericht gelaufen. Uns hat das nun stutzig gemacht, als er auf einmal die Magensonde wollte, und wir fragten uns, ob er vielleicht tatsächlich Probleme beim Schlucken oder ähnliches hat, aber die Ärzte meinten, sie haben seinen Schlund untersucht, bis auf aufgesprungene Lippen ist da alles in Ordnung. Und heute, als meine Mutter wieder im Krankenhaus war, hatte er doch einen halben Joghurtbecher ausgelöffelt und am Abend vorher ein paar Stückchen Banane gegessen. Und er hat, in ihrer Anwesenheit, es sogar geschafft die Schnabeltasse selbst zu nehmen und an den Mund zu führen. Ich vermute mal, dass er wahrscheinlich ein paar Tage lang so niedergeschlagen war, dass er "gebockt" hat, und dann, als er merkte, dass doch klitzekleine Besserungen in Sicht sind, es sich wohl anders überlegte. Inzwischen wird er auch schon wieder extrem ausfällig gegenüber den Krankenschwestern und meiner Mutter, was meiner Mutter immer sehr peinlich ist. Sie meinte zu mir, sie will jetzt ganz rabiat durchgreifen und ihm ein Schild schreiben, auf dem steht, dass er, wenn er nicht kooperiert, ins Pflegeheim kommt (wobei sie das gar nicht vor hat, sondern alles dafür vorbereitet, dass sie ihn zu Hause pflegt). Aber sie weiß sich sonst keinen anderen Rat mehr.

Donnerstag, 15. Juni 2006

Die Geschichte, die NICHT "Die Piraten des Baltischen Meeres" heißt - Teil 16

Ein Gesicht schwebt über mir, erst fern, dann immer näher, ein böses, grausames Gesicht. Ich will es nicht anschauen und drehe mich weg. Aber immer wieder scheint es sich in mein Bewusstsein zu drängeln, vor meinem inneren Auge zu erstehen. Ein Mann mit kalten Augen unter dunklen, buschigen Augenbrauen. Oder ist es eine Frau? Lange Haare wallen herab und durch sie hindurch sehe ich goldene Perlenohrringe blitzen. Sie hebt ein weißes Laken, als wolle sie mich damit zudecken. Doch das Laken verfärbt sich plötzlich. Erst ist es nur ein Zipfel, aber dann strömt das Dunkel wie Tinte auf einem hellen Löschblatt in alle Richtungen hinaus. Das Laken ist schwarz, schwarz wie die Nacht, die sich sogleich über mich legt.

Erschreckt wachte ich auf und schaute auf die roten Ziffern des Radioweckers. Es war fast Mittag. Da hatte ich nun schon den halben Tag verschlafen, wie ärgerlich. Um so schneller war ich auf den Beinen, um den Rest meiner Arbeit zu vollenden. Es war ein herrlicher Tag mit strahlend blauem Himmel und still verfluchte ich mein Schicksal, das mir zu solch einer Entscheidung verholfen hatte. Wieder musste der polnische Volkskunstlöffel herhalten, als ich mit ihm die kreideweiße Latexfarbe sorgfältig aufrührte. Ich trug Farbeimer, Roller und Abdeckfolie in das Zimmer. Der Fleck auf dem Teppich war schwarz geworden. Verwirrt starrte ich ihn an. Vorgestern war er noch grau und gestern nur leicht dunkler. Wie merkwürdig. So richtig wollte mir das nicht in den Kopf gehen. Ich nahm einen Schluck Grapefruitsaft, zuckte die Schultern, deckte alles Zimmer mit der Folie sorgfältig ab und begann zuerst, die Tapetenränder mit einem Teppichmesser zu säubern. Danach kletterte ich auf die splittrige Holzleiter und legte mit Schwung los, die Decke zu malern. Der Schwung ließ sehr bald nach, spätestens dann als mir der Schweiß auf der Stirn stand und das Achselshirt an jedem Wirbel meines Rückens klebte. Doch unverdrossen strich ich weiter mit der Farbrolle über die vergilbte Tapete, welche sich langsam unter den Bahnen von Weiß lichtete, erstrahlte, so wie in Sankt Petersburg das weiße Silber der Sonne die Nacht erstrahlen ließ.

Viele solcher Nächte hatte die Mannschaft des „Sturmvogel“ nun schon erlebt und insbesondere Ferdinand, der Kapitän, hatte alle diese weißen Nächte durchwacht, damit ihm nicht entginge, wenn tatsächlich das ersehnte Schiff den Hafen auslief. Heute lag das Meer ruhig da, nur grauer Nebel ließ die Linie des Horizontes in bizarren Formen verschwimmen.
Die Männer hatten recht. Sie konnten hier nicht ewig liegen und das Proviant, welches nicht für eine Weltumsegelung bemessen war, wurde bereits knapp. Enttäuschung nagte am Herz des Seebeuters, so wie die Ratte Fridolin, das Maskottchen des Schiffes, welche dieses zweifelhafte Privileg in Ermangelung eines zahmen Sturmvogels erlangte, in der Kombüse an einem Zwiebackkanten nagte.
Müde hatte er gerade, mit dem Kopf am taufeuchten Mast lehnend, für einen Moment die Augen geschlossen, als er den Schiffskoch Heiner, einen vierschrötigen, riesenhaften und überall tätowierten Kerl, der mit dem Tranchiermesser nicht nur geschickt darin war, Wild und Fisch zu zerlegen, sondern es auch in diversen Kämpfen schon zum allgemeinen Nutzen und zum Schrecken der Feinde erfolgreich eingesetzt hatte, aufgeregt rufen hörte.
Er öffnete die Augen und sah diesen, in einer Hand einen Kohlkopf und in der anderen sein berühmtes Tranchiermesser, an der Reling stehen und auf einen diesigen Schatten deuten, der sich langsam von der dunklen, vor ihnen liegenden Landzunge löste.
Sofort war Ferdinand hellwach und führte seinen Kieker an das linke Auge, auf welchem er besser sah, seit ihn die grelle Sonne des Äquators ein Drittel seiner Sehkraft auf dem rechten Auge gekostet hatte. Es war ein Kanonenboot, ohne jeden Zweifel. Und wenn es ein Kanonenboot war, bestanden große Aussichten, dass es genau das Schiff war, auf welches er und seine Mannschaft nun schon seit zwei Wochen warteten. Ruhig wandte er sich an die erwartungsvollen Gesichter seiner Mannschaft und sagte mit Bedacht, jedoch ohne seine Freude gänzlich verbergen zu können: „Habt acht! Wir gehen auf Kurs!“ Die Männer jubelten.

