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Donnerstag, 13. Juli 2006

Die (immer noch) namenlose Geschichte - Teil 23

Tagebucheintragung vom 13.7.1979

Klaus Luchterhand – Held der Arbeit. Klingt bescheuert. Jeder weiß, dass ich kein Held bin. Doch bei Schatzi fühle ich mich so. Gerade drei Wochen ist es her, dass wir das erste Mal miteinander geschlafen haben. Und meine Aufregung stellte sich als völlig unbegründet heraus. Na ja, nicht ganz. Aber inzwischen habe ich mich gut unter Kontrolle. „Los Katerchen,“ hat sie gesagt, „gleich noch mal!“ und dann habe ich es ihr richtig gegeben, bestimmt. Hinterher hat sie mich gekniffen. Ich habe jetzt noch den blauen Fleck, der inzwischen grün geworden ist. Sie ist so heißblütig und temperamentvoll, ganz anders als ich. Seitdem könnte ich dauernd, wenn ich sie nur sehe, ach, was sage ich, wenn ich nur ihre Stimme höre oder an dem Laken rieche, auf dem sie gelegen hat.& Wenn ich neben ihr im Bett liege, ist an Schlaf kaum zu denken. Aber schlafen kann ich noch genug, wenn ich tot bin und schließlich habe ich viel nachzuholen. Ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass so eine tolle und erfahrene Frau mich liebt. MICH. Tut sie das? Ganz sicher. Olga ist seit Wochen nur mit mir zusammen. Es ist die Art, wie sie sich mir hingibt, die mich so sicher macht. Dass sie schon andere vor mir hatte, stört mich überhaupt nicht, weiß sie sich jetzt doch das Beste von mir zu nehmen. Aber manchmal frage ich mich, ob sie sich den anderen wohl ebenfalls so entgegengestreckt hat, wie sie das bei mir tut. Und ob sie es mit den anderen vielleicht häufiger gemacht hat als mit mir. Leider will sie nämlich nicht so oft wie ich. Letztens hat sie mir plötzlich eine Ohrfeige gegeben, als ich versucht habe, sie mitten in der Nacht zum vierten Mal zu verführen. Ich war vielleicht erschrocken. Wenn sie so wütend ist, kann sie einem richtig ein bisschen Angst machen. Aber sie hat recht, es war dumm von mir, schließlich kann ich ja nicht erwarten, dass sie es die ganze Nacht hindurch mit mir treibt. Sie braucht ihren Schlaf und ich will ihn ihr gönnen. Sie soll es gut haben bei mir. Deshalb halte ich mich jetzt zurück und bewache ihren Schlummer, wenn die Müdigkeit, wie so oft an ihrer Seite, einen großen Bogen um mich macht. Ich mag es, ihr in diesen Momenten des Traumschlafes zuzuschauen, in welchen sich ihre Augäpfel wie wild unter ihren schönen Lidern mit den langen Wimpern bewegen, und ich stelle mir vor, wie sie von mir träumt und wir dort drüben, in ihrer anderen Welt, die schmutzigsten Dinge tun. Manchmal sabbert sie im Schlaf, das ist richtig süß. Ich lecke dann mit meiner Zunge vorsichtig ihren Speichel vom Kinn und vom Kopfkissen auf. Natürlich so, dass sie es nicht merkt. Diese Hitze ist zur Zeit kaum auszuhalten. Allerdings weiß ich nicht genau, ob es wirklich nur der heiße Sommer ist oder nicht vielmehr die ständige innere Hitze, die mich so auslaugt. Aber ich möchte es gar nicht anders. Nächsten Monat bekomme ich endlich den Trabi, für den ich mich zwei Tage nach meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag angemeldet habe. Ich scheine tatsächlich eine Glückssträhne zu haben.&

Neue Leserumfrage

[Es existiert keine Umfrage mit der ID 4496!]

Was ich vergaß zu schreiben....

Bei der heutigen Dienstberatung machte jemand bei der Diskussion über die Kisten den Einwurf, dass es doch noch ginge, wenn sich die Akten in einer Kiste befänden und nicht unter dem Schrank lägen und Schuhe davor ständen. Man hatte nämlich tatsächlich in einem Zimmer solche Akten gefunden, die hinten unter dem Aktenschrank lagen und wo Schuhe davor standen. Kein Wunder also, wenn wir uns manchmal nach Akten tot suchen. Meine Chefin meinte darauf, dass sie ja die Schuhe bedenklicher fände, als die Akten unter dem Schrank, denn sie frage sich, ob man nicht in irgendeinem Schrank noch einen Sachbearbeiter finden würde, der dort vergessen wurde. *lol*

Mittwoch, 12. Juli 2006

...

Super! Da liege ich gerade auf dem Bett, schaue an die Decke und will entspannt masturbieren mich entspannen, da sehe ich doch genau an der Kante zwischen Decke und Wand mehre gelbe Flecken. Erst dachte ich, dass es vielleicht nur ein Lichtspiel ist, doch auch bei näherer Betrachtung blieben sie. Da das Dach gerade erst erneuert wurde, gehe ich mal davon aus, dass es keine neuen Wasserflecke sind, sondern die alten, die von dem Maler übertüncht wurden, als es vor einigen Jahren mal durchgeregnet hatte, und die jetzt anscheinend wieder durchkommen. Irgendwie kann ich mich wohl darauf einstellen, dass ich im Herbst das ganze Zimmer komplett renovieren muss, was ich ja immer noch gehofft hatte, vielleicht zu umgehen und nur teilweise zu machen. Aber nachdem nun schon der Elektriker überall seine Spuren hinterlassen hat und jetzt noch diese Flecken dazu kommen, kann ich das eindeutig vergessen.

Ich sollte wohl auch ein bißchen vorsichtiger sein, was ich in meiner namenlosen Geschichte schreibe, denn weil ich dort so dick mit den Wasserflecken aufgetragen hatte, scheint sich meine Umgebung unmerklich der Story anzupassen, nicht zu vergessen die Gerüchte von ganzen Büchern und Romanen, die sich in Realität verwandelten. Vielleicht hat meine Geschichte auch so einen selbsterfüllenden Effekt.......schreckliche Vorstellung!

Also einigen Kollegen könnte ich ja schon wieder die Ohren langziehen...

Da haben mir doch zwei bei irgendeinem der vielen Umzüge jeweils zwei Kisten mit Akten, also insgesamt vier in mein Zimmer gestellt, mit der Begründung, dass bei ihnen kein Platz mehr ist (aber in meinem winzigen Büro natürlich). Dann standen die da und standen, klar habe ich mir sowas schon gedacht, dass die ihre Akten loswerden wollen, sprach das vor einiger Zeit bei einer Dienstberatung an. Darauf bestimmte meine Chefin, dass die Akten mit zu den Altakten in die Schränke gehängt werden sollten. Bei der Kollegin, die damit beauftragt war, tat sich aber nichts und als ich nachfragte, meinte sie, dort sei kein Platz mehr. Also stehen die Kisten weiter bei mir rum und ich muß jedesmal um sie herumlaufen, wenn ich zum Waschbecken will. Als die beiden bei der heutigen Dienstberatung ihre Aktenzahl angeben sollen, warf ich deshalb erneut die Kisten ein. Darauf unterbrachen sie mich erst und meinten, dass das keine laufenden wären, aber als meine Chefin den Einwurf aufgriff,
hatten sie auf einmal Gedächtnisschwund und fragten, was das denn für Akten wären und wann sie die bei mir reingestellt hätten, sie könnten sich überhaupt nicht daran erinnern (komisch, kurz vorher wußten sie noch, was das für Akten sind). Nun hat meine Chefin diesselbe Kollegin wie das letzte Mal beauftragt, sich um die Akten zu kümmern. Mal sehen, ob sie es diesmal macht. Ich jedenfalls werde die Akten nicht anfassen. Ich habe selbst noch ca. 450 zu bearbeiten. Zu allem Überfluß sind irgendwo auch noch überraschend sieben neue Kisten mit Akten aufgetaucht. Am Ende der Dienstberatung hielt sich unsere Chefin die Ohren zu und meinte, sie könne das Wort Kiste nicht mehr hören.

Dienstag, 11. Juli 2006

...

Die ganze Menschengemeinschaft gliedert sich - bewusst oder unbewusst - in zwei grundlegende Gruppen: erstens in jene, welche die alte Ordnung der Dinge vertreten, die also reaktionär sind und zur Absonderung neigen. Sie repräsentieren den trennenden Nationalismus, Begrenztheit, Knechtschaft und unterwürfigen Gehorsam, sie veranschaulichen religiöses Sektierertum und Abhängigkeit von der Autorität. Sie sind gegen alle modernen Neuerungen und gegen jeden Fortschritt. Zweitens gibt es jene, die eine geeinte Welt erschauen, in der die Liebe zu Gott die Liebe zum Nächsten bedeutet und in der die Motive, die allen religiösen, politischen und pädagogischen Betätigungen zugrunde liegen, einem Weltbewusstsein und dem Streben nach Wohlergehen für die Gesamtheit und nicht bloss für einen Teil entspringen.
(Alice Bailey)

Wow, es ist erstaunlich, dass dies schon 1934 jemand geschrieben hat. Aber gerade dadurch könnte man auch den Eindruck gewinnen, dass es nur ziemlich langsam mit der Menschheit voran geht, denn ich treffe auch heute noch jede Menge Menschen, die durch ihre Begrenztheit im Denken und ihrem Anhaften an äußeren Autoritäten, Organisationen, Institutionen, Nationalitäten, usw. das Menschsein behindern und beschränken.

...

Und doch. Jetzt auf meiner Wartebank in dieser Kammer, die schon dem Verlies gleicht, in das sie sich schnell verwandeln kann, frage ich mich, ob dieses Ende unvermeidlich war. Ob wirklich eine Verkettung von Umständen, gegen die ich machtlos war, mich auf diese Bank getrieben hat, oder ob aus mir heraus etwas, das ich nicht in der Hand hatte, mich in diese Richtung drängte.
(aus "Medea. Stimmen." von Christa Wolf)

...

War eben bei meiner Ärztin ein neues Rezept holen und das erste Mal in der neuen "Kellerpraxis", da sie vor kurzem umgezogen ist. Dort ist es kreuzgefährlich, denn sofort, wenn man die Tür aufmacht, purzelt man schon eine Stufe hinunter, die sich wirklich gleich hinter der Tür befindet und sich dann zur Türöffnung hin auch noch verjüngt. Dafür hat sie jetzt aber neue Bilder zu hängen, echte Gemälde anscheinend von demselben Künstler, die mir richtig gut gefallen. Insbesondere das eine. Also wenn ein Preis daneben gestanden hätte, einer der bezahlbar ist, dann hätte ich das Bild vom Fleck weg gekauft. Ich nenne es mal eine "Muschelfrau" - das Porträt einer Frau von Muscheln umgeben, die aber in das Porträt selbst übergehen. Superschön, phantasievoll und sehr dekorativ.