Diese Schuhe zerstören sich in wenigen Minuten selbst

Ich bin ja immer wieder überrrascht, welchen Einfallsreichtum die Industrie entwickelt, wenn es darum geht, die Kauflust anzufachen und auf höchster Stufe rotieren zu lassen, ohne dass ein Leerlauf eintritt.
Ich vermute seit heute, dass es da noch einiges mehr gibt außer die Werbung, das uns in die Arme des nächsten Konsumcenters treiben soll. Wie wäre es zum Beispiel mit sich nach einiger Zeit, ob nun benutzt oder unbenutzt, selbstzerstörenden Produkten? Garnfäden, die sich automatisch zersetzen? Stoffe, die sich langsam selbst zerfressen? Oder Schuhe, deren Sohlen ganz von allein langsam, aber mit Kontinuität zu Staub zerbröseln?
*auf die krümeligen und löchrigen Sohlen ihrer Sommersandaletten starrt* *diese bisher nur wenige Male an den heißesten Tagen der letzten Sommer getragen hat* *Schuhe kaufen hasst*

Die Geschichte, die NICHT "Auf geheimer Nachbarschaftsmission" heißt - Teil 15

Also lehnte ich mich nochmals entspannt zurück und begann ganz unverfänglich, indem ich auf ein Regal zeigte: „Diese Matrjoschkas da, gehören die auch deiner Freundin?“

„Wieso fragst du?“ wollte er wissen.

„Na ja, ich dachte nur wegen dem Poster im Flur.“

„Ja, du hast recht.“ Nachdenklich kratzte er sich hinterm Ohr und seine Augen starrten hinunter auf den ornamental-orientalen Webteppich.„Sie mochte russische Dinge. Sie war selbst Russin, weißt du.“

„Ach so? Könnte es nicht sein, dass sie wieder in Russland ist?“

Er zuckte mit den Achseln. „Die Polizei hat damals auch die russischen Behörden um Mithilfe gebeten, aber es gibt bis heute keine Hinweise.“

„Hm“ meinte ich dazu, „das ist seltsam. Wird denn weiter nach ihr gesucht?“

„Na ja“ erzählte er langsam, als müsse er erst überlegen, „sie ist in der Vermisstenkartei aufgenommen und wann immer ein unidentifiziertes....äh.....Opfer gefunden wird oder andere Hinweise auftauchen, werden diese mit der Kartei abgeglichen. Die Kriminalpolizei sagt, dass es ein Verbrechen sein könnte, dass sie sich aber genauso gut irgendwo abgesetzt haben könnte. Sie hatte immer Heimweh, hmm.“

„Hattet ihr euch denn gestritten?“ fragte ich frei heraus und schaute ihn erwartungsvoll an.

Überrascht hob er den Kopf, schlenkernd, um das sofort energisch zu bestreiten. „Wir? Niemals! Wir haben uns nie gestritten! Nein. Sie war einfach eines Morgens nicht mehr da.“

„Aha.“ antwortete ich und sparte mir alle weiteren Worte.

Ein Paar, das nie stritt – ich wusste nicht, ob ich dies meiner realistischen, um nicht zu sagen leicht sarkastischen Sichtweise der Dinge zu verdanken hatte, die meinen aufmerksamen Lesern nicht entgangen sein dürfte, doch die Vorstellung so einer Verbindung ließ mir alleine schon sämtliche Schauer über den Rücken laufen und ich spürte, wie sich selbst die feinsten Nackenhärchen hinter meinen Ohren aufrichteten und sträubten, sobald ich diese Antwort vernommen hatte. Erneut war ich nun misstrauisch geworden. Ich wusste nicht, was es mit dem geheimnisvollen Herrn Luchterhand auf sich hatte, doch ich hätte einen Besen gefressen, dass entweder mit seiner Antwort oder mit der Beziehung irgendetwas nicht stimmte.

Nachdem ich mich freundlich und ohne mir meine Skepsis anmerken zu lassen von meinem Nachbarn verabschiedet hatte, wobei ich ihn einlud, nach der Wohnungsrenovierung mal ein Gläschen Wein bei mir zu trinken, ließ ich mir den Rest des Abends auf dem Balkon die erfrischende und würzige Luft, die das Gewitter hinterlassen hatte, um die Nase wehen.
Die frechen Elstern machten wie immer einen riesigen Rabatz in der Baumkrone vor meinem Fenster, so als würden sie jeden Abend aufs neue um die besten Schlafplätze kämpfen. Als endlich Ruhe herrschte, kam ich in den unerwarteten Genuss eines nächtlichen Minnesanges in Form des Liedes „Dust in the Wind“ aus einer der Nachbarwohnungen (insgeheim fragte ich mich, ob es vielleicht sogar Herr Luchterhand war, der da seinen heimlichen Traum eines Popstar-Lebens träumte), welcher sämtliche streunenden Katzen aus der Umgebung anlockte und diese zu einem Chorkonzert animierte. Doch auch dieses verstummte irgendwann einmal und zurück blieben ich, die Nacht und die Sterne.

Mittwoch, 14. Juni 2006

Bauchlandung

Durch mein (offenes) Bürofenster hindurch hat doch heute eine Mauerschwalbe einen Bauchklatscher gemacht. Zum Glück hat sie dann auch gleich wieder nach draußen gefunden. Ich finde es schon erstaunlich, wie oft sich irgendwelche Vögel in meine Wohnung oder in das Büro verirren. Manchmal habe wirklich den Eindruck, dass irgendwas mit dem Ortungs- und Navigationssystem der Vögel nicht mehr stimmt. Wenigstens hat mich das ein bißchen abgelenkt. Nicht von der Arbeit, denn für die habe ich sowieso kaum noch ein Kopf, sondern von den ständigen Gedanken an meinen Vater im Krankenhaus. Dieses dauernde Hin und Her und das Warten macht einen richtig fertig. Ich kann mich kaum noch konzentrieren und vergesse ständig alles, mal die Aufschrift auf der Postmappe, mal die Anschrift, mal die schon bestätigten Abzüge - ein Kopf wie ein Sieb. Außerdem nervt mich zur Zeit auch noch die Revisorin mit lauter Kinkerlitzchen-Akten.
Und immer wieder, egal was man macht, egal wo man ist, kommt dieser Gedanke an diesen einen Menschen im Krankenhaus. Klar gibt es in jeder Minute auch noch tausend andere Menschen, die irgendwo leiden, aber wenn es jemand ist, der einem nahesteht, ist das doch noch etwas ganz anderes. Alles erscheint einem so widersinnig, man kann rein gar nichts tun und fühlt sich trotzdem fast schuldig dafür, wenn das Leben für einen selbst und andere normal weitergeht.

Farbtest

Zu finden unter
http://www.colourtest.ue-foundation.org/index-d.html

Begehrt intensiv zu leben und freut sich, Herausforderungen anzupacken und mit vitaler Intensität zu erleben. Ist aufgeschlossen, aktiv und unternehmungsfreudig. Erwartet, daß auch andere die eigenen, persönlichen Interessen teilen. Erwartet, daß der andere rasch begreift und begeistert mitmacht. Läßt sich in den persönlichen Interessen und Absichten nicht behindern und nicht einengen. Läßt sich auch nicht von konventionellen Vorurteilen und von vorsichtiger Kleinlichkeit oder Ängstlichkeit anderer beeindrucken.

Möchte sich gegen aufreibende Umstände oder empörende Auseinandersetzungen mit einem nahestehenden oder als Sozialpartner wichtigen Menschen abschirmen, um sich so gut wie möglich gegen verletzende Erschütterungen zu schützen. Sehnt sich zwar nach einer liebevollen, dauernden Zufriedenheit. Möchte jetzt aber von den Belastungen und Sorgen verschont bleiben, die eine gefühlsstarke Bindung zur Folge hat.


Vor allem der zweite Teil passt ausgezeichnet.

Nach Jubeln und Juchzen...

ist mir zwar nicht gerade zumute, nichtsdestotrotz war ich heute morgen angenehm überrascht, als ich, nachdem es wiederum schon früh im Schatten 25 Grad waren, meine Sommerhosen hervor holte und feststellte, dass ich abgenommen habe. Das Bäuchlein, welches ich sonst mit mir herumtrage, ist ratzekahl weg und die Hosen, mit denen ich im letzten Sommer einige Probleme hatte, sie zu zu bekommen, sitzen sogar sehr großzügig. Schon die letzten Tage kam mir mein Bauch irgendwie flacher als sonst vor, aber ich dachte eigentlich, ich bilde mir das nur ein. Merkwürdig, denn genaugenommen habe ich gar nichts gemacht, bis auf die etwas anstrengeren Bau- und Renovierungstätigkeiten und dass ich meine Ernährung von Margarine auf Bio-Butter umgestellt habe (das aber schon im vergangenen Jahr). Erst letztens habe ich hier: http://www.wissen-news.de/news/312413062006.php gelesen, dass die gehärteten Fette, wie sie in Margarinen vorkommen, schädlicher sind als angenommen, sogar zu mehr besonders gefährlichem Bauchfett führen. Oder liegt das an der Sache mit meinem Vater? Eigentlich habe ich trotzdem die ganze Zeit normal gegessen, auch wenn ich manchmal kaum Appetit hatte. Jedenfalls sieht es so aus, als könnte ich dieses Jahr wieder die bauchfreien Sachen tragen.