Ansonsten habe ich heute versucht, ein paar Informationen zur Beantragung der Pflegestufe zu ergoogeln. Bei der Krankenkasse haben sie uns nämlich gesagt, dass der MDK zur Begutachtung nicht ins Krankenhaus geht. Bei der Recherche habe ich festgestellt, dass das gar nicht stimmt. Ich habe fast den Eindruck, die wimmeln bei der AOK so ihre Versicherten ab.
Aber auch im Internet erscheint es mir, dass die nicht sehr einfache Situation für die Angehörigen, in der wahrscheinlich viele etwas hilflos dastehen, so wie wir jetzt, hauptsächlich zur Geldschneiderei genutzt wird. Man findet zwar einiges an Informationen, soll aber zum Beispiel bei einem Anbieter nur für ein paar Muster-Vollmachten und Anträge alleine schon 4 € zahlen.

Montag, 10. Juli 2006

Gedankennotizen aus der letzten Woche

Wie gut, dass Deutschland Dritter geworden ist. So hört jetzt endlich das Geflenne der Nationalmannschaft auf, was sonst wahrscheinlich noch endlos weiter gegangen wäre.

Wie gut, dass ich keine Göttin bin, der man frische Stierhoden anheftet.

Über den Ausdruck, "Gedichte mit dem Seziermesser schreiben" meditieren

Die Amsel vor meinem Fenster als morgendlichen Weckdienst engagieren. Wenn sie früh singt, werde ich sofort wach. Das schaffen meine drei lautstarken Wecker, die alle auf einmal klingeln und die ich NIE höre beim Schlafen, nicht.

Und das Horrorskop hat auch heute wieder recht behalten

"Am Montag steht der Mond den ganzen Tag im Zeichen Steinbock. Venus und Neptun verbinden sich. Der Tag wird emotional, zum Teil sogar richtig hysterisch. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Umfeld heute völlig anders tickt als sonst. Nur mit viel Geduld und Toleranz kommen Sie störungsfrei durch den Tag.

Der Abend birgt eine dicke Überraschung für Sie."

O ja, die dicke Überraschung, die hatte ich! Da will ich doch ahnungslos meinen Müll wegbringen, latsche vier Treppen runter, durch den Keller und quer über den Hof, da sind die Mülltonnen weg! Natürlich war es abzusehen, dass das irgendwann nochmals bei den Bauarbeiten der Fall sein würde, aber diesmal war noch nicht mal ein Anschlag im Hausflur dran, der einen darauf vorbereitet hätte. Ich also bis zur anderen Seite des Blockes gelatscht, um meine Mülltüte loszuwerden und da sah ich ihn - das neue Parkplatz-Ungetüm. Über die neuen Vorgärten, die wir seit der Fassadeninstandsetzung haben, konnte ich mich ja nun schon zu genüge aufregen. Millimeterkurzer Psychorasen mit quadratisch geschnittenen Hecken drum herum. Jetzt bei der Hitze ist der Rasen natürlich ständig kurz vorm Abnippeln, ist ja auch logisch, je kürzer, um so schneller vertrocknet er. Doch das scheint niemanden zu stören, stattdessen stellt man nun lustig den ganzen Tag die Rasensprenger an. Und wer bezahlt die Wasserrechnung? Ja, klar, natürlich die Mieter. Vorher hatten wir im Vorgarten Farne und Lilien, die sahen nicht nur schön aus, sondern überstanden auch jeden heißen Sommer ohne Extra-Bewässerung. Zur Regenzeit hatten sie jedoch die Eigenschaft, die Eingangstür leicht zuzuwuchern. Mich hat das nie gestört, aber anscheinend gibt es Menschen, die sich von wuchernden Farnen bedroht fühlen, ebenso wie von Vogelnestern unter der Regenrinne. Nur ja die Kontrolle über alles haben und nichts Wildes im Umkreis von zwei Kilometern an einen heranlassen. Nun haben sie auch noch den Kinderspielplatz mit dem wilden Gebüsch platt gemacht, alles einbetoniert und einen Parkplatz daraus gemacht. Nur ein paar kleine Quadrate mit ebenso kurzem Rasen, wie er in den Vorgärten ist, haben sie gelassen. Absolut trostlos und das beste ist, dass kein einziges Auto darauf steht. Natürlich nicht, denn da man in unserer Gegend genügend Parkplätze findet, hat keiner Lust, die 30 € extra zu seiner Miete zu bezahlen, die sie für einen Stellplatz verlangen. Aber erstmal alles einbetonieren und Geld kassieren wollen. Also echt, manche Leute sind so blöd, dass es schon wieder weh tut. Aber leider nicht ihnen, sondern mir und vielleicht noch anderen. Ok, das Recht auf Dummheit wird von der Verfassung geschützt, das nehme ich ja auch für mich selbst gerne in Anspruch, aber ab und zu hätte ich wirklich Lust, die zu nehmen und ihre Schädel so lange gegeneinanderzuschlagen, bis ihre Betonköpfe platzen und endlich Luft an das zubetonierte Gehirn kommt.

...

Ich kann mich irgendwie nicht erinnern, dass die Lindenbäume früher auch schon so betörend geduftet haben und vor meinem Bürofenster flattern die ganze Zeit rotbraune Schmetterlinge herum. Dieses Jahr scheint es mal wieder mehr Falter als Mücken zu geben, wie schön.

Sonntag, 9. Juli 2006

Der Ausflug nach Bernau und darüber hinaus

Eigentlich war ich nicht das erste Mal in Bernau. Ich kann mich dunkel entsinnen, in der 2. (?) Klasse, jedenfalls in der Unterstufe, von der Schule aus im Hungerturm und im Henkerhaus gewesen zu sein. Da ich aber nur ganz wenige und verschwommene Erinnerungen daran besitze, kann mich das nicht so sehr beeindruckt haben. Danach war ich mit 17-19 Jahren öfters in Bernau, weil mein damaliger Freund dort wohnte. Allerdings habe ich es damals mehr nachts kennengelernt und dann hauptsächlich die Jugendklubs. Jetzt steige ich immer in Bernau um, wenn ich an die Ostsee fahre, aber dabei sehe ich natürlich nur den Bahnhof. Da mich diese altertümlich anmutende, mittelalterliche Atmosphäre schon immer fasziniert hat, wie stets und überall, wollte ich einmal ganz genau wissen, was es dort zu entdecken gibt. Irgendwie üben alten Befestigungsanlagen immer eine starke Wirkung auf mich aus, wenn man seine Hand auf so eine alte Felssteinmauer legt, meint man die Stimmen aus Jahrhunderten vernehmen. Und das Durchstreifen der Altstadt hat mich wirklich begeistert. Ein ganz entzückendes kleines Städtchen, wo man in jedem Winkel der Geschichte begegnen kann, mal ganz abgesehen davon, dass es überall so romantische Ecken gibt. Wenn zwischendurch nicht die ins Stadtbild eingepassten Neubauten, die im Gegensatz zu den alten, wunderschönen Laternen mit den manchmal schiefen Köpfen die hochmodernen kugeligen wären, und natürlich die Autos, die aber im Gegensatz zu Berlin erholsam wenige sind, könnte man sich in eine andere Zeit versetzt fühlen. In Bernau sind große Teile der Stadtmauer einschließlich des Stadttores (Steintor), des Hunger- und Pulverturmes erhalten. Mit dieser Stadtmauer haben die Bewohner von Bernau schon 1432 den Hussiten getrotzt, welche die Stadt belagerten und unverrichteter Dinge wieder abzogen. Aus diesem Grund wird auch heute noch das alljährliche Hussitenfest gefeiert. Mehr zur Geschichte und zum Fest findet sich hier: http://www.hussitenfest.de/historie2.htm und hier noch ein Link mit alten Bildern zum Steintor und zum Hungerturm:
http://www.heimatvereinbernau.de/altbernau/steintor.htm.

Und etwas seltsames passierte. Ich hatte an der Stelle (einer Kreuzung), wo man genau zwischen Kirche und Befestigungsturm steht, ein Deja-vu-Erlebnis. Und zwar ein ziemlich heftiges, jedenfalls so, dass ich wie vom Blitz getroffen an dieser Stelle stehen blieb und wohl etwas desorientiert immer von der Kirche auf der linken Seite zum Turm rechts von mir blickte, bis ich mich wieder gefangen hatte. Nun war ich an dieser Stelle vorher an dem Tag schon einmal gewesen, hatte aber in eine andere Richtung geschaut und dabei war mir überhaupt nichts aufgefallen. Doch jetzt, mit dieser anderen Blickrichtung, war es haargenau so, als hätte ich in einem Traum schon einmal dort gestanden. Vielleicht war es aber auch gar kein Traum, sondern die unbewußte Erinnerung an den Besuch mit der Schulklasse, falls wir eventuell an dieser Stelle gestanden haben, obwohl mich das in dieser Situation nicht so beeindruckt haben kann, zumal ich ja da mitten unter vielen Leuten gewesen sein muß. Deshalb glaube ich eher, dass es ein Traum war. Und noch etwas seltsames passierte - das Läuten der Kirchturmglocke der anderen, katholischen Kirche. An sich nichts seltsames, aber dieser Klang! Kann einem das Läuten einer Kirchturmglocke vertraut vorkommen? Dieses hier war es. Und zwar nicht nur vertraut, sondern es löste auch jede Menge seltsamer Gefühle bei mir aus. Es ist ein ganz anderer Klang, als ich ihn von den Kirchenglocken in Berlin gewohnt bin. Viel leiser, zarter, melodiös, aber irgendwie auch wie aus weiter Ferne. Wahrscheinlich klingen die Kirchenglocken in Berlin anders, damit sie den Lärm übertönen. Trotzdem fand ich es sehr kurios, dass mir der Klang der Glocken in Bernau zum einen so irritierend vertraut, aber dann wieder auf eine ganz eigene Weise fremdartig fern erschien.