Dienstag, 13. Juni 2006

Neuer Schreck aus dem Krankenhaus

Mein Vater liegt jetzt wieder auf der Intensivstation, weil es auf der normalen Station nicht ging und sie sich dort besser um ihn kümmern können. Es sieht schon wieder ziemlich schlecht aus. Er hat zwar alles anscheinend überstanden, will aber keine Nahrung mehr zu sich nehmen, wehrt alles mit Händen und Füßen ab. Die Ärzte sind ziemlich ratlos und wissen auch nicht so recht, was sie machen sollen. Sie wollen ihn nicht gegen seinen Willen zwangsernähren und das geht ja auch nicht auf Dauer. Er sagt nichts so richtig, kann ja auch noch nicht so gut sprechen, deshalb wissen sie nicht, ob er nur nicht will oder vielleicht Beschwerden beim Essen hat, zumal er ja auch den Schleim, den er abhustet nicht schlucken kann. Er will sich jetzt auch nicht mehr berühren lassen, wehrt auch das ab. Zu meiner Mutter hat er bei ihrem letzten Besuch gesagt: "Ich bin bald tot."
Die Ärzte haben meiner Mutter geraten, sie soll nichts planen, es geht alles nur von einem Tag zum anderen. Meine Mutter war heute ziemlich überzeugt davon, dass er es wirklich nicht mehr schafft. Ob nun aus Trotz oder wegen der Krankheit kann man gar nicht so genau sagen, aber so wie er sich jetzt herumquält, wäre es wahrscheinlich besser gewesen, er wäre gleich in der Narkose eingeschlafen.

Die Geschichte, die NICHT "Auf geheimer Nachbarschaftsmission" heißt - Teil 14

Doch so schnell wollte ich mich nicht geschlagen geben, weshalb ich hilfesuchend in seine Wohnung spähte. Und sogleich entdeckte ich etwas, das mir helfen würde, das Gespräch in Gang zu halten ohne all zu aufdringlich zu wirken. An einer Seite seines Korridores befand sich eine kleine, in die Wand eingelassene, halbrunde Nische, die augenscheinlich als Ablage diente. So eine hatte ich nicht in meiner Wohnung. Ich bekundete mein Entzücken mit einem staunenden Ausruf der Bewunderung, während ich meinen Blick auf das kleine Wohnstil-Accessoire gerichtet hielt.

„Nein! Wieso habe ich so was nicht in meiner Wohnung? Die ist ja praktisch und hübsch noch obendrein!“

Herr Luchterhands Augen leuchteten auf. „Ja, nicht wahr? Die habe ich selbst gemacht.“

„Ach? Tatsächlich?" war meine fassungslose Reaktion darauf, „Das müssen Sie mir unbedingt mal erklären, wie das geht.“

Herr Luchterhand strahlte. „Also wenn Sie Zeit haben, äh.....können Sie ja für einen Moment herein kommen. Das heißt, wenn es Sie nicht stört, dass ich mir gerade etwas zu essen mache.“

„Aber nein.“ Ich schüttelte den Kopf und trat in den kleinen Flur. Mein Nachbar schloss hinter mir die Tür und bat mich linkerhand in ein großes Zimmer. Alles war sehr sauber und ordentlich, doch das wunderte mich nicht, denn Herr Luchterhand wirkte ebenfalls immer sehr ordentlich und adrett gekleidet. Ich nahm auf einem massigen, dunkelgrünen Sofa Platz, welches so tief war, dass ich mich nicht mit dem Rücken anlehnen konnte ohne halb zu liegen. Sogleich reichte er mir zwei riesige ebenso grüne Sofakissen und forderte mich auf, diese zusätzlich hinter meinem Rücken zu postieren. Das sei bequemer so. Ich tat wie er gesagt hatte und versank in einem dunkelgrünen Meer aus Sofakissen. Nun saß ich sehr gut. Er schien seine Couch gut zu kennen.

Dann entschuldigte er sich und eilte in die Küche, weil dort noch seine Bratkartoffeln auf dem Herd standen. Vorher fragte er etwas verlegen, ob ich vielleicht auch eine Portion haben möchte.

Ich winkte erschrocken ab. Nur keine Umstände. Und ein gemeinsames Essen mit Herrn Luchterhand war mir doch etwas zu intim. Das dachte ich aber nur. Aus der Küche hörte ich ihn rufen, ob ich nicht zumindest etwas trinken wolle. Ich rief zurück, dass mir ein Glas Wasser vollkommen reiche.
Während er an seinem Herd hantierte, sah ich mich neugierig um.
Die dunkle Schrankwand, etwas spießig aber mit schöner Maserung, nahm fast eine gesamte Wand des Zimmers ein. In den offenen Regalfächern standen dicht an dicht und nach Größe sorgfältig aufgereiht diverse Bücher. In einigen anderen Ablagen befand sich Krimskrams und Nepp, wie zum Beispiel eine russische Matrjoschka.
Ich fragte mich, welche Art Interesse wohl Herr Luchterhand an Russland hatte und ob er doch derjenige im Keller gewesen ist. Ich fragte mich ebenfalls, warum ich ihn jahrelang nie zu Gesicht bekomme und er jetzt auf einmal wie ein Gespenst überall im Haus auftaucht. Ein ungutes Gefühl wollte mich nicht loslassen.
In einer Ecke, etwas versteckt, entdeckte ich die obligatorische Kommode mit dem Fernseher.
Fernsehzeitschriften stapelten sich Kante auf Kante in einer Ablage unter dem Couchtisch. Eine robuste hölzerne Pendelleuchte mit Leinenbespannung zierte die Decke.
Vor dem Fenster hingegen schützten grüne Jalousien tagsüber vor der einfallenden grellen Sonne, welche man auf dieser Seite stets hatte, und vor fremden Einblicken aus dem gegenüberliegenden Haus während der Nachtzeit. Undeutlich erkannte ich durch die noch geöffneten Streben hindurch eine Red-Bull trinkende Riesenkrake, die sich mit ihren vielen Armen in einem der Ahornbäume verfangen hatte.

Herr Luchterhand erschien in der Tür mit einem großen und einem kleinen Teller. Beide balancierte er zum Tisch, stellte sie dort ab und setzte sich selbst auf einen der jugendstilartigen Lehnstühle.
Die Bratkartoffeln dufteten herrlich und nicht nur das, sie sahen auch noch fantastisch aus.
Mein Magen gab mir da uneingeschränkt recht. Goldbraun und kross, aber nicht zu dunkel, sogar mit Gürkchenspalten und Tomatenscheiben geschmückt. Auf dem kleineren Teller entfaltete sich ein liebevoll zubereiteter grüner Salat.

Mein Wasser hatte er vergessen, doch sofort, als er zu essen beginnen wollte, fiel ihm das erschrocken ein und mit umständlichen Entschuldigungen eilte er zurück in die Küche um gleich darauf mit einer Flasche Selters und einem prächtigen Kristallglas zurückzukommen. Aber auch jetzt noch wollte ihm das Essen nicht so recht schmecken. Verlegen stocherte er darin herum, während er dabei davon erzählte, wie er die Nische in schweißtreibender Arbeit herausgestemmt, glatt gemeißelt und verputzt hatte.
Er schaute öfters zu mir hinüber und bemerkte schüchtern, dass noch Bratkartoffeln übrig wären, worauf ich sofort wieder abwinkte. Mein Magen widersprach mir hier energisch und innerlich knurrte ich ihn an: „Halt die Klappe.“ Leider ließ er sich nicht den Mund verbieten und knurrte laut zurück, so dass es selbst Herr Luchterhand vernahm. Das war mir außerordentlich peinlich, doch dieser schien sich jetzt von Fragen auf Taten zu verlegen und bestimmte, dass er mir die restlichen Bratkartoffeln holen würde. Ich versuchte gar nicht erst, mich zu wehren. Fast war ich gerührt von so viel Fürsorge. Entschuldigend murmelte ich, dass es heute schon eine Weile her sei, dass ich etwas gegessen habe.

Kurz darauf stand ein ebenso appetitlich duftender Teller vor meiner Nase und ich konnte mich persönlich davon überzeugen, dass die goldgelben Kartoffelscheiben mit dem knusperbraunen Rand köstlich waren.
„Herr Luchterhand...“ begann ich und wurde sofort unterbrochen.

„Klaus. Sagen Sie Klaus. Wenn es Ihnen recht ist, dass wir uns künftig duzen.“

Ich nickte. „Gerne. Ich heiße Kira.“

„Ein außergewöhnlicher Name. Klingt nach einem Papageienvogel.“ antwortete er ernst.

Prustend bemühte ich mich, den letzten Bissen bei mir zu behalten.

„Sie können sicher, äh.......du kannst sicher sein, dass ich sehr viel weniger plappere als ein Papagei.“

Auch Klaus kicherte. „Wie du sicher schon bemerkt hast, bin ich ebenfalls nicht gerade der Unterhaltungshit.“

Er wurde mir immer sympathischer. Sein graues, kantiges und gequältes Äußeres bemerkte ich kaum noch. Oder hatte es sich aufgelöst? Die grauen Augen erschienen mir mit einem mal sanft und freundlich. Selbst das Lächeln wirkte nicht mehr steif, sondern nur noch ängstlich.
Wenn da nur nicht dieses geheimnisvolle Verhalten und die seltsamen Vorfälle wären.
Sollte ich ihn direkt danach fragen? Ich beschloss zu warten. Es schien der Beginn einer, zwar nicht gerade wunderbaren Freundschaft, aber doch einer netten Nachbarschaft zu sein. Vielleicht war ja alles bald vergessen und würde nicht mehr vorkommen.

„Klaus....“ begann ich noch mal. „Deine Bratkartoffeln sind einfach fantastisch. Ehrlich. Woher kannst du denn so gut kochen?“

Verlegen kicherte er erneut. „Ich kann eigentlich gar nicht kochen.“

„Ach komm....!“

„Neee, ehrlich. Ich kann nur Bratkartoffeln. Doch die Zubereitung dieser habe ich in jahrelangen experimentellen Versuchsreihen schrittweise immer mehr perfektioniert.“

„Jetzt willst du mich aber auf den Arm nehmen?!“

Er sah mich verständnislos an. Klar, wie hatte ich auch annehmen können, dass jemand wie Klaus Scherze macht.

„Es war sehr viel Arbeit, die Bratkartoffeln so zu vervollkommnen, dass sie jetzt schmecken, wie du sie gerade gegessen hast. Zum Beispiel verwende ich zum Braten nur noch selbst hergestelltes Kräuter-Butterschmalz. Die Kräuter dazu baue ich ebenfalls selbst an, genauso wie die Zwiebeln. Und ich arbeite weiter daran, eines Tages die absolut vollkommene und perfekte Bratkartoffel herzustellen. Das hier ist nur der Anfang.“

Am liebsten hätte ich laut losgelacht, doch weil er beim Reden so ernst war, blieb auch mir das Lachen im Halse stecken. „Ähem.“ sagte ich deshalb bloß und nahm einen Schluck aus dem Kristallglas.