Nach mehrmaligem Umrunden und Durchstreifen der Altstadt war ich zwar schon ziemlich geschafft, fühlte mich aber trotzdem noch fit genug, die 5,4 km bis zur nächsten Ortschaft zu laufen. Da diese Strecke genau der neu angelegte Radwanderweg Berlin-Usedom entlangführt, rechnete ich natürlich nicht mit irgendwelchen Orientierungsproblemen. Die ausgebaute Strecke war auch anfangs sehr gut markiert, nur leider, kurz vor dem Ziel, hörte diese neu ausgebaute Strecke auf und es waren nur noch alte "Wanderwege" zu finden, die zwar auch markiert sind, aber ziemlich zweifelhaft. Alles begann, als ich diese alte klapprige Eisenbahnbrücke durchquerte. Danach hatte ich die Wahl zwischen drei Wegen. Das Symbol für den Wanderweg befand sich nur auf dem Weg rechts von mir, weshalb ich diesen einschlug. Dann kam ewige Zeit gar nichts, an einer Kreuzung war das Zeichen jedoch wieder da. Auch auf dem Weg den ich nun folgte, war das Zeichen noch einmal angemalt, doch an der nächsten Kreuzung, wo sich drei Wege gabelten, war NICHTS mehr. Also lief ich erst den einen Weg hin und wieder zurück - nichts, den zweiten Weg ein Stück und wieder zurück - nichts, den dritten Weg ein Stückchen und zurück - nichts. Schließlich lief ich den Weg zurück, den ich gekommen war, weil ich dachte, dass ich vielleicht an Abzweigung nicht gesehen habe - Fehlanzeige! Zum Glück befand sich dort an der Stelle eine Gartenanlage und eine Frau mit ihrem Bewacher war gerade dabei in ihrem Garten Rasen zu mähen. Als ich sie fragen wollte, hörte sie mich erst nicht, sondern der Bewacher, ein riesiger schwarzer Hund bemerkte mich eher als sie und kläffte mich an. Er kläffte die ganze Zeit, so dass die Frau ihm schließlich das Maul zuhalten musste, damit wir unser eigenes Wort verstanden. Sie schickte mich genau den Weg wieder zurück, den ich gekommen war und meinte, ich hätte an der Brücke links abbiegen müssen, der Weg führe da dann durch den Wald, aber es sei ja noch nicht dunkel. In der Dunkelheit durch Wald bin ich schon öfters gelaufen, das stört mich nicht, aber es ärgerte mich, dass ich einen riesigen nutzlosen Umweg von bestimmt 3 km gemacht hatte. Und ich schwöre, an dem Weg linker Hand war kein einziges Wanderwegzeichen mehr zu finden. Allerdings ging der Weg nur noch zehn Minuten, bis ich am Zielort war, vielleicht hatte man sich die Markierung deshalb gespart. Wohlbehalten, bis auf ein paar schmerzhafte Blasen an den Füßen, bin ich ca. gegen 20 Uhr wieder zu Hause angelangt.

Samstag, 8. Juli 2006

Kleine Ausflugsanekdote, notiert

Nachdem es mittags aufgehört hatte zu regnen, habe ich es gewagt und bin auf den Ausflug gefahren, den ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Es hingen zwar Regenwolken am Himmel, doch geregnet hat es nicht wirklich. Im ganzen war es eigentlich ideales Wetter, da es sich leicht abgekühlt hatte, aber trotzdem noch angenehm warm war. Wenn jedoch der Wanderweg richtig markiert gewesen wäre, hätte ich mir wahrscheinlich so an die drei zusätzliche Kilometer gespart, die genau zu viel waren. Jedenfalls bin ich völlig fertig und habe ein paar fette Blasen an den Füßen, deshalb gibt es mehr zu dem Ausflug erst morgen.

Als ich auf dem Bahnhof auf den Zug nach Hause wartete, saßen hinter mir auf der Bank ein Vater und sein Sohn. Der Sohn fragte seinen Vater nach Wurzeln ab, nachdem dieser behauptet hatte, er könne Wurzeln ziehen, bei der Frage nach der Wurzel aus 16 aber meinte, man könne doch nur von Zähnen die Wurzeln ziehen. Der Vater lernte schnell und plötzlich erklärte der Kleine: "Du Papa, ich will jetzt nicht mehr zum SEK sondern zum Fußball."
Danach drehte sich das Gespräch um Fußballspieler. Auch hier schien der Vater nicht wirklich eine Leuchte zu sein, denn schließlich meinte der Junge entnervt: "Du kannst wirklich allen möglichen Mist erzählen, aber was Richtiges weißt du nie!"*lol*

Die Geschichte, die NICHT "Das Schiff der Verdammten" heißt - Teil 22

Blitzschnell wurden auf Geheiß des Kapitäns hin von emsigen Kletterern die Taue an den Rahsegeln gelöst. Die Brise war so dünn, dass sie das Leinentuch völlig unbeeindruckt ließ, und trotz des Setzens sämtlicher Segel kamen sie kaum vorwärts. Immerhin hatten sie sich dem Kanonenboot bald so weit genähert, dass Ferdinand der Seebeuter durch das Fernrohr den Namen „WASILISSA“ entziffern konnte.

„Wasilissa, du Schöne, was trägst du in deinem Bauch?“ flüsterte er verschwörerisch und ein kleines Grinsen huschte über seine Mundwinkel. Außerdem machte er sechs gut ausgestattete Kanonen aus. Der Sturmvogel hatte nur zwei und diese waren überdies so klapprig, dass man bei jeder Benutzung befürchten musste, dass sie mitsamt der Kugel in die Luft flogen. Doch den Kapitän kümmerte das nicht und die Mannschaft schien sich davon ebenfalls nicht abschrecken lassen zu wollen. Ketten-Hannes krakeelte wie am Spieß und rasselte ungeduldig mit der Eisenkette, an deren Ende eine harmlos aussehende Kugel hing, der man ihre Schwere nicht anmerkte. Der Koch dagegen säuberte konzentriert sein großes Tranchiermesser an dem Tuch, welches er sich als Schürze in den Gürtel gestopft hatte. Fridolin, die Schiffsratte, kümmerte das alles gar nicht. Sie spazierte flink auf einigen Vorratstonnen herum. Und alle starrten gebannt auf den Umriss im Nebel, dessen Konturen sich zwar nur langsam, aber immer stärker von der Umgebung abhoben. Sankt Petersburg allerdings war unter einer undurchdringlichen Dunstglocke verschwunden.

Das andere Schiff schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Der Nebel kam ihnen gut zupass. Ferdinand kaute nervös an seinen Fingernägeln, sein rotes Haar lag ungebändigt auf seinen Schultern, und auch unter den anderen Männern der Sturmvogel breitete sich eine unbestimmte Erregung aus, welcher sich jedoch noch keiner Luft zu machen gedachte. Eine konzentrierte Stille legte sich über das gesamte Deck, so dass nur noch die kleinen Wellen, welche sich am Schiffsrumpf brachen, zu hören waren. In dem berühmten Seebeuter reifte ein Plan heran.

„Hört mal alle gut zu!“ sagte er mit leiser Stimme zu seinem Steuermann und dieser winkte die nächststehenden Männer der Crew zu sich heran.
„Dieser Peter soll auch wieder heraufkommen, wir brauchen ihn.“
Jemand der Männer gab selbigem unter Deck Bescheid und mit mürrischem Blick kam er herangetrottet, die Haare struppig und zerzaust.
„Ich habe da eine Idee.“ begann der Kapitän wichtig, „Und du, Peter, wirst uns helfen, sie auszuführen.“
Die Augen des Schiffsjungen weiteten sich vor Freude.
„Nun erzähl schon, Meister!“ konterte Ketten-Hannes ungeduldig.

„Ich habe vor, Peter dort hinüber auf die Wasilissa zu schicken, unter dem Vorwand, dass er erkrankt ist. Die haben bestimmt einen Schiffsarzt und ich glaube nicht, dass sie sich weigern werden, ihm zu helfen. So kommen wir nahe genug an das Kanonenboot heran und.....ähm.... während sie sich in Sicherheit wiegen, werden wir ihnen ein tüchtigen Schuss vor den Bug versetzen, der das Chaos auslösen wird. Die beste Gelegenheit für uns, das Schiff zu entern, denn so schnell werden sie nicht antworten können. Was meint ihr?“

Peter war während der Ansprache blass geworden, Hannes grinste zustimmend, andere nickten mit den Köpfen, einige jedoch reagierten gar nicht und schauten betreten in die Luft.

„Na was ist? Hat es euch die Sprache verschlagen?“

„Was ist mit dem Jungen?“ Wilfrid Zeew fragte ernst und bestimmt, seine hellen Augen blickten missbilligend.

„Na was soll mit ihm sein? Den holen wir wieder runter.“

„Ja, wenn er dann noch lebt. Sobald wir angreifen, werden sie ihn als Geisel nehmen und möglicherweise sogar töten. So schnell werden wir das Schiff nicht geentert haben.“

Peter wurde noch blasser.

Der Kapitän tobte innerlich und hätte fast geschrien, was sie denn noch mit diesem kleinen Balg wollen, doch er beherrschte sich mit knapper Not, wobei seine Wangenknochen angestrengt unter der braunen Haut arbeiteten und antwortete diplomatisch:

„Er ist doch nicht dumm, auch wenn er uns fast die gesamte russische Flotte auf den Hals hehetzt hätte, und mutig obendrein.“ Dabei zwinkerte er Peter wohlwollend zu.

Dieser war hin- und her gerissen. Er ahnte nicht, ob das Kribbeln auf seiner Kopfhaut von dem Stolz über das Lob her rührte oder von der Furcht vor dem, was ihn erwarten würde.
Dann entschied er, dass die Furcht stärker war und wagte einen kraftlosen Einwand:
„Aber ich bin doch gar nicht krank.“

Ferdinand wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte, aber begriff, dass beides in dieser Situation zwecklos war.
„Natürlich nicht. Aber du wirst so tun.“ erklärte er milde.

Noch immer wirkte Peter nicht überzeugt und alles andere als begeistert. Es kamen Stimmen auf unter den Männern, dass es zu riskant wäre und man sich auf einen anderen Plan einigen sollte. Der Seebeuter beschloss, dass es an der Zeit sei, Peter eine gutgemeinte Entscheidungshilfe zu geben. Er beugte sich unauffällig zu ihm herunter und flüsterte:
„Du hast die Wahl – entweder werfe ich dich auf offener See über Bord oder du gehst auf dieses Schiff dort drüben. Na?“

Erschrocken schaute Peter vom Kapitän zum Steuermann, von diesem zu Ketten-Hannes, von Ketten-Hannes wiederum zu Wilfrid Zeew und schließlich zu dem Rest der Mannschaft, alle tuschelten und schauten erwartungsvoll, hatten aber von der Drohung des Seebeuters anscheinend nichts mitbekommen. Schließlich nickte er und stieß ein gequältes „In Ordnung.“ hervor.