„Nun“ erzählte er weiter, „ich kann zwar außer Bratkartoffeln nichts anderes kochen, aber dafür auch noch leckeres Schmalz auslassen. Das mache ich ebenfalls selbst. Wenn Sie, äh....du möchtest, mache ich für dich mal ein kleines Töpfchen.“

„Danke. Das ist nett, aber vorerst nicht nötig.“

Gerade wollte ich mich verabschieden, da fiel mir ein, weshalb ich eigentlich überhaupt hier war. Nicht wegen der Bratkartoffeln, sondern weil ich etwas erfahren wollte.

Montag, 12. Juni 2006

Die Geschichte, die NICHT "Auf geheimer Nachbarschaftsmission" heißt - Teil 13

Missmutig klappte ich das Laptop zu und blickte in den schwülstig pinkfarbenen Abendhimmel, der sich inzwischen etwas gelichtet hatte. Dann stand ich auf und tappte in den Flur, um das kleine Kärtchen zu holen, das noch immer auf einem der Bücherstapel lag. Ärgerlich nahm ich das oberste Buch, dessen Umschlag einen noch schwülstigeren, künstlichen Abendhimmel zeigte, sowie eine Frau auf einem Pferd, deren langen roten Haare sich flammend mit dem Sonnenuntergang vereinigten, während ihre vollen, bebenden Lippen vor Speichelfluss glänzten, und drehte es mit der Titelseite nach unten, nicht zu vergessen mit dem Buchrücken zur Wand.
Die Visitenkarte lag angenehm geschmeidig und doch fest in der Hand, eine leichte Prägung im Karton umrahmte die anthrazitfarbenen und schön geschwungenen Lettern:
Robert van der Maydbrink – was für ein Name! In Gold würde er sich ja noch besser machen, aber das hätte ich wohl etwas angeberisch gefunden.

Ich tippte seine Telefonnummer in mein Telefon, doch überlegte ich es mir anders und löschte wieder alles. Bei dieser Gelegenheit löschte ich auch gleich alle anderen Nummern in meinem elektronischen Datenspeicher. Sofort deaktivierte ich ebenfalls die Mailbox und da ich nun schon so weit fortgeschritten war, außerdem die Rufnummernanzeige. Nach dieser Entrümpelungsaktion griff ich mir ein paar saubere Sachen, riss mir den lila Handtuchturban vom Kopf und kleidete mich an. Die Haare schlackerten wie abgeschreckte Spaghetti von meinem Kopf herunter. Wieso haben diese Frauen auf diesen Buchumschlägen eigentlich immer diese fantastischen Haarmähnen?

Nach etlichen Kilo Volumenspray war auch meine Mähne einigermaßen brauchbar. Ich verließ die Wohnung und posierte vor der Tür meines Nachbarn, während ich zweimal klingelte.
Langsam öffnete sich die Tür und Herr Luchterhand schaute mich mit kugelrunden Augen an.
Er trug diesmal nur ein grau-gestreiftes Herrenhemd ohne Weste und einer der Hemdzipfel hing aus dem Bund seiner schwarzen Stoffhose. An seinem Arm, den er an den Türrahmen gelehnt hatte, fiel mir eine goldfarbene Armbanduhr ins Auge.

„Ähm...“ begann ich, „ich war heute im Keller und da ist mir aufgefallen, dass Ihre Kellertür offen steht.“

Er starrte mich weiter an, als hätte er nichts gehört. Aus seiner Wohnung zog der Duft von brutzelnden Bratkartoffeln. Ich fürchtete, dass mein Magen gleich laut knurren würde.

„Ich dachte nur, weil da jeder rein kann. Ich habe gesehen, äh, flüchtig im Vorbeigehen, dass Sie da wohl teurere Werkzeuge aufbewahren.“

Irgendwie hatte ich für einen kurzen Moment den Eindruck, dass er seine Gesichtsfarbe gewechselt hatte, doch als ich genauer hin sah, konnte ich keinen Unterschied entdecken.

„Ach so. Ja, danke.“ wurde er jetzt lebendig. „Das ist nett, dass Sie mich darauf aufmerksam machen. Ich werde gleich hinuntergehen und äh....abschließen.“

„Nichts zu danken. Vielleicht könnte ich mir ja mal das eine oder andere Gerät borgen?“

Ich merkte, dass Herrn Luchterhand das Gespräch sichtlich unangenehm war. Um genauer zu sein: er wand sich wie ein arthritischer Aal, wobei seine grauen Schläfenlocken leise zitterten.

„Für die Renovierung, meine ich. Ich weiß noch nicht, was da alles weiter auf mich zukommt und habe auch nicht viel Ausrüstung zu Hause.“

Er schien etwas erleichtert.

„Ja, kein Problem. Fragen Sie mich einfach.“

Ich merkte, dass er Anstalten machte, das Gespräch zu beenden und schaute interessiert auf das Schwarz-Weiß-Poster, welches halb von seinem Körper verdeckt wurde, und das ich nun als einen alten Stich identifizierte. Das Licht im Hausflur verlöschte mit einem kleinen Surren.

„Ist das nicht das Winterpalais in St. Petersburg?“ fragte ich, wobei ich mit dem Kopf in Richtung des Bildes nickte und gleichzeitig auf den Lichtschalter drückte. „Es gefällt mir.“

„Ja“, antwortete er sofort. „Das ist noch ein altes Poster meiner Freundin.“
Seine Gesichtszüge entspannten sich und wurden weicher.

„Ach? Ich habe ihre Freundin noch nie gesehen. Wohnt sie auch hier?“

„Nicht mehr.“ Während er das sagte, schaute er auf irgendeinen fernen Punkt neben mir.

„Ach nein? Wie schade. Was macht sie denn?“

Noch immer musterte er aufmerksam irgendetwas im schrägem Winkel zu meiner eigenen Erscheinung.

„Sie ist verschwunden.“

„Wie jetzt? Was.....?“

„Sie ist vor zehn Jahren verschwunden und wurde danach nie gefunden.“

„Das reimt sich.“ dachte ich, doch stattdessen sagte ich: „Das tut mir leid.“

„Ja.“ überrascht schaute er mich direkt an und lächelte ein winziges, schiefes Grinsen. „Das ist eine lange Geschichte.“

Er schien sie mir nicht erzählen zu wollen.

Doktorspiele im Büro

Ich liege in meinem Bett mit einem riesigen Berg von Plüschtieren im Arm. Irgendjemand tappt an meinem Bett vorbei und sagt: "Sind das viele Kuscheltiere!"

Danach bin ich auf Arbeit und mir gegenüber sitzt eine Frau mit kurzen blonden Stoppelhaaren, die ich als Kollegin nicht kenne. Sie berechnet irgendwelche Zahlen und meint, dass da irgendwas nicht stimmen würde. Kollege K. ist mit dabei und erklärt ihr, dass man etwas bei einem bestimmten Vorgang nicht sehen konnte, als wäre das sein Bier gewesen, aber eigentlich war das mein Vorgang. Ich stimme ihm deshalb darin zu, dass man das nicht sehen konnte, sage zu der Frau aber auch, dass das meins ist und wenn ein Fehler, dann meiner. Die Frau erklärt, dass sie das wieder hinbiegen könne, wenn sie es anders rechnet.
Danach will K. mein Herz mit einem Stethoskop abhorchen. Ich wundere mich nicht weiter darüber, da er wie jeder Sachbearbeiter für die Klienten ein Stethoskop besitzt und ebenfalls sowas wie ein Arzt ist. Er horcht also mit dem Stethoskop an meinem Rücken und bemerkt dabei das dunkelblaue Achselhemd, welches ich im Traum unter meinem Oberteil trage, worauf er sagt: "Hey, du trägst ja Unterhemden!". Dann erklärt er mir, dass alles in Ordnung ist und ich gehe davon aus, dass er das Herz meint.

Also langsam ist es echt auffällig, wie oft ich von K. träume. Mal ist er Coiffeur, mal Arzt, mal reicht er mir eine mit Schnaps gefüllte Schale, nur Sex will ich keinen mit ihm. Wenn er das wüßte! (Oder wenn A. das wüßte, oder M.!) *lol*

Sonntag, 11. Juni 2006

Eigentlich....

hatte ich ja heute vor, zu Hause zu bleiben. Doch nachdem ich vormittags mit meinem Kumpel telefonierte, ihn über die Katastrophen der letzten Wochen aufklärte und dann zu ihm sagte "Ich hätte so gerne mal wieder so einen schönen Ausflug mit dir gemacht.", stutzte ich beim Hörerauflegen. Warum nicht jetzt einfach nur mal kurz mal raus? Muss ja nicht immer ein Tagesausflug sein. Natürlich nicht ins Innere der Stadt, denn ich bin ja nicht lebensmüde, aber schließlich habe ich ja auch Wald und Wiese fast vor der Tür, zumindest bin ich in weniger als 20 Minuten dort. Normalerweise. Doch diesmal bin ich im Tran in die falsche S-Bahn gestiegen und landete dann jwd, wo es nur noch ein Gleis gab. Dementsprechend lange dauerte es auch, bis wieder eine Bahn kam und ausgerechnet auf die wartete auch schon eine Polizeieinsatztruppe, die sich auf dem Bahnhof postiert hatte. Anscheinend verfolgten sie jemanden, der sich mit der S-Bahn verflüchtigt hatte. Sie kämmten alle Waggons durch, zeigten für mich aber keinerlei Interesse. Endlich landete ich doch noch dort, wo ich hin wollte.

Neues aus dem Krankenhaus

Also meinem Vater scheint es schon wieder (zu) gut zu gehen. Sie haben ihn jetzt auf die normale Station verlegt und er fängt jetzt an frech zu werden. Als die Pfleger ihm eine Schnabeltasse Wasser gebracht haben, hat er gemeckert, das er Selter will, die er aber noch nicht trinken darf. Dann hat er laut geschimpft, was das hier für ein Verein wäre. Schließlich hat er meiner Mutter vorgeworfen, die überhaupt nichts gesagt oder getan hatte, dass wir ihn entmündigen wollen. Meine Mutter hatte ihm einen Brief geschrieben, in dem sie im alles geschildert hat, was passiert ist, aber man hat nicht den Eindruck, dass er es wirklich erfasst. Tatsache ist, dass er, wenn meine Mutter nicht die Feuerwehr gerufen hätte, am nächsten Morgen tot gewesen wäre. Doch anscheinend glaubt er, dass wäre ein abgekartetes Spiel gewesen, um ihn loszuwerden.
Mir tun die Pfleger echt leid, vor allem aber meine Mutter, weil sie ihn ja dann noch viel länger hat. Sie fürchtet, dass sie ihn im Krankenhaus bald abschieben werden (klar, wer will schon so einen Kranken haben) und dass sie nicht mehr viel Zeit hat, um zu Hause alles in Ordnung zu bringen. Eigentlich wäre es viel besser, wie auch schon K., die Freundin meines Bruders sagte, wenn sie ihn noch so lange behalten, dass meine Mutter und wir in Ruhe alles erledigen können und sie auch noch die Zeit hat, sich etwas zu erholen. Die Schwester hat ihr aber schon die Nummer einer Sozialstation gegeben, wo sie anrufen soll, da sie ebenfalls meint, dass meine Mutter das nicht alleine schafft mit der Pflege. Und da hat sie ja auch recht. Es muss auf jeden Fall eine zusätzliche Pflegekraft her, egal ob es meinem Vater nun passt oder nicht. Schwierig wird es nur, wenn er sich dann so aufführt, dass er jeden wieder vergrault. Da wünschte man echt, man könnte ihn wieder ins Koma versetzen. Irgendwie ist er da viel umgänglicher.