Die Männer kamen heran und klopften ihm anerkennend die Schulter. Nur Wilfrid Zeew äugte weiterhin misstrauisch zu Peter und dem Kapitän hinüber, während sich die Planken des Schiffbodens ächzend unter der Gewalt des Wassers beugten.

Freitag, 7. Juli 2006

...

Ach wie fein finde ich das, dass die große Göttin, die da sitzt auf ihrem selbstbemalten Thron, die die Sterne stickt, den Himmel strickt und die Wolken häkelt, sich zur Zeit so intensiv der Gartenpflege widmet und mir jeden Tag zum Feierabend einen erfrischenden Gewitterregen schickt. Nur diese wilde Herumfuchtelei mit den kurzgeschlossenen und ungesicherten elektrischen Haushaltsgeräten ist mir ziemlich suspekt. :-/

Edit 18:22 h:

So langsam wird es unheimlich. Meine Uhr ist während des Gewitters stehengeblieben und in dem Zimmer gegenüber vom Hof sieht man aus dem Fenster so komische Bilder flimmern. Als wenn da ein riesiger Monitor hängt und ab und zu stehen seltsame Leute am Fenster.

Edit gegen 22:00 h:

Gerade habe ich erfahren, dass in Berlin der Ausnahmezustand wegen dem Unwetter ausgerufen wurde. Zum Glück sitze ich wieder auf dem Trockenen und genieße Orgelmusik mit sehr ehrgeiziger Grillenbegleitung.

Donnerstag, 6. Juli 2006

Ego-Googeln - "Zucker ist"

Zucker ist Gift für die Gefäße
Wie gemein ist Zucker wirklich?
Alles auf Zucker!
Zucker ist lebensnotwendig
Zucker - mehr als nur süß
Zucker ist Volkskrankheit Nr. 1
Hat Zucker etwas mit der Zugangsbeschränkung zu Vitalstoffen zu tun?
Denn Zucker ist sowohl süss und verführerisch als auch bitter und zerstörerisch
Zucker ist Lebensenergie und Lebensrisiko
Denn Zucker ist Zucker ist Zucker
Zucker ist keineswegs ein Gift, auch wenn es vielfach immer noch behauptet wird
Zucker ist eine süchtigmachende Droge
Zucker verdirbt den Geschmackssinn
Zucker ist die größte "Lüge und Droge der westlichen Welt"


Ähem, ich spare es mir jetzt, eine Stellungnahme zu diesen überaus massiven Vorwürfen abzugeben......

Gewittrige Premiere

Heute kam ich nach der Arbeit an einem Kiosk vorbei, wo immer so ein paar Brüder sich an ihren Bierdosen festhalten. Diesmal hatten sie bis auf ihre Brustbehaarung alles oberhalb des Gürtels abgelegt und als ich vorbeiging sagte der eine zum anderen: "Mir wird ganz schwindelig, wenn ich sowas sehe." und der andere "Mir auch! Meine Fresse, wo kommen bloß die ganzen hübschen Frauen her?" Vielleicht sollten sie ja etwas weniger tief in ihre Bierdosen schauen, dann haben sie bestimmt nicht mehr unter diesen plötzlichen Schwindelanfällen zu leiden. *lol*

Als ich aus dem Supermarkt kam, hatte sich eine dicke Wolkenwand aufgebaut, es grollte und tröpfelte. Ich dachte, ich würde es noch bis nach Hause schaffen, doch genau hundert Meter vor der Haustür begann es wie aus Kannen zu gießen, so dass ich klatschnaß wurde. Wenn es nicht gerade so gedonnert und geblitzt hätte, wäre ich aber wahrscheinlich vor der Haustür stehen geblieben, weil es so schön war. Zufällig, wenn man denn an Zufälle glauben will, ich jedenfalls nicht, erhielt ich genau diesen Abend das Päckchen mit den neuen bestellten CDs. Und so legte ich mich im Regen auf die Bank auf meinem Balkon und hörte Musik, und zwar "Between Heaven and Earth" von A.R. Rahman. Wunderschöne Musik, hauptsächlich instrumental, dramatisch, mystisch, exotisch, aber nicht so exotisch, dass es einem auf den Keks geht. Das leise Donnergrollen und das Prasseln des Regens auf dem Dach lieferten den perfekten Hintergrund für diese Musik. Zitat aus dem Booklet: "The inspiration for A. R. Rahman's "Between Heaven and Earth" can be found along the historic passage known as the Silk Road, spanning the vastness of Asia and encompassing its full range of cultures, from China to Turkey. With its soaring melodies and a broad palette of of orchestral colors, the music captures the drama, the grandeur and the mystery that exists along this vital cultural link." Genau das ist es. Eine Abenteuerreise entlang der Seidenstraße. Etwas zum Träumen, in den Himmel schauen und genießen.
Das Wetter war mir die ganze CD hindurch gnädig. Danach begann es erneut so sehr zu donnern und zu blitzen, dass ich mich doch lieber wieder ins Zimmer verzogen habe. Und es gewittert und regnet noch immer, kühlt sich aber nur sehr langsam ab.

Geschürte Krankenhausparanoia

Ich habe das Glück, ein Waschbecken mit kaltem Wasser in meinem Bürozimmer zu haben, doch dieses ständige Rumgeplansche am Schreibtisch bringt es irgendwie auch nicht, sonst muß ich die Akten bald alle zum Trocknen aufhängen.Vielleicht sollte ich mir unter den Schreibtisch lieber eine Schüssel kaltes Wasser für die Füße stellen. Und vielleicht hätte ich lieber Gärtner werden sollen, dann könnte ich den Rasensprenger anstellen und mich drunter stellen.
Einer Kollegin hat sich erkundigt, wie es meinem Vater geht und ich habe ihr von dem Herzschrittmacher und den anschließenden Schüttelanfällen erzählt. Darauf meinte sie gleich, sowas kann doch nicht sein, wenn er vorher das nie hatte, die haben Pfusch gemacht und wir sollen uns wehren, usw. Dann fragte sie, in welchem Krankenhaus er liegt und als ich den Namen sagte, meint sie, dass sie bisher eigentlich eine gute Meinung von dem Krankenhaus hatte, aber jetzt, wo sie das hört, hat sie ihre Meinung geändert. Und sie hat es doch tatsächlich geschafft eine Akte zu finden mit einem Leichenschauschein eines Mannes Baujahr 1954, der genau in diesem Krankenhaus plötzlich gestorben ist. Kurioserweise steht auf dem Schein eines natürlichen Todes. Kurioserweise deshalb, weil bei meinem Opa, der mit 96 friedlich in seinem Fernsehsessel eingeschlafen ist, ein riesen Aufriß gemacht wurde. Er wurde einbehalten, obduziert und zum Schluß stand auf dem Totenschein "Todesursache unbekannt", was meine Mutter total verwirrt hat. Klar haben sie nichts gefunden, weil er einfach an Altersschwäche gestorben ist. Aber merkwürdig ist es schon, dass sie da so pingelig sind, aber bei jemandem der halb so alt und eigentlich noch jung ist, so schnell vom Hocker eine natürliche Todesursache bescheinigen, nur weil er in einem Krankenhaus lag. Auch wenn man eine Krankheit als mögliche natürliche Todesursache betrachtet, so bedeutet dass ja noch lange nicht, dass die Krankheit auch auf natürliche Weise zustande gekommen ist oder derjenige wirklich genau daran verstorben ist. Aber die werden schon wissen, warum sie es bei diesem Fall nicht so verbissen sehen wollten. Meine Kollegin erklärte mir, nachdem sie mir das "Fundstück" gezeigt hatte, dass sie von nun an diesem Krankenhaus nicht mehr über den Weg traut. Also so drastisch sehe ich das ja nicht, vielleicht möchte ich es ja einfach nicht so sehen, aber das ist trotzdem wieder Futter für meine geheime Krankenhausparanoia.

Mittwoch, 5. Juli 2006

Mein Handtascheninhalt

Nachdem ich schon meinen Kühlschrank auseinandergenommen habe, ist nun die Handtasche an der Reihe, die wollte ich sowieso mal wieder aufräumen. Die Hitze macht einen sogar zum Denken zu träge:

- eine Digitalkamera

- eine Packung Kleenex-Taschentücher mit Balsam

- ein Schweizer Taschenmesser

- vier leere Batterien

- ein Kugelschreiber

- ein Notizblock

- ein kleiner Kalender von 2005

- ein kleines Adressbuch

- ein Merkzettel für evtl. Wohnungsbesichtigungen

- ein ungenutzter Überweisungsschein

- 2 Büroschlüssel mit buntem Anhänger von meiner Kollegin

- Wohnungsschlüssel mit Achat-Donut-Anhänger

- Fahrkarte

- zwei Einkaufsbeutel und eine Plastiktüte

- ein Federmäppchen

- Irisch-Moos-Pastillen

- ein Portmonnaie

- ein zerknüllter Kassenzettel von Lidl über 15,85 €

- ein zerknüllter Kassenzettel von Lidl über 18, 76 €

- ein Handy

- ein Trageband für das Handy

- ein Ladekabel für das Handy

- eine Sprechgarnitur für das Handy

- ein MP3-Player

- vier volle Batterien

- eine Mappe mit diversen Visitenkarten, Terminzetteln, Erste-Hilfe-Paß, Briefmarken, Adressaufklebern und Payback-Karten

- Personalausweis

- Visakarte

- BVG- Linien-Faltkarte

- eine Bankkarte

- eine neue Krankenversicherungskarte

- eine alte Krankenversicherungskarte

- ein Streifen Imodium Akut

- ein Feuerzeug

- zwei Tampons

- eine Packung Wrigleys Extra White

- sieben Sagrotantücher

- sieben Streifen Heftpflaster

- ein kleiner Kamm

- Einmal-Puderquaste

...

Heute war mal wieder Geburtstagslage angesagt und es fiel mir erneut auf, wie sehr es mich entsetzt, dass Kollegen, die wenig älter sind als ich, schon 16-17jährige Sprößlinge haben. Das Entsetzliche daran ist gar nicht das Verfliegen der Zeit, sondern die Tatsache, dass diese Kollegen trotzdem kaum sehr viel reifer als ich sind und die Vorstellung, dass diese Menschen, solche wie sie und wie ich, Kinder großziehen (wobei ich ja freiwillig darauf verzichte), erfüllt mich irgendwie mit Schrecken, erscheinen sie mir doch, ebenso wie ich, fast selbst wie Kinder, sowohl im positiven, als aber auch noch viel mehr im negativen Sinn. Wieso habe ich immer das Gefühl, dass in den Menschenleben, so wie sie zur Zeit gelebt werden, irgendetwas verkehrt läuft? Vor allem scheint es mit den Zeitspannen nicht hinzuhauen, etwas scheint da durcheinandergekommen zu sein. Es passt alles nicht. Vielleicht ist es dieser Unterschied zwischen äußerer Erscheinung und innerer Haltung, der mich so sehr irritiert. Aber warum?

Dienstag, 4. Juli 2006

...

Eben seine astrale Polarisation macht den Menschen für seine vielen emotionalen Reaktionen und für Wellen von Massengefühlen aller Art empfänglich. Sie ist die Ursache, dass er in jenen Strudel unkontrollierter Energien und irregeleiteter emotionaler Kräfte geschleudert wird, die sich schliesslich in einem Weltkrieg, in einer finanziellen Panik, einer religiösen Erneuerungsbewegung oder einer Lynchjustiz auswirken. Sie ist auch das, was ihn auf die höchste Stufe von Fröhlichkeit und unechtem Glück erhebt, auf der das «täuschende Licht» der Astralebene ihm falsche Quellen des Vergnügens aufdeckt, oder wo Massenheiterkeit ihn - infolge seiner Empfindlichkeit - in jenen hysterischen Zustand versetzt, der sich in zügelloser Lustigkeit Luft macht, was der Gegenpol zu hemmungslosem Weinen ist. Ich meine hier nicht den wahren Frohsinn, noch den richtigen Sinn für Humor, sondern jene hysterischen Ausbrüche von Lustigkeit, welche in der menschlichen Gemeinschaft so allgemein verbreitet sind und zur Ermüdung und Ernüchterung führen.
(Alice Bailey)

Eine Milchstraßen-Romanze

Auf Anregung von Loriotta hin gibt es hier noch einmal die gesamte Milchstraßen-Romanze aus dem Internetroman, den Jon, Loriotta und ich geschrieben haben, in einem Rutsch und leicht überarbeitet. Ich hoffe, es tut der Romantik keinen Abbruch, wenn ich verrate, dass Olga und Oto am Ende des Romans von Eva Engel skalpiert werden *gg*:

"Ich bin Dragan." stellte sich der Hüne vor und nickte vertraulich. Er führte Olga und Oto durch endlose Gänge und Treppenflure mit trübe flackerndem Neonlicht hindurch zu einem Fahrstuhl. Der Fahrstuhl ruckte kurz an und polterte mehrere Stockwerke nach oben. Sie betraten eine Halle, die haargenau wie die Empfangshalle eines Hotels wirkte. Und offiziell war sie das auch, denn sie befanden sich nun im Gebäude einer Pension, die als Tarnung für die Kaserne diente, die hier untergebracht war. Von dem Portier am Empfang erhielten sie einen Schlüssel für das Zimmer 313, welches sie vorübergehend beherbergen würde. Dragan verabschiedete sich, empfahl ihnen vorher jedoch noch die hausinterne mexikanische Restaurant-Bar.

Olga nahm sofort nach Betreten des Zimmers das Bad in Beschlag, während Oto von einer als Zimmermädchen verkleideten Aufsichtskraft die neuen, ihnen zur Verfügung gestellten Kleidungsstücke entgegennahm. Als beide ihr gepflegtes und gesellschaftsfähiges Aussehen wiederhergestellt hatten, eilten sie mit knurrendem Magen zum erwähnten Restaurant und fielen wie die Heuschrecken über die Speisekarte her. Erst nachdem sie den ersten Hunger mit Tacos und Tortillas gestillt hatten, waren sie wieder aufnahmebereit für ihre nähere Umgebung und sahen sich neugierig im Restaurant um. Es wirkte mit seinen dunklen, stämmigen Holztischen, den Kerzen, die auf den Tischen ihr warmes Licht verstrahlten und der typisch mexikanischen Ornamentik in der Gestaltung der Wände und Nischen, die an einer Seite eingearbeitet waren, sehr gemütlich und uhrig. Die Tische waren um einen Mittelpunkt angeordnet, welcher von einer langgestreckten Bar eingenommen wurde. Die Gäste schienen jedoch ausschließlich zur Schitkowiczen Riege zu gehören, was man unschwer erkennen konnte. Anscheinend herrschte hier geschlossene Gesellschaft.
"Unglaublich!" stieß Olga zwischen den Zähnen hervor, als Oto ihr gerade die Vorzüge des japanischen Sushi gegenüber den mexikanischen Nationalgerichten erläuterte.
"Ja, unglaublich." griff er ihren Einwurf auf und blickte von seinem Teller auf.
Doch Olga beachtete ihn gar nicht, sondern schaute merkwürdig abwesend an ihm vorbei. Oto folgte ihrem Blick und erkannte sofort, was sie so sehr fesselte, dass sie ihre Augen nicht mehr davon abwenden konnte. Aus den hinteren Räumlichkeiten war ein Barkeeper an den Tresen herangetreten und spülte dort mit anmutigen Bewegungen die Gläser. Er war jung und mit dem klischeehaften Aussehen eines Latino-Lovers begnadet, welches in ihrer Perfektion jedoch jedem Klischee spottete. Wilde schwarze Locken fielen verwegen über die Augen, welche ein anziehendes Feuer versprühten. Natürliche, anscheinend ohne Ehrgeiz, wohl eher mit genießerischem Laissez faire ausgearbeitete Muskeln spielten unter der makellosen, milchkaffeebraunen Haut, von welcher ein verführerischer, perlengleicher Schimmer ausging. Jede seiner Bewegungen am Spültisch strahlte eine sonderbare Schönheit aus, wobei schwer auszumachen war, ob diese Schönheit der Vollkommenheit seines sehnigen und schlanken Körpers zu verdanken war, oder einer besonderen Eleganz und Geschmeidigkeit, mit der diese Bewegungen ausgeführt wurden. Selbst ein Geschirrtuch, das in den Händen anderer Männer profan und lächerlich wirken würde, konnte diesen Eindruck nicht trüben, sondern schien mit seinem Weiß die reine Schönheit der dargebotenen Bewegungen und die natürliche Bräune der Haut noch unterstreichen.

Olga hielt ihn für einen Mexikaner und verglich ihn gleichzeitig mit einem jungen, verspielten, dennoch schon geschmeidigen und keineswegs mehr tollpatschigen schwarzen Panther. Dieser Vergleich beflügelte ihre Fantasie und so bemerkte sie nicht, wie auffällig sie zu dem jungen Schönen hinüberstarrte, der, wie um sie vollends zu verwirren, sein weißes Hemd über der glatten, muskulösen Brust weit aufgeknöpft trug, was ihm eine Appetitlichkeit verlieh, die Olga das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Sie konnte förmlich schon das Salz seiner Haut auf ihrer Zunge schmecken.
"Entschuldige mich bitte!" sagte sie wie im Traum zu Oto und schwebte zum Tresen.
"Hallo!" begann sie mit tiefer Stimme. "Hättest du wohl Feuerrrr fürrr mich?" Sie zog eine der filterlosen russischen Zigaretten hervor und drehte sie lasziv in ihren Fingern. Hilfsbereit griff der göttliche Barkeeper nach einem Feuerzeug und hielt das zarte Flämmchen gekonnt zu ihr hinüber.
"Wie heißt du?" fragte Olga, wobei sie sich dabei ertappte, wie ihre Zunge genießerisch über ihre Lippen glitt.
"Santo." antwortete der junge Mann kurz angebunden, was Olga aber keineswegs abschreckte. Ganz von dem Fieber ihres Jagdinstinktes erfasst bemerkte sie nicht, wie Oto, zurückgelassen an seinem Tisch, zu kochen begann.
Gerade bemühte sie sich, den jungen Mexikaner mit einem Small Talk über russische Cocktails aus der Reserve zu locken, als plötzlich Oto neben ihr stand.
"Hör mal zu, du Bürschchen. Sie gehört mir. Und wenn du sie haben willst, dann wirst du wie alle dafür bezahlen!"
Der junge Mann schaute verwirrt erst auf Oto, der ihn gefährlich anfunkelte, und dann auf Olga.
"Hörrrr nicht auf ihn!" gab sie zurück.
Als Oto Olga grob am Arm packte und die sich laut Sträubende versuchte mit sich zu ziehen, sollte seine Verwirrung endlich jedoch einer standhaften Ritterlichkeit weichen.
"Lassen Sie die Frau in Ruhe!" drohte er und trat mit einem
Blanchiermesser hinter dem Tresen hervor.
Oto holte sofort aus und sprang mit einem gezielten seitlichen Karate-Sidekick in die Luft, um ihm das Messer aus der Hand zu schlagen. Aus dem langgezogenen und herausgepreßtem Schlachtruf "Jiehhhhhhhhhhhhhhhhh" wurde ein jaulendes "Auhooooooooooooooooooooooo", als er mit dem aus seiner Wade ragenden Messer wieder auf dem Boden landete und sich dort das Bein haltend, japanisch fluchend herumwälzte. Ob der junge Mann bewußt oder nur zufällig in reflexartiger Schnelle genau im richtigen Moment zurückgewichen war und zugestochen hatte, wird wohl nie restlos geklärt werden können.

Nachdem der wild schimpfende kleine Japaner von den hausinternen Sanitätern auf einer Trage weggeschleppt und in das Krankenzimmer gebracht worden war, tat Olga einen entschiedenen, das Unerfreuliche beendenden Augenaufschlag und hauchte zu Santo hinüber: "Du bist mein Retterrrr. Ich möchte dir gerne meine Dankbarrrkeit zeigen. Komm heute nach Barschluss in mein Zimmer mit der schönen Nummerrrr 313 und dort werde ich sehen, was ich für dich tun kann." Darauf beharrte sie trotz des mehrmaligen, höflichen Abwinkens des Mexikaners und schließlich nickte er. Dann entschwand sie.

Olga hatte noch einige Stunden des Wartens vor sich und diese verbrachte sie in erregender Vorfreude und gleichzeitig voller banger Zweifel. Würde er kommen? Oder würde sie eine Nacht mutterseelenallein in diesem Zimmer verbringen müssen? Und würde er sie vielleicht zu alt finden? Nun ja, von alt konnte eigentlich nicht die Rede sein, denn genaugenommen stand sie in der Blüte ihres Lebens. Und wer als schönste Leiche, die jemals an Sylter Strände angespült worden ist, bekannt geworden war, der brauchte sich wohl deswegen keine Sorgen zu machen. Doch auch dieser Gedanke konnte die nagende Ungewissheit in ihr nicht besänftigen.