Samstag, 10. Juni 2006

...

In den Fangarmen der Akelei
säumte Blütenstaub meinen Weg
und das weite Sonnendach,
das gefiederte,
das geliderte,
wölbte sich malvenweiß
über meinen Himmel.
Müde bettete ich meine Sorgen
auf goldene Blütenkissen
und sie begannen zu funkeln
wie die herrlichsten Pretiosen.
Im Windschatten des Kelches
(sich übervoll der Sonne neigend),
dort im Schutze träumte mir,
es scheint nicht was es ist,
das Leben,
das Akeleienarmige.

Freitag, 9. Juni 2006

Doofball

Gekreisch, Gebrüll, Gegröhle und Geschrei hallen über den Hof. Böller und Feuerwerk zischen durch die Luft, so dass sogar die Vögel vor Schreck verstummen. Tröten, Trillerpfeifen und andere launige Krachmacher schrellen nervtötend. Es ist, als wäre die gesamte Hauptstadt aus ihren Sofas auferstanden und gerade dabei, böse Geister zu vertreiben, weil ein neues Jahr begonnen hat. Hat es aber nicht. Es ist nicht Mitternacht, sondern ein normalerweiser ruhiger Freitagnachmittag mitten im Sommer. Begibt man sich nun infolge der Lärmbelästigung in das heimatliche Zimmer und schaltet den Fernseher ein, findet man selbst auf Sendern wie dem History Channel zwar wie immer jede Menge Dokumentationen, jedoch alle auschließlich über Fußball. Fußball in Argentinien, Fußball in Brasilien, Fußball in Spanien, Fußball in Paraguay, Fußball in Finnland, Fußball auf dem Mond.
Und dann dämmert es auch mir - die Fußball-WM hat mich nun endgültig eingeholt und es gibt kein Entkommen, nicht einmal in den tiefsten Winkeln meiner Schneckenwohnung. Im übrigen: es geht mir vollkommen am Arsch vorbei, wer da gerade wie ein Tor geschossen hat. Genausowenig interessieren mich all diese krankhaft kranken Fußballer, die am laufenden Band irgendwelche unnormalen Wehwechen an den Knien, an den Sehnen, an den Waden oder am Kopf haben. Spielt keinen Fußball, dann bleibt ihr gesund!

Geheimnisvolle Welt

Da gibt es doch neuerdings in dem kleinen Cafe, welches sich in der Nähe meines Büros befindet, gesundes Bio-Eis in verschiedenen Sorten. Diese sind an einer Tafel, welche vor dem Cafe steht, ausgeschrieben. Nach der Nummer 1, dem Sanddorn-Eis, gibt es dort eine Sorte, die nennt sich Nougat-Ziege. Nein, nicht Nougat-Zimt, sondern Nougat-Ziege - ich habe extra dreimal gelesen, aber es blieb Ziege. Nun könnte ich mir zwar unter Nougat-Zimt was vorstellen, aber nicht unter Nougat-Ziege. Nougat mit Ziegenkäse oder gar noch Schlimmeres?

Dann bin ich auf dem Nachhauseweg und treffe einen seltsamen alten Mann. Im Safarilook, Hütchen auf dem Kopf, Sonnenbrille, antikem Spazierstock und weißem Bart. Ein bißchen erinnert er mich an "It's cool man". Er geht zu so einem Transformatorendingsbumskasten und stellt darauf einen seltsamen bunten Gegenstand ab. Dann geht er weg und läßt ihn dort stehen. Als ich näher dran bin, sehe ich, dass das Teil irgendwie Ähnlichkeit mit einer afrikanischen Buschtrommel hat, nur dass es untenrum bunt und vielleicht auch aus Glas ist. Ich überlege, ob ich ihm hinterherrufen soll "Heee Sie....haben Sie was vergessen?", aber ich tue es nicht, weil ich mir blöd vorkomme. Schließlich habe ich ja gesehen, dass er es nicht vergessen, sondern absichtlich dort stehen lassen hat. Weshalb er das wohl tat?

...

Heute findet schon wieder die Geburtstagslage einer Kollegin statt und das ist echt das allerletzte, wozu ich gerade in der Stimmung bin. In so einer Situation wie jetzt, geht einem das ganze Gefeiere bloß noch auf dem Trichter. Im Familienkreis weiß man das ja auch, aber die lieben Kollegen kennen wirklich kein Pardon.