Endlich, es war schon weit nach Mitternacht, klopfte es an die Türe. Als sie öffnete, blickte ihr Santo mannhaft gefasst in die Augen. Wortreich bat sie ihn herein, umgarnte mit ihren Gesten, fesselte mit ihren Berührungen, verführte mit ihrer tiefen, rauhzarten russischen Stimme, in der jedes R wie das ferne, leise Donnergrollen über der ostsibirischen Steppe klang, so wie es einen müden Wanderer wohlig erschaudern lassen musste, der trocken und geschützt bei einem warmen Kaminfeuer ausruhte. Bald hatte sie den jungen Mexikaner völlig in ihren Bann gezogen. Er hing an ihren Lippen wie ein Ertrinkender und schien für einen Kuss von ihr, den sie ihm bisher kokett verweigert hatte, seine Mutter, seinen Vater, und alles, was ihm sonst noch heilig war, verraten zu wollen. Doch Olga ließ es nicht soweit kommen. Sie nahm ihn sich stattdessen gütig und großzügig schenkend zur Brust, bis sie ihr süßes Zuckertörtchen, so hatte sie ihn in einer Anwandlung überschäumender Zärtlichkeit genannt, mit Haut und Haaren verschlungen hatte.

Nach diesen ersten, ebenso leidenschaftlichen wie zarten Gefechten waren sie erschöpft eingeschlafen und Olga ruhte zufrieden schnurrend an der Brust ihres jugendlichen Liebhabers. Zwischendurch war sie, sich der noch andauernden Dunkelheit bewusst werdend, kurz aufgewacht und hatte Santo in das Bad gehen sehen. Sein nackter Körper mit den knabenhaft schmalen Lenden und dem festen, appetitlich gerundeten Po strahlte in einem ganz eigenen, seltsamen Fluidum, das ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Es war nicht nur dieser perlengleiche Schimmer der Haut, sondern irgendetwas schien von ihr auszugehen, was die Dunkelheit ringsumher erhellte. Später hörte sie ihn aus dem Badezimmer merkwürdige Worte in einer ihr unbekannten Sprache sprechen. Diese Sprache hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der lateinamerikanischen Phonetik und Semantik, sondern bestand aus sonderbaren, sehr rhythmisch angeordneten, Schnarr- und Schnalzlauten, die sie noch niemals gehört hatte. Doch Olga blieb keine Zeit, um sich lange ihr hübsches Köpfchen zu zerbrechen, denn schnell war sie wieder in einen tiefen und friedlichen Schlummer gesunken.

In der Frühe erwachte sie mit freudig pochendem Herzen. Was sie in der Nacht gesehen und gehört hatte, war nur noch ein stetig verblassendes Traumbild in ihrer Erinnerung - ein nackter Körper inmitten eines hellen Scheines und ein fremdartiger, melodiöser Sprechgesang.
Als sie die Augen aufschlug bemerkte sie, dass Santo schon aufgestanden war und sie versonnen von einem Stuhl aus betrachtete, den er neben das Bett geschoben hatte. Sie lächelte und fühlte sich auf einmal wie ein kleines Mädchen, dem man versprochen hatte, es heute mit auf den Jahrmarkt zu nehmen und Karussell fahren zu lassen. Das Kribbeln in ihrem Bauch spürte sie derart, als würde sie sich jetzt schon auf einer schwindelerregenden, schwankenden Fahrt befinden, welche ihr im Gegensatz zu jener unerfreulichen, auf hoher See erlittenen, juchzende Jubelschreie abverlangte.

Santo ging kurz hinaus und kam mit einem Glas hellgrüner Flüssigkeit zurück, welches er ihr reichte.
"Was ist das?" fragte Olga und beäugte misstrauisch das Getränk.
"Weizengrassaft" antwortete er, "frisch gepresst, extra für dich."
Olga verzog den Mund. "Ähm, weißt du......eigentlich hätte ich jetzt viel mehr Appetit auf eine ordentliche Portion Schinken und Eier."
"Gut. Ich werde unten im Restaurant anrufen und dir etwas hochbringen lassen." Er eilte zum Telefon und kurze Zeit darauf, in welcher Olga geduscht und sich angezogen hatte, wurde das von ihr gewünschte gebracht. Sie machte sich hungrig über den verführerisch duftenden Teller her, während Santo ihr interessiert dabei zuschaute, als hätte er noch nie eine Frau essen gesehen, und dabei an seinem Glas Weizengrassaft nippte.
Er war noch immer ziemlich ruhig und sprach nicht viel, doch das störte Olga nicht. Denn anders als die Männer, die sie bisher gekannt hatte, hörte er ihr um so aufmerksamer zu. Ja, er schien geradezu alles aufsaugen zu wollen von dem, was sie sagte oder tat, und das gab Olga ein wunderbares Gefühl.
Aber nun sah es so aus, als hätte er etwas auf dem Herzen, das er ihr unbedingt sagen wollte, denn er räusperte sich. "Olga" begann er, "Olga, ich möchte dich etwas fragen." Hier zögerte er ein wenig. "Olga, möchtest du mit mir in meine Heimat kommen und viele Kinder machen?"

Überrascht von dieser Frage blieb Olga der Bissen würzigen Schinkens im Halse stecken und sie hustete gequält. Als sie wieder sprechen konnte antwortete sie milde lächelnd: "Aber Santo, wer wird denn gleich an Kinderrr denken. Wirrr haben noch viel Zeit, insbesondere du. Du bist doch noch so jung."
"Aber eine Frau wie dich mit nach Hause zu bringen ist die einzige Möglichkeit für mich, meine Heimat wiederzusehen. Auch wenn ich noch jung bin, vermisse ich sie jetzt schon sehr. Und du scheinst wirklich viel Erfahrung im Kindermachen zu haben. Das ist es doch, was wir letzte Nacht taten, oder?"
Olga hustete abermals und ein Stück von diesem verdammten Schinken schien sich quer in ihrem Hals abgelegt zu haben.
"Santo" röchelte sie, "was erzählst du da für Blödsinn? Wieso kannst du ohne mich nicht deine Heimat sehen? Und was das Kindermachen betrifft, so habe ich schon vorgesorgt, damit es nicht dazu kommt. Anscheinend hat dir noch niemand verraten, dass man so etwas wie letzte Nacht auch nur zum Vergnügen tun kann."
"Ach ja?" Santo schaute sie mit großen Augen an. "Interessant!"
"Also Santo! Man könnte fast meinen, du lebst hinterrrr dem Mond! So jung bist du ja nun auch nicht mehrrrr, um nicht gemerkt zu haben, dass Sex nicht nur der Fortpflanzung dient. Oder willst du mich veralbern? Erzähl mir lieber von deiner Heimat und warum du unbedingt mich dazu brauchst, um sie wiederzusehen."
Und Santo erklärte geduldig: "Ja, du liegst mit deiner Vermutung schon sehr richtig. Ich lebe tatsächlich hinter dem Mond, allerdings sehr sehr viele Lichtmeilen dahinter, weshalb diese Ortsbezeichnung etwas zu vage ist. Um deshalb genauer zu sein - ich bin ein Veganer. Auf der Erde kennt ihr uns als eine Bevölkerungsgruppe mit sehr einseitigen Essgewohnheiten, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt zwar auch Menschen unter den auf der Erde lebenden Veganern, die sich aus Sympathie oder weil sie an unserer Ernährung Geschmack gefunden haben, uns angeschlossen haben, doch die echten, wahren Veganer sind wir, die wir vom Planeten Vega kommen, 25 Lichtjahre von der Erde entfernt, nach eurem astronomischen Koordinatensystem im Sternbild der Lyra liegend."

Olga starrte Santo mit offenem Mund fassungslos an und vergaß dabei sogar zu kauen.
Dieser fuhr fort: "Nach einer Umweltkatastrophe, die wir unserem technologischen Fortschritt zu verdanken hatten, sind unsere Frauen unfruchtbar geworden, so dass unsere einzige Möglichkeit der Fortpflanzung nun darin besteht, uns mit den weiblichen Lebensformen anderer Planeten zu vereinen, deren Organismus dem unsrigen gleicht. Die reichste Quelle an Fortpflanzungsmaterial finden wir auf der Erde. Inzwischen ist es Tradition bei uns geworden, dass junge Männer, wenn sie dasjenige Lebensjahr erreicht haben, welches ihren Eintritt in das Erwachsenenalter anzeigt, hinunter zur Erde geschickt werden, um dort eine geeignete Frau zu finden. Erst wenn sie diese gefunden haben, dürfen sie wieder zur Vega zurück. Damit unsere Anwesenheit auf der Erde geheim bleibt, haben wir einen Bund mit Schitkowicz geschlossen und ihm im Gegenzug für seine Unterstützung unsere Ufo-Technologie verraten. Ich bin einer dieser Veganer, der eine Frau sucht, aber vor allem seinen Heimatplaneten vermisst und ich würde mich glücklich schätzen, wenn du mit mir kommen würdest."
Olga schluckte. "Was ist mit den Frauen?"
"Welche Frauen?" Santo blickte sie verwirrt an.
"Na den Frauen unter den V E G A N E R N...." Olga spukte das Wort aus, als enthielte es bittere Galle.
"Das sind Frauen von uns, die sich nicht damit abfinden wollen, abgeschoben zu sein und sich deshalb im Gegenzug auf der Erde einen Mann suchen. Da hier Überbevölkerung herrscht, fällt das Handikap der Unfruchtbarkeit nicht so sehr ins Gewicht und es gibt genügend Männer, denen es nichts ausmacht."
Olga schwieg. Sie wusste nicht so recht, was sie dazu sagen sollte. Dann fiel ihr Blick auf die hellgrüne Flüssigkeit in dem Glas, das der Veganer, ehemals Mexikaner, in den Händen hielt.
"Ernährt ihr euch da alle von Weizengrassaft oder gibt es auch noch etwas anderes zu essen?"
"Unser Hauptnahrungsmittel ist Weizengras, aber es gibt noch einige andere Gräser, Gemüse und Früchte, mit denen wir unsere Nahrungspalette bereichern. Doch Weizengras bleibt die lieblichste und bekömmlichste Nahrung, die unser Planet uns schenkt."
Santo geriet ins Schwärmen, seine Augen leuchteten wie dunkle Quarzkristalle und er erzählte von den wogenden, grünen Weizengrasfeldern, die man überall auf der Vega findet und welche den orangeroten Himmel mit ihrem farbigen Kontrast noch intensiver glühen lassen. Er erzählte von den vielfarbigen Ringen des Saturns, die man des nachts in der Ferne über den Feldern blinken sieht und von dem leisen Geräusch, das die Gasmeere machen, wenn kleine Mengen davon wie blitzende Sternschnuppen in der Atmosphäre verpufften.
Auch Olga begann zu träumen. Im Gedanken sah sie sich inmitten wogender Weizengrasfelder stehen, umringt von einer Schar Kinder, die wie die Orgelpfeifen um sie herum aufgereiht waren.
Ihr Gesichtsausdruck hatte sich während Santos Erzählung gewandelt. Auf einmal blickte sie ihn aus vergnügten Augen an und hauchte: "Ja, ich will mit dirrr kommen." Sie hatte bisher zwar nie an Familienplanung gedacht, dies war jedoch weniger dem fehlenden Wunsch gedankt, als viel mehr der Überzeugung, dass sie niemals eine richtige Familie haben würde. Nun hatte sich das Blatt gewendet. Sie konnte mit einem Mal ein völlig neues Leben beginnen, ein Leben, das unbedingt und ganz gewiss viel besser sein würde, als jenes, das sie in Sibirien erwartete. Doch eines musste sie noch wissen:
"Sag, Santo, werde ich auch nur Weizengras essen müssen, wenn ich mit dir komme?"
Santo lächelte: "Nein, mein Schatz. Unsere Frauen, die von der Erde kommen, erhalten regelmäßig Care-Pakete ihrer Angehörigen und Bekannten, in denen diese Schinken, Würstchen und alles was ihr sonst noch gerne esst, schicken. Für dich werden wir sicher auch jemanden finden, der das übernimmt."
Erleichtert atmete Olga auf.

Mit verliebt glänzenden Augen hatte sich Olga von ihrem frisch Versprochenen verabschiedet, um Oto auf der Krankenstation zu besuchen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. Doch je mehr sie sich dem Krankenzimmer näherte, um so unsicherer wurde sie. Wie würde Oto reagieren? Würde er sie gehen lassen? Oder würde er mit allen Mitteln, notfalls mit Gewalt, versuchen, sie zurückzuhalten. Zuzutrauen wäre ihm alles, denn nicht umsonst war er als der kaltblütigste Killer verschrien, der den Geheimdiensten je bekannt geworden ist, und der von
ihnen ebenso hofiert wie gefürchtet wurde. Ihre Schritte verlangsamten sich. Ängstlich überlegte sie, ob es nicht besser wäre, heimlich und für Oto vollkommen unvorbereitet auf die Vega zu verschwinden. Doch sofort verwarf sie diesen Gedanken wieder. Oto würde sie überall finden, selbst wenn sie sich hinter dem Rand des Universums verstecken würde. Davon war sie überzeugt.
Ihre Hand zitterte leicht als sie die trostlose Kunststoffklinke berührte und schließlich vor dem kleinen Japaner stand, der so lange ihr Beschützer und ihr Freiheitsberauber gewesen war, nun in einem der kühlen Krankenhausbetten liegend, die Wade mit einem dünnen, weißen Verband umwickelt, und dessen Bein in einer Ruheposition hing, die alles andere als bequem wirkte. Es roch nach Desinfektionsmittel und Urin.
"Hallo, Oto! Wie geht es?" Ihre Frage schien auf halbem Weg zu verhallen, sie war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt etwas gesagt hatte.
"Heute Nachmittag lassen sie mich wieder laufen." antwortete dieser und blickte Olga drohend an. "Ich warne dich, lass dir nicht einfallen, mit diesem Barkeeper anzubandeln. Unsere Geschäftsbeziehung ist immer noch gültig, auch wenn ich an dir schon lange keinen Cent mehr verdient und nur draufgezahlt habe, um dich zurück nach Sibirien zu bringen. Du schuldest mir etwas."
"Ich schulde dirrr gar nichts!" Olgas sonst so tiefe Stimme klang in ihren Ohren viel zu piepsig wie sie fand. Sie atmete tief ein, so als hoffe sie, den Mut der ihr fehlte, mit Luft ersetzen zu können.
"Ich war jahrelang dein bestes Pferd im Stall und du hast dir an mir eine goldene Nase verdient. Hast mich ausgebeutet, ausgenutzt und kurz gehalten. Sogar für deine perfiden Geheimdienst-Machenschaften musste ich herhalten und dabei mein Leben aufs Spiel setzen. Doch damit ist es nun vorbei. Ich habe beschlossen, ein anderes Leben zu beginnen, und ich möchte dich bitten, herzlich bitten, dass du mich frei gibst. Ich möchte, dass wir uns im Einvernehmen trennen und ich in Frieden meinen neuen Platz einnehmen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass du mich verfolgst."
"Von Geschäftspartnern soll man sich trennen, wenn die Geschäfte nicht mehr laufen - was willst du also noch mit mir?" fügte sie fast entschuldigend hinzu.
"So, so....du möchtest also ein neues Leben beginnen. Sehr interessant. Und das höre ich von einer, die zu nichts anderem taugt, außer höchstens noch als Leiche. Kannst nichts, hast nichts und bist nichts. Da bin ich ja mal sehr gespannt, wie du das anstellen willst." Oto grinste höhnisch.

"Ich werde eine Familie gründen." Olga hatte sich wieder einigermaßen gefasst und spürte, wie ihre ursprüngliche Angst inmitten des Wortgefechts langsam schwand.
Oto lachte schallend.
"Eine Familie!" Er grunzte fast vor Vergnügen.
"Eine Familie! Die Olga wird sesshaft. Wer will mit so einer wie dir schon eine Familie gründen? Achherrjeminee!"
"Santo!" Die Antwort kam leise, aber fest.
Der kleine Japaner blinzelte irritiert und sein Gesicht verfärbte sich währenddessen in so rasanter Geschwindigkeit puterrot, dass Olga für einen kleinen Moment fürchtete (oder hoffte sie es gar?), sein Kopf würde explodieren.
"Wer ist Santo?" schrie er aufgebracht.
"Der Barkeeper von gestern Abend. Er will mich mit in seine Heimat nehmen."
Oto zappelte so wütend in seinem Bett herum, dass Olga vorsichtshalber ein paar Schritte rückwärts machte. Dann wurde er mit einem Mal seltsam ruhig. Ganz unbewegt lag er da und es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Die Ruhe vor dem Sturm - dieser Gedanke in Olgas Gehirn ging so schnell, wie er gekommen war und sollte sich nicht bewahrheiten. Oto blieb ruhig, blickte Olga nur aus seinem rotangelaufenen Gesicht unter dem verrutschten Toupet mit hasserfüllten Augen an.
"Ich bin dir wohl nicht mehr gut genug, was? So ein junger Schönling muss es sein. Sicher bist du hochmotiviert, für diesen Knaben anschaffen zu gehen. Viel Spaß dabei. Von wegen Familie." Seine Stimme troff vor Zynismus.
"Oto bitte, ich meine es ernst. Bitte sag, das du einverstanden bist und mir nicht im Weg sein wirst."
"Aber sicherlich. Werde glücklich." Das Gift seiner Stimme versickerte in den Ritzen und Fugen des Raumes, wo es für ewige Zeiten sein Unwesen treiben würde. Alles im Zimmer schien mit einem Mal abstoßend, kalt und böse.
"Was soll so ein Krüppel wie ich schon dagegen ausrichten...." klang es übertrieben weinerlich hinter ihr her, als sich Olga zur Tür wandte. Doch selbst im Rücken spürte sie noch das gehässige und grausame Glitzern der kleinen, japanischen Augen, die abschätzig und dunkel ihren Schritten folgten.

Am Nachmittag kehrte, wie er sie schon gewarnt hatte, Oto aus der Krankenstation zurück und tat, als wäre nichts gewesen, auch wenn er Olga etwas zu auffällig ignorierte. Ihr erschien es, so wie es lief, alles ein bisschen zu einfach. Das passte nicht zu dem kleinen, heimtückischen Japaner. Aber in Vorfreude auf ihr kommendes neues Glück wischte sie alle Befürchtungen und Ahnungen sofort beiseite.
"Da läuft einmal etwas gut in meinem Leben und schon male ich den Teufel an die Wand." dachte sie. "Ich bin es anscheinend nicht gewöhnt, etwas leicht zu erreichen."
Am nächsten Tag kam Dragan vorbei und holte beide ab, um ihnen ihr neues Fahrzeug aus dem Fuhrpark des Ausbildungslagers zu übergeben.
"Oto kann alleine gehen, denn ich werde nicht mit ihm weiterfahren." bestimmte Olga.
Der Schitkowiczer hob verwundert eine Augenbraue und wandte sich fragend an den Japaner. Dieser starrte betont gleichgültig in die Luft, als ob er nichts gehört hätte.
"Vielleicht habe Sie ja doch Lust mitzukommen und sich das Lager anzusehen. Außerdem muss ich etwas mit ihnen beiden besprechen." wandte er sich darauf wieder an Olga. Diese nickte resignierend.

Dragan führte sie in eine mit Bäumen, Gräsern und Büschen bewachsene Anlage, doch das, was Olga vom Fenster ihres Zimmers aus für einen Park gehalten hatte, entpuppte sich als die riesige Ruinenanlage einer völlig zerstörten und überwucherten Stadt. Die Pflanzen hatten gnädig ihre sommergrünen Blätter und Ranken über die wüsten Erinnerungen an eine unvorstellbare Zerstörung gebreitet und nur an den seltsamen Formen, die manches Gebüsch annahm, merkte man, dass darunter noch die Trümmer eines früheren Hauses ruhten. Hier und da konnte man einen Torbogen erahnen, ab und zu sah man einzelne Treppenstufen, die einmal in ein Gebäude geführt hatten, nun jedoch ins grüne Nichts. Aus dem Pflaster der einst belebten Straßen sprossen bunte Sommerblumen, um ihre Blüten in leuchtendem Gelb, Blau oder Rot tummelten sich gemütliche Hummeln oder flatterhafte Schmetterlinge. In einigen Abständen traf man immer wieder auf schwarz gähnende Schlünde, die am Rande der Straße lauerten und tief unter diese hinunter führten. Dies erkannte man, wenn man in sie hineinspähte. Der Boden der ganzen ehemaligen Stadt war von alten Katakomben durchzogen und durchlöchert, eben jene, durch welche Oto und Olga geirrt waren. Olga hielt sich möglichst fern von diesen schwarzen Löchern und dem Straßenrand, denn zu gut erinnerte sie sich noch daran, wie sie gegen ihren Willen in einen dieser Schlunde hineingefallen war. Und sicherlich gab es noch mehr davon gut versteckt hinter Ranken, Gras und Zweigen.
"Das ist die frühere Altstadt." erklärte Dragan. "Im Volksmund auch Klein Pompeji genannt." Er grinste.
"Sehr passend!" schmunzelte Olga, währen ihr Blick auf die Grundmauern eines ziemlich großen Gebäudes fiel, die gut erkennbar und relativ frei von Unkraut waren.
"Das ist das alte Schloss." fing Dragan ihren Blick auf. "Die Fliesen daraus sind überall hier in der Gegend sehr beliebt."
Olga erkannte, was er meinte. Auf der Grundfläche eines ehemaligen Zimmers fügten sich verschiedenfarbige Terrakottafliesen zu einem dekorativen Muster, jedoch füllten sie nur noch einen kleinen Teil des Fußbodens. Der Rest war herausgebrochen und vereinzelte Teile lagen ringsherum verstreut.

Sie schrak zusammen, als plötzlich ein Geländewagen in rasanter Geschwindigkeit neben ihr vorbeirumpelte. Ihm ärgerlich hinterherblickend sah sie, dass es ein Militärfahrzeug war und auf seiner Ladefläche eine ganze Gruppe von Glatzköpfen mit den typischen tätowierten SS (Salve Schitkowicz)-Runen saß, welche dunkelgrüne
Kampfanzüge oder Uniformen und ihre Gewehre auf den Knien trugen.
"Das war eine unserer Ausbildungsgruppen." informierte Dragan. "Wir benutzen dieses Areal hier für realistische Geländeübungen. Für die polnische Öffentlichkeit sind wir als ein Verein zur Erforschung und Bewahrung deutscher Tradition und Geschichte getarnt. Die glauben, wir spielen hier nur zum Spaß Krieg." Dragan lachte und auch Oto verzog den Mund.
" Dort drüben übt gerade unsere Kampfklettereinheit."
Nach wenigen Schritten hatten sie die steinerne Brüstung der alten Festung erreicht, deren trutzige und von Einschusskratern übersäte Mauer zum Ufer der Oder hin steil abfiel. Von hier hatte man einen herrlichen Blick weit über das Wasser und die fruchtbare Landschaft.
Olga sah im Gedanken die Segelschiffe vor sich, wie sie nach ihrer langen Reise vor vielen Jahrhunderten in den kleinen Buchten vor Anker gingen und sich schutzsuchend an die mächtige Befestigungsanlage schmiegten.
Sie wurde jedoch augenblicklich von einer Gruppe von Männern und auch einigen Frauen abgelenkt, welche in voller Kampfausrüstung und mit Seilen gesichert die hohe Ufermauer erkletterten. Schon alleine bei diesem Anblick schwindelte ihr. An den mächtigen Festungsmauern wirkten die Menschen wie kleine Insekten, die sich zielstrebig ihren Weg erkrabbelten, ohne zu wissen, ob sie jemals irgendwo ankommen würden.

Nachdem Olga und Oto in Begleitung des munter plaudernden Dragan das Gelände durchquert hatten, hielten sie auf einem Parkplatz an. Der Schitkowiczer zeigte ihnen einen funkelnden schwarzen BMW, doch Otos Blick blieb an einem schon etwas klapprig wirkenden Wohnwagen hängen.
"Was ist mit dem?" fragte er.
"Schon ziemlich alt, aber noch funktionstüchtig." antwortete Dragan. "Vom hiesigen polnischen Automarkt. Doch für Ihren Auftrag stellen wir Ihnen einen nagelneuen BMW zur Verfügung." und wieder zeigte er geflissentlich auf das teure Fahrzeug.
"Ein Auftrag?" Oto wirkte überrascht. "Eigentlich hatten wir, äh, ich vor, nach Sibirien weiter zu reisen."
"Ja, darüber wollte ich mit Ihnen sprechen." Dragan nickte. "Wir möchten, oder besser gesagt, Schitkowicz höchstpersönlich möchte, dass Sie vorher noch einen Auftrag übernehmen. Er weiß, dass Sie hier sind und meinte, dass Sie der Himmel schickt. Und da er schon immer sehr von Ihren außerordentlichen na....ähm Fähigkeiten beeindruckt war, will er nur Sie dafür und die Frau Olga Oblomov, die dabei eventuell auch von Nutzen sein kann."
Der Japaner lachte geschmeichelt, aber Olga konterte sogleich bestimmt:
"Ich werde nicht dabei sein. Ich werde vorherrr schon abreisen."
Dragan blickte wieder irritiert von einem zum anderen und lenkte dann ein: "Meinetwegen. Aber auf den Herrn Oto Ki können wir doch zählen?"
"Unbedingt" brummte dieser. "Was für ein Auftrag ist das denn?"
"Es geht um etwas für Schitkowicz ungeheuer wichtiges, da seine Verflossene Eva Engel ihm an den Karren fahren will. Dazu macht sie gemeinsame Sache mit dem Bobo-Roshi, von welchem sie den Stein der Greisen erhalten hat. Die genaueren Einzelheiten erläutere ich Ihnen in den nächsten Tagen, aber Sie werden dafür auf jeden Fall noch einmal nach Deutschland auf die Insel Sylt zurück müssen."
Oto nickte. Dann drehte er sich blitzschnell um, zeigte mit dem Finger auf das Wohnmobil und erklärte: "Ich will das!"
Dragan wirkte etwas konsterniert, aber stimmte zu. "Nun gut, wenn Sie denn unbedingt die alte Kiste haben wollen." Dabei schüttelte er leicht seinen Kopf, als wolle er sagen, dass er so etwas noch nicht erlebt habe und nur davon abraten könne. Doch der kleine Japaner war entschlossen und schien sich keinen Fingerbreit mehr von seinem Vorhaben abbringen zu lassen, selbst auf die Einreden Olga's hin, die offensichtlich keine gute Meinung von polnischen Automärkten hatte.

In den folgenden Tagen, in welchen sich Olga auf ihre Abreise und ihr neues Leben vorbereitete, das in der nächsten Woche beginnen sollte, verschwand Oto immer mal wieder zu diversen Meetings und Besprechungen. Er erzählte nie darüber, aber Olga interessierte auch nicht sonderlich, was er als nächstes für Unwesen in Schitkowiczs Auftrag treiben würde. Sie träumte sich stattdessen in ihr bevorstehendes Glück und telefonierte regelmäßig mit Santo. Ab und zu bemerkte sie, dass Oto sie sonderbar von der Seite ansah. Sie konnte diesen Blick nicht deuten, doch fühlte sie jedes Mal, wie ihr das Frösteln einer schlimmen Ahnung über den Rücken kroch.

Am darauffolgenden Dienstag griff sie nach ihren Koffern, schenkte Oto ein letztes Lebewohl, welches dieser erstaunlich gleichmütig erwiderte, und machte sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt, von wo Santo sie abholen und zum geheimen Ufolandeplatz führen wollte. Während sie wartete ließ sie ihr gesamtes vergangenes Leben Revue passieren. So vieles das ihr einfiel machte sie traurig, manches aber auch fröhlich. Doch bald würde in ihrem Leben das Lachen überwiegen, da war sie ganz sicher. Ihr Herz pochte wild vor freudiger Erwartung und Aufregung. So in Gedanken versunken hatte sie nicht auf die Zeit geachtet und als sie erneut auf ihre Armbanduhr blickte, war es schon zwanzig Minuten nach dem vereinbarten Zeitpunkt. Leicht besorgt spähte sie angestrengt in alle Richtungen, jedoch ohne Santo irgendwo zu entdecken. Sie griff nach ihrem Handy, aber am anderen Ende antwortete niemand auf ihr Klingeln.
"Dann ist er bestimmt schon unterwegs." versuchte sie sich zu beruhigen und wartete weiter geduldig. Sie wartete eine Stunde, wartete zwei Stunden, sie begann zu frieren und rührte sie sich nicht von der Stelle. Sie wartete drei Stunden, wartete vier Stunden und noch immer rührte sie sich nicht. Die anfängliche Gedankenfülle war einer brütenden Leere gewichen. Diese Leere bewahrte sie davor zu denken und sich einzugestehen, dass er nicht kommen würde. Auch das unerbittliche Warten bewahrte sie vor dieser bitteren Erkenntnis. Solange sie wartete konnte sie glauben. Ein leichter Nieselregen begann zu fallen, doch Olga merkte es kaum. "Nur nicht weggehen", sprach sie auf ihrem Koffer sitzend unhörbar, "sonst findet er mich nicht."

Was sie nicht wusste war, dass der kleine heimtückische Japaner als ernannter Ehrenausbilder seine Beziehungen hatte spielen lassen und so erwirkt hatte, dass man Santo unter vielen Tricks mit einem vollkommen identischen Olga-Klon auf die Vega schickte. Dieser hatte davon nichts bemerkt und lebte von nun an glücklich mit seiner Erdmenschin inmitten von wehenden Weizengrasfeldern. Ob es mit der Fortpflanzung geklappt hat, ist nicht überliefert.
Die echte Olga aber musste irgendwann, als es inzwischen dunkel geworden war und sich der Nieselregen zu einem Wolkenbruch gewandelt hatte, einsehen, dass weiteres Warten zwecklos sein würde. Nass, frierend und mit einem allerletzten, noch glimmenden Fünkchen Hoffnung schleppte sie sich und ihre Koffer zurück zu der als Pension getarnten Kaserne, um am Empfang nach Santo zu fragen. Der sei in den letzten Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen und habe seine Wohnung aufgegeben, erklärte man ihr. Mehr wisse man nicht.

Vollkommen verstört betrat Olga ihr Zimmer, wo Oto sie mit schlecht gespieltem Erstaunen in Empfang nahm. Doch Olga nahm weder Otos miserablen Schauspielkünste wahr, noch sonst irgendetwas um sich herum. Schluchzend warf sie sich auf ihr Bett und begrub ihr Gesicht darin. "Ich hätte es wissen müssen. Erst versprechen sie einem die Sterrrne am Himmel und dann sind sie weg." schnaubte sie in ihr Kissen.
Oto versuchte sie mit geheucheltem Mitleid zu trösten, doch seine Augen glitzerten triumphierend. "Ich hab's dir doch gesagt. Solche blutjungen Burschen, noch grün hinter den Ohren, sind einfach nichts für eine Frau wie dich. Bei mir bist du gut aufgehoben."
Olga schluchzte lauter und vergrub sich noch tiefer in ihr Kissen. Der Gedanke, ihr bisheriges Leben mit dem kleinen, fiesen Oto Ki fortsetzen zu müssen, mit ihm wieder auf eine dieser gefährlichen geheimen Missionen zu gehen und dann nach Sibirien zurückzukehren, erschien ihr unerträglich.
Es war wohl von irgendwem, nur nicht von ihr, so entschieden worden. Vor dem Schicksal gab es kein Entrinnen